Gottfried Keller
Das Tagebuch und das Traumbuch
Gottfried Keller

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Den 9. Julius

Heute habe ich Hoffmanns Biographie von Hitzig fertig gelesen. Letzterer, welchen ich zuerst in Chamissos Werken kennen lernte, ist mir ordentlich lieb geworden. Welch ein vortrefflicher Freund von so Vortrefflichen, und dabei welch eine edle Bescheidenheit! Was nun Hoffmann und sein Leben selbst betrifft, so habe ich mich sehr daran erbaut und gestärkt. Denn das Leben großer Männer, welche dabei unwandelhaft, klar und ohne hindernde Schwächen ihren Weg gingen, ist uns wohl Vorbild, zur Bewunderung und Nachahmung reizend, so Schiller, Jean Paul und andere; ein Leben, wie Goethes, das ohne materielle Sorgen und Kummer, in heiterer Ruhe, behaglichem Wohlstand und klarem Selbstbewußtsein fortfließt, höchstens von selbgeschaffnen Geistesstürmen aufgeregt, vermag uns mehr niederzubeugen als aufzurichten. Ein Leben aber, wie Hoffmanns, voll Mangel, Not und Nahrungssorgen, denen immer zur rechten Zeit die Hilfe nahe war, ein Leben, das mit großen Schwachheiten, die wir oft auch kennen, zu kämpfen hat und ihnen manchmal unterliegt, dient uns zum lebendigen Beispiel, zur Stärkung, zum Trost; und, weil es einem Manne angehört, den wir sonst lieben und achten und seiner Schwächen halber bemitleiden, so zeigt es uns besser und eindringender, was wir zu tun und zu lassen haben, als alle Moral.

Ich, der ich zu jeder Zeit einen vollen Pokal, verbunden mit dem Rundgesang fröhlicher, braver Gesellen liebte und demselben meine schönsten und freudigsten Stunden, bisher wenigstens, verdankte, ich habe nun gesehen, wohin es führt, wenn man sich diesen Freuden der Geselligkeit systematisch überläßt, und das herrliche Sonnenkind, den Wein, als Zweck und nicht als Mittel zur Freude betrachtet. Nein! Diese goldenen Becherstunden müssen nur wie seltene Meteore mit ihrem Sang und Klang in unsere Erdennächte hineinleuchten, wenn sie uns das sein sollen, wozu sie uns gegeben sind. Wie wehe muß es Hoffmanns besseren Freunden getan haben, ihn zum fast gemeinen Weinschmecker und Stammgast einer Kneipe hinabsinken zu sehen! Zu ihrem Troste war aber Hoffmann ein Mensch, den man durch alle Schwächen und Verhältnisse hindurch liebte und nie aus den Augen verlor. Anders ist es, wenn ein unserm Herzen Angehöriger sich innerlich verschlechtert, wenn er sich verhärtet gegen die Wahrheit und zum Apostat wird am Allerheiligsten, zum Verräter am Geiste, wie es auch schon welche unter den großen Genies gegeben hat. Diese zwingen uns, sie zu hassen und zu bekämpfen.

Hoffmann war Musiker, Dichter und Maler. Doch glaube ich, daß sein Ruf hauptsächlich nur noch in seinen literarischen Werken lebt. Da ich nicht Musikkenner bin, so kann ich in dieser Hinsicht nicht urteilen, doch habe ich als Laie seinen Namen unter denen der gleichzeitigen und frühern Komponisten zu wenig nennen gehört, als daß ich annehmen könnte, er habe außerordentliche oder klassische Verdienste in dieser Hinsicht. Was aber die bildende Kunst angeht, so mag seine Malerei wohl mehr in seinem Enthusiasmus dafür und in dem, was er selbst so viel darüber gesprochen hat, bestehen, als in seinen eigentlichen künstlerischen Werken. Er müßte eben nicht Hoffmann gewesen sein, wenn er nicht gute und phantasievolle Karikaturen gemacht hätte, was ich aber Ernsthaftes von ihm gesehen, das erhob sich nicht über das Mittelmäßige und meistens Geschmacklose seiner Zeit, wo die herrliche Richtung, die Cornelius und seine Schüler der deutschen Kunst gaben, eben angebahnt wurde; er nimmt als Maler nicht einmal eine Stelle unter den Künstlern vor Cornelius ein, wie man die Verhältnisse wenigstens jetzt überblickt; und wenn man das nicht tut, so ist es unrecht, einem den Namen davon beizufügen, und trübt das Urteil der Befangenen über den ganzen Gehalt eines solchen Mannes. Da Hoffmann ein Genie war und großen Drang zur Malerei hatte, so zweifle ich keineswegs, daß er ein großer Maler geworden wäre, wenn er die strenge und berufsmäßige Bildung erhalten hätte, welche die bildende Kunst verlangt. Ein Genie, das viel gelesen hat, kann auch gewiß etwas Gutes schreiben, ohne seine Jugend auf Universitäten zugebracht zu haben; denn der Gedanke ist es, der das Wort adelt. Bei der bildenden Kunst aber sind Form und Gedanke eins, und mit dem feinsten Gefühl, mit der besten Überzeugung und mit der feurigsten Phantasie kann man keine schöne, klassische Figur zeichnen, wenn man nicht mit seiner eignen Hand jahrelang ausschließlich, ich möchte sagen handwerksmäßig unter guter Anleitung gezeichnet und studiert hat; der Maler und Bildhauer studiert nur mit dem Griffel in der Hand; daß man aber Jus studieren und Musik treiben könne neben dem Malerstudium, das halte ich für unmöglich, wenn man in letzterem mehr als Dilettant sein will.

Von Hoffmann zu verlangen, daß er die Malerei aufgeben und alle seine Kräfte der Dichtkunst zuwenden solle, wäre eine Philisterei gewesen; denn der Evangelist Johannes sagt: »Der Wind wehet, wo er will, und du hörest sein Tosen; aber du weißest nicht, von wannen er kommt, noch wohin er fahren wird. – Also ist ein jeder, der aus dem Geiste geboren ist!« Aber es ist ein frommer Wunsch, daß er diesen Drang zur Bildnerei nicht gehabt und die Literatur, mit einem ganz gereinigten Geschmack, zu seiner Lebensaufgabe gemacht haben möchte. Gewiß würde er unter den ersten Sternen am deutschen Dichterhimmel glänzen. – Ich werde nun seine Schriften gänzlich durchlesen.


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