Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Siebenzehntes Kapitel.

Ich war am Bord des Königsschiffes, wo
Im Schnabel jetzt, dann wieder in der Kuhl,
Auf dem Verdeck, so wie in der Kajüte,
Ich Staunen weckte überall.

Sturm.

 

Hatte Kapitän Truck die Lage des Montauk schon nicht gefallen, als er seinen Maten den Kurs wechseln sah, so fand er noch mehr Ursache dazu, als er wieder an Bord war und Gelegenheit hatte, sich ein richtigeres Urtheil zu bilden. Die Strömung führte das Schiff nicht nur gen Süden, sondern auch küstenwärts, denn die Richtung der Grundschwellen trieb es zwar langsam, aber doch unausbleiblich dem Lande zu. Das Gestade war an dieser Stelle noch weit zackiger, als an dem Orte, wo der Däne gestrandet hatte; auch kamen hier Andeutungen von Bäumen zum Vorschein, und die Felsen liefen in unregelmäßigen Riffen nach der See hinaus. Weiter im Süden konnte man die Klippen an der äußeren Seite des Schiffes erblicken, während sie unmittelbar im Stern kaum ein paar hundert Ruthen entfernt lagen. Der Wind kam zwar aus einer günstigen Richtung, war aber leicht und aussetzend, und Mr. Leach hatte jeden Stich Tuch angeschlagen, den die Umstände überhaupt zu führen gestatteten. Auch das Loth war versucht worden, und es stellte sich dabei heraus, daß der Grund aus hartem, mit Felsen gemischtem Sande bestand, das Wasser aber eine Tiefe hatte, um das Auswerfen des Ankers zu gestatten. Kapitän Truck verzweifelte übrigens nach Einholung dieser Gewißheit nicht unbedingt, was schon aus dem Umstand erhellte, daß er Mr. Saunders vor sich beschied; denn bis jetzt hatte von denen, welche den Ausflug in den Booten mitgemacht, Niemand ein Frühstück zu sich genommen.

»Tretet hieher, Mr. Steward,« sagte der Kapitän »und erstattet Bericht über den Zustand der Küche. Ihr habt, Eurer Gewohnheit gemäß, auch unter den Verschlüssen jenes unglücklichen Dänen umhergestört und ich wünsche zu wissen, welche Entdeckungen Ihr gemacht habt. Ihr werdet so gut seyn, Euch zu erinnern, daß es bei allen derartigen öffentlichen Expeditionen nicht gestattet ist, Unterschleif zu treiben oder ein Privatjournal zu halten. Habt Ihr keinen Stockfisch gesehen?«

»Sir, ich würde das Schiff für beschimpft halten, wenn es einem derartigen Artikel Zutritt zur Speisekammer gestattet hätte, Sir. Wir haben zwar Zungen und Blackfische in Menge, Kapitän Truck, aber kein Gentleman, der sich solcher Kost erfreuen kann, braucht seine Ambition auf Stockfisch zu setzen.«

»Ich bin ganz Eurer Ansicht; aber die Erde ist nicht aus Stockfischen gemacht. Ist Euch nicht vielleicht etwas Butter in den Wurf gekommen?«

»Ein wenig, Sir; er taugt übrigens kaum dazu, um einen Mast damit zu schmieren. Auch traf ich auf einen der heillosesten Käse, Sir, denen mich, glaube ich, je mein schlimmes Geschick in den Weg führte. Es nimmt mich nicht Wunder, daß die Afrikaner das Wrack verlassen hatten.«

»Ihr folgtet natürlich ihrem Beispiele, Mr. Saunders, und ließt den Käse liegen.«

»Ich folgte meinem eigenen Judex, Sir, denn ich möchte nicht mit solchem Käse in ein und demselben Schiff bleiben, Kapitän Truck, selbst wenn ich darüber die Ehre verlieren müßte, Sir, unter einem so großen Befehlshaber zu dienen, wie Ihr seyd. Ich denke, es ist kein Wunder, daß das Schiff scheiterte; denn sogar die Hayfische würden es meiden. Schon der Gedanke an seine Unreinigkeiten, Sir, macht, daß sich mir der Magen im Leibe umdreht.«

Der Kapitän winkte zustimmend mit dem Kopfe, ließ sich eine Kohle reichen und bestellte dann das Frühstück. Die Mahlzeit wurde stumm, gedankenvoll und sogar wehmüthig eingenommen, denn Alle dachten an die armen Dänen und ihr klägliches Schicksal, während diejenigen, welche auf der Ebene gewesen waren, in der Leiche des Ermordeten noch weiteren Stoff für ihre Betrachtungen fanden.

»Ist es nicht möglich, etwas zu thun, um die armen Leute aus der Gefangenschaft zu befreien?« fragte endlich Eva.

»Ich habe schon darüber nachgedacht, mein Kind, sehe aber kein anderes Mittel, als die Dänische Regierung von ihrer Lage zu unterrichten.«

»Könnten wir nicht gleichfalls etwas zu Erreichung des Zweckes beisteuern? Geld dürfte, wie ich meine, doch wohl das Nothwendigste seyn.«

Die Gentlemen sahen einander beifällig an, obgleich sie meist stumm blieben, weil keiner zuerst sprechen wollte.

»Wenn mit hundert Pfunden etwas ausgerichtet werden kann, Miß Effingham,« begann Sir George Templemore nach einer verlegenen Pause, indem er eine Banknote in dem erwähnten Betrage auf den Tisch legte, »und Ihr uns die Ehre erweisen wollt, das Lösegeld aufzubewahren, so mache ich mir ein großes Vergnügen daraus, Euch diese Summe anzubieten.«

Dies war schön gesagt und, wie Kapitän Truck später erklärte, auch schön gehandelt, obgleich der Antrag ein wenig plötzlich kam, so daß Eva erröthete und anfangs nicht recht wußte, was sie thun sollte.

»Ich nehme Eure Gabe an, Sir,« sagte sie endlich, »und will sie mit Eurer Erlaubniß meinem Vater einhändigen, welcher besser wissen wird, als ich, wie sie verwendet werden muß, um unsern wohlthätigen Zweck in Ausführung zu bringen. Ich glaube, ich kann eben so viel für meine Person beisteuern.«

»Zuverläßig, meine Liebe – und zweimal so viel, wenn es nöthig ist. John, hier findet sich eine passende Gelegenheit für Eure Theilnahme.«

»Zeichnet mich mit so viel auf, als Ihr wollt,« versetzte John Effingham, dessen Menschenfreundlichkeit, sobald der Geldpunkt in Frage kam, unbegrenzt war, obschon er es nicht liebte, Sentimentalität zur Schau zu tragen. »Hundert Pfund oder tausend – gleichviel, wenn es gilt, die armen Menschen zu retten.«

»Ich glaube, Sir, wir Alle müssen einem so schönen Beispiele folgen,« bemerkte Mr. Sharp; »und ich hoffe aus dem Grunde meines Herzens, daß sich dieser Plan nicht fruchtlos erweisen möge. Vielleicht ließe sich durch Vermittlung einiger der öffentlichen Agenten zu Magadore der gewünschte Zweck erreichen.«

Mr. Dodge erhob viele Einwendungen, da es in der That seine Mittel überstieg, eine so freigebige Beisteuer zu leisten, und sein Character in einer Schule gebildet worden war, die zu viel Neid und Eifersucht erzeugt hatte, um es ihm möglich zu machen, die Unzulänglichkeit seiner Mittel auch in einem so werthlosen Puncte, als der Geldbesitz ist, einzugestehen. In der That war er schon so lange daran gewöhnt, im Widerspruche mit dem Zeugnisse seiner eigenen Sinne, die Behauptung, »ein Mensch sey so gut wie der andere,« festzuhalten, daß er gleich den Meisten, welche seiner unpraktischen Sippschaft angehörten, stillschweigend das allgemeine, obschon unwürdige Uebergewicht bloßen Reichthums anerkannte und eben so natürlich seine Unzulänglichkeit in einem Puncte nicht eingestehen mochte, den er zu Allem in Allem machte, selbst wenn er am lautesten gegen jedwede Unterordnung declamirte. Er verließ daher die Kajüte und hätte vor Neid und Eifersucht fast vergehen mögen, weil Andere sich unterfangen hatten, Beisteuern zu geben, denen er sich in Wirklichkeit nicht gewachsen fühlte.

Andererseits bekundete sowohl Mademoiselle Viefville, als Mr. Monday die edlen Gesinnungen, in denen sie erzogen worden waren. Erstere übergab Mr. Effingham ruhig einen Napoleon, und dieser nahm die Gabe mit derselben aufmerksamen Höflichkeit an, mit welcher er die größeren Beiträge in Empfang genommen hatte, während Mr. Monday eine Fünfpfundnote mit einer so herzlichen Bereitwilligkeit herbeiholte, daß dadurch in den Augen seiner Begleiter die Sünde manchen Glases Punsch wieder gut gemacht wurde. Während diese Collecte vor sich ging, wagte es Eva nicht, nach Paul Blunt hinzusehen, obschon es sie verdroß, daß er sich nicht gleichfalls dabei betheiligte. Er blieb stumm und gedankenvoll – ja, in seinem Gesicht schien sich sogar ein schmerzlicher Zug auszudrücken, und sie wunderte sich, ob es möglich sei, daß ein Mann, dessen Art zu leben doch gewiß auf ein großes Einkommen hindeutete, so gedankenlos gewesen seyn konnte, sich der Mittel zu einer Handlung zu berauben, die er so augenscheinlich auszuführen wünschte. Die Meisten der Gesellschaft waren jedoch zu fein gebildet, um den Gegenstand zu einem Gesprächsstoffe zu machen, und bald nachher erhoben sie sich insgesammt von der Tafel. Eva fühlte sich jedoch sehr beruhigt, als sie von ihrem Vater erfuhr, der junge Mann habe ihm nachher hundert Guineen eingehändigt und sich noch außer diesem Beitrage erboten, sobald sie das grüne Vorgebirg oder die Canarien erreichten, selbst nach Mogadore zu gehen, um den wohlthätigen Plan ohne Zögern zur Ausführung zu bringen.

»Der junge Mann hat ein edles Herz,« sagte der Vater hoch erfreut, als er Blunts Erbieten seiner Tochter und seinem Vetter mittheilte; »und ich werde gegen die Ausführung dieses Entwurfes keine Einwendung erheben.«

»Wenn er sich anheischig macht, dieses Schiff auch nur eine einzige Minute früher zu verlassen, als nöthig ist, so verdient er in der That eine goldene Bildsäule,« versetzte John Effingham; »denn er hat hier Alles, was einen jungen Mann, wie er ist, fesseln kann, dazu aber auch jeden Grund zur Eifersucht.«

»Vetter Jack!« rief Eva vorwurfsvoll, durch diese plötzliche unverhohlene Rede ganz außer Fassung gebracht.

Mr. Effinghams ruhiges Lächeln bekundete, daß er seinen Vetter sowohl, als seine Tochter vollkommen verstand, erlaubte sich aber keine weitere Aeußerung. Eva sammelte sich schnell wieder und wandte sich – über sich selbst zürnend wegen des mädchenhaften Ausrufs, der ihr entwischt war – an den Angreifer.

»Ich weiß nicht,« sagte sie, »ob ich mich mit Mr. John Effingham in einem Gespräch beiseits blicken lassen darf, selbst wenn es durch die Anwesenheit meines eigenen Vaters unverfänglich erscheinen könnte.«

»Und darf ich fragen, warum diese plötzliche Zurückhaltung, meine beleidigte Schönheit?«

»Blos weil das Gerücht in Betreff der zarten Beziehung, in welcher wir zu einander stehen, bereits sehr thätig gewesen ist.«

In John Effinghams Zügen drückte sich Ueberraschung aus, obschon er seine Neugierde zügelte; denn lange Gewohnheit hatte ihn gelehrt, auch da Gleichgiltigkeit zur Schau zu tragen, wo er sie nicht immer fühlte. Der Vater benahm sich weniger abgemessen, sondern forderte ruhig eine Erklärung.

»Es hat den Anschein, wie wenn unser Geheimniß entdeckt sey,« entgegnete Eva, eine feierliche Miene annehmend, als handle sich's um einen sehr wichtigen Punct. »Während wir in Betreff jenes unglücklichen Schiffes unsere Neugierde befriedigten, war Mr. Dodge für die löbliche Industrie des Active Inquirer thätig, indem er unsere Staatsgemächer ausspionirte.«

»Eine solche Gemeinheit ist unmöglich!« rief Mr. Effingham.

»Nicht doch,« versetzte John. »Wessen könnte man sich nicht versehen von einem Demagogen, von einem Menschen, der sich Dinge anmaßt, von denen er nicht einmal eine Vorstellung hat – von einem Manne, dessen Lebenselement Neid und Verrath ist – mit einem Worte von einem Quasi-Gentleman? Wir wollen hören, was uns Eva zu sagen hat.«

»Die Gewährleistung habe ich von Anna Sidley, die ihn auf der That ertappte. Ihr erinnert Euch des freundlichen Briefs, den Ihr unmittelbar vor unserem Abgang von London an meinen Vater schriebt, Vetter Jack – Ihr thatet es, weil Ihr Euerer redlichen Zunge die Aeußerungen Eures redlichen Herzens nicht vertrauen wolltet. Diesen Brief lese ich nun täglich – nicht wegen der darin enthaltenen Versprechungen, wie Ihr mir wohl glauben werdet, sondern um der warmen Zuneigung willen, welche Ihr darin gegen ein Mädchen ausdrückt, die nicht zur Hälfte verdient, was Ihr für sie fühlt und thut.«

»Pah!«

»Nun, mögt Ihr es immer für läppisch halten; aber ich las erst diesen Morgen noch den Brief und ließ ihn achtlos auf meinem Tische liegen. Aber in seinem unsterblichen Verlangen, dem Publicum etwas vorzulegen, wie es seinem hohen Beruf und seiner Pflicht gebührt, hat ihn auch Mr. Dodge gelesen. Wie es denn nun bisweilen eifrigen Neuigkeitskrämern zu ergehen pflegt, hat er einige Stellen unrichtig gedeutet und daraus den Schluß gezogen, ich werde unmittelbar nach meiner Ankunft in Amerika eine glückliche Gattin werden und den Titel Miß Eva Effingham gegen den einer Mrs. John Effingham vertauschen.«

»Unmöglich! Niemand kann so thöricht oder überhaupt so niederträchtig seyn!«

»Ich möchte eher glauben, mein Kind,« fügte der mildere Vater bei, »daß Mr. Dodge Unrecht geschehen ist. Kein Mensch, der sich der Stellung eines Gentleman auch nur im mindesten nähert, könnte eine so nichtswürdige Handlung begehen, wie die von Dir genannte ist.«

»Oh, wenn Ihr gegen die Angabe weiter nichts einzuwenden habt,« bemerkte der Vetter, »so bin ich bereit, ihre Wahrheit eidlich zu erhärten. Aber Eva hat Einiges von Kapitän Trucks Spottsucht aufgegriffen und ist entschlossen, ihren Character gleich anfangs durch einen kühnen Zug zu bethätigen. Sie ist gewitzt und kann's mit der Zeit zu einem vollkommenen Schalk bringen.«

»Ich danke Euch für das Compliment, Vetter Jack, muß es aber ablehnen, da ich in meinem ganzen Leben nie ernster gesprochen habe. Daß der Brief gelesen wurde, bestätigt mir Nanny, welche die Wahrheitsliebe selbst ist, als Augenzeuge; auch weiß sie aus dem Munde des Maten, welcher die Kunde unmittelbar aus der ersten Quelle bezogen hat, daß Mr. Dodge seitdem eifrig bemüht war, die Neuigkeit von meinem großen Glücke in Umlauf zu setzen. Um übrigens begreiflich zu finden, daß ein derartiger Mann zu einem solchen Schlusse kam, braucht Ihr Euch blos die Ausdrücke des Briefs zu vergegenwärtigen.«

»In meinem Briefe stand nichts, was eine so einfältige Muthmaßung rechtfertigen könnte.«

»Ein Active Inquirer weiß Entdeckungen zu machen, von denen Ihr Euch wenig träumen laßt, lieber Vetter Jack. Ihr sprecht davon, daß es Zeit sey, das Wanderleben aufzugeben und sich endlich zur Ruhe zu setzen; dann gebe es keine Trennung mehr, und es sey Eure Absicht – sehe man nur den verschwenderischen Menschen – Eva zur künftigen Herrin Eures Vermögens zu machen. Gesteht nur Alles dies ein, Ihr Bösewicht, oder ich werde nie wieder einem Manne Glauben schenken.«

John Effingham gab keine Antwort, aber der Vater drückte mit Wärme seine Entrüstung darüber aus, daß ein Mensch, der nur im geringsten Grade Anspruch darauf mache, unter Gentlemen Zutritt zu erhalten, eine derartige Nichtswürdigkeit sollte begangen haben.

»Wir können kaum seine Gegenwart länger unter uns dulden, John, und es ist fast Gewissenssache, ihn dahin zu schicken, wo der Pfeffer wächst.«

»Wenn Ihr derartige Begriffe von Anstand unterhaltet, Edward, so ist's wohl das Klügste, dahin zurückzukehren, woher Ihr gekommen seyd; denn an dem Orte, nach welchem Ihr zieht, werdet Ihr – denkt an mich, – solche Gentlemen zu Hunderten finden.«

»Ich lasse mir von Euch nicht weiß machen, daß ich mein Vaterland so wenig kenne, obschon ich einräumen will, daß es in Amerika so gut wie in anderen Orten Leute gibt, die sich durch ihr Benehmen brandmarken.«

»Früher hat man durch ein derartiges Benehmen Schande auf sich gehäuft; jetzt aber ist es nicht mehr der Fall. Die Pöbelherrschaft hat alle ehrenwerthen Männer in eine klägliche Minderzahl versetzt, und sogar Mr. Dodge wird Euch sagen, daß der Wahrheit das Ruder gebühre. Veröffentlicht er meinen Brief, so wird ein großer Theil seiner Leser der Ansicht seyn, er behaupte blos die Freiheit der Presse. Der Himmel steh' uns bei! Ihr habt auf Euren Reisen geträumt, Ned Effingham, während Euer Vaterland in Allem, was gut und achtungswürdig ist, in zwölf Jahren einen Rückschritt von wenigstens Hunderten gemacht hat.«

Da dies John Effinghams gewöhnliche Sprache war, so machten sich seine Zuhörer nicht viel daraus, obschon Mr. Effingham noch entschiedener die Absicht ausdrückte, jeden, auch den unbedeutenden Verkehr, welchen er seit der Ausfahrt mit dem Uebelthäter unterhalten hatte, vollends abzubrechen.

»Besinnt Euch eines Bessern, mein theurer Vater,« versetzte Eva, »denn ein solcher Mensch ist kaum einer derartigen Ahndung würdig. Er steht, was Grundsätze, Benehmen, Character, Stellung und alles Uebrige betrifft, zu tief unter Euch, als daß es der Mühe werth wäre, überhaupt auf ihn zu achten; und dann – wenn wir die Mummerei, in welche uns die Zufälligkeiten des Schiffslebens geworfen haben, aufklären wollten, so dürften sich wohl über Andere ebenso gut Bedenken herausstellen, als über diesen Wolf in Schaafskleidern.«

»Nennt ihn lieber einen Esel, der sich scheeren und anstreichen ließ, damit er einem Zebra gleiche,« murmelte John. »Der Kerl hat nicht eine einzige auch nur so respektable Eigenschaft an sich, als die schlimmste ist, die sich am Wolfe vorfindet.«

»Raubgier ist ihm wenigstens nicht abzusprechen.«

»Auch kann er unter einer Meute heulen – so viel will ich meinetwegen zugestehen; aber ich bin mit Eva der gleichen Ansicht, daß wir ihn entweder unmittelbar mit Maulschellen behandeln, oder mit Verachtung züchtigen müssen, die stets mittelbar oder stumm zu Werke geht. Ich wünschte nur, er wäre auch in das Staatsgemach jenes hübschen jungen Menschen, des Paul Blunt getreten; dieser stände wenigstens in einem Alter und hätte Feuer genug, ihm eine Lehre zu geben, die einen guten Artikel für seinen Active Inquirer abgeben dürfte, wenn sie nicht etwa den Herausgeber selbst zu einem Scheerenausschnitt machte.«

Eva wußte wohl, daß sich der Verbrecher auch in dem erwähnten Gemache eingedrängt hatte, besaß aber doch zu viel Klugheit, um ihn zu verrathen.

»Dadurch würde er sich den Ehrenmann nur desto mehr verpflichten,« bemerkte sie lachend, »denn Mr. Blunt sagt über den Herausgeber des Active Inquirer, er habe den Fehler an sich, zu glauben, daß die Erde sammt allem ihrem Inhalt blos dazu geschaffen sei, um Stoff für Zeitungsartikel herzugeben.«

Die Gentlemen lachten mit Eva, und Mr. Effingham fügte bei, »es scheine Leute zu geben, welche so durchaus selbstsüchtig, so ganz und gar auf ihre eigenen Interessen erpicht und so allen Gefühls für die Rechte und die Empfindungen Anderer baar seyen, daß sie den Wunsch öffentlich aussprechen, alle übrigen Befugnisse der Macht der Presse unterzuordnen; nicht etwa,« fügte er bei, »um zu überzeugen oder sie zum Werkzeug der Vernunft zu erheben, sondern um einen rohen, bestechlichen und niederträchtigen Tyrannen aus ihr zu machen. Statt des Rechtes soll sie der Selbstsucht dienen, und können sie mit ihr nicht ihre persönlichen Interessen fördern, so entwürdigen sie dieselbe wenigstens zum Hebel persönlicher Leidenschaften.«

»Euer Vater bekehrt sich, scheint's, zu meinen Ansichten, Miß Effingham,« sagte John, »und wird, noch ehe er zwölf Monate in den Vereinigten Staaten ist, die Entdeckung gemacht haben, daß daselbst keine andere Herrschaft besteht, als die der Presse, deren Lenker – eine anmaßende Bande, die sich ohne Verdienst selbst vorne anstellt – nur aus Personen bestehen, die nichts bei dem Spiele zu wagen haben – ja, nicht einmal ein Bischen Ehre.«

Mr. Effingham schüttelte den Kopf zweifelnd; das Gespräch nahm jedoch in Folge eines Gewühls im Schiff eine andere Wendung. Der vom Land herkommende Wind hatte angefrischt, und sogar das schwere Tuch, auf welches sich der Montauk jetzt hauptsächlich verlassen mußte, war, wie es die Matrosen nennen, vom Schlaf erwacht oder wurde vom Maste weggeblasen, so daß es stätig gebauscht dastand – zur See, wo das Wasser in fortwährender Bewegung ist, stets ein Beweis, daß die Brise steif zu werden beginnt. Mit solcher Unterstützung gelang es dem Schiff, die vereinigte Thätigkeit der schweren Grundschwellen und der Strömung zu überwinden. Langsam kam es vom Lande ab, bis die Luft einen Augenblick zu murmeln begann, als ob der Wind noch schärfer blasen wolle; dann aber flappten mit einemmale alle Segel. Der Wind war dahin geschwebt, wie ein Vogel, und eine dunkle Linie seewärts verkündigte, daß die Brise von dem Ocean herkommen würde. Das Gewühl in dem Schiffe war eine Folge der Vorbereitungen, welche getroffen wurden, um diesem Umschlagen zu begegnen.

Der neue Wind brachte nichts mit sich, als überhaupt die Gefahr, daß das Schiff an die Küste getrieben werden könnte. Er war leicht und nur eben zureichend, den Montauk in seiner gegenwärtigen Lage etwa eine halbe Seemeile weit in der Stunde durch das Wasser zu drängen – und dies noch obendrein in einer Linie, welche nahezu mit der Küste parallel war; Kapitän Truck sah daher auf den ersten Blick, daß er genöthigt sein würde, Anker zu werfen. Ehe er jedoch dies thun wollte, hielt er ein langes Gespräch mit seinem Maten, worauf er ein Boot niederzulassen befahl.

Das Loth wurde ausgeworfen und der Boden noch immer als gut erfunden, obgleich er nur aus hartem Sand bestand und nicht den besten Haltegrund hatte.

»Eine schwere See würde das Schiff zum Dreggen veranlassen,« bemerkte Kapitän Truck; »und käme es zu tüchtigen Stößen, so würde die Linie dunkler Riffe, die wir im Sterne liegen haben, in einer Stunde sogar aus der Pensylvania Zimmerspäne machen, wenn zufälligerweise dieses große Schiff hier läge.«

Er stieg sodann in's Boot und ließ sich längs der Riffe hinrudern, um einen Einlaß zu untersuchen, den Mr. Leach gesehen haben wollte, ehe er den Schiffsschnabel nach Norden gestellt hatte. Ließ sich an dieser Stelle ein Durchgang finden, so konnte man das Fahrzeug wahrscheinlich hinter das Riff bringen, und es war dann möglich, einen Lieblingsplan des Kapitäns, auf den er jetzt die höchste Wichtigkeit legte, auszuführen. Eine Fahrt von etwa einer Viertelstunde brachte das Boot nach dem Einlasse, wo Mr. Truck nachstehende Entdeckung machte. Die Allgemeinbildung der in Sicht befindlichen Küste bestand aus einer leichten Eintiefung, in die das Schiff so weit getrifftet hatte, daß es bereits innerhalb einer Linie stand, die man sich von dem einen Auslaufen bis zum andern gezogen dachte. Es war daher wenig Hoffnung vorhanden, ein so verkrüppeltes Fahrzeug, wie der Motauk war, gegen Wind, See und Strömung wieder in den Ocean hinauszudrängen. Ungefähr eine Seemeile von dem Schiff wurde das zwar niedrige Gestade felsig, und die Riffe liefen stellenweise bis auf fünftausend Ruthen in's Meer hinein, während sie an allen anderen Orten sich auf die volle Hälfte dieser Entfernung seewärts erstreckten. Die Formation war unregelmäßig, hatte aber den Allgemeincharacter eines Riffs, dessen Lage sowohl durch die Brandung, als durch die schwarzen Felsmassen, die sich da und dort über dem Wasser zeigten, angedeutet wurde; der Einlaß war schmal, gekrümmt und soweit von Gestein umgeben, daß es zweifelhaft wurde, ob überhaupt eine Durchfahrt vorhanden war, obgleich die Glätte des Wassers in Mr. Leach Hoffnung geweckt hatte. Sobald Kapitän Truck an der Mündung dieser Durchfahrt angelangt war, fühlte er sich durch den Anschein der Dinge so sehr ermuthigt, daß er dem Schiffe das verabredete Signal zum Vieren und südwärts Steuern gab. Hierdurch wurde zwar für die hohe See Grund verloren, aber der Montauk konnte, selbst, wenn es andernfalls angegangen wäre, mit so wenig Wind doch nicht laviren, und der Kapitän entnahm aus der Abtrifft, welche stattgefunden hatte, seit er das Schiff verlassen, daß eine derartige schnelle Maßregel nöthig war. Auch konnte das Schiff vor dem Einlaß ebenso gut ankern, wie an einem andern Orte, wenn es überhaupt genöthigt war, außen Anker zu werfen; und dann hatte man doch immerhin die Aussicht einer Einfahrt.

Sobald der Schnabel des Schiffes wieder gen Süden gekehrt war und Kapitän Truck die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Montauk jetzt in leidlich sicherer Entfernung längs dem Riffe lag und in so günstiger Richtung stand, als er nur hoffen konnte, wurde die Untersuchung begonnen. Wie ein umsichtiger Seemann ruderte er eine Strecke von den Felsen weg, denn er wußte wohl, daß jede Wassertiefe im Innern unnütz war, wenn er außen auf ein Hinderniß traf. Der Tag war so schön und das Meer, weil sich keine Flüsse herein ergossen, in dieser niedrigen Breite so klar, daß man auch bei beträchtlicher Tiefe leicht auf den Boden sehen konnte. Natürlich aber verließ sich der Kapitän nicht allein auf den Gesichtssinn, sondern war eifrig mit seinem Senkblei beschäftigt, obgleich sich auch aller Augen anstrengten, ob sich nicht etwa Felsen blicken ließen.

Der erste Wurf des Loths zeigte fünf Faden an – eine Tiefe, die sich bis in die Nähe des Einlasses fast immer gleich blieb; hier aber fiel das Blei nach vierthalb Faden auf einen Felsen. An dieser Stelle wurde nun eine sorgfältigere Untersuchung vorgenommen, aber vierthalb Faden blieben der seichteste Wurf. Da der Montauk fast einen Faden weniger Wassertracht hatte, so rückte der vorsichtige alte Meister weiter einwärts. Unmittelbar in der Mündung des Durchgangs befand sich ein großer flacher Felsblock, der sich fast bis an die Meeresfläche erhob und bei niederer Ebbe wahrscheinlich über das Wasser hervorstand. Kapitän Truck glaubte anfangs, dieses Hinderniß könne alle seine Hoffnungen auf Erfolg vereiteln; aber eine genauere Untersuchung belehrte ihn, daß sich auf der einen Seite ein schmaler Kanal befand, der übrigens immerhin weit genug war, um ein Schiff durchzulassen.

Von dieser Stelle an krümmte sich der Durchgang, obschon sich das eigentliche Fahrwasser durch den Wellenbruch am Riff hinreichend unterscheiden ließ. Nachdem Kapitän Truck Alles aufs Sorgfältigste geprüft hatte, sprach er die Ueberzeugung aus, daß es möglich sei, ein Schiff mit drei Faden Tracht ganz in das Riff hineinzubringen, hinter welchem sich ein weiter Raum befand, der sich allmählich mit Sand auffüllte. Letzterer war jedoch – wie im gegenwärtigen Falle – zur Zeit der Hochfluth, fast ganz mit Wasser bedeckt und hatte zwischen den Bänken die gewöhnlichen Kanäle. Nachdem der Meister einen derselben eine Strecke weit verfolgt hatte, fand er ein Becken von vier Faden Wassertiefe und geräumig genug, um ein Schiff aufzunehmen; auch lag es glücklicherweise ganz nahe bei einem Theile des Riffs, der fast immer über dem Wasser stand, wenn nicht etwa eine schwere See darüber hinschlug. Hier ließ er eine Boje fallen, denn er hatte sich zu diesem Zweck mit mehreren Spierenbruchstücken versehen, und auf dem Rückwege bezeichnete er alle kritischen Punkte des Fahrwassers in ähnlicher Weise. Auf dem flachen Fels in der Mündung ließ er einen der Matrosen zurück, der bis um den Gurt im Wasser stand; denn man wußte, daß die Fluth im Fallen begriffen war.

Das Boot ruderte nun wieder nach dem Schiffe hin, welchem es in einer Entfernung von etwa zwanzig Ruthen vor der Einfahrtmündung begegnete. Die Strömung trieb südlich, weßhalb das Schiff rascher vorwärts kam, als mit der nördlichen Schnabelstellung; auch hatte es weit weniger gegen die Küste hin abgetrifftet. Dennoch war der Wind so leicht, die Grundwellen so stätig, und man mußte so kleine Hintersegel führen, daß sich große Zweifel erhoben, ob man im Stande seyn werde, die Felsen hinreichend zu umluven, um in den Einlaß zu gelangen. In der nächsten halben Stunde erscholl, je nachdem der Wind nachließ, wohl zwanzigmal der Befehl, Anker zu werfen, während jedesmal Gegenordre gegeben wurde, so oft ein wiederauflebender Luftzug eine vortheilhafte Benützung der augenblicklichen Gelegenheit hoffen ließ. Es waren Augenblicke fieberischer Aufregung, denn das Schiff stand jetzt den Klippen so nahe, daß seine Lage im Falle eines sich hebenden Windes oder einer steigenden See höchst unsicher wurde, da der Sand des Bodens für einen guten Haltegrund zu fest war. Man konnte übrigens bei gegenwärtigem Wetterstande hoffen, im Nothfalle das Fahrzeug etwa fünfhundert Ruthen weit in die hohe See zu bugsiren, weßhalb Kapitän Truck mit einer Kühnheit weiter steuerte, die er unter andern Umständen wohl kaum gefühlt haben würde. Der Anker hieng an einem einzigen Schlage des Stoppers und konnte auf jeden Wink niedergelassen werden; Mr. Truck aber stand zwischen den Nachtstöcken, beobachtete den langsamen Fortgang des Schiffes und verglich jeden Fuß breit, den das Fahrzeug im Lee machte, mit den Klippen.

Diese ganze Zeit über stand der arme Matrose im Wasser und erwartete die Ankunft seiner Freunde, welche ihrerseits ängstlich sein Gesicht beobachteten, je deutlicher es ihnen beim Näherkommen wurde.

»Ich sehe seine Augen,« rief der Kapitän wohlgemuth. »Jetzt einen Ruck an den Bolienen und laßt vorwärts schießen, so gut es gehen will, Mr. Leach; Ihr braucht Euch nicht an diese Pseudo-Marssegel zu kehren. Nehmt sie ohne Weiteres ein, Sir, denn sie bringen uns jetzt doch mehr Schaden, als Nutzen.«

Die Blöcke der Geitaue raffelten und die Bramsegel, welche den Dienst der Marssegel verrichten mußten, obschon sie sich zum Auffangen des Windes kaum bis an die unteren Raaen erstreckten, kamen schnell herein. Es folgten fünf Minuten bangen Zweifels, worauf der Kapitän den ermuthigenden Befehl ertheilte:

»Bemannt die Hauptstaggarnaten, Jungen; zieht tüchtig an und haltet euch bereit, laufen zu lassen.«

Dies wurde als ein Zeichen betrachtet, daß das Schiff weit genug windwärts gekommen sei, und das Commando – »herein mit dem großen Segel!« welches bald folgte, wurde mit einhelligem Jubel aufgenommen.

»Hört auf mit dem Steuer und richtet euch, die Fockraa ins Geviert zu brassen,« rief Kapitän Truck, indem er seine Hände rieb. »Habt Acht, daß beide Buganker zum Ablaufen klar seien; und ihr, Toast, bringt mir die funkelndste Kohle aus der Schiffsküche.«

Die Bewegungen des Montauk gingen notwendigerweise langsam von Statten; aber er gehorchte dem Steuer und fiel ab, bis die Buge nach dem Matrosen im Wasser hinstanden. Sobald der wackere Bursche das Schiff herankommen sah, watete er bis an den Rand des Felsens wo er senkrecht gegen den Grund abfiel und winkte denen im Schiffe, ohne Furcht heranzukommen.

»Auf zehn Fuß weit heran!« rief er. »Auf der andern Seite ist nichts übrig.«

Da der Kapitän hierauf vorbereitet war, so wurde das Schiff demgemäß gesteuert, und als es langsam an dem sich hebenden und fallenden Wasser vorbeikam, warf man dem Matrosen ein Tau zu und holte ihn an Bord.

»Backbord!« rief der Kapitän, sobald sie an dem Felsen vorbei waren. »Backbord das Steuer, Sir, und hebt auf die erste Boje ab.«

In dieser Weise trieb der Montauk langsam aber stätig weiter, bis er in dem Becken angelangt war, wo unverweilt ein Anker niedergelassen wurde. Die Kette wurde angezogen, bis das Schiff in einige Entfernung hinübergezwängt war, und dann ging der andere Buganker ins Wasser. Das Focksegel wurde aufgeholt und eingerollt, dem Schiffe die Kette gegeben, und dann folgte die Erklärung, das Fahrzeug liege sicher vor Anker.

»Jetzt erwarte ich,« rief der Kapitän, dem mit der Verantwortlichkeit auch die Besorgniß entschwunden war, »wenigstens zum Mitglied der New-Yorker philosophischen Gesellschaft ernannt zu werden; denn obgleich dies eine gar gelehrte Societät ist für einen Mann, der nie ein College besuchte, so habe ich doch an der Küste von Afrika einen Hafen entdeckt, Ladies und Gentlemen, den ich hoffentlich, ohne all zu große Eitelkeit, Truckhafen werde nennen dürfen. Wenn übrigens Mr. Dodge dies antirepublikanisch vorkommen sollte, so wollen wir die Sache dahin vergleichen, daß wir ihn Truck- und Dodgehafen nennen; oder halten wir's so, daß wir der Stadt, welche sich früher oder später an seinen Ufern erheben muß, den Namen Dodgeborough beilegen – der Hafen kann dann mir belassen bleiben.«

»Sollte Mr. Dodge in ein solches Abfinden willigen, so würde er sich selbst den Makel der Aristokratie zu Schulden kommen lassen,« versetzte Mr. Sharp; denn Alle gingen bereitwillig in den Scherz des Kapitäns ein, sobald sie sich in Sicherheit wußten. »Ich stehe dafür, daß es seine Bescheidenheit nicht zuläßt, auf diesen Plan einzugehen.«

»Ich weiß nicht, Gentlemen,« erwiederte der Gegenstand dieser Bemerkungen, »warum wir Ehrenbezeugungen zurückweisen sollten, die uns rechtmäßigerweise durch die Stimme des Volks übertragen werden; denn es kömmt überhaupt häufig unter uns vor, daß man Städte und Counties nach ausgezeichneten Mitbürgern benennt. Einige meiner eigenen Nachbarn sind bereits geneigt gewesen, mich in dieser Weise zu ehren, und meine Zeitung geht in Wirklichkeit von einem Orte aus, der meinen unwürdigen Namen trägt. Ihr bemerkt also, daß die vom Kapitän vorgeschlagene Bezeichnung nichts Neues wäre.«

»Eurer anerkannten Bescheidenheit gemäß hätte ich auf etwas der Art schwören wollen,« sagte der Kapitän. »Ist der Platz so groß als London?«

»Er kann sich bis jetzt eines nicht viel größeren Umfangs rühmen, als meines eigenen Geschäftslokals, einer Schenke, eines Ladens und einer Schmiedewerkstätte, Kapitän; aber Rom wurde nicht in einem Tage gebaut.«

»Eure Nachbarn müssen Leute von außerordentlichem Verstande seyn, Sir; aber der Name?«

»Er ist noch nicht unbedingt entschieden. Anfangs hieß der Platz Dodgetown; aber dies währte nicht lange, weil man die Benennung für gemein und zu gewöhnlich hielt. Sechs oder acht Wochen nachher schöpften wir ihm –«

»Wir, Mr. Dodge?«

»Ich meine das Volk, Sir. Ich bin so sehr daran gewöhnt, mich selbst mit dem Volke in Verbindung zu bringen, daß ich bei Allem, was es thut, eine Hand mit im Spiele zu haben glaube.«

»Und auch sehr passend, Sir,« bemerkte John Effingham, »da es wahrscheinlich ohne Euch gar kein Volk gegeben haben würde.«

»Wie stark mag wohl die Einwohnerzahl von Dodgetown seyn, Sir?« warf der beharrliche Kapitän auf diesen Wink ein.

»Nach dem Census vom Januar zählten wir siebzehn – der Census vom März aber ergab achtzehn. Ich habe eine Berechnung gemacht, aus welcher hervorgeht, daß, wenn sich die Bevölkerung in gleichem arithmetischem Verhältniß steigert, in ungefähr zehn Jahren hundert Einwohner vorhanden seyn werden, und dies ist schon eine sehr achtbare Bevölkerung für einen Platz auf dem Lande. Ich bitte um Verzeihung, Sir, das Volk änderte sechs oder acht Wochen nachher den Namen in Dodgeborough um; als jedoch im nämlichen Sommer eine neue Familie ankam, bildete sich eine Partei, welche ihn in Dodgeville verwandelt wissen wollte, und dieser Name wurde ungemein populär, da Ville im Lateinischen eine Stadt bezeichnet. Man muß übrigens zugeben, daß die Leute den Wechsel oder die Rotation in den Namen eben so sehr lieben, wie in den Aemtern, und sie nannten daher den Platz einen ganzen Monat lang Butterfield-Hollow – einem neuen Einwohner zu Ehren, der Butterfield hieß. Dieser zog jedoch im Herbst wieder weg. Nachdem man nun die Namen Belindy, ( anglice Belinda), Ninive, Grand Caire und Pumpkin Valley versucht hatte, machten sie mir das Erbieten, den alten Namen wiederherzustellen, vorausgesetzt, daß sich ein edleres und passenderes Addendum auffinden lasse, als Town, Ville, oder Borough war. Es ist noch immer nicht ausgemacht, wie der Ort heißen soll; ich glaube übrigens, wir werden ihn schließlich als Dodgeople oder Dodgeopolis bezeichnen.«

»Dies ist zeitgemäß und wird für einen kurzen Kreuzzug ohne Zweifel einen sehr guten Namen abgeben. Das Butterfield-Hollow sah in Wahrheit ein Bischen aus, wie eine Rotation im Amte, Sir.«

»Ich hatte keinen Gefallen daran, Kapitän, und gab dies auch dem Squire Butterfield unter vier Augen zu verstehen; denn da er eine Majorität für sich hatte, so mochte ich mich nicht allzu stark über den Gegenstand aussprechen. Sobald ich ihn jedoch aus der Schenke fort hatte, schlug der Strom die andere Richtung ein.«

»Ihr habt ihn also geradezu entstöpselt?«

»Ja, das that ich, und Niemand hat nach seinem Rückzug je wieder von ihm oder von seinem Hollow gehört. Es gibt einige unzufriedene und anmaßende Neurer, welche dergleichen thun, als wollten sie den Platz nach seinem alten Namen Morton benennen; diese sind jedoch blos die Vasallen eines Menschen, welchem vordem das Patent gehörte, der aber nun schon seit vierzig Jahren todt ist. Wir sind nicht die Leute dazu, einen muffigen alten Namen zu erhalten oder modernde Knochen zu ehren.«

»Geschieht ihm Recht, Sir; Ihr habt ihn wie Männer von Verstand bedient! Will er einen Platz nach sich genannt wissen, so soll er am Leben bleiben, wie andere Leute. Was nützt auch einem todten Mann ein Name? Man sollte es daher zum Gesetz machen, daß Jeder, dem sein Kabel ausschlüpft, seinen Namen auf irgend einen ehrlichen Kerl übertrage, der einen schlechten hat. Es dürfte eben so gut seyn, namentlich alle großen Männer zu zwingen, daß sie ihren Ruhm denjenigen überlassen, welche für sich selbst keinen zu gewinnen im Stande sind.«

»Ich möchte mir erlauben, auf eine Verbesserung in den Ortsnamen hinzudeuten, und Mr. Dodge wird es mir wohl gestatten,« bemerkte Mr. Sharp, der sich an dem kurzen Gespräche höchlich erbaut hatte. »Dodgeople ist ein wenig kurz und dürfte vielleicht durch seine Brusquerie anstößig werden. Durch Einschaltung eines einzigen Buchstabens ließe sich Dodg-people daraus bilden – oder könnte man eine Umwandlung in Dodge-Adrianopel vornehmen; dies wäre jedenfalls ein sehr klangreicher und republikanischer Titel. Adrian war ein Kaiser, weshalb sogar Mr. Dodge gegen eine derartige Verbindung nichts einzuwenden haben dürfte.«

Mittlerweile begann der Herausgeber des Active Inquirer – denn man faßte ihn eben jetzt an seiner schwächsten Seite – sich ungemein gehoben zu fühlen, denn er lachte und rieb sich die Hände, als dächte er, der Spaß sey ganz absonderlich angenehm. Ueberhaupt besaß er eine eigenthümliche Weise, die Dinge zu beurtheilen – eine Weise, die in auffallendem Widerspruch zu allen seinen öffentlichen Bekenntnissen trat, obschon sie im Ganzen eher einen characteristischen Zug der ganzen Classe, der er angehörte, als des einzelnen Individuums bildete. Als Ultra-Demokrat und Amerikaner besaß Mr. Dodge eine kriechende Vorliebe für ausländische Ansichten. Obgleich eigene Erfahrung ihn auf's Genaueste mit allen Betrügereien, Fälschungen, Gemeinheiten und den sonstigen gewöhnlichen Kunstgriffen des Zeitungsschreibens bekannt gemacht hatte, ermangelte er doch nie, an die Wahrheit, Umsicht, Ehrlichkeit und Talentfülle alles dessen gewissenhaft zu glauben, was in der Form von Druckschriften vom Ausland eingeführt wurde. Allerdings hatte er schon seit Jahren wöchentlich seine zunächst wohnenden Collegen der Lüge bezüchtigt und konnte unmöglich sich selbst bergen, daß ihm mit Recht der gleiche Vorwurf gemacht werden konnte; aber trotz seiner Eingeweihtheit in die Geheimnisse des Gewerbes verschlang er doch unbedingt Alles, was ihm durch ein europäisches Journal geboten wurde. Wer den Mann nur wenig kannte, hätte auf den Glauben kommen können, er heuchle blos Leichtgläubigkeit, um dadurch seinen eigenen Zwecken zu dienen; man würde übrigens hiedurch seinem festen Vertrauen Unrecht thun, denn es war auf jene Bewunderung und Unwissenheit eines Provinzialbewohners gegründet, die den Bauern, welcher zum erstenmal nach London kömmt, sein Erstaunen darüber ausdrücken läßt, daß der König wirklich auch ein Mensch ist. Wie es seiner Colonialabkunft gebührte, stand seine geheime Ehrfurcht und Achtung vor einem Engländer genau im Verhältniß seiner angeblichen Liebe zu dem Volke, und seine Unterwürfigkeit vor dem Range richtete sich ganz nach dem Maßstabe der verzehrenden Eifersucht, die er gegen Alle in seinem Innern trug, von denen ihm sein Gefühl sagte, daß sie mehr waren, als er. In der That, das Eine war die Ursache des Andern; denn diejenigen, welche in Wirklichkeit gleichgiltig sind gegen ihre eigene Stellung in der Gesellschaft, kümmern sich bei Anderen eben so wenig darum, so lange diese den Unterschied durch Ueberlegenheitsanmaßung nicht fühlbar machen wollen.

Als daher Mr. Sharp, in dem sogar Mr. Dodge bereits den Gentleman und zwar einen englischen Gentleman ausgefunden hatte, sich in die spielende Unterhaltung des Augenblicks einließ, war der Herausgeber des Active-Inquirer, der nicht entfernt an eine Mystifikation dachte, sogleich zu glauben geneigt, er sey ein Gegenstand des Interesses für diese Person, obschon er sich gegen deren Abgeschlossenheit und stolze Zurückhaltung seit ihrer Gemeinschaft unterschiedliche Seitenhiebe erlaubt hatte. Die Gier übrigens, mit welcher Amerikaner von Mr. Dodge's Character die Krumen der Schmeichelei, die von dem Tische eines Engländers fallen, aufzuhaschen pflegen, ist eine geschichtliche Thatsache, und der Herausgeber selbst fühlte sich nie so glücklich, als wenn er einen Artikel abdrucken lassen konnte, in welchem die herablassende Mutter dem nie ersterbenden Glauben der Tochter einige Worte des Trostes spendete. Weit entfernt also, an dem Gesprochenen Anstoß zu nehmen, verfolgte er den Gegenstand noch lange, nachdem der Kapitän bereits wieder in seinem Berufe thätig war, und zwar mit solcher Ausdauer, daß, sobald sich auch Mr. Sharp aus dem Staube gemacht hatte, Paul Blunt Anlaß nahm, diesem Gentleman über seine zunehmende Vertraulichkeit mit dem gebildeten und biederen Volkskämpen ein Compliment zu machen. Mr. Sharp gab seine Unklugheit zu, und wenn die Sache auch sonst keine weiteren Folgen hatte, so gewährte sie doch den beiden jungen Männern einen Augenblick der Aufheiterung, und zwar zu einer Zeit, in welcher die Besorgniß über alle ihre fröhlicheren Gefühle schnell die Oberhand gewann. Als sie jedoch versuchten, Miß Effingham mit in ihre Unterhaltung zu ziehen, hörte sie die junge Dame blos mit ernster Miene an; denn die von Nany Sidley entdeckte Gemeinheit hatte ihr alle Lust benommen, den Gegenstand der Erörterung auch nur mit der Vertraulichkeit des Lächerlichen zu behandeln. Als die Gentlemen diese Zurückhaltung, deren Grund sie sich nicht erklären konnten, bemerkten, gaben sie dem Gespräch eine andere Wendung, das durch die Betrachtung ihrer eigenen Lage bald ernst genug wurde.

Die Verhältnisse, in denen sich der Montauk befand, waren jetzt gewiß von der Art, daß sie nicht nur bei denen, welche nur wenig mit der See bekannt waren, sondern auch bei Erfahreneren Unruhe wecken mußten. Miß Effingham's Dienerin hatte nun ganz, wonach sie sich gesehnt hatte – nemlich viele Felsen und Sandbänke in Sicht, das Land aber in nicht großer Entfernung. Damit nun der Leser sich die Sachlage klarer vergegenwärtigen könne, wollen wir sie ausführlicher schildern.

Westlich von dem Schiffe lag das Meer – eine weite, ruhige, glänzende Flache, unter jenem ewigen Athmungsprocesse, der stets an die Respiration eines riesigen Ungeheuers erinnert, sich hebend und fallend. Zwischen dem Schiffe und der unermeßlichen Wasserwüste, kaum dreihundert Fuß von dem ersteren entfernt, erstreckte sich eine unregelmäßige brandende Linie, die da und dort mit niedrigen nackten Felsköpfen getüpfelt war und die Richtung des Riffs bezeichnete. Dies war das einzige Bollwerk zwischen dem Becken und den tobenden Wellen, im Falle abermals ein Sturm losbrechen sollte, obschon der Kapitän Truck der Ansicht war, es dürfte zureichen, um die Wogen so weit zu brechen, daß der Ankergrund gesichert war. Sternwärts vom Schiffe übrigens begann, nur vierzig Faden vom Schiffe, mit dem Fortschreiten der Ebbe eine abgerundete Sandbank aufzutauchen, und da der Grund hart war, folglich ein Anker nur schwer festpacken konnte, so stand zu befürchten, daß das Schiff nach der erwähnten Bank hindreggen möchte. Wir sagen, daß der Boden hart war, denn der Leser muß wissen, nicht das Gewicht des Ankers allein sichert ein Fahrzeug, sondern es ist auch außerdem nöthig, daß seine zugespitzte Schaufel sich in den Grund einschlage. Die Küste selbst war kaum fünfhundert Ruthen entfernt, und das ganze Becken innerhalb des Riffs zeigte bei zunehmender Ebbe über dem Wasser hervorstehende Sandanhäufungen. Indeß waren noch immer viele Kanäle vorhanden, und man konnte vielleicht, wenn man sich nur auf ihre Windungen verstund, mehrere Stunden in denselben herumsegeln, ohne an dem Einlaß vorbeizukommen, da die gedachten Kanäle nach jeder Richtung hin vom Schiff aus eine Art verwickelten Netzwerks bildeten.

Nachdem Kapitän Truck ruhig alle Eigenthümlichkeiten seiner Lage erwogen hatte, ging er an's Werk, um sein Schiff allen Ernstes zu sichern. Die beiden leichten Boote wurden unter die Buge gebracht, eine Spiere quer darüber hingelegt und der niedergelassene Stromanker daran befestigt. Diesen führte man sodann nach der Bank im Stern, schaffte ihn mit angestrengter Kraft auf dieselbe hinauf und bohrte einen Ankerarm bis an den Schaft in den tiefen Sand. Vermittelst einer Halse und eines angeschlagenen Bergtaus hoben die Matrosen, welche auf den nächsten Bänken standen, die Kette heraus und befestigten sie an dem Ankerringe, worauf der schlaffe Theil wieder eingezogen und das Schiff im Sterne festgemacht wurde, damit ein vom Lande herkommender Wind es nicht gegen das Riff hinzwänge. Da von dieser Seite her kein Wellenschlag kommen konnte, so erschienen der einzelne Anker und die Kette als zureichend zweckdienlich. Sobald man die Boote wieder benützen konnte und noch ehe man die Kette nach der Bank gebracht hatte, waren zwei Kedschen nach dem Riff geführt und so unter die Felsen gelegt worden, daß sowohl Arme als Schafte an den Vorsprüngen festpacken konnten. An diese Kedschen legte man leichtere Ketten, und nachdem alles Schlaffe eingeholt war, so daß es allenthalben möglichst gleichförmig strammte, gab Kapitän Truck die Erklärung ab, sein Schiff sey jetzt in der Lage, vor jeder Bö, woher sie nur immer kommen möge, Stand zu halten. Den Winden und Wellen gegenüber konnte man allerdings den Montauk füglicherweise für sicher halten, denn auf der Seite, aus welcher am meisten Gefahr zu besorgen stand, waren zwei Buganker niedergelassen und von vier Stellen aus kleinere Ketten an den beiden Kedschen befestigt. Auch war Kapitän Truck nicht in den gewöhnlichen Irrthum gefallen, daß er die Kraft seiner Befestigung für hinreichend verstärkt hielt, indem er die Ketten durch die Ringe zog, sondern jedes Halttau war sowohl an Bord, als an den Kedschen besonders angelegt, so daß jede Kettenlänge an sich als unabhängige Befestigung gelten konnte.

Das Ansehen eines Schiffs-Commandeurs ist so unbedingt, daß Niemand sich herausnahm, den Meister nach den Beweggründen aller dieser außerordentlichen Vorsicht zu fragen, obschon man sich allgemein dem Eindruck hingab, er beabsichtige, an Ort und Stelle zu bleiben, bis der Wind günstig werde oder wenigstens nicht mehr die Gefahr zu besorgen stehe, durch die Strömungen und Grundwellen auf die Küste geworfen zu werden. Paul Blunt bemerkte außerdem, er glaube, der Kapitän beabsichtige, das glatte Wasser innerhalb des Riffs zu Herstellung besserer und wirksamerer Nothmasten zu benutzen. Mr. Truck hob jedoch alle Bedenken, indem er sich offen aussprach. Als er nemlich an Bord des dänischen Wracks war, hatte er mit dem Blicke eines Sachverständigen die Spieren, die Segel und das Tackelwerk untersucht, und obgleich sie eigentlich für ein Schiff berechnet waren, das zweihundert Tonnen weniger faßte, als der Montauk, so meinte er doch, sie für sein eigenes Schiff benützen und in einer Weise verwenden zu können, daß sie allen nöthigen Zwecken einer Fahrt über den Ocean entsprachen, vorausgesetzt, daß die Muselmänner und das Wetter eine Ueberpflanzung derselben gestatteten.

»Wir haben glatt Wasser und leichte Winde,« sagte er, als er seine Auseinandersetzung schloß, »und die Strömung führt südwärts an dieser Küste hin. Wenn wir nun alle unsere Kräfte aufbieten und eine wohlwollende Vorsehung unser Unternehmen begünstigt, so hoffe ich, daß der Montauk noch unter gesetzten Oberbramsegeln und in einer Lage, Tuch am Wind führen zu können, den Hafen von New-York erreichen wird. Der Matrose, welcher nicht im Stande ist, sein Schiff aufzutackeln, sobald er Holz, Taue und Blöcke genug hat, Mr. Dodge, ist weit besser auf dem Lande aufgehoben und mag dort eine Zeitung schreiben. Wenn Ihr daher, meine theure junge Lady, übermorgen hier über den nördlichen Bord nach der Küste hinschaut, dürft Ihr einen Floß gegen Euch herkommen zu sehen erwarten, ob dem Euch das Herz vor Freude jubeln wird, denn er bringt allen Freunden eines guten Schmauses die Hoffnung, zu New-York noch an einem Weihnachtsmahle Theil nehmen zu können.«


 << zurück weiter >>