Jakob Frey
Die Waise von Holligen
Jakob Frey

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VI

Regen und feuchtes Schneegestöber verdüsterten abwechselnd den Morgen, durch den die Kanoniere von allen Seiten her nach Bern zogen – manche in kleinen Gruppen, andere vereinzelt, von einem jungen Weibe mit verweinten Augen, einem alten Manne oder einem Mütterchen begleitet. das ein Bündelchen unter dem Arme trug; aber die meisten wohl ebenso trübe wie der mühsam aufdämmernde Tag. Selbst diejenigen, denen keine lieben Herzangehörigen das Scheiden schwer gemacht, zogen still ihre Straße, und wo sie auf Kameraden trafen, mußte das Gespräch bald wieder einem brütenden Sinnen Raum geben. "Hast du nichts gehört – weiß man noch nichts von unserem Hauptmann?" – "Nein, nichts der hat uns bei der Herbstmusterung zum letztenmal kommandiert – der brave Mann!" Mit solcher kurzer Rede und Antwort ward’s wieder still, und nur nach langer Pause kam die Frage, wer nun wohl die Batterie führen werde; doch auch darüber wußte keiner Auskunft, und das Gespräch geriet abermals ins Stocken.

Als der Belper-Fritz mit noch einem Kameraden auf der Höhe des Muristaldens anlangte, blieb er nachdenklich stehen, um nach der Stadt hinüberzuschauen, die mit schwarzgrauen Mauern und Türmen jenseits des Flusses aufragte. Mir ist’s immer, Ruedi", sagte er zu seinem Gefährten, "als müßt’ mir da drinnen ein größeres Unglück begegnen als im Kriege selbst. Es friert mich bis ins Herz hinein, wenn ich diese Häuser und Mauern nur ansehen muß." "Das kommt immer noch vom Mädeli her", erwiderte der andere, ein schöner, kräftiger Bursche, "aber das mußt du jetzt vergessen, Fritz; solch schwere Gedanken tun nicht gut ins Feld."

"Kannst du’s denn selbst vergessen?" fragte Fritz leise, sich wieder langsam zum Gehen anschickend; "glaubst, ich meine, du seiest des Krieges wegen seit Neujahr so still geworden?"

"Ach Gott, wir müssen uns dreinfügen, Fritz", antwortete Ruedi mit sichtlicher Bekümmernis, "du weißt wohl, wie mir’s war, als das Mädeli durchaus in einen Stadtdienst wollte – wir hätten ja bei mir daheim genug zu leben und arbeiten gehabt. Aber sieh, wär’s damals anders geworden, ich weiß nicht, mit welchem Herzen ich jetzt in den Krieg ziehen sollte. Gib mir die Hand, Fritz, wir wollen treu zusammenhalten, was kommen mag."

Hand in Hand zogen die beiden durch das Tor über die Brücke, an deren Quaderpfeilern die Aare ihre trüb angeschwollenen Wasser brach. Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, schritten sie die Stadt aufwärts nach der Kreuzgasse, dem bestimmten Sammelplatze, aber da war’s noch menschenleer, und die alte Uhr am Rathause zeigte erst die zehnte Stunde. "Wir sind noch lange zu früh", sagte Ruedi, "und die anderen werden auch lieber im "goldenen Rinde" als bei dem Wetter hier im Freien warten."

In dem weiten Raume zum "goldenen Rind", der mit seinem rot geschnittenen Täfelwerke und den schmalen, tief in die Mauer gekerbten Fenstern ein kasernenartiges Aussehen hatte, wogte bereits fast die gesamte Mannschaft der Kompagnie durcheinander – mannhafte, breitschultrige Gestalten mit trotzig-kecken Gesichtern, von denen der letzte Zug wehmütigen Trennungsschmerzes verschwunden war. Die alten Mütterlein, die ihre Liebe bis hierher geleitet, saßen unbeachtet da und dort in einem Winkel zusammengedrängt, noch immerdar sorgsam das Leinwandsäcklein hütend, in dem sie eine rührend gemeinte Reisespende mitgebracht, aber aus ihrer Bekümmernis zugleich verwundert auf ihre Lieblinge schauend, die, wie von einem mächtigen Geiste ergriffen, plötzlich umgewandelt erschienen. Und es war wohl auch ein mächtiger Geist, der nie ausbleibt, wo die unverdorbenen Kinder eines Volkes im Gefühle bedrohten oder gekränkten Rechtes zusammenstehen.

"Habt Ihr’s schon gehört – von unserem neuen Hauptmanne?" rief’s den beiden Eintretenden entgegen, indem sich von allen Seiten Hände und volle Gläser zum Willkomm erhoben; "kennt einer von Euch den Herrn?" "Nichts – kein Wort, was ist’s denn?" fragten die beiden aus einem Munde, und nun ergoß sich die Belehrung wie ein aufgestauter Fluß, dessen Schleuse geöffnet wird, daß ein wildfremder, ein hergelaufener Franzose, den höchstens der Holliger Wachtmeister gelegentlich von weitem gesehen, die Batterie ins Feld führen solle. "Das geht nicht", sagte der Belper-Fritz nach kurzem Besinnen, "das darf nicht sein, Kameraden; so wenig wir eine Katz’ im Sack kaufen, ebensowenig werden wir uns selbst im Sacke verkaufen." "Er hat recht", rief es ihm entgegen; "hörst, Wachtmeister, er ist unserer Meinung und doch weiß er noch nicht einmal, was der Franzose an unserem Hauptmanne getan haben soll."

Der Belper-Fritz bemerkte nun erst den Wachtmeister, der, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, ruhig über das Gedränge wegschaute; er bahnte sich rasch einen Weg zu dem wertgehaltenen Kameraden, um dessen Ansicht genauer zu erfahren. Aber während die beiden ein Zwiegespräch anfingen, gingen die aufgeregten Meinungen der anderen immer lauter und ungestümer durcheinander. "Wir rücken nicht auf den Sammelplatz", erhob sich eine Stimme; "die Unteroffiziere sollen zu den gnädigen Herren der Kriegskommission gehen und in unserem Namen einen anderen Hauptmann verlangen, den wir kennen und Zu dem wir Vertrauen haben können." "Der hat recht, das ist auch meine Meinung", rief es, bis ein anderer – es war einer von denen, die gestern abend dem Judenbuben so übel mitgespielt – noch lauter schrie: "Nichts mehr von den gnädigen Herren, wir haben schon gesehen, wie sie’s mit uns meinen; wir wählen den Hauptmann selbst, der uns gefällt, wir sind jetzt Meister", und kaum war diese Meinung ausgesprochen, als ihr auch schon von allen Seiten mit lautem Geschrei zugestimmt wurde. "So kann’s nicht länger gehen, wenn wir nicht Schande erleben wollen", sagte der Wachtmeister zum Belper-Fritz, indem er rasch auf eine Bank stieg; "hilf mir, wenn’s nötig wird! Hört, Kameraden!" rief er und fuhr dann, als sich der Lärm gelegt, in ernstem Tone fort: "Was würde wohl unser seliger Hauptmann sagen, wenn er uns jetzt sehen könnte? Wollen wir ihm noch im Grabe Schande machen? War es nicht stets sein erstes Wort, Gehorsam sei des Soldaten Pflicht? Und was hat er uns hier an diesem Tische am Altjahrsabend als sein letztes Wort gesagt? Zuerst redlich unsere Pflicht getan und dann das Recht begehrt! Unsere Pflicht aber ist es jetzt, denen zu gehorchen, die uns zum Befehlen bestimmt sind. Wir ziehen sofort auf den Sammelplatz und vernehmen dort, was kommen und geschehen soll."

Diesen Worten folgte nur ein leises, halb beschämtes Gerede, und als der Belper-Fritz laut sagte: "Ja, so würde unser Hauptmann gesprochen haben; mir ist’s, ich hätt’ ihn selbst gehört", drängten die Kanoniere von allen Seiten heran, um dem Wachtmeister mit schweigendem Händereichen ihre Beistimmung auszudrücken. Bald schmetterte an der Stadtmauer herab der wohlbekannte Sammelruf einer Trompete, und die Mannschaft tummelte sich rasch zum Aufbruche.

"Ich bin zwar des neuen Hauptmanns wegen nicht ganz deiner Meinung", sagte der Belper-Fritz zum Wachtmeister, als sie miteinander nach dem Sammelplatze die Stadt hinabgingen, "die Sache kommt mir verdächtig genug vor; aber für einmal war dein Rat doch wohl das Beste."

"Meine ganze Ansicht ist auch nur die", erwiderte der Holliger-Christen, "daß wir uns nichts vergeben und vorerst unsere Pflicht tun; daneben sollen wir freilich die Augen offen behalten, sind wir ja doch auch keine Kinder mehr. Was ich aber fragen wollte: habt Ihr noch keine Nachrichten über Mädeli, deine Schwester, mein’ ich?"

"Nein, gar keine", antwortete Fritz leise.

Die beiden kamen schweigend zur Kreuzgasse, wo sich trotz der unfreundlichen Witterung ein dichtes Gedränge Neugieriger gesammelt hatte, um die einrückenden Kanoniere in Augenschein zu nehmen. Der alte Lieutenant Jenni, ein durch seine Wohlbeleibtheit fast unbehilflicher Mann, sonst seines Zeichens ein ehrbarer bürgerlicher Kürschnermeister, saß bereits zu Pferde und bemühte sich, die anlangende Mannschaft in Reih und Glied aufzustellen; die bequeme Haltung jedoch, mit der seinen Anordnungen Folge geleistet wurde, mußte wohl auch den Zuschauern ein bedenkliches Zeugnis über das Ansehen ablegen, dessen er trotz seines Eifers bei den Soldaten sich zu erfreuen hatte.

Drüben an der breiten Treppe des Rathauses, das mit seiner Front durch die kurze Seitengasse herüberschaute, standen drei gesattelte Pferde, nach denen sich neugierig alle Blicke richteten, und nicht lange, so wurden dieselben von drei Reitern bestiegen, die in voller Uniform herantrabten.

"Ist das der neue Hauptmann?" fragte der Belper-Fritz leise den neben ihm stehenden Wachtmeister. "Ja, der ist’s, in der Mitte, zwischen dem Obersten Stettler und meinem gnädigen Herrn", kam ebenso leise die Antwort zurück, und im nämlichen Augenblick ertönte das heisere Kommando des Lieutenants zum Ziehen und Präsentieren des Seitengewehres. Die Herren ritten langsam die Front hinunter, um, wieder zurückkehrend, der Mitte gegenüber Halt zu machen, während der Lieutenant, in sichtlicher Verlegenheit, sich anstrengte, sein ungefüges Pferd neben den Wachtmeister zu bringen, der stramm und ruhig am Ende des rechten Flügels stand. Der Oberst v. Stettler ließ seine Blicke noch einmal über die Reihen laufen, schob dann die Schlaufe seines mächtigen Rohrstockes, der ihm am rechten Arme hing, gemächlich gegen das Ellbogengelenk zurück, berührte mit der Hand den runden Hut, der wie eine schwarze gezackte Wolke über einer schneebedeckten Bergspitze auf seinem Puderkopfe saß, und rief dann mit scharfer, weithin tönender Stimme: "Soldaten! Im Namen und Auftrag euerer gnädigen Herren und Obern stell’ ich euch hier euern Hauptmann vor. Ihr kennt euere Pflicht. Vor allem vergeßt nicht, daß er vor dem Feinde das Recht über Leben und Tod jedes einzelnen hat, wonach sich zu richten ist." Der Redner ließ die Schlaufe seines Rohrstockes wieder genau zum rechten Handgelenke hervorgleiten und wendete das Pferd zum Davonreiten, während der Herr v. Holligen mißvergnügte Blicke nach ihm warf, in Verlegenheit mit sich kämpfend, ob es besser sei, diese ungeschickte Rede durch einige herzliche Worte an die Mannschaft sogleich wieder gut zu machen oder aber dieses Geschäft dem Hauptmann selbst zu überlassen. Da plötzlich erscholl aus der hinten stehenden Menge der Ruf: "Wo ist der alte Hauptmann – der König, hingekommen?" Wie auf einen Schlag wendeten die Herren ihre Pferde, aber die Menge wendete ihre Köpfe ebenfalls rückwärts, als wäre der Ruf von der Straße heraufgekommen, wo doch keine Seele zu sehen war. "Wer macht da Lärm?" rief der Oberst v. Stettler, indem er seinen Rohrstock hoch empor schwang; aber wie zur raschen Antwort ertönte der Ruf von der entgegengesetzten Seite: "Wo ist der Hauptmann König?" Der Oberst riß sein Pferd nach dieser Richtung herum, scharf auf die Menge einreitend und ihr zuherrschend: "Ich will einmal sehen, ob der Halunke nicht zu finden ist." Das Volk wich vor diesem unerwarteten Anpralle auseinander, bis ein Knabe, der im Gedränge umgefallen und vor die Füße des Pferdes geraten war, sein Geschrei erhob; aber jetzt erscholl eine tiefe Stimme: "Zurück da!" und wie auf einen mächtigen Druck schloß sich der Haufe wieder zusammen, den Obersten drohend umgebend. Er wollte verwundert, doch unerschrocken, nach seinem Rohrstocke greifen, als ihm der Herr v. Holligen zu Hilfe kam, der in freundlichem Tone rief: "Macht Platz da, ihr guten Leute, daß wir durch können!" Im Augenblick war diesen Worten Folge geleistet, und die beiden Herren ritten wieder nach dem Rathause zurück, der Oberst v. Stettler mit offenbarem Widerstreben. "Um Gotteswillen, geht, geht!" flüsterte der Herr v. Holligen, "Euere unbedachtsame Hitze könnte Volk und Soldaten in Aufruhr versetzen; vorwärts, sag’ ich." "Das ist’s, da haben wir’s", erwiderte der alte Soldat, sich nur mühsam bemeisternd, "Ihr nötigt der Kanaille keinen Respekt auf und laßt sie gewähren. Das wird mir endlich saubere Geschichten absetzen, aber meinetwegen, zum Teufel, ich komm’ ja schon, quetscht mir nur den linken Fuß nicht mit Euerem Tiere." An der Rathaustreppe wäre der Herr v. Holligen gerne wieder zurückgekehrt, um mit freundlichen Worten den üblen Eindruck zu verwischen, welchen der Vorgang auf die Kanoniere hervorgebracht haben mochte; aber mit Vergnügen bemerkte er, daß sich der Hauptmann mit seiner Mannschaft bereits in Rapport gesetzt und sich von jedem Einzelnen mit lauter Stimme den Namen nennen ließ.

In der Tat hatte sich Herr v. Amiel rasch in die Szene versetzt. Die Sicherheit seines Auftretens würde auch ihre Wirkung nicht verfehlt haben, hätte ihm nicht eine so üble Stimmung entgegengestanden. Er ließ sich indessen durch die argwöhnischen Blicke, die ihm überall begegneten, nicht beirren, traf mit scheinbarer Ruhe seine Anordnungen und teilte den Soldaten mit, daß sie noch einige Tage in der Stadt einquartiert würden.

Während er sich jedoch anschickte, die weiteren Befehle zu erteilen, kam durch die Seitengasse vom Münsterplatze her ein schwarzgekleideter Mann, der, in der Nähe der Soldaten stehen bleibend, mit feierlicher Stimme ausrief, daß morgen um neun Uhr die Leiche der Mädeli Messer zur Erde bestattet werde.

"Was sagt er?" rief der Belper-Fritz erbleichend, und ohne eine Antwort abzuwarten, stürzte er aus der Reihe, die Zuschauer durchbrechend, dem Ausrufer entgegen. Nach hastig mit demselben gewechselten Worten rannte er an seinen Kameraden vorüber dem Rathause zu, kaum beachtend, daß Ruedi seinen Posten ebenfalls verlassen und ihm mit geflügelten Schritten nachfolgte. "Was soll das bedeuten?" rief Herr v. Amiel zornig, "warum laufen die Bursche davon?" "Herr Hauptmann", erwiderte der Wachtmeister bewegt, "ich glaube, die Ausgerufene war die Schwester meines Nebenmannes."

"Was geht das den Dienst an ohne Urlaubsbegehren", sagte der Hauptmann barsch; "Ihr, Wachtmeister, nehmt sogleich vier Mann, sucht die beiden auf und bringt sie in Arrest. Nach vollzogenem Befehl werdet Ihr mir in meiner Wohnung Rapport abstatten."

Der Wachtmeister legte einen Augenblick die Hand vor die Augen; aber nach kurzem Besinnen trat er aus dem Gliede, kommandierte vier Mann, ihm zu folgen, und marschierte auf dem nämlichen Wege mit ihnen ab, den der Belper-Fritz und Ruedi eingeschlagen hatten.

Obwohl der Eifer für die Einfangung ihrer Kameraden bei den Beauftragten kein allzu warmer war, mußten sie doch bald ans Ziel gelangen. Nicht weit unterhalb des Rathauses stand eine Gruppe Neugieriger auf der Straße, die verwundert nach einer niedrigen Haustüre blickten, durch welche die flüchtigen Kanoniere verschwunden waren. Nach kurzer Anfrage folgte ihnen der Wachtmeister mit seinen Gefährten, und kaum waren sie in den dunkeln Hausgang getreten, diente ihnen auch schon die Stimme des Belper-Fritz zum Führer, der in herzerschütterndem Schmerzenstone den Namen seiner Schwester rief. "Daß Gott erbarm’", sagte Christen, oben an der kleinen Treppe stehen bleibend, "das wird uns eine schwere Arbeit werden; ich wollt’ fast lieber, ich hätt’ den Auftrag rundweg abgeschlagen und die Folgen über mich ergehen lassen." "Darum brauchen wir ihn auch nicht zu vollziehen", meinte einer der Kanoniere, "wir sagen, es sei nichts zu finden gewesen. Der Fritz jammerte ja da drinnen, daß einem das Herz brechen möchte." "Nein", entgegnete der Wachtmeister, "das würde nur den Kameraden und uns Schaden bringen, aber wartet hier vor der Türe, ich will zuerst allein nachsehen und mit ihnen sprechen."

Als Christen in die Stube getreten war, zog er mit dem ehrfurchtsvollen Schauer, die der Tote dem Lebenden einflößt, den Hut vom Haupte und näherte sich dem Bette, auf dem die zum letzten Gange geschmückte Leiche lag. Der Belper-Fritz hatte sie halb aufgerichtet mit beiden Armen umfaßt, unaufhörlich ihren Namen rufend, während Ruedi vorgebeugt, mit gefalteten Händen über das untere Bettende lehnte und, selbst totenbleich, auf das tote Antlitz starrte. Es war immer noch schön und herzbewegend, dieses Antlitz. "War Mädeli bei dir?" fragte Christen die Alte, die, über das plötzliche Erscheinen der Soldaten vor Angst zitternd, auf einem Stuhle saß, ist es hier gestorben?" "Ja, Herr", antwortete sie jammernd, "aber um Gotteswillen, laßt mir nichts geschehen! Ich bin an allem unschuldig und ich will alles sagen, was ich weiß. Ich hab’ auch schon heute früh zu seinen Eltern nach Belp geschickt, und sie können jeden Augenblick anlangen. O Herr, laßt mir nichts geschehen, ich hab’ alles getan für das arme Geschöpf."

Sie war mit ihren Bitten und Klagen noch nicht zu Ende, als, von dem abgesendeten Boten geleitet, die kummergebeugten Eltern eintraten, um im Tode wieder zu finden, was sie im Leben mit fruchtloser Sorge gesucht hatten. Nachdem der erste Schmerz des traurigen Wiedersehens einer mildern Trauer gewichen, erzählte die Alte, wie und auf welche Weise Mädeli zu ihr gekommen, wie es selbst fortwährend jede Benachrichtigung an die Seinigen beharrlich abgelehnt und sich verborgen gehalten habe und dann so unerwartet vom Tode überrascht worden sei. Nur über das arme Würmlein, beteuerte sie, keine Auskunft geben zu können, und wohin dasselbe gekommen’ möge einzig der Junker Dießbach wissen und der – Judenbube.

Belper-Fritz hatte der Erzählung schweigend zugehört und, als er nun auch den Auftrag des Wachtmeisters vernommen, sagte er bloß: "Jetzt kann ich schon mit dir kommen, da Vater und Mutter das letzte besorgen mögen." Er schaute noch eine stumme Weile auf die tote Schwester, deckte ein weißes Tüchlein über ihr Antlitz und folgte dann nach wortlosem Abschiede von den Eltern mit Ruedi seinen Waffengefährten.

"Ich werde dem Hauptmann getreuen Bericht über das Vorgefallene abstatten", sagte der Wachtmeister wehmütig, als sie miteinander die Stadt hinaufschritten, "und hoffentlich wird er den Arrest sogleich aufheben – wenigstens wenn er ein Herz im Leibe hat."

"Tu das nicht – heute noch nicht", erwiderte Belper-Fritz, "ich bin jetzt lieber allein als mit den übrigen zusammen, und Ruedi wird’s wohl auch so sein. Oh, wär’ noch Eins getan, möcht’ ich am liebsten unterm Boden sein."

In der Kaserne, wohin sie gegangen, zeigte sich indessen ein Hindernis für die Unterbringung der beiden Straffälligen. Alle Räumlichkeiten waren von der Infanterie in Beschlag genommen, und der kommandierende Offizier verweigerte entschieden die Aufnahme der Ankömmlinge; dagegen gab er dem Wachtmeister eine Weisung an den Schließer des Marterturmes, damit die beiden Arrestanten vorerst dort ein Nachtquartier beziehen könnten. Als sie, an der Stadtmauer hingehend, zum "goldenen Rind" kamen, meinte ein Mann der unfreiwilligen Eskorte, es wäre wohl kein Verbrechen, wenn sie vorher noch ein Glas Wein zusammen trinken würden. "Ich mag jetzt keinen Wein", sagte Belper-Fritz, "kommt vorwärts!" "Aber eine Flasche wollt’ ich doch für Euch mitnehmen", entgegnete der Wachtmeister; "die Nacht ist lang, und schlafen werdet Ihr allem Anscheine nach auch nicht viel." "Ich danke dir", erwiderte Ruedi, der bis jetzt noch keinen Laut von sich gegeben hatte; "auch ich mag nicht trinken und hab’ es wie Fritz, ich möcht’ am liebsten allein im Finstern und Stillen sein."

Dieser Wunsch war nun bald erfüllt. Zwar brummte der Schließer des Marterturmes, daß es sich wohl der Mühe lohnte, wenn er nicht andere Vögel als diese da zu hüten hätte; doch schloß er gleich neben dem schwer verriegelten Eingange ein dunkles Kämmerchen auf, in das die Arrestanten eintraten. Die Eskorte schritt schweigend an der Mauer zurück, um am Christoffelturme auseinanderzugehen, die Soldaten ihre Quartiere aufsuchend, der Wachtmeister, um seinen Rapport abzustatten.


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