Jakob Frey
Die Waise von Holligen
Jakob Frey

 << zurück weiter >> 

XVIII

Um die schneebedeckten Kämme des Jura, die sich in langen Reihen vor den Blicken hinzogen, lag dämmernder Mondschein, und an ihrem Fuße fegte durch die Tiefe des Aartales ein kalter Nordwind. Auf dem erhöhten Ufer, dessen Bord jäh in die Wasser niedersank, standen, mit den Mündungen nach diesen Anhöhen gekehrt, die Geschütze einer Batterie aufgefahren, über deren glänzenden Röhren der Mond mit seinen beweglichen, phantastischen Lichtern spielte. Hinter ihnen, von jungen Tannen und kahlem Laubholz fast verdeckt, erhoben sich zwei Scheunen, deren rohe Balkenwände von einem verglimmenden Feuerscheine, durch den sich da und dort eine Menschengestalt bewegte, schwach gerötet wurden. Aus dem Innern der Hütten ließ sich das Geräusch rastender Pferde hören.

Vor den Geschützen am Uferrande ging mit langsamem Schritte eine Schildwache auf und nieder. Bisweilen blieb sie, den Mantel fester anziehend, stehen, um nach allen Seiten in die Nacht hinauszuhorchen oder nachdenklich nach den dämmernden Lichtstreifen zu blicken, die sich jenseits des Flusses am Fuße des Gebirges dahinzogen. Manchmal schüttelte der Mann den Kopf bei diesem Anblicke oder murmelte unwillig einige Worte und schaute dann wieder bedachtsam nach dem buschigen Hintergrunde, aus dem sich der Feuerschein kaum erkennbar vom Mondlichte abhob.

Aus diesem Hintergrunde trat ein anderer, der sich vor dem scharfen Luftzuge ebenfalls fester in seinen Mantel hüllte. "Eine ungewöhnliche Bise für diese Jahreszeit", sagte er, "wie spät haben wir, Wachtmeister?"

"Soeben hat es drüben in Selzach halb zwei geschlagen, Herr Hauptmann."

"Wäre nicht Gegenbefehl gekommen, so müßten die Bewegungen bereits begonnen haben – mit zehn Uhr ist der Waffenstillstand zu Ende gegangen. Hast du weiter nichts bemerkt?"

"Nichts", erwiderte der Wachtmeister, "nur will es mir nicht gefallen, wie es die dort drüben treiben." Er streckte die Hand aus und deutete über den Fluß talaufwärts, wo sich der Feuerschein am ausgedehntesten und hellsten zeigte. "Seit einer Stunde", fuhr er fort, "sind dort mehr als zwanzig neue Feuer angezündet worden, und zwar ganz sicher im freien Felde – das Dorf Lengnau liegt weiter hinten, die Franzosen müssen jeden Mann auf den Vorposten zählen können. Seht nur, Herr Hauptmann, auf ihrer Seite ist kein Funken bemerkbar."

"Du hast recht, es scheint dort große Sorglosigkeit zu herrschen – vielleicht durch die Nachricht von neuem Aufschube der Feindseligkeiten hervorgerufen."

Die Schildwache begann wieder ihren Schritt auf und nieder zu gehen, und der Hauptmann lehnte sich schweigend an eine Kanone. Seit dem nächtlichen Ausmarsche der Batterie aus Bern waren noch nicht anderthalb Monate vergangen, aber welch eine Zahl von Begebenheiten hatte sich in diesem Zeitraume zusammengedrängt und dem Herzen, das für des Vaterlandes Wohlergehen schlug, Kummer und Besorgnis bereitet! Und welche Geschicke mochten sich erfüllen, bevor die beginnenden Märztage ihre ersten Goldblumen auf diese Wiesenhänge streuten, die jetzt noch von dem beißenden Nordwinde bestrichen wurden! Die Blutrosen sollten wohl die Erstlinge dieses Frühlings sein.

Doch abgesehen von der allen geltenden Bedeutung der Tagesereignisse, stand Herr Rudolf manchem derselben noch in besonderer Lage gegenüber. So galt es jetzt allgemein, selbst bei den frühern Gegnern des Herrn v. Amiel, als eine ausgemachte Tatsache, daß dieser der Regierung bedeutende Dienste geleistet habe, da, was er vorausgesagt, wörtlich eingetroffen war – am 24. Januar Ausbruch der Revolution in Lausanne und Vertreibung des bernischen Landvogtes von Büren, und zwei Tage darauf Einmarsch der Franzosen in die Waadt unter General Menard. Es war zwar unleugbar daß diese Voraussagungen den Bernern nicht nur keinen äußern Vorteil, sondern eher neuen innern Schaden gebracht hatten, infolge des Geschickes, das wie ein Dämon jedes rechte Beginnen der Regierung in sein Gegenteil verkehrte. Über die gegen den Ausbruch der Revolution in Lausanne zu treffenden Vorkehren war so lange hin und her beraten worden, bis dieselben ganz überflüssig waren und der bernische Landvogt bei Nacht und Nebel als Flüchtling in seiner Vaterstadt anlangte; ebenso wurde gegen die einrückenden Franzosen kein Schuß abgefeuert, und als dieselben die Grenze überschritten, befanden sich Herr Rudolf und seine kampflustigen Kanoniere noch in Ifferten mit der striktesten Weisung, keinen Schritt weiter vorzugehen. Die bernischen Führer, die mit Recht gehofft hatten, durch einen ersten glücklich ausgeführten Schlag Mut und Begeisterung ihrer Soldaten zu wecken, sahen sich um die schönste, vielleicht einzige Gelegenheit dazu betrogen und fingen an, einer nach dem andern, sich mit dumpfer Resignation in ein Geschick zu fügen, das unabwendbar schien Wie immer bei allgemeinen Unglücksfällen, wollte auch niemand an der unersetzlichen Versäumnis schuld tragen, und jedermann fragte sowohl im Ratssaale als im Felde erstaunt oder erbittert, wie das möglich geworden sei?

Aber sollte denn Herr v. Amiel, der ebenso große Uneigennützigkeit als Einsicht und Hingebung gezeigt, all das entgelten? Wer wollte eine solche Undankbarkeit auf sich nehmen, zudem der Unermüdliche auch noch sichere Mitteilungen über eine beabsichtigte Schilderhebung in Aarau gemacht, die nur zu bald sich als richtig bestätigten. Er erhielt dafür von der Regierung ein bedeutendes Geldgeschenk und wurde dem General v. Büren, unter dessen Befehl die von Biel bis Solothurn liegenden Truppen standen, als rechte Hand beigegeben.

In dieser Lage mochte es ihm ein leichtes geworden sein, seinen heißblütigen Chef, ohne Befehl von Bern einzuholen, zu einem Zuge nach Aarau zu veranlassen, der die frühere Tatlosigkeit beschönigen sollte und freilich zur Unterwerfung des Städtchens führte, aber dafür die Verwirrung in der Oberleitung der militärischen Angelegenheiten noch vermehrte, die Gemüter einer ganzen Gegend unnützerweise erbitterte und den Franzosen endlich einen vollgültigen Vorwand zu entscheidendem Vorgehen gegen Bern in die Hände spielte. Der in Aarau residierende französische Botschafter Mengaud erklärte nämlich, er und sein Gesandtschaftspersonal seien von den in die Stadt rückenden Bernern mißhandelt und die vor seinem Hotel aufgepflanzte Trikolore beschimpft worden. Das war genug. Die feindlichen Heerscharen rückten unverweilt unter General Brüne aus der Waadt gegen Freiburg und Murten, unter Schauenburg aus dem Bistum gegen Biel und die solothurnisch-bernische Grenze vor. Die beidseitigen Truppen standen jetzt auf Schußweite Angesicht in Angesicht.

Während Herr Rudolf die möglichen Folgen dieser Vorgänge überdachte, mußten sich seine Gedanken unwillkürlich stets wieder zu seinem einstigen Widersacher v. Amiel zurückwenden. Der Mann war ihm, als sie sich zum ersten Male im Felde getroffen, mit der Ritterlichkeit eines Kampfgenossen entgegengetreten, der jeden persönlichen Streit dem gemeinsamen Zwecke zum Opfer bringt. Er hatte ihm mit offenem Gesichte und festem Drucke die Hand gereicht mit der Bitte, Vergangenes bis nach dem Austrag des Kampfes zu vergessen, wobei es alsdann an hinreichender Erklärung und Genugtuung seinerseits nicht fehlen solle; auch seither war er ihm stets mit zuvorkommender Kameradschaftlichkeit begegnet. Der Hauptmann hatte dieses Entgegenkommen um so weniger ablehnen können, als schon längst der Glaube bei ihm feststand, er habe die Veranlassung zu seiner Verhaftung auf einer Seite zu suchen, der er – ach, doch keinen Groll nachtragen durfte. Der Mann, der sogleich am Tage nach Rudolfs Befreiung sein einziges Kind vor den Blicken aller Welt verbarg, wohl nur in der Absicht, es dadurch vor dem Liebesblick eines Einzigen zu bewahren – er lag nun auch mit dem Herrn v. Amiel drinnen in Solothurn im Hauptquartier des Generals v. Büren, zum Kampfe für die Heimat gegürtet, und die Pflicht hatte ihn schon mehr als einmal mit dem Hauptmanne zusammengeführt; aber noch nie hatte er ihm einen Blick gegönnt, aus dem nicht Zorn oder gar tödlicher Haß geschaut hätte.

Herr Rudolf würde, in seinen Gedanken verloren, nicht einmal bemerkt haben, daß er zuletzt laut vor sich hingesprochen, wenn nicht der Wachtmeister näher tretend gefragt hätte: "Um Verzeihung, Herr Hauptmann, ich hab’ Euch nicht deutlich verstanden!"

"Ich habe auch nichts gesagt, Wachtmeister, nichts Dienstliches", erwiderte der Hauptmann, mit der Hand über das Gesicht fahrend; "ist zwei Uhr vorüber?"

"Noch nicht, doch kann es jeden Augenblick schlagen."

"Wirst du abgelöst?"

"In einer Stunde."

Der Hauptmann ging langsam am Ufer hinab, mit Aug’ und Ohr die schweigende Nacht durchforschend; aber kein Laut, kein Geräusch ließ sich vernehmen, außer das Rauschen der Wasser, die ihre nie endende Zwiesprache hielten. Bis an die Höhen des Weißenstein hinauf zeigten sich die flimmernden Streifen sinkender Wachtfeuer, während weiter abwärts die Kuppeln und Turmspitzen Solothurns im kalten Mondscheine emporstiegen. In dieser Stille schlugen die Gedanken des Einsamen bald wieder die Pfade ein, die sie eben verlassen hatten, und er versuchte mit aller Ruhe nach dem Grunde zu forschen, der ihn den Herrn v. Amiel unwillkürlich wieder als Todfeind betrachten ließ, so oft äußere Tatsachen auch dagegen zu sprechen schienen. War es nur die Erinnerung an die Vergangenheit dieses Mannes? Gewiß nicht allein; stand er doch jetzt wenigstens offen als Soldat denjenigen gegenüber, an denen er einst unter dem Deckmantel der Freundschaft Verrat geübt, und es konnte ja gerade diese Vergangenheit für die Ehrlichkeit seines jetzigen Handelns sprechen; oder welche Bedeutung durfte noch der einstigen Anklage Laharpes beigelegt werden, der jetzt, unter dem Schutze der feindlichen Waffen heimgekehrt, den Feind sogar selbst in die Heimat geführt hatte! Rudolf schüttelte das Haupt bekümmert, als er in Gedanken diesen Namen nannte. "Mein Verstand mag ihm wohl verzeihen", sagte er leise, "aber das Herz, das an der Jungfräulichkeit des heimatlichen Bodens hängt, wird sich nicht zum Schweigen bringen lassen."

Ein Hilferuf drang an Rudolfs Ohr, da von obwärts her eine unterdrückte Stimme ertönte: "Laß mich, ich warte, du erwürgst mich!"

Der Hauptmann lief ohne langes Besinnen am Ufer aufwärts und sah schon nach wenigen Schritten den Wachtmeister mit einem andern am äußersten Flußrande ringen. "Zurück, Wachtmeister!" rief er erschrocken, "vom Rande zurück!" Aber obwohl er in gewaltigen Sätzen mit dem letzten Worte auch fast schon die Stelle erreicht hatte, kam er doch zu spät. Kaum auf Armeslänge von ihm stürzte der eine der beiden Ringer über den jähen Uferrand, um in den aufrauschenden Wassern augenblicklich und spurlos unterzutauchen.

"Was ist das", fragte der Hauptmann aufatmend, "bist du verletzt, was hat’s gegeben?"

"Verletzt bin ich nicht", erwiderte der Wachtmeister, "aber was das eigentlich hätte werden sollen, kann ich auch nicht sagen. Der Bursche lief, sobald ich ihn packen wollte, dem Wasser zu, und drunten ist er jetzt, bei meiner armen Seele."

"Aber wie ging es denn nur zu? Ich hörte dich gar nicht anrufen!"

"Dazu hatt’ ich auch keine Zeit und Gelegenheit, Herr Hauptmann", sagte der Wachtmeister kaltblütig. "Als Ihr da am Flusse hinabginget, schaute ich Euch einen Augenblick nach, es war so still, daß ich jeden Eurer Schritte zählen konnte; aber plötzlich fuhr mir etwas zwischen die Füße, unter den Rädern hervor, wie ein Hund, der erwachend bissig wird. Zuerst glaubt’ ich auch, es sei eine solche Bestie, bis ich eine Menschengestalt zwischen die Finger bekam. Jetzt schrie das Ding, doch wie ich ein wenig losließ, stürzte es wieder dem Flusse zu und hat mir nichts zurückgelassen als dieses Zeug da: ich glaube, es ist das Wams, aus dem der Bursch geschlüpft ist, wenigstens ist ein Kragen daran."

"Sonderbar", sagte der Hauptmann, über den Uferrand gebeugt aufmerksam in den Fluß hinaushorchend; "hörst du nichts da drunten?"

"Ob ich etwas höre?" erwiderte der Wachtmeister, dem Beispiele des Hauptmanns folgend, "bei meiner Treu, seht, dort schwimmt es dem Ufer zu, schaut, schaut, jetzt klettert es schon am Gebüsch das Bord hinan."

Herr Rudolf sah im dämmernden Lichte, das auf den Wellen lag, wie sich drüben eine Gestalt aus dem Wasser hob, um schlangenartig in das Gebüsch zu kriechen. Im ersten Augenblicke hatte er rasch den Griff einer Pistole gefaßt, die neben seinem Degengurte stak; aber eine ebenso rasche Überlegung sagte ihm, daß Dunkelheit und allzu große Entfernung dem Schusse jede Sicherheit benehmen und ihn zum nutzlosen Alarmzeichen machen müßten. "Verhaltet euch ruhig!" befahl er den auf das Geräusch herbeigeeilten Kanonieren. "Einige sollen sich vor- und rückwärts um den Platz verteilen, die übrigen bleiben bei den Stücken, und du, Wachtmeister, komm mit mir, wir wollen deine Beute etwas näher besehen."

Die beiden gingen nach dem Feuer, das hinter der entferntern Scheuer in seinem wohlausgewählten Verstecke noch etwas heller brannte. Bis hieher mußte auch das Geräusch nicht gedrungen sein, wenigstens lagen da noch mehrere Kanoniere ausgestreckt, den Tornister zum Kopfkissen und den Mantel zur Decke; unter ihnen sogar nahe am Feuer der Belper-Fritz, aber nicht auf der Erde liegend, sondern nur schlaftrunken auf einem Baumstrunke sitzend. Der Hauptmann blieb vor dem leise mit dem Kopfe hin und wieder Nickenden stehen und fragte seinen Begleiter flüsternd, wo der wohl seinen Mantel habe. "Hol’ ihm denselben und bedecke seine Schultern, sonst wird er starr vor Kälte", fügte er hinzu; "wir wollen ihn nicht unnötig aufwecken." Der Wachtmeister aber deutete mit dem Finger beiseite, wo der matte Feuerschein auf ein jugendliches, schlafendes Gesicht fiel, das in den feinen zierlichen Formen seiner Züge einem Mädchen anzugehören schien. Über der ruhig atmenden Gestalt lag ein Offiziersmantel ausgebreitet; aber um Knie und Füße wickelte sich noch der Mantel aus gröberm Tuche, wie ihn Soldaten und Unteroffiziere trugen. "Den hat Fritz selbst dahin gelegt", flüsterte der Wachtmeister, "ich möcht’ ihn nicht wegnehmen, bis der Junker Lieutenant erwacht."

Der Hauptmann trat leise auf die andere Seite des Feuers, und während er einen teilnehmenden Blick nach dem Belper-Fritz hinüberwarf, konnte er trotz der Neugierde, die der Vorgang auf dem Wachtposten in ihm erweckt, seinen Gedanken nicht verwehren, einen Augenblick bei dem nähern Gegenstande zu verweilen. Der Jüngling, fast noch Knabe, der dort beiseite schlief, war ein jüngerer Bruder des ermordeten Junkers v. Dießbach und befand sich erst seit zwei Wochen bei der Kompagnie. Der alte Etzätera hatte den Einwirkungen fortwährender Todesangst, wie angestrengter Wintermärsche nicht mehr Widerstand zu leisten vermocht, und so war es für seinen Hauptmann ein aufrichtiger Trost gewesen, ihn, mit den nötigen Krankheitsgründen versehen, heimschicken zu können. Ob es nun ein freundlicher Zufall so gefügt oder ob die Achtung, die sich der tüchtige Offizier im Felde erzwang, ein Wort dazu gesprochen, gleichviel, Herr Rudolf konnte eine tiefe Bewegung nicht verbergen, als ihm zum Ersatze für den unbehilflichen furchtsamen Mann der kecke, begeisterte Knabe, der noch harmlose Bruder des toten Freundes geschickt wurde. Er fand zwar in ihm nicht die Stütze, wie sie unter Umständen notwendig werden mußte, gewiß aber hätte der junge Lieutenant der mitgebrachten eigenhändigen Empfehlung des Schultheißen nicht bedurft, um sich die wünschenswerteste Aufnahme bei dem Hauptmann und seinen neuen Kameraden zu verschaffen. Der neckische Mutwille neben der teilnehmendsten Gutmütigkeit, das bereits erwachte Selbstbewußtsein neben der zuvorkommendsten Gefälligkeit, eine unverwüstliche Heiterkeit und der frischdreinschauende Mut hatten ihn rasch zum Lieblinge der ganzen Kompagnie gemacht, während der Hauptmann in ihm das getreue Urbild des Bruders sah, wie es die Natur, vor den Trübungen der Menschenhand, einst angelegt. Auffallend aber war es, welch rührende Anhänglichkeit der Belper-Fritz von der ersten Stunde an dem jungen Lieutenant entgegenbrachte; den ganzen Tag ließ er ihn nie aus den Augen, und die Nächte durch hütete er seinen Schlaf.

Nachdem der Hauptmann unter diesen Gedanken eine Weile das vom Feuerscheine beleuchtete Bild betrachtet, fragte er den Wachtmeister leise: "Spricht der Belper-Fritz nie vom Bruder des Lieutenants?"

"Seit es ihm vom Münster zu Grabe geläutet, nie mehr, kein Wort."

"Und was hat er damals gesagt?"

"Oh", machte der Wachtmeister verlegen, "er hat, ich weiß es selbst nicht mehr recht, er hat dem Junker die ewige Ruhe gegönnt, wißt Ihr."

"Brave Seele", murmelte der Hauptmann, nachdenklich auf Fritz schauend, "wackeres Herz, das so seinen Bußtag zu feiern weiß", und als müßt’ er neu herandrängenden Gedanken mit Gewalt wehren, schüttelte er den Kopf, um dann hastig nach dem Wamse zu greifen, das der Wachtmeister in Händen hielt.

Es war ein unscheinbares Kleidungsstück aus grobem Wollentuche, wie es die Landleute der Umgegend zur Winterszeit zu tragen pflegten. In den Säcken fand sich nichts als ein Stock schwarzes Brot und ein kleines Beutelchen mit einiger kleiner Münze und einem zusammengewickelten Papierchen, in dem etwa ein Dutzend Körnchen Sägespäne lagen. Auf das Zettelchen selbst war mit grobem Stifte ein großes Pfundzeichen gemalt, vor dem die Ziffer 6 stand, und untenher am Rande fast unleserlich, wie von einem beschriebenen Blatte abgerissen, zeigte sich das Wort "Bernpulver". Weiteres ließ sich bei der genauesten Durchsuchung nicht entdecken. "Da haben wir keinen großen Fang gemacht", sagte der Hauptmann, die aufgeschnittenen Nähte des Wamses noch einmal um und um wendend, "sechs Pfund Bernpulver, dieser Dinge wegen hätte der Bursche nicht nötig gehabt, das kalte Aarbad zu nehmen."

"Vielleicht daß er sich doch nur verirrt hatte und dann Angst bekam", meinte der Wachtmeister, behutsam das Stock Brot zerbrechend, "da drin kann ich doch wenigstens auch nichts Verdächtiges entdecken; froh bin ich nur, daß er wieder aufs Trockene gekommen ist."

"Sägespäne – seltsam", erwiderte der Hauptmann, den Kopf schüttelnd; "gleichwohl machen wir dem General sofort Anzeige von dem Vorfalle, wecke den Lieutenant! Fritz kann mit ihm nach Solothurn hineinreiten!"

"Horcht, was war das?" fragte der Wachtmeister, auf seinem Wege wieder stehen bleibend, "hört Ihr’s?"

"Sie schießen", rief der Belper-Fritz, aus dem Schlafe auffahrend; "wacht auf, Junker, da habt Ihr Euern Säbelgurt!"

Der Ruf hatte mit dem Lieutenant im Augenblicke alle emporgejagt, die noch um die Scheunen lagen. Mit angehaltenem Atem horchten sie dem Knattern des Kleingewehrfeuers, das aus der Ferne, vom Gegenwinde fast verweht, das Tal herabdrang. Eine Minute später feuerte der Wachtmeister aus der ersten Piece den verabredeten Alarmschuß ab, daß die gegenüberstehenden Felswände des Jura erkrachten und den mächtigen Schall donnernd zurück in das Tal hinab warfen.


 << zurück weiter >>