Jakob Frey
Die Waise von Holligen
Jakob Frey

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XVII

Die Nacht sank dunkler und dunkler, und auf ihren schwarzen Fittichen brauste aus den Freiburger Bergen bald der graue Schneesturm heran. Er stürmte beflügelten Ganges die Wiesengründe hinab, an deren unterem Saume das einsame Schlößlein stand. Hier rumorte er eine Weile im Hofe herum und brauste dann durch die Allee über das Feld dem Walde zu.

Hier war er in seinem Elemente zur lustigen Nachtfeier. Zuerst nur leise über die Gipfel wegstreifend, wie der Geigenspieler, der mit leichtem Bogenstriche die Saiten prüft, stürzte er bald mit voller Gewalt in die breitästigen Kronen, so daß auf seinem Gange ein dumpfes Tosen erschallte und wie der Nachhall des Donners die Felsen und Klüfte erfüllte. Die niedrigen Gebüsche in den Tiefen begannen furchtsam ihre Zweige zu bewegen, als fürchteten sie sich, vom Einsturze der knarrenden Nachbarstämme zerquetscht zu werden. Was unter ihrem Schutze auf dem Moose geruht, verließ das Lager, um mit scheuen Schritten umherzuirren, und selbst das Käuzlein ließ seinen langgezogenen Klageruf ertönen; aber der Schreckenerreger freute sich seiner Macht, hing sich ruhig in den Wipfel einer Eiche, und im Augenblicke waltete wieder so tiefe Stille, daß er von weitem her die Menschentritte hörte, die am Waldsaume daher gegangen kamen. Und doch traten die zwei so leise auf, als ob sie der Sicherheit des Pfades nicht trauten, und ihre Worte flüsterten, als dürfte sie das eigene Ohr nicht hören; aber der unsichtbare Lauscher über ihnen hörte sie und hoffte auf eine neue Beute für seine Schreckenspiele.

"Und ich sag’ Euch", flüsterte der eine, "mir ist’s, meine Knochen seien windelweich geworden seit dem Vorgange; am Tage scheu’ ich mich vor den Leuten und bei der Nacht fürcht’ ich mich vor mir selber. So reitet mich der Teufel."

"Bah, Kindereien", machte der andere, "das geht vorüber; ich hätt’ dir mehr zugetraut nach dem, was ich von dir gehört habe, Jakob."

"Ihr habt gut reden, es geht vorüber", sagte der andere; "ich bin auch schon dabei gewesen, aber dann hatt’ ich jedesmal einen Rücken hinter mir. Jetzt verschwindet Ihr beide, Ihr und Euer Herr, wenn’s einmal unlauter werden sollte, und ich sag’ Euch, es wird unlauter, ich spür’s da drinnen."

"Zum Kuckuck, du hast’s ja nicht selber getan."

"Nützt mich nichts", flüsterte der andere, "ich sage mir das jede Minute selbst vor; aber allemal seh’ ich dabei wieder den gräßlichen Blick, den er mir beim Aufblitzen des Schusses zugeworfen – hu, mich schüttelt’s! Ihr müßt mir mehr Geld verschaffen, daß ich dieses Land verlassen kann, der König ruht nicht, wenn er einmal zurückkommt – ich kenne ihn."

"Schurke", murmelte der Begleiter.

"Schurken und Mörder", schrie der rauschende Kobold über ihnen, indem er wie ein kettenrasselndes Gespenst durch die Äste niederfuhr. "Schurken und Mörder in meinem Waldrevier!" Und von dem Rufe des Meisters aufgeschreckt, fingen die Bäume ringsum an zu rauschen und zu tosen wie tausend aufbrechende Waldströme, wenn sie regengeschwellt aus ihren Runsen brechen, die Eiche erkrachte bis zur Wurzel, und die Tanne beugte ihren Wipfel so tief herab, als wollte sie gespensterhaft schwarze Arme nach der Tiefe ausstrecken; aber die Windsbraut packte heulend ihre Menschenbeute, riß dem einen die Pelzmütze von den rotborstigen Haaren und warf dem anderen einen Flockenwirbel ins Gesicht, daß er geblendet und verwirrt mit den Händen nach einer Stütze umhertappte. Er erwischte dabei seinen Begleiter, der bei der Berührung aufschrie: "Der Teufel – laß mich!" und wie ein gehetztes Wild über den Anger lief, über den aus der Ferne die Lichter von den Türmen der Stadt herandämmerten. Hinter ihm drein mit schrillem Gejauchze der neckende Kobold.

Der Zurückgebliebene rieb sich die Flocken aus den Augen, verzog das Gesicht zu einem verächtlichen Lächeln und begann dann rasch den Pfad, der am Waldsaume dahin führte, weiter zu verfolgen. "Mit dem Hasenfuße ist nichts mehr anzufangen", murmelte er dabei vor sich hin, "und er wird meine Aufträge schlecht genug erfüllen. Ein Glück, daß die Herren nicht gefährlicher als ihre Knechte sind. Aber halt, da steht ja schon die Spelunke, und möglich ist’s, daß er bereits droben ist – aufgepaßt!"

Er blieb einen Augenblick an der Waldecke stehen und schaute spähend nach dem Hause hinüber, aus dem ein beweglicher Lichtschimmer brach, bald heller aufleuchtend, bald wieder vom Schatten hin- und hergehender Gestalten zugedeckt. "Einmal sollt’ ich mich doch in das untere Gemach wagen", sagte er, wieder vorwärts gehend, vor sich hin; "es müßte sich da ohne Zweifel besseres Holz finden lassen als drinnen in der Stadt." Er stellte sich vor das niedrige Fenster, um durchzuschauen, aber es war von innen mit einem schmutzigroten Vorhange verhüllt, auf dem der Lichtschein nur unerkennbare phantastische Formen und Gestalten abmalte. "Ein andermal", murmelte der Späher; "da kommt er schon; der kann seinen Paradeschritt so wenig verändern und verstellen als ein verwöhntes Hofdamenpferd." Mit dieser Bemerkung, die einem Geräusche galt, das durch die über dem hohen Aarborde hinziehende Allee herannahte, schlüpfte er in das Haus hinein, klopfte leise an der nächsten Türe und befahl ebenso leise, daß man in die "grüne" Stube Licht bringen sollte. Hier angekommen, zog er seinen nassen Fuhrmannskittel aus, um ihn an dem warmen Ofen zu trocknen, und warf sich dann nachlässig in einen Lehnstuhl, ohne dem hübschen Wirtstöchterlein, welches das Licht hereinbrachte, mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als ein kurzes Kopfnicken auf den gebotenen Abendgruß erhiesch.

Mitteilsamer und freundlicher gestimmt schien der Neuankommende zu sein, da er auf der Treppe mit der ihm begegnenden Dirne ein angelegentliches Geflüster anspann; aber gleichwohl trat er mit fast unwirschem Gesichte in die grüne Stube und streckte seine Hand sogleich nach dem am Ofen hangenden Fuhrmannskittel aus.

"Ihr seid noch nicht lange unter Dach", sagte er, den nassen Finger zurückziehend und an einem Seidentuche abtrocknend, "mich wundert’s, wie Ihr wagen könnt, so überall herumzustreifen, Bürger Olivier."

"Hat keine Gefahr", erwiderte der so Angeredete nachlässig, "durchaus keine Gefahr, Bürger Amiel."

"Das könnt Ihr sagen und kümmert Euch dabei nicht um mich", sagte Herr v. Amiel, indem er seinen Worten einen Mittelton zwischen Strenge und Besorgnis zu geben suchte; "aber mit wem seid Ihr denn zusammen gewesen?"

"Bloß mit Unbekannten – gleichgültigem Volke."

"Ich hätte darauf geschworen, der Judenbube sei da drinnen an mir vorbeigerannt."

"Ich hab’ ihn nicht gesehen."

Bürger Olivier sagte dies mit solch ruhiger Gelassenheit, daß Herr v. Amiel seinen lauernden Blick scheinbar gleichgültig an die Zimmerdecke gleiten ließ, um sich dann gemächlich auf einen Stuhl zu setzen.

Da er sein Gesicht dem Ofen zukehrte und in dieser Stellung seinen Gedanken nachhängen zu wollen schien, sagte der andere nach einer Pause: "Ich werde Neuigkeiten von Euch erfahren, Bürger Amiel."

"Die Ihr schon zu kennen scheint."

"Ich werde sie von Euch hören."

"Nun denn", antwortete Herr v. Amiel, sich auf die schmalen Lippen beißend, "ich habe vorläufig das Brevet eines Generaladjutanten mit Majorsrang erhalten."

"Es freut mich, Euch zu diesem schnellen Avancement gratulieren zu können", sagte Olivier mit hörbarem Spotte; "aber mit dem Glückwunsche möchte ich einen Rat verbinden, und es soll mich noch mehr freuen, wenn Ihr demselben gebührende Beachtung schenkt, Bürger Amiel."

"Und das wäre?" entgegnete dieser mühsam an sich haltend, indem er das zorngerötete Gesicht vorwärts beugte, "ich bin Eure Ratschläge bereits gewohnt und höre."

"Zuerst laßt Ihr für einmal Eure Liebespossen fahren und bemüht Euch besser, den hohen Sold zu verdienen, den Ihr von uns bezieht."

"Zum Teufel", rief Herr v. Amiel auffahrend, "wie könnt Ihr mir das bieten, Bürger!"

"Ein wenig mehr Besonnenheit möchte nichts schaden, wenn uns auch der Junker v. Dießbach heute nicht behorchen wird", entgegnete Olivier mit eiskaltem Tone; "aber erinnert Euch, Ihr gabt vor, die Intrige mit dem Maler anzuspinnen, um sie rechtzeitig aufzudecken und ihre Spitze dann gegen diese gnädigen Herren zu wenden, indem Ihr dafür sorgtet, daß das Volk von der begangenen Schändlichkeit zweckdienliche Kenntnis erhielt."

"Und wer sagt, daß das nicht meine stete Absicht gewesen?" fragte Herr v. Amiel, der bei dem Namen des Junkers, wie von einem scharfen Schlage getroffen, in seinen Stuhl zurückgesunken war, mit unsicherer Stimme: "wer wagt daran zu zweifeln?"

"Ich nicht", entgegnete der andere kalt, "aber es gibt Leute – und ich rechne sie nicht einmal zu den scharfsichtigsten – die behaupten, Ihr hättet bei dem ganzen Handel keinen andern Zweck verfolgt, als Euch von einem gefährlichen Nebenbuhler zu befreien."

"Schurke", murmelte Herr v. Amiel, ohne aufzublicken.

"So viel ist sicher", fuhr der Bürger fort, "daß Ihr beim Fiasko des wüsten Aristokratenspieles unser Interesse vollständig vernachlässigtet und Eurer kleinen Herzensangelegenheit nachliefet."

"Wobei Ihr selbst mein bereitwilliger Gehilfe wart", knirschte Herr v. Amiel, "und dann sprecht, was hätte ich unter den unvorhergesehenen Verhältnissen tun können?"

"Ich half Euch – ja; einmal um zu beweisen, daß ich Euch gerne zu Gefallen lebe, wo es sein kann, dann aber, weil ich hoffte, Ihr würdet umsichtiger und tätiger sein, wenn das Püppchen für Euch aufgehoben und in Sicherheit gebracht wäre. Immerhin konnte ich dadurch verhindern, daß Ihr nicht von einem Strohwische eingewickelt wurdet. Was Ihr unter den Umständen hättet tun können? Ich gebe zu, nicht viel mehr, aber Ihr hattet diese Unmöglichkeit selbst verschuldet. Statt dafür zu sorgen, daß die Bevölkerung, namentlich die Einsaßen und Hausleute, von dem Verlaufe des Handels gehörig unterrichtet und bearbeitet würden, legtet Ihr selbst Euern Werkzeugen tiefes Schweigen auf, damit Euch die vakante Hauptmannsstelle nicht entgehe, und um diese zu behalten, hättet Ihr den Maler ganz sicher in eine Festung verschwinden und über dem Vorgange Gras wachsen lassen. Und nun bedenkt die Lächerlichkeit: Es gibt Leute, die behaupten, Ihr hättet die Kapitänsstelle keineswegs so angelegentlich ambitioniert, um im Notfalle die beste Berner Batterie unschädlich zu machen, sondern weil Ihr von dem Aberglauben befangen gewesen, ein gewisses Fräulein würde wenigstens einen Teil ihrer Neigung, die sie Euch bisher verweigert, auf Eure Uniform übertragen – wenn es nämlich diejenige ihres begünstigten Liebhabers wäre."

"Nun ist’s genug", rief Herr v. Amiel, am ganzen Leibe bebend und die Hand an seinen Degengriff legend, "sagst mir mit wenigen Worten und ohne Beleidigung Euer Begehren, oder bei meiner Ehre – "

"Auf die Ihr in meiner Gegenwart nicht zu schwören braucht", entgegnete der andere, indem er gleichgültig, scheinbar spielend den Kolben einer Pistole unter dem Wamse hervorzog; "hört mich nur ruhig an, ich bitt’ Euch, da die Hauptsache erst kommt und ich mich nicht gerne verwirren lasse. Durch all diese Missgriffe seid Ihr in eine mehr als schiefe Lage gekommen, wie Ihr am besten wißt, und aus dieser hab’ ich Euch auf mein eigenes Risiko – wohlverstanden – zu ziehen gesucht. Ich hab’ Euch Plan und Datum unseres Einmarsches in die Waadt mitgeteilt – ein Köder, der, wie ich erwartet, gehörig gezogen und Euch sogar ein hübsches Avancement beschert hat. Nein – bleibt ruhig! es handelt sich hier um den Kardinalpunkt, und ich muß denselben deutlich wiederholen, da Ihr mich bisher nicht vollständig begriffen zu haben scheint." Bürger Olivier rückte bei diesen Worten wieder ein wenig an seinem Pistolenknaufe, dann fuhr er nach kurzem Räuspern fort: "Wenn ich Euch ermächtigt habe, dem Feinde einen unserer militärischen Pläne zu verraten, bloß um Euch wieder bügelfest zu machen, so liegt es auf der Hand, daß unser Hauptinteresse nicht mehr auf dieser Seite – auf der militärischen meine ich – liegt, und in der Tat bildet sie bei der Stellung, welche die übrigen Stände der Eidgenossenschaft einnehmen, nur mehr noch eine untergeordnete Sorge. Was uns fehlt, ist nicht die gewisse Siegeszuversicht, da wir den Bernern im Notfalle die fünf- und zehnfache Macht entgegen stellen können, aber es ist der formelle und moralische Rechtstitel zum Kriege, und diesen müssen wir uns mit allen Mitteln zu verschaffen suchen. Für die Waadt besitzen wir ihn, da dort nächster Tage die allgemeine Revolution ausbrechen, dem Berner Regimente ein Ende machen und sodann die ganze Bevölkerung uns zum Schutze herbeirufen wird; dort also kommt es nicht darauf an, ob wir einen etwas stärkeren oder geringeren Widerstand finden. An andern Orten wird Ähnliches eintreten, aber auch hier sollte etwas geschehen, und dafür seid Ihr da, Bürger Amiel, und habt zu diesem Zwecke seit langer Zeit eine schöne Besoldung bezogen, mit der Aussicht auf freigebige Dankbarkeit, wenn Eure Pflichten getreulich erfüllt sind. Was bereits versäumt worden, kann nun freilich nicht mehr nachgeholt werden; aber was Ihr im Bürgerkleide unterlassen, müßt Ihr nun im Soldatenrocke gut machen, Herr Generaladjutant. Wie Ihr die Mißgriffe der gnädigen Herren gegen den Maler hättet ausbeuten sollen, beutet Ihr nun ihre Mißgriffe im Felde aus. Dem hitzigen Soldaten gegenüber deutet Ihr die Vorsicht der Führer als Furchtsamkeit, dem feigen laßt Ihr in einem mutigen Vorgehen eine nutzlose Verschwendung von Menschenleben erblicken, und vor allem denkt darauf, Verwirrung in das Verpflegungs- und Transportwesen zu bringen. Sobald der Mehrzahl dieser Milizen das gewohnte Stück Brot oder auch das volle Dutzend Patronen fehlt, so wird das bereits vorhandene Mißtrauen in volle Flammen ausschlagen, und gebt Ihr dann gelegentlich einem unserer Führer noch das Zeichen zu einem kleinen Überfalle, wird sich alles nach bestem Wunsche gestalten, und wir haben noch vor beendigtem Kampfe den Rechtstitel in Händen, der uns bis jetzt freilich nur scheinbar gefehlt hat. Tut Ihr hiefür Euer möglichstes, Bürger Amiel, so könnt Ihr darauf rechnen, daß nach geschehener Tat Euch auch jedes Mittel zur Erreichung Euerer Herzenswünsche geboten werden soll."

Der Ton des Mentors war gegen den Schluß seiner Rede freundlicher geworden, und die letzten Worte, fast in herzlicher Teilnahme gesprochen, hatten auch ihres Eindruckes auf Herrn v. Amiel nicht verfehlt. "Er weiß, wo sie ist", murmelte er leise und sagte dann, sich erhebend und seinem Gefährten näher tretend: "Ich habe nun manches von Euch hingenommen, was mir andere mit Blut bezahlt hätten, Bürger Olivier; aber es soll vergessen sein. Ihr sollt fortan über mich nicht zu klagen haben, wenn Ihr mir sagt, wo Adelaide v. Holligen sich befindet – Ihr wißt es."

"Ich?"

Wäre Herr v. Amiel nicht so vollständig von der Richtigkeit seiner Voraussetzung überzeugt gewesen, so würde ihn der Ausdruck aufrichtiger Verwunderung, mit der diese Frage gestellt war, stutzig gemacht haben; aber er kannte die fertige Verstellungskunst dieses Menschen und fuhr daher fort: "Ja, Ihr, Bürger Olivier, Ihr wißt es und habt Euch durch Nennung eines Grundes, der mir vorgestern Eure Unterstützung verschaffte, selbst verraten. Ich hatte anfänglich den Alten v. Holligen im Verdacht und fürchtete, er könnte seine Tochter aus Mißtrauen gegen mich ins Verborgene gebracht haben – möglich wär’s gewesen, daß sie etwas gemerkt hätte. Ich tat ihm aber, wie ich mich bald überzeugen mußte, unrecht, und weiß nun auch, wer die Hände im Spiel hat. Gebt mir Auskunft, Olivier – in Euerm eigenen Interesse!"

Der Bürger hatte während dieser Mitteilung die Hand über das Gesicht gelegt, als müßte er die Verlegenheit eines unerwartet Ertappten verbergen, jetzt zog er sie wieder weg und entgegnete, während noch ein verschwindendes Erröten um seine Stirne zu spielen schien: "Nun ja – ich hielt es für Pflicht, mit ruhiger Überlegung zu tun, was Ihr in Eurer blinden Leidenschaft nicht zustande bringen konntet; aber wahr ist’s, Ihr hättet vor dem Einzuge unserer Armee in Bern nichts davon erfahren sollen, um dann Sieg und Brautbett miteinander zu feiern. Da seht Ihr meine Herzensmeinung gegen Euch, wo mich die Pflicht nicht bindet."

"Sagt mir, wo sie ist", rief Herr v. Amiel, des Bürgers Hand ergreifend, "führt mich zu ihr und Ihr habt meinen ewigen Dank für Eure Tat erworben."

Olivier lächelte. "Seht, da läuft Euch schon wieder der Verstand mit dem Herzen davon. Ich habe gewünscht, Euch das Fräulein für einige Zeit aus den Augen zu rücken, damit dieselben um so sicherer und fester ein anderes Ziel erfassen. So zu handeln gebot mir die Pflicht gegen unsere Sache und Euch selbst; drum könnt Ihr nicht verlangen, meine eigene, wohlüberlegte Tat, die ohnedies mit schwerem Wagnis verbunden war, wieder auszulöschen und zunichte zu machen."

Herr v. Amiel zog seine Hand mit einem mißtrauischen Blicke zurück, doch der andere fuhr unbeirrt und herzlich fort:

"Ich kann mir denken, daß Euch ein kurzes Entsagen unbequem ist; aber Ihr habt mein Wort: das Fräulein ist zu dieser Stunde nach meiner Berechnung in vollkommener Sicherheit, und soviel an mir und denen mit mir liegt, sollt Ihr dasselbe noch am Tage der Einnahme Berns in die Arme schließen, wenn Ihr indessen Eure Pflicht getan. Seid Ihr’s zufrieden?"

"Ich muß", antwortete langsam Herr v. Amiel.

"Nun denn", sagte der Bürger, "Ihr werdet’s hoffentlich nicht bereuen, und schließlich zum handgreiflichen Beweise, daß Ihr stets auf uns zählen könnt, leg’ ich Euch auf eigene Verantwortlichkeit noch einen kleinen Equipierungsbeitrag bei. Es sind wohlgezählt dreihundert Berndublonen – vorsichtshalber."

Der freigebige Spender beobachtete mit höhnischem Lächeln, wie die Hand des Herrn v. Amiel heftig zitterte, als sie das Geld zusammenstrich, aber er schloß in dem angenommenen freundlichen Tone: "Und nun auf glückliches Wiedersehen – heute könnt Ihr sicher sein, daß ich den Weg nach Aarau sofort unter die Füße nehme; die paar Tage jedoch, die ich in Bern zugebracht, reuen mich nicht und werden hoffentlich nicht verloren sein."

Herr v. Amiel verstand den Blick, mit dem die letzten Worte begleitet waren; aber zur Antwort nickte er nur mechanisch mit dem Kopfe, um dann schweigend die Treppe hinabzugehen.

Draußen hatte sich der Wind gelegt, und der frischgefallene Schnee fiel bereits in einem wärmern Luftzuge wieder in schweren Tropfen von den Bäumen; am Himmel gingen in langsamem Zuge schwere zerrissene Wolken dahin, und aus der Tiefe quoll nur das eintönige Rauschen der Aare herauf, sonst kein Laut, soweit das Ohr reichte. Herr v. Amiel stellte sich gleich im Beginne der Allee hinter einen dicken Baumstamm, wohl in der Absicht, das Weggehen des Bürgers zu beobachten, aber bald war er in selbstvergessenes Sinnen verloren, von dem er sich in abgebrochenen Worten laute Rechnung gab. "Ob er dich täuscht? Unnütze Frage – gleichviel, du mußt gehorchen – du hast deinen Meister bald gefunden – Knecht, Knecht eines Schurken."


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