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Neunzehntes Kapitel.

Ja, wenn er Licht hat, macht er's gut genug;
Ich auch. Er thut's mit größ'rer Anmuth zwar,
Doch ich natürlicher.

Dreikönigsabend.

 

Der Schlummer des Müden ist süß. Von dem ganzen Häuflein, das jetzt am Rande der großen Wüste im Schlaf begraben lag und jedem Augenblick einem Angriff von Seiten der raubgierigen, grausamen Eingeborenen ausgesetzt war, dachte nur ein Einziger an die Gefahr, obgleich dieser in Wahrheit so wenig blosgestellt war, daß sie für ihn weit weniger Bedeutung hatte, als für die meisten Andern; aber freilich besaß er eine Phantasie, die ihn weit öfter auf Abwege brachte, als sie ihn nützlichen oder edeln Zwecken zuführte. Die Person, welche ich meine, befand sich in einem der Boote, und da sie in ziemlicher Entfernung von dem Lande lagen, deßgleichen auch die Berber wahrscheinlich ein Fahrzeug, selbst wenn sie es besaßen, nicht zu handhaben gewußt hätten, so war er natürlich gegen Alles geschützt, wenn nicht etwa eine Kugel aus ihren langen Musketen nach ihm hinüberflog. Aber selbst diese ferne Gefahr reichte zu, ihn wach zu halten; denn es sind gar verschiedene Dinge, Groll zu nähren, Klatschereien auszutragen, schnurrige Zeitungsartikel zu schreiben, und von Volksrechten zu deklamiren, oder dem Feuer einer Gewehrsalve zu stehen. Für die ersteren Tätigkeiten hatten Natur, Herkommen, Erziehung und Gewohnheit Mr. Dodge vorzüglich passend gemacht, während er für das Letztere auch nicht den geringsten Beruf in sich fühlte. Obgleich Mr. Leach, als er an Bord der Boote seine Ausluger bestellte, den Herausgeber des Active Inquirer ganz übersehen hatte, befand sich doch während jener ganzen Nacht keine aktivere Wache in den Fahrzeugen, als eben dieser Gentleman, der die schlaftrunkenen Matrosen wohl zwanzig Mal durch einen blinden Lärm geweckt haben würde, wenn ihn nicht die ruhige Gelassenheit der phlegmatischen Männer, denen der Dienst eigentlich übertragen war, daran gehindert hätte. Diese wackeren Leute wußten zu gut das Köstliche des Schlafes zu würdigen, um die Ruhe ihrer Kameraden ohne Grund durch die angstvollen Besorgnisse eines Menschen stören zu lassen, der einen ewigen Sporn zur Furcht in dem Bewußtseyn der eigenen Verdienstlosigkeit in sich trug. Die Nacht entschwand daher ohne Beunruhigung, und die Ordnung einer regelmäßigen Wache wurde nicht unterbrochen, bis der Ausluger im Wrack, dem erhaltenen Befehle gemäß, Kapitän Truck und seinen Maten weckte.

Es war jetzt genau der Augenblick, in welchem die ersten, so zu sagen flüchtigen Sonnenstrahlen in die Atmosphäre glitten und – um uns eines wunderlichen Ausdrucks zu bedienen, »die Dunkelheit derselben verdünnten.« Man konnte nicht länger bei dem Licht der Sterne oder des Mondes sehen, obgleich die einen wie der andere noch am Himmel standen; aber die Gegenstände, obschon noch unbestimmt und schattenhaft, hatten ihre wahren Umrisse, während jeder Moment ihre Oberflächen deutlicher erscheinen ließ.

Als sich Kapitän Truck auf dem Deck zeigte, warf er den ersten Blick nach dem Meere hin; denn eine ernstliche Störung der Ruhe desselben wäre ein Todesstoß für alle seine Hoffnungen gewesen. Zum Glücke war in dieser Hinsicht kein Wechsel eingetreten.

»Die Winde scheinen sich in der letzten Bö ganz außer Athem geblasen zu haben, Mr. Leach,« sagte er, »und wir werden wahrscheinlich die Spieren so ruhig herumkriegen, als wären es Sägblöcke, die in einem Mühlteiche schwimmen. Sogar die Grundschwellung hat nachgelassen, und die Brecher an der Barre gleichen dem Plätschern in einem Waschzuber. Laßt die Leute heraufkommen, Sir, damit wir vor dem Frühstück noch einen Zug an diesen Stangen thun können; wir möchten sonst noch einen Beduinen zu braten kriegen.«

Mr. Leach rief die Boote an und ertheilte den Arbeitern den Befehl, ans Land zu kommen; dann klopfte er wie gewöhnlich auf das Deck und rief »alle Hände« in das Schiff. Nach einer Minute kamen die Leute gähnend und die Arme reckend zum Vorschein; denn nicht einer von ihnen hatte seine Kleider abgelegt, und die meisten machten nach rechts und links ihre Seemannswitze mit so viel Gleichgiltigkeit, als lägen sie ruhig in dem Hafen ihrer Bestimmung. Nachdem acht oder zehn Minuten aufs »Recken« und »Lüften« – wie sich Mr. Leach ausdrückte – verwendet worden waren, mußte wieder die ganze Mannschaft – mit Ausnahme zweier Matrosen in der Lansche und des Mr. Dodge – auf dem Deck des Dänen antreten. Der Zeitungsschreiber hatte das Amt der Schildwache über die Jolle auf sich genommen, die wie gewöhnlich an den Klippen lag, um nach Bedarf Gegenstände fortzuschaffen.

»Schickt einen Matrosen in das Fockmars hinauf, Mr. Leach,« sagte der Kapitän, der wie ein Windhund den Mund aufsperrte; »aber einen Kerl mit scharfen Augen, keinen von den Kunden, die das wolkige Wetter im Kalender mit den Nasen suchen. Er soll gut nach der Wüste hinauslugen, um zu sehen, ob sich keine Beduinen blicken lassen.«

Obgleich das untere Tackelwerk abgeräumt worden war und wohlbehalten in der Lansche lag, hing doch noch an jedem Maste eine Gurtleine, oder » Guntleine«, wie Kapitän Truck sich in dem ächten Dorisch seiner Profession ausdrückte, so daß in möglichster Schnelligkeit ein Mann in die Höhe geholt werden konnte. Da es noch zu dunkel war, um mit Bestimmtheit weithin sehen zu können, so rief ihm der Kapitän zu, er solle an Ort und Stelle bleiben, bis ihm Befehl zum Herunterkommen ertheilt werde, und von seinem Posten aus scharfen Lugaus halten.

»Wir hatten heute Nacht einen Besuch von einem verhungert aussehenden Spitzbuben,« fügte er bei, »und er müßte ein größerer Einfaltspinsel seyn, als er mir schien, wenn er nicht ehestens nach dem Ochsenfleisch und den Stockfischen im Wrack zurückkäme. Also tüchtig aufgepaßt!«

Die Männer waren zwar an die Weise ihres Commandeurs gewöhnt, sahen sich aber doch jetzt ernster an und warfen einen Blick auf ihre Waffen; auch übte diese Nachricht vollkommen die beabsichtigte Wirkung, denn sie bewog die Matrosen, mit mehr als verdoppeltem Eifer an ihre Arbeit zu gehen.

»Statt an ihrem Taback sollen die Jungen an diesem kauen,« bemerkte der Kapitän gegen Mr. Leach, während er in der Schiffsküche nach einer guten Kohle spähete, um seine Cigarre damit anzuzünden. »Ich stehe dafür, die Scheerböcke kommen um dieser Kunde willen nicht langsamer heraus, so verzweifelte Philosophen auch unter meiner Gentry stecken mögen.«

Diese Voraussage traf richtig ein, denn statt noch lange auf dem Deck herum zu gähnen und sich zu strecken, wie es noch eine Minute zuvor der Fall gewesen war, begannen die Matrosen jetzt ihre Arbeit allen Ernstes, riefen sich gegenseitig nach den Fallen und Spillenstangen, oder ermunterten einander, unten an die Scheerböcke zu treten.

»Drauf los!« rief der Mate lächelnd, als er sah, wie rasch der Wink des Kapitän Wirkung gethan hatte. »Trillt aus Leibeskräften, ihr Leute, und laßt uns diese Beine auf's Ende setzen, damit sie marschiren können.«

Dem Befehle wurde buchstäblich Folge geleistet, und der Tag war eigentlich noch nicht recht angebrochen, als die Scheerböcke sich bereits fest an ihren Plätzen befanden. Männiglich entwickelte seine volle Thätigkeit, und da die Arbeit durch Leute geleitet wurde, deren Einsicht nie fehlgriff, so würde sich ein Landbewohner wohl sehr über die Behendigkeit gewundert haben, mit welcher die Mannschaft zunächst den schweren Hauptmast aushob und ihn sammt Top, Mars und Allem so weit in die Luft hinaufzog, daß er über die Seite niedergelassen werden konnte. Das letztere Geschäft war eigentlich nur noch eine Spielerei, und der massenhafte Baum lag bald seiner ganzen Länge nach auf dem Sande. Kapitän Truck erkannte wohl die große Bedeutsamkeit dieser Spiere, da er mit ihr und mit dem Theile des Fockmastes, der noch auf dem Paketschiff stand, allein schon seine Reise vollenden konnte, während er ohne sie nicht im Stande war, irgend etwas aufzutackeln, was auf dem Hinterschiffe wesentlichen Nutzen geleistet hätte. Er rief daher seinen Leuten, als er auf das Gerüste sprang, zu, sie sollten ihm folgen und noch vor dem Frühstück den Mast ins Wasser lassen.

»Wir wollen uns zuerst dieses Kerls versichern, ihr Leute,« fügte er bei, »denn er ist unsere Hauptstütze. Haben wir diesen Stecken hübsch in unserm Floß, so können wir noch eine Fahrt machen; aber Niemand darf an seine Zähne denken, bis wir ihn außer Gefahr wissen. Wir müssen die Spiere haben, und wenn wir uns genöthigt sehen sollten, mit dem Kaiser von Marocco darum Krieg zu führen.«

Die Matrosen wußten, wie nöthig es war, daß sie sich anstrengten, und arbeiteten demgemäß. Das Mars wurde abgeschlagen und nach dem Wasser hinuntergebracht, dann aber die Spiere rund gehauen und nachgerollt – ein Geschäft, das nicht ohne viele Mühe von Statten ging, da man die Langschlingen an dem Maste gelassen hatte; indeß begünstigte doch die geneigte Fläche des Sandufers die Arbeit. Am Wasserrande angelangt, wurde der vordere Theil mittelst Handspacken flott oder doch so weit zum Schwimmen gebracht, daß es nur noch geringer Kraft bedurfte, den ganzen Stamm weiter zu bewegen. Nun schlang man von den Booten aus eine Leine ans äußere Ende und befestigte das Mars an der Seite der Spiere.

»Jetzt setzt eure Handspacken an, Jungen, und hebt drauf los!« rief der Kapitän. »Lüpft alle miteinander und haltet den Baum gerade – lüpft – so, der vordere Theil schwimmt! – Holt an, holt an ihr in dem Boote! – lüpft Alle zumal, als ob ihr Riesen wäret! – Ah, drei Fuß gewonnen durch diesen Ruck, meine Schatzkinder – gebt's ihm noch einmal, Gentlemen, denn dies seyd ihr – und rückt insgesammt nach, wie Mädchen in einem Cottillion – vorwärts damit! – Was Teufels machst du im Fockmars da für große Augen? Hast du nichts Besseres zu thun, als Dich damit zu unterhalten, daß Du uns zusiehst, wie wir uns die Gedärme aus dem Leibe lüpfen?«

Das angelegentliche Interesse für die Sicherung dieser Spiere hatte sich auch auf den Wächter im Mars ausgedehnt, so daß er, statt befohlenermaßen die Wüste zu beobachten, nach den Arbeitern am Gestade niederschaute und seine Theilnahme an ihren Anstrengungen durch Vorbeugung seines Körpers verrieth, als müsse er gemeinschaftlich mit seinen Kameraden lüpfen. Durch diese scharfe Zurechtweisung an seine Nachlässigkeit erinnert, wandte er sich hurtig wieder der Wüste zu; aber schon im nächsten Augenblicke gab er das furchtbare Lärmsignal:

»Die Beduinen!«

Sämmtliche Arbeiter ließen nun von ihrem Geschäfte ab und wollten in Masse nach ihren Waffen eilen; aber Kapitän Trucks Ruhe hinderte sie daran.

»In welcher Gegend?« fragte er ernst.

»Auf dem fernsten Sandhügel – vielleicht drei Viertelstunden im Binnenland.«

»Wodrauf steuern sie los?«

»Gerade auf uns herunter, Sir.«

»Wie reisen sie?«

»Sie haben Kameele und Pferde; Alle sind beritten, Sir.«

»Wie stark ihre Anzahl?«

Der Ausluger hielt inne, als ob er zählen wolle, und rief sodann:

»'s ist ein starker Haufen, Sir – wohl ihrer Hundert, glaube ich. Sie haben aufgebracht, Sir, und scheinen nach einem Ankergrunde umherzusondiren.«

Kapitän Truck zögerte und blickte gedankenvoll nach dem Maste hin.

»Jungen!« sagte er, indem er mit Nachdruck seine Hand über den massigen Baum schüttelte, »diese Spiere ist uns von größerer Wichtigkeit, als uns die Milch der Mutter in unsern Säuglingstagen war. Sie ist für uns Essen und Trinken, Leben und Hoffnung. Laßt uns schwören, daß wir sie mitnehmen wollen, und wenn tausend Beduinen gegen uns anrückten. Nehmt eure Handspacken wieder auf und lüpft auf das Signal – hebt, als ob ihr eine Welt zu bewegen hättet – lüpft, Männer, lüpft!«

Die Matrosen gehorchten, und der Mast schob sich um mehr als die Hälfte der erforderlichen Weite in's Wasser. Aber jetzt rief der Ausluger, daß die Beduinen sich rasch dem Schiffe näherten.

»Noch eine Gewaltanstrengung, Männer,« sagte Kapitän Truck, glutroth vor Eifer, indem er zugleich seinen Hut auf den Boden warf, um in Person ein Beispiel zu geben. – »Lüpft!«

Die Matrosen hoben, und die Spiere schwamm.

»Jetzt zu den Waffen, Jungen, und Du da droben im Mars, halte Dich hinter der Mastspitze versteckt. Wir müssen uns bereit halten, um dieser sauberen Sippschaft zu zeigen, daß wir uns nicht vor ihr fürchten.«

Ein Zeichen mit der Hand bedeutete den Männern in der Lansche, anzuholen und die hochwichtige Spiere schwamm langsam über die Barre nach dem Floße hin.

Die Matrosen eilten nun nach dem Schiffe hinauf – ein Posten, von dem aus Kapitän Truck sich gegen einen ganzen Stamm halten zu können meinte, während Mr. Dodge, so gut er es im Stande war, unaufhörlich die Jolle weiter ruderte, um die Lansche zu erreichen. Alle Vorstellungen waren vergeblich, denn er hatte bereits die Barre erreicht, noch ehe sein Manöver bemerkt wurde. Sir George Templemore und Mr. Monday riefen ihm zwar laute Verwünschungen nach, weil er die am Lande Befindlichen auf so schändliche Weise im Stich lasse, aber vergeblich. Zum Unglück für den Erfolg stand Mr. Dodge's Geschicklichkeit nicht ganz im Verhältniß zu seinem Eifer; als er daher bei der Barre anlangte und daselbst finden mußte, daß er außer Stande war, den Bootsschnabel seewärts zu richten oder das Fahrzeug nur überhaupt zu handhaben, so sprang er geradenwegs in's Wasser und schwamm aus Leibeskräften auf die Lansche zu. In dieser körperlichen Uebung besaß er Gewandtheit genug, so daß er wohlbehalten seinen Zielpunkt erreichte; aber im Herzen verfluchte er alles Reisen, die Wüste, die Beduinen, das Menschengeschlecht im Allgemeinen, und gab keinem andern Wunsche Raum, als wieder ruhig unter seinem geliebten Volke in Dodgeopolis zu sitzen. Das Boot trieb natürlich wieder auf den Sand zurück, und zwei von der Mannschaft des Montauk nahmen es in ihre Obhut.

Sobald Kapitän Truck auf dem Deck des Dänen angelangt war, wurden die Waffen ausgetheilt. Man sah wohl, daß er nicht beabsichtigte, den Krieg zu beginnen, da er im eigentlichen Sinne nichts dabei gewinnen konnte; aber obschon er nicht viele Worte machte, war er doch fest entschlossen, sich nicht lebendig greifen zu lassen, so lang noch eine Möglichkeit vorhanden war ein derartiges Unglück abzuwenden. Der Mann auf dem Marse gab beständige Nachricht von den Bewegungen der Beduinen und kündigte bald an, daß sie auf Pistolenschußweite von dem Ufer Halt gemacht hätten, wo sie ihre Kameele zusammenkoppelten; auch berichtete er, daß er in seiner ursprünglichen Schätzung ihrer Streitkraft der Wahrheit ziemlich nahe gekommen sey.

Indeß war Kapitän Truck nichts weniger als mit seiner Lage zufrieden. Das Ufer war höher, als das Deck des Schiffes, und so nahe an demselben, daß die Bollwerke des Dänen nicht viel Schutz bieten konnten, selbst wenn sie die erforderliche Dicke besessen hätten, was übrigens nicht der Fall war. Ferner lag das Schiff ein wenig auf die Seite geneigt und mit dem Buge dem Lande zugekehrt, so daß es gut durch eine Salve bestrichen werden konnte; ein kluger Feind war daher, wenn er sich durch das Ufer deckte, im Stande, ohne viele Bloßstellung für sich selbst einen seiner Gegner nach dem andern niederschießen. Das Wagniß eines Ausfalles nach der Ebene war zu groß, denn wenn auch die Felsen gegen das Land hin einen leidlichen Schutz boten, so waren unsre Abenteurer doch auf der Schiffsseite durchaus nicht gedeckt. Die Streitmacht zu theilen, durfte man nicht wagen, und wenn Mr. Truck das Schiff aufgab, so konnten die Beduinen sich desselben bemächtigen und auch die andere Stellung beherrschen, abgesehen davon, daß er den Rest der Vorräthe, welche er sich zu sichern wünschte, verlor.

In gefährlichen Lagen kommt der Mensch schnell auf einen Gedanken, und obgleich der Kapitän sich nie in ähnlichen Verhältnissen befunden hatte, machten ihn doch sein praktischer Sinn und seine große Ruhe zu einem unschätzbaren Befehlshaber für diejenigen, welche unter seinem Commando standen.

»Ich weiß nicht, Gentlemen,« sagte er, sich an die Passagiere und Maten wendend, »ob Vattel irgend eine Regel aufgestellt hat, welche man in diesem Falle zum Leitfaden nehmen könnte. Die Beduinen sind ohne Zweifel in einem Sinne die gesetzmäßigen Eigenthümer des Landes; aber es ist eine Wüste – und eine Wüste ist, gleich der See, Gemeingut für Alle, welche sich zur Zeit in derselben befinden. In Afrika gibt es keine Strandrichter und wahrscheinlich auch in Betreff der Wracke kein anderes Gesetz, als das Recht des Stärkeren. Außerdem sind wir durch schlechtes Wetter hieher getrieben worden, und dies ist eine Categorie, über welche sich Vattel sehr umständlich ausspricht. Wir haben ein Recht an die Gastfreundschaft dieser Beduinen, und wenn sie uns dasselbe nicht einräumen wollen – Gott verdamme mich, Gentlemen, so habe ich gute Lust, so viel davon zu nehmen, als ich für nöthig finden werde. Mr. Monday, ich möchte Eure Ansicht über den Gegenstand hören.«

»Ich setze das größte Vertrauen in Euer Wissen, Kapitän Truck,« entgegnete Mr. Monday, »und lasse mich für den Frieden eben so gut bereit finden, wie für den Krieg, obgleich mein Beruf in den Bereich des ersteren fällt. Ich würde, wenn es angeht, mit dem Versuch einer Unterhandlung beginnen, Sir, und in diesem Falle möchte ich mir die Erlaubniß erbitten, eine Ansicht auszudrücken; dann aber wäre ich ohne Umstände für den Krieg.«

»Ich bin ganz Eurer Meinung, Sir; aber in welcher Weise sollen wir mit einem Volk unterhandeln, welches kein Wort von dem versteht, was wir sagen? Freilich, wenn sie in der Zeichensprache bewandert wären, so ließe sich vielleicht etwas mit ihnen ausrichten; aber ich habe Grund zur Annahme, daß sie in allen derartigen Dingen dummer sind, als die Säuglinge. Wir würden uns schon durch das erste Protokoll, wie's die Schreiber nennen, in eine Categorie bringen.«

Nun meinte Mr. Monday, es gebe eine Sprache, die Jedermann verstehen könne, und er verrieth große Lust, von ihr Vortheil zu ziehen. Beim Durchstören des Wracks hatte er nämlich außer einer Tonne Holländer auch ein Faß gewöhnlichen Branntweins aufgefunden, und er drückte jetzt seine Ansicht dahin aus, wenn man den Beduinen derartiges Getränk anböte, so könnte man wenigstens die Wirkung erzielen, sie in gute Laune zu versetzen.

»Ich habe Leute gekannt, die, wenn man trocken mit ihnen verhandelte, in Geschäftssachen so störrisch waren, wie Maulesel, aber bei einer Flasche ganz vernünftig und geschmeidig wurden,« sagte er, nachdem er angedeutet hatte, wo der Branntwein zu finden sey. »Ich glaube daher, im Falle wir den Beduinen ein solches Anbieten machen, so werden wir sie bald in geeigneterer Stimmung finden, wenn sie das Gut nur erst eine Weile in Besitz haben. Sollte sich's nicht so herausstellen, so gestehe ich für meine Person, daß ich weit weniger Widerwillen fühlen würde, auf sie Feuer zu geben.«

»Ich habe irgendwo gehört, daß die Muselmänner nie trinken,« bemerkte Sir George, »und in diesem Falle haben wir zu gewärtigen, daß unser Anerbieten mit Verachtung zurückgewiesen werde. Dann findet auch noch eine weitere Schwierigkeit in Betreff der ersten Besitznahme statt; denn wenn diese Leute dieselben sind, welche schon früher hier waren, so werden sie's uns nicht sonderlich Dank wissen, wenn wir ihnen einen kleinen Theil von dem geben, was sie ganz ansprechen zu dürfen glauben. Wollte mir zum Beispiel Jemand meine Patentpistolen anbieten und dies als einen Grund geltend machen, daß er meine Patentrasirmesser, mein ostindisches Toilettenetuis oder meine anderen Seltenheiten mitnehmen dürfe, so gestehe ich, daß ich mich ihm nicht sonderlich dafür verbunden fühlen würde.«

»Trefflich auseinandergesetzt, Sir George, und ich würde ganz Eure Ansicht theilen, wenn ich nicht glaubte, daß diese Beduinen wirklich durch ein Bischen Trinken milder gestimmt werden könnten. Hätte ich nur einen passenden Gesandten, den man mit dem Anerbieten an sie schicken könnte, so würde ich ohne Weiteres zu dem Plane meine Zuflucht nehmen.«

Nach kurzem Zögern erbot sich Mr. Monday, wenn er einen Begleiter finde, den Beduinen den Vorschlag zu überbringen; denn er besaß genug Verstand, um zu begreifen, daß er sich nicht sehr vor dem Ergriffenwerden zu fürchten brauchte, so lange es galt, einen so starken bewaffneten Haufen zu überwinden; auch war er muthig genug, das Wagniß zu bestehen. Er verlangte nur einen Begleiter, und Kapitän Truck war so erstaunt über die Beherztheit des Freiwilligen, daß er sich vornahm, selbst mit ihm zu gehen. Hiergegen erhoben jedoch die beiden Maten sowohl, als die ganze übrige Mannschaft kräftige aber achtungsvolle Einsprache; denn sie fühlten die Wichtigkeit ihres Befehlshabers zu sehr, um in eine derartige Bloßstellung willigen zu können, da nicht einmal dem Maten gestattet werden konnte, ohne zureichende Beweggründe an einem so bedenklichen Versuche Theil zu nehmen. Sie konnten fechten wenn sie wollten, sollten aber nicht unbewaffnet und wehrlos dem Löwen in den Rachen laufen.

»Es ist gerade von keinem Belang,« sagte Mr. Monday. »Zwar wäre es mir lieb gewesen, wenn ich einen Gentleman hätte zum Begleiter haben können; aber ich denke, keiner von diesen braven Burschen wird eine Einwendung dagegen erheben, über der Flasche ein Stündchen in der Gesellschaft eines Beduinen-Scheiks zuzubringen. Was sagt ihr, meine Jungen – will sich einer von euch freiwillig mir anschließen?«

»Ich, ich, Sir!« riefen ein Dutzend Stimmen in einem Athem.

»Nein, dies geht nicht,« legte sich der Kapitän ins Mittel. »Ich brauche meine Leute, denn mein Herz hängt noch immer an diesen beiden noch stehenden Stangen, und wir haben die See von vorn, dazu noch mit einer steifen Brise zu kämpfen, bis wir wieder nach dem Montauk zurückkommen. Ha, beim Görge, da fällt mir etwas ein! Was haltet Ihr von Mr. Dodge's Begleitung, Mr. Monday? Er ist an Committees gewöhnt, und der Dienst wird ihm wohl gefallen; auch bedarf er wahrscheinlich nach der Tunke, die er erlitten hat, einer kleinen Stimulanz. Mr. Leach, nehmt ein paar Mann, fahrt in der Jolle ab und bringt Mr. Dodge ans Land. Meldet ihm mein Compliment und sagt ihm, er sey einstimmig zu einem höchst ehrenvollen, einträglichen – ja und zu einem populären Auftrage gewählt worden.«

Da dies ein Befehl war, so erhob der Mate kein Bedenken ihn sogleich in Vollzug zu setzen. Er saß bald in der Jolle und ruderte nach der Lansche hin. Kapitän Truck rief mittlerweile den Ausluger an und fragte, was die Beduinen trieben. Die Antwort lautete befriedigend – sie seyen noch immer mit ihren Kameelen und mit dem Aufschlagen ihrer Zelte beschäftigt. Dies deutete nicht eben auf unmittelbaren Krieg hin. Mr. Truck befahl daher dem Mann auf dem Marse, augenblicklich von ihrer Annäherung Nachricht zu geben, und meinte sodann, die Zeit werde immerhin noch ausreichen, um die Scheerböcke fortzurücken und den Besahnmast auszuziehen. Das Geschäft wurde demgemäß ohne weitere Zögerung wieder aufgenommen.

Da jeder arbeitete, als gälte es sein Leben, so hing diese leichte Spiere nach einer Viertelstunde in den Fallen. Nach weiteren zehn Minuten hatte man die Hielung über die Bollwerke gehoben, und der Mast glitt fast zu gleicher Zeit auf den Sand nieder. Zum Abschlagen des Marses und zum Hinunterrollen der Spiere nach dem Wasser brauchte man wieder einige Minuten, und dann wurde die Mannschaft zum Frühstück gerufen, weil die Schildwache oben meldete, daß die Beduinen in derselben Weise beschäftigt seyen und ihre Kameele mölken. Dies war ein glücklicher Waffenstillstand und Jeder verzehrte sein Mahl in aller Ruhe, da er sich der vollen Zuversicht hingeben konnte, diejenigen, welche ihnen so großes Mißtrauen einflößten, seyen in derselben friedlichen Weise beschäftigt.

Indeß verloren weder die Araber, noch die Matrosen unnöthige Zeit mit ihrem Frühstücke. Dem Berichte des Auslugers zufolge kamen und gingen erstere in Abtheilungen von fünfzehn oder zwanzig Mann – Ankunft sowohl als Abzug in östlicher Richtung. Hin und wieder ging oder kam auf einem flüchtigen Dromedar ein einzelner Eilbote, als fände ein Verkehr mit andern Haufen Statt, welche tiefer in der Wüste lagen. Alle diese Nachrichten machten Kapitän Truck große Unruhe, und er hielt es allen Ernstes für Zeit, entschiedene Maßregeln einzuschlagen, um die Sache zur Entscheidung zu bringen. Da er jedoch jeden Aufschub in seinem eigenen Interesse benützen konnte, so befahl er zuvörderst seinen Leuten, die Scheerböcke nach dem Vorderschiffe zu schaffen, weil er hoffte, auch noch den Fockmast herausnehmen zu können, der ihm sehr zu Statten kommen mußte, weil ihm dadurch die Nothwendigkeit erspart blieb, für den, welcher noch im Paketschiffe stand, eine neue Spitze anzufertigen. Dann machte er sich mit seinen beiden Gesandten bei Seite, um ihnen die geeigneten Weisungen zu ertheilen.

Mr. Dodge war kaum wohlbehalten in der Lansche angelangt, als er allen seinen Muth wieder aufleben fühlte – und mit dem Muthe kehrte auch sein Scharfsinn, seine Eigenliebe und seine Zuversichtlichkeit zurück. So lang er im Wasser schwamm, hatte es auf der ganzen Welt keinen [demüthigeren] Menschen gegeben, und es waren ihm sogar einige Bedenken über die Richtigkeit aller seiner Lieblingsansichten von Freiheit und Gleichheit gekommen; denn im Augenblicke der Gefahr denkt der Mensch schnell, und der Moment war gerade von der Art, daß man ihn leicht zu der Einräumung hätte bewegen können, er sey in allen seinen gewöhnlichen Praktiken ein gemeiner Demagoge und Heuchler – ein Mensch, der keine andere Triebfeder kannte, als sein Ich – dessen eingewurzelte Leidenschaften in Neid, Mißtrauen und Bosheit bestanden – oder mit andern Worten, daß er ganz das Geschöpf sey, welches er wirklich war. Zunächst kam nun die Scham, und er suchte begierig nach Ausflüchten, um den Mangel an Muth zu bemänteln, den er an den Tag gelegt hatte. Wir wollen die Rede, die er in der Lansche hielt, und die Mittel übergehen, durch welche es Mr. Leach gelang, ihn wieder nach dem Lande zu bringen, indem wir uns darauf beschränken, seine Rechtfertigung getreu in den Worten zu geben, wie er sie jetzt etwas hastig in eigener Person dem Kapitän Truck vortrug.

»Ich muß Eure Anordnung nicht recht verstanden haben, Kapitän,« begann er; »denn obgleich ich nicht eigentlich weiß, wie es zuging, – genug, es kam mich so an, und mein Inneres sagte mir unmittelbar nach dem Lärmruf wegen der Beduinen, daß ich in die Lansche müsse, weil dort mein Posten sey. Vielleicht lag der Grund darin, weil ich wußte, daß die Segel und Spieren, um deren willen wir hergekommen waren, meistens dort lagen – also ein Ort, der mit besonderer Entschlossenheit vertheidigt werden mußte. Ich glaube fest, wenn die Feinde zu uns hinausgewatet wären, so würde ich wie ein Tiger gefochten haben.«

»Ohne Zweifel hättet Ihr dies gethan, mein theurer Sir, und wie eine wilde Katze obendrein. Unser Urtheil führt uns Alle oft irre, sowohl im Krieg als in der Politik, und es ist eine weltbekannte Thatsache, daß am Ende diejenigen als die besten Soldaten erscheinen, welche beim ersten Angriff ein wenig zurückgewichen sind. Aber Mr. Leach wird Euch den Plan des Mr. Monday auseinandergesetzt haben, und ich zähle eben so sehr auf Euren Muth als auf Euren Eifer. Ihr findet jetzt eine vortreffliche Gelegenheit, Beides zu betätigen, da Ihr Euch früher nur auf Versicherungen beschränken mußtet.«

»Wenn es nur eine Gelegenheit wäre, den Beduinen mit dem Schwerte in der Hand entgegenzutreten.«

»Pah, pah, mein theurer Freund; Ihr könnt meinetwegen zwei Schwerter mitnehmen, wenn Ihr wollt. Wer so voll Kampflust ist, kann nie die Schlacht auf seine eigenen Bedingungen hin gewinnen. Füllt die Beduinen mit dem Schnaps des armen Dänen an, und wenn sie nur im geringsten dergleichen thun, als wollten sie gegen uns anrücken, so verlassen wir uns auf Euch, daß Ihr Lärm macht, damit wir uns für den gehörigen Empfang vorbereiten können. Ueberlaßt uns den Beginn des Tanzes, wie wir Euch die Friedensverhandlungen vertrauen.«

»Aber wie wäre dies möglicherweise einzuleiten, Mr. Monday? Wie können wir in Zeiten Lärm machen?«

»Je nun,« entgegnete der unerschütterliche Kapitän, »Ihr braucht nur den Scheik niederzuschießen; dadurch trefft Ihr zwei Fliegen mit einem Schlage. Ihr greift natürlich zu Euren Pistolen und laßt sie backbord und steuerbord auf sie loskrachen. Verlaßt Euch darauf, wir werden Euch hören.«

»Daran zweifle ich nicht; aber ich nehme Anstand an der Klugheit des Schrittes. Er sieht wahrhaftig aus, Mr. Monday, wie eine muthwillige Versuchung der Vorsehung. Auch erheben sich in mir Gewissensbedenken. Ihr seyd doch hoffentlich überzeugt, Kapitän, daß in alledem nichts liegt, was gegen die Gesetze Afrika's verstößt? Gute Moral und religiöse Einflüsse dürfen nicht übersehen werden. Mein Geist ist in die Grundzüge derselben vollkommen eingeübt.«

»Ihr seyd ein viel zu gewissenhafter Mann für einen Diplomaten,« sagte Mr. Truck, zwischenhinein die Wolken einer frischen Cigarre von sich blasend. »Es ist nicht nöthig, daß Ihr auf die Weiber schießt, und was kann ein Mann weiter verlangen? Macht keine weiteren Umschweife, sondern geht wohlgemuth an den Dienst, den Jedermann von Euch erwartet, da ihn Niemand nur halb so gut erfüllen könnte; und wenn Ihr je wieder nach Dodgeopolis zurückkommt, so habt Ihr für die ersten sechs Monate des Jahres Stoff genug, Eure Zeitung jeden Tag mit einem Artikel auszustatten. Sollte Euch etwas Ernstliches zustoßen, so verlaßt Euch auf mich, daß ich Eurem Andenken Gerechtigkeit widerfahren lasse.«

»Kapitän, Kapitän, dieses Spielen mit der Zukunft ist gotteslästerlich. Nur selten darf man ungestraft von dem Tode sprechen, und es thut mir wahrhaftig in der Seele weh, hören zu müssen, daß über derartige Dinge so leichtfertig gesprochen wird. Ich will zwar gehen, denn ich sehe nicht gut ein, wie der Sache anders abzuhelfen wäre; aber wir wollen es in freundlicher Absicht thun und Geschenke überbringen, die uns eine gute Aufnahme und eine wohlbehaltene Rückkehr sichern.«

»Mr. Monday nimmt das Branntweintönnchen des Dänen mit, und Ihr könnt Euch mit Allem, was noch vorhanden ist, beladen, nur nicht mit dem Fockmast. Um diesen werde ich kämpfen, selbst wenn die Löwen aus der Wüste herauskämen, um den Beduinen zu helfen.«

Mr. Dodge hatte noch viele Einwürfe, die er zum Theil offen aussprach, zum Theil aber im Innersten seiner Seele für sich behielt. Ohne sein unglückliches Untertauchen im Wasser würde er zuverläßig seine Rechte als Passagier in Anspruch genommen und sich unverholen geweigert haben, bei einer derartigen Gelegenheit Dienste zu leisten; aber er fühlte die Schande, die auf ihm haftete, und die Nothwendigkeit, durch eine entschieden muthige Handlung seine Ehre zu retten. Die von den Beduinen beobachtete Neutralität ermuthigte ihn übrigens sehr, denn er stützte sich auf die von Kapitän Truck ausgesprochene Ansicht, der Scheik werde, wenn er anders ein kluger und besonnener Mann sey, nicht zu Gewaltthätigkeiten schreiten, so lange ein gut bewaffneter Feindeshaufen im Besitz des Wrack sey.

»Ihr mögt ihm sagen, Gentleman,« fuhr Mr. Truck fort, »daß ich, sobald ich den Fockmast aus dem Dänen geholt habe, den Platz räumen und ihm das Wrack mit allem seinem Inhalt überlassen wolle. Der Stecken kann ihn doch nichts nützen, mir aber ist er ins Herz gewachsen. Legt ihm diese Angelegenheit einfach vor, und wir werden dann ohne Zweifel als die besten Freunde von der Welt scheiden können. Merkt Euch übrigens noch das Eine: wir werden in demselben Augenblicke, in welchem Ihr aufbrecht, die Spiere lüpfen, und solltet Ihr Merkmale zu einem Angriff entdecken, so gebt uns in Zeiten Nachricht, daß wir zu unsern Waffen greifen können.«

Durch diese Gründe ließ sich Mr. Dodge bereden, seine Sendung anzutreten, obschon seine Schlauheit und seine Besorgnisse weitere Motive bildeten, die er übrigens sorgfältig zu verhehlen bemüht war. Wenn er nemlich bei seinem eigenen Haufen blieb, so wußte er wohl, daß man, im Falle es zu einer Schlacht kam, von ihm eine Theilnahme am Kampf erwartete; befand er sich übrigens bei den Feinden, so konnte er sich aller Wahrscheinlichkeit nach verstecken, bis die Sache vorüber war – denn für einen Mann von seiner Sinnesart hatte die Sklaverei lange nicht so viel Schrecken, als ein plötzlicher Tod.

Mr. Monday stieg in der Gesellschaft seines Mitbeauftragten das Ufer hinan; Ersterer trug das Fäßchen mit Branntwein, Letzterer einige unbedeutende Geschenke, die er in dem Wracke zusammengerafft hatte. Inzwischen aber war die Mannschaft des Montauk in der Ueberzeugung, daß die Beduinen noch immer ruhig seyen, ernstlich ans Werk gegangen, ihren großen Zweck weiter zu verfolgen. Am Rande der Ebene verabschiedete sich Kapitän Truck von seinen Gesandten, obgleich er noch einige Zeit stehen blieb, um den Stand der Dinge in dem wild aussehenden Lager zu mustern, welches sich etwa zweihundert Schritte von seinem Standorte ab befand. Der Ausluger hatte jedenfalls die Anzahl der Beduinen nicht übertrieben, und Anlaß zur größten Unruhe gab unsrem Kapitän die Thatsache, daß die Gelagerten augenscheinlich in fortwährendem Verkehr mit Andern standen, welche wahrscheinlich hinter einer Reihe von Sandhügeln, die in der Entfernung von etwa fünfzig Ruthen den Horizont des Binnenlands begrenzten, Posten gefaßt hatten; denn alle Ab- und Zugehenden bewegten sich stets in dieser Richtung. Nachdem er abgewartet hatte, bis seine beiden Envoyés das Lager erreicht hatten, stellte er einen Ausluger auf das Ufer und kehrte nach dem Wrack zurück, um das vor Allem wichtige Geschäft zu beschleunigen.

Sobald sich die beiden Beauftragten einmal auf das Unternehmen eingelassen hatten, übernahm Mr. Monday die Rolle des Handelns. Er war ein Mann von Muth und durchaus nicht geeignet, sich Gefahren vorzustellen, wo sie nicht ganz augenfällig vorhanden waren; auch besaß er großes Vertrauen in die friedestiftenden Eigenschaften seines Tönnchens. In der Nähe der Zelte kam ihnen ein Beduine entgegen, und obgleich an eine Unterredung nicht zu denken war, so gelang es ihnen doch, durch bloße Mimik und Beifügung des einzigen Wortes »Scheik« dieser Person vorgestellt zu werden.

Da die Bewohner der Wüste schon so oft geschildert wurden, so wollen wir annehmen, daß sie unsern Lesern bereits bekannt sind, und in unserer Erzählung gerade so fortfahren, als ob wir's mit Christen zu thun hätten. Vieles, was über die Gastfreundlichkeit der Beduinen geschrieben wurde, mag sich vielleicht auf einen Theil derselben beziehen und in so ferne wahr seyn, kann aber keine Anwendung finden auf die Stämme an der Küste des atlantischen Meeres, wo die Gewohnheit, den gestrandeten Schiffen aufzulauern, dieselbe entsittlichende Wirkung hervorgebracht zu haben scheint, die man unter ähnlichen Verhältnissen auch anderwärts findet. Indeß mußte doch ein Schiff, nur von wenigen erschöpften, gestrandeten Matrosen vertheidigt, und ein anderes, das einen so starken, gut bewaffneten Haufen, wie der unter Kapitän Truck's Befehlen stehende war, zur Bedeckung hatte, eine ganz verschiedene Wirkung auf die Habgier dieser Barbaren üben. Sie kannten den großen Vortheil, den ihnen ihr eigener Grund bot, und begnügten sich, die Ereignisse abzuwarten, ehe sie sich auf einen zweifelhaften Kampf einlassen wollten. Mehrere von dem Haufen waren schon zu Mogadore gewesen, und Andere hatten sich ziemlich richtige Begriffe von der Macht der Schiffe verschafft. Da sie nun überzeugt waren, die Männer, welche jetzt auf dem Wrack arbeiteten, seyen nicht mit den Mitteln versehen, die Ladung, auf welche sie selbst es abgesehen hatten, fortzuschaffen, so bewog sie – für den Augenblick wenigstens – sowohl Neugierde als Vorsicht, vielleicht in Verbindung mit gewissen Planen, über welche die Führer bereits unter sich einig geworden waren, sich ruhig zu verhalten.

Die Beduinen waren nicht so unwissend, um belehrt werden zu müssen, daß irgend ein anderes Schiff in nicht großer Entfernung stehe, und hatten daher ihre Kundschafter nach allen Richtungen ausgeschickt, um über den Stand der Dinge Gewißheit einzuholen, ehe sie ihre schließlichen Maßregeln trafen; denn der Scheik selbst hatte einen ziemlich richtigen Begriff von der Macht eines Kriegsschiffes und von der Gefahr, mit einem solchen Feinde anzubinden. Das Ergebniß seiner Politik wird sich daher besser im Laufe der Erzählung herausstellen.

Die Aufnahme der beiden Gesandten des Kapitän Truck war von jener verstellten lächelnden Höflichkeit begleitet, die immer mehr abzunehmen scheint, je weiter man im Westen reist, während sie auf einem Zuge ostwärts zunimmt, obgleich unsere beiden Freunde nicht eben auf jene ausgesuchte Feinheit trafen, mit welcher sie im Palaste eines indischen Rajas behandelt worden wären. Der sogenannte Scheik war kein eigentlicher Scheik, jedenfalls aber ein Mann, der im Ansehen stand, und als Mr. Monday und Mr. Dodge ihm vorgeführt wurden, lud er sie durch Zeichen ein, sich niederzulassen und von den ihnen angebotenen Erfrischungen Gebrauch zu machen. Da letztere nicht sonderlich appetitlich aussahen, so säumte Mr. Monday nicht, seine eigene Gabe anzubieten und die Eigenschaften derselben zu empfehlen, indem er selbst in Betreff der Art, wie sie zu behandeln wäre, mit dem guten Beispiele voranging. Obschon Muselmänner, trugen seine Wirthe doch kein Bedenken, aus dem Becher zu kosten, und nach zehn Minuten eines possierlichen Geberdenspieles hatten die häufigen Libationen beiderseits eine Art Vertraulichkeit zu Stande gebracht.

Der Mann, welcher in der Nacht vorher so unhöflich von Kapitän Truck gefangen genommen worden war, wurde nun eingeführt, und die im Zelt Befindlichen legten große Neugierde an den Tag, ob der Bericht desselben, daß die Fremdlinge Gefallen daran fänden, ihre Nebenmenschen aufzuzehren, wahr sey. Die Bewohner der Wüste hatten im Läufe der Zeit von ihren verschiedenen Gefangenen allerlei Angaben vernommen, wie zuweilen Matrosen ihre Kameraden gespeist hätten, und es waren unbestimmte Sagen unter ihnen im Umlauf, welche durch die Erzählung des Mannes neu ins Leben gerufen wurden. Hätte der Scheik gleich Mr. Dodge ein Journal geführt, so würde er durch seine Fragen wahrscheinlich zu manchen Aufzeichnungen über die Sitten und Gebräuche der Amerikaner gekommen seyn, die eben so originell gewesen wären, wie diejenigen, welche der Herausgeber des Active Inguirer über die von ihm besuchten Nationen niedergezeichnet hatte.

Mr. Monday schenkte dem Geberdenspiel des Beduinen, in welchem derselbe bemüht war, auseinanderzusetzen, wie ihn Kapitän Truck zu einem Frühstück habe machen wollen, große Aufmerksamkeit und theilte sodann, nachdem der Vortrag zu Ende war, seinem Begleiter mit, der Scheik habe sie eingeladen, beim Diner zu bleiben – ein Vorschlag, den er anzunehmen geneigt sey. Mr. Dodge's feiner Verstand betrachtete übrigens die Sache aus einem ganz anderen Gesichtspunkt; denn mit einer Fertigkeit, die in der That einigermaßen zu Gunsten der Zeichensprache gedeutet werden könnte, kam er zu dem gleichen Schluß, wie der arme Beduine selbst, nur mit dem wesentlichen Unterschied, daß er meinte, die Araber hätten Lust, ein Mahl aus ihm zu machen. Mr. Monday jedoch, der ein derber Rindfleischesser und Branntweintrinker war, verwarf vornweg diesen Gedanken und glaubte die Sache einfach dadurch abmachen zu können, daß er auf zwei oder drei junge Kameele deutete und den Herausgeber fragte, ob er meine, irgend ein Mensch – möge er nun Christ oder Türke seyn – werde je daran denken, ein so dürres, mageres und unappetitliches Subjekt, wie er sey, zu verspeisen, wenn sie so treffliche Kost anderer Art neben sich hätten. »Laßt Euch Euern Branntwein schmecken, wenn der Becher an Euch vorbeikömmt, Mensch, und beruhigt Euch immerhin über das Diner, welches ohne Zweifel nahrhaft und anständig ausfallen wird. Hätte ich gewußt, daß uns eine solche Gunst zugedacht wäre, so hätte ich dem Scheik ein Besteck von Birminghamer Messern und Gabeln herausgebracht, denn er scheint ein feiner, gutgearteter Mann zu seyn. Ja, ich getraue mir zu sagen, daß wir einen Kapitalkerl in ihm finden werden, wenn er einmal einige Kameelsteaks und eine gehörige Portion Schnaps im Leibe hat. Mr. Scheik, ich trinke aus dem Grunde meines Herzens auf Eure Gesundheit.«

Die Zufälligkeiten des Lebens hätten unter so eigenthümlichen Umständen kaum ein Paar Männer zusammenführen können, deren Charactere so schnurstracks entgegengesetzt waren, wie die von Mr. Monday und Mr. Dodge. Sie waren die vollkommenen Inbegriffe zweier großen Classen unter ihren beziehungsweisen Nationen und so ganz das Widerspiel von einander, daß man in ihnen kaum Abkömmlinge von einem gemeinschaftlichen Urstamme erkennen konnte. Der Erstere war schwerfällig, starrköpfig, dreist, geradeaus und derb in seinem Benehmen – auch fehlte es ihm nicht an Offenheit, obschon er sich, trotz aller seiner scheinbaren Freimüthigkeit im Handel sehr schlau zu benehmen wußte; Letzterer aber benahm sich in allen Stücken äußerst verschmitzt und mißtrauisch, um so mehr, weil er nicht sehr schnell begriff, war falsch in seinen Reden, schmeichelte auf's Kriechendste, wenn er seine eigenen Interessen betheiligt glaubte, und bemäntelte zu allen anderen Zeiten den Neid und die Verläumdungssucht, welche in seinem Inneren wütheten, mit einer scheinbaren Ruhe, welche wenigstens das Verdienst hatte, daß sie Niemand täuschte. Beide waren Männer von leidenschaftlichen Vorurtheilen, obschon die des Mr. Monday nur auf alte Dogmen, Religion, Politik und Moral Bezug hatten, während die des Anderen in der Sünde des Provinzialdünkels und in einer Erziehung begründet waren, die sich nicht ganz frei von dem Fanatismus des siebenzehnten Jahrhunderts gehalten hatte. In Folge dieser schroffen Characterverschiedenheit betrachtete natürlich Jeder bei gegenwärtigem Anlasse die Dinge von einem ganz andern Standpuncte aus. Mr. Monday war nämlich geneigt, Alles freundschaftlich zu nehmen, während Mr. Dodge überall nur durch die Brille des Argwohns sah; Letzterer würde daher, wenn sie nach dem Wrack zurückgekehrt wären, sogleich zu den Waffen gerufen, Ersterer dagegen dem Kapitän Truck gerathen haben, er solle hinausgehen und dem Scheick selbst einen Besuch machen, wie man es mit einem respektabeln, geselligen Nachbar zu halten pflege.


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