Gottfried Keller
Das Tagebuch und das Traumbuch
Gottfried Keller

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Den 8. August

Morgenspaziergang. Das Wetter ist rein und sonnenklar. Große Erquickung nach so viel traurigen Regentagen. Ich sollte eigentlich sparsam tun mit solchen Morgenpromenaden; denn da kommen mir die Ideen haufenweise hergetrollt und tummeln sich in wilder Anarchie in mir herum, so daß ich ihrer nicht mehr Meister werde und es mir schwer fällt, alles zu ordnen, besonders das schon Angefangene ruhig zu beenden. Was mich am meisten in immerwährender Aufgeregtheit erhält bei solchen Gängen, ist die Natur, die sich mit ihren tausend Bildern und Schönheiten immer zwischen die innern Ideen drängt; und doch muß ich jetzt, so weh es mir tut, für einige Monate die Malerei in den Hintergrund stellen, wenn ich in der Dichterei etwas tun will, um mir eine freiere und äußerlich ruhigere Zukunft zu verschaffen.

Der Beschluß, etwas an Lewald zu schicken, ist schon längst wieder kassiert.

Sonette: »Jean Paul«, »Chamisso», »Herwegh«.

  1. Gedichte: Der Philosoph mag seine Wissenschaft zum Gotte machen, der Dichter aber muß ein positives Element, eine Religion haben. Gerade aber, weil er Dichter ist, so sollen seine religiösen Bedürfnisse frei von aller Form und allem Zwang sein, und er muß für diese Freiheit kämpfen.

  2. Die Propaganda irrt sich, wenn sie glaubt, die Dichtkunst sei nur für die Tat und zu politischen oder reformatorischen Zwecken geschaffen. Der Dichter soll seine Stimme erheben für das Volk in Bedrängnis und Not; aber nachher soll seine Kunst wieder der Blumengarten und Erholungsplatz des Lebens sein.

  3. Die Wissenschaft soll endlich dem Volk helfen, in Tat übergehen. Wenn die Philosophen ihre Resultate nicht populär machen, so werden die Pfaffen und Finsterlinge schon Sorge tragen, dieselben dem Volke auf eine Art zu übersetzen, welche in ihren Kram dient.

  4. Ein Frack und weiße Handschuh',
    Ein lump'ger Seidenhut,
    Ein hohles Herz von Kautschuk
    Und kaltes Schlangenblut etc. etc.

  5. Landschaftliche Kompositionen:

    1. Mittelalterliches Bild. In einer schönen deutschen Gegend liegt an einem Berge ein altes Städtlein mit all seinen Türmen und Baulichkeiten. Im Vorgrund eine bedeckte hölzerne Brücke mit einem St. Nepomuk, die über einen Bach führt, an welchem schöne Bäume stehen; der Bach führt weiterhin zu einer Mühle, welche, mit kleinen Gärtchen und Wirtschaftlichkeiten umgeben, ein schönes Stilleben im Bilde ausmacht. Über der Mühle ist eine Landwirtschaft mit einem Wirtshause, wo man einige Gäste aus dem Städtlein behaglich, unter Lauben sitzen sieht. Dann kommt der Mittelgrund mit dem Städtlein, welches sich im Abendschein an den Berg lehnt. Man sieht von ferne in die steilen Gassen hinein. Es muß alle Mannigfaltigkeit und Scheißkram eines solchen Nestes angedeutet werden. Auf dem Gipfel des Hügels steht das herrschaftliche Schloß und weiterhin etwa ein Galgen. Hinter dem Hügel, am Abhange desselben, liegt ein reiches Kloster mit seinen Gärten und Fischteichen, weiterhin noch eine einsame Kapelle. Ein Strom, in welchen man sich den vorgrundlichen Bach mündend denken kann, zieht aus dem Städtlein in die Ferne einem See zu, der sich in die Gebirge, welche das Bild schließen, verliert. Die Luft muß still und tiefblau sein, nur längs dem Horizonte ziehen schöne, helle Abendwolken.

    2. Ernste, wilde Gegend mit Eichen- und Föhrenwäldern. Im Mittelgrund einzelne freistehende alte Eichen und altgermanische Opferstätten mit geheiligten Steinkreisen. Der Vorgrund ist wilde Heide mit Druiden- oder Heldendenkmalen, ein einsamer Barde mit der Harfe ist die Staffage. Nur unter den entfernteren Eichen sieht man einige Druiden wandeln. Ein kriegerischer Germane mag etwa auf seinem Pferde über die hinteren Gründe fliegen. Die Luft ist bewegt. Große, imposante Wolkenmassen jagen sich über die Landschaft.

    3. Ein stiller klarer Teich, von einem Bache angesammelt, in einem Walde, von schöngefärbten Steinen umgeben. Der Hauptbaum ist eine Linde, weiterhin kommen Buchen. Der Schierling ist die vorherrschende Pflanze im Vorgrunde. Das Bild muß im kühlen Schatten gehalten werden, nur der obere Teil der Bäume wirkt im warmen Sonnenschein.

    4. Ein Abend in einer wenig gebirgigen Landschaft. Der letzte, nur noch zu ahnende Abendschein verglimmt auf den Gefilden; aber im Osten geht der Vollmond groß und golden auf und ist das Hauptmotiv des Bildes.


Es geht nichts über ein Kämmerlein, wie das meinige, wo die Aussicht über die Gärtchen und Hühnerhöfe geht, welche die englischen Gärten und Hinterparadiese der stillen Bürgerhäuser sind. Die wohlbekannten Frauen und Nachbaren hängen ihre Wäsche in die Sonne, die Hühner gackern, und die Hausväter lassen dann und wann ihre Flüche und Ordnungsmandate ertönen.

Wie lieblich und unschuldig aber klingt der Gesang einer benachbarten Mädchenschule zu mir herüber. Wie mächtig ergreifen mich diese wohlbekannten und doch längst vergessenen Kinderlieder, aus denen des Schulmeisters leitende Stimme ganz patriarchalisch herausschallt. Ein bißchen Berg und Wald guckt kümmerlich noch über die alten Dächer, hinter denen das Kind einst die Welt abgeschlossen glaubte. Das kleine Stück Berg war mir dann ein fernes, unerreichbares Amerika oder Ostindien. Wie anders jetzt, wo mir die glückliche Ruhe und Stille der Kindheit und die Abgeschiedenheit des Vaterhauses ewig unerreichbar geworden sind! – Und doch war eigentlich das Kind auch nicht ruhig und befriedigt; aber das friedliche Ergeben war sein. –

O klinge nur, du alte Orgel, an welcher auch ich einst gesungen habe; ich glaube, es waren die Kirchenlieder, die ich damals mit der größten Andacht sang; und jetzt??? O Kinderzeit! O Zukunft! Zu meiner Zeit war es eine Knabenschule; und wann wir zwischen den Lehrstunden im Hofe herumsprangen, dann zeigte ich den andern Buben das Vaterhaus und sagte: »Dort wohn' ich, in dem schwarzen Haus mit den roten Balken!« Dann sagten die Knaben wohl: »Ist das Dein Vater, der dort herausschaut?« und ich antwortete: »Nein, mein Vater ist gestorben. Der herausguckt, ist ein fremder Mann, der bei uns wohnt, und meine Mutter ist in der Küche!« – –

Ich schaue jetzt zu dem gleichen verwitterten Fenster hinaus, und im Hofe des Schulhauses sind kleine Mädchen, die sehen mich und scheinen zu sagen: »Wer ist denn der Kerl mit dem Schnurrbart dort? Der macht ein trauriges Gesicht!« Ich glaube, sie lachen mich aus. – –

Gedicht: In einer hundsföttischen windigen Februarnacht führt der Teufel einen Scharfrichter und einen Zensoren auf einen Berg und übergibt, da der Scharfrichter sich beklagt, nichts mehr zu tun zu haben, dem Zensoren sein Amt. Er zeigt ihm die Erde rings umher, welche unter Schnee und Nebel begraben liegt, und befiehlt ihm, wenn der Frühling komme, alle hervorsprießenden Blüten und alles aufkeimende Grüne zu versengen und abzumähen, die Giftblumen aber und alles Unkraut (sittenverderbende Bücher, Paul de Kock) stehen und gedeihen zu lassen.

Ein Sonett an Herwegh gemacht und das Lied: »Die gute Sache«.


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