Gottfried Keller
Das Tagebuch und das Traumbuch
Gottfried Keller

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Den 20. September

Herrlicher Morgen auf dem Zürichberg. Ich stieg durch den Nebel hinan und strebte in den Sonnenschein, den ich auch bald erreichte, als ich auf die Höhe kam. Die Nebel wogten im Tale auf und ab, See und Stadt waren unsichtbar, aber das Gebirge tauchte aus den weißen Wolken, die Gletscher und Firnen schienen, hell bestrahlt, viel größer und näher, da der ganze Mittelgrund fehlte. Sie verschmolzen sich aufs schönste mit den vom Winde getriebenen Nebelmassen, welche wie ein flüssiges Silbermeer in gut gedachte Wolken und Flocken ausliefen und wechselnd das Gebirge bald ganz, bald halb verschleierten. Ich sah die prächtigsten Bilder, wo der triefende frische Wald die wunderbare Ferne einfaßte. Oft sah ich den Nebel in feinen blauen und durchsichtigen Wallungen wenige Schritte vor mir durch die Tannen fahren. Schön war es, wenn hie und da eine schwanke junge Föhre oder Birke einzeln sich vom klaren hellen Grunde abhob und ihre dunkle, vom Feuchten blitzende Krone auf einer kaum unterscheidbaren blassen Schneekuppe spielte. Meinen Lieblingsvogel, den Weih, sah ich seit Wochen wieder zum erstenmal kreisen. Wie kommt es, daß ich diesen Sommer so wenig allein hinausgehe?

Auf dem Heimwege kam ich an dem alten kleinen Kirchhofe des Siechenhauses Spanweid vorbei. Ein kleiner Junge schrie und deutete immer dahin und sagte zu seinem Vater, der im Felde arbeitete: »Schau den Toten dort, es geht ein Toter herum!« Ein alter siecher Mann spazierte auf den Gräbern herum, man sah nur seinen Kopf mit der weißen Zipfelkappe hinter der Mauer sich hin und her bewegen; ich konnte mich recht gut in die Vorstellung des Knaben versetzen. Im Walde auf den schönen einsamen Wegen dachte ich fort und fort die Luise an meine Seite. Eine junge Birke sah ich so schlank und tadellos gewachsen, wie sie, dieselbige badete sich im Silberduft und schwankte einsam mutwillig hin und her, als ob sie nichts bedürfte. Gestern fand ich im botanischen Garten eine Georginenart, deren Blumen mir ganz ihr Wesen auszudrücken schienen. Sie war weiß von eigentümlicher Reinheit, die Hälfte der Blume verlor sich ins Fleischrosenfarbene, ganz blaß. Die Blätter waren so schön gereiht und gebaut, das Ganze so zierlich munter und aufgeweckt, so frisch und unbeschädigt, verglichen mit den schweren, plumpen dickroten und trübvioletten Dahlien, die in der Nähe standen, an denen viel Hängendes, Willkürliches und Auswüchsiges das Auge beleidigte.

Heute im Wald wünschte ich ein gewandter Jäger zu sein, ich schoß ein junges, zartes Reh in Gedanken und überschickte es ihr, wozu ich mir ein Sonett ausdachte: Ich möchte sie nähren und kleiden mit allem, was die Erde trägt, und ihr Leben ganz allein tragen. Sie solle aber von der wilden, blutigen Gabe nicht auf ein rauhes, hartes Herz schließen. Im Liebesunmut schoß ich, fern von ihr, das junge Reh. – Da sie, wie ich höre, auch dichtet, so dachte ich mir ein Antwortsonett aus. Wenn ich auch nicht gerade wünsche, daß sie sehr schöne Verse mache, so fiel das Sonett doch sehr gut aus, von der Gegenliebe eingegeben. Hierauf kehrte ich zurück und traf sie auf dem Wege an, die Begegnung, ihre und meine Kleidung, die erste Verlegenheit, alles wurde aufs ausführlichste ausgeheckt und eine artige Novellette gemacht.

Wenn ich übrigens diese kindischen Phantasien nicht zum Dichten gut brauchen könnte, so wäre ich allerdings ein eitler Esel. Ist es aber mir armem Teufel nicht zu gönnen, wenn ich von der Ware, welche ich offiziell verfertige und verkaufe, im geheimen selbst ein bißchen nasche und konsumiere?


Zwei stattliche, sonnengebräunte Bauern pflügen mit starken Ochsen auf zwei Äckern, zwischen welchen ein dritter großer brach und verwildert liegt. Während sie die Pflugschar wenden, sprechen sie über den mittleren schönen Acker, wie er nun schon so manches Jahr brach liege, weil der verwahrloste Erbe desselben sich unstet in der Welt herumtreibe. Frommes und tiefes Bedauern der beiden Männer, welche wieder an die Arbeit gehen und jeder von seiner Seite her der ganzen Länge nach einige Furchen dem verwaisten Acker abpflügt. Indem die Ochsen die Pflüge langsam und still weiterziehen und die beiden Züge hüben und drüben sich begegnen, setzen die beiden Bauern eintönig ihr Gespräch fort über den bösen Weltlauf, führen dabei mit fester Hand den Pflug und tun jeder, als ob er den Frevel des anderen nicht bemerkte. Die Sonne steht einsam und heiß am Himmel.


Schulz schreibt sehr gute Artikel in die »Deutsche Zeitung«, über die Jesuitenfrage. So erweist es sich wieder, daß ein Mann, der hier still und anspruchslos lebt und von unsern Matadoren wenig beachtet zu werden scheint, unserer Sache im Auslande die realsten und trefflichsten Dienste leistet. Inzwischen erfüllt mich das Benehmen unserer Regierungsmänner, von Furrer, Rüttimann etc. mit der größten Achtung. Ich bin ganz im geheimen diesen Männern viel Dank schuldig. Aus einem vagen Revolutionär und Freischärler à tout prix habe ich mich an ihnen zu einem bewußten und besonnenen Menschen herangebildet, der das Heil schöner und marmorfester Form auch in politischen Dingen zu ehren weiß und Klarheit mit der Energie, möglichste Milde und Geduld, die den Moment abwartet, mit Mut und Feuer verbunden wissen will. Daß Begeisterung und die frische Tatkraft, eine einmal erkannte Fessel zu brechen oder mit andern Worten der Sinn für die rechte und notwendige Revolution darüber nicht verloren gehen, bin ich versichert. Übrigens wird die Revolution von Tage zu Tage unzulässiger und überflüssiger, in einer Zeit, wo das lebendige Wort sich fast überall Bahn zu brechen weiß, besonders aber bei uns, wo die Gerechtigkeit immer eklatanter nach jeder Verfinsterung auf dem gesetzlichen Wege siegt. Ja, wir werden bald alle Revolution verdammen und verfolgen müssen, weil sie, da bald überall gesetzliche Anfänge der Freiheit gegründet sind, das Erbe des Absolutismus wird. Vielleicht ist das etwas jesuitisch gedacht, aber item, es hilft. Daß es keine Revolution ist, wenn die Italiener sich von Östreich oder die Polen von Rußland, wenn auch auf die blutigste Weise, losmachen wollen, versteht sich von selbst.

Man klagt immer, die antike Tugend sei verschwunden, während wir die glänzendsten Beispiele, nur im modernen Gewand in nächster Nähe haben. Bürgermeister Furrer genoß als Advokat eine jährliche Einnahme von etwa zehntausend Gulden. Als Bürgermeister bezieht er eintausend und nur, wenn Zürich Vorort ist, dreitausendfünfhundert, um die Etikette zu bestreiten. Mit tausend Gulden kann aber eine Familie, wenn sie einigen Anstand beobachten will, nur knapp leben. Welches Opfer hat er also gebracht! Tausend Annehmlichkeiten muß er nicht nur sich, sondern auch Frau und Kindern entziehen, die Hauptsache ist aber: er kann für die alten Tage und für seine Kinder nicht dasjenige Vermögen ersparen, nach welchem ein Mann von seinen Verdiensten, Einsichten und Kenntnissen mit Recht trachten darf und soll. Denn wir haben weder Pensionen noch große Stipendienfonds. Die Ehre ist keine persönliche Entschädigung, weil Furrer nicht im mindesten ehrgeizig ist. Während er auf diese Weise im wörtlichsten Sinne für den Staat Entbehrungen trägt, hat er auf der einen Seite mit der niederträchtigsten gewissenlosesten und kleinlichsten Opposition zu kämpfen, auf der andern aber mit den steten Vorwürfen und Anfeindungen der eigenen Parteiextreme. Nichtsdestoweniger führte er seine Aufgabe mit seinen Freunden ruhig und standhaft, ohne Ostentation zum Ziele, so daß nun Zürich wieder moralisch an der Spitze der Bewegung steht. Ähnlich verhält es sich mit Rüttimann, welcher zwar eine reiche Frau hat, der aber durch unbegreifliche eiserne Arbeitstätigkeit sich auszeichnet. Ein erbaulicher Charakter anderer Art ist Alfred Escher; der Sohn eines Millionärs, unterzieht er sich den strengsten Arbeiten vom Morgen bis zum Abend, übernimmt schwere weitläufige Ämter, in einem Alter, wo andere junge Männer von fünf- bis achtundzwanzig Jahren, wenn sie seinen Reichtum besitzen, vor allem aus das Leben genießen. Man sagt zwar, er sei ehrgeizig; mag sein, es zeichnet nur eine bestimmtere Gestalt. Ich meinerseits würde schwerlich, auch wenn ich seine Erziehung genossen hätte, den ganzen Tag auf der Schreibstube sitzen, wenn ich dabei sein Geld besäße.


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