Gottfried Keller
Das Tagebuch und das Traumbuch
Gottfried Keller

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Den 2. Februar 1848

Der Frühling hat mich armen Teufel letzte Nacht besucht und getröstet, auf jeden Fall habe ich dies Jahr den ersten Vorgeschmack des Lenzes genossen.

Ich ging in einem großen schönen Garten, welcher dazu noch mein gehörte. Er war im »Platz« gelegen, wo jetzt der Bahnhof steht, und füllte den ganzen obern Raum zwischen den beiden Flüssen, der Limmat und der Sihl, aus. Die Blumenbeete waren ländlich unregelmäßig, ohne Einfassungen, von den zufälligsten Formen, die Wege schlängelten sich weich und glatt hindurch und verloren sich und trafen sich wieder zwischen den herrlichsten Blumengebüschen. Der Garten verlor sich ohne Scheidewand oder Hecke in die schattigen Anlagen des »Platzspitzes«, welche im glänzendsten Grün standen, die beiden Flüsse schimmerten in der Sonne, blau und grün, wie mutwillige Schlangen, ich schlürfte alles mit dem reellsten Genusse und Bewußtsein in mich hinein. Weiße Schmetterlinge von der Größe einer Taube wogten langsam auf den blauen und roten Blumenfeldern herum. Ich wollte mir einen fangen, indem ich mir dachte, es müsse ein prächtiges Dekorum für mein Zimmer abgeben, stopfte und zündete eine Pfeife Tabak an, um den Vogel mit dem Tabaksafte schnell zu töten; aber, indem ich einige Züge rauchte, schämte ich mich, erstens den Blumen- und Lenzduft zu verunreinigen und zweitens einen Schmetterling zu töten; über diesen Betrachtungen verschwand der Garten und die Farbenpracht; Grau umhüllte mich, und ich sah nichts mehr, als eine mächtige silbergraue Weide, welche mit dem heftigsten Sturmwinde rang. Sie war ein Bild der tiefsten Zerknirschung. Wie rasend schlugen ihre Äste um sich und brausten und sangen mit solchen herzzerreißenden Tönen, daß ich voll Schrecken, doch mit einem wollüstigen Zittern zuhörte. Doch die Windstöße kamen immer stärker und schienen den Baum gänzlich brechen zu wollen. Ich erwachte; der Südwind ging mit mächtigem Wehen und schmolz den Schnee von dem Dache, unter welchem ich schlief; er tropft heute den ganzen Tag zur Erde.


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