Gottfried Keller
Das Tagebuch und das Traumbuch
Gottfried Keller

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Am Abend des 1. Mai 1848

Gern genieße und feire ich die heiteren unter den christlichen Festtagen mit; wenn am Ostermorgen, am Himmelfahrtstag oder in der Pfingstfrühe die Glocken durch die klare Luft tönen, die stille Sonne und das alte treue Himmelblau auf der blühenden Erde liegen, wenn die gedankenleichten, unbekümmert frommen Leute auf Wegen und Stegen den Kirchen zueilen, dann tue ich mein Fenster weit auf und lasse meine Seele auf der allgemeinen behaglichen Andacht ausruhen, und die Ruhe, welche ich finde, beweiset mir, daß ich wohl nicht zu den Schlimmen gehöre, ungeachtet der Scheidewand, welche zwischen mir und dem betenden Volke besteht. Aber wie ich seit einiger Zeit ängstlicher auf den Wechsel der Jahreszeiten achte, und wie mich der kommende Vollmond jedesmal sorglicher und gedankenvoller findet, so habe ich besonders auch für den ersten Mai eine größere Pietät gewonnen, als für alle anderen Tage im Jahre. Das kommt vom Scheiden der Jugend. Je älter wir werden, desto mehr lernen wir den Frühling verstehen und schätzen; dem unbewußten Genießen und Sehnen folgt die bestimmte Absicht, keinen der flüchtigen Lenztage des Lebens mehr zu verlieren, und, obgleich wir fühlen, daß der Geist ewig jung bleibt, so möchten wir doch neben seinen Früchten noch einige Blüten der leiblichen Jugend glänzen sehen.

Ich bin heut früh ins Freie gegangen; aber es war ein wunderlicher erster Mai. Die Natur prangte in ihrem schönsten Schmucke, das Grün war frisch und schön, die Sonne schien hell vom Himmel; aber es wehte ein so scharfer und rauher Ostwind, daß es einen mitten im Glanze fror und schauerte. Oft flogen schwarze Schatten über die Lenzfelder, von jagenden Wolkenmassen geworfen; die Wolken wurden immer dichter; doch der Wind wehte mit großem Geräusche so heftig und wild, daß sie vorweg zerrissen wurden und die Sonne immer da war; der Staub wirbelte in Säulen auf den Heerstraßen, wälzte sich über das Wiesengrün und füllte die zarten Blumenkelche in den Gärten. Es war eine peinliche und frostige Unruhe, und man konnte des Frühlings nicht froh werden.

Ich ging in die Stadt, wo Jahrmarkt war. Es war viel Volk hereingekommen und trieb sich emsig herum, doch war sein Verkehr mehr scheinbar; denn alles klagte über den großen Geldmangel und die schlimme Zeit. Am fröhlichsten waren die jungen Soldaten, welche in ihren neuen Uniformen der Not und der Bestürzung des Tages vergaßen und singend umherzogen. Wann werden die Frühlinge nahen, wo diese blutroten Menschenblumen nicht mehr jedesmal mit den tausend andern Blumen hervorkriechen und ihre unheilvolle Pracht an der Sonne spiegeln?

Am meisten niedergeschlagen waren die Künstler und die Besitzer von Merkwürdigkeiten, weil fast niemand um ihre Produktionen sich bekümmern mochte. Da standen sie in ihren traurigen bunten Jacken vor den Buden und stießen unsicher und klagend in die schadhaften Trompeten, daß einem die Tränen in die Augen traten. Weil das Volk kein Geld hatte, so spottete es zum erstenmal über diese Herrlichkeiten, welche es sonst bewunderte, und die Gaukler standen scheu und schlotternd vor ihren gemalten Wundern.

Ich trat in ein Wachskabinett; die Gesellschaft der Potentaten sah sehr liederlich und vernachlässigt aus, es war eine erschreckende Einsamkeit, und ich eilte durch sie hin in einen abgeschlossenen Raum, wo eine anatomische Sammlung zu sehen war. Da fand man fast alle Teile des menschlichen Körpers künstlich in Wachs nachgebildet, die meisten in kranken, schreckbaren Zuständen, eine höchst wunderliche Generalversammlung von menschlichen Zuständen, welche eine Adresse an den Schöpfer zu beraten schien. Ein ungeheuer großes Herz, welches seinen Eigner getötet hatte, führte das Präsidium, und ein sehr schön ausgebildeter Magenkrebs schien der Sekretär oder Schriftführer zu sein. Ein ansehnlicher Teil der ehrenwerten Gesellschaft bestand aus einer langen Reihe Gläser, welche vom kleinsten Embryo an bis zum fertigen Fötus die Gestalten des angehenden Menschen enthielten. Diese waren nicht aus Wachs, sondern Naturgewächs und saßen im Weingeist in sehr tiefsinnigen Positionen. Diese Nachdenklichkeit fiel um so mehr auf, als die Bursche eigentlich die hoffnungsvolle Jugend der Versammlung vorstellten. Plötzlich aber fing in der Seiltänzerhütte nebenan, welche nur durch eine dünne Bretterwand abgeschieden war, eine laute Musik mit Trommel und Zimbeln zu spielen an, das Seil wurde getreten, die Wand erzitterte, und dahin war die stille Aufmerksamkeit der kleinen Personen, sie begannen zu zittern und zu tanzen nach dem Takte der wilden Polka, die drüben erklang; das große Herz mochte noch so geschwollen aussehen, der Magenkrebs noch so rot werden vor Ärger, es trat Anarchie ein, und ich glaube nicht, daß die Adresse zustande kam. Die einzige Merkwürdigkeit des Marktes, welche einigen Zuspruch erhielt, war ein Rhinozeros. Das Schicksal dieser antediluvianischen Bestie ist eng mit dem Fall des Königtums in Frankreich verknüpft, indem sie für den Jardin des plantes in Paris bestellt, aber von der provisorischen Regierung wieder abbestellt wurde, weil man dort jetzt das Geld sonst brauche. Heimatlos irrt das altmodische Tier nun in der Schweiz umher, doch ist es nicht brotlos, da seine Seltsamkeit und sein Horn auf der Nase ihm ein hinlängliches Auskommen sichern. Wohl jedem, der in diesen Zeiten etwas Rechtes gelernt hat!

Als vollends in diesem verworrenen Treiben einige verwehte Republikaner aus Baden erschienen mit zerknickten schwarzrotgoldenen Kokarden, da flüchtete ich mich auf den Lesesaal, wo die hundert Zeitungen und Flugblätter vor kurzem noch als weiße Blüten des papiernen Völkerfrühlings lustig geflattert haben. Aber ach! auch über diesen Lenz ist ein Frost gekommen. Die Sonne scheint wohl noch, aber der Wind heult kalt und schneidend darunter hin. Ein unerquicklicher, schamloser Hader ist erwacht, die niedergetretenen Feinde der Menschheit lachen bereits wieder in ihrem Staube. Jeder Philister weist grinsend nach Frankreich hin, wo sich das liebe Volk unbesonnen in Not und Sorge gestürzt hat; es ist eine abscheuliche Freude, welche alle Welt über dieses Exempel empfindet, das eine Nation an sich selbst statuierte, sie freuen sich nicht darüber, daß diese noble Nation auf ihre Kosten eine Erfahrung für alle Völker machte, sondern sie freuen sich überhaupt, daß, wie sie nun erwiesen meinen, der Armut nicht geholfen werden könne, daß sie nun aufs glänzendste wieder für ein Jahrtausend gründlich gesetzt sei. Und sie kleiden ihren inneren Jubel in widerliche heuchlerische Klagen.

Ein Korrespondent der »Allg. Augsb. Zeitung« erzählt schadenfroh, wie in Galizien hunderttausend Mistgabeln und Sensen erhoben seien, um die polnischen Edelleute und überhaupt alle fashionablen Schnürröcke zu spießen und zerhacken, welche von der Befreiung Polens etwa zu reden kämen. Dieser Mann verhüllte seine Freude in eine warme Teilnahme für die früher mißhandelten Bauern, welche ganz recht hätten, nicht mehr in jenes feudalistische Elend zurückkehren zu wollen; das haben sie allerdings, und dieses Recht ist um (so) leichter zu behaupten, als jenes Elend unmöglich mehr zurückkehren kann.

Die Polen selbst benehmen sich wie ungeratene Jungen, welche ihren Freunden eitel Herzeleid und Kummer verursacht. Während sie nur durch die neuen Lehren des einfachsten Naturvölkerrechtes wieder aufleben können, durch die Vernichtung der schuldiplomatischen Gebietsfresserei, ergehen sie sich in den Redensarten gerade dieser verfaulten lasterhaften Zeit und sprechen von der Herstellung eines antediluvianischen Reiches auf Kosten des deutschen Volkes; liebenswürdig ist einzig die Unverschämtheit, mit welcher sie dies tun zu einer Zeit, wo sie noch keine Handhabe zu dem Messer besitzen, dessen Klinge noch in Rußland vergraben ist. Aber es tut nichts, die nächsten Jahre werden sie eines Besseren belehren wie alle Völker, welche sich vernunftwidrig gebärden. Übrigens, wenn die Polen lauter unbrauchbare Teufel wären, so müßte Europa dennoch den letzten Vers zu dem Lied singen, welches man ihnen seit siebenzehn Jahren täglich vorgesungen hat, und Deutschland so gut wie die andern, Deutschland, das seit eben diesen siebenzehn Jahren keinen Dichter hervorbrachte, welcher nicht mit dem herkömmlichen Polenliede debütieren mußte.

Ich sah auch Deutsche, sonst bewährte Männer, welche mit finsterem Blicke die Nachrichten von den Fortschritten der Italiener lasen. In ihrem Grolle sah man nicht klar, ob er nur von dem Einfalle in Welschtirol herrührte; denn schon vorher beschuldigten viele die Italiener des Undankes und des Verrates, weil sie erst nach der Wiener Revolution noch ihren Schild erhoben – als ob ein Volk innert seiner heiligen Grenzmarken unter allen Umständen irgend eine Verpflichtung hätte, die Möglichkeit seiner Befreiung unbenutzt vorbeigehen zu lassen!

Am meisten aber quält mich das ewige Kriegsgeschrei deutscher Essigsieder gegen Frankreich. Kaum war der erste Freudenschrei, der über den Rhein kam, verhallt, kaum war die ungeheure Lawine, welche er in Deutschland erweckte, im Schuß, so hieß es zum Danke wie aus einem Mund: Rüstet euch gegen den Erbfeind! Als Antwort darauf erschien das Manifest Lamartines; es wurde verhöhnt; nach abgemessenen Pausen ertönt der monotone widerliche Ruf fort: Sie kommen, sie kommen heut, sie kommen morgen, oder gewiß übermorgen – und drüben rührt sich keine Seele. Und wenn sie auch endlich kämen, so wäre die Ungerechtigkeit ihrer Sache der beste Schutz gegen sie, denn das Volk, welches jetzt zuerst den Krieg ohne goldschwere Ursache über seine Grenzen hinauswälzt, wird den Fluch und das Unglück zu seinem Erbe haben. Wer aber ohne Grund und vor der Zeit den Teufel eines Krieges zwischen Frankreich und Deutschland an die Wand malt, der streift mit roher Hand dem Lenzflore des Jahres 1848 seinen schönsten Blütenstaub ab.

So weht ein rauher unfreundlicher Hauch überall durch den Geistesfrühling dieses jungen Jahres. Das Göttliche ist erwacht auf Erden und bricht in tausend goldenen Flammen hervor; aber zugleich sammelt sich alle menschliche Schwachheit und Unvollkommenheit in eine qualmende Staubwolke, und wenn jene Flammen nicht zusammenschlagen können, so scheint diese dunkle dämonische Wolke sich um so leichter zu verdichten und den Schatten auf die irrenden Augen zu legen. Solange es Winter ist, ertragen wir den Schnee, aber schmerzlich verletzt er die Augen, wenn er nach warmen Frühlingstagen wieder rückfallend unversehens auf den grünenden Fluren liegt.

Doch nein! nein! Es wird Sommer, heißer, glühender Sommer! Das neunzehnte Jahrhundert, das verhängnisvolle, läßt uns nicht zuschanden werden, und haben wir nicht seine sommerliche Mitte erlebt? In zwei Jahren zählen wir 1850. Was kann da nicht alles reif werden und sich vorbereiten zur großen Wendung unserer Geschichten!


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