Gottfried Keller
Das Tagebuch und das Traumbuch
Gottfried Keller

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Den 16. September

In den Zeitungen gelesen, daß der Publizist und Jurist Ammann in Schaffhausen, den ich vor einem Jahre am Winterthurer Schießen beohrfeigt habe, im Schaffhauser Großen Rat den Antrag gegen Exekution des Tagsatzungsbeschlusses bringen und eine demagogische Wühlerei im Schaffhauser Volk anfangen will. Verletzte und unbefriedigte Eitelkeit soll den Esel dahin treiben und das Gelingen nicht ganz unmöglich sein. Ich hatte doch einen guten Instinkt damals und ich segne den Wein, der mich veranlaßte, dem widerlichen Ohrfeigengesicht sein Recht angedeihen zu lassen. Feig war er auch, denn er ist stärker als ich, und ließ sich doch prügeln.


Einige Stunden mit Baumgartner zugebracht. Er spielte mir einige schöne Phantasien von Liszt und Thalberg und eine von sich, nachher Lieder von Schumann, die wir zusammen sangen. Die »Lorelei« (Heine) von Sucher hat mich gewaltig gepackt und ich singe sie immer vor mir her. Dies Lied drückt sehr viel aus, wo einen der Schuh drückt, und was nicht gerade romantisch, sondern nur rein menschlich ist. Baumgartner hat auch ein paar Lieder von mir komponiert, die mir gefielen. »Ich will spiegeln mich in jenen Tagen« scheint mir in Rhythmus und Weise mit dem Gesumme zusammenzutreffen, mit welchem ich das melodische Lied einst, leise singend, gemacht habe. Während Baumgartner eine große Phantasie spielte, machte ich die Bemerkung, daß schöne Musik immer dem Hörenden diejenigen Phantasien hervorruft, welche ihm das, was er wünscht, nach seinem individuellsten Charakter, vorspiegeln. Eine prächtige Ouvertüre wird den einen als Triumphator in das Geräusch eines kriegerischen Siegeszuges versetzen, während sie den andern auf grüne Berge an die Seite einer Heißgeliebten führt; der dritte wird einen Roman ausspinnen, aus welchem er, zuerst verkannt und mißhandelt, zuletzt als glänzender Held hervorgeht und vor denen erscheint, welchen er imponieren möchte. Welch eine ungeheure Welt der verschiedensten Träume und Empfindungen zertrümmert in einem gefüllten Hause der letzte Bogenstrich eines großen Tonstückes! Doch das geht nur die Masse der Nichtkenner an, worunter ich gehöre. Ein Musikverständiger wird sich an der unabhängigen Kunst und Schönheit eines Werkes erfreuen. Zum Haufen der Nichtkenner gehören aber eine Menge Leute, welche über Musik faseln. Baumgartner versicherte mich, daß alles, was Gutzkow, Heine, Laube etc. über Musik geschrieben haben, wohl angenehm zu lesen, aber durchaus willkürlich und ganz laienhaft sei. Es ist die nämliche Erscheinung, wie bei allen Künsten. Nur die Kunstbeflissenen, ein enger Kreis stiller Künstler selbst, genießt die verschiedenen Werke in ihrer ganzen Tiefe, und jedesmal nur diejenigen, welche er selbst auch hervorzubringen sich bemüht. Alles andere ist mehr oder weniger untauglich; besonders aber das plastische Vergleichen und Schwadronieren führt zu nichts. Ich weiß wohl, daß die schreibenden Ästhetiker sich mit Spott und Galle gegen diese Behauptung verwahren; es ist aber doch so. Ein Schriftsteller kann wohl viel Gründlicheres über die Kunstgeschichte sagen, als ein Künstler, er kann den Geist der Richtungen und Schulen erforschen, vergleichen und beurteilen; aber das einzelne Produkt wird er nie verstehen und genießen, wie der Künstler, dafür hat dieser einen ganz eigenen Witz. Auch geht dem Federmenschen die schöne Pietät ab, welche die Künstler auch für überwundene Richtungen und Phasen bewahren, und welche ihnen dafür mit so manchem reinen Genusse lohnt.

Als Baumgartner spielte, wünschte ich wunderschön spielen und singen zu können der Luise Rieter wegen. Mein armes Dichten verschwand und schrumpfte zusammen vor meinen innern Augen, ich verzweifelte an mir, wie es mir überhaupt oft geht. Ich weiß nicht, was schuld ist, aber immer scheint mir mein Verdienst zu gering, um ein ausgezeichnetes Weib zu binden, vielleicht kommt das von der wenigen Mühe, welche meine Produkte mir machen. Strenge Studien, wenn sie mir auch nicht unmittelbar nötig sind, würden mir vielleicht mehr Gehalt und Sicherheit geben. Ein Herz allein gilt heute nichts mehr.


Mit meiner Schwester geht es körperlich besser, aber Geist und Gemüt scheinen von der Krankheit gelitten zu haben, sie ist verwirrt ohne Fieber. Dabei aber zeigt sie Witz und die Tiefe eines zarten und liebebedürftigen Gemütes tritt zum erstenmal zutage. Die Mutter wacht nun ganz allein schon vierzehn Nächte bei ihr, ich kann nichts helfen, ich bin die unnütze Zierpflanze, die geruchlose Tulpe, welche alle Säfte dieses Häufleins edler Erde, das Leben von Mutter und Schwester aufsaugt. Wenn mir Gott über diese warnende Probe hinaus hilft, so soll es anders werden. Indessen bin ich stolz auf unser verborgenes Leiden und auf die Stärke und Kraft meines armen alten Mütterchens und auf den stillen Wert meiner Schwester. Das übertrifft alle Fraubasereien meiner öffentlichen Beziehungen.


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