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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Die Gesellschaft bei den Cowles' hatte begonnen.

Alle Gäste machten es sich, weil sie schon einmal »auf einer Gesellschaft« waren, zur Aufgabe, munter und vergnügt zu sein, ob sie nun danach aufgelegt waren oder nicht. Sie alle redeten durcheinander und nahmen auf die köstlichste Weise Anstoß an dem Mädchen aus London in Nebraska, das jetzt, da es doch ganz in der Nähe einer Künstlerkolonie wohnte, Zigaretten rauchte und eng anliegende Kleider trug. Obwohl es ihr nichts Neues war, daß die Männer dazu neigten, sich für ihre Fesseln zu interessieren, ging sie noch eifrig und brav zur Kirche und verkehrte auch bei allen netten Leuten der St.-Orgul-Clique, mit denen Gertie sie bekannt gemacht hatte.

Sie und Gertie waren die beiden einzigen vollberechtigten Repräsentantinnen der schönen Künste, doch Liebreiz, Courtoisie und Witz waren ganz allgemein vertreten. Die männlichen Teilnehmer dieser Verschwörung zur Abhaltung einer Gesellschaft waren ein Versicherungsmann, ein schmächtiger junger Geistlicher, vier ältere Männer, die mit ihren Frauen gekommen waren und immer heimlich auf die Uhr sahen, und fünf junge Leute mit blitzenden Augengläsern und höflich lächelnden Grimassen, die Carl beim besten Willen nicht auseinanderhalten konnte.

Ebenso schwierig war es für ihn, im Gedächtnis zu behalten, welche von den Damen Gertie von ihrem Schuljahr in New York, welche sie von der St.-Orgul-Kirche, und welche sie durch ihre Beziehungen zu Minnesota kannte. Alle saßen da und sagten ihm aus Gründen, die ihm nicht recht klar wurden: »Sie Schlimmer!« Schließlich floh er ihre Gesellschaft und schloß sich der Gruppe junger Leute an, die immer wieder ungezogenerweise in Rays Zimmer entwischte, um ungestört rauchen zu können. Eine junge Dame war jedoch da, die nicht zuließ, daß er sich ihr entzog – eine ebenso ausgesprochene Persönlichkeit wie das herrliche Geschöpf aus London in Nebraska; sie hieß Dorothy, wurde aber von den Mitgliedern der St.-Orgul-Clique »Tottykins« genannt.

Tottykins, eine magere kleine Frau mit gebobbtem Haar, die irgendwo in einem Haus Mann und Kind verborgen hielt, war eine von den Frauen, die den Männern bewundernde Blicke zuwerfen und darauf warten, daß sie auftauen, um sie dann, wenn sie ihre Korrektheit vergessen und zutraulich werden wollen, mit einer zerschmetternden Antwort abblitzen lassen.

Sie beorderte Carl in eine Ecke und sagte ihm in ihrem belustigt herablassendem Ton: »So, Falke Ericson, jetzt setzen Sie sich daher und erzählen mir ganz genau alles von der Fliegerei.«

Carl war nicht allzu empfindlich. Bis jetzt war ihm nicht einmal ganz bewußt geworden, wie sehr ihn Tottykins' Gerede über die Schönheiten eines toll bacchantischen Lebens gelangweilt und angewidert hatten. Nun aber wurde es ihm zu viel; er erteilte ihr in Worten, deren Ironie alles andere als wohltuend war, eine gründliche Abfuhr – wobei er ihr freundlich in die Augen sah und brüderlich die Hand tätschelte.

Das war das einzige Mal, daß Carl sich nicht langweilte, und selbst da hatte er wegen seiner Grobheit ein peinliches Gefühl seelischer Verdauungsstörungen.

Alle kannten alle und nahmen Carl zur Seite, um ihm mitzuteilen, jedermann sei »der gewissenhafteste Mensch in unserm Bureau, Ericson; es gibt nichts, was ihm der Boss nicht anvertrauen würde.«

Man war so uniform höflich, so anständig und langweilig. Fast alle Mädchen strichen sich auf die gleiche Weise das Haar zurecht und kokettierten auf die gleiche Weise. Als der jüngere Johnson mit vielen Einzelheiten von seiner Firma erzählte, glaubte Carl auf dem tiefsten Punkt der Langeweile angelangt zu sein. Das war jedoch ein Irrtum.

Nachdem man einen kleinen Imbiß verzehrt hatte, erklärte Gertie: »Jetzt muß jeder irgendetwas zum Besten geben; drücken darf sich keiner. Ich weiß, daß jeder von euch was kann, und wenn einer mit Ausreden kommen will – na, was es dann setzt –! Mein Bruder hat eine ganz neue Sache – –!«

Zum drittenmal in diesem Monat sah Carl, wie Ray seinen Kragen umdrehte und den Geistlichen mimte; alles, auch der schmächtige Prediger bildete keine Ausnahme, kreischte vor Wonne.

Und zum viertenmal sah er Gertie »Das Einsammeln der goldenen Garben« tanzen. Sie erschien schüchtern und ernsthaft in türkischen Hosen und kurzem Jäckchen; ihre dicken Waden sahen in den absatzlosen Tanzschuhen noch umfangreicher aus. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, machte mit den Armen flatternde Bewegungen und preßte mit großen Kraftaufwand und unter heftigem Keuchen die goldenen Garben an ihre Brust.

Dann seufzte der Versicherungsmann, von einem Banjo begleitet, nach seiner alten Kentucky-Heimat, die Carl irgendwo in Brooklyn lokalisierte. Alle Anwesenden stimmten in den Refrain ein und – –

Plötzlich – das kam mit solcher Heftigkeit, daß er sich für das zynische Überlegenheitsgefühl verachtete, an dem er sich eben noch geweidet hatte – plötzlich mußte Carl daran denken, daß Forrest Haviland, Tony Bean, Hank Odell, ja selbst der Brummbär Jack Ryan und der landfremde Carmeau am letzten Abend in der Bagby-Schule »My Old Kentucky Home« gesungen hatten. Er glaubte, ihre geliebten Schatten im Zimmer zu sehn, und als er dann in den Refrain mit einstimmte, mußte er gegen die Tränen ankämpfen, die ihm in die Augen stiegen.

Er hatte bereut. Jetzt nahm er wirklich an der Gesellschaft teil, ja, er unterhielt sich sogar freundlich mit Tottykins. Aber diese ließ sich, obwohl sie bereits ihr Gehn angekündigt hatte, dazu bereden, noch zu bleiben, und rezitierte zehn Minuten lang in höchst tragischen Tönen Verse von Byron. Hierauf sang der jüngere Johnson zur Freude aller Anwesenden ein Schweizer Sennerliedchen mit Jodeleinlagen.

Im Verlauf dieser Darbietung merkte Carl ein oder zweimal, daß Gertie ihn überlegend musterte. Er wußte, daß ihm etwas Schauerliches blühte, und faßte einen heroischen Entschluß. Sowie die letzten Klänge der Schweizer Ballade in der mitternächtlichen Alpenluft der Hundertsiebenundfünfzigsten Straße verklungen waren, erklärte er mit fester Stimme: »Schade, daß ich heute so heiser bin; ich hätte Ihnen sonst sehr gern ein Lied vorgesungen, das ich von einem Kameraden in Kalifornien gelernt habe.«

Gertie blickte ihn zweifelnd an, wandte sich aber dann an ein Mädchen aus Minnesota, das nur zu bereit war, wie ein Kind, das seine Puppe zerbrochen hat, zu weinen. Ihre »Sache« fand lebhaften Beifall, und man verlangte ein Da Capo.

Als Carl sah, daß sie ernsthafte Vorbereitungen zur Wiederholung traf, machte er hastige Aufbruchsbewegungen.

Wirklich unruhig wurde er erst, als er in der Untergrundbahn an der Neunundsechzigsten Straße seinen Platz einer Dame anbot, die ihn an Tottykins erinnerte.

Er zerbrach sich den Kopf darüber, ob er zu lange von seinem »Zuhause« fort gewesen wäre. An der Zweiundsiebzigsten Straße hatte er eine Eingebung, er stieg um und fuhr zur Neunundfünfzigsten. Er suchte eine Garage auf und mietete einen Rennwagen. Als die Morgendämmerung aufstieg, fuhr er, hundert Meilen von New York entfernt, auf einer Straße, die der fallende Schnee gefährlich schlüpfrig machte, wie ein Besessener durch Long Island.


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