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Zehntes Kapitel.

Ich komme mit gewaltigeren Dingen.
Wer nennt mich stumm? Ich sprech' in tausend Tönen!
Bebt nicht mit dumpf geheimnißvollem Stöhnen
Der finstre Himmel unter meinen Schwingen?

Mrs. Hemans.

 

Das Erwachen der Winde auf dem Ocean ist häufig von so großartigen Vorzeichen begleitet, als sich die Phantasie dieselben nur denken kann. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit folgten auf die Brise, welche eine Woche lang so stätig angehalten hatte, leichte, wechselnde Windstöße, als wären sie der mächtigen Gewalten sich bewußt, welche in der Luft ihre volle Kraft sammelten, und wollten jetzt hin- und hereilend eine Zuflucht suchen. Auch die Wolken drehten sich in unbestimmten Wirbeln, und viele der schwersten und dunkelsten stiegen bis gegen den Horizont herunter, so daß es den Anschein gewann, als wollten sie auf der Fläche der Gewässer Ruhe suchen. Das Meer selbst war übrigens unnatürlich aufgeregt und die Wellen folgten sich nicht länger in langen, regelmäßigen Zügen, sondern bäumten sich gleich feurigen Rossen, die in ihrem wilden Rennen plötzlich gezügelt werden. Die gewöhnliche Ordnung des ewig unruhigen Oceans verlor sich in einem chaotischen Hin- und Herstoßen der Wellen, die sich wirr und häufig ohne erkennbare Ursache aufthürmten. Dies war die Rückwirkung der Strömungen und des Einflusses viel früherer Winde. Zu den bedrohlichsten Erscheinungen der Stunde gehörte die furchtbare Ruhe der Luft in Mitten einer solchen Scene wilder Aufregung. Sogar das Schiff trug dazu bei, in dem Gemälde den Eindruck gespannter Erwartung zu erhöhen; denn es schien unter dem eingezogenen Tuche ganz und gar den Instinkt verloren zu haben, der es kürzlich über die bahnlose Fläche hinleitete, und stampfte fast hoffnungslos in dem wirren Wogenspiele. Dennoch bot es einen schönen und großartigen Anblick – vielleicht in diesem Augenblicke mehr, als in jedem andern, da seine gewaltigen nackten Spieren, die wohlbefestigten Stengen und das ganze sinnreich verschlungene Tackelwerk der Maschine an einen sehnigen, riesenmäßigen Gladiator erinnerte, der in Erwartung des bevorstehenden Kampfes auf der Arena hin und her schreitet.

»Dies ist eine außerordentliche Scene,« sagte Eva sich an den Arm ihres Vaters anklammernd, während sie in scheuer Bewunderung umherblickte – »eine furchtbare Schaustellung des Erhabenen in der Natur.«

»Obgleich ich schon viel zur See gereist bin,« entgegnete Mr. Blunt, »habe ich doch diesen verhängnißvollen Wechsel erst zweimal geschaut; indeß scheint mir das gegenwärtige Schauspiel großartiger zu seyn, als Alles, was ich früher erlebte.«

»Sind stets Stürme darauf gefolgt?« fragte der ängstliche Vater.

»Das eine Mal kam es zu einer furchtbaren Bö, während das andere Mal die drohenden Vorzeichen dahin schwanden, wie ein Unglück, das wir in der Nähe schauen, obschon wir seinem Einflusse entkommen dürfen.«

»Ich weiß nicht, ob ich wünschen kann, daß es uns diesmal ganz so gut ergehen möchte,« entgegnete Eva; »denn der Anblick des erst sich hebenden Oceans ist zu großartig, als das ich nicht ein Verlangen tragen sollte, ihn in seinem Toben zu sehen.«

»Wir sind weder in der Breite der Orkane, noch stehen wir in den Monaten, in welchen sie zu wüthen pflegen,« nahm der junge Mann wieder auf; »es ist daher nicht wahrscheinlich, daß wir mehr zu besorgen haben, als eine kräftige Bö, die uns wenigstens dazu helfen kann, jenes überlästigen Gastes ledig zu werden.«

»Nicht einmal dies möchte ich wünschen, vorausgesetzt, daß wir bei dem Wettrennen den geeigneten Weg verfolgen können. Eine Jagd über das atlantische Weltmeer ist nicht nur unterhaltlich für den Augenblick, Gentlemen, sondern auch ein Stoff, von dem man im spätern Leben noch sprechen kann.«

»Ich bin neugierig, ob etwas der Art möglich ist!« rief Mr. Sharp, »denn es wäre in der That ein Fall, der einer spätern Generation aufbehalten zu werden verdiente.«

»Es ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß wir Zeugen eines solchen Ereignisses seyn werden,« bemerkte Mr. Blunt; »denn Stürme auf dem Meere üben auf Schiffe, die in Gesellschaft segeln, denselben trennenden Einfluß, den häusliches Unwetter zu Land in mancher Ehe geltend macht. Nichts ist eine schwierigere Aufgabe, als in sehr schwerem Wetter Schiffe und Flotten zusammenzuhalten, wenn nicht etwa gerade die besten Fahrzeuge geneigt sind, sich der Laune der schlechtesten zu fügen.«

»Ich weiß nicht, welches Schiff man in dem gegenwärtigen Falle das beste oder das schlechteste nennen kann, denn unser Plagegeist scheint in manchen Einzelnheiten viel besser zu seyn, als wir, während wir in andern wieder den Vorrang behaupten. Wenn unser ehrlicher Kapitän sich in eine Laune fügen soll, so dürfte dies wohl in keiner andern Weise geschehen, als in der, welche ein verderbtes Kind von einem launenhaften Vater im Augenblicke des Zornes zu gewärtigen hat.«

Mr. Truck kam in diesem Augenblicke an der Gruppe vorbei und hörte seinen Namen aus Evas Munde mit der Bezeichnung ehrlich gepaart, obgleich ihm die übrigen Worte entgingen.

»Danke schön für das Compliment, meine theure junge Dame,« sagte er. »Ich wünschte nur, Ihr könntet den Kapitän So und so von Seiner britischen Majestät Schiff, dem Foam, überreden, daß er in derselben Weise dächte; denn er treibt den Montauk nur um deswillen hier an der spanischen Küste herunter, wo ihn selbst der Mann, der ihn gebaut hat, nicht wieder erkennen würde, weil er mich im Punkte des Tabacks nicht für ehrlich halten will – so unnatürlich und ungebührlich es auch seyn mag, ein Fahrzeug von der Londoner Linie so weit außerhalb seiner Straße packen zu wollen. Ich werde jetzt doppelte Sorgfalt anzuwenden haben, um das gute Schifflein wieder nach Hause zu bringen.«

»Und wo läge die besondere Schwierigkeit, Kapitän?« fragte Eva scherzend, denn sie fand Wohlgefallen an Mr. Trucks Redeweise. »Erreicht man nicht eben so leicht von dem einen wie von dem andern Orte aus den Hafen, auf welchem man es abgesehen hat?«

»Eben so leicht? Gott behüte Euch, meine theure junge Dame, Ihr seyd in Eurem ganzen Leben nie in einem größeren Irrthume befangen gewesen. Glaubt Ihr, es sey so leicht von London nach New-York, als von New-York nach London zu kommen?«

»Ich bin leider so unwissend, daß ich diesem lächerlichen Irrthum verfallen mußte, wenn es wirklich ein Irrthum ist; aber dennoch sehe ich nicht ein, warum die Sache sich anders verhalten sollte.«

»Einfach weil es Bergaufarbeit ist, Ma'am. Was unsere Lage hier östlich von den Azoren betrifft, so ist die Schwierigkeit bald erklärt. Durch vieles Schmeicheln habe ich das gute alte Schiff so weit gebracht, daß es jeden Zoll Wegs auf der Nordfahrt kennt, und nun werde ich ihm gute Worte geben müssen, um es auf der neuen Route vorwärts zu bringen, gerade wie einem scheuen Pferde, das nicht durch ein neues Stallthor will. Man könnte eben so gut daran denken, ein Schwein von seinem Stalle fort, als ein Schiff aus seiner Fahrstraße zu treiben.«

»Wir hoffen, Ihr werdet alles dies und im Nothfalle noch mehr thun. Aber auf was deuten diese großartigen Vorzeichen? Geht es auf einen Sturm hinaus, oder ist der wild-herrliche Anblick, den wir vor uns haben, nur eine leere Drohung der Natur?«

»Dies werden wir im Laufe des Tags erfahren, Miß Effingham, obschon die Natur in der Regel kein Eisenfresser ist und selten umsonst droht. Es giebt kein interessanteres Studium oder überhaupt keinen Gegenstand, der feinerer Augen bedürfte, als eben die Winde.«

»Von letzterem bin ich vollkommen überzeugt, Kapitän, denn Ihr werdet Euch erinnern, daß man sie die ›unsichtbaren Winde‹ nennt, und die größte Autorität, die wir besitzen, spricht von ihnen als von Dingen, welche nicht in [den] Bereich menschlichen Wissens fallen. ›Man hört wohl das Sausen des Windes, weiß aber nicht, von wannen er kömmt oder wohin er geht.‹«

»Der Schriftsteller, den Ihr meint, ist nur unbekannt, meine theure junge Dame,« entgegnete Mr. Truck ganz unschuldig; »aber er muß ein gescheidter Mann gewesen seyn, denn ich glaube, Vattel selbst hat sich nie erdreistet, mit den Winden anzubinden. Es gibt Leute, welche meinen, der Kalender könne das Wetter voraussagen; aber meiner Ansicht nach ist es weit gerathener, auf einen zwei- oder dreijährigen Rheumatis zu gehen. Ein guter, festgewurzelter, altmodischer Rheumatis – von denen neugebackenen Krankheiten wie zum Beispiel die Cholera, das Varilid und der thierische Magnitud will ich nichts sagen – aber ein guter altmodischer Rheumatis, wie ihn die Leute zu haben pflegten, als ich noch ein Knabe war, ist ein so sichrer Wetterprophet, als das Barometer, das in diesem Augenblick hier im Kutschenhäuschen hängt – keine zwei Faden von der Stelle, wo wir stehen. Ich hatte einmal einen solchen Rheumatis, den ich gewaltig in Ehren hielt, denn er ließ mich so untrüglich, als nur irgend ein Instrument, mit dem ich je segelte, wissen, wann ich nach östlich Wetter aussehen durfte. Ich habe Euch, glaube ich, die Geschichte von dem alten Connectikuter Pferde-Jokey und dem Typhun noch nicht erzählt, und da wir im Augenblick nichts Anderes zu thun haben, als zu warten, bis das Wetter mit sich ins Reine gekommen ist –«

»Das Wetter mit sich in's Reine gekommen?« rief Eva mit scheuer Ehrfurcht die erhabene und furchtbare Großartigkeit des Meeres, des Himmels und der dumpfen düsteren Atmosphäre betrachtend. »Kann in alledem noch eine Unentschiedenheit liegen?«

»Gott behüt' Euch, meine theure junge Dame, das Wetter ist oft so unschlüssig, so unentschieden und noch obendrein so schwer zu befriedigen, wie eine alte Jungfer, die plötzlich an demselben Tage drei Anträge kriegt – den einen von einem Wittwer mit zehn Kindern, den andern von einem stelzbeinigen Attorney und den dritten von dem Pfarrer des Kirchspiels. Ja wohl Unentschiedenheit! Ich habe das Wetter schon den ganzen Tag in dieser großartigen Zwiesprache gesehen. Mr. Dodge dort wird Euch sagen, es gehe mit sich zu Rathe, in welche Richtung es blasen müsse, um sich Popularität zu verschaffen. So also, da wir nichts Besseres zu thun haben, Mr. Effingham, will ich Euch die Geschichte von meinem Nachbar, dem Pferde-Jokey erzählen. Raaen zu halen, wenn kein Wind vorhanden ist, gleicht dem Spielen auf der Maultrommel während eines Posaunenconcerts.«

Mr. Effingham machte eine höfliche Geberde der Zustimmung, und drückte zugleich den Arm der aufgeregten Eva, um ihr zu bedeuten, daß sie sich gedulden möchte.

»Ihr müßt wissen, Gentlemen,« begann der Kapitän, indem er sich umschaute, um möglichst viele Zuhörer zu sammeln, denn es war ihm in der Seele zuwider, vor einem kleinen Auditorium Vorlesung zu halten, wenn er etwas zu sagen gedachte, was er für besonders schlau hielt – »Ihr müßt wissen, daß wir früher manches Fahrzeug hatten, das zwischen dem River und den Inseln lief –«

»Dem River?« unterbrach ihn Mr. Sharp belustigt.

»Ja wohl – den Connectikut meine ich; wir Alle in jener Gegend herum nennen ihn blos den River; – also zwischen dem River und Westindien, um Pferde, Vieh und anderes dergleichen Zeug zu verführen. Da war denn auch der alte Joe Bunk, welcher dieses Gewerbe schon dreiundzwanzig Jahre in einer Brigg mit hohem Decke getrieben hatte – er und das Schifflein waren wie Mann und Weib mit einander alt geworden. Es mögen ungefähr vierzig Jahre her seyn, daß unsere River-Ladies ihres Bohea überdrüssig wurden, und da in jenen Tagen viel zu Gunsten des Suchong gesprochen wurde, so kam's zu einem Excitement über diesen Gegenstand, wie es Mr. Dodge nennt, und man nahm sich vor, mit der neuen Qualität einen Versuch zu machen, ehe man sich ganz mit derselben befassen wollte. Nun, was glaubt Ihr wohl, meine theure junge Dame, daß unter solchen Voraussetzungen geschah, wie Vattel sagt?«

Eva's Augen hafteten noch immer an dem herrlichen Anblick des Himmels; sie antwortete aber höflich:

»Ohne Zweifel wurde nach einem Laden geschickt, um eine Probe holen zu lassen.«

»Bei Leibe; die Ladies verstanden sich zu gut auf die Sache, denn jeder Schelm von einem Würzkrämer konnte sie ja betrügen. Sobald das Excitement eine gewisse Höhe erreicht hatte, bildeten sie eine Theegesellschaft, in welcher die Frau des Pfarrers die Präsidentin und ihre älteste Tochter den Sekretär spielte. In dieser Weise ging's fort, bis auch die Männer in's Fieber hereingezogen wurden, und so ward denn der Plan entworfen, ein Fahrzeug nach China zu schicken, um daselbst das gewünschte Muster holen zu lassen.«

»Nach China?« rief Eva, diesmal dem Kapitän frei in's Gesicht schauend.

»Ja wohl, nach China; es liegt in der Höhe hier herum, wie Ihr wißt, nur auf der andern Seite der Erdkugel drüben. Gut; und wen anders sollten sie für diesen Auftrag wählen, als den alten Joe Bunk? Der alte Mann war so oft nach den Inseln und wieder zurück gefahren, ohne etwas von der Seefahrerkunst zu verstehen; ihn hielten sie daher just für ihren Mann, weil nicht zu erwarten stand, daß man ihn verlieren könnte.«

»Man hätte glauben sollen, daß er gerade am ehesten zu Grunde gehen müßte,« bemerkte Mr. Effingham, während der Kapitän eine frische Cigarre zurecht machte; denn rauchen wollte und mußte er in jeder Gesellschaft, die sich nicht in der Kajüte befand, obschon er sich stets bereit erklärte, aufzuhören, wenn irgend Jemand der Tabacksgeruch zuwider war.

»Durchaus nicht, Sir; ihm machte eine Fahrt in den indischen Ocean so wenig aus, als etwa ein Abstecher hieher, denn er verstand von dem einen Striche so wenig, als von dem andern. Gut; Joe stattete die Brigg aus, welche den Namen der Sieben Dollies führte. Ihr müßt nemlich wissen, daß wir sieben Ladies in der Stadt hatten, welche Dolly hießen, und jede derselben pflegte, so oft Joe abging, ein Fohlen, ein Rind oder einen andern feinen Artikel nach den Inseln zu schicken. Er stattete also die Sieben Dollies aus, strich seine Dollars ein und lichtete die Segel. Zum letztenmal für die Frist von acht Monaten sah man den alten Mann vor Montauk, wo er nach zweitägiger Fahrt, während welcher er südöstlich nach dem Compaß gesteuert hatte, angelangt war.«

»Man sollte fast glauben,« versetzte John Effingham, welcher im Verlaufe der Erzählung gleichfalls aufmerksam zu werden begann, »daß Mrs. Bunk während dieser Zeit sehr unruhig geworden seyn mußte.«

»Durchaus nicht. Sie blieb bei dem Bohea in der Hoffnung, der Suchong werde noch vor Wiederherstellung des jüdischen Reichs eintreffen. Und am Schlusse der acht Monate langte er auch wirklich an – dieß war ein Kapitalfest für Alle, die dabei betheiligt waren. Die Heldenthat erwarb dem alten Joe einen großen Namen am River, obgleich Niemand sagen konnte, wie er nach China oder wieder zurückgekommen war. Auch wußte man lange nicht, welche Bewandtniß es mit dem großen, schweren, silbernen Theetopf hatte, den er von seiner Reise mitbrachte.«

»Einem silbernen Theetopf?«

»Nicht anders. Endlich kam die Wahrheit an's Licht, denn in jener Gegend ist es nicht leicht, etwas der Art zu verbergen; es ist aristokratisch, wie Mr. Dodge sagt, ein Geheimniß für sich haben zu wollen. Anfangs stieg man Joe mit allerlei Fragen zu Leibe, aber er ließ die Leute rathen und rathen. Da gab es nun ein Gerede, und zuletzt flüsterte man sich zu, der alte Mann habe wohl den Theetopf gestohlen. Dieß bewog ihn, mit der Farbe herauszugehen, denn die Sache kam so weit, daß man offen in den Kirchen davon sprach. Von einer gerichtlichen Verhandlung, begreift Ihr wohl, konnte keine Rede seyn, da kein Beweis vorhanden war; aber im Gotteshaus nimmt man's nicht so genau, wenn nur die Leute Stoff zum Plaudern finden:«

»Und das Ergebniß?« fragte John Effingham. »Vermuthlich nahm das Kirchspiel den Theetopf an sich und ließ Joe den Bodensatz.«

»Ihr seyd eben so weit von dem rechten Wege ab, als wir's hier unten an der spanischen Küste sind. Die Sache verhielt sich so. Die Sieben Dollies lagen bei den übrigen Schiffen unterhalb Canton vor Anker, und das Wetter war so schön, wie's junge Mädchen im Mai gerne haben; da begann denn, Joe seine Raaen herunterzuholen, seine Stangen zu bergen, und alle seine Anker auszusetzen. Er ging sogar so weit, daß er zwei Halsen an ein Yunk befestigte, welches ein wenig schnabelwärts von ihm auf dem Strand saß. Dieses Benehmen gab unter den Schiffskapitänen zu viel Redens Anlaß, und einige kamen an Bord, um nach dem Grund zu fragen. Joe erklärte ihnen, daß er seine Vorbereitungen für einen Typhun treffe; als sie ihn aber fragten, warum er glaube, daß ein Typhun zu besorgen stehe, machte er nur ein feierliches Gesicht, schüttelte den Kopf und versetzte, er habe Gründe genug, wolle sie aber für sich behalten. Hätte er sich weiter eingelassen, so würde man ihn ausgelacht haben; aber der Anblick eines alten Graukopfs, der schon vierzig Jahre zur See gewesen war und in so ernster Weise zu Werke ging, setzte auch die Uebrigen in Thätigkeit. Schiffe machen nemlich gern die Bewegungen eines andern nach, wie die Schaafe, welche nacheinander durch dasselbe Zaunloch schlüpfen. Gut; in derselben Nacht kam der Typhun allen Ernstes und blies so hart, daß Joe Bunk sagte, er habe die Häuser im Mond sehen können, weil alle Luft aus der Atmosphäre geblasen worden sey.

»Aber was hatte dies mit dem Theetopf zu schaffen, Kapitän?« »Er ist das Leben und die Seele des Ganzen. Die Kapitäne im Hafen waren so entzückt über Joe's richtige Prophezeiung, daß sie sich zusammenthaten und ihm diesen Topf zum Geschenke machten, als Beweis ihrer Dankbarkeit und Achtung. Er war populär unter ihnen geworden, Mr. Dodge, und sie wollten dies durch ein Präsent bekunden.«

»Aber ich bitte, wie konnte er denn wissen, daß der Sturm im Anzuge war?« fragte Eva, deren Neugierde unwillkührlich erwacht war. »Es ist doch nicht wohl anzunehmen, daß seine Prophetengabe übernatürlich war?«

»Dies konnte Niemand sagen, denn Joe war presbyterianisch gebaut, wie wir sagen – kesselbodig und wohlgestaut. Die Wahrheit entdeckte man erst zehn Jahre später, als der alte Kerl zum regelmäßigen Krüppel wurde – ein Umstand, bei dem Rheumatis, hohes Alter und Dampfschiffahrt zusammenwirkten. Eines Tags hatte er einen Anfall von der ersteren Beschwerde und in einem der heftigsten Paroxismen, in denen die Natur gern ausschlägt, brüllte er dreimal: ›ein Typhun! ein Typhun! ein Typhun!‹ Da hatte man also die Geschichte. Und richtig kam am nächsten Tag ein regelmäßiger Nordoster, obschon der alte Joe diesmal keine Denkzeichen von Popularität erhielt. Und nun, Gentlemen und Ladies, werdet Ihr, wenn Ihr nach Amerika kommt, sagen können, daß Ihr die Geschichte von Joe Bunk und seinem Theetopf gehört habt.«

Kapitän Truck that jetzt zwei oder drei kräftige Züge aus seiner Cigarre, richtete das Gesicht aufwärts und blies den Rauch in einem fortgesetzten Strome aus, bis er sich erschöpft hatte; aber dennoch fuhr er fort, den Kopf in der genommenen unbequemen Lage zu erhalten. Das Auge des Schiffsmeisters, in dieser Weise an einem Gegenstand in der Höhe haftend, mußte die aller Uebrigen in dieselbe Richtung lenken, und in einigen Sekunden blickte seine ganze Umgebung nach der nämlichen Stelle, obschon sich Niemand einen Grund dafür angeben konnte.

»Laßt unten die Wache aufziehen, Mr. Leach,« rief Kapitän Truck endlich, und Eva bemerkte, daß er die kaum erst angezündete Cigarre wegwarf – ein Beweis, wie sie meinte, daß er sich zu Erfüllung seines Dienstes anschickte.

Die Matrosen befanden sich bald an ihren Plätzen, und man machte jetzt den Versuch, den Schiffsschnabel gegen Süden zu drehen. Obgleich die Ausführung dieses Manövers in der unheimlichen Stille der Atmosphäre große Schwierigkeiten bot, kam man doch endlich unter Benützung der hin und wieder einfallenden krampfhaften Stöße, welche wie ein Seufzen der Luft erschienen, mit der Aufgabe zu Stande. Die Matrosen wurden sodann auf die Raaen geschickt, um mit Ausnahme der drei Topsegel und des Focksegels, die meist blos in Erwartung des Resultates aufgeholt worden waren, alles Tuch zu beschlagen. Diejenigen, welche schon früher zur See gewesen waren, entnahmen aus diesen Vorbereitungen den Beweis, daß Kapitän Truck einem plötzlichen und schweren Wechsel entgegen sah; da er aber keine Unruhe blicken ließ, so hofften sie, daß er diese Maßregeln blos aus kluger Vorsorge treffe. Mr. Effingham konnte sich übrigens der Frage nicht enthalten, ob unmittelbare Beweggründe für die Vorbereitungen vorhanden sehen, die er so eifrig, obschon ohne alle Uebereilung vornehme.

»Mit dieser Angelegenheit hat der Rheumatis nichts zu schaffen,« entgegnete der Kapitän scherzhaft, »denn schaut nur, mein würdiger Sir und Ihr meine theure junge Dame« – dies war eine Art väterlicher Vertraulichkeit, zu der sich der ehrliche Jack kraft seines Amtes und als Junggeselle von nahe an Sechzig gegen alle seine unverheiratheten weiblichen Passagiere berechtigt hielt – »schaut dorthin, meine theure junge Dame, und auch Ihr, Mamsell, denn, meine ich, Wolken könnt Ihr verstehen, wenn's auch keine französische Wolken sind. Bemerkt Ihr nicht, wie jene schwarzaussehenden Galgenstricke die Köpfe zusammenstecken? Ich stehe dafür, sie complottiren etwas ganz in ihrer eigenen Weise.«

»Die Wolken gehen allerdings wirr durcheinander,« entgegnete Eva, erstaunt über die wilde Schönheit ihrer Bewegungen, »und bieten ein edles, obschon furchtbares Bild. Aber ich verstehe nicht, was damit angedeutet werden soll, wenn etwa in ihren lustigen Flügen ein verborgenes Omen liegen sollte.«

»Ist freilich kein Rheumatis an Euch, junge Lady,« sagte der Kapitän scherzhaft; »zu jung, zu schön und, ich darf wohl auch sagen zu modern für diese altmodische Beschwerde. Aber auf eine Categorie könnt Ihr Euch verlassen, und die ist, daß in der Natur nichts conspirirt ohne einen Zweck.«

»Aber ich kann mir in Dünsten, welche ein Luftstrom umher wirbelt, keine Conspiration denken,« antwortete Eva lachend, »obschon es eine Categorie seyn mag.«

»Vielleicht nicht – wer weiß es übrigens? denn man kann wohl annehmen, daß Dinge sich eben so gut unter einander verstehen, als dies bei Pferden und Hunden der Fall ist. Wir wissen nichts davon, und deshalb steht es uns nicht zu, etwas darüber zu sagen; aber wenn die Menschen blos über Dinge sprechen wollten, die sie verstehen, so müßte die Hälfte der Wörter aus dem Wörterbuche gestrichen werden. Doch wie ich bemerkt habe – Ihr seht, diese Wolken machen sich zusammen und bereiten sich zum Aufbruch vor; denn da, wo sie jetzt sind, werden sie nicht viel länger bleiben können.«

»Und was wird sie zum Verschwinden zwingen?«

»Thut mir den Gefallen, Eure Blicke dorthin zu wenden – nach Nordwest. Ihr bemerkt dort eine Oeffnung im Gewölk, die ganz aussieht wie ein geduckter Löwe; ist's nicht so?«

»Ich sehe allerdings einen klaren Streifen Himmel am Rande des Oceans, der erst vor Kurzem aufgetaucht ist. Beweist dies vielleicht, daß der Wind von dorther kommen wird?«

»Ebensogut, meine theure junge Lady, als, wenn Ihr Euer Fenster öffnet, der Beweis darin liegt, daß Ihr den Kopf hinauszustecken gedenkt.«

»Dies ist eine Handlung, welche sich ein wohlerzogenes junges Frauenzimmer selten erlaubt,« bemerkte Mademoiselle Viefville; »am allerwenigsten aber in einer Stadt.«

»Nicht? Na, in unserer Stadt an dem River sind die Frauenzimmerköpfe die halbe Zeit außerhalb der Fenster. Doch ich will mir nicht anmaßen, Mamsell, als verstehe ich mich auf derartige Schicklichkeiten, obschon ich mir zu sagen erlauben will, daß mir einigermaßen ein Urtheil darüber zusteht, was die Winde im Schilde führen, wenn sie einmal ihre Schieber öffnen. Dieses Aufthun im Nordwest also ist ein sicheres Zeichen, daß etwas aus dem Fenster kommen wird, mag's nun wohlerzogen seyn oder nicht.«

»Aber die Wolken über uns,« fügte Eva bei, »und diejenigen, welche weiter im Süden liegen, eilen augenscheinlich auf jene lichte Stelle zu, Kapitän, und nicht von derselben weg.«

»Liegt ganz in der Natur der Sache, Gentlemen – liegt ganz in der Natur der Sache, Ladies. Wenn Jemand sich recht fest vorgenommen hat, das Hasenpanier zu ergreifen, so bläht er sich am meisten auf, und ein Schritt vorwärts läßt oft auf zwei rückwärts rechnen. Man sieht oft den Sturmvogel auf ein Schiff zusegeln, als wolle er an Bord kommen; aber dennoch nimmt er sich wohl in Acht, sein Steuer zu stellen, ehe er sich sicher im Tackelwerk befindet. So geht es mit den Wolken und allen übrigen Dingen in der Natur. Vattel sagt, man dürfe sich im Nothfalle kampffertig zeigen, obschon es einem neutralen Schiffe nicht gestattet sey, gegen Jemand anders, als gegen Seeräuber eine Kanone abzufeuern. Nun machen diese Wolken zwar das beste Gesicht zur Sache, aber in ein paar Minuten werdet Ihr sie Reißaus nehmen sehen, wie es vordem Sanct Paul that.«

»Sct. Paul, Kapitän Truck?«

»Ja, meine theure junge Dame, um in die rechte Straße einzubiegen.«

Eva runzelte die Stirne, denn manche von Kapitän Truck's nautischen Bildern wollten ihr durchaus nicht gefallen, obschon es unmöglich war, nicht über die possierlichen Ideenverbindungen zu lächeln, die sich so oft in die redselige Unterhaltung des wohlmeinenden Schiffmeisters einflochten. Sein Geist war ein seltsames Gemische einer früheren religiösen Erziehung – religiös wenigstens der äußeren Form nach – und späterer flüchtiger Observanz mit viel Welterfahrung, auch pflegte er seine Wissensvorräthe, seiner eigenen Ausdrucksweise zufolge, zu benützen, »wie Saunders, der Steward, die Butter aus dem Fäßchen schnitt, oder wie es ihm eben in den Wurf kam.«

Seine Prophezeiung in Betreff der Wolken erwies sich als richtig, denn vor Ablauf einer halben Stunde sah man sie, wie der Kapitän sagte, »vor dem Nordwester ausreißen, wie Schaafe, die den Hunden Platz machen.« Der Horizont klärte sich mit fast übernatürlicher Geschwindigkeit auf, und in überraschend kurzer Zeit prangte das ganze zürnende Gewölbe, an dem noch vor Kurzem schwarze drohende Dünste in unheimlicher Wildheit ihren wirren Reigen aufgeführt hatten, im herrlichsten Blau, einige weiße flockige Schichten ausgenommen, die sich im Norden wie eine Batterie ausnahmen, welche mit ihrem Geschütze ein Schlachtfeld bestreichen will. Das Schiff kündigte den kommenden Wind durch das Knarren seiner Spieren an, die sich in ihren Fugen festhielten, und dann begann der massenhafte Rumpf das Wasser seitwärts zu drängen und auf's Steuer anzusprechen. Die ersten Stöße waren leicht; aber da der Kapitän entschlossen war, das Schiff so nahezu auf den rechten Kurs zu bringen, als es die Brise gestatten wollte, so mußte er doch bald finden, daß er so viel Tuch ausgebreitet hatte, als das Fahrzeug führen konnte. Zwanzig Minuten später sah er sich genöthigt, ein Reff und nach einer halben Stunde ein zweites einzulegen.

Es ergab sich jetzt Gelegenheit, die Aufmerksamkeit auf's Neue dem Foam zuzuwenden. Die Vortheile dieses Kreuzers machten sich auf's Neue geltend, und der Kapitän stellte Berechnungen an, ob es wohl möglich sey, ihm auszuweichen, wenn er viel länger auf dem gegenwärtigen Kurse bestehe. Er hatte gehofft, dem Montauk werde sein größerer Rumpf zu Statten kommen, sobald die beiden Schiffe genöthigt wären, ihre Marssegel dicht zu reffen – ein Manöver, das, wie er voraussah, statthaben mußte; aber er sah sich bald genöthigt, auch diese Hoffnung aufzugeben. Weiter nach Süden – dies hatte er sich fest vorgenommen – wollte er nicht gehen, da er dadurch zu weit von seinem Wege abkam, weshalb er endlich den Entschluß faßte, auf die Inseln zuzusteuern, welche seiner Fahrstraße ziemlich nahe lagen, und, im Falle er zu hart bedrängt würde, auf einer neutralen Rhede Anker zu werfen.

»Vor Mitternacht holt er uns nicht ein, Leach,« schloß er seine Rücksprache mit dem Maten, »und bis dahin hat die Bö, wenn sie wirklich zum Ausbruche kommt, ihre volle Höhe erreicht. Der Gentleman wird dann kein sonderliches Verlangen darnach tragen, seine Boote niederzulassen. Mittlerweile treiben wir auf die Azoren einwärts, und dann dürfte es im natürlichen Lauf der Dinge liegen, wenn ich ihm, falls sich die Gelegenheit dazu ergibt, 163

einen Possen spiele. Was das Aufopfern des Montauk auf dem Altäre des Tabacks betrifft, wie der alte Diacon Hourglaß in seinen Gebeten zu sagen pflegte, so ist dies eine Categorie, die durch was immer für eine Katastrophe, wenn sie nur nicht schnurgerade zum Teufel führt, abgewendet werden muß.«


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