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Zwanzigstes Kapitel.

Dies ist von größerem Werth, als Königreiche –
Ist köstlicher, als all der Scharlachschatz
Im Lebensborn. O, laß es nicht entschlüpfen!

Cotton.

 

So standen die Sachen. Der Scheik und seine Gäste besprachen sich in Zeichen, aber in einer Weise, die gegenseitig ein völliges Mißverständniß zur Folge hatte; Mr. Monday trank, Mr. Dodge erging sich in Muthmaßungen, und alle zehn Minuten kamen Boten im Lager an oder gingen ab, bis endlich ein Beduine hastig mit dem Finger in die Richtung des Wracks deutete. Der obere Theil des Fockmastes stieg langsam in die Höhe, und der Ausluger in dem Marse klammerte sich, um nicht zu fallen, an der Spiere fest, welche sich zu neigen begann. Der Scheik erkünstelte ein Lächeln, wurde aber augenscheinlich sehr unruhig und sandte zwei oder drei Boten in das Lager hinaus. Mittlerweile begann die Spiere sich zu senken und war bald ganz hinter dem hohen Gestade verborgen.

Man sah jetzt, daß die Beduinen der Meinung waren, der Augenblick sey gekommen, welcher sie zu einer Einmengung aufforderte. Der Scheik ließ daher seine Gäste in der Gesellschaft von zwei oder drei Andern, welche sich dem Zechgelage angeschlossen hatten, und eilte aus dem Zelte, nachdem er sie zuvor, so gut es durch Zeichen gehen wollte, der Fortdauer eines freundlichen Verhältnisses versichert hatte. Er legte alle seine Waffen bei Seite und begab sich, von zwei oder drei alten Männern, die ungefähr in seinen Jahren stehen mochten, begleitet, dreist nach dem Ufer hin, wo er, nachdem er ruhig auf das Sandgestade hinuntergestiegen, den Kapitän Truck antraf, welcher bemüht war, die Spiere in's Wasser zu lassen. Das Mars schwamm bereits, und der Stamm selbst wurde eben in eine rollgerechte Lage gebracht, als die häßlichen, aber ernst aussehenden Berber unter den Arbeitern erschienen. Da letztere von der Annäherung der Gäste und von dem Umstande Kunde erhalten hatten, daß sie unbewaffnet wären, so ließ keiner von seinem Geschäfte ab, um sie zu bewillkommnen, den einzigen Kapitän ausgenommen.

»Legt Hand an die Spiere,« sagte er, »während ich diese Gentlemen unterhalte. Es ist ein gutes Zeichen, daß sie ohne Waffen zu uns kommen, und man soll uns nicht nachsagen, daß wir an Höflichkeit hinter ihnen zurückbleiben. Eine halbe Stunde wird unsere Angelegenheiten in's Reine bringen und dann soll dieser Gentry Alles gegönnt seyn, was auf dem Dänen zurückbleibt. – Euer Diener, Gentlemen – ich bin erfreut, euch zu sehen und erbitte mir die Ehre, euch Allen, vom Aeltesten bis zum Jüngsten, die Hand drücken zu dürfen.«

Obgleich die Beduinen nichts von dem verstanden, was er sagte, so ließen sie sich doch von Kapitän Truck kräftig die Hand schütteln und brachten lächelnd mit eben so viel anscheinender Gutmüthigkeit, als der alte Seemann an den Tag legte, ihre eigenen Complimente vor.

»Gott sey den Dänen gnädig, wenn sie in die Knechtschaft dieser Halunken gerathen sind,« sagte der Kapitän laut, während er dem Scheik zum zweitenmal auf's Herzlichste die Hand drückte; »denn eine heillosere Bande von Dieben ist mir nie zu Gesicht gekommen, Leach. Uebrigens hat doch Mr. Monday die gute Eigenschaft des Schnapses an ihnen versucht, denn der alte Spitzbube da riecht überlaut nach Wachholder und Fett. – Rollt die Spiere fort, Jungen – noch ein halb Dutzend solcher Rucke, und ihr habt sie auf ihrem natürlichen Element, wie die Zeitungen sagen. – Ich bin hocherfreut, euch zu sehen, Gentlemen; wir sind hier an diesem Ufer nur schlecht mit Stühlen versehen, aber so, wie wir sie haben, sind sie euch mit Vergnügen angeboten. – Mr. Leach, der Beduinen-Scheik; – Beduinen-Scheik, Mr. Leach. – He, du auf der Höhe dort?«

»Sir!«

»Keine Bewegungen unter den Beduinen?«

»Ungefähr dreißig sind eben auf Kameelen in die Wüste geritten, Sir; weiter nichts.«

»Keine Zeichen von unsern Passagieren?«

»O ja, Sir. Dort kommt Mr. Dodge unter vollem Segel und hält so gerade auf's Ufer ab, als er seinen Curs nur anlegen kann.«

»Ha! – wird er verfolgt?«

Die Matrosen hielten in ihrer Arbeit inne und warfen einen Seitenblick nach ihren Waffen.

»Durchaus nicht, Sir. Mr. Monday ruft ihm nach, und die Beduinen scheinen zu lachen. Mr. Monday splißt just die Hauptbrasse mit einem von jenen Schurken.«

»So mag der atlantische Ocean sich in Acht nehmen, denn Mr. Dodge wird sicherlich über ihn hinrennen. Lüpft wacker, meine Schatzkinder, und der Stecken wird flott seyn, noch ehe der Gentleman gehörig unter Dach ist.«

Die Matrosen arbeiteten aus Leibeskräften; aber ihr Eifer war nichts gegen den des Herausgebers, der jetzt durch's Gebüsch brach und mit einer Schnelligkeit gegen das Ufer herabstürzte, die ihn, wenn er sie hätte fortsetzen können, in Monatsfrist bis nach Dodgeopolis gebracht haben würde. Die Beduinen stutzten über diese plötzliche Erscheinung; als sie aber bemerkten, daß ihre Umgebung lachte, so schienen sie geneigt zu seyn, die Unterbrechung gleichfalls in Heiterkeit aufzunehmen. Der Ausluger meldete nun, daß sich Mr. Monday mit fünfzig Beduinen nähere, letztere jedoch ohne Waffen und der Erstere ohne seinen Hut. Der Augenblick war kritisch, aber Kapitän Truck verlor seine Festigkeit nicht. Er ertheilte hastig seinem zweiten Maten Befehl, mit einem kleinen Häuflein, das schon früher für diesen Dienst ausgelesen worden war, unter die Waffen zu treten, und drängte den Rest seiner Leute, ihre Anstrengungen wieder aufzunehmen. Dies war kaum geschehen, als Mr. Monday sich auf dem Hochufer zeigte; er hatte in der einen Hand eine Flasche, in der andern ein Glas und rief Mr. Dodge laut zu, er solle zurückkehren und mit den Beduinen trinken.

»Beschimpft die Christenheit nicht in einer so unmanierlichen Weise,« sagte er, »sondern zeigt diesen Gentlemen der Wüste, daß wir wissen, was der Anstand fordert. Kapitän Truck, ich bitte Euch, Mr. Dodge zur Rückkehr zu zwingen. Ich war eben im Begriffe, den Beduinen das › God save the King‹ zu singen, und ein paar Minuten später hätten wir mit dem › Rule Britannia‹ angefangen; wir wären auf diese Weise die besten Freunde und Kameraden von der Welt geworden. Kapitän Truck, ich habe die Ehre, auf Eure Gesundheit zu trinken.«

Aber Kapitän Truck betrachtete die Sache anders. Der Mast schwamm, und seine beiden Gesandten waren nun wohlbehalten zurück, denn auch Mr. Monday kam, obschon von allen Beduinen begleitet, auf den Sand herunter. Er hielt es daher für besser, daß Mr. Dodge bleiben und seine eigenen Leute zwar im Frieden, aber doch so schleunig als möglich von den Beduinen getrennt werden sollten. Nachdem die Anholleine am Mast befestigt war, wurde die Spiere langsam durch die Brandung gezogen, und jetzt erließ er den Befehl, daß seine Leute ihre Geräthschaften aufnehmen, zu den Waffen greifen und sich in Masse an den Klippen versammeln sollten, wo noch immer die Jolle lag.

»Tummelt euch, Männer, aber verliert die Besonnenheit nicht; denn es stehen bereits hundert dieser Schurken am Gestade, und Alle, welche später kommen, sind bewaffnet. Wir könnten zwar noch einige andere nützliche Dinge von dem Wrack mitnehmen; aber der Wind kommt vom Westen herein, und unser Hauptaugenmerk muß darauf hingehen, daß wir bergen, was wir haben. Nehmt Mr. Monday am Arme, Leach, denn er ist eben jetzt so voll von Diplomatik und Schnaps, daß er seine Sicherheit ganz außer Acht läßt. Was Mr. Dodge betrifft, so sehe ich, daß er sich bereits so gut in's Boot gestaut hat, wie die untere Tonnenreihe in einem mit Syrup geladenen Schiff. Zählt die Leute ab, Sir, und sorgt dafür, daß keiner zurückbleibt.«

Mittlerweile hatte der Stand der Dinge am Ufer eine wesentliche Veränderung erlitten. Das Wrack war voll von theils bewaffneten, theils unbewaffneten Beduinen, während Schlägel, Hebebäume, Handspacken, Borgtaue, Tackelwerkringe und Merlpfrieme auf dem Sande umherlagen, wie die Matrosen sie hatten fallen lassen. Eine Abtheilung von fünfzig Beduinen stand um die Felsen her, wo sich nun sämmtliche Matrosen gesammelt hatten – zum Theil mit Afrikanern untermengt, die augenscheinlich bemüht waren, das freundschaftliche Verhältniß zu unterhalten, das Mr. Monday angeknüpft hatte. Da ein Theil dieser Leute gleichfalls bewaffnet war, so wollte Kapitän Truck diese Traulichkeit gar nicht gefallen; aber die geringe Anzahl seiner eigenen Leute und die unvortheilhafte Stellung, in welcher er sich befand, zwangen ihn, mehr zur Politik, als zur Gewalt seine Zuflucht zu nehmen, um sich aus der Verlegenheit herauszuwinden.

Die Beduinen drängten jetzt heran, mischten sich unter die Matrosen, überflutheten das Schiff und schwärmten am Ufer hin und her – ihre Anzahl mochte mehr als zweihundert betragen. Es stellte sich jetzt heraus, daß ihre eigentliche Streitmacht viel zu niedrig angeschlagen worden war, und daß sie sich von Seiten derer, welche hinter dem Sandhügel lagen, fortwährend vergrößerte. Alle, welche zuletzt erschienen, führten Waffen irgend einer Art, und mehrere brachten Feuergewehre herbei, welche sie dem Scheik und denen, die zuerst nach dem Ufer heruntergestiegen waren, einhändigten. Dennoch verrieth kein Gesicht eine feindselige Absicht, und die Matrosen konnten kaum ihre Befehle ausführen, weil sie beständig durch den Austausch von Freundschaftsäußerungen unterbrochen wurden.

Dennoch lebte Kapitän Truck der Ueberzeugung, daß Feindseligkeiten beabsichtigt würden, und obgleich er sich einigermaßen hatte überraschen lassen, setzte er sich doch jetzt in Thätigkeit, um seine Fehler mit großer Umsicht und bewunderungswürdiger Festigkeit wieder gut zu machen. Sein erster Schritt zielte dahin ab, seine Leute aus dem Haufen, in dem Alles durcheinander drängte, herauszuwinden – eine Maßregel, die er dadurch zur Ausführung brachte, daß er Einige weiter unter den Klippen eine Stellung einnehmen ließ, die vertheidigt werden konnte und zugleich eine ziemliche Deckung bildete, während sie noch obendrein eine unmittelbare Verbindung mit ihrem Landungsplatze herstellte; dann befahl er den Uebrigen sich einzeln nach diesem Punkte zurückzuziehen. Um Aufsehen zu vermeiden, wurde Jeder bei Namen aufgerufen, und in dieser Weise gelangte der ganze Trupp nach dem vorgeschriebenen Raume, ehe die Beduinen, welche unter sich schrieen und sprachen, die Bewegung wahrzunehmen schienen. Als einige den letzteren zu folgen versuchten, wurden sie von der Schildwache höflich zurückgewiesen. Diese ganze Zeit über zeigte Kapitän Truck die größte Herzlichkeit gegen den Scheik, in dessen Nähe er blieb, während er allenthalben von Beduinen umgeben war. Mittlerweile hatte in dem Wrack das Werk der Plünderung allen Ernstes begonnen – ein günstiges Anzeichen, wie er glaubte, da Leute in einer derartigen Beschäftigung muthmaßlich nicht sonderlich geneigt waren, einen feindlichen Angriff zu machen. Indeß wußte er wohl, daß unter diesem barbarischen Volke auf Gefangene großes Gewicht gelegt wurde, und daß ein Versuch, in offenen Booten, die seine Leute jedem Schuß von dem Wrack aus bloßstellten, den Floß vom Lande wegzutauen, recht leicht vereitelt werden konnte, wenn die Beduinen Lust hatten, denselben zu hindern.

Nachdem Kapitän Truck einige Minuten über seine Lage nachgedacht hatte, erließ er seine Schlußbefehle. Die Jolle konnte im Nothfalle ein Dutzend Mann führen, obschon sie sich dann sehr zusammendrängen mußten und dem Feuer ausgesetzt waren; er ließ daher acht einsteigen und ertheilte ihnen die Weisung, nach der Lansche hinzurudern. Mr. Leach begleitete diese Abtheilung in der Absicht, einmal ihre Bewegungen zu leiten und dann von seinem Commandeur getrennt zu seyn, damit wenigstens ein Theil derjenigen, welche für das Paketschiff von so großer Wichtigkeit waren, Aussicht auf Rettung hatten. Diese Trennung wurde bewerkstelligt, ohne daß die Beduinen Anstoß daran nahmen, obschon Kapitän Truck bemerkte, daß der Scheik das ganze Manöver sorgfältig beobachtete.

Sobald Mr. Leach die Lansche erreicht hatte, ließ er eine leichte Kedsch in die Jolle schaffen und das zusammengerollte leichtere Tackelwerk oben auflegen oder an den Bugen der Lansche festmachen. Kaum war dies geschehen, als das Boot eine ziemliche Strecke von dem Lande abruderte und die Taue zuerst von der Lansche, dann von dem Boot selbst ausholte, bis nichts mehr davon übrig war. Dann wurde die Kedsch niedergelassen, und die Matrosen in der Lansche begannen die angehängten Taue einzuholen. Da nun die Jolle sogleich wieder zurückkehrte und ihre Mannschaft an der Arbeit mithalf, so begann die ganze Reihe von Booten, nachdem man zuerst die Kedsch, vor der sie geritten, aufgezogen, langsam vom Ufer zurückzuweichen.

Kapitän Truck hatte sich über die Wirkung dieses Manövers eine ganz richtige Muthmaßung gebildet. Es war so ungewöhnlich und geschah so allmählig, daß Lansche und Floß nach der Kedsch aufgewarpt waren, ehe die Beduinen eigentlich begriffen, was vorging. Die Boote waren nun ungefähr fünfzehn Ruthen von dem Wrack entfernt, denn Mr. Leach hatte völlig zweihundert Faden kleinen Tauwerks auslaufen lassen; die Entfernung minderte daher beträchtlich die Gefahr, welche von den Musketen der Beduinen zu besorgen stand, obschon sich die Nachen noch immer in Schußweite befanden. Ueber diesem Geschäfte war nun nahezu eine Stunde entschwunden; denn da sich Wind und Wellen hoben, war die Bewegung nicht leicht in anderer Weise oder überhaupt in kürzerer Frist auszuführen.

Der Zustand des Wetters und das sich steigernde Ungestüm der Barbaren, machten es nun für die, welche sich noch an den Klippen befanden, ungemein wünschenswerth, wieder in ihre Boote zu kommen. Schon ein sehr mäßiger Windstoß mußte sie zwingen ihre sauer erworbenen Vortheile aufzugeben, und aus dem Benehmen der Umgebung ging ziemlich deutlich hervor, daß die Freundschaft nicht mehr lange Bestand halten konnte. Sogar der alte Scheik zog sich zurück, schloß sich aber, statt auf das Wrack zu gehen, dem Haufen am Ufer an, wo man ihn mit mehreren anderen alten Männern, die heftig gestikulirten und je zuweilen auf die Boote oder nach den Matrosen auf den Klippen hindeuteten, eine ernstliche Besprechung anknüpfen sah.

Mr. Leach ruderte nun mit beiden Jollen und dem Kutter einwärts nach der Barre, indem er die Hälfte seiner Leute in der Lansche zurückließ, weil jedes der Fahrzeuge nur zwei Ruder führte. Dies geschah deshalb, damit sich die Leute im kritischen Augenblicke nicht zu sehr drängen müßten und für den Nothfall sowohl zum Fechten als zum Rudern Raum blieb – eine Vorsichtsmaßregel, die ausdrücklich auf Kapitän Trucks vorläufige Befehle genommen worden war. Als die Boote die Felsen erreichten, ließen die Matrosen keine ungeordnete Hast blicken, um an Bord zu kommen, sondern verbrachten wohl eine Viertelstunde in Vorbereitungen, wie wenn ihnen durchaus nichts am Fortkommen liege, und selbst dann nahm nur die Jolle einen Theil ein, um denselben ganz gemächlich über die Barre hinauszurudern. Dort blieb sie nun liegen, um die Ueberfahrt der übrigen Boote im Nothfalle mit ihrem Feuer zu decken. Der Kutter ahmte dieses Manöver nach, und das Boot des Wracks ging zuletzt ab. Kapitän Truck verließ die Felsen erst, nachdem sich alle Anderen eingeschifft hatten; aber dann beeilte er sich, um durch eine schnelle, plötzliche Bewegung an Bord zu kommen.

Uebrigens wurde kein Schuß abgefeuert, und der Kapitän sah sogar seine heißesten Erwartungen überboten, als er in der Lansche anlangte, ohne daß einer seiner Leute Schaden genommen hätte, und die viel ersehnten Spieren hintendrein taueten. Er konnte sich die Friedfertigkeit der Beduinen nicht erklären, denn seit den letzten zwei Stunden hatte er mit jedem Augenblicke sicher auf den Beginn der Feindseligkeiten gerechnet. Indeß war er noch immer nicht ganz außer Gefahr, obschon er Zeit hatte, sich umzublicken und die nunmehrigen Maßregeln mit mehr Ueberlegung zu treffen. Zuerst kam die Meldung, daß es an Mundvorrath und Wasser fehle, denn in Betreff dieser Erfordernisse hatte die Mannschaft auf das Wrack gerechnet und in ihrer Hast, zuvörderst den Fockmast zu bergen und dann für sich selbst Sorge zu tragen, einen so wichtigen Punkt ganz übersehen – vielleicht weniger aus Uebereilung, als vielmehr deshalb, weil sie wußten, daß der Montauk so nahe war. Dennoch war sowohl Speise als Trank höchst wünschenswerth, wo nicht unerläßlich für Leute, welche noch viele Stunden schwerer Arbeit vor sich hatten, und Kapitän Trucks erster Gedanke war, ein Boot nach dem Schiffe abzuschicken, um den Bedarf beizuschaffen. Nur mit Widerwillen stand er von diesem Vorhaben ab, weil das Wetter eine drohendere Gestalt annahm.

Ein Sturm war zwar nicht zu fürchten, aber eine scharfe Seebrise begann jetzt zu blasen, und die Meeresfläche wurde wie gewöhnlich aufgeregt. Der Kapitän änderte daher alle seine Plane und schenkte jetzt der Bergung der über Alles wichtigen Spieren ausschließlich seine Aufmerksamkeit.

»Wir können morgen essen, Männer,« sagte er; »aber wenn wir diesen Masten verlieren, wird unsere Aussicht, andere zu kriegen, in der That klein seyn. Nehmt ein Häuflein Leute auf den Floß, Mr. Leach, und verdoppelt die Bande, während ich sehe, wie wir in offene See kommen. Wenn der Wind sich noch mehr steigert, werden wir dies brauchen können und selbst dann noch schlimmer daran seyn, als wir wohl wünschen möchten.«

Der Mate begab sich auf den Floß und schickte sich an, die Spieren durch weitere Taue noch mehr zu befestigen; denn der Wellenschlag hatte sie bereits losgemacht, so daß zu fürchten stand, sie möchten sich ganz und gar trennen. Während dieß geschah, nahmen die beiden Jollen Leinen und Kedschen ein, von denen sie glücklicherweise außer den zweien, die sie in dem Wrack fanden, eine von dem Paketschiff mitgebracht hatten, und ruderten in die See hinaus. Sobald die eine Kedsch niedergelassen war, wurde die, vor welcher die Lansche ritt, aus dem Grund gehoben, während die Boote darnach aufholten und die andere Jolle fortfuhr, den Proceß zu erneuen. In dieser Weise wurde das Ganze, Floß und Alles, breit vom Lande abgewarpt und im Laufe von zwei weiteren Stunden ungefähr tausend Ruthen windwärts gebracht, wo das Wasser so tief wurde, daß Kapitän Truck, obschon mit Widerstreben, Befehl zum Aufhören gab.

»Ich möchte mich gerne drei oder vier Seemeilen weit in dieser Weise nach der hohen See hinausarbeiten,« sagte er, »denn dann könnten wir den Wind in eine günstige Richtung bringen; so aber müssen wir eben Alles klar halten und uns behelfen, wie wir können. Richtet in der Lansche die Maste auf, Mr. Leach; wir wollen dann sehen, was wir mit dem trägen Floße, den wir im Schlepptau haben, ausrichten können.«

Während dieser Befehl in Ausführung gebracht wurde, richtete der Kapitän sein Glas nach dem Ufer, um zu sehen, was die Beduinen trieben; aber zum Erstaunen Aller in den Booten waren sie insgesammt verschwunden. Selbst bei sorgfältigster Musterung konnte man Niemand in der Nähe des Wrackes, am Ufer oder sogar an der Stelle entdecken, wo kürzlich noch die Zelte gestanden hatten.

»Beim Görge, Alles ist miteinander fort!« rief Kapitän Truck, sobald er sich von dieser Thatsache überzeugt hatte – »Kameele, Zelte, Beduinen! Die Spitzbuben haben ihre Thiere bereits geladen und sind wahrscheinlich abgezogen, um ihre Beute zu verbergen, damit sie wieder umkehren, und sich eines zweiten Fangs versichern können, ehe Andere von ihrer Geyersippschaft das Aas wittern und nach dem Strande kommen. Der Teufel hole die Schurken – ich meinte wahrhaftig, sie hätten mich in einer Categorie! Na, Glück auf den Weg! Mr. Monday, ich statte Euch meinen herzlichen Dank ab für die männliche, freimüthige und diplomatische Weise, in welcher Ihr Euch der Obliegenheiten Eurer Sendung entledigt habt. Ohne Euch dürfte es uns kaum gelungen seyn, den Fockmast zu kriegen. Mr. Dodge, Ihr habt die tröstliche Beruhigung, Euch sagen zu können, daß Ihr Euch bei dieser bedenklichen Gelegenheit auf eine Art benommen habt, wie es kein Anderer in unserem ganzen Haufen gethan haben würde.«

Mr. Monday schlief seine Schnapsdünste weg, aber Mr. Dodge verbeugte sich für das Compliment und schwelgte in der Vorahnung vieler trefflichen Bemerkungen für sein Journal, mit denen er die Spalten des Active Inquirer zu füllen hoffte. Ja, er begann sogar bei sich zu überlegen, ob er nicht über seine Erlebnisse ein eigenes Buch schreiben könne.

Jetzt begann der mühseligste und bedenklichste Theil der Aufgabe, der sich Kapitän Truck unterzogen hatte – natürlich die Berührung mit den Beduinen ausgenommen: nämlich das Geschäft, alle die schweren Spieren eines großen Schiffs, die in einem einzigen Floß zusammengeknotet waren, mit uferwärts wehendem Winde in einer der Küste nah gelegenen See weiter zu schleppen. Allerdings fehlte es nicht an Händen, da er in der Lansche zehn und in allen übrigen Booten vier Ruder bemannen konnte; aber nachdem die Segel standen und eine Stunde lang stätig fortgerudert worden war, stellte sich's heraus, daß sie trotz aller ihrer Anstrengungen nicht im Stande seyn würden, ihre Beute vor dem folgenden Tage nach dem Schiffe zu bringen, wenn der Wind in gleicher Weise andauerte. Die Abtrifft in's Lee oder gegen die Küste hin war bedenklich stark, da jede herankommende Welle die ganze Masse dem Ufer näher brachte; auch waren sie mittlerweile ungefähr dreißig Ruthen südwärts gekommen und mußten jetzt ankern, um sich vor der Brandung klar zu halten, die sich eben jetzt gut fünfzig Ruthen in die See hinein erstreckte.

Zum Glück war Entschiedenheit ein Hauptzug in Kapitän Trucks Character. Er begriff wohl, welcher lange und schwere Kampf ihnen bevorstand, und die Matrosen hatten noch keine zehn Minuten gerudert, als er Mr. Leach, der sich im Kutter befand, den Befehl ertheilte, seine Leine abzuwerfen und an die Seite der Lansche zu kommen.

»Rudert nach dem Wrack zurück, Sir,« sagte er; »und bringt Alles mit, was Ihr an Brod, Wasser und anderen Tröstungen auffinden könnt. Ich sehe wohl, wir werden's für die Nacht brauchen können. Wir wollen für Euch Lugaus halten, und wenn sich Beduinen auf der Ebene blicken lassen, soll eine Muskete abgefeuert werden. Sind ihrer so viele, daß ein Wink zum Reißaus nehmen nöthig wird, so sollen zwei Signalschüsse geschehen und das große Segel der Lansche für ein paar Minuten beschlagen werden. Mehr Zeit können wir freilich nicht für Euch erübrigen.«

Mr. Leach gehorchte dieser Weisung und führte sie mit gutem Erfolg aus. Zum Glück hatte der Koch die Kessel gut genug gefüllt, um für vier und zwanzig Stunden Proviant zu bieten – ein Umstand, der den Beduinen entgangen war, weil sie nicht wußten, wo sie dieses Labsal zu finden hatten. Außerdem fehlte es nicht an Brod und Wasser, wie denn auch der Instinkt eines der Matrosen eine »Bull Jamaica« aufzufinden gewußt hatte, welche vortrefflich dazu diente, das Volk in guter Stimmung zu halten. Diese sehr zeitgemäßen Vorräthe langten in demselben Augenblicke an, als die Lansche Anker warf, und Mr. Truck hieß sie aus dem Grunde seines Herzens willkommen, da er ohne sie wohl in Bälde genöthigt gewesen wäre, seine kostbare Prise aufzugeben.

Sobald die Leute sich erfrischt hatten, wurde das lange und mühselige Geschäft des Abwarpens wieder aufgenommen, und im Laufe von zwei weiteren Stunden stand der Floß eine volle Seemeile weit in der Aufthuning; denn eine Untiefe hatte es möglich gemacht, daß die Kedschen diesmal weiter hinaus benützt werden konnten, als früher. Dann wurden wieder die Segel gesetzt und die Ruder abermals in Anspruch genommen. Aber die See erwies sich noch immer feindlich, obgleich sie die Strömung getroffen hatten, welche sie gen Süden zu führen begann. Ohne Wind und Wellen würden jetzt die Boote beziehungsweise leicht und rasch fortgerückt seyn; aber diese beiden widrig wirkenden Mächte trieben sie so schnell uferwärts, daß sie kaum um tausend Ruthen von dem Wrack abgekommen waren, als sie schon zum zweitenmal ankern mußten.

Unter solchen Umständen blieb unseren Abenteurern keine andere Wahl, als das Abwarpen in gleicher Weise fortzusetzen und dann die gewonnene hohe See so gut als möglich zu benützen. Durch diese Anstrengung gelang es ihnen, um Sonnenuntergang in die Nähe des Vorgebirgs zu kommen, welches die Gesichtslinie nach ihrem eigenen Schiffe hin abschnitt, und von hier aus mußten sie nach Kapitän Trucks Berechnung etwas weniger als zwei Seemeilen von dem Montauk entfernt seyn. Der Wind hatte angefrischt, aber obgleich er keineswegs so stark war, um den Wellenschlag gefährlich zu machen, so steigerte er doch die Mühe der Matrosen in so hohem Grade, daß der Kapitän wohl oder übel sich entschloß, einen passenden Ankerplatz aufzusuchen und seinen erschöpften Leuten einige Ruhe zu gönnen.

Die Matrosen waren außer Stande, ihren Floß in einen Hafen zu bringen, denn nördlich von dem Landvorsprung oder auf der Seite, wo sie sich befanden, lag weder ein Riff noch eine Bai, die ihnen hätten Schutz bieten können. Die Küste war eine einzige fortgesetzte Wellenlinie von Sandbänken, und wenn Wind vorhanden war, brandete das Wasser bis auf eine Entfernung von fünfhundert Ruthen seewärts; der Ort, wo das dänische Schiff auf dem Strand saß, war daher höchst wahrscheinlich absichtlich gewählt worden, um das Leben der Mannschaft zu retten. Unter solchen Umständen blieb nichts Anderes übrig, als wieder auf eine sichere Entfernung abzuwarpen und die Boote, so gut es gehen wollte, für die Nacht zu sichern. Dies geschah gegen acht Uhr, und Kapitän Truck ertheilte nun Befehl, noch zwei Kedschen niederzulassen, weil er nicht in der Dunkelheit trifftig werden wollte, wenn es anders in seiner Macht lag, es zu verhindern. Nachdem die Leute mit ihrem Auftrage zu Stand gekommen waren, erhielten sie ihr Nachtessen, worauf eine Wache ausgesetzt wurde und die Uebrigen sich zum Schlafe anschickten.

Die drei Passagiere waren von der Arbeit befreit geblieben, weshalb sie sich jetzt freiwillig erboten, bis Mitternacht für die Sicherheit der Boote zu wachen, damit die Mannschaft Gelegenheit finde, sich so viel wie möglich der Ruhe zu erfreuen. Letztere lag auch schon eine halbe Stunde nachher in tiefem Matrosenschlummer, während Kapitän Truck und die Gentlemen, welche in der Lansche saßen, sich über die Ereignisse des Tages besprachen.

»Ihr habt die Beduinen sehr unterhaltlich und bechergerecht gefunden, Mr. Monday,« bemerkte der Kapitän, indem er eine Cigarre anzündete – bei ihm ein sicheres Anzeichen, daß er Lust zum Plaudern hatte. »Meint Ihr nicht auch, wenn man sie jung in die Schule geschickt, Tanzen gelehrt und anderweitig civilisirt hätte, so würden sie wohl in dieser unserer wanderlustigen Welt ziemlich leidliche Schiffskameraden abgegeben haben?«

»Auf mein Wort, Sir, ich betrachte den Scheik als einen ungemein gentlemanischen Burschen und einen grundguten Kerl. Er griff ohne Grimasse nach seinem Glase, lächelte, wenn er etwas sagte, obgleich ich kein Wort davon verstehen konnte, und antwortete auf alle meine Bemerkungen so höflich, als verstände er Englisch. Ich muß sagen, Mr. Dodge hat, meiner Meinung nach, einen großen Mangel an Rücksicht bekundet, als er so ohne Umstände seine Gesellschaft verließ. Ich stehe dafür, der Gentleman hat's übel genommen und würde sich auch in dieser Weise ausgesprochen haben, wenn er nur gewußt hätte, wie er seine Ansicht über die Sache verständlich kund geben sollte. Sir George, ich bedaure, daß wir bei dieser Gelegenheit nicht die Ehre Eurer Gesellschaft hatten, denn wie ich höre, haben diese Beduinen eine ganz besondere Achtung vor dem Adel und der Gentry. Mr. Dodge und ich, wir beide waren nur ein dürftiger Ersatz für einen Gentleman wie Ihr.«

Diese anerzogene Bescheidenheit seines Reisegefährten war nicht sonderlich nach dem Geschmacke des Demokraten, der aus purem Neide so lange schon bemüht gewesen war, Andere zu überzeugen, daß er keinen Menschen nachstehe, obschon es ihm trotz aller seiner Mühe nie ganz gelingen wollte, diese Selbsttäuschung für unumstößliche Wahrheit zu halten. Indes säumte er dennoch nicht, die Gefühle, welche Mr. Mondays Aeußerung geweckt hatte, an den Tag zu legen.

»Sir George Templemore hat ein zu richtiges Gefühl für die Rechte der Nationen, um hier einen Unterschied zu machen, Mr. Monday,« sagte er. »Wenn ich den Beduinen-Scheik ein Bißchen plötzlich verließ, so geschah es aus keinem anderen Grunde, als weil mir seine Manieren nicht gefielen, denn ich halte Afrika für ein freies Land, in welchem Niemand gehalten seyn kann, länger in einem Zelte zu bleiben, als es eben seiner Bequemlichkeit zusagt. Kapitän Truck weiß, daß ich blos nach dem Ufer herunterkam, um ihm mitzutheilen, der Scheik beabsichtige mir zu folgen, und wird daher meinen Beweggrund ohne Zweifel gebührend würdigen.«

»Wenn auch nicht, Mr. Dodge,« entgegnete der Kapitän, »so müßt Ihr eben wie andere Patrioten von der Nachwelt erwarten, daß sie Euch Gerechtigkeit widerfahren lasse. Die Gelenke und Sehnen sind bei verschiedenen Leuten so verschieden gebildet, daß man nie genau wissen kann, wie man ihre Geschwindigkeit berechnen soll; so viel aber will ich, wenn Ihr es wünscht, nach unsrer Ankunft in der Heimath eidlich erhärten, daß sich, wenn es Eile gilt, wohl kein besserer Bote auffinden läßt, als Mr. Steadfast Dodge. Sir George Templemore, wir haben, seit wir diese Expedition antraten, nur wenig von Euren Ansichten gehört, und es würde mich freuen, Eure Meinung über die Beduinen und alles Andere, was sich im Augenblick daran knüpfen läßt, zu vernehmen.«

»O Kapitän, ich halte die Elenden für abscheulich schmutzig, und wenn man von dem Aeußeren einen Schluß ziehen darf, so möchte ich sagen, daß es ihnen kläglich an Comforts fehlen muß.«

»Namentlich in Betreff der Hosen; denn ich bin zu glauben geneigt, Sir George, daß Ihr mehr besitzt, als sich unter der ganzen Nation finden lassen. Man muß in der That reisen, Gentlemen, wenn man die Welt zu sehen wünscht, denn ohne diesen Abstecher nach der afrikanischen Küste herunter würde keiner von uns je gewußt haben, wie die Beduinen leben und welche hurtige Strandräuber sie sind. Wenn man mir für meine Person die Wahl ließe zwischen dem Dienst des Jemmy Ducks an Bord des Montauk und dem eines Scheiks in diesem Stamme, so würde ich, wie wir in Amerika zu sagen pflegen, Mr. Dodge, die Entscheidung dem Volke überlassen und alle meine Kräfte aufbieten, um den ersteren Posten zu erhalten. Sir George, ich fürchte, alle diese County-Tongues – wie's Mr. Dodge nennt – in Wind und Wetter werden, wenigstens für diesen Herbst, der Büffeljagd auf den Prärieen einen ernstlichen Abtrag thun.«

»Ich bitte, Kapitän Truck, mein Französisch nicht also in Unehre zu bringen. Ich nenne eine fehlgeschlagene Erwartung nicht ›County Tongues,‹ sondern ›Contra Toms‹ Contre temps.. Der Ausdruck kommt wahrscheinlich von einer Person her, die Tom hieß und sich jeder andern contra oder zuwider verhielt.«

»Vollkommen gut auseinandergesetzt und so klar wie Leckwasser. Sir George, hat Euch Mr. Dodge erzählt, wie sich diese Beduinen des Lebens erfreuen? Um das Spülwasser zu sparen, ißt ein ganzes halb Dutzend von diesen Gentlemen zumal von demselben Teller. Vollkommen republikanisch und ganz ohne Stolz in ihren Ansichten, Mr. Dodge.«

»Allerdings, Sir, sind mir während der kurzen Zeit meines Aufenthalts in ihrem Lande viele ihrer Gewohnheiten als einfach und preiswürdig aufgefallen, und ich glaube wohl, daß ein Mann, der Muße hat, sie zu studiren, Stoff zur Bewunderung finden wird. Ich kann mir leicht Lagen denken, in welchen Niemand ein Recht hat, sich eine ganze Schüssel zuzueignen.«

»Ohne Zweifel, und wer etwas so Unvernünftiges wünschen wollte, müßte in der That ein großes Schwein seyn. Was ist es nicht Köstliches um den Schlaf! Da liegen nun diese wackeren Burschen und denken so wenig an ihre Gefahren und Mühen, als wären sie in ihrer Heimath und würden von sorgfältigen frommen Müttern bewacht. Wie wenig dachten die guten Seelen, welche sie pflegten und über ihren Wiegen fromme Lieder sangen, an die Beschwerlichkeiten, zu denen sie ihre Kinder heranzogen! Es ist gut, daß wir nie unser Schicksal voraus wissen, da sonst die Meisten von uns nur unglückliche Hunde wären. Meint Ihr nicht auch, Sir George?«

Der Baronet wurde betroffen über diese Berufung, die dem wunderlichen Kapitän durch den Sinn kam, wie etwa eine Wolke eine sonnige Landschaft verdunkelt, und murmelte hastig etwas von der Hoffnung vor sich hin, daß doch wohl kein besonderer Grund vorhanden sei, auf dem Wege nach dem Schiffe weitere ernstliche Hindernisse zu befürchten.

»Es ist keine Kleinigkeit, einen schweren Floß mit so leichten Booten fortzutauen – namentlich in der Richtung, in welcher wir ihn gerne haben möchten,« entgegnete der Kapitän gähnend. »Wer auf Wind und Wetter baut, vertraut sich einem unsicheren Freunde an, der wohl geeignet ist, Einen gerade in dem Augenblicke im Stiche zu lassen, wo man seiner Dienste am meisten bedarf. So günstig auch jetzt der Anschein ist, würde ich von meinem kleinen Vermögen, unter dem sich kein einziger leicht verdienter Dollar befindet, doch gerne ihrer Tausend hingeben, wenn ich diese Spieren wohlbehalten an Bord des Montauk und fest an die geeigneten Plätze eingesetzt wüßte. Die Masten sind für ein Schiff, was die Glieder für den Menschen, Gentlemen; ohne sie rollt und taumelt es umher, wie Wind, Strömung und Wellen es haben wollen, während es unter ihrer Beihülfe spaziert, tanzt, hüpft – ja und sogar fast spricht. Das stehende Tackelwerk sind die Knochen und Knorpel – das laufende Zeug die Venen, in welchen das Leben des Fahrzeugs kreist, und die Blöcke bilden die Gelenke.«

»Und was ist das Herz?« fragte Sir George.

»Das Herz ist der Befehlshaber. Unter einem tüchtigen Commandeur kann kein gutes Schiff je verloren gehen, so lange es noch einen Fuß Wasser unter seinem falschen Kiel oder ein Taugarn hat, mit dem sich etwas ausrichten läßt.«

»Und doch war der Däne mit alle dem versehen.«

»Mit Allem, nur nicht mit dem Wasser. Das beste Fahrzeug, das nur je von Stapel gelassen wurde, ist nicht so viel werth, als ein einzelnes Kameel, wenn es hoch und trocken auf dem Sand von Afrika liegt. Ach diese armen Unglücklichen! Und doch hätte ihr Geschick auch das unsrige werden können, obschon ich nur wenig an die Gefahr dachte, so lange wir uns in Mitte der Beduinen befanden. Es ist mir noch immer ein Geheimniß, warum sie uns entkommen ließen, namentlich, da sie so bald von dem Wrack abzogen. Auch war's ein großer Haufen, denn wenn einer Alle zählte, welche kamen und gingen, so müssen sie sich wohl auf mehrere Hundert belaufen haben!«

Der Kapitän wurde nun still und gedankenvoll – ja, sogar unruhig wegen seines Schiffes, da der Wind sich zu steigern fortfuhr. Ein- oder zweimal sprach er davon, in einem der leichten Boote nach dem Montauk hinfahren zu wollen, um in Person nach seiner Sicherheit sehen zu können; indeß gab er den Gedanken wieder auf, da er sah, wie die Wellen sich hoben und der schwere Floß die Banden, von welchen er zusammengehalten wurde, zu zersprengen drohte. Endlich schlief auch er ein, und wir verlassen ihn und seine Gesellschaft für eine Weile, um nach dem Montauk zurückzukehren und zu berichten, was sich an Bord desselben zutrug.


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