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Einundzwanzigstes Kapitel.

Nichts mehr als dies – rund um das Riesenwrack,
Streckt kahl dahin sich endlos und verlassen
Des Sandes Ebne.

Shelley.

 

Wie man sich erinnern wird, hatte Kapitän Truck, weil er wohl wußte, wie wichtig für den glücklichen Erfolg seines Unternehmens ein rasches Handeln war, keinen Matrosen, mit Ausnahme des Stewards Saunders keinen Diener – mit einem Worte keine Männer in dem Schiffe zurückgelassen, als die beiden Herren Effingham, Mr. Sharp, Mr. Blunt und die eben vorhin erwähnte Person. Fügen wir noch Eva Effingham, Mademoiselle Viefville, Anna Sidley und eine französische Femme de chambre bei, so ist die ganze Gesellschaft aufgezählt. Der Kapitän hatte anfangs einen seiner Maten zurücklassen wollen; ermuthigt jedoch durch den sicheren Ankergrund, die Kraft seiner Festlegungsmittel, die Kahlheit seines Schiffes, gegen die Wind und Wellen wenig ausrichten konnten, den Schutz, welchen das Riff bot und die zuversichtliche Ueberzeugung zu den Kenntnissen Mr. Blunts, welcher im Laufe der Fahrt zu verschiedenen Malen seine große Vertrautheit mit dem Schiffswesen kund gegeben, hatte er die früher angedeutete Entscheidung gefaßt und den letztgenannten Gentleman für die Zwischenzeit mit dem Commando über den Montauk betraut.

Nach dem Abzuge des rührigen Matrosenvolkes gewann die Lage derjenigen, welche in dem Schiffe zurückgeblieben waren, ein ernstes und aufregendes Interesse. Die Nacht brach mild und ruhig ein. Kein Mond stand am Himmel; aber dennoch wandelten die Reisenden mit seltsam wonnigen Gefühlen, in welche sich noch die Empfindung der Einsamkeit und des Verlassenseyns mischte, stundenlang auf dem Decke umher. Mr. Effingham und sein Vetter zogen sich lange vor den Uebrigen nach ihren Gemächern zurück, während Letztere mit einer Freiheit und Zwanglosigkeit, dergleichen sie, solang sie an Bord waren, nie gefühlt hatten, ihren Spaziergang fortsetzten.

»Unsere Lage ist wenigstens neu für ein Häuflein Pariser, Wiener, Römer, oder mit welchen anderen Namen man uns sonst bezeichnen möchte,« bemerkte Eva.

»So sagt lieber Schweizer,« entgegnete Blunt, »denn ich glaube, selbst der Kosmopolit hat ein Recht, unter ihnen seinen Lieblingsaufenthalt zu wählen.«

Eva verstand die Anspielung auf die paar Wochen, welche er in ihrer Gesellschaft unter der großartigen Scenerie der Alpen verbracht hatte, mochte aber doch ihre Gedanken nicht kund geben; denn wie unbefangen auch ein Mädchen seyn mag, hängt ihm doch stets eine gewisse Empfindlichkeit an, sobald auf Gegenstände die Sprache kommt, die das Herz näher berühren.

»Ihr zieht also die Schweiz allen übrigen Euch bekannten Ländern vor?« fragte Mr. Sharp. »Von England wollen wir gar nicht reden; denn obgleich wir, die Söhne dieser Insel, so viele Zauber daran sehen, muß doch zugestanden werden, daß Fremde selten von ganzem Herzen in unser Lob einstimmen. Ich glaube, die meisten Reisenden würden Italien die Palme zugestehen.«

»Ich bin ganz derselben Ansicht,« entgegnete der Andere, »und stünde es mir frei, einen Aufenthalt für's ganze Leben zu wählen, so würde ich Italien zu meiner Heimath machen. Dennoch glaube ich, daß wir einen Wechsel in unsern Wohnplätzen eben so sehr lieben, wie den in den Jahreszeiten. Italien ist der Sommer, und ich fürchte, man könnte sogar eines ewigen Junis müde werden.«

»Ist nicht Italien vielmehr ein Herbst – ein Land, in welchem die Ernte eingethan ist und wo man bereits das Laub fallen sieht?«

»Mir erscheint es wie ein ewiger Sommer,« sagte Eva, »sofern für junge Frauenzimmer Alles ewig ist. Meine Unwissenheit würde dort stets Stoff zur Belehrung und mein Geschmack Ausbildung finden. Aber mag auch Italien Sommer oder Herbst seyn, was ist wohl das arme Amerika?«

»Natürlich der Frühling,« entgegnete Mr. Sharp höflich.

»Welcher Ansicht seyd Ihr, Mr. Blunt? Ihr scheint alle Theile der Welt gleich gut zu kennen – seyd Ihr damit einverstanden, unserem Lande – meinem Land wenigstens diesen lieblichen Titel zu verleihen?«

»Es verdient ihn in mannigfaltiger Hinsicht, obschon vielleicht in anderen Punkten der Ausdruck Winter passender am Orte wäre. Amerika ist ein Land, das man nicht so leicht begreifen kann – in einzelnen Dingen gleich der Minerva erwachsen geboren, in andern aber zuverläßig noch immer ein unmündiges Kind.«

»Ich möchte doch wissen, welche Dinge Ihr namentlich in die letztere Classe einreiht,« versetzte Mr. Sharp.

»Zuvörderst muß ich hier die Kraft namhaft machen,« antwortete der Andere mit einem leichten Lächeln, »dann die Ansichten, den Geschmack und vielleicht auch die Wissenschaften. Was übrigens den wesentlichsten Theil der letzteren, ihre praktische Anwendung – desgleichen die Erleichterung der gewöhnlicheren Bequemlichkeiten betrifft, so dürfte Amerika wohl berechtigt seyn, sich in Vergleichung mit anderen Nationen einen Sommer zu nennen. Die Amerikaner stehen gewiß nicht an der Spitze der Civilisation, Miß Effingham, wie so Viele Eurer Landsleute glauben, liegen aber auch nicht ganz unten, wohin so Viele von Mademoiselle Viefville's und Mr. Sharp's Landsleuten sie in ihrem frommen Eifer versetzen möchten.«

»Und was sprechen Mr. Blunt's Landsleute über diesen Gegenstand?«

»Ihre Ansichten liegen vielleicht der Wahrheit so fern, als die irgend eines Andern. Ich bemerke, daß über den Ort meiner Herkunft einige Zweifel bestehen,« fügte er nach einer unschlüssigen Pause bei, die, wie Alle hofften, vielleicht damit ein Ende nahm, daß der Sprecher das Sachverhalten einfach namhaft machte – »aber ich glaube, von diesem Umstand Vortheil ziehen zu können, um nach Gutdünken loben oder tadeln zu können; denn unter so bewandten Umständen kann Niemand meine Aufrichtigkeit anfechten oder mir Parteilichkeit und Vorurtheile zur Last legen.«

»Dies wird ganz von der Richtigkeit Eures Urtheils abhängen. In einem Punkte habt Ihr mich jedoch auf Eurer Seite – darin nemlich, daß Ihr dem köstlichen, träumerischen Italien den Vorzug gebt! – Gleichwohl mag Mademoiselle dies als ein Majestätsverbrechen gegen ihr cher Paris betrachten, und ich fürchte, auch Mr. Sharp wird sein London für beeinträchtigt halten.«

»Schlagt Ihr in der That London so wohlfeil an?« fragte der letztere Gentleman mit mehr Theilnahme, als er vielleicht selbst an den Tag zu legen glaubte.

»Gewiß nicht, denn ich würde dadurch meinem Geschmack und meinem Wissen wenig Ehre machen. In hundert Dingen erscheint mir London ohne Frage als die schönste Stadt der Christenheit. Es ist allerdings kein Rom, und wenn es nach etwa fünfzehn Jahrhunderten in Trümmern läge, so fragt sich's, ob wohl die Leute nach den Ufern der Themse schwärmen würden, um unter dem verfallenen Gemäuer ihr Daseyn zu verträumen; aber was die Annehmlichkeiten des Lebens, das schöne Grün der Landschaft mit den lieblichen Parken, die Architektur und überhaupt Größe einer gewissen Art betrifft, so wüßte ich kaum, wohin ich gehen sollte, um ein zweites London zu finden.«

»Ihr sagt nichts von seiner Gesellschaft, Miß Effingham?«

»Für ein Mädchen von meiner beschränkten Erfahrung wäre es anmaßend, hierüber sprechen zu wollen. Ich höre so viel von dem guten Sinne der Nation, daß ich es nicht wage, etwas gegen ihr gesellschaftliches Leben zu sagen, und es wäre Ziererei von mir, wenn ich mir herausnehmen wollte, es zu loben; wenn aber meiner geringen Einsicht ein Urtheil zusteht, so möchte ich sagen, daß mir Eure Frauen als auffallend fein gebildet und talentvoll vorkamen. Dennoch –«

»Fahrt fort – ich bitte Euch. Erinnert Euch, daß wir in einem allgemeinen Staaten-Congreß feierlich darüber eins geworden sind, Cosmopoliten zu seyn, bis wir uns wohlbehalten hinter Sandy Hook befinden. La franchise ist also le mot d'ordre

»Wohlan, jedenfalls möchte ich euch Engländer nicht als ein redseliges Volk schildern,« fuhr Eva lachend fort. »In Gesellschaft seyd ihr also ganz so angenehm, wie Leute sich nur machen können, die nie lachen und nur selten sprechen.«

» Et les jeunes Américaines?« fragte Mademoiselle Viefville lakonisch.

»Meine theure Mademoiselle, Eure Frage ist schrecklich. Mr. Blunt hat mich bereits versichert, daß sie ohne Unterlaß kichern.«

» Quelle horreur!«

»Es ist allerdings schlimm genug; aber ich halte den Bericht für Verläumdung. Nein, wenn ich mich aussprechen darf, so lobe ich mir die Gesellschaft von Paris und die Natur von Neapel. In Betreff New-York's will ich vorderhand mein Urtheil dahin gestellt seyn lassen, Mr. Blunt.«

»Was immer auch die einzelnen Vorzüge seyn mögen, die Eure Bewunderung zu Gunsten dieses großartigen Emporiums – wie die schwunghaften Schriftsteller die Hauptstadt Eures Staates nennen – in Anspruch nehmen werden, glaube ich doch, Euch voraussagen zu können, daß Euch weder die Gesellschaft noch die Natur sonderlich zusagen wird; denn erstere ist in der That zu New-York gar nicht vorhanden. Man geht zwar wie in London viel mit einander um; aber der Verkehr ist ungefähr so geregelt, wie ein Regiment, das aus verschiedenen Brigaden zusammengesetzt wurde und in dem man bisweilen den Tambourmajor für den Obristen hält.«

»Bisher habe ich Euch für einen New-Yorker gehalten,« bemerkte Mr. Sharp.

»Und warum jetzt nicht mehr? Soll der Mensch blind seyn gegen Thatsachen, die so augenfällig sind, wie die Mittagssonne, weil er da und dort geboren wurde? Wenn ich Euch eine unangenehme Wahrheit gesagt habe, Miß Effingham, so müßt Ihr die Schuld der Verletzung auf die franchise schieben. Ich glaube, Ihr seyd kein Manhattan-Kind.«

»Ich stamme aus dem Gebirge und wurde auf dem Landsitze meines Vaters geboren.«

»Dies gibt mir wieder Muth, denn wir haben demnach Niemand hier, dessen kindliche Anhänglichkeit an die Heimath dadurch gekränkt werden konnte.«

»Nicht einmal die Eurige?«

»Was mich betrifft,« entgegnete Paul Blunt, »so bin ich in Wahrheit ein Cosmopolit, während ihr es nur aus Uebereinkunft seyd. Es fragt sich sogar, ob ich mir dieselbe Freiheit gegen Paris oder London nehmen könnte, die ich mir dem glorreichen Manhattan gegenüber erlaubt habe, da ich nur wenig Vertrauen in die Nachsicht meiner Zuhörer setze. Mademoiselle Viefville zum Beispiel würde mir kaum vergeben, wenn ich mir eine Rüge über das Erstere erlauben wollte.«

» C'est impossible! Ihr wäret es nicht im Stande, Monsieur Blunt. Vous parlez trop bien français, um nicht Paris zu lieben.«

»Allerdings liebe ich Paris; und was noch mehr ist, ich liebe Londres oder sogar la Nouvelle York. Als Cosmopolit spreche ich wenigstens dieses Privilegium an, obschon ich nicht gegen die Mängel aller dieser Städte blind bin. Wenn Ihr Euch erinnert, Miß Effingham, daß New-York ein geselliges Bivouak – ein Platz ist, wo statt der Truppen Familien gelagert sind, so werdet Ihr die Unmöglichkeit einsehen, daß es eine anmuthige, wohlgeordnete und gebildete Gesellschaft besitze. Außerdem haben wir's mit einer Handelsstadt zu thun, und ein bloßer Handelsplatz kann wohl nie um seiner Gesellschaft willen im Rufe stehen – denn eine solche Regelwidrigkeit besteht, glaube ich, nirgends. Was man auch über die Blüthe des Verkehrs sagen mag, so werden doch nur Wenige behaupten wollen, daß sich's an solchen Orten sehr angenehm leben lasse.«

»Das alte Florenz zum Beispiel?« bemerkte Eva.

»Florenz und sein Handel war eigenthümlicher Art, und die Verhältnisse der Dinge wechseln mit den Umständen. In Florenz war zur Zeit seiner Größe der Handel ein Monopol, das nur in den Händen Weniger lag und so betrieben wurde, daß die Ersten der Stadt nicht in unmittelbare Berührung damit kamen. Die Medici handelten mit Specereien und Seide, wie man's in der Politik treibt – das heißt durch Agenten. Sie bekamen ihre Schiffe wahrscheinlich nie zu Gesicht und standen zu ihrem Handel in keiner andern Beziehung, als daß sie den Geist desselben leiteten – waren so zu sagen als die Gesetzgeber zu betrachten, welche den Verkehr ordneten, nicht aber als Ausverkäufer, welche ein Muster befühlen, die Weine kosten oder die Früchte beknaupeln. Die Medici waren Handelsherren – eine ganz andere Classe von Menschen, als die der bloßen Faktore, welche von dem Einen kaufen und gegen einen bestimmten Aufschlag im Preis an Andere verkaufen – deren ganzer Unternehmungsgeist in einer Erweiterung ihrer Liste sicherer Kunden und in der Führung eines sogenannten ›regelmäßigen Geschäftes‹ besteht. Monopole thun zwar dem Ganzen Eintrag, heben aber zuverläßig die begünstigten Wenigen. Die Medici und die Strozzi waren sowohl Fürsten als Kaufleute, und ihre Umgebung bestand hauptsächlich aus untergeordneten Personen. Die Concurrenz unserer Tage zertheilt die Früchte des Handelns auf Tausende, und obschon er sich als ein Ganzes erweiterte, hat er doch durch die Vertheilung in seinen Einzelnheiten Noth gelitten.«

»Ihr könnt aber doch gewiß nicht bedauern, daß heutzutag Tausende ein gemächliches und achtbares Auskommen finden, während vor dreihundert Jahren ein einziger Magnifico in Hülle und Fülle lebte?«

»Gewiß nicht. Ich freue mich sogar, daß es nunmehr anders ist, aber wir müssen Namen nicht mit Dingen verwechseln. Wenn wir tausend bloße Faktore für einen einzigen Handelsherrn haben, so ist die Gesellschaft – in der allgemeinen Bedeutung des Worts – augenscheinlich im Vortheil; hätten wir übrigens statt ihrer nur einen einzigen Medici, so wäre der Gewinn auf Seite der Gesellschaft – ich nehme den Ausdruck jetzt in einem anderen, gesonderten Sinne. Im Ganzen will ich weiter nichts sagen, als daß durch das Herunterkommen des Geschäftes nothwendig auch seine Eigenschaften litten – oder mit andern Worten, der New-Yorker Kaufmann ist eben so wenig ein Lorenzo, als die Druckerjungen Frankline sind.«

»Mr. Blunt kann kein Amerikaner seyn,« rief Mr. Sharp, »denn diese Ansichten müßten als Ketzerei erscheinen.«

» Jamais, jamais,« schloß sich die Gouvernante an.

»Ihr vergeßt stets den Vertrag des Cosmopolitismus. Man ist übrigens auswärts in Betreff des amerikanischen Handels sehr irriger Meinung. Was den Großhandel allein betrifft, so gibt es wohl keine christliche, Seefahrt treibende Nation von einiger Ausdehnung, in welcher so Wenige bei einem derartigen Geschäftszweige betheiligt wären, als eben in den Vereinigten Staaten Amerika's. Ihre Bevölkerung ist Ackerbau treibend, obgleich der Zustand des Uebergangs, in welchem sich ein Land während des Laufs einer raschen Ansiedelung stets befinden muß, mehr Einkäufe und Verkäufe von liegendem Eigenthum veranlaßt, als sonst gewöhnlich ist. Aber auch abgesehen von dieser Eigenthümlichkeit bieten die Amerikaner, als ganzes Volk nicht die Verhältnisse, an die man in Europa unter den gewöhnlichen Verkäufern gewöhnt ist.«

»Dies ist nicht die allgemein gangbare Ansicht,« bemerkte Mr. Sharp.

»Nein, und der Grund davon liegt darin, weil alle amerikanischen Städte, oder wenigstens fast alle, die überhaupt in andern Ländern bekannt sind, bloße Handelsstädte sind. Der handeltreibende Theil einer Gemeinschaft ist obendrein auch stets der Concentrationspunkt und hat es natürlich in Ermangelung eines Hofes, einer politischen oder einer socialen Hauptstadt vorzugsweise in seiner Gewalt, sich Gehör und Geltung zu verschaffen, so lange nicht eine unmittelbare Berufung an die andere Classe stattfindet. Die Wahlen zeigen gemeiniglich gerade so wenig Sympathie zwischen der Mehrheit und den Handelsklassen als mit der öffentlichen Wohlfahrt verträglich ist. In der That besitzt Amerika nur sehr wenige eigentliche Großkaufleute – ich verstehe darunter Männer, welche die Triebfedern, nicht aber die Produkte des Verkehrs sind – obgleich es sich im gewöhnlichen Handel durch seine ungemeine Thätigkeit auszeichnet. Derjenige Theil des Volkes, welcher sich mit dem Faktoriewesen abgibt – denn so muß ich den Geschäftszweig nennen, in welchem ein regelmäßiger Agent die Vermittlung zwischen den Producenten und Consumenten besorgt – bildet zwar in seiner Eigenschaft eine hohe Classe, gehört aber nicht der hohen Classe der eigentlichen Handelsherren an; denn wer sich zu Lyon ein Stück Seide, die Elle zu drei Franken, anfertigen läßt, um es gehöriger Zeit an den Detailverkäufer zu vierthalb Franken abzulassen, ist eben so wenig ein wahrer Kaufmann, als der Sachwalter, welcher in seinen Vorträgen die gerichtlich vorgeschriebenen Formen beobachtet, ein Rechtsgelehrter genannt werden kann.«

»Ich glaube nicht, daß diese Ansichten in Amerika sehr populär erfunden werden dürften, wie Mr. Dodge sagt,« bemerkte Eva lachend. »Aber wann werden wir dieses Amerika erreichen? Während wir von dergleichen Dingen reden, sind wir hier in einem fast verlassenen Schiffe und kaum eine halbe Stunde von der großen Wüste Sahara entfernt. Wie schön diese Sterne sind, Mademoiselle. Wir haben nie zuvor ein Gewölb gesehen, das mit so funkelnden Edelsteinen besät gewesen wäre.«

»Den Grund davon müssen wir wohl in der Breite suchen, unter der wir uns befinden,« versetzte Mr. Sharp.

»Zuverläßig. Wer kann uns wohl genau den Breitegrad angeben, unter dem wir gegenwärtig stehen?«

Als Eva diese Frage stellte, wandte sie sich unwillkührlich an Mr. Blunt; denn die ganze Gesellschaft war stillschweigend mit sich darüber einig geworden, daß er mehr von Schiffen und Schifffahrt verstehen müsse, als sie Alle miteinander.

»Ich glaube, wir befinden uns nicht weit vom vierundzwanzigsten – also ganz nahe am Wendekreise und an einem Orte, der volle sechzehn Grade südlich von unserem Hafen liegt. Das nachsetzende Schiff und die Bö haben uns nahezu fünfhundert Seemeilen von dem Kurse abgebracht, den wir hätten einschlagen sollen.«

»Zum Glück haben wir Niemand, Mademoiselle, der um unsererwillen Sorge tragen könnte, oder überhaupt Niemand, der so lebhaftes Interesse an uns fühlte, um sich über unsere Verspätung sehr zu betrüben. Ich hoffe, Gentlemen, daß ihr in dieser Beziehung eben so ruhig sehn könnt.«

Dies war das erste Mal, daß sich Eva eine Frage erlaubte, welche Paul Blunt hätte veranlassen können, auf eine nähere Aeußerung über seine Verhältnisse einzugehen. Auch bereute sie augenblicklich ihre Worte, obschon sie keinen Grund dazu hatte, da der junge Mann sich nicht bewogen fand, darauf zu antworten. Mr. Sharp bemerkte, seine Verwandten in England könnten kaum etwas von ihrer Lage wissen, bis Briefe von ihm einliefen, um sie über ihn zu beruhigen; und was Mademoiselle Viefville betraf, so hatte das harte Geschick, welches sie zwang, das Amt einer Erzieherin zu übernehmen, auch fast alle natürlichen Bande zerrissen.

»Ich glaube, wir werden heute Nacht auf der Hut seyn und Wache halten müssen,« nahm Eva wieder auf, nachdem das allgemeine Schweigen eine Weile gewährt hatte. »Ist es nicht möglich, daß uns die Elemente in dieselbe Lage versetzen, in welcher wir das arme Dänenschiff gefunden haben?«

»Möglich allerdings, aber kaum wahrscheinlich,« entgegnete Mr. Blunt. »Das Schiff liegt fest vor Anker und die schmale Klippenreihe zwischen uns und dem Ocean dient bewunderungswürdig dazu, um das Wasser zu brechen. Gs wäre freilich nicht angenehm, in unsrem gegenwärtigen hülflosen Zustande an einer Küste, wie diese, auf den Strand geworfen zu werden.«

»Warum hebt Ihr unsre gegenwärtige hülflose Lage so heraus? Spielt Ihr vielleicht auf die Abwesenheit unsrer Mannschaft an?«

»Ja und auf die Thatsache, daß wir, wie ich glaube, zu unserer Vertheidigung nicht einmal eine Taschenpistole aufbieten können; denn alle Feuerwaffen wurden in die Boote geschafft.«

»Können wir hier nicht Tage, ja sogar Wochen lang in der Nähe des Ufers liegen, ohne von den Beduinen entdeckt zu werden?« fragte Mr. Sharp.

»Ich fürchte, nein. Ich weiß aus dem Munde von Seesoldaten, daß die Berber stets längs der Küste hinschwärmen, namentlich nach Stürmen, weil sie auf Wracke zu treffen hoffen; und ihren Berichten zufolge ist es ganz erstaunlich, wie bald sie ein stattgehabtes Unglück auswittern. Man findet selten Gelegenheit auch nur in einem Boote zu entwischen.«

»Aber ich hoffe, daß wir hier wenigstens sicher sind?« rief Eva einigermaßen erschrocken und schaudernd, eben so sehr im Scherze als in wirklicher Unruhe.

»Ich sehe hierorts keinen Grund zur Besorgniß, so lange wir hoffen können, das Schiff von der Küste abzuhalten. Die Beduinen haben keine Boote, und wenn es auch der Fall wäre, würden sie es doch nicht wagen, damit ein flottes Schiff anzugreifen, wenn sie nicht wüßten, wie wahrhaft hülflos wir in diesem Augenblicke sind.«

»Dies ist ein frostiger Trost; aber ich werde auf eure gute Obhut bauen, Gentlemen. Mademoiselle, ich glaube, es ist nahe zu Mitternacht.«

Eva und ihre Begleiterin wünschten sodann höflich den beiden jungen Männern gute Nacht und zogen sich nach ihren Staatsgemächern zurück. Mr. Sharp dagegen blieb noch eine Stunde länger bei Mr. Blunt, welcher es auf sich genommen hatte, die ersten paar Stunden zu wachen, um sich mit ihm in heiterem fröhlichem Gespräche zu ergehen; denn obgleich die beiden jungen Männer in ihrem Innern sich wohl bewußt waren, daß sie sich zu gleicher Zeit um Eva's Gunst bewarben, fand doch zwischen ihnen eine edle und männliche Nebenbuhlerschaft statt, die keinen hinderte, dem Anderen volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie sprachen von ihren Reisen, ihren Ansichten über die Gebräuche der verschiedenen Völker, ihren Erlebnissen in fremden Ländern und dem Vergnügen, das sie gefunden, als sie Orte besuchten, welche durch ihre Erinnerungen an die Geschichte des Alterthums oder durch Kunstschätze berühmt waren; aber keiner wagte es, auch nur ein Wort über das junge Wesen verlauten zu lassen, das sich eben zur Ruhe begeben hatte und das beide noch immer vor dem Auge des Geistes stehen sahen, nachdem die leichte anmuthige Gestalt längst verschwunden war. Endlich ging auch Mr. Sharp nach seinem Gemache hinunter, weil sein Gefährte darauf bestand, jetzt allein zu bleiben, wenn der Andere nicht haben wolle, daß er selbst auch noch die zweite Wache mitmache. Von dieser Zeit an ließ sich mehrere Stunden lang kein anderes Geräusch im Schiffe vernehmen, als der Tritt des einsamen Wächters. Um die anberaumte Zeit fand die Ablösung statt, und derjenige, welcher bisher auf dem Posten gestanden hatte, gab sich der Ruhe hin, während der frühere Schläfer die Wache bezog. Aber mit Tagesanbruch fühlte sich Paul Blunt, der in tiefem Schlummer lag, an der Schulter gerüttelt.

»Verzeiht mir,« flüsterte Mr. Sharp behutsam; »aber ich fürchte, es steht uns in unserer Verlassenheit eine höchst unangenehme Störung bevor.«

»Ihr himmlischen Mächte – doch nicht die Beduinen?«

»Leider besorge ich dies; es ist übrigens noch zu dunkel, um über die Thatsache Gewißheit einholen zu können. Wenn Ihr aufstehen wollt, können wir mit einander über die Lage, in der wir uns befinden, zu Rathe gehen. Ich bitte, beeilt Euch.«

Paul Blunt, der sich hastig auf den einen Arm aufgerichtet hatte, fuhr nun mit der Hand über die Stirne, um sich zu überzeugen, ob er wirklich wache. Er hatte sich unausgekleidet niedergelegt und stand im nächsten Augenblick mitten in seinem Gemache.

»Die Sache ist zu ernsthaft für einen bloßen Irrthum; wir wollen sie daher nicht beunruhigen und ja keinen Lärm machen, Sir, bis sich die Unglücksbotschaft als Gewißheit herausgestellt hat.«

»Ich bin hierin vollkommen mit Euch einverstanden,« entgegnete Mr. Sharp, der zwar völlig gelassen, aber doch augenscheinlich bekümmert war. »Ich könnte geirrt haben und wünsche deshalb Eure Ansicht zu hören. Alles an Bord, bis auf uns beide, liegt in tiefem Schlafe.«

Der Andere zog seinen Rock an, und in einer Minute befanden sich Beide auf dem Decke. Der Tag hatte noch nicht zu dämmern begonnen, und das Licht reichte kaum zu, um so nahe Gegenstände, wie die auf den Riffen waren, zu unterscheiden, namentlich, wenn sie keine Bewegung zeigten. Die Klippen selbst waren jedoch stellenweise sichtbar; denn die Ebbe hatte den oberen Theil des Riffs fast ganz bloßgelegt. Die beiden Gentlemen näherten sich vorsichtig den Bugen des Schiffs und verbargen sich unter den Bollwerken, von wo aus Mr. Sharp seinen Begleiter auf die Gegenstände aufmerksam machte, die ihn beunruhigt hatten.

»Seht Ihr den zugespitzten Fels – ein wenig rechts von der Stelle, wo die Kedsch angebracht ist?« sagte er, in die Richtung hindeutend, welche er meinte. »Er ist jetzt leer; aber doch weiß ich gewiß, daß, ehe ich zu Euch hinunterging, ein Gegenstand darauf war, der seitdem verschwunden ist.«

»Vielleicht war es ein Seevogel: denn der Tag ist nahe und wahrscheinlich sind einige davon bereits in Bewegung. War der Gegenstand groß?«

»Wie es mir vorkam, von der Größe eines Menschenkopfs; doch dies ist bei Weitem noch nicht Alles. Dort, weiter gegen Norden, bemerkte ich drei Körper, die sich in das Wasser nach der Stelle hin bewegten, wo die Klippen nie über die Meeresfläche herausragen.«

»Das können Reiher gewesen seyn; denn ich glaube, daß man derartige Vögel oft in diesen niedrigen Breiten findet. Ich kann nichts entdecken.«

»Wollte Gott, daß ich mich getäuscht hätte, obschon ich es nicht wohl glauben kann.«

Paul Blunt ergriff jetzt den Arm des Andern und hielt ihn in der Weise eines Menschen fest, der aufmerksam lauscht.

»Habt Ihr dies gehört?« flüsterte er hastig.

»Es klang wie das Klirren von Eisen.«

Mr. Blunt schaute umher, griff eine Handspacke auf, eilte hurtig nach der Hielung des Bugspriets und trat zwischen die Nachtstöcke. Hier beugte er sich vorwärts und schaute angelegentlich nach den Ketten, welche als Bugbefestigungen über den Bollwerken lagen. Diese liefen ganz nah in parallelen Linien neben einander fort und bildeten nur eine leichte Krümmung, da sie zum Vertäuen des Schiffes straff angespannt waren. Von den Klippen oder von dem Platze aus, wo die Kedschen angelegt waren, bis nach einer Stelle hin, die nur etwa dreißig Fuß von dem Schiffe abstand, war diese Linie mit lebenden Wesen getüpfelt, die behutsam aufwärts krochen. Auch zeigte ein zweiter Blick sogleich, daß es Menschen waren, die verstohlen auf Händen und Füßen näher kamen.

Mr. Blunt erhob die Handspacke und schlug mehreremal heftig an die Ketten. Die Wirkung davon war, daß der ganze Haufe der Beduinen – denn er mußte wohl aus solchen bestehen – plötzlich vorzurücken aufhörte und sich rittlings auf die Ketten setzte.

»Dies ist schrecklich!« sagte Mr. Sharp. »Aber lieber wollen wir sterben, als sie an das Schiff heranlassen.«

»Ja das müssen wir. Tretet hieher, und wenn sie wieder vorrücken, schlagt auf die Ketten. Es ist kein Augenblick zu verlieren.«

Während Paul Blunt hastig diese Worte sprach, übergab er dem Andern die Handspacke und eilte sodann nach den Bätingen hinunter, wo er die Ketten von ihren Befestigungen loszumachen begann. Die Beduinen hörten das Klirren der Eisenringe, als er einen Schlag um den andern auf das Deck niederwarf, und kamen nicht weiter heran. Auf einmal gaben zwei Linien unter ihnen nach und dann zwei weitere. Dies war das Signal zu einem gemeinschaftlichen Rückzug, und Mr. Sharp konnte nun deutlich fünfzehn Männergestalten zählen, die nach dem Riff zurückkletterten. Die Einen hielten sich mit den Armen fest, die Andern lagen halb im Wasser, und wieder Andere zappelten neben den Ketten, wie es eben gerade kam. Nachdem Mr. Blunt so das Schiff losgemacht hatte, fielen die Ketten in die See und der Montauk trifftete langsam sternwärts, wo er vor seinen Kabeln ritt. Während dies vorging, standen die beiden jungen Männer schweigend auf dem Vorderkastell, als wäre Alles, was sie eben mit angesehen, nur ein Traum gewesen.

»Dies ist in der That entsetzlich!« rief Paul Blunt. »Wir haben nicht einmal eine Pistole hier – keine Vertheidigungsmittel, nichts als einen schmalen Wassergürtel zwischen uns und diesen Barbaren! Ohne Zweifel sind sie obendrein mit Feuergewehren versehen, und sobald es sich aufhellt, wird es sogar unsicher seyn, nur auf dem Deck zu bleiben.«

Mr. Sharp ergriff die Hand seines Gefährten und drückte sie mit Wärme.

»Gott segne Euch,« sagte er mit erstickter Stimme, »Gott segne Euch auch für diesen kurzen Aufschub. Aber ohne diesen Euern glücklichen Gedanken wären Miß Effingham – die Uebrigen – wir Alle schon jetzt in den Händen dieser schonungslosen Elenden. Dies ist kein Augenblick für falschen Stolz oder klägliche Täuschung. Ich glaube, jeder von uns würde bereitwillig sterben, um jenes schöne, unschuldige Wesen vor dem Geschicke zu bewahren, das ihr in Gemeinschaft mit uns droht.«

»Mit Freuden wollte ich mein Leben hingeben, wenn ich sie in diesem Augenblicke wohlbehalten in einem civilisirten, christlichen Lande wüßte.«

Die edelmüthigen jungen Männer drückten sich gegenseitig die Hand, und in jenem Augenblicke war jedes Gefühl von Eifersucht oder Nebenbuhlerschaft ganz und gar vergessen. Beide fühlten nur den reinen Antrieb eines glühenden Wunsches, dem Mädchen zu dienen, das sie liebten, und es läßt sich wohl mit Wahrheit behaupten, daß kaum ein andrer Gedanke, als der an Eva, in ihrem Innern Raum fand. In der That war ihre gemeinsame Besorgniß für sie so überwältigend, und ihre Gefangenschaft schien ihnen um so viel schrecklicher als die einer jeden andern Person, daß sie für den Augenblick vergaßen, es seyen noch Andere im Schiff – und dazu noch Andere, welche vielleicht mitwirken konnten, das befürchtete Unglück abzuwenden.

»Sie sind vielleicht nicht in zu großer Anzahl zugegen,« sagte Paul Blunt nach einigem Nachdenken; »in diesem Falle dürften sie wohl, nachdem die Ueberraschung fehlschlug, nicht im Stande seyn, eine zureichende Streitkraft aufzubieten, um vor der Rückkehr der Boote einen offenen Angriff zu wagen. Gott sey Dank, daß wir nicht im Schlafe überfallen wurden und unbewußt einem so grausamen Geschicke erliegen mußten. Fünfzehn oder zwanzig werden sich kaum erdreisten, dieses Schiff nehmen zu wollen, wenn sie nicht vollkommen von unsrer Schwäche und namentlich von unsrem Mangel an Vertheidigungsmitteln unterrichtet sind. Wir haben eine leichte Kanone an Bord, die geladen ist; auch mit dieser können wir sie im Schach halten, wenn wir nur unsere Schwäche nicht verrathen. Wir wollen die Uebrigen wecken, denn jetzt ist kein Augenblick zum Schlafen. Für eine Stunde oder zwei wenigstens sind wir sicher, da sie ohne Boote nicht wohl früher Mittel finden können, zu uns an Bord zu kommen.«

Die beiden jungen Männer begaben sich nun in den Raum hinunter und traten dabei unwillkührlich so leicht auf, wie Leute, die sich einer nahen Gefahr bewußt sind. Paul Blunt ging voraus und traf zu seiner großen Ueberraschung Eva an der Thüre der Damenkajüte, wo sie augenscheinlich ihre Ankunft erwartete. Sie war angekleidet, denn die Besorgniß und die Neuheit ihrer Lage hatte sie bewogen, sich in den meisten ihrer Kleider niederzulegen, so daß einige Augenblicke zureichten, um ihre Toilette hastig zu ordnen. Miß Effingham war blaß, schien aber alle ihre Kraft aufgeboten zu haben, um eine Schaustellung weiblichen Schreckens zu verhindern.

»Es muß etwas nicht ganz richtig seyn!« sagte sie mit unwillkührlichem Zittern, indem sie unbewußt ihre Hand auf Paul Blunts Arm legte. »Ich hörte das Klirren von schwerem Eisen, das auf das Deck niederfiel.«

»Faßt Euch, theuerste Miß Effingham – ich bitte, faßt Euch. Wir sind nur gekommen, um die Gentlemen zu wecken.«

»Sagt mir das Schlimmste, Powis – ich flehe darum. Ich kann – ich glaube, ich bin stark genug, es anzuhören.«

»Ich fürchte, Eure Einbildungskraft hat die Gefahr übertrieben.«

»Die Küste?«

»Von dieser haben wir nichts zu befürchten. Die See ist ruhig und unsre Befestigungen sind vollkommen gut.«

»Die Boote?«

»Werden ohne Zweifel bald zurückgekehrt seyn.«

»Wahrhaftig – ich will nicht hoffen« – rief Eva, indem sie einen Schritt zurückwich, als hätte sie ein Ungeheuer zu Gesicht bekommen – »doch nicht die Beduinen?«

»Sie können nicht ins Schiff kommen, obschon einige derselben in der Nähe umherschwärmen. Freilich, ohne Mr. Sharps Wachsamkeit hätten wir Alle in unserem Schlaf gefangen genommen werden können; so aber wurden wir gewarnt, und es unterliegt jetzt keinem Zweifel, daß wir im Stande seyn werden, die paar Barbaren, die sich jetzt gezeigt haben, einzuschüchtern, bis Kapitän Truck zurückkehren wird.«

»Dann danke ich Euch aus dem Grunde meiner Seele, Sir George Templemore, und mit meinem Danke wird sich der meines Vaters, wie auch die Gebete aller derer vereinigen, denen Ihr einen so großen Dienst geleistet habt.«

»Nicht doch, Miß Effingham; obgleich Eure Theilnahme mir so theuer ist, daß ich es kaum über mich bringen kann, Euren Dank abzulehnen, zwingt mich doch die Liebe zur Wahrheit, ihm ein gerechteres Ziel zu geben. Ohne das schnelle Handeln des Mr. Blunt – oder des Mr. Powis, wie ich ihn Allem nach jetzt wohl nennen muß – wären wir wahrlich insgesammt verloren gewesen.«

»Wir wollen uns über Eure Verdienste nicht streiten, Gentlemen, denn ich sehe, ihr Beide habt unsern herzlich gefühlten Dank verdient, und wenn ihr meinen Vater und Mr. John Effingham wecken wollt, so will ich hingehen, um Mademoiselle Viefville und meine Dienerin aus ihren Betten zu holen. Wahrhaftig, dies ist keine Zeit zum Schlafen.«

Nachdem die beiden jungen Männer an die Thüren der älteren Gentlemen geklopft hatten, kehrten sie auf das Deck zurück, denn sie fühlten, daß es nicht geheuer war, in einem solchen Augenblicke lange unten zu bleiben. Dort war jedoch Alles vollkommen ruhig, und auch bei sorgfältigster Prüfung konnten sie keine Spur eines menschlichen Wesens auf dem Riff entdecken.

»Die Klippen sind weiter südlich durch das tiefere Wasser von dem Ufer abgeschnitten,« sagte Paul Blunt – denn wir fahren fort, die beiden Gentlemen bei ihren noms de guerre zu nennen, wenn nicht etwa besondere Gelegenheiten eine Ausnahme machen – »und wenn die Fluth zurückkehrt, kann jene Stelle nicht mehr durchwatet werden. Die Beduinen wissen dies wahrscheinlich, und da ihr erster Versuch fehlschlug, so werden sie sich, weil das Wasser jetzt wieder steigt, wohl nach dem Ufer zurückziehen. Vermuthlich werden sie nicht auf dem Felsbande bleiben wollen, das auch während der Fluth über die Meeresfläche hervorragt – und dies noch obendrein Angesichts der Streitkräfte, die sie möglicherweise in einem solchen Schiffe finden könnten.«

»Aber sind sie nicht vielleicht bekannt mit der Abwesenheit der meisten unserer Leute und eben deshalb darauf erpicht, das Schiff zu nehmen, ehe sie zurückkehren können?«

»Dies ist allerdings das Schlimmste von dem, was wir muthmaßen können, und vielleicht nur zu wahr; aber da der Tag jetzt anzubrechen beginnt, so werden wir bald das Aergste erfahren, denn nichts ist schlimmer, als die Ungewißheit.«

Die beiden Gentlemen schritten eine Weile schweigend neben einander auf dem Halbdecke hin und her. Mr. Sharp ergriff zuerst wieder das Wort.

»Die natürliche Aufregung des Schreckens hat Miß Effingham bewogen,« sagte er, »mein Incognito zu verrathen, das Ihr, wie ich fürchte, abgeschmackt genug finden werdet. Ich versichere Euch übrigens, daß es eben so zufällig ist, als es vielleicht beweggrundlos war.«

»Es müßte denn seyn, daß Ihr der amerikanischen Demokratie nicht trautet,« entgegnete Paul lächelnd, »und Euch daher geneigt fühltet, durch jeweilige Aufopferung Eures Rangs und Titels sie für Euch günstig zu stimmen.«

»Ihr thut mir wahrhaftig Unrecht. Mein Bedienter, der wirklich Sharp heißt, hatte das Staatsgemach gemiethet, und als ich mich mit seinem Namen anreden hörte, beging ich die Schwäche, denselben beizubehalten, weil ich meinte, er dürfte für ein Paketboot bequem genug seyn. Hätte ich auch nur im Mindesten vermuthet, mit den Effinghams zusammenzutreffen, so würde ich mich dieser Thorheit nicht schuldig gemacht haben, da ich Mr. und Miß Effingham von früher her kenne.«

»Während Ihr Euch wegen eines so verzeihlichen Vergehens entschuldigt, vergeßt Ihr, daß es einem Mann gegenüber geschieht, der denselben Fehler begangen hat. Ich kannte Euch von Person, weil ich Euch auf dem Continent gesehen hatte, und da ich Euch geneigt sah, unter dem unansehnlichen Namen Sharp zu reisen, setzte ich mir's in einem Augenblicke der Gedankenlosigkeit in den Kopf, die entgegengesetzte Bezeichnung Blunt anzunehmen. Ein Reisenamen ist bisweilen sehr bequem, obschon ich vermuthe, daß es allen Täuschungen vorbehalten ist, früher oder später ihre eigene Strafe herbeizuführen.«

»Jedenfalls ist so viel sicher, daß die Unwahrheit zu ihrer Unterstützung wieder der Unwahrheit bedarf. Da wir aber einmal damit angefangen haben, würde es nicht passender seyn, dabei zu verharren, bis wir Amerika erreicht haben? Ich wenigstens kann jetzt mein Recht an meinen eigenen Namen nicht behaupten, ohne einen Usurpator absetzen zu müssen.«

»Für Euch wird es zuverlässig sehr zweckmäßig seyn, wäre es auch nur deshalb, um der Huldigung jenes doppelt destillirten Demokraten, des Mr. Dodge, zu entgehen. Was dagegen mich betrifft, so bekümmert man sich zu wenig um mich, als daß es von Belang wäre, wie ich genannt werde, obschon ich es aus Gründen, die ich nicht wohl auseinandersetzen kann, vorziehe, die Dinge zu belassen, wie sie sind.«

Sie brachen nun den Gegenstand ab, obschon sich Beide gegenseitig dahin verstanden, daß ihre frühere Bezeichnungen vorderhand beibehalten werden sollten. Das kurze Zwiegespräch hatte kaum geendet, als die Uebrigen auf dem Deck erschienen. Alle legten eine erzwungene Ruhe an den Tag, obgleich die Blässe der Damen die Angst ihres Inneren bekundete. Eva kämpfte mit Ihrer Besorgniß um ihres Vaters willen, der, als er die erste Mittheilung über den Sachbestand erfuhr, ganz übermannt war und heftig zitterte, jetzt aber sich mit Würde benahm, obschon ihm seine Befürchtungen das Innerste zusammenschnürten. John Effingham war ernst und hatte nur in der Bitterkeit seiner ersten Empfindungen einige Flüche über seine eigene Thorheit vor sich hin gemurmelt, die ihn bewogen, sich in dieser Weise ohne Waffen betreten zu lassen. Einmal war sogar der schreckliche Gedanke an die Nothwendigkeit, als letzte Zuflucht Eva zu opfern, durch den Sinn gezuckt, weil er selbst ihren Tod für minder schlimm hielt, als ihre Gefangenschaft; aber die Zärtlichkeit, die er zu ihr fühlte, und seine bessere Natur verbannten bald diese unnatürliche Vorstellung. Als er sich übrigens denen auf dem Decke anschloß, geschah es unter dem allgemeinen, aber unbestimmten Eindruck, der Augenblick sey nahe, in welchem die Umstände es erfordern dürften, daß sie Alle miteinander stürben. Niemand war anscheinend mehr gefaßt, als Mademoiselle Viefville. Ihr ganzes Leben war eine Kette von Aufopferungen gewesen, so daß sie sich jetzt darauf gefaßt hielt, es auf einem Schauplatze der Gewaltthat zu enden. Mit einer Art von Heldenmuth, der ihrer Nation eigen ist, hatten sich ihre Gefühle zu einer Art von Römerfestigkeit gesteigert, und sie war vorbereitet, ihr Geschick mit nicht geringerer Fassung, als die der Männer war, über sich ergehen zu lassen.

Dies waren die ersten Empfindungen und Eindrücke derer, die aus der Sicherheit der Nacht geweckt worden waren, um die Kunde der nahen Gefahr zu vernehmen; aber sie milderten sich, sobald die Reisenden sich in der freien Luft gesammelt hatten und ihre Lage bei dem mehr und mehr zunehmenden Lichte zu untersuchen begannen. Mit dem vorrückenden Tage musterte namentlich Paul Blunt sorgfältig die Klippen in der Nähe des Schiffes, indem er sogar nach dem Fockmarse hinaufstieg, weil er von hier aus die ganze Linie des Riffs übersehen konnte, und ein Anflug von Hoffnung belebte jede Brust, als er die frohe Kunde meldete, daß sich in dieser Richtung nichts Lebendiges blicken lasse.

»Gott sey gepriesen!« sagte er mit Inbrunst, als sein Fuß beim Herabsteigen das Deck wieder berührte; »die Barbaren haben wenigstens ihren Angriff aufgeschoben. Die Fluth ist so hoch gestiegen, daß sie es nicht wagen durften, auf den Klippen zu bleiben, um nicht abgeschnitten zu werden; denn ohne Zweifel halten sie uns für bewaffnet und für stärker, als wir wirklich sind. Die leichte Kanone in der Back ist geladen, Gentlemen, obschon nicht mit einer Kugel versehen, da sich, wie Saunders mir sagte, keine Kugeln im Schiff befinden; ich meine daher, es dürfte passend seyn, sie abzufeuern, einmal um die Beduinen einzuschüchtern, und dann, um unsern Freunden ein Signal zu geben. Das Wrack ist nicht so weit entfernt, daß der Knall nicht gehört werden könnte, und ich denke, sie werden uns wenigstens ein Boot zu Hülfe schicken. Der Schall ist ein schneller Bote, und wir können in kurzer Zeit Beistand haben. Vor sechs oder acht Stunden wird das Wasser nicht weit genug ablaufen, um unsern Feinden einen abermaligen Versuch auf das Riff möglich zu machen; wir dürfen daher hoffen, daß Alles noch gut gehen werde.«

Dieser Vorschlag wurde in Berathung gezogen. Auf angestellte Erkundigung zeigte sich's, daß alles Pulver im Schiff, nachdem man die Kanone zum Zwecke eines Signalschusses geladen hatte, in die Boote geschafft worden war, folglich kein zweites Nothzeichen mehr gegeben werden konnte, weshalb die Entscheidung dahin lautete, keine Zeit mehr zu verlieren und die Freunde ohne Weiteres von der Gefahr in Kenntniß zu setzen, wenn anders der Knall so weit gehört werden konnte. Nachdem dieser Beschluß gefaßt war, traf Mr. Blunt unter Mr. Sharps Beihülfe ohne Zögerung die nöthigen Vorbereitungen. Letzterer leistete zwar Handreichung, so gut er konnte, beneidete aber doch die Fertigkeit, die Einsicht und das praktische Geschick, womit sein Gefährte, ein Mann von überhaupt fein gebildetem Geiste, alles für ihren Zweck Erforderliche ausführte. Statt das Stück, einen eisernen Vierpfünder, hastig zu lösen, verdoppelte Mr. Blunt zuerst die Watte, stieß sie mit aller Kraft in den Lauf hinunter und bestrich dann die Mündung mit Fett, um dadurch, wie er sagte, den Ton zu verstärken.

»Ich will mich an keiner theoretischen Erklärung versuchen,« fügte er mit einem wehmüthigen Lächeln bei; »aber alle Freunde von Salutationen und Salven behaupten, daß dieses Verfahren sehr zweckmäßig sey. Mag übrigens die Sache ihre Richtigkeit haben oder nicht, so hängt doch jedenfalls zuviel davon ab, ob wir uns hörbar machen können, als daß wir irgend etwas verabsäumen dürften, was auch nur im Mindesten in Aussicht stellt, diesen Einen großen Zweck zu unterstützen. Wenn Ihr mir jetzt beistehen wollt, Sir George, so wollen wir die Kanone nach dem Steuerbord hinüberschleppen, damit wir sie auf der Seite abfeuern können, welche dem Wrack zugekehrt ist.«

»Der Fertigkeit nach zu urtheilen, die Ihr schon bei mehreren Gelegenheiten an den Tag gelegt habt, wie auch aus dem Umstande, daß Ihr mit den seemännischen Ausdrücken so gut bekannt seyd, möchte ich wohl den Schluß ziehen, daß Ihr gedient habt,« entgegnete der wirkliche Baronet, während er seinem Gefährten half, die Kanone nach einer Geschützpforte an der nördlichen Seite des Schiffes zu bringen.

»Ihr irrt nicht in meinem Berufe, denn ich bin in der That zum Seemann erzogen – ja fast geboren worden, und obgleich ich als Reisender schon seit vielen Jahren von meinen früheren Gewohnheiten abgekommen bin, so ist mir doch von dem, was ich einmal wußte, nur wenig verloren gegangen. Wären nur fünf Andere hier, die sich eben so gut auf Schiffe verstünden, wie ich, so getraute ich mir wohl, unser Fahrzeug trotz seines verkrüppelten Zustandes aus dem Riff hinauszuführen und die Beduinen auszulachen. Wollte Gott, unser würdiger Kapitän wäre nie über die Seiten hinuntergestiegen.«

»Ohne Zweifel that er Alles in bester Absicht.«

»Dies unterliegt keiner Frage; er handelte nicht anders, als wie es eine empfehlenswerthe Klugheit fordert. Dennoch hat er uns in einer höchst kritischen Lage zurückgelassen. Dieses Zündpulver ist ein wenig feucht, und ich traue ihm nicht recht. Die Kohle, wenn ich bitten darf.«

»Warum gebt Ihr nicht Feuer?«

»In dem Augenblicke, in welchem es darauf ankommt, bereue ich fast das von mir vorgeschlagene Auskunftsmittel. Wißt Ihr ganz gewiß, daß sich keine Pistolen mehr unter unseren Effekten befinden?«

»Ich fürchte, daß sich nichts mehr auftreiben läßt. Saunders berichtet, alle, selbst die kleinsten, seyen für die Boote in Anspruch genommen worden.«

»Die Ladung in diesem Geschütz könnte für viele Pistolen oder auch für einige Jagdflinten ausreichen. Ich möchte sogar im Nothfalle das Riff bestreichen können, und wenn ich auch nur alt Eisen statt der Kugel hineinstopfen müßte! Es kömmt mir fast vor, wie ein Abschied von einem letzten Freund, wenn ich mich von dieser einzigen kostbaren Ladung Schießpulver trennen soll.«

»Ihr müßt dies allerdings am besten verstehen, obschon ich fast glaube, daß die Herren Effingham Eurer ersten Ansicht sind.«

»Es ist kindisch, in einer solchen Sache zu schwanken, und ich will daher nicht länger zögern. Auf Augenblicke scheint die Luft in die Richtung unserer Freunde hin zu wehen; wenn eine dieser Strömungen wiederkehrt, will ich Feuer geben.«

Eine weitere Minute führte die günstige Gelegenheit mit sich, und Paul Blunt oder Paul Powis – denn dies mußte augenscheinlich sein wahrer Name seyn – setzte die Kohle an. Der Knall tönte scharf und lebhaft; aber wie der Rauch sich verflüchtigte, drückte Paul wieder seine Zweifel über die Klugheit des eben vollbrachten Schritts aus. Hätte er damals gewußt, daß die kämpfenden Schallstrahlen sich in ihren Radien vertheilten, ohne das Wrack zu erreichen, so würde sein Leid noch viel größer gewesen seyn. Dies war übrigens eine Thatsache, über die er damals keine Ueberzeugung einholen konnte, und die Insassen des Paketschiffs mußten zwei oder drei Stunden warten, bis sie nur die Gewißheit gewannen, daß ihr Versuch fehlgeschlagen war.

Mit dem zunehmenden Licht ließ sich auch die Küste überblicken, die eben so still und verlassen zu seyn schien, wie das Riff. Eine halbe Stunde lang milderte sich allmählig die Spannung der Gefühle, und die Unterhaltung, welche nachgerade sich aufheiterte, kehrte wieder in den früheren Gang zurück, als plötzlich ein Ruf von Saunders die Unruhe erneuerte. Letzterer bereitete das Frühstück in der Schiffsküche, von wo aus er gelegentliche ängstliche Blicke nach dem Lande hinwarf, und sein schnelles Auge hatte zuerst eine neue noch ernstlichere Gefahr entdeckt, die ihnen jetzt drohend nahte.

Es wurde nemlich ein langer Zug von Kameelen sichtbar, die von der Wüste herkamen und ihre Richtung nach dem Theil des Riffes nahmen, welcher das Ufer berührte. An dieser Stelle erblickte man jetzt auch etliche und zwanzig Beduinen, welche die Ankunft ihrer Freunde erwarteten – darunter aller Muthmaßung nach auch diejenigen, welche versucht hatten, das Schiff durch Ueberraschung zu nehmen. Da die Ereignisse, welche zunächst folgten, mit der Politik und der scheinbaren Friedensliebe, welche die Barbaren in der Nähe des Wracks an den Tag gelegt hatten, in engem Zusammenhange standen, so wird es passend seyn, hier auseinander zu setzen, wie sich der Stand der Dinge unter diesen Kindern der Wüste verhielt und was sie bewog, Kapitän Truck nicht anzugreifen.

Der Däne war, wie man auf dem Montauk ganz richtig angenommen hatte, in der letzten Bö auf den Strand getrieben und die Mannschaft unmittelbar darauf von einem der kleinen Beduinenhaufen, welche stets unmittelbar nach einem Sturme an der Küste umherzustreifen pflegen, gefangen genommen worden. Außer Stande, von der Ladung viel fortzuschaffen, hatten diese Räuber nur die Gefangenen in Sicherheit gebracht und waren sodann nach einer Oase im Binnenlande geeilt, um ihren Freunden die wichtige Nachricht mitzutheilen; zugleich aber ließen sie Kundschafter am Ufer, um alsbald Bericht zu erhalten, wenn wieder ein ähnliches Unglück stattfand oder in der Lage ihrer gegenwärtigen Prise ein Wechsel eintrat. Diese Kundschafter hatten den Montauk entdeckt, wie er verkrüppelt und ohne Masten längs der Küste hintrifftete, und ihn bis zu seinem Ankern innerhalb des Riffes nicht außer Augen gelassen. Auch die Abfahrt der Boote war nicht unbemerkt geblieben, und obgleich die Späher nicht wissen konnten, wohin eigentlich dieser Ausflug abzielte, so fanden sie doch bald, daß das Ziel in nichts Anderem, als in dem Wracke bestand. Alles dies war natürlich den Häuptlingen der verschiedenen Haufen, welche in der Nähe der Küste lagen, mitgetheilt worden, und mehrere derselben hatten den Entschluß gefaßt, zur Wegnahme des zweiten Schiffs ihre Streitkräfte zu vereinigen und dann die Beute zu theilen.

Als Morgens die Beduinen an der Küste in der Nähe des Wracks anlangten, begriffen die Aeltesten unter ihnen leicht, auf was es bei dem Zug der Boote abgesehen war, und nachdem sie ziemlich genaue Auskunft über die Zahl der Leute, die um den Dänen beschäftigt waren, eingeholt hatten, kamen sie zu dem sehr richtigen Schluß, daß sich in dem vor Anker liegenden Schiffe nur eine sehr kleine Bemannung befinden könne. Unter dem Raube, welchen sie von dem Dänen fortgeschafft, war auch das Spähglas gewesen, und Mehrere unter ihnen kannten den Gebrauch desselben, weil sie schon ähnliche Dinge in anderen gestrandeten Schiffen gesehen hatten. Vermittelst dieses Fernrohrs entdeckten sie nun, sobald es hell genug geworden war, die Zahl sowohl als die Lage derer an Bord des Montauk und richteten danach ihre Operationen ein. Diejenigen, welche um die Zeit, bei der wir nunmehr in unserer Geschichte angelangt sind, hinter den Sandhügeln der Wüste aufgetaucht und wieder verschwunden waren, wie auch die, deren wir im vorigen Kapitel bereits Erwähnung thaten, kamen aus dem Innern her, um sich in die Richtung des Riffes zu begeben, und der Vortrab der Letzteren war es, den Saunders eben erst entdeckt hatte. In Folge des abgerundeten Küsteneinschnitts und des mehrerwähnten Landvorsprungs war die Entfernung der beiden Schiffe zu Wasser völlig nochmal so lang, als die beiden Lagerpunkte der Beduinen, und diejenigen, welche jetzt dem Paketschiff gegenüber angelangt waren, schlugen in aller Ruhe ihre Zelte auf, gleich Leuten, die sich vor der Rückkehr der Mannschaft nicht fürchteten und den Erfolg mehr von einer Schaustellung ihrer Anzahl als von gedeckten Manövern erwarteten.

Sobald die Gentlemen den starken Haufen, welcher mehr als hundert Köpfe zählte, überblickt hatten, beriethen sie sich mit einander über die Maßregeln, deren Befolgung nothwendig werden mußte. Natürlich wandten sich nun alle Blicke auf Paul Blunt, der, seiner eigenen Aussage zufolge, zum Seemann erzogen worden war und schon bisher zu wiederholten Malen bekundet hatte, wie gewandt und wirksam er sich in bedenklichen Lagen zu benehmen wußte.

»So lange die Fluth anhält,« bemerkte dieser Gentleman, sehe ich keinen Grund zu Besorgnissen. Jedenfalls sind wir außer dem Bereich ihres Musketenfeuers – wenigstens so weit, daß die Schüsse der Beduinen unsicher und harmlos werden müssen; wir können daher getrost der Ankunft der Boote entgegensehen. Freilich, wenn diese nicht zeitig genug eintreffen und die Ebbe Nachmittags so tief sinkt, wie heute Morgen, so dürfte unsre Lage sehr bedenklich werden. Das Wasser um das Schiff mag allenfalls für einige Zeit Schutz bieten; aber die Entfernung des Riffes ist so klein, daß sie durch Schwimmen zurückgelegt werden kann.«

»Zuverläßig können wir doch das Schiff gegen Leute halten, die sich aus dem Wasser heben und an den Seiten heranklettern wollen?« versetzte Mr. Sharp.

»Möglich, wenn wir nicht von der Küste aus belästigt werden. Aber denkt Euch zwanzig oder dreißig entschlossene Schwimmer, die, von den langen Musketen der Beduinen geschützt, das Schiff gleichzeitig an verschiedenen Stellen angreifen, und Ihr werdet leicht einsehen, wie wenig wir auf eine wirksame Abwehr hoffen dürfen. Der Erste unter uns, der sich blicken ließe, um die Enterer zurückzuweisen, würde wie ein Hund niedergeschossen werden.«

»Es war ein schreckliches Versehen, uns einem so grausenvollen Schicksal auszusetzen!« rief der geängstigte Vater.

»Etwas der Art sieht man freilich leichter ein, wenn der Fehler begangen ist,« bemerkte John Effingham. »Als Seemann, der einen so wichtigen Zweck auszuführen entschlossen war, hätte übrigens Kapitän Truck nicht besser handeln können, und wir dürfen ihm keinen Vorwurf machen, wie auch der Erfolg ausfallen mag. Das Jammern ist nutzlos, und es bleibt uns jetzt nichts übrig, als auf Mittel zu sinnen, um, ehe es zu spät ist, die drohende Gefahr aufzuhalten. Mr. Blunt, Ihr müßt unser Führer und Rathgeber seyn. Ist es nicht möglich, das Schiff aus dem Riff hinauszuführen und es an einer Stelle vor Anker zu legen, wo wir nicht mehr der Gefahr ausgesetzt sind, geentert zu werden?«

»Ich habe bereits an dieses Auskunftsmittel gedacht, und in diesem milden Wetter dürfte es wohl angehen, wenn wir nur ein Boot hätten; aber ohne dies ist es unmöglich.«

»Aber wir haben ja noch ein Boot,« versetzte er, seinen Blick nach der Lansche gleiten lassend, die in den Schoren stand.

»Dieses ist zu schwerfällig für unsere Zwecke, selbst wenn es ins Wasser gebracht werden könnte. Uebrigens ist letzteres an sich schon eine Aufgabe, die wir fast nicht auszuführen im Stande sind.«

Es folgte ein langes Schweigen, während dessen die Gentlemen vergeblich sich abmühten, ein Mittel zu entdecken, um den Beduinen zu entkommen; wir sagen vergeblich, weil bei derartigen Anlässen die erfolgreiche Maßregel gemeiniglich eher das Resultat einer plötzlichen Eingebung, als das eines anhaltenden, quälenden Nachdenkens ist.


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