Jakob Frey
Die Waise von Holligen
Jakob Frey

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XVI

"Ich fürchte, dein Verzeichnis ist nicht in Ordnung", flüsterte der Belper-Fritz seinem Kameraden zu; "sieh nur, wie der Hauptmann dreinschaut. Übrigens hätt’ ich gemeint, wär’ deine Geheimnistuerei eben nicht notwendig vor mir."

"’s ist ja auch nicht deinetwegen", erwiderte der Wachtmeister, mit besorgtem Gesichte nach dem Hauptmann blickend, der abseits an einer Kanone lehnte; "ich möcht’ nur selber wissen, ob etwas vorgefallen ist daheim im Schlosse; aber meine Mutter tat so eilfertig und geheimnisvoll, als müßte sie sich sogar vor mir in acht nehmen."

"Hat sie dir nicht gesagt – ist das Fräulein zufrieden mit uns?"

"Kein Wort; sie gab mir das Briefchen und lief, da sie von weitem den Stettler kommen sah, davon, als hätt’ sie eine Sünde begangen."

"Vielleicht ist’s auch etwas anderes", erwiderte der Belper-Fritz langsam; "sieh nur, er denkt sicher nicht mehr daran, daß er das Papier noch in der Hand hält. Kann sein, er bereut schon, dem Wacker nicht beigestanden zu haben. Doch ja – was wolltest du mir vorhin sagen darüber?"

"Ach", machte der Wachtmeister, der immer wieder nach dem Hauptmann hinüberblicken mußte, "es ist eben eine Geschichte, wie sie schon mehr vorgekommen. Ich kenne den Wacker von meiner Jugend an; aber ehemals hätt’ es einer wagen sollen, in seiner Gegenwart über die gnädigen Herrschaften zu reden, wie er’s jetzt selber tut – das würd’ schöne Händel abgesetzt haben. Im Gegenteil, früher war’s eine Liebe und Güte, namentlich mit den Stettlern."

"Mit denen? Nun, da bin ich doch begierig."

"Der Wacker hat eine Jungfer geheiratet, die lange im Hause des nächsten Verwandten des Obersten im Dienst gestanden hat und dort allem Scheine nach nur zu wohl gelitten war. Gleichviel, Wacker konnte Hochzeit und Kindbett zusammen halten; dagegen aber erhielt er zur jungen Frau zugleich von ihrer bisherigen Herrschaft das schöne große Lehen draußen am Bümplizer-Walde, wie man sagt, eigentlich ohne Zins."

"Ho ho", machte der Belper-Fritz, wie verlegen nach dem Hauptmanne hinüberblickend, "ich fang’ an zu begreifen, den dort mein’ ich."

"Anfangs ging es ganz prächtig", fuhr der Wachtmeister fort; "Wacker konnte rasch Vermögen machen, war viel in der Stadt im Hause der Stettler, und ein gewisser junger Herr noch mehr im Lehenhause. Endlich aber kam es, wie’s nicht anders kommen konnte; der Pachtzins ging in die Höhe, und als nach mancher bösen Geschichte sogar das Lehen gekündigt wurde, da taugten von dem Augenblicke an die gnädigen Herren in keinen Holzschuh mehr.’’

"Selb tan, selb g’han", schüttelte der Belper-Fritz den Kopf.

"Ja, aber siehst du", sagte der Wachtmeister, "das ist’s, was mir die neue Freiheit oft so verdächtig macht; wären nur Leute dabei wie unser Hauptmann, ich glaubte daran wie ans Evangelium, wenn ich auch manches nicht recht verstehe; aber solche Menschen!"

"Ein ehrlicher Mann weiß bald nicht mehr, was er glauben oder denken soll", entgegnete der Belper-Fritz, das Gesicht in die Hand stützend, "oben Schlechtigkeit und unten an vielen Orten nichts Besseres."

"Sieh, der Hauptmann fängt wieder an das Brieflein zu lesen. Jetzt möcht’ ich doch selbst nach Haus, um nachzusehen, was dort vorgefallen ist; ich fürcht’, wenn der gnädige Herr erfährt, welche Karte meine Mutter im vorgestrigen Spiele gespielt hat, dann ist sie die längste Zeit Schloßmüllerin gewesen.

"Und du", sagte Belper-Fritz zwischen Ernst und Scherz, "du wirst dann auch ein Herrenfeind wie der Wacker."

"Das könntest du wissen, ohne mich zu fragen", entgegnete der Wachtmeister mit einem festen Blicke auf seinen Kameraden; "was der Wacker ist, hab’ ich dir gesagt, und unser gnädiger Herr bleibt ein rechter Ehrenmann, wenn er auch noch so schwer im Unrechte war gegen den Hauptmann. Dem soll mir keiner nahe treten, und müßt’ ich betteln gehen."

"Oh", machte der Belper-Fritz lächelnd, "so bös war’s nicht gemeint, und so schlimm wird’s auch nicht kommen. Aber sieh da, was bringt unser Lieutenant? der läuft ja wie ein gehetztes Schaf."

Und in der Tat kam der Genannte keuchend und mehr auf allen Vieren als nur auf den Füßen gehend durch den Torbogen herangekollert. Weit hinten am Kopfe wackelte der stattliche Dreimaster, nur lose noch von einigen gesteiften Perückenlocken festgehalten, während der Säbel wie ein neckischer Kobold zwischen den Beinen hin- und herfuhr und im Augenblick den Fall des übelberatenen Schnelläufers herbeiführte.

Der Hauptmann, der erst durch das nur wenig unterdrückte Gelächter der Kanoniere aus seinem Sinnen aufgeweckt wurde, eilte herbei, aber der Lieutenant streckte beide Hände abwehrend aus und rief mit kläglicher Stimme: "Äh, ah, laßt mich nur liegen, wir müssen fort, heute noch, in einer Stunde, gegen die Franzosen, et – etzätera."

"Nun denn", sagte Rudolf, der sich selbst eines Lächelns nicht erwehren konnte, "das wäre hoffentlich nicht so schlimm, gottlob sind wir marschfertig; aber woher habt Ihr denn die Nachricht, Herr Lieutenant! Bitt’ Euch", fügte er, sich an das Ohr seines Stellvertreters niederbeugend, leise bei, "nehmt Euch doch zusammen, der Soldaten wegen."

"Es ist so, verlaßt Euch drauf", erwiderte der kriegerische Kürschnermeister, einen ängstlichen Blick auf die neugierig herandrängenden Kanoniere werfend, "soeben ist ein Adjutant mit der Meldung durch das vordere Tor gekommen und zum Oberst gegangen."

"Gott geb’ es!" sagte der Hauptmann mit einem hellen Aufleuchten seiner Augen; "indessen werden wir’s abwarten.

Auf euere Posten, Kameraden, und dort drüben die Caissons vorgezogen!" Der Befehl war kaum erteilt, als eine Ordonnanz erschien und die beiden Offiziere zum Obersten beschied.

Es war eine Wohltat, daß, wie ein kräftiger Donner durch schwere Dünste, eine entscheidende Nachricht in das verworrene und verbissene Getriebe fuhr und die sich trennenden Gemüter wieder zusammen nötigte. Diese günstige Wirkung empfand auch der Hauptmann schon, als er mit seinem Begleiter bei dem Obersten v. Stettler eintrat, um seine Ordre in Empfang zu nehmen. Es war, als ob der alte Soldat in der kurzen Frist, die seit der Exekution drunten im Hofe verstrichen, einen ganz andern Menschen angezogen hätte; das Gesicht schien sich verjüngt und veredelt zu haben, und die grauen Augen waren von einem warmen Feuer erfüllt. "Na, Herr Hauptmann", rief er dem Eintretenden in fast herzlichem Tone entgegen, "nun wird’s für Eure Kanoniere bald Gelegenheit geben zu zeigen, ob sie gegen die Franzosen ebensoviel Haar auf den Zähnen haben als gegen ein unbewachtes Turmtor. Nichts für ungut, ich zweifle nicht daran. Heut’ nacht schon sollt Ihr in Laupen Quartier nehmen."

"In einer Stunde können wir marschfertig sein, Herr Oberst."

Der Alte nickte beifällig. "Ich habe heute früh schon nachgesehen, wie’s in Eurem Hinterhofe steht; aber vor dem Abend wird’s schwerlich zum Marschieren kommen. Ich werde auch noch Sorge tragen, daß Eure Unteroffiziere sich anstänig beritten machen können. Fehlt sonst noch was?"

"Nein."

"Bekäm’ ich überall solche Antwort! Au revoir, mon capitaine; die nähern Weisungen werdet Ihr in zwei Stunden erhalten."

Diese kameradschaftliche Behandlungsweise konnte nicht verfehlen, auf den Hauptmann einen um so wohltuenderen Eindruck zu machen, je weniger er sie gerade von dieser Seite her erwartet hatte; aber Verstimmung und Mißtrauen hatten auch bei ihm so festen Grund gefaßt, daß er sich schon vor der Türe fragen mußte: Ist das Maske, oder steigt der Mann so rasch im Preise, da die Not droht? Der Oberst blieb mitten in der Stube stehen und hielt seinen Blick nach eine Weile fest auf die Stelle gerichtet, wo der Hauptmann gestanden hatte, dann sagte er, langsam die Hände reibend, halb für sich, halb gegen seinen Adjutanten gewendet: "Schade, daß der König nicht von Haus aus unser Handwerk erlernt hat und so ein Pinsler und nichtsnutziger Farbenreiber geworden ist. Schade, sag’ ich."

Der Herr v. Holligen trat herein.

"Wo steckt Ihr denn die ganze Zeit?" rief ihm der Oberst entgegen, "seit gestern früh hat Euch kein Mensch gesehen, und die Dießbachs sagten bloß, Ihr habt Eure Abwesenheit entschuldigen lassen. Hätte gern selbst nachgesehen, wenn nicht der Teufel an allen Ecken los wäre. Aber, aber" – fuhr der Alte leiser fort, indem er, seinem noch immer schweigenden Freunde näher tretend, in die trüben Augen blickte – "was ist’s denn eigentlich – krank? oder vielleicht die kleine Adelaide? Will nicht hoffen!"

"Nein, nein", sagte der Herr v. Holligen, mit so heftigem Kopfschütteln, als müßt’ er noch etwas anderes als die gestellte Frage verneinen oder sich sonst von einem unbequemen Drucke befreien, "wir sind gesund – beide."

"Nun, freut mich herzlich", erwiderte der andere zögernd, "aber Ihr seht wirklich zum Verwundern angegriffen aus."

"Schlaflosigkeit, weiter nichts, und eben erst von einer Fahrt zurückgekommen – es wird sich schon legen, wenn ich erst etwas gefrühstückt habe." Der alte Herr schüttelte sich und fuhr mit beiden Händen über das Gesicht, wie der sonst Kräftige tut, um sich von den Folgen einer unbedeutenden Nachtstrapaze zu befreien; gleichwohl hatte die Stimme nicht ihren gewohnten Klang und schien vielmehr fast mit mühsamem Zorne aus der Brust herausgestoßen, als er fortfuhr: "Drum nichts mehr von dem – oder ein anderes Mal vielleicht. Aber was geht denn vor hier? Drunten im Hofe rufen die Kanoniere mit so lautem Hallo, sie werden heute noch marschieren, daß ich’s auf der Straße hören konnte."

"Versteht sich", sagte der Oberst langsam, während sein Blick noch fortwährend betroffen an dem fahlen, scheinbar um Jahre gealterten Gesichte seines Freundes hing’ "versteht sich, marschieren die heute."

"Aber so sprecht doch!" rief der Herr v. Holligen ungeduldig, "ich weiß ja nichts davon; was ist denn vorgefallen wahrend meiner kurzen Abwesenheit?"

"Richtig, richtig", sagte der Oberst, nun seinerseits rasch mit der Hand über das Gesicht fahrend, "ich hab’ im Augenblick gar nicht daran gedacht, daß Ihr das noch nicht wissen werdet – bitt’ um Verzeihung, Kamerad. In höchstens fünf bis sechs Tagen rückt General Menard, der sein Hauptquartier gegenwärtig in Fernex hat, in der Waadt ein. Wir haben die höchste Zeit, ihm unsere sämtlichen disponiblen Kräfte entgegenzuwerfen."

"Was Ihr nicht sagt", rief der Herr v. Holligen, verwundert den Kopf schüttelnd, "Ihr sprecht ja mit einer Zuversicht von den Absichten des Feindes, als hättet Ihr selbst in seinem Kriegsrate gesessen."

"Vielleicht – ich weiß aber noch mehr. Menard will den Einmarsch mit 12,000 Mann bewerkstelligen, und tritt kein Hindernis ein, so beginnt derselbe in sechs Tagen – eben am 26. Jänner in der Morgenfrühe."

"Zum Scherzen bin ich im Augenblicke wahrhaftig wenig aufgelegt", antwortete der Holliger unwillig; "es sind ja neue, wenn auch unnütze Unterhandlungen angeknüpft."

"Schon recht, Freund; der Scherz ist auch nicht meine Sache, am wenigsten Euch gegenüber. Aber könnt Ihr denn gar nicht denken, woher ich mein zuversichtliches Wissen habe?"

Der Herr v. Holligen schüttelte den Kopf. "Wenn uns der Zufall nicht gewogener ist, als es Herr v. Amiel nach der schnöden Behandlung, die ihm widerfahren, sein kann – nein habt Ihr ihn nicht gesprochen seit vorgestern?"

"Ich habe", nickte der Oberst schmunzelnd; "es geht Euch wie mir, ich hatte keinem Manne solche Selbstverleugnung zugetraut. Die Nachrichten sind von ihm."

"Nicht möglich!"

"Er war ihnen schon auf der Spur, wahrend wir über die Wiedereinsetzung des König debattierten, und kam erst gegen Morgen in die Stadt zurück. Als er den gefaßten Beschluß, der ihn seiner kaum angetretenen Kapitänstelle enthoben, erfuhr, sagte er kaltblütig: "Um so besser; nun kann ich unbehindert einer größeren Pflicht nachgehen. Er ließ augenblicklich satteln und ist vor kaum einer halben Stunden mit dem glücklichen Resultat seiner Nachforschungen zurückgekehrt. Sicher haben Roß und Reiter seither wenig Rast gemacht."

"Wenn er wüßte, welch schmählicher Verdacht unterdessen in meinem Hause gegen ihn ausgesprochen worden", murmelte der Herr v. Holligen, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend; laut aber sagte er nach einer Pause: "Wäre der Mann nicht in jeder Ader ein Edelmann, so müßte man auf den Gedanken kommen, er wolle uns einen Streich zur Revanche spielen."

"Wär’ ihm bei meiner Ehre nicht übel zu nehmen", entgegnete der Oberst, nachdenklich auf und nieder schreitend, "aber seine Angaben sind derart, daß sie keinen Zweifel übrig lassen, und wir haben jetzt nur zu sehen, wie wir ihm gebührende Satisfaktion verschaffen. Übrigens hab’ ich schon früher gesagt, daß er als einfacher Kapitän nicht am Platze sei."

"Er wünschte die Stelle, weil sie eben ledig war, aus purer Bescheidenheit. Aber da fällt mir etwas ein", fuhr der Herr v. Holligen nach einigem Besinnen fort; "vorgestern wurde mein unglücklicher Vetter v. Dießbach vergeblich als Chef eines Brigadestabes vorgeschlagen; das könnten wir dem Herrn v. Amiel um so eher anbieten, als er in dieser Stelle nicht die Unannehmlichkeit eines unmittelbaren Verkehrs mit dem mißtrauischen gemeinen Mann hätte."

"Einverstanden, vollkommen einverstanden", pflichtete der Oberst bei, "und wißt Ihr was? wir gehen gleich nach dem Rathause, die Sache in Anregung zu bringen. Sacre-bleu – ich möchte nicht gern Widerstand finden dabei."

Als die beiden alten Herren unter das äußere Kasernentor gelangten, fanden sie die Straße von einer wogenden Menge bedeckt, welche die bereits längs der Mauer aufgefahrenen Geschütze der Batterie mit bewunderndem oder scheuem Blicke betrachtete. Aus dem Hinterhofe schleppten die stämmigen Kanoniere schwere Munitionswagen herbei, um sie ebenfalls spannfertig aufzustellen.

"Gleichviel", sagte der Oberst stehend bleibend, "ein flinker Geselle ist der König und weiß seinen Leuten teufelmäßigen Willen beizubringen." Der Herr v. Holligen schwieg zu diesem Lobspruche; aber als er den Hauptmann aus dem hinteren Hoftor treten sah, wendete er sich ab, mit raschem Schritte auf die Straße gehend, und den ehrerbietigen Gruß, den ihm dort der Wachtmeister bot, erwiderte er mit einem kaum bemerklichen Kopfnicken.

"Nun gäb’ ich aber doch viel drum, wenn ich noch eine Viertelstunde heim könnte vor dem Abmarsche", sagte Christen, seinem Lehensherrn verwundert und bekümmert nachblickend; "mag’s gegeben haben, was es will, ich wär’ ruhiger, wenn ich’s wüßte. Der alte Herr sieht auch gar elend aus."

"Wahr ist es", bestätigte der Belper-Fritz, "und große Freude scheint ihm dein Anblick nicht gemacht zu haben, mir war’s, als ob ein kurioses Zucken um seinen Mund ginge, als du ihn grüßtest."

"Mit mir mag er’s halten, wie er will", entgegnete der Wachtmeister, "wenn nur meine Mutter – aber gewiß ist sie heute so schnell wieder fortgegangen, um mir nichts Schlimmes sagen zu müssen."

"Sieh, dort kommt sie selber hinter den Leuten herunter – guck, sie ist hinter dem dicken Metzger stehen geblieben und schaut ihm über die Achsel nach uns herüber – sie sucht dich mit den Augen."

"Wahrhaftig – sie winkt mir."

"Geh’ du nur da an der Ecke herum", flüsterte der Belper-Fritz, "ich will dich schon entschuldigen, wenn der Hauptmann nach dir fragen sollte."

Die Müllerin verschwand auf ein gegebenes Zeichen ebenfalls an der Kasernenmauer hinunter, aber der Belper-Fritz hatte auf die Rückkehr seines Kameraden nicht lange zu warten. "Hoffentlich keine schlimmen Nachrichten!" rief er dem Herankommenden entgegen, "du hast dir unnützen Kummer gemacht."

"Wie man will", antwortete Christen leise; "das Fräulein ist fort, wahrscheinlich in der Nacht, und niemand will über ihr Wie und Wohin Bescheid wissen. Es wird wohl schlimm hergegangen sein zwischen ihr und dem Vater; heute morgen fand meine Mutter ein Seidentüchlein vor unserer Türe und darin das Brieflein an den Hauptmann eingewickelt. Wären wir einmal fort von hier."

Es vergingen indessen noch Stunden, bevor dieser Wunsch seiner Erfüllung nahte, und bereits kam die kaltfeuchte Dämmerung heran, als sich der dumpfrollende Zug in Bewegung setzte.

Als die kleine Anhöhe an der Freiburgerstraße erreicht war, über die in vergangenen Tagen so mancher kampfmutige Schlachthaufe ausgezogen und siegesfroh zurückgekehrt war, mußte sich mancher Blick linksab nach dem Schlosse wenden, das, von keinem Laute belebt und von keinem Lichtlein erhellt, aus den dunkeln Wiesengründen aufstieg. "Ein Riesengrabmal" – ging es bei diesem Anblicke durch Rudolfs Seele – "nicht zu groß für vergangenes, einst geträumtes Glück;" aber wie sich zum Troste rief er unwillkürlich mit lauter Stimme in das Rasseln der Räder: "Entsagen und Hoffen" bleibe dein Wahlspruch!"

Das waren die zwei Worte, die heute Adelaidens Briefchen enthalten hatte.

Einen Augenblick darauf ertönte Kommandoruf, und der Zug rollte im Trabe in die Nacht hinaus.


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