Jakob Frey
Die Waise von Holligen
Jakob Frey

 << zurück weiter >> 

XXIII

Dem Sonntage, der dieser Nacht folgte, schienen selbst die Feinde sein altgeheiligtes Recht der Ruhe noch gönnen zu wollen, und beim ersten Morgengrauen kehrten die letzten Patrouillen der Kanoniere nach dem Schloßhofe zurück, um sich, sorglos in ihre Mäntel eingewickelt, an die verglimmenden Feuer hinzustrecken.

Aber ein Haus, an dessen Pforte die Hand des Todes klopft, kennt kein durch das Leben geheiligtes Ruherecht, und drum blickte auch Adelaide v. Holligen mit ruheloser Angst in die Dämmerung dieses Sonntagmorgens hinaus. Sie hatte umsonst versucht, dem müden Leib und der müden Seele durch eine Stunde Schlafes neue Kraft zu gewinnen. Sie öffnete die Fenster, um sich an der Morgenluft zu erfrischen; aber draußen zogen durch die Wiesengründe noch feuchte Frühnebel, und aus dem nahen Tannenwalde stiegen graue Wölklein empor, wie von verborgenen Feuerstätten; der Himmel selbst hatte sich mit einer trüben Decke verhüllt, die er weit über die ansteigenden Berge herabfallen ließ; es schien einer jener Tage werden zu wollen, die auch auf dem sorgenfreien Gemüte mit einem unheimlichen Drucke liegen und das schon bange Herz mit noch bangerer Ahnung erfüllen. Adelaide schloß das Fenster, um sich wieder nach dem Gemache ihres Vaters zu begeben.

Man konnte nicht mit Gewißheit sagen, ob der Oberst, seit er nach Hause gebracht worden, je einen Augenblick das volle Bewußtsein wieder erlangt habe oder nicht. Der Arzt tröstete – es war der nämliche, der an jenem Gesellschaftsabend die Geschichte von der Entstehung des Schlosses erzählt hatte – die Kugel, die in die rechte Schulter gedrungen, könne keine lebensgefährlichen Folgen haben, und der anscheinend bedenkliche Zustand des Kranken rühre nur vom starken Blutverluste, wohl auch von vorhergegangener heftiger Gemütsaufregung her; vor allem aus sei daher Ruhe, des Körpers sowohl als der Seele, notwendig. Dieser Vorschrift nachzukommen, war für Adelaide weniger eine schwierige, als eine tiefschmerzliche Aufgabe. Wenn der Verwundete in seinen Fiebern lag, irrte seine verwirrte Erinnerung durch alle die Ereignisse der letzten Zeit umher, und Haß, Liebe, Zorn und Schmerz, starre Entschlossenheit und wehmütige Klage fanden in herzerschütternden Worten den Weg über seine Lippen oder spannen sich in phantastische Träume aus. Adelaide hörte mit blutendem Herzen die harten Drohungen, die er gegen sie selbst ausstieß; aber schmerzlicher war ihr die leise Klage, mit der er über den Verlust ihres kindlichen Gehorsams, über seine getäuschte Vaterliebe trauerte, wenn indessen ihr Gewissen auf jede dieser Anklagen eine Verteidigung wußte und ihr Herz entschlossen war, für jede Klage einen Trost zu finden, so konnte sie dagegen andern Äußerungen des Fieberkranken nur mit Tränen Antwort geben.

"Haltet ihn, haltet ihn", schrie er mit zorniger Gebärde, "werft ihn nieder, den schändlichen Rebellen, der unser Volk verführt und seine Treue in Trotz verwandelt; warum laßt ihr ihn frei, den schwarzen Betrüger? Rüttelst du an Schloß und Riegel, Adelaide, mein Kind, mein einziges Kind? Wie lange ist es her, daß er dich gestohlen hat in einer finstern Nacht und dich verborgen, wo ich dich nicht mehr finden kann? Ach, nun darf ich’s der Welt nicht sagen, daß er ein Schelm und Dieb ist, denn sieh, sieh, sie nicken ihm zu und beugen sich vor ihm, weil er eine große Kanone im Arme trägt; ich grüße ihn nicht und will ihm die Hand ins Gesicht schlagen, drum richtet er seine Kanone nach mir und ruft dem Volke zu, mich zu verlassen, wenn es nicht mit mir umkommen wolle. Es flieht, es flieht, weh, weh, jetzt hat mich seine Kugel getroffen, Amiel, Amiel, hilf mir, hilf deinem Vater, wenn du gegen den Feind reitest!"

Es wäre für Adelaide eine tröstliche Erleichterung gewesen, wenn der Kranke den Namen des Marquis mit in seine Verwünschungen hineingezogen hätte; aber dieser wurde nie anders als mit den rührendsten Ausdrücken des Dankes und der Hoffnung genannt, und es war wohl gewiß, daß von seinem schmählichen Verrate keine Ahnung in die Seele des Obersten gekommen, bevor sie vom Taumel des Feindes ergriffen worden war.

Als Adelaide am Sonntagmorgen wieder in das Krankengemach trat, fand sie neben dem alten Ulrich den jungen Herrn v. Dießbach, der ihr ernst die Hand entgegenbot. "Ich komme um dir noch Lebewohl zu sagen, liebe Cousine", sagte er leise, "ich reite diesen Morgen zu meinen Kameraden zurück – der Himmel weiß, ob und wie wir uns wiedersehen werden."

"Wir wollen hoffen mit freudigerem Herzen, als wir scheiden", antwortete Adelaide mit einem bekümmerten Blicke auf den Vater, der in unruhigem Schlummer lag; "du siehst bleich und müde aus, Vetter."

"Ach", erwiderte er mit leisem Kopfschütteln, "ich bin so fröhlich in den Krieg gezogen, und jetzt möcht’ ich fast deinen armen Vater beneiden, daß er den Jammer nicht mit ansehen muß. Ich bin gestern den ganzen Tag und diese Nacht herumgelaufen, um Kartätschen für unsere wackern Kanoniere zu bekommen; alles vergeblich. Ich weiß nicht, wie ich vor unsern braven Hauptmann treten soll."

"Der elende Mädchenräuber!" rief der Oberst. Der Junker fuhr erschrocken auf, und Adelaide eilte, um ihre bekümmerte Verlegenheit zu verbergen, an das Krankenbett. "Er schlummert wieder", flüsterte sie, nachdem sie sich eine Weile über den Vater gebeugt; "ach, Vetter, du hast wenig Ursache, ihn um seine Fieberträume zu beneiden."

"Er kämpft mit Träumen", entgegnete der Junker langsam, "die spurlos vorübergehen oder mit dem letzten großen Traume enden; ich bin noch jung und habe es mit einer Wirklichkeit zu tun, die mir die Hoffnung stiehlt und die Lebenslust vergiftet."

"Die Ratsglocke, die Ratsglocke", rief der Kranke, "hört Ihr’s, Herr v. Amiel? Sie versammeln sich, um ihren Undank wieder gut zu machen, ich hab’ es wohl gesagt!"

Von der Stadt her erklang wirklich durch die Morgendämmerung ein helles Glöcklein, das wie von ungewisser, zagender Hand angezogen zu werden schien. "Beim Himmel, dein Vater hat recht", rief nun auch der Junker, "es ist die Ratsglocke! was soll das an diesem Tage und in dieser Frühstunde!"

"Wohl nichts Gutes", erwiderte Adelaide, "der Vater hält die Augen geschlossen, der Klang muß ihm unbewußt in seine Träume hineingedrungen sein."

’’Ob am Ende Friede geschlossen werden soll?" sagte der Junker; "es sind gestern Abgeordnete an den General Brüne nach Freiburg abgegangen. Ich eile schnell nach der Stadt hinein und will dir noch Bericht bringen, bevor ich fortgehe, Cousine." Ohne Antwort abzuwarten, eilte er in den Hof hinunter und galoppierte die Allee hinaus.

Gegen die Stadt herangekommen, sah er verworrene Haufen Soldaten und Landsturm sich dem obern Tore zudrängen, die ihm mit einem Male den Weg versperrten. Er hielt an und blickte um sich, ob er nicht auf einem freien Seitenwege der Mauer entlang schneller an sein Ziel gelangen könne, als er hinter sich her raschen Hufschlag vernahm und den Obersten Stettler heranreiten sah. Der alte Herr hielt den Kopf, wie in Gedanken verloren, tief vorwärts gebeugt und schien sich wenig darum zu kümmern, ob die auf der Straße Gehenden seinem Pferde ausweichen mochten, wenigstens gab er sich nicht die Mühe, auf die zornigen Worte, die ihm da und dort nachgerufen wurden, um sich zu blicken, wenn nicht etwa das rasche Emporheben und wieder Sinkenlassen seines Meerrohrstockes als Antwort angesehen werden wollte. Der Junker rief ihn zweimal an, bevor er aufschaute, um dann, langsam sich besinnend, mit der flachen Hand über das schmale hagere Gesicht herabzufahren. "Eine unerwartete Begegnung, Herr Pate", sagte der Junker salutierend, "ich hätte Euch eher bei Laupen oder Neuenegg gesucht."

"Ah, du bist es, Fritz", erwiderte der Oberst, aus dessen grauen Augen ein düsteres Feuer blitzte, langsam, "ja, es sucht jetzt mancher den andern am unrechten Orte, da keiner am rechten zu finden ist. Platz da, daß wir durch können!"

"Ich glaube, wir täten besser, hier an der Mauer hinabzureiten", sagte der Junker, "wir kämen schneller in die Stadt hinein."

"Es ist sonst nicht meine Gewohnheit, Umwege zu machen", entgegnete der Oberst, sein Pferd der angedeuteten Richtung zulenkend, "aber jetzt wird manche alte Gewohnheit abgetan. Hörst du, wie die Bestie heult?" Er riß mit diesen Worten sein Tier zornig wieder herum, um seinen Rohrstock drohend gegen einen Haufen emporzuheben, der, am Torbogen zusammengedrängt, ein wildes Geschrei erhoben hatte. Der Junker konnte nicht verstehen, was die Leute durcheinanderriefen; aber er sah ihre zornigen Gebärden, und es schien ihm, als ob einzelne Gewehrläufe unheildrohend über die Köpfe emporgestreckt würden. "Kommt, kommt, Pate", rief er leise, das Pferd seines Begleiters am Zügel fassend, "es sind Betrunkene, die nicht wissen, was sie tun oder anfangen!"

"Es ist zu spät, sie sind nicht betrunken", erwiderte der Oberst mühsam, aber sein Tier ohne Abwehr führen lassend, "ich habe wohl ein paar Halunken erkannt, die zu meiner Division gehören und davongelaufen sind. Die Schmach zu erleben, sie nicht augenblicklich erschießen lassen zu können!"

"Aber was führt Euch denn hierher, Pate", fragte der Junker ablenkend, über die Heftigkeit des alten Soldaten beunruhigt, "wißt Ihr vielleicht, was die Ratsglocke zu so ungewöhnlicher Zeit zu bedeuten hat?"

Der Oberst nickte ein paarmal langsam mit dem Kopfe. "Eine Komödie, Fritz", sagte er endlich, die Lippen zusammenpressend, "in der ich zu guter Letzt auch noch ein Stücklein Hanswurst mitspielen soll. Drum bin ich hergekommen."

Diese Worte waren mit so schneidendem Hohne hervorgestoßen, daß der Junker überrascht und erschreckt auf den alten Herrn schaute. "Ich versteh’ Euch nicht, Pate", sagte er zögernd, "wahrhaftig, ich versteh’ Euch nicht."

"Dazu bist du auch noch zu jung, wenn ich dir’s schon erklären wollte", entgegnete der Oberst mit dem gleichen Tone des Ingrimms; "doch komm nur mit, du kannst wenigstens zusehen, wie entartete Knaben ihre toten Väter ermorden. Du guckst mich an und denkst, es sei unrichtig geworden unter meinen alten Schädelknochen."

"Ihr ängstigt mich, um des Himmels willen, was soll es denn geben?"

"Nichts, Junker v. Dießbach – eine Lappalie. Die Franzosen verlangen, unsere Obrigkeit soll abtreten und einer Jakobinerbande Platz machen; jetzt werden Rät und Burger versammelt, um ihnen den kleinen Gefallen zu tun."

"Ihr treibt Euern Spott mit mir", rief der Junker unwillig, "und seht doch, daß ich auch ein Soldatenkleid trage."

"Leg es ab, Fritz", erwiderte der Oberst nach kurzem Schweigen mit verändertem, fast wehmütigem Tone, "leg es ab, wenn dir dein alter Pate noch einen Rat geben kann, und schände deinen jungen Leib nicht länger damit. Dein Bruder liegt schon unterm Boden – was willst du dein frisches Leben für Sünden zum Opfer bringen, die du nicht begangen hast? Siehst du dort, wie sich die Haufen zeternd und heulend der Rathaustreppe zudrängen? Unsere neuen Staatsweisen nennen es Volk, dieses launige, zügellose, feige, blutgierige und kopflose Ungeheuer, sie haben es gehätschelt und gepflegt, ihm von seiner Kraft vorgeschwatzt und jeden Trotz, jeden Frevel im kleinen und großen nachgesehen, wie man einem Kinde seine unschädlichen Unarten nachsieht; aber das Kind ist groß geworden, lechzt jetzt nach unserem Blute und schickt sich an, uns in Ketten zu schlagen. Ha!"

Der Junker, von diesen Worten des alten Herrn, den er in seinem Leben nie so eifrig hatte sprechen hören, verwirrt und gerührt, wagte keine Einwendung zu machen. Er gedachte bloß zu erwidern, daß sein Pate die Sachen doch vielleicht zu schwarz ansehe und der Große Rat ja unmöglich jetzt einen solchen Beschluß fassen könne, ohne sich selbst das Todesurteil zu sprechen; aber im Augenblicke, als er den Mund öffnen wollte, fiel sein Blick, indem sie über die Kreuzgasse ritten, auf die alte Rathausuhr. Ihr Zeiger stand noch immer auf der sechsten Morgenstunde und mußte also in dem Augenblicke stehen geblieben sein, als das Glöcklein zur Versammlung der obersten Behörde der Republik angeschlagen hatte. "Die Uhr ist abgelaufen", ging es bei diesem Anblicke durch seine Gedanken, "Ihr mögt recht haben, Pate."

Die beiden Reiter mußten von den Pferden steigen, um sich durch das Gewühl zu drängen, das in wüstem Gewirre vor dem Rathause auf- und niederwogte. Es war ein unheimlicher, beängstigender Anblick. Greise und Knaben, Weiber und Kinder, wilde, drohende Gebärden neben angstvollen, klagenden Gesichtern. Während die einen den beiden Ankömmlingen ehrerbietig auszuweichen suchten, drängten andere sich ihnen geflissentlich in den Weg, laute Verwünschungen gegen die Aristokraten und Verräter ausstoßend und mit grimmigen Blicken die Waffen schüttelnd, die ihnen eben zur Hand waren. "Was sagst du, Schurke", rief der Oberst plötzlich, einen Soldaten mit eisernem Griffe an der Kehle fassend, "was schreist du von Verrätern, du feiger Wicht!" Aber im Augenblicke war er von drohenden Gestalten und wütendem Geschrei umringt, das nach Gewalt und Totschlag heulte. Der Junker zog ohne langes Besinnen den Degen, um sich den Andringenden entgegenzustellen, doch der Oberst schleuderte den Soldaten gegen die Mauer zurück und sagte kaltblütig: "Steck’ ein, Fritz! unsere Klingen besudeln sich nicht mit dieser desertierten Canaille." Er hob langsam den Rohrstock empor, überfuhr das Gewühl mit blitzenden Augen und rief: "Platz da zum Rathause, wem sein Schädel lieb ist!" Dabei blieb er hoch aufgerichtet stehen, mit dem Stocke nach der breiten Treppe deutend, an deren Fuß die aufgestellten Posten der Stadtwache mit Mühe dem Andrange zu wehren suchten. Und doch war die Gewohnheitsmacht althergebrachten Gehorsams noch nicht gänzlich gebrochen. Es zuckte ein halb zorniges, halb wehmütiges Lächeln um den Mund des alten Soldaten, als er langsam den schmalen Weg durchschritt, der sich vor ihm aufgetan hatte. "Hätten wir die Zügel nie fallen lassen", sagte er, die Rathaustreppe hinansteigend, "so wäre das Tier in der Bahn geblieben – nimm dir das zur Lehre, Fritz." "Wer war denn der Soldat, den Ihr faßtet?" fragte dieser aufatmend – "ich muß ihn schon gesehen haben." "Vor zehn Minuten vielleicht, am oberen Tore", erwiderte der Oberst; "ein degradierter Ädemajor – Wacker, läßt sich der Bursche schelten. Doch komm nur mit in den Saal hinein – er hat Vettern drinnen."

Der Jüngling folgte seinem Führer nach der weiten Halle. Wie drunten auf der Straße, wogten auch hier die Meinungen durcheinander, nicht mit so rohen Worten und wilden Gebärden, aber mit nicht geringerer Leidenschaft, mit nicht so dunkel verworrener Planlosigkeit, aber mit dem nämlichen Mangel an freier, hochherzig versöhnender Gesinnung. Wohl wurde von diesem und jenem Munde mit herzerschütternden Worten der Geist der Ahnen herabbeschworen, den Enkeln in der schweren Stunde der Entscheidung beizustehen; aber dieser Geist war von den Hadernden längst entwichen und schien nur noch mit banger Klage um ein Haupt zu schweben, das ernst und stumm vom erhabenen Schultheißenstuhle auf die Versammlung niederschaute. Es ging wie ein dumpfes Dröhnen durch das alte stolze Gebäude, als endlich der Beschluß ausgerufen wurde: "Im Angesicht der bedrohenden Lage des Landes habe die bisherige Regierung der Stadt und Republik Bern abzudanken und eine neue provisorische an ihre Stelle zu treten."

Als die verhängnisvollen Worte verhallt waren, erhob sich der Oberst langsam von seinem Sitze. Ebenso langsam und gemessen zog er den Degen aus der Scheide, faßte mit der Linken die Spitze der bloßen Klinge, bog dieselbe zusammen, bis sie mit schrillem Klange mitten entzweisprang, und warf die Stücke klirrend in den Saal hinab. Dann schritt er, ohne ein Wort zu sprechen, zur Türe hinaus.

Verwirrt, von Zorn und Schmerz bestürmt, war der Junker nicht imstande, ihm zu folgen. Er hielt seine Augen auf das Antlitz des Schultheißen geheftet, der dem scheidenden Soldaten schweigend nachschaute, bis er durch die Türe verschwunden war. Atemlose Stille legte sich über die Versammlung, als dieser langsam die Rechte emporhob. "Ihr habt getan", rief er, "was Ihr für das Beste des Landes und Volkes für unerläßlich haltet. Ihr glaubt, die Irrtümer einer langen Vergangenheit in einer Stunde gut zu machen, und habt dem Feinde die halbtausendjährige, nie angetastete Würde unserer Republik zu Eurer Rettung preisgegeben; aber retten wird Euch das nicht, und geschäh’ es auch, ich will von dem Vertrage ausgeschlossen sein. Möge der Herr aller Herrscher den neuen Regenten Kraft und Weisheit verleihen; ich gehe, wohin mich Pflicht und Ehre rufen." Unter der Türe warf er noch einen Blick auf die Versammlung zurück, die sich in stummer Ehrfurcht von ihren Sitzen erhoben hatte.

Der Junker folgte ihm wie im Traume durch den hallenden Gang der Treppe zu. "Es freut mich, daß du noch da bist, Vetter", sagte der Greis, als er ihn bemerkte; "die Jugend kann nie zu früh das Ende alles Menschlichen sehen. Komm in einer Stunde zu mir; ich weiß, wo dein Hauptmann ist und werde dich zu ihm begleiten." Er machte mit der Rechten eine abwehrende Bewegung gegen den Jüngling und schritt auf die Treppe hinaus.

"Nun noch zum Abschiede nach Holligen und dann mit dem Schultheißen den Ehrengang", sagte der Jüngling vor sich hin, dem mutigen Tiere die Zügel lassend; aber kaum war er durch das Zeitglockentor geritten, als er dieselben wieder anzog, um auf ein tobendes Geschrei zu horchen, das ihm vom oberen Tore die Straße herab entgegenkam. "Was gibt es dort droben?" rief er einem Stadtsoldaten zu, "was hat der Lärm zu bedeuten?" "Ich weiß es selbst nicht, Herr", erwiderte der Vorübereilende; "sie sollen einen Offizier erschossen haben."

Von unheilvoller Ahnung ergriffen, setzte der Junker dem Pferde die Sporen ein; aber als er am Käfigturme vorbei auf den Bärenplatz gelangte, wälzte sich ihm unter dem wilden Gebrülle: "Nieder mit den Verrätern! Tod den Aristokraten!" ein unabsehbarer, tobender Haufe entgegen. Vor ihm her marschierte ein Mann in Uniform, der auf der Spitze seines Bajonettes einen mit frischem Blute bedeckten Offiziershut wie eine Fahne schwang. Mit Entsetzen erkannte der Junker beim ersten Anblick den Soldaten und sein trauriges Siegeszeichen. Es war der degradierte Ädemajor Wacker, der den Tressenhut des ermordeten Obersten v. Stettler triumphierend durch die Straßen trug.


 << zurück weiter >>