Gottfried Keller
Das Tagebuch und das Traumbuch
Gottfried Keller

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Den 15. August

Ich habe das »Pfingstgedicht« noch verlängert. Das Herz klopfte mir hörbar während dem Schreiben, es wurde mir eng und schwer. Es wurde mir klar, was es heißt, gegen zweitausendjährigen, positiven Glauben zu kämpfen; ich bedachte, was am Ende der Mensch mit allem seinem Wissen sei, und daß die größte, tiefste Philosophie zuletzt Irrtum und konsequente Blindheit sein könne, wie der Aberglauben eigentlich nur eine Konsequenz, des positiven Christenglaubens ist. Daher ist es eigentlich Unsinn, wenn gute Christen gegen Gespenster- und Hexenglauben eifern. Ich werde ein positives religiöses, aber für den Menschen unerklärliches Element festhalten, aber ich werde, wenn ich je zu einer Stimme komme, mit aller Macht dagegen streiten, daß die Gottheit von Menschen mißbraucht und ausgelegt werde. Jeder Mensch soll sich seine religiösen Bedürfnisse selbst ordnen und befriedigen, und dazu sollen Aufklärung und Bildung ihm verhelfen. Ich werde indessen die christlichen Dogmen, so wenig als diejenigen irgend einer andern Religion, verspotten; aber die Schurken, welche dieselbe mißbrauchen, und die Fanatiker oder Schwärmer, welche vermittelst derselben Andersdenkende verfolgen und verdächtigen, werde ich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln angreifen.

Börne ist ein ordentlicher Goethefeind. Von der Seite, wie er ihn angreift, muß man ihm freilich vieles zugeben. Es ist Goethen aber auch von keiner andern Seite beizukommen. Ich weiß nicht, was mich eigentlich an ihm ärgert. Ob, daß einer, der den »Faust«, »Tasso«, »Iphigenie« etc. geschrieben, so ein egoistischer Kleinkrämer sein kann, oder daß ein solcher Hamster den »Faust«, »Tasso« etc. mußte geschrieben haben? Ich weiß nicht, schmerzt es mich mehr, daß Goethe ein so großes Genie war, oder daß das große Genie einen solchen Privatcharakter oder vielmehr Privatnichtcharakter hatte. Ich weiß nicht, hasse ich Goethen und mißgönne ihm seine Werke, oder liebe ich ihn um seiner Werke willen und verzeihe ihm seine Fehler? –


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