Gottfried Keller
Das Tagebuch und das Traumbuch
Gottfried Keller

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Den 7. August

Jean Pauls »Hesperus« fertig gelesen. Jean Paul ist mir ein reicher, üppiger Blumengarten und segenvolles, nährendes Fruchtfeld zugleich. Wenn ich einen ganzen Tag nichts tue, als in ihm lesen; so glaube ich doch gearbeitet oder etwas Reelles getan zu haben. Er ist beinahe der größte Dichter, welchen ich kenne, wenn man die Natur mit ihren Wundern und das menschliche Herz als die ersten und größten Stoffe oder Aufgaben der Poesie anerkennt. Nur läßt er seine Helden allzuviel weinen, und seine Tränen- und Blutstürze, sowie die Gestirne und die Sonne sind gar zu oft auf dem Schlachtfeld. Auch unterbricht er sich selbst manchmal in den schönsten Stellen durch seinen Witz, welcher, sei er noch so gut und schön, doch manchmal dem Leser ein wenig Ungeduld verursacht. Bewundernswert ist die unerschöpfliche Quelle seiner treffenden Gleichnisse aus allen Zweigen des Wissens.


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