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Achtzehntes Kapitel.

Hier scharr' ich dich in diesem Sande ein –

Lear.

 

Nachdem Kapitän Truck seinen Entschluß gefaßt, seine Absichten angekündigt und sein Schiff in Ordnung gebracht hatte, ertheilte er bestimmt und mit Klarheit Befehl zum Aufbruch. Da die Damen zurückbleiben mußten, so bemerkte er gegen die beiden Herren Effingham, daß er natürlich das zartere Geschlecht in ihnen nicht des Schutzes berauben wolle, obgleich ihnen im Schiffe nicht viel Leides begegnen könne.

»Ich möchte den Montauk gerne Mr. Blunts Obhut übertragen,« fügte er bei, »denn ich bemerkte an diesem Gentleman eine Art Seemannsinstinkt. Will Mr. Sharp gleichfalls bleiben, so wird eure Gesellschaft nur um so angenehmer seyn; dagegen erbitte ich mir aber die Gunst, Gentlemen, die starken Arme aller eurer Diener benützen zu dürfen. Mr. Monday hält bei mir aus in Gutem und Schlechtem, und ein Gleiches ist, wie ich mir schmeichle, auch bei Sir George Templemore der Fall. Sollte übrigens Mr. Dodge zurückbleiben wollen, so wird dem Active-Inquirer ein denkwürdiger Artikel entgehen, denn wir haben in diesem Falle für die Expedition keinen andern Historiker, als den, welchen ich selbst beauftrage. Mr. Saunders wird inzwischen die Ehre haben für Euch zu kochen, alles andere Volk aber gedenke ich nach dem Dänen mitzunehmen.«

Da sich gegen diese Anordnung keine ernstlichen Einwendungen erheben ließen, brachen eine Stunde nach Festlegung des Schiffes der Kutter und das Jollenboot auf; denn Kapitän Truck wollte das Wrack noch am nemlichen Abend erreichen, um in guter Zeit seine Scheerböcke für die Arbeit des nächsten Morgens vorbereiten zu können. Er hoffte im Lauf des nächsten Tages wieder zurückkehren zu können. Zeit war, wie er wohl wußte, nicht zu verlieren, denn die Beduinen konnten mit jeder Stunde zurückkehren, und die Ruhe auf offener See ist zu allen Zeiten eine Sache, auf die man nicht mit Sicherheit zählen kann. Mit der erklärten Absicht, sich rasch ans Werk zu machen, obschon er sich der geheimen Besorgniß, mit den Eigenthümern des Landes einen Kampf bestehen zu müssen, nicht erwehren konnte, nahm nun der Kapitän sämmtliche Offiziere und Matrosen seines Schiffs, welche möglicherweise erübrigt werden konnten, deßgleichen auch diejenigen Passagiere, von deren Arbeit er sich Nutzen versprach, mit sich. Da ihm für den Zweck der Einschüchterung schon die Anzahl als wichtig genug vorkam, so trug er fast eben so viel Sorge für den äußeren Schein, als für irgend etwas Anderes, da er sonst wahrscheinlich auf die Theilnahme des Mr. Dodge keinen sonderlichen Werth gelegt haben würde; denn die Wahrheit zu sagen, – er war der Ansicht, der Herausgeber des Active-Inquirer dürfe die Eigenschaft, welche durch das erste Wort in dem Titel seines Journals angedeutet war, eher in jeder anderen Weise als im Kampfe bethätigen. In die Boote wurde nur so viel Mundvorrath und Wasser geschafft, als etwa für die Fahrt nach dem Wrack nöthig war; auch nahmen die Abenteurer weder Taue, noch Blöcke, kurz nichts mit sich, als Waffen und Munition, da die Untersuchung am Morgen den Kapitän belehrt hatte, es befinde sich, ungeachtet der stattgehabten bedeutenden Plünderung von allem Nothwendigen, noch eine hinreichende Menge an Bord des gestrandeten Schiffes. In der That war der Umstand, daß sich daselbst noch so viel vorfand, einer der Gründe zur Eile, weil man daraus mit Zuversicht den Schluß ziehen konnte, daß diejenigen, welche das Fehlende mitgenommen hatten, bald wieder zurückkommen würden, um den Rest zu holen. Sämmtliche Jagdflinten und Pistolen, nebst allem Pulver- und Kugelvorrath, der sich in dem Schiffe vorfand, wurden in die Boote geschafft, so daß nur die leichte Kanone, welche man zu dem Zwecke an Bord genommen hatte, schlafende Lootsen damit zu wecken, zurückblieb. Der Kapitän hatte sie vor dem Abzuge laden lassen, damit sie zu einem Lärmsignal benützt werden könne, falls in der Lage des Schiffes eine wesentliche Veränderung vorgehen sollte.

Die Partie bestand aus dreißig Mann, die meist mit Feuerwaffen der einen oder der andern Art versehen waren, und ruderte mit muthigem, zuversichtlichem Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg durch den Einlaß hinaus. Die Boote waren allerdings gedrängt voll; aber es fehlte nicht an Raum zum Rudern, und man hatte die Lansche auf dem Decke zurückgelassen, weil man wußte, daß sich im Wrack zwei Boote, darunter ein ziemlich großes, befanden. Mit einem Worte, da Kapitän Truck von dem Augenblicke an, als er von der Lage des Dänen Einsicht nahm, sich Alles wohl erwogen hatte, so konnte er jetzt sein Vorhaben methodisch und mit Umsicht zur Ausführung bringen. Wir wollen ihn auf seinem Wege begleiten und denen, welche in dem Montauk zurückblieben, in einem anderen Kapitel unsre weitere Aufmerksamkeit schenken.

Die Entfernung zwischen den beiden Schiffen betrug ungefähr vier Seemeilen, und da auf dieser Strecke ein Landvorsprung in die See hinausragte, so verloren die Ruderer in weniger als einer Stunde den Montauk, der, seines ganzen Stolzes beraubt, in dem Riff vor Anker lag, aus den Augen. Fast in demselben Augenblicke bekamen sie das Wrack zu Gesicht, und Kapitän Truck setzte mit großem Interesse sein Fernglas an, um sich zu überzeugen, wie es in jener Richtung aussah. Alles war ruhig und kein Zeichen verrieth, daß der Platz seit dem Morgen besucht worden sei. Er theilte diese Kunde seinen Leuten mit, die unter dem Sporn eines wahrscheinlichen Erfolges nur um so eifriger ihre Ruder bearbeiteten, so daß die Boote mit immer zunehmender Geschwindigkeit vorwärts trieben.

Die Sonne stand noch in einiger Höhe über dem Horizont, als der Kutter und die Jolle durch den schmalen Kanal sternwärts von dem Wrack ruderten und wie früher unter den Klippen anlegten. Kapitän Truck sprang zuerst ans Land und ging nach dem Schiffe voran; auch sah man ihn nach fünf Minuten bereits in den Kreuzbäumen des Vorderschiffs, von wo aus er die Ebene mit seinem Fernrohre untersuchte. Alles war so öde und verlassen, wie früher, weßhalb er Befehl ertheilte, ohne Zögerung die Operationen zu beginnen.

Ein Haufen der besten Matrosen schaffte die ledige Stenge und Unterraa des Dänen heraus, worauf er sich anschickte, ein paar Scheerböcke herzustellen, – eine Arbeit, die jedenfalls mehrere Stunden Zeit erforderte. Mr. Leach führte eine andere Abtheilung nach dem Vorderschiffe und der zweite Mate eine weitere nach hinten, wo sie sich anschickten, die betreffenden Bramstengen, Stengen und Marssegelraaen niederzulassen, während Kapitän Truck vom Decke aus eine ähnliche Operation am Besahnmast überwachte. Da die Matrosen mit Eifer arbeiteten und ein ziemliches Häuflein unten geblieben war, um die Zugleinen weiter zu geben und die Taljereepen aufzufassen, so kam schnell Spiere um Spiere herunter, und wie die Sonne eben westwärts in den Ocean tauchte, lag Alles, mit Ausnahme der Untermasten, neben dem Schiffe auf dem Sande, ohne daß die Decken auch nur im Mindesten beschädigt worden wären. Ehe man jedoch die unteren Raaen aus dem Schiffe brachte, war auch die Lansche aus ihren Klampen gehoben und gleichfalls neben dem Schiffe auf den Boden gesetzt worden.

Der Kapitän ließ nun sämmtliche Matrosen auf dem Sande antreten und ertheilte Befehl, das Boot vom Stapel zu lassen – ein etwas verfängliches Geschäft, da hin und wieder schwere Rollwogen heranschlugen. Sobald es flott war, wurde dieses werthvolle Beförderungsmittel nach den Klippen hinaufgerudert, und nun begannen die Matrosen, es mit dem stehenden Tackelwerk und den Segeln zu beladen, welche letztere eben so schnell losgemacht worden waren, als die Spieren herunterkamen. Man hatte auch zwei Kedschen vorgefunden, deren eine mit einer Halse belegt wurde, um das Langboot außerhalb der Barre vor Anker bringen zu können. Da man auch Leinen beigeschafft hatte, so wurden nun die Raaen nach derselben Stelle hinausgezogen, und für die Nacht fest an einander gebunden. Einen großen Theil des laufenden Tackelwerks, viele Blöcke und unterschiedliche andere kleine Gegenstände schaffte man in die Boote des Montauk und in die Jolle des Wracks, welche noch immer am Stern desselben hing, jetzt aber gleichfalls niedergelassen und auf's Wasser gebracht wurde. Diese Erwerbungen miteinbegriffen, besaßen unsre Abenteurer nun vier Boote, von denen eines eine beträchtliche Größe hatte und eine nicht unansehnliche Fracht zu führen im Stande war.

Mittlerweile war es spät und so dunkel geworden, daß Kapitän Truck beschloß, die Arbeiten bis zum Morgen einzustellen. Während der paar Stunden eifriger Anstrengung hatte er alle Raaen, die Segel, das stehende und laufende Tackelwerk, die Boote und viele andere Gegenstände von geringerem Belang geborgen, so daß nichts von wesentlicher Bedeutung aus dem Dänen zurückgeblieben war, als die unteren Stücke der drei Masten. Diese waren übrigens für ihn in Wahrheit Alles in Allem, da er ohne sie nur wenig besser daran war, als zuvor; denn sein eigenes Schiff besaß lediges Tuch und überflüssige Raaen genug, um außer dem Grundgebälk eine anständige Tackelung herzustellen. Letzteres war jedoch eben das wesentliche Erforderniß; denn alle anderen Stücke nahm er hauptsächlich nur deshalb mit, um die Masten besser befestigen zu können, als wenn er zu diesem Zwecke Spieren und Segel benützte, welche doch nicht ursprünglich dem Grundgerüst angepaßt waren.

Um acht Uhr erhielt die Mannschaft ihr Abendessen und traf sodann Vorbereitungen, sich für die Nacht einzuthun. Der Kapitän besprach sich mit seinen Maten über die Art, wie in Betreff der Mannschaft die Nacht über die geeignetsten Verfügungen getroffen werden könnten, und kam dabei zu dem Schlusse, daß er eine wohlbewaffnete Abtheilung von zehn Mann mit sich in das Schiff nehmen wollte, während der Rest sich nach den Booten zu begeben hätte, die an der vor der Barre geankerten Lansche befestigt waren. Sie machten sich nun Betten aus Segeln, stellten eine Wache aus, und bald schliefen die meisten Matrosen so ruhig, als ob sie in ihren eigenen Berths an Bord des Montauk lägen. Nicht so erging es Kapitän Truck und seinen Maten. Die Matrosen waren längst verstummt, und sogar Mr. Monday, der die Flasche Wein, welche er vorsichtshalber von dem Paketschiff mitgenommen, zu Ende gebracht hatte, stack bereits in der Kajüte unter einigen alten Segeln, als die Offiziere noch immer auf dem Decke des Dänen einhergingen. Es war eine klare Sternnacht, aber der Mond wurde erst bis gegen Morgen erwartet. Der Wind kam in heißen Stößen über den Sand des Binnenlandes hergefegt, aber so leicht, daß er nur wie Seufzer der Wüste über sie hinathmete.

»Es ist ein Glück, Mr. Leach,« sagte der Kapitän in Fortsetzung des Gesprächs, welches er in gedämpfter Stimme mit seinen Maten hielt, weil ihm ihre gegenwärtige Lage doch nicht ganz geheuer vorkam; »es ist ein Glück, Mr. Leach, daß wir am Stern den Stromanker ausgesetzt haben, sonst dürfte unser Schiff wohl sein Kupfer an den Kanten der Klippen blank reiben. Die Luft scheint zwar leicht zu seyn, aber hätte der Montauk all' sein Tuch beigesetzt, so würde er bald die Flügel schlagen und sich von dieser Küste fortmachen. Hätten wir nur schon Alles fertig.«

»Ja, ja, Sir – hätten wir nur erst Alles fertig!« wiederholte Mr. Leach, als wisse er recht gut, wie viel saure Arbeit noch nöthig sey, ehe sie sich dieses glücklichen Augenblicks erfreuen konnten.

»Dies ist freilich zu wünschen. Ich denke, wir werden im Stande seyn, morgen um die Frühstückzeit diese drei Pfähle aus dem Burschen zu ziehen, und dann reichen ein paar Stunden für den Floß aus. Sind wir damit im Reinen, so bringt uns ein Rudern von sechs oder acht Stunden wieder nach unserem Fahrzeug zurück.«

»Wenn Alles gut abläuft, kann es gehen, Sir.«

»Gut oder übel – es muß gehen. Wir sind jetzt nicht in einer Lage, um Strohmännchen zu spielen.«

»Ich hoffe, es wird sich ausführen lassen, Sir.«

»Mr. Leach!«

»Kapitän Truck!«

»Die Wahrheit zu sagen, Sir, wir sind in einer verdammten Categorie.«

»Dies ist ein Wort, auf das ich mich nicht sonderlich verstehe; aber wir haben hier ein gar unbequemes Berth – wollt Ihr vielleicht dies damit andeuten?«

Es trat eine lange Pause ein, während welcher die beiden Offiziere, von denen der eine alt und der andere jung war, emsig auf dem Decke hin- und herschritten.

»Mr. Leach!«

»Kapitän Truck!«

»Betet Ihr auch bisweilen?«

»Früher habe ich mich wohl mit dergleichen abgegeben, Sir; aber seit ich mit Euch segle, lehrte man mich ich solle zuerst arbeiten und hintendrein beten. War nun die Schwierigkeit durch Arbeit überwunden, so schien mir das Beten gemeiniglich überflüssig zu seyn.«

»Ihr hättet dann ein Dankgebet sprechen können. Ich glaube, Euer Großvater war ein Pfarrer, Leach.«

»Ja, Sir, – und wie ich höre, hat Euer Vater dasselbe Gewerbe getrieben.«

»Man hat Euch ganz richtig belehrt, Mr. Leach. Mein Vater war ein so demüthiger, frommer und bescheidener Christ, wie nur je einer auf das Kanzelpult geklopft hat – ein armer Mann und, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ein armer Prediger obendrein, aber eifrig und aus dem Grunde seines Herzens andächtig. Ich entlief ihm, als ich zwölf Jahre alt war, und brachte seit dieser Zeit nie wieder acht Tage hinter einander unter seinem Dache zu. Er konnte nicht viel für mich thun, da er nur wenig Erziehung und kein Geld hatte; auch vermuthe ich, daß er sein Geschäft so ziemlich nur um des Glaubens willen betrieb. Er war ein guter Mann, Leach, obschon er für eine Person, die sich als Volkslehrer aufgethan hat, zu wenig auf's Einnehmen hielt; und was meine Mutter betrifft – wenn je ein reiner Geist auf Erden weilte, so hatte er sich ihren Körper zum Wohnplatz gewählt.«

»Ja, dies ist so gemeiniglich bei den Müttern der Fall, Sir.«

»Sie lehrte mich beten,« fügte der Kapitän mit etwas heiserer Stimme bei; »aber offen gesprochen, seit ich mich auf dieser Londoner Linie umtreibe, finde ich nur wenig Zeit für etwas Anderes, als schwere Arbeit, so daß mir aus Mangel an Uebung das Beten als das schwerste Geschäft vorkömmt, an das ich Hand legen könnte.«

»Gerade so ergeht es uns Allen. Ich bin der Ansicht, Kapitän Truck, daß die Unternehmer der Londoner und Liverpooler Fahrten ein ziemliches Häuflein verlorner Seelen zu verantworten haben.«

»Ja, ja, wenn man's nur ihnen zuschieben könnte, so wäre es gut genug; aber mein ehrlicher alter Vater behauptete stets, daß Jedermann für seine eigenen Sünden in die Lücke treten müsse. Freilich wollte er auch wissen, es sey uns Allen zum Voraus bestimmt, ob wir unseren Kurs steuerbord oder backbord bilden müßten – sogar schon ehe wir vom Stapel gelassen wären.«

»Eine solche Lehre macht das Leben zu einem leichten Fluthweg, denn ich sehe nicht ein, was es dann den Menschen nützen kann, Segel zu führen, sich in den Wind zu klemmen und von den bösen Lüsten klar abzusteuern, wenn er weiß, daß er trotz aller seiner Mühe daran stranden muß.«

»Ich habe mich schon in Kreuz und Quere abgearbeitet, um diese Sache in den Kopf zu kriegen, konnte aber nie etwas daraus machen. Sie ist sogar eine härtere Nuß, als die Logarithmen. Wäre mein Vater der einzige gewesen, den ich solche Dinge lehren hörte, so würde ich mir wenig daraus gemacht haben, denn er war nicht sonderlich geschult worden und predigte vielleicht nur so von Geschäfts wegen; aber auch meine Mutter glaubte mit Leib und Seele daran, und sie war eine zu gute Frau, um lange auf einem Curs zu bleiben, wenn er nicht auf die Wahrheit abzielte.«

»Aber warum es nicht von Herzen glauben und das Steuer fliegen lassen, Sir? Man kömmt auf dem einen Gange so gut, als auf dem anderen an's Ende der Reise.«

»Es ist nicht sonderlich schwer, sich hinauf oder sogar durch das Fahrwasser des Todes zu arbeiten, Leach; aber die Hauptsache ist, ausfindig zu machen, in welchem Hafen man zuletzt ankern kann. Meine Mutter lehrte mich beten, und als ich zehn Jahre alt war, konnte ich alle zehn Gebote, den Glauben des Herrn und das apostolische Gebet hersagen; auch war ich so schräg weg in den Catechismus hineingekommen. Aber, du meine Güte, alles dies ist wieder hinausgeschwitzt, wie die Wärme aus einem Grönländer.«

»So viel ich weiß, wurden die Leute in Eurer Zeit besser erzogen, Kapitän Truck, als es heutzutage der Fall ist.«

»Kein Zweifel – durchaus kein Zweifel. Zu meiner Zeit lehrte man junge Bürschlein, ihre Vorgesetzten, das Alter, den Catechismus, die Frömmigkeit, das apostolische Gebet und was dergleichen Dinge mehr sind, respektiren; aber seit den letzten fünfzig [Jahren] sind in Amerika die guten Sitten jämmerlich sternwärts gegangen. Ich will mir nicht schmeicheln, daß ich noch so gut bin, wie ich in der Zeit war, als ich unter der Leitung meiner lieben, vortrefflichen Mutter stand; aber man braucht nicht gerade nach Newgate zu gehen, um in der Welt schlimmere Menschen zu treffen, als John Truck ist. Nun, was z. B. die Laster betrifft, Leach – ich fluche nie.«

»Dieß kann Euch Euer Feind nicht nachsagen, Sir; und Mr. Monday trinkt nie

Da die Nüchternheitsbetheurung von Seiten eines der Passagiere sowohl unter den Offizieren als unter den Matrosen des Schiffes zum stehenden Witze geworden war, so wurde es Kapitän Truck nicht schwer, den Sinn der erwähnten Worte zu fassen; aber obgleich ihn die Erwiederung verdroß, da er ausschließlich das Recht zu haben glaubte, die Leute necken zu dürfen, so befand er sich doch in einer zu gemüthlichen und nachdenksamen Stimmung, um ernstlich aufzubrausen. Nach einer kurzen Pause nahm er das Gespräch wieder auf, als ob gar nichts vorgefallen wäre, was die Harmonie hätte stören können.

»Nein, ich fluche nie – oder wenn es der Fall ist, so geschieht es in ordentlicher, gentlemanischer Weise. Nie aber erlaube ich mir jene groben Flüche, deren sich die Pferde-Jokey's zu bedienen pflegten, die vordem von dem Flusse aussegelten.«

»Waren dies schwere Flucher?«

»Fragt lieber, ob der Nordwester ein schwerer Wind sey. Diese Kerle pflegten, nachdem die Religion sie einen Monat oder zwei am Lande in die Mache genommen hatte, wie ein Orkan loszubrechen, sobald sie in hohe See kamen und einmal hübsch aus Hörweite der Pfarrer und Aeltesten waren. Ich ließ mir sagen, der alte Joe Bunk habe in der Barre mit einem Fluch begonnen den er nicht eher zu Ende brachte, bis seine Brigg in der Höhe der Montaukspitze lag. Es ist mir oft zweifelhaft gewesen, Leach, ob wohl etwas damit gewonnen werde, wenn man die Religion und Moral wie einen Baumwollenballen zusammenpresse, wie dies um den Fluß herum der Brauch ist.«

»Gar Viele fangen an, in derselben Weise zu denken, denn wenn unsere Leute einmal losbrechen, greift es wie eine Pockenpest um sich.«

»Ich bin immer ein Verfechter der Erziehung gewesen und glaube nicht, daß man mich mehr lehrte, als vernünftig war. Auch bin ich sogar der Ansicht, daß ein Gebet einem Schiffsmeister mehr Nutzen bringen könne, als das Latein, und habe oft, selbst in meinen alten Tagen noch, meine Zuflucht dazu genommen, obschon es vielleicht nicht ganz in der Bibelsprache abgefaßt ist. Selten fehlt mir's am Winde, ohne daß ich so zu sagen geistig darum bete, und was den Rheumatis betrifft, so bitte ich stets, ich möchte ihn wieder loskriegen, wenn ich ihn nicht etwa steuerbord und backbord verwünsche. Ist es Euch nie aufgefallen, daß die Moralität der Welt abgenommen hat, seit die Dampfboote eingeführt wurden?«

»Die Boote liefen schon, ehe ich geboren wurde, Sir.«

»Sehr wahr; Ihr seyd noch ein blutjunger Mensch. Die Menschheit scheint vorwärts zu fliegen, und Niemand will sich mehr mit Beten oder Bereuen seiner Sünden aufhalten, wie es sonst der Fall war. Das Leben gleicht ganz und gar einer Seefahrt. Wir sondiren uns behutsam vorwärts, bis wir die Untiefen an unserer eigenen Küste im Sterne haben, und dann machen wir's uns auf tiefem Wasser leicht. Kommen wir aber wieder in die Nähe eines seichten Grunds, so nehmen wir das Loth heraus und geben ein Bißchen Acht, wie wir steuern. Nur das Abfahren von einer Küste und das Anlangen an einer andern macht uns alle diese Mühe.«

»Ihr hattet doch wohl etwas im Sinne, Kapitän Truck, als Ihr mich fragtet, ob ich auch bete?«

»Allerdings. Wenn ich mich eben jetzt zum Beten in Bewegung setzen wollte, so würde ich für morgen um glatt Wasser bitten, damit wir den Floß gut nach dem Schiffe tauen könnten. – Bst, Leach, habt Ihr nicht etwas gehört?«

»O ja – einen Ton, ganz anders als man ihn gemeiniglich vom Lande her im Winde zu vernehmen pflegt. Wahrscheinlich rührt er von einem wilden Thiere her, denn Afrika ist voll davon.«

»Ich glaube, wir könnten's von dieser Veste aus wohl mit einem Löwen aufnehmen. Wenn der Kerl nicht das Gerüste auffindet, kann er uns kaum entern, und wenn wir ein paar Planken davon abwerfen, so haben wir mit einemmale eine Zugbrücke. Schaut dorthin, – wenn ich nicht etwas am Ufer sich regen sehe, sind meine Augen ein paar Juwelenblöcke.«

Mr. Leach, der in die angedeutete Richtung blickte, glaubte gleichfalls am Rande des Ufers einen sich bewegenden Gegenstand zu bemerken. Die Spitze, auf welcher das Wrack sich befand, lag nicht weit von dem Gestade ab, und die Spiere des fliegenden Klüvers, welche noch stand, sprang gegen die Ansteigung, wo sich die Küste bis zur Höhe der Wüstenebene hob, so sehr vor, daß das Holzwerk von dem Gebüsch, welches die letztere säumte, nur durch einen Raum von etwa zehn Fuß getrennt war. Die Spiere hatte sich zwar, weil sie der Unterstützung des Stagen entbehrte, ein wenig geneigt; aber ihr Ende ragte noch immer zureichend in die Höhe, um sich über das Laub zu erheben und Jeden, der auf ihr saß, die Ebene überblicken zu lassen, so gut es eben im Sternenlicht angehen wollte. In der Meinung, daß sich's hier um einen wichtigen Dienst handle, ertheilte Kapitän Truck zuerst seinem Maten die geeignete Weisung, wie er im Nothfalle unter den Leuten Lärm machen sollte, ging dann vorsichtig auf dem Bugspriet hinaus und bediente sich nun der Fußtaue, um an das äußere Ende der Spiere zu gelangen. Da dieß mit der Festigkeit eines Seemanns und zu Verhinderung aller Entdeckung mit der größten Vorsicht geschah, so lag er bald auf dem Gebälk ausgestreckt, den Körper mit den Beinen unten im Gleichgewicht erhaltend und aufmerksame Blicke umherwerfend, obgleich ihn die Finsterniß hinderte, fernere Gegenstände überhaupt, oder näher gelegene nur mit einiger Deutlichkeit zu unterscheiden.

Nachdem Kapitän Truck eine Minute so da gelegen, entdeckte er in einer Entfernung von etwa hundert Schritten hinter dem Gebüsche auf der Ebene einen Gegenstand, der sich augenscheinlich bewegte. Dies spornte seine Wachsamkeit im höchsten Grade, denn wenn er auch nicht selbst die Merkzeichen gesehen hätte, daß die Beduinen oder Mauren schon auf dem Wrack gewesen waren, so wußte er doch, daß sie beständig in Haufen um die Küste her lungerten, namentlich wenn ihnen ein schwerer Sturm aus dem Westen Beute in Aussicht stellte. Da mit Ausnahme der Maten alle seine Leute schliefen und die Boote kaum noch von ihm selbst, der doch ihre Lage kannte, unterschieden werden konnten, so gab er der Hoffnung Raum, daß die Anwesenheit seiner Partie von etwa in der Nähe herumstreifenden Barbaren nicht wohl habe entdeckt werden können. Allerdings mußte die Veränderung, welche das Wrack durch die Entfernung der Spieren in seinem Aussehen erlitten hatte, jedem auffallen, der es zuvor gesehen hatte; aber dieser Wechsel konnte ja auch durch einen andern Haufen Freibeuter veranlaßt worden seyn, wenn nicht etwa diejenigen, welche jetzt herunterkamen, – falls es überhaupt Eingeborene waren – das Schiff zum erstenmale zu Gesicht bekamen.

Der Leser kann sich leicht denken, daß es dem würdigen Meister durchaus nicht wohl zu Muthe war, als ihm dieser Gedanke rasch durch den Sinn ging. Dennoch blieb er ruhig, und da er entschlossen war, sich selbst gegen eine Armee den Rückzug zu erkämpfen, so klammerte er sich mit einer Gewalt an die Spiere an, die einem Tiger Ehre gemacht haben würde. Der Gegenstand auf der Ebene bewegte sich abermals, und da jetzt jenseits die Wolken auseinander wichen, so konnte er deutlich den Kopf und den Hals eines Dromedars unterscheiden. Es war jedoch nur ein einziges Thier und auch die schärfste Untersuchung ließ keine Spur von einem menschlichen Wesen entdecken. Nachdem er etwa eine Viertelstunde auf der Spiere gelegen und diese ganze Zeit über keinen anderen Ton gehört hatte, als das Seufzen des Nachtwindes und das dumpfe, stätige Plätschern der Brandung, stieg er wieder auf das Deck hinunter, wo sein Mate in angelegentlichster Spannung erwartete, welchen Bericht der Kapitän zu ertheilen haben werde. Letzterer wußte die Bedeutung dessen, was er entdeckt hatte, vollkommen zu würdigen; da er aber ein besonnener Mann war, so mochte er die Gefahr nicht aus eigenem Antriebe noch vergrößern.

»Die Mauren sind an der Küste drunten,« sagte er in gedämpftem Tone; »aber ich glaube nicht, daß ihrer mehr als zwei oder höchstens drei seyn können – wahrscheinlich Spione oder Kundschafter. Wären wir im Stande, uns ihrer zu bemächtigen, so könnten wir ihren Kameraden einige Stunden Vorsprung abgewinnen, und mehr brauchen wir nicht. Das Salz und die übrige Oberlast des alten Dänen soll ihnen dann von Herzen gegönnt seyn. Leach, seyd Ihr der Mann dazu, um mir in dieser Angelegenheit beizustehen?«

»Habe ich Euch je im Stich gelassen, Kapitän Truck, daß Ihr diese Frage stellt?«

»Nein, nein, mein wackerer Bursche. Gebt mir Eure ehrliche Hand und laßt diesen Druck da ein Angelöbniß seyn auf Leben und Tod.«

Der Mate erwiederte den ehernen Druck seines Befehlshabers und Jeder wußte jetzt, daß er eine Zusicherung erhalten hatte, auf die er sich verlassen konnte.

»Soll ich die Leute wecken, Sir?« fragte Mr. Leach.

»Bei Leibe nicht. Jede Stunde, welche die Matrosen jetzt dem Schlafe weihen können, ist so viel werth, wie ein unterer Mast. Diese noch stehenden Stangen müssen unser Grundgerüst abgeben, und auch nur eine derselben ist uns eben jetzt von größerer Wichtigkeit, als zu einer andern Zeit eine ganze Flotte von Schiffen. Nehmt Eure Waffen und folgt mir; zuerst aber wollen wir dem zweiten Maten kund thun, was wir im Sinne haben.«

Dieser Offizier schlief auf dem Decke, denn er war durch die Anstrengungen des Nachmittags so erschöpft, daß ihm ein wenig Ruhe zur größten Wohlthat wurde. Kapitän Truck hatte ihn nach den Booten schicken wollen, ließ ihn aber, weil er seine große Schläfrigkeit bemerkte, an der Stelle, wo er lag, seinen Schlummer thun. Auch der Ausluger war eingenickt; jetzt aber wurden beide geweckt und mit dem Zustande der Dinge am Lande bekannt gemacht.

»Haltet eure Augen offen, aber bewahrt ein Todtenschweigen,« schloß Kapitän Truck; »denn ich wünsche diese Kundschafter zu täuschen und sie über unsere Gegenwart in Unwissenheit zu lassen. Sobald ich übrigens ›Alarm!‹ rufe, bietet ihr alle Matrosen auf und säubert den Raum für ein Treffen; aber nicht früher. Gott behüte Euch, meine Jungen, und vergeßt ja nicht, die Augen offen zu halten. Leach, ich bin bereit.«

Der Kapitän stieg nun vorsichtig mit seinem Begleiter auf den Sand herunter, schlich an dem Stern des Schiffes vorbei, und nun schlugen sie den Weg nach der Jolle ein, welche an den Klippen bereit lag, die beiden Offiziere nach der Lansche zu führen. Hier fanden sie die beiden Matrosen, welchen die Bewachung des Bootes anvertraut worden war, in so tiefem Schlaf, daß man sie leicht ohne allen Lärm hätte binden können. Nach einigem Zögern beschloß Kapitän Truck, sie ihre Sorgen wegträumen zu lassen und sich mit seinem Maten nach der Stelle zu begeben, wo das Ufer anstieg.

Hier mußten sie die größte Vorsicht anwenden, denn sie traten jetzt buchstäblich in Feindesland. Die kurze Ansteigung war so steil, daß sie fast auf Händen und Füßen weiter klettern mußten; indeß legten sie diesen Theil ihres Kundschafterzugs ohne viel Gefahr zurück, und die Abenteurer standen bald, von einigen Büschen geschützt, auf der Ebene.

»Dort ist das Kameel,« flüsterte der Kapitän. »Ihr seht seinen gekrümmten Hals und den Kopf, den es von Zeit zu Zeit in die Höhe reckt. Das Thier befindet sich keine fünfzig Schritte von der Leiche des armen Deutschen. Wir wollen uns jetzt längs dieser Gebüschlinie hinziehen und scharf nach dem Reiter auslugen.«

Sie schlichen sich in der angedeuteten Weise vorwärts, bis sie zu einem Punkt kamen, wo das Gebüsch aufhörte und das Ufer ganz in der Nähe des Wracks durch eine Oeffnung überblickt werden konnte.

»Seht Ihr die Boote, Leach – dort herum, in gleicher Linie mit den Steuerbord-Penterbalken des Dänen? Sie sehen aus wie schwarze Flecken auf dem Wasser, und einem unwissenden Beduinen könnte man es nicht übel nehmen, wenn er sie für Felsen hielte.«

»Nur mit dem Unterschied, daß sie auf den Rollwogen sich heben und fallen. Wahrhaftig, wer einen solchen Bock schießen könnte, müßte doppelt ein Türke seyn.«

»Die Wanderer in der Wüste nehmen's nicht so genau. Freilich, das Wrack hat seit gestern ziemliche Veränderungen erlitten, und es sollte mich nicht Wunder nehmen, wenn sogar ein Muselmann dies ausfände; aber –«

Ein Griff von Mr. Leach's Fingern, die sich fast in's Fleisch seines Kapitäns einkrallten, und eine Hand, welche nach dem Gebüsche auf der anderen Seite der Oeffnung hindeutete, brachten plötzlich Mr. Truck's Flüstern zum Schweigen. Eine menschliche Gestalt stand, unmittelbar dem Klüverbaum gegenüber, am Saume des Ufers. Sie war in eine Art Mantel gehüllt und die lange Muskete, die sie im Arme trug, ließ sich nur durch eine leichte Abweichung in dem allgemeinen Umrisse unterscheiden. Der Maure – denn er konnte nichts Anderes seyn – blickte augenscheinlich nach dem Wracke hin, wagte sich dann dreister hinaus und trat auf die Stelle, die frei von Gebüsch war. Die Todtenstille am Gestade täuschte ihn; er näherte sich mit weniger Vorsicht dem Punkte, wo die beiden Offiziere im Hinterhalte lagen, und hielt dabei fortwährend den Blick auf das Schiff geheftet. Einige Schritte brachten ihn in Kapitän Truck's Bereich. Dieser holte nun mit seinem Arm gut aus, ließ seine Faust vorwärts fliegen und versetzte dem unvorsichtigen Barbaren einen schweren Schlag zwischen die Augen. Der Araber stürzte wie ein geschlachteter Ochse zusammen, und noch ehe er wieder recht zur Besinnung kam, war er an Händen und Füßen gebunden, sodann ohne Umstände nach dem Ufer hinuntergerollt worden, während seine Feuerwaffen als Beute in den Händen der Sieger blieben.

»Der Bursche steckt in einer Categorie,« flüsterte der Kapitän; »aber wir müssen jetzt nachsehen, ob nicht etwa noch ein Anderer in der Nähe ist.«

Ein langes sorgfältiges Nachforschen blieb ohne Erfolg, weshalb jetzt beschlossen wurde, das Kameel den Weg hinunterzuführen, um zu verhindern, daß es am andern Morgen von irgend einem Umherstreicher gesehen würde.

»Wenn wir die Untermasten bei Zeiten herauskriegen,« fuhr der Kapitän fort, »so werden diese Landpiraten keine Warten in Sicht haben, nach denen sie steuern können, und in einem Lande, in welchem ein Sandkorn so ziemlich aussieht, wie das andere, können sie wohl eine Woche lang jagen, ehe es ihnen gelingt, das rechte Land zu finden.«

Sie näherten sich dem Kameel mit weniger Vorsicht, als gewöhnlich, denn der Erfolg ihres Unternehmens hatte sie aufgeregt und ihrer Behutsamkeit Eintrag gethan. Mit einem Worte, sie glaubten, ihr Gefangener sey entweder ein einsamer Wanderer oder von einem Haufen, der vielleicht am nächsten Morgen eintreffen wollte, als Kundschafter vorausgeschickt worden.

»Wir müssen vor der Sonne auf und an der Arbeit seyn, Mr. Leach,« sagte der Kapitän mit klarer aber doch gedämpfter Stimme, als sie sich dem Kameel näherten.

Das Thier stieß den Kopf in die Höhe, worauf es die Luft einzuschnüffeln schien und einen Schrei ausstieß. Jetzt sprang im Nu ein Araber vom Sande auf, wo er geschlafen hatte, und schwang sich auf den Rücken des Kameels. Man sah noch, wie er zurückschaute, und noch ehe die verduzten Matrosen Zeit fanden, über ihre weiteren Schritte einen Beschluß zu fassen, war das zur Eile angetriebene Thier in der Dunkelheit bereits außer Sicht. Kapitän Truck hatte seine Vogelflinte angelegt, ohne jedoch Feuer zu geben.

»Wir haben kein Recht, den Kerl todt zu schießen,« sagte er, »und unsere Hoffnung beruht nun ganz auf der Weite des Wegs, den er zurückzulegen hat, um sich seinen Kameraden anzuschließen. Wenn unser Gefangener, wie ich vermuthe, ein Häuptling ist, so können wir ihn als Geisel betrachten und vielleicht eben so viel Nutzen aus ihm ziehen, als er aus einem seiner Kameele. Verlaßt Euch darauf, wir werden vor ein paar Stunden nichts mehr von ihnen sehen; wir können daher die Gelegenheit benützen, ein Bischen zu schlafen. Der Mensch muß auch seine [Freiwache] haben, oder er wird so dumm und unfügsam wie ein Marsstriegel.«

Nachdem der Kapitän einmal diesen Entschluß gefaßt hatte, säumte er auch nicht, ihn in Ausführung zu bringen. Sie kehrten nach dem Ufer zurück, machten daselbst die Füße ihres Gefangenen, den sie wie einen Holzblock auf dem Sande liegen fanden, frei und nöthigten ihn, vermittelst des Gerüstes nach dem Deck des Schiffes hinaufzusteigen. Auf dem Wege nach der Kajüte musterte Mr. Truck, der mit einem Lichte voranging, seinen Gefangenen von allen Seiten und machte Bemerkungen über ihn, als wäre der Maure irgend ein wildes Thier aus der Wüste gewesen.

Der Eingeborene war ein dunkelfarbiger, sehniger Mann von etwa vierzig Jahren und in hohem Grade mager – überhaupt bot seine ganze Gestalt das Bild eines Geschöpfs, das, wie man glauben sollte, für die erschöpfende Bewegung eines Dromedars und für die Kost einer Wüste nicht besser hätte passen können. Außer der langen Muskete, die man ihm abgenommen hatte, führte er ein furchtbares Messer bei sich, und sein Hauptgewand bestand aus einem groben Mantel von Kameelhaar, der ihm zugleich als Mütze, Rock und Unterkleid diente. Seine wilden, schwarzen Augen funkelten, als ihm Kapitän Truck seine Lampe vor's Gesicht hielt, und man sah deutlich, daß er den Unfall, welcher ihm zugestoßen, für ein sehr ernstliches Unglück hielt. Da an einen Verkehr durch Worte nicht zu denken war, so versuchten die beiden Seeleute, sich durch eine höchst dürftige Zeichensprache verständlich zu machen, die, wie das Raisonnement mancher Leute, gerade den Gegensatz von dem erzielte, was eigentlich beabsichtigt wurde.

»Vielleicht meint der arme Teufel, wir gedenken ihn aufzuzehren, Leach,« bemerkte der Kapitän, nachdem er einige Zeit ohne Erfolg seine Pantomimengeschicklichkeit versucht hatte, »und er könnte einigen Grund zu dieser Vorstellung haben, da er niedergeschlagen wurde, wie ein Ochse, der fortan in der Küche eine Rolle spielen soll. Probiert, ob Ihr dem unglücklichen Tropf nicht wenigstens begreiflich machen könnt, daß wir keine Menschenfresser sind.«

Der Mate begann sodann ein ausdrucksvolles Geberdenspiel, welches mit zureichender Klarheit den Proceß des Abhäutens, Zerlegens, Kochens und Verspeisens an den Körper des Beduinen darstellte, um zu guter Letzt den ganzen Hergang durch ein kräftiges Zeichen der Verneinung zum Schlusse bringen zu können; da er jedoch keine passenden Stellvertreter für die kleinen einsilbigen Wörter »ja« und »nein« aufzufinden wußte, so wurde der Sinn seiner Pantomimensprache dermaßen verwirrt, daß ihn sogar der Kapitän selbst nicht zu deuten wußte.

»Zum Henker, Leach,« unterbrach er ihn, »der Mann muß wohl meinen, Ihr wollet ihm sagen, daß er nicht gut zu essen sey, weil Ihr so viele wunderliche und verkehrte Geberden macht. Ein Zeichen ist ein Nothmast für die Zunge, und jeder Seemann sollte sich Uebung darin verschaffen für den Fall, daß er an einer wilden unbekannten Küste Schiffbruch leidet. Der alte Joë Bunk hatte ein Wörterbuch darüber, und wenn's windstill Wetter war, pflegte er unter seinen Pferden oder seinem Rindvieh umherzugehen und stundenweise sich mit ihnen zu unterhalten. Er machte Figuren zu der Sprache und lehrte sie uns jungen Leuten, die sich den Zufälligkeiten der See aussetzen wollten. Na, ich will einmal meine Geschicklichkeit an diesem Beduinen versuchen, denn ich könnte nicht einschlafen, wenn der ehrliche Schwarze meinen sollte, wir gedächten ein Frühstück aus ihm zu machen.«

Der Kapitän begann sodann seine eigenen Erläuterungen in der Sprache der Natur. Auch er schilderte den Hergang des Kochens und Verzehrens an dem Gefangenen – denn er hielt diese Vorrede für unerläßlich; dann aber gab er, um sein Entsetzen vor einer solchen Handlung anzudeuten, eine sehr gute mimische Darstellung des Processes, den er oft unter seinen seekranken Passagieren mitangesehen hatte, indem er dadurch zeigen wollte, wie sehr ihm der Kanibalismus im Allgemeinen und das Verzehren des Beduinen im Besonderen zum Ekel sey. Hierüber gerieth jedoch der Gefangene in die größte Unruhe und begann als Erläuterung zu der Beredsamkeit des Kapitäns in seiner eigenen Sprache auf's Kläglichste zu winseln, so daß über die Bedeutung seines Gestöhns kein Irrthum obwalten konnte. Die Wahrheit zu gestehen, Mr. Truck war über dieses Fehlschlagen sehr ärgerlich, obschon er, wie alle Personen in gleicher Lage, die Schuld lieber allem Anderen, als sich selbst zuschrieb.

»Ich fange an, zu glauben, Mr. Leach,« sagte er, »daß dieser Kerl zu dumm ist für einen Spionen oder Kundschafter. Am Ende haben wir nichts weiter, als einen blödsinnigen Tropf gefangen, der sich von seinem Stamme verirrte, weil er nicht Verstand genug besaß, in der Wüste den Weg zu finden. Ein Mensch mit nur einem Quentchen Hirn hätte mich begreifen müssen, und doch seht Ihr aus seinen Lamentationen und seinem Gewinsel, daß er von Allem, was ich sagte, eben so wenig verstanden hat, als stünde er unter einem ganz anderen Breitengrade. Der Bursche mißkennt meinen Character ganz und gar, denn wenn ich auch wirklich je gedächte, mich selbst zum Vieh herabzuwürdigen und meine eigenen Species aufzuzehren, so könnte doch Niemand, der die menschliche Natur auch nur im mindesten kennt, auf den Gedanken kommen, daß ich mit einem Schwarzen den Anfang machen werde. Was haltet Ihr von dem Irrthum des Mannes, Mr. Leach?«

»Ich bin ganz einfach der Ansicht, Sir, daß er meint, Ihr gedenket ihn zu braten und dann so viel von seinen Rippchen zu verspeisen, daß Ihr wieder einem Mariner gleich auswerfen müßt – zwei Stunden in einem fort. Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so glaube ich, daß die meisten Leute aus Euren Zeichen die nämliche Folgerung gezogen haben würden; denn sie waren so unverkennbar kanibalisch, als nur irgend etwas der Art, was mir je zu Gesicht gekommen ist.«

»Und was zum Teufel konnte er aus den Eurigen machen, Meister Kochbuch?« rief der Kapitän mit einiger Hitze. »Glaubte er vielleicht, Ihr gedenket Euer Fleisch mit vierzehntägigem Fasten zu kasteien? Nein, nein, Sir; Ihr seyd zwar ein ganz achtbarer erster Offizier, aber mit Joë Bunks Grundsätzen der Zeichensprache ebenso wenig bekannt, als unser Zeitungsschreiber hier etwas von Wahrheit und Anstand weiß. Nur Eure fehlerhafte Art von Selbstgespräch ist's, was den armen Tropf auf einen unrechten Gang gebracht hat. Eure Idee hat so fest in ihm gewurzelt, daß er sie auch auf meine Mittheilung übertrug und sich dadurch in eine Categorie hineinbrachte, die ihm, so lang seine Angst anhält, kein Buch aus dem Kopf jagen könnte. Bei keinem ›scheuen Thiere‹ darf man mit Logik kommen, sagte der alte Joë Bunk. Hört mich an, Leach; ich habe gute Lust, diesen Spitzbuben trifftig zu schicken und sein Gewehr sammt dem Messer zum Besten der Sieger als Prise zu verurtheilen. Ich glaube, ich könnte besser schlafen, wenn ich wüßte, daß er durch die Wüste dahintrabte und der Angst überhoben wäre, morgen aufgezehrt zu werden.«

»Es nützt nichts, ihn zurückzuhalten, Sir, denn sein Kamerad, der sich auf dem Dromedar aus dem Staube gemacht hat, segelt hundert Fuß weit, während dieser einen, und wenn unter seiner Partie Lärm gemacht wird, so geht es gewiß nicht von diesem Burschen aus. Er wird unbewaffnet sein, und wenn wir ihm seinen Pulver- und Kugelbeutel nehmen, kriegen wir auch einige Munition für sein Gewehr, welches doch immerhin eine Kugel so weit werfen wird, wie die Taschenpistole der Königin Anna. Ich für meinen Theil, Sir, bin der Ansicht, es nütze nicht viel, ihn zurückzuhalten, denn ich glaube nicht, daß er uns verstehen lernen würde, selbst wenn er einen Monat hier bliebe und die ganze Zeit über in die Schule ginge.«

»Ihr habt vollkommen Recht, und so lange er unter uns ist, werden wir stets unangenehmen Mißverständnissen ausgesetzt seyn. Löst daher seine Bindsel, schickt ihn trifftig und möge ihn der Teufel holen.«

Der Mate, der mittlerweile schläfrig geworden war, entsprach der Aufforderung, und im Nu war der Beduine in Freiheit. Anfangs wußte der arme Tropf nicht, was er mit derselben machen sollte; aber ein kräftiger Wink a posteriori, durch den Fuß des Kapitän Truck angebracht, dessen Humanität von etwas roher Seenatur war – setzte ihn bald nach der Kajütentreppe hin in Bewegung. Als die beiden Offiziere das Deck erreichten, sprang ihr Gefangener schon das Gerüste hinunter, und in der nächsten Minute sahen sie die unbestimmten Umrisse seiner behenden Gestalt am Ufer hinanklettern. Sobald er die Höhe erreicht hatte, eilte er einwärts in die Wüste und verschwand vor den Blicken der Nachschauenden.

Nur Menschen, deren Gefühle durch lange Vertrautheit mit der Gefahr abgehärtet waren, konnten sich unter den Umständen, in welchen sich unsere beiden Seeleute befanden, dem Schlafe hingeben. Beide waren übrigens zu ruhig und zu sehr daran gewöhnt, sich bei einem plötzlichen Lärm wieder aufzuraffen, um die kostbaren Augenblicke in weibischen Besorgnissen zu vergeuden; denn sie wußten, daß sie am Morgen aller ihrer physischen Kraft bedürfen würden, mochten nun Feinde anlangen oder nicht. Sie musterten daher die Auslugwache, trugen derselben auf, der Ablösungsmannschaft die größte Sorgfalt zu empfehlen, und dann streckte sich Mr. Truck auf dem Lager des armen Dänenkapitäns, der jetzt ein Gefangener in der Wüste war, aus, während Mr. Leach in die Jolle stieg und nach dem Langboot hinüberruderte. Sie hatten das Haupt noch nicht fünf Minuten auf die aus dem Stegreif angefertigten Pfühle niedergelegt, als beide schon in tiefen Schlaf versunken waren.


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