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Zwölftes Kapitel.

Touchstone. Warst du jemals bei Hof, Schäfer?
Chorie. Nein, gewiß nicht.
Touchstone. Dann bist du verdammt.
Chorie. Will nicht hoffen – –
Touchstone. In der That, du bist verdammt, gleich einem schlecht gerösteten
Ei, das nur auf der einen Seite Glut hatte.

Wie es euch gefällt.

 

Die Passagiere waren zwar endlich in den Raum hinuntergegangen, aber Niemand dachte daran, sein Lager aufzusuchen. Einige ergingen sich in gebrochenen, halbverständlichen Zwiegesprächen, und einige machten den vergeblichen Versuch, sich durch Lektüre zu unterhalten; die Meisten aber saßen da und sahen sich in stummer Besorgniß an, denn der Wind heulte durch Spieren und Tackelwerk oder brach sich in wildem Getöse in den Ecken und Bollwerken des Schiffes. Eva saß auf einem Sopha ihres Gemachs, hatte ihr Haupt auf der Brust ihres Vaters ruhen und sah stumm durch die offenen Thüren in die Vorderkajüte hinaus; denn Niemand schien zum Aufsuchen der Einsamkeit geneigt zu seyn, wenn es nicht etwa zum Zwecke eines stillen Gebetes geschah. Selbst Mr. Dodge hatte den nagenden Zahn des Neides, seine philanthropische, ausschließliche Demokratie und – was vielleicht noch sicherer seine wandelbaren Ansichten von den Dingen unter dem Monde verrieth – seine tiefe Verehrung vor dem Range vergessen, welche er so lebhaft in dem Verlangen, Sir George Templemores Freundschaft zu kultiviren, bekundete. Was den Baronet selbst betraf, so saß er, das Gesicht mit seinen Händen bedeckt, an dem Kajütentische, und einmal hörte man ihn sogar ein Bedauern ausdrücken, daß er je an Bord eines Schiffes gegangen war.

Saunders unterbrach die düstere Stille, die unter dieser characteristischen Gesellschaft herrschte, mit seinen Vorbereitungen zum Nachtessen. Er deckte jedoch nur das eine Ende der Tafel, und ein einzelnes Couvert zeigte, daß Kapitän Truck diniren wollte, da er seit dem Frühstück nichts zu sich genommen hatte. Der aufmerksame Steward nahm sorgfältig Bedacht auf die Lieblingsgerichte seines Commandeurs, denn nicht oft bekommt man, was wenigstens die Quantität betrifft, einen besser bestellten Tisch zu sehen, als derjenige war, welcher bei der erwähnten Gelegenheit beschickt wurde. Außer dem gewöhnlichen Schinken und Mastochsenfleisch waren auch Ueberreste von Enten, eingepöckelte Austern – ein Amerika fast ausschließlich eigenthümlicher Leckerbissen – eingemachte Oliven, Anchovis, Datteln, Feigen, Mandeln, Rosinen, kalte Kartoffeln und Puddinge vorhanden, die insgesammt in einem einzigen Gange aufgetragen und so auf dem Tische geordnet waren, daß Kapitän Truck mit seinem Arme Alles erreichen konnte; denn obgleich Saunders nicht ganz ohne Geschmack war, kannte er doch die Eigenthümlichkeiten seines Oberen zu gut, um irgend ein wesentliches Erforderniß zu verabsäumen, weßhalb er denn auch besondere Sorge getragen hatte, alle Gerichte in Radien aufzustellen, die nach einem gemeinsamen Mittelpunkte führten – und dieser Mittelpunkt war kein anderer, als der festgeschraubte Armstuhl, in welchem der Meister des Paketschiffs gerne seine Mußestunden zuzubringen pflegte.

»Ihr werdet noch manche Fahrt zu machen haben, Mr. Toast,« bedeutete der Steward mit Geziertheit seinem Untergebenen oder dem Stewardsmaten, wie man ihn bisweilen scherzhafterweise zu nennen pflegte, »ehe Ihr das Diner eines Gentlemen so pünktlich beschicken könnt. Jede plat,« (Saunders hatte nemlich in der Havre Linie gedient und einige derartige Worte aufgefangen) »jede plat muß im Armbereich des convive seyn, namentlich wenn dieser zufälligerweise Kapitän Truck ist, welcher nichts weniger leiden kann, als wenn beim Tafeln eine Zögerung stattfindet. Was die entremets betrifft, – diese dürfen schon mit Salzfäßchen und Senftöpfchen untermengt stehen, so daß sie mit Leichtigkeit an ihre geeignete Plätze kommen können.«

»Ich weiß nicht, was ein entremet ist,« entgegnete der Untergeordnete, »und es wäre mir gar lieb, Sir, wenn ich meine Aufträge in einem Englisch erhielte, das ein Gentleman auch verstehen kann.«

»Ein entremet, Mr. Toast, ist ein Bissen, der zwischen die Hauptgerichte hineingestellt wird. Nehmen wir an, ein Gentleman beginne mit Schweinfleisch; wenn er nun genug davon gegessen hat, so möchte er ein Bischen Grog oder ein Glas Porter haben, ehe er das Ochsenfleisch anschneidet. Während ich nun den ersteren mische oder den Stöpsel ziehe, erfrischt er sich mit einem entremet – einem Entenflügel zum Beispiel, oder vielleicht einem Tellerchen mit eingesalzten Austern. Ihr müßt wissen, daß es gar verschiedene Passagiere giebt; die einen sitzen hin, essen und machen sich lustig von der Stunde der Ausfahrt bis zum Anlangen im Hafen, während andere, möcht ich sagen, den Ocean sentimental nehmen.«

»Sentimental, Sir? Denk wohl, das sind diejenigen, welche sich des Beckens ungewöhnlich oft bedienen?«

»Dieß hängt vom Wetter ab. Ich habe schon Personen gekannt, die in einer ganzen Woche nicht so viel zu sich nahmen, um eine einzige Tafel schön damit beschicken zu können; sobald sie sich aber genesen fühlten, war es eigentlich entsetzlich, wie sie drauf los aßen. Auch macht es einen großen Unterschied aus, ob sich die Passagiere gut in einander schicken können, denn angenehme Gefühle machen guten Appetit. Verliebte sind stets wohlfeile Passagiere.«

»Dies ist außerordentlich, denn ich habe stets geglaubt, sie seien schwer mit etwas Anderem, als mit sich selbst zufrieden zu stellen.«

»Ihr habt Euch nie in einem größeren Irrthume befunden, denn ich bin selbst Zeuge gewesen, wie einmal ein Verliebter eine süße Kartoffel nicht von einer Zwiebel und einen Drillichsack nicht von einem alten Weibe unterscheiden konnte. Aber von allen Passagieren sind mir die Musterkartenreiter und Hausirer am meisten zuwider. Diese Kerle würden, wenn es der Kapitän erlaubte, die ganze Nacht über aufsitzen und den nächsten Tag im Bette liegen bleiben, dabei aber an einem fort in ihren Berths trinken. Nun, diesmal haben wir ein schmiegsames Häuflein beisammen, und im Ganzen ist es eigentlich eine Herablassung und ein Vergnügen, ihnen aufzuwarten.«

»Na, ich denke, Mr. Saunders, sie sind doch nicht so gleich, daß sie es nicht noch mehr seyn könnten.«

»Nicht mehr, als Wildpret und Schweinefleisch – vollkommen richtig, Sir, denn diese Kajüte ist ein wahrer Lobklos, was Benehmen und Character betrifft. Ganz oben an setze ich die Effinghams oder rechne sie als A. Nummer Eins, wie Mr. Leach das Schiff nennt, und dann sind auch Mr. Sharp und Mr. Blunt ganz artige Gentlemen. Nichts ist leichter, Mr. Toast, als zu sagen, wer ein Gentleman ist; und da Ihr eine neue Profession angefangen habt, in der es Euch, wie ich um der Ehre der Farbe willen hoffe, gut ergehen wird, so könnt Ihr Euch wohl die Zeit nehmen, zu erfahren, wie dies zugeht, namentlich, da Ihr von einem Passagiere, der nicht ein ächter Gentleman ist, nie viel weiter erwarten dürft, als Schererei. Da ist namentlich Mr. John Effingham – sein Bedienter sagt, er lasse sich nie Geld heraus geben, und wenn ihm am Rock ein Aermel nicht recht ist, kommt er auf der Stelle in die alte Garderobe.«

»Na, es muß eine Freude seyn, einem solchen Herren zu dienen. Mr. Dodge aber, glaube ich, Sir, ist ein scharfer Patron.«

»Euer Geschmack fängt an bemerklich zu werden, Toast, und wenn Ihr ihn gehörig ausbildet, so werdet Ihr bald erstaunlich viel Menschenkenntniß gewinnen. Mr. Dodge ist, wie Ihr ganz richtig andeutet, nicht sehr fein gebildet oder sonderlich geeignet, in einer gentilen Gesellschaft Figur zu machen.«

»Und doch scheint er viel auf Gesellschaften zu halten, Mr. Saunders, denn er hat seit unserer Ausfahrt schon fünf oder sechs bilden wollen.«

»Sehr wahr, Sir; aber nicht jede Gesellschaft ist gentil. Wenn wir nach New-York zurückkommen, muß ich dafür sorgen, daß Ihr unter einen besseren Schlag kommt, als derjenige war, in welchem Ihr Euch bei unserer Ausfahrt umtriebt. Freilich paßt Ihr noch nicht für unsern Zirkel, der ganz conclusiv ist; aber Ihr könnt Euch dazu erheben. Mr. Dodge hat mit mir Wahlgeschichten durchmachen wollen, um zu sehen, ob wir nicht unter den Zwischendeckpassagieren eine Gesellschaft zur Enthaltsamkeit von geistigen Getränken und eine andere für Fortpflanzung der Moral und der religiösen Grundsätze unsrer Vorväter erfinden können. Was das erste betrifft, Toast, so sagte ich ihm, es sei unerträglich genug, in einem Loch eingesperrt zu seyn, wie das Zwischendeck – man brauche daher nicht das Bischen Tröstung auszuschließen, das man einem guten Schlückchen verdankt; und hinsichtlich des zweiten erklärte ich ihm, sein Vorschlag scheine mir einen Angriff auf die Gewissensfreiheit zu enthalten.«

»Da habt Ihr's ihm schön heimgegeben, Sir,« entgegnete der Stewardsmate lachend, oder vielmehr kichernd, denn dieser Ausdruck dürfte wohl am besten auf die Art, wie er sich in Heiterkeit erging, passen, »und ich hätte nur mitansehen mögen, wie verdutzt er dastand. Es kömmt mir vor, Mr. Saunders, Mr. Dodge wolle seine Gesellschaft zu Unterstützung der Freiheit und der Religion nur deshalb aufbringen, um über beide mit seinen eigenen Erfindungen den Meister spielen zu können.«

Saunders legte seinen langen, gelben Finger auf die breite, flache Nase seines Gefährten und erwiederte mit der Miene beifälliger Zustimmung:

»Toast, Ihr habt seinen Character so gut getroffen, wie ich hier mit meinem Finger Eure römische Nase. Er ist ein Mann, ganz geeignet, um unter dem gemeinen Volk und den Irischern Proselyten zu machen« – die hybernischen Bauern und die amerikanischen Neger sind geschworene Feinde – »aber er paßt durchaus für nichts, was achtbar oder anständig ist. Geschähe es nicht um des Sir George willen, so würde ich mich kaum herablassen, sein Staatsgemach zu reinigen.«

»Was sind Eure Ansichten in Betreff des Sir George, Mr. Saunders?«

»Was soll ich sagen? Sir George ist ein Gentleman, der einen Titel hat, und darf daher natürlich nicht allzu scharf beurtheilt werden. Er hat mich bereits mit einem Sovereign bekomplimentirt und mir seine Absicht angedeutet, daß es ihm auch auf ein weiteres nicht ankomme, wenn wir unsern Hafen erreichen.«

»Es nimmt mich gewaltig Wunder, daß ein solcher Gentleman verabsäumen konnte, sich ein Staatsstüblein apart für seine eigene Bequemlichkeit zu miethen.«

»Sir George hat mir Alles dies in einem Gespräch auseinandergesetzt, das wir bald nach dem Beginne unsrer Bekanntschaft in seinem Gemache abhielten. Er geht in einer Staatsangelegenheit nach Canada und hatte zur Einschiffung nur eine Stunde Zeit. Für ein besonderes Zimmer war er zu spät gekommen, und sein Bedienter folgt ihm mit den übrigen Effekten im nächsten Schiffe nach. Oh! Sir George kann mit allem Fug unter die achtbaren und liberalisirten Leute gezählt werden, obschon vielleicht eine Menge von Umständen zusammengewirkt haben, ihn in einem weniger glimpflichen Lichte erscheinen zu lassen.«

Nach dieser Belehrung, in welcher Mr. Saunders sein Wörterbuch eifrig in Anspruch genommen hatte, meinte Toast, daß so viele Umstände wohl geeignet seyn möchten, auch einen besseren Mann in die Klemme zu bringen. Er dachte eine Weile nach oder erging sich wenigstens in einer Operation, deren Ausdruck in seinem kreisrunden glänzenden Gesicht für Nachdenken gedeutet werden konnte, und sagte sodann:

»Es will mir vorkommen, Mr. Saunders, daß die Effinghams sich nicht sonderlich mit Sir George einlassen mögen.«

Saunders blickte zur Speisekammerthüre hinaus, um zu recognosciren; als er aber fand, daß noch immer allenthalben die vorerwähnte nüchterne Ruhe herrschte, so öffnete er ein Schubfach und zog eine Londoner Zeitung heraus.

»Um Euch mit dem Vertrauen zu behandeln, das einem Gentleman in einer so achtbaren und verantwortlichen Stellung gebührt, wie Ihr sie einnehmt, Mr. Toast,« sagte er, – »es hat sich gestern in meiner Anwesenheit ein kleines Ereigniß verlauten lassen, das mir merkwürdig genug vorkam, um mich zum Aufheben dieser Zeitung zu bewegen. Mr. Sharp und Sir George waren zufällig allein in der Kajüte beisammen, und der Erstere, wie ich alsbald merkte, Toast, hatte Lust, dem Letzteren ein Bischen von seinem Hochmuth zu benehmen, denn Ihr werdet wahrgenommen haben, daß zwischen den Effinghams, Mr. Blunt, Mr. Sharp und dem Baronet noch nie eine Unterhaltung stattfand. Um nun so zu sagen seinem Hochmuth das Eis zu brechen, fängt Sir George an: ›in der That, Mr. Sharp, die Zeitungen kümmern sich so genau um persönliche Verhältnisse, daß man nicht einmal auf's Land hinaus kann, um ein Bischen frische Luft zu schöpfen, ohne daß sie es berichten. Ich meinte, keine Seele wisse von meiner Abreise nach Amerika, und doch seht Ihr sie mit mehr Einzelnheiten berührt, als mir lieb ist.‹ Zum Schlusse gab Sir George Mr. Sharp diese Zeitung und zeigte ihm den Abschnitt hier. Mr. Sharp las ihn, legte das Blatt nieder, und erwiederte kalt: ›es ist ganz erstaunlich, Sir; aber Unverschämtheit ist ein allgemeiner Fehler des Zeitalters.‹ Und dann verließ er die Kajüte. Sir George war so ärgerlich, daß er in sein Staatsgemach ging und die Zeitung vergaß; sie fiel daher – Ihr wißt Toast, – einem Grundsatz zufolge, der im Vattel vorkommt, dem Steward zu.«

Die beiden Ehrenmänner ergingen sich nun auf Kosten ihres Befehlshabers in gedämpfter Heiterkeit; denn obschon Mr. Saunders im Allgemeinen ein sehr gravitätischer Mann war, so konnte er gelegentlich doch auch lachen und tanzte namentlich ausgezeichnet gut – wenigstens seiner eigenen Meinung nach.

»Wollt Ihr nicht den Abschnitt lesen, Mr. Toast?«

»Ganz unnöthig, Sir; Euer Bericht darüber wird mir vollkommen leserlich und befriedigend seyn.«

Durch diesen höflichen Winkelzug ersparte sich Mr. Toast, welcher von der Kunst des Lesens ungefähr eben so viel verstand, als ein Affe von der Mathematik, die Widerwärtigkeit, eingestehen zu müssen, in welcher sorglosen Weise er früher die Gelegenheit, etwas zu lernen, verabsäumt hatte. Zum Glück hatte Mr. Saunders, der als Dienstmann in der Familie eines Gentleman erzogen worden war, seine Jugend besser benützt, und da er sich auf sein Wissen viel einbildete, so fand er ein besonderes Wohlgefallen daran, es bei jeder Gelegenheit zur Schau zu stellen. Er suchte daher den betreffenden Abschnitt auf und begann seine Vorlesung in jener Art belehrenden Tones und gesuchten Manier, womit Gentlemen, welche erst nach Dreißig die Anmuthigen zu spielen beginnen, ihre Complimente zu machen pflegen:

»Wie wir hören, ist Sir George Templemore ›Baronet und Parlaments-Mitglied für Boodleigh‹, im Begriff, unsre amerikanischen Colonien in der Absicht zu besuchen, mit der Bedeutung der mißliebigen Fragen, welche eben jetzt dort so viel Aufregung verursachen, sich genauer bekannt zu machen und nach seiner Rückkehr die Sache in den Debatten des Unterhauses zur Sprache zu bringen. Wir glauben, Sir George wird am ersten mit dem Paketboote, das von Liverpool abgeht, aussegeln und zeitig genug wieder zurückkehren, um nach den Osterferien seinen Sitz im Parlament einnehmen zu können. Seine Dienerschaft und sein Gepäcke ging gestern mit der Liverpooler Kutsche von London ab. Während der Abwesenheit des Baronets wird Sir Gervaise de Brush den Jagdbezirk übernehmen, dagegen aber der Haushalt zu Templemore-Hall eingestellt seyn.«

»Aber wie kam Sir George hieher?« lautete jetzt ganz natürlich Mr. Toast's Frage.

»Da er zu lang in London aufgehalten wurde, so war er genöthigt, sich unsres Schiffes zu bedienen oder zurückzubleiben. Die Passagiere säumen oft eben so lange, Mr. Toast, wie die Matrosen. Ich habe mich oft gewundert, wie Gentlemen und Ladies so gerne auf sich warten lassen, so daß die Speisen oft ganz schaal und unschmackhaft werden, während man sie doch warm genießen sollte.«

»Saunders!« rief die kräftige Stimme des Kapitäns, der jetzt von seinem sogenannten Throne in der Kajüte Besitz genommen hatte.

Die ganze elegante Ausdrucksweise und der vornehme Anstrich des Steward verschwanden mit einemmale bei dem wohlbekannten Tone; er steckte den Kopf zu der Speisekammerthür hinaus und gab die auf jeden Ruf schiffsgerechte Antwort:

»Ja, ja, Sir.«

»Laßt Euer Wörterbuch nur in der Speisekammer dort und zeigt Eure Physiognomie in meiner Gegenwart. Zum Teufel, was würde wohl Vattel zu einem Nachtessen wie dieses hier sagen?«

»Ich denke, Sir, er würde es für ein Schiff in einer harten Bö ein sehr gutes Nachtessen nennen. Dies ist meine ehrliche Meinung, Kapitän Truck, und ich täusche nie einen Gentleman in Sachen der Verköstigung. Schätze wohl, Mr. Vattel würde dem Nachtessen da Beifall schenken, Sir.«

»Kann seyn, denn er hat wohl eben so gut, als andere Leute Dummheiten gemacht. Geht und mischt mir ein Glas, just so, wie ich's liebe, wenn ich den ganzen Tag keinen Tropfen gehabt habe. Gentlemen, will vielleicht einer von euch mir die Ehre erweisen, bei einer Schnitte mitzuhalten? Dieses Ochsenfleisch ist nicht schlecht, und hier haben wir, was Schinken betrifft, einen wahren Marylander. Kein Mangel an Werg, um die Ritzen zu verstopfen.«

Den Gentlemen hatte jedoch der Sturm allen Appetit verdorben, und außerdem befanden sie sich nicht in der Lage des Kapitän Truck, welcher seit dem Morgen nichts genossen hatte. Nur Mr. Monday, der Musterkartenreiter, wie ihn John Effingham genannt hatte, welcher schon oft genug zur See gewesen war, um mit ihren Wechselfällen vertraut zu seyn, ließ sich ein Glas Grog als bonne bouche nach dem Madeira, den er zu sich genommen hatte, gefallen. Kapitän Truck's Eßlust kehrte sich übrigens wenig an den Zustand des Wetters; denn obgleich der Ehrenmann zu aufmerksam auf seine Obliegenheiten war, um das Deck zu verlassen, bevor er sich überzeugt hatte, daß die Angelegenheiten gut von Statten gingen, machte er sich doch, nachdem er seinen Sinn einmal auf's Essen gesetzt hatte, so wohlgemuth an sein Mahl, daß man wohl sah, wie wenig er bei scharf nagendem Hunger auf Förmlichkeiten hielt. Eine Zeit lang war er zu sehr beschäftigt, um sprechen zu können, und machte regelmäßige Angriffe auf die verschiedenen Plats, wie sie Mr. Saunders nannte, ohne sonderlich auf das Material oder die Kunst des Koches zu achten. Nur hin und wieder hielt er inne, um zu trinken, was jedesmal mit so großem Eifer geschah, daß nicht ein Tropfen im Glase zurückblieb. Gleichwohl war Mr. Truck ein mäßiger Mann, denn er genoß nie mehr, als seine physischen Bedürfnisse zu fordern schienen oder seine gute Constitution ertragen konnte. Endlich kam er jedoch an die Entremets des Stewards und begann, was er »Werg« nannte, in die Ritzen seines Diners zu stopfen.

Mr. Sharp hatte nebst Eva diesem ganzen Manöver von der Damenkajüte aus zugesehen, und da er jetzt die Zeit für günstig hielt, sich über den Zustand der Dinge auf dem Deck zu erkundigen, so kam er, von seiner schönen Gefährtin beauftragt, in die Hauptkajüte heraus, um die betreffende Frage zu stellen.

»Die Damen wünschen zu wissen, wo wir sind und wie es mit dem Sturme steht, Kapitän Truck,« begann er, nachdem er in der Nähe des Thrones Platz genommen hatte.

»Meine theure Lady,« rief der Kapitän, um die Diplomatik einer Gesandtschaftsmission unter seinen Passagieren kurzweg abzuschneiden, »ich wünsche von Herzen, daß ich Euch und Mademoiselle Viefville überreden könnte, ein wenig von diesen eingepöckelten Austern zu kosten; sie sind so fein, wie Ihr selbst, und in jeder Hinsicht würdig, einer Meerfee vorgesetzt zu werden, wenn es ein derartiges Ding gäbe.«

»Ich danke Euch für das Compliment, Kapitän Truck; aber während ich mir die Freiheit nehme, es abzulehnen, stelle ich die Bitte, Euch an den Bevollmächtigten zu wenden, welchen Mademoiselle Viefville« – Eva wollte sich selbst dabei nicht berühren – »von ihren Wünschen unterrichtet hat.«

»Ihr begreift also wohl, Sir,« nahm Mr. Sharp wieder das Wort, »daß Ihr allen Grundsätzen gemäß, welche Vattel aufstellte, mit mir zu traktiren habt.«

»Und Euch zu traktiren obendrein, mein guter Sir. Laßt Euch überreden, ein Schnittchen von diesem Antiabolitionisten zu kosten,« – er steckte sein Messer in den Schinken, den er noch immer mit einer Art melancholischer Theilnahme zu betrachten fortfuhr – »nicht? Nun, das allzuviele Zureden ist fast ebenso schlimm, als gänzliche Vernachläßigung. Uebrigens bin ich mit Saunders überzeugt, Sir, daß Vattel selbst, wenn er in Betreff feiner Kost nicht unverständiger ist, als in Staatsangelegenheiten, sich zwanzig Minuten nach der Mahlzeit weit glücklicher fühlen muß, als ehe er sich dazu niedergesetzt hat.«

Da Mr. Sharp bemerkte, es führe zu nichts, auf seiner Frage zu beharren, so lange der Andere in einer seiner redseligen Launen war, so beschloß er, die Dinge ihren Gang nehmen zu lassen und auf des Kapitäns Weise einzugehen.

»Wenn Vattel der Mahlzeit seinen Beifall zollte, so würden nur wenige Menschen Ursache haben, sich über das Geschick zu beklagen, welches sie so gut versorgt hat.«

»Ich schmeichle mir, Sir, daß ich mich, namentlich in einer Bö, so gut auf ein Souper verstehe, als Vattel oder irgend ein anderer Mann.«

»Und doch war Vattel einer der gefeiertsten Köche seiner Zeit.«

Kapitän Truck machte große Augen und sah seinem ganz ernsthaft dasitzenden Gesellschafter voll in's Gesicht; denn er liebte selbst zusehr eine kleine Neckerei, um nicht Andere gleichfalls in Verdacht zu ziehen, und stocherte daher mit verdoppelter Wachsamkeit seine Zähne aus.

»Vattel ein Koch? Davon höre ich wahrhaftig zum erstenmale.«

»Es gab in früherer Zeit einen Vattel, der an der Spitze seiner ganzen Kunstgenossenschaft stand – dies kann ich Euch auf Ehre versichern. Ich will übrigens nicht behaupten, daß es gerade Euer Vattel ist.«

»Sir, es hat nie zwei Vattels gegeben. Dies ist mir eine ganz außerordentliche Neuigkeit, und ich weiß kaum, wie ich sie aufnehmen soll.«

»Wenn Ihr meine Angabe bezweifelt, so könnt Ihr jeden der übrigen Passagiere darum befragen. Sowohl die Herren Effingham als Mr. Blunt, Miß Effingham oder Mademoiselle Viefville werden das, was ich Euch sagte, bestätigen – namentlich die Letztere, da er ihr Landsmann war.«

Kapitän Truck begann wieder Werg hineinzustopfen, denn Mr. Sharp's ruhiges Gesicht that Wirkung; und da er über die Folgen nachdachte, wenn sich sein Orakel als Koch ausweisen sollte, so hielt er es für gerathen, gewissermaßen nebenbei zu essen. Nachdem er ein Dutzend Oliven, sechs oder acht Anchovis, eben so viel eingepöckelte Austern, Mandeln und Rosinen aber à volonté – wie es in den Ankündigungen heißt – hinuntergearbeitet hatte, schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch und kündigte seine Absicht an, die Frage den beiden Damen vorzulegen.

»Meine theure junge Lady,« rief er aus, »wollt Ihr die Güte haben, mir zu sagen, ob Ihr je von einem Koch Namens Vattel gehört habt?«

Eva lachte, und ihre süßen Töne waren ansteckend, sogar in Mitte des heulenden Sturmes, der sich in den Kajüten wie eine Baßbegleitung oder das ferne Brausen eines Wasserfalls zu dem Gesange der Vögel ausnahm.

»Allerdings, Kapitän,« antwortete sie. »Mr. Vattel war nicht nur ein Koch, sondern auch der berühmteste Koch, von dem man weiß – wenn auch nicht um seiner Geschicklichkeit, so doch um seines Ehrgefühls willen.«

»Ich zweifle nicht, daß der Mann sein Geschäft gut versah, mag er Hand angelegt haben, wo er will. Und er war ein Landsmann von Euch, wie ich höre, Mademoiselle?«

» Assurément, Monsieur Vattel hat mehr ausgezeichnete Souvenirs hinterlassen, als irgend ein anderer Koch en France

Kapitän Truck wandte sich rasch an den aufgeblähten und staunenden Saunders, der seine eigene Herrlichkeit durch diese wichtige Entdeckung sehr erhöht sah, und sagte in der kurzen Weise, in welcher er das Oberhaupt der Speisekammer anzureden pflegte: »Hört Ihr dies, Sir? Seht zu und macht mir ausfindig, worin sie bestehen. Sobald wir in den Hafen kommen, müßt Ihr mir ein Gericht von diesen Souvenirs vorsetzen. Ich denke, sie werden auf dem Fultoner Markt wohl zu haben seyn, und vergeßt nicht, wenn Ihr dort seyd, nach einigen Zungen und Blackfischen zu sehen. In Ermanglung derselben habe ich heute nur ein halbes Nachtessen gehabt. Ich kann mir denken, daß diese Souvenirs eine Kapitalkost seyn mußten, wenn Monsieur Vattel so hohe Stücke auf sie hielt. Bitte, Mademoiselle, ist der Gentleman todt?«

» Hélas, oui! wie hätte er auch leben können mit einem Degen durch den Leib?«

»Ha! Natürlich in einem Duell umgekommen – und wenn man der Sache auf den Grund geht, wird sich herausstellen, daß er im Kampfe für seine Grundsätze starb. Ich werde fortan doppelten Respekt vor seinen Ansichten haben, denn dies ist der Probierstein von der Ehrlichkeit eines Mannes. Mr. Sharp, ein Glas Geissenheimer seinem Andenken – wir haben vielleicht schon manchem weniger würdigen Manne diese Ehre angethan.«

Der Kapitän füllte die Gläser, aber in demselben Augenblicke erschütterte ein Sturz von mehreren Tonnen Wasser auf das Deck das ganze Schiff. Einer der Passagiere im Sturmhäuschen öffnete die Thüre, um nach der Ursache zu sehen, und der Ton des zischenden Wassers nebst dem Brüllen des Windes ließ sich nun frischer und bestimmter in den Kajüten vernehmen. Mr. Truck blickte nach dem Tell-Tale zu seinen Häupten, um sich von dem Kurse des Schiffs zu überzeugen, hielt einen Augenblick inne und goß dann seinen Wein hinunter.

»Dieser Wink erinnert mich an meine Sendung,« nahm Mr. Sharp auf's Neue das Wort. »Die Damen wünschen Eure Ansicht über den Zustand des Wetters zu erfahren.«

»Ich bin ihnen eine Antwort schuldig, wäre es auch nur zum Dank für den Wink über Vattel. Wer zum Teufel hätte auch glauben sollen, daß der Mann je ein Koch war! Aber die Franzosen sind nicht wie andere Leute, und die halbe Nation besteht aus Köchen oder lebt in einer oder der andern Weise von dem Essen, das andere Leute zu sich nehmen.«

»Sie sind noch obendrein sehr gute Köche, Monsieur le Capitain,« bemerkte Mademoiselle Viefville. »Monsieur Vattel starb für die Ehre seiner Kunst, denn er stürzte sich in seinen eigenen Degen, weil die Fische nicht zeitig genug für das Diner des Königs angekommen waren.«

Kapitän Truck machte eine verdutztere Miene, als je; dann wandte er sich rasch gegen den Steward um, schüttelte den Kopf und rief:

»Hört Ihr dies, Sir? Wie oft hättet Ihr schon sterben müssen, wenn Euch jedesmal, so oft die Fische vergessen waren, oder zu spät kamen, ein Degen durch den Leib gerannt worden wäre! Einmal wenigstens hätte Euch sicherer Tod geblüht, von wegen der Zungen und Blackfische.«

»Aber das Wetter?« unterbrach ihn Mr. Sharp.

»Das Wetter, mein theurer Sir? Das Wetter, meine theuren Damen, ist ein sehr gutes Wetter, mit Ausnahme des Winds und der Wellen, von denen beiden wir unglücklicherweise eben jetzt mehr haben, als wir brauchen. Das Schiff muß lenssen, und da wir wie ein Rennpferd dahingehen, ohne uns Athem zu gönnen, so können wir die canarischen Inseln zu Gesicht kriegen, noch ehe unsere Fahrt vorüber ist. Gefahr hat es mit dem Schiffe nicht, so lange wir uns klar von dem Lande abhalten können, und damit dies ordnungsmäßig geschehe, will ich mich jetzt in mein Staatsgemach begeben und ausfindig machen, wo wir im gegenwärtigen Augenblicke sind.«

Auf diese Auskunft hin zogen sich die Passagiere für die Nacht in ihre Gemächer zurück und Kapitän Truck ging eifrig an seine Arbeit. Das Ergebniß seiner Berechnungen zeigte, daß sie westlich von Madeira vorüberkommen mußten, und dies war Alles, um was er sich für den Augenblick kümmerte, da er stets die Absicht hatte, bei erster Gelegenheit zu seinem Kurse aufzuholen.


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