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Sechstes Kapitel.

Trinculo. – Stephano!
Stephano. – Ruft mich dein anderer Mund? Erbarmen! Gnade!

Sturm.

 

Das Leben eines Paket-Steward's besteht aus unablässigem Mischen und Waschen, Fragen und Zurichten – und Alles dies in einem Raume von ungefähr zwölf Quadratfußen. Diese Würdenträger sind gewöhnlich pfiffige Mulatten, die sich dem Küchendepartement geweiht haben, und mühen sich vom Morgen bis in die Nacht hinein in ihren Kajüten ab, wo sie Gerichte zubereiten, ihre Weisungen ertheilen, die Gänge ordnen, Pfröpfe fliegen lassen und Fragen beantworten. Gleichgiltigkeit ist ein Haupterforderniß für diese Stellung, denn wehe dem armen Tropf, der sich einbildet, ein mäßiger Eifer oder guter Wille seyen allein hinreichend, ihn für ein Steward-Amt zu befähigen. Von dem Augenblicke der Ausfahrt an bis zum Ueberholen des Kabels oder dem Lüpfen der Kette, um den Anker fallen zu lassen, erhellt kein Lächeln sein Gesicht; so lang er seines Amtes wartet, kömmt kein Laut von seinen Lippen, der nicht durch den unmittelbaren Dienst geboten ist – mürrische Unterthänigkeit gegen die Oberen oder ein schnarrender Befehlshaberton gegen die Untergebenen. Sobald aber die Stunde des Trinkgelds oder der » buona manca« herannaht, wird er lieblich und lächelnd. Kaum erscheint er morgens in der Speisekammer, so hat er eine regelmäßige Reihe von Fragen zu beantworten, und er hält es damit häufig wie der pflichtmäßige Zeluco, der alle Briefe an seine Mutter an demselben Tage schrieb und nur für den Lauf der Zeit die Monatstage änderte; denn man könnte sagen, daß er, seinem gastronomischen Geiste gemäß, ein hübsches Häufchen der gedachten Antworten geschnitten und getrocknet für den gelegentlichen Gebrauch aufbewahrt hält. »Wie ist der Wind?« »Wie hält sich das Wetter?« »Wie steht der Schnabel?« – dergleichen Fragen, welche an diesen ständigen Kalender gerichtet werden, sind nur Sachen, die sich von selbst verstehen, und er ist vollkommen darauf vorbereitet, obschon man nicht selten nachher zu hören bekömmt, daß er nach bereits gegebener Antwort einen Gehülfen auf das Deck schickt, um über den wirklichen Sachbestand Erkundigung einzuziehen. Nur wenn sich die Stimme des Kapitäns aus dessen Staatsgemach vernehmen läßt, hält er sich für verpflichtet, richtige und pünktliche Antworten zu geben. So wird es übrigens von dem gesammten Schiffsvolke gehalten, das instinktartig die »Nichtswisser« herausfindet und dieselben ohne Unterschied mit einer Geringschätzung behandelt, welche ihre selbstverschuldete Unwissenheit zu verdienen scheint. Sogar der »alte Theer« in der Back hat einen natürlichen Respect vor einem Bruder Seemann, auch wenn er nur als Passagier an der Fahrt Theil nimmt, und zollt Neptun die gebührende Achtung, indem er die Fragen nach bestem Wissen beantwortet, während der Neuling stets auf eine gravitätisch vorgebrachte Zweideutigkeit, eine Aufschneiderei oder eine entschiedene Mystifikation sich gefaßt halten muß.

Schon am ersten Morgen der Ausfahrt begann der Steward des Montauk seine Neuigkeiten auszukramen; denn kaum ließ sich in der Speisekammer das Klirren der Gläser und das Geklapper der Teller vernehmen, als der Angriff von Mr. Dodge begonnen wurde, zu dessen Grundcharacterzügen ein »löblicher Wissensdurst« gehörte, der sich in Anbringung von Fragen kund gab. Dieser Gentleman hatte, wie bereits erwähnt wurde, in demselben Schiffe die Fahrt nach Europa gemacht, und zum Unglück für seine Liebhaberei war nicht nur der Steward, sondern überhaupt Alles an Bord bald über das Maß seines Fußes in's Klare gekommen, wie die Matrosen sich auszudrücken pflegten. Das Resultat seiner dermaligen Erkundigungen wird am besten aus nachfolgendem kurzem Zwiegespräch hervorgehen.

»Steward,« rief Mr. Dodge durch die Blenden seines Staatsgemachs, »wo sind wir?«

»Im britischen Kanal, Sir.«

»Das hätte ich selbst errathen können.«

»Glaub's gerne, Sir; denn Niemand versteht sich besser auf's Rathen und Vermuthen, als Mr. Dodge.«

»Aber in welchem Theile des Kanals befinden wir uns, Saunders?«

»Ungefähr in der Mitte, Sir.«

»Wie weit sind wir im Laufe der Nacht gekommen?«

»Von der Portsmouther Rhede bis hieher, Sir.«

Mr. Dodge hatte jetzt genug, und der Steward, der sich nicht erdreistet haben würde, irgend einem andern Kajütenpassagier so bestimmte Antworten zu geben, fuhr gelassen fort, seinen Pfannkuchentaig anzurühren. Der nächste Angriff wurde von demselben Gemache aus durch Sir George Templemore geübt.

»Steward, mein guter Freund, wißt Ihr vielleicht zufällig, wo wir sind?«

»Gewiß, Sir; wir haben das Land noch vor Augen.«

»Kommen wir wacker vorwärts?«

» Allerliebst, Sir,« entgegnete er, einen gezierten Nachdruck auf das erstere Wort legend und damit bekundend, daß in dem ernst aussehenden Mulatten doch ein wenig Schelmerei stecke.

»Und die Kriegsschaluppe, Steward?«

»Gleichfalls allerliebst, Sir.«

Jetzt ließ sich ein Scharren des Pantoffels in dem Staatsgemach vernehmen, und es folgte eine Stille. Dann that sich Mr. Sharps Thüre um einen oder zwei Zoll auf, und durch den Spalt gingen nachstehende Fragen hervor:

»Ist der Wind günstig, Steward?«

»Hat ganz seinen Character, Sir.«

»Wollt Ihr damit sagen, daß der Wind günstig sey?«

»Für den Montauk wohl, Sir; man lernt an ihn glauben in dieser Brise.«

»Aber geht er in der Richtung, welche wir zu nehmen wünschen?«

»Wenn der Gentleman nach Amerika zu spazieren wünscht, so wird er wahrscheinlich hinkommen, falls er sich nur ein bischen gedulden kann.«

Mr. Sharp zog die Thüre zu, und es entschwanden zehn Minuten ohne weitere Fragen. Der Steward begann sich bereits der Hoffnung hinzugeben, daß die Morgenkatechisation vorüber sey, obschon er den Wunsch vor sich hinbrummte, die Gentlemen möchten »sich austhun« und selbst nachsehen. Nun hatte aber bisher Saunders nicht mehr als die Fragesteller von der eigenthümlichen Lage des Schiffs gewußt, in welchem er so gleichgiltig über das Wo und über die Winde hinschwamm, wie die Menschen mit der Erde weiter kreisen, ohne an Parallaxen, Knoten, Ekliptik und Sonnenwenden zu denken. Da übrigens ungefähr die Zeit war, um welche sich der Kapitän vernehmen zu lassen pflegte, so schickte er einen Gehülfen auf's Deck, um auf die gewöhnlichen Fragen seines Commandeurs vorbereitet zu seyn. Ein paar Minuten waren zureichend, um ihn über den wahren Stand der Dinge au courant zu setzen. Die nächste Thüre übrigens, welche sich öffnete, war die des Mr. Blunt, welcher seinen Kopf mit wirren Locken, welche auf das eben verlassene Lager hindeuteten, in die Kajüte steckte.

»Steward!«

»Sir.«

»Wie ist der Wind?«

»Ganz aufheiternd, Sir.«

»Aber aus welcher Richtung?«

»Ungefähr aus Süden, Sir.«

»Stark?«

»Eine hübsche Brise, Sir.«

»Und die Schaluppe?«

»Liegt im Lee, Sir, und arbeitet sich so schnell wie möglich vorwärts.«

»Steward!« klang es aus einer andern Kajüte.

»Sir.«

Er trat jetzt hastig aus seiner Speisekammer, um deutlicher hören zu können.

»Unter welchen Segeln laufen wir?«

»Unter Bramsegeln, Sir.«

»Wie steht der Schnabel?«

»West-Süd-West, Sir.«

»Köstlich! Gibt's nichts Neues über die Korvette?«

»Rumpf im Lee nicht sichtbar, Sir, und auf unserer Vierung.«

»Nachholpernd, he?«

»Ganz wie ein verkappter Kerl, Sir.«

»Immer besser. Macht, daß Euer Frühstück einmal kömmt; ich bin so hungrig, wie ein Troglodyte.«

Der ehrliche Kapitän hatte dieses Wort aus einer neuen Abhandlung gegen den Agrarianismus aufgegriffen, und da er wenigstens in einem gewissen Sinne ein Freund von Orden war, so schmeichelte er sich damit, unter den Orden der Conservativen zu gehören; oder mit andern Worten, er hielt viel auf jenen Grundsatz des schottischen Freibeuters, welcher sich in unsrer guten Muttersprache durch das Sprüchlein ausdrücken läßt: »behalte, was Du hast, und nimm, was Du kriegen kannst.«

Jetzt fand in den Fragen ein Stillstand statt, und bald nachher begannen die Passagiere einer nach dem andern sich in der Kajüte einzufinden. Der erste Schritt, namentlich bei gutem Wetter, gilt fast unabänderlich dem Decke, und im Laufe einiger Minuten hatte sich fast die ganze Gesellschaft des gestrigen Abends wieder in der freien Luft versammelt – ein Hochgenuß, welchen nur diejenigen zu würdigen verstehen, welche wissen, was es um die abgesperrte Atmosphäre eines gedrängtvollen Schiffes ist. Der Bericht über den Stand des Wetters, welchen der Steward an den Kapitän abgegeben hatte, war sachgemäß gewesen, und letzterer stand jetzt in dem Tackelwerke des großen Mastes, um windwärts die Wolken und im Lee die Kriegsschaluppe zu beobachten. Aus seinem Benehmen ließ sich ersehen, daß er Vergleichungen anstellte, die wesentlich zum Nachtheil des Engländers ausfielen.

Der Tag war schön und der Montauk, welcher sein Tuch edel trug, holperte – um uns der Sprache des Stewards zu bedienen – gleichfalls unter Allem, was ziehen wollte, von den Bramsegeln abwärts, unter einem Winde weiter, der etwa zwei Striche von der Schiffsrichtung abwich. Da der Wellenschlag nicht bedeutend war, so lief das Schiff mit einer Geschwindigkeit von vollen neun Knoten, obschon sie mit der Gewalt des Windes wechselte. Der Kreuzer hatte bisher ihnen nachgesteuert; aber es begannen sich jetzt Zweifel zu erheben, ob er wirklich Jagd mache oder blos gleich dem Montauk zu einer Westfahrt bestimmt war – ein gewöhnlicher Kurs für alle Fahrzeuge, welche aus dem Kanal zu kommen wünschen, selbst wenn sie nach dem Süden zu gehen beabsichtigen, da die Klippen und Fluthen der französischen Küste in langen Nächten gar unbequeme Nachbarn sind.

»Am Ende weiß nicht einmal Jemand,« bemerkte der Kapitän laut, »ob der Kutter, welcher uns zu entern versuchte, zu dem Schiff im Lee gehört.«

»Ich kenne das Boot, Sir,« entgegnete der zweite Mate; »und das Schiff ist das Foam Schaum.

»So soll es vorwärts schäumen, wenn es uns zu sprechen wünscht. Hat Jemand von Tagesanbruch an seine Stellung beobachtet?«

»Wir haben um sechs Uhr den Compaß gestellt, Sir, und die Corvette änderte seit drei Stunden ihren Kurs nicht so weit, als man von einem Belegnagel zum andern messen kann. Aber der Rumpf hebt sich schnell. Man kann jetzt bereits die Geschützpforten unterscheiden, während um die Dämmerung der Rand ihrer großen Segel noch unter der Wasserkrümmung stand.«

»Ha, ich sehe, ein leichtgehender Foam also. Wenn dies der Fall ist, so wird dir Schaluppe gegen Abend uns eingeholt haben.«

»Wenn es so weit kommt, Kapitän, werdet Ihr ihm eine Breitseite von Vattel geben müssen,« fiel John Effingham in seiner kalten, spöttischen Weise ein.

»Wenn er nur um deswillen kommt, so soll ihm davon gegönnt seyn, soviel er führen kann. Es fängt mir an zweifelhaft zu werden, Gentlemen, ob's dieser Kerl nicht im Ernst meint. Ist dies wirklich der Fall, so werdet ihr Gelegenheit finden, mitanzusehen wie Schiffe gehandhabt werden, wenn sich Matrosen darauf tummeln. Ich lasse mir's gefallen, die Erfahrung eines armen ab- und zugehenden Burschen, wie ich bin, gegen die Geometrie und den Hamilton Moore eines jungen Kriegsschiffofficiers auf die Probe zu setzen. Na, ich wette darauf, jener Kunde dort ist ein Lord oder doch eines Lords Sämling, während der arme Jack Truck nichts Anderes vorstellen kann, als was ihr an ihm seht.«

»Glaubt Ihr nicht, eine halbstündige Nachgiebigkeit von unsrer Seite dürfte die Sache mit einemmale zu einem freundschaftlichen Schluß bringen?« bemerkte Blunt. »Wenn wir auf ihn zuliefen, könnte der Zweck seines Nachsetzens in einigen Minuten ermittelt seyn.«

»Wie – und den armen Davis sollen wir der Raubgier dieses schuftigen Attorney preisgeben?« rief Sir George Templemore mit edelmüthiger Wallung. »Lieber wollte ich alle Unkosten selbst bezahlen, nur damit wir in den gelegensten französischen Hafen einlaufen und den ehrlichen Kerl entspringen lassen könnten.«

»Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein Kreuzer versuchen wird, auf offner See einen einfachen Schuldner aus einem fremden Schiffe zu nehmen.«

»Wenn's keinen Taback in der Welt gäbe, Mr. Blunt, so wäre ich vielleicht geneigt, die Kategorien aufzugeben und dem Gentleman diese Höflichkeit zu erweisen,« entgegnete der Kapitän, der sich eben eine weitere Cigarre zurichtete. »Falls sich auch der Kreuzer nicht für ermächtigt halten sollte, einen entwichenen Schuldner aus diesem Schiffe zu nehmen, so könnte ihm doch in Betreff des Tabacks ein anderer Gedanke kommen, vorausgesetzt, daß eine Angeberei wegen Schleichhandels stattgefunden hätte.«

Kapitän Truck erklärte sich eines Weiteren dahin, daß die Untergebenen auf den Paketbooten ihre Schiffe oft in Ungelegenheit brächten, indem sie auf Gerathewohl das verbotene Kraut heimlich nach europäischen Häfen führten; der Montauk würde unter solchen Umständen seinen Platz in der Linie verlieren, und alle Pläne der Compagnie, welcher das Fahrzeug angehöre, müßten zu nichte werden. Zwar könne er nicht umhin, der englischen Regierung die Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, daß sie sich stets freisinnig geneigt gezeigt habe, nicht die Unschuldigen statt der Schuldigen zu strafen; wenn aber wirklich Angeberei stattgefunden habe, so glaube er, die Sache bei seiner Rückkehr nach England mit weit weniger Verlust abmachen zu können, als dies am Tage der Ausfahrt möglich sey. Während er diese Erläuterung abgab, hatte sich eine Gruppe um den Sprecher gesammelt, so daß Eva mit ihrer Gesellschaft allein auf der andern Seite des Deckes blieb.

»Mr. Blunts letzte Aeußerung stößt meine Ansicht über seinen National-Character, wie Vattel und unser würdiger Kapitän sagen würde, völlig um,« bemerkte Mr. Sharp. »Gestern Abend hielt ich ihn für einen ächten, loyalen Amerikaner; aber ich glaube nicht, Miß Effingham, daß einer von Euern schnellfertigen Landsleuten geneigt seyn würde, diesen Akt von Höflichkeit gegen einen Kreuzer des König William in Antrag zu bringen.«

»Wie weit ein Landsmann von mir, sey er nun schnellfertig oder nicht, Grund haben mag, einem von euern Kreuzern besondere Höflichkeit zu zeigen, muß ich der Begutachtung des Kapitän Truck überlassen,« versetzte Eva lachend. »Aber gleich Euch kann ich schon geraume Zeit nicht mit mir einig werden, ob ich Mr. Blunt für einen Engländer, für einen Amerikaner oder für keins von beiden halten soll.«

»Geraume Zeit, Miß Effingham? So hat er also die Ehre schon länger von Euch gekannt zu werden?«

Eva antwortete mit Ruhe, wenn ihr gleich das Blut nach der Stirne stieg; ob übrigens der Grund in seinem ungestümen Ausrufe oder in einer Gefühlsbeziehung zu dem Gegenstand ihrer Unterhaltung lag, wußte sich der junge Mann nicht zu enträthseln.

»Geraume Zeit, wie Mädchen von zwanzig Jahren zu zählen pflegen – vielleicht vier oder fünf Jahre. Uebrigens mögt Ihr selbst urtheilen, wie gut ich ihn kenne, wenn ich Euch sage, daß ich nicht einmal weiß, welchem Lande er angehört.«

»Und darf ich mir die Frage erlauben, welche Ehre Ihr ihm zugedacht habt – die des amerikanischen oder die des englischen Vaterlandes?«

Evas klare Augen lachten, als sie antwortete:

»Ihr habt die Frage auf eine so feine Weise und mit so wohl angebrachter Höflichkeit gestellt, daß es sehr unartig von mir wäre, wenn ich Euch die Antwort verweigern wollte. Nein, unterbrecht mich nicht und verderbt nicht wieder, was Ihr durch unnöthige Aufrichtigkeitsbetheurungen gut machen wolltet.«

»Ich möchte Euch wohl um eine Erklärung bitten, was Ihr unter der feinen Weise versteht, deren ich mir eben so unbewußt bin, als überhaupt eines Wunsches, mir Euer Mißfallen zuzuziehen.«

»Ihr haltet es also wirklich für eine Ehre, dem amerikanischen Vaterlande anzugehören?«

»Niemand von weniger Bescheidenheit, als Ihr besitzt, Miß Effingham, könnte sich's unter was immer für Umständen träumen lassen, eine derartige Frage zu stellen.«

»Ich danke Euch für die Höflichkeit, die ich vermuthlich annehmen muß, wie sie geboten wurde – ganz als eine Sache en regle; aber abgesehen von unserer gegenseitigen guten Meinung sowohl, als von unseren Vorurtheilen –«

»Ihr werdet mich entschuldigen, wenn ich dagegen Einsprache thue, denn ich fühle, daß mein Verstand dabei betheiligt ist. Ihr könnt mir kaum so ganz unvernünftige, eines gebildeten Mannes unwürdige – mit einem Worte so grundlose Meinungen zutrauen! Unterziehe ich mich nicht allen Gefahren und Beschwerlichkeiten einer langen Seefahrt ausdrücklich in der Absicht, Euer großes Vaterland zu besuchen und, wie ich hoffe, von seinem Beispiel und seiner Gesellschaft zu lernen?«

»Da Ihr dieß zu wünschen scheint, Mr. Sharp« – und Eva blickte ihn neckisch an, als sie den Namen aussprach – »so will ich so gläubig seyn, wie diejenigen, welche an den thierischen Magnetismus glauben, und ich dächte, dies hieße denn doch die Leichtgläubigkeit bis an die äußerste Grenze der Vernunft vorrücken. Es ist jetzt zwischen uns ausgemacht, daß Ihr es für eine Ehre haltet, durch Geburt, Erziehung und Herkunft ein Amerikaner zu seyn.«

»Und dies läßt sich insgesammt bei Miß Effingham finden.«

»Mit Ausnahme des zweiten Punktes. Man schreibt mir in der That schreckliche Dinge über meine europäische Erziehung, und Einige gehen sogar weit genug, mir die Versicherung zu geben, ich werde durchaus nicht in die Gesellschaft taugen, zu welcher ich eigentlich gehöre.«

»In diesem Falle wird sich Europa freuen, Euch wieder zurückzunehmen – aber kein Europäer mehr, als ich selbst.«

Das schöne Roth vertiefte sich ein wenig auf Eva's Wange, aber sie zögerte eine Weile mit der Antwort.

»Um auf unsern Gegenstand wieder zurückzukommen,« sagte sie endlich; »wenn ich darüber befragt würde, so wäre ich wahrhaftig nicht im Stande, über Mr. Blunts Vaterland eine Entscheidung abzugeben; auch traf ich nie mit Jemand zusammen, der ihn zu kennen schien. Ich sah ihn zum erstenmal in Deutschland, wo er sich in der besten Gesellschaft bewegte; aber auch hier war Niemand mit seiner Geschichte bekannt. Er machte Figur und benahm sich mit der größten Unbefangenheit; auch redet er mehrere Sprachen fast so gut, wie die Eingeborenen der betreffenden Länder und war überhaupt ein Gegenstand der Neugierde für alle diejenigen, welche Muße hatten, auch noch an etwas Anderes, als an ihre Zerstreuungen und Thorheiten zu denken.«

Mr. Sharp hörte mit sichtlicher Angelegentlichkeit der schönen Sprecherin zu, die in seinen Augen wohl das lebhafte Interesse, welches er an ihrer Schilderung nahm, entdeckt haben müßte, wenn sie die ihrigen nicht zu Boden geschlagen hätte. Vielleicht übte das Gefühl, welches alledem zu Grunde lag, gewissermaßen einen Einfluß auf seine Antwort.

»Also in jedem Betracht ein bewunderungswürdiger Crichton.«

»Das will ich eben nicht behaupten, obschon soviel gewiß ist, daß er große Sprachenkunde besitzt. Mein eigenes, unstetes Leben hat mich mit einigen Zungen bekannt gemacht, und ich versichere Euch, dieser Gentleman spricht drei oder vier mit fast gleicher Fertigkeit und ohne merklichen Fremdenaccent. Ich erinnere mich, daß ihn zu Wien Viele sogar für einen Deutschen hielten.«

»Wie – mit dem Namen Blunt?«

Eva lächelte, und ihre Heiterkeit entging dem jungen Gentleman nicht, der stumm jeden Ausdruck ihrer wechselnden Züge beobachtete, als wolle er ihre Gedanken lesen.

»Namen bedeuten nichts in diesen wanderlustigen Zeiten,« entgegnete die junge Dame. »Ihr dürft Euch nur ein von hinzudenken, und dann geht er in Dresden oder Berlin. Von Blunt – der hochgeborene Graf von Blunt, Hofrath; oder wenn Ihr lieber wollt – Geheimer Rath mit Excellenz und Euren Gnaden

»Oder Bau- Berg- und Weg-Inspektors-Substitut!« fügte Mr. Sharp lachend bei. »Nein, nein, das geht kaum. Blunt ist zwar ein guter altenglischer Name, hat aber doch nicht Feinheit genug für einen Italiener, Deutschen, Spanier oder überhaupt für Jemand anders, als für John Bull und seine Familie.«

»Ich für meinen Theil sehe nicht ein, warum es nöthig wäre, alles dies so stumpf aufzufassen. Vielleicht hielt der Gentleman die derbe Freimüthigkeit, die der Name gleichfalls bezeichnet, für eine gute Reiseeigenschaft.«

»Sicherlich kann er seinen wahren Namen nicht verborgen haben.«

»Mr. Sharp, Mr. Blunt; Mr. Blunt, Mr. Sharp,« entgegnete Eva lachend, bis ihre klaren Augen vor Lust zu tanzen schienen. »Es wäre freilich etwas lächerlich, wenn so viel Höflichkeit von Seiten unsres Ceremonienmeisters einer so argen Mystification unterworfen worden wäre. Ich habe sagen hören, dergleichen flüchtige Vorstellungen seyen unter euch Männern von geringem Belang, und dies könnte wohl hier der Fall seyn.«

»Ich wollte, ich dürfte fragen, ob es wirklich so ist.«

»Würde ich [mir] einem Andern gegenüber eine solche Rücksichtslosigkeit zu Schulden kommen lassen, so müßtet Ihr nothwendig für Euch selbst auch mißtrauisch werden. Außerdem bin ich als Protestantin eine abgesagte Gegnerin der Ohrenbeichte.«

»Ihr werdet nicht zürnen, wenn ich frage, ob sich der Rest Eurer Gesellschaft seiner gleichfalls erinnert.«

»Mein Vater, Mademoiselle Viefville und wieder die vortreffliche Nanny Sidley; bei der übrigen Dienerschaft wird es schwerlich der Fall seyn, da er uns nie besuchte. Mr. John Effingham reiste damals in Aegypten und bekam ihn gar nicht zu Gesicht; auch trafen wir nur in Gesellschaft mit ihm zusammen. Der Umstand, daß ihn Nanny kennt, rührt einfach daher, daß sie ihn im Prater sein Pferd anhalten sah, weil er sich über den schönen Morgen mit uns unterhalten wollte.«

»Der arme Mann – wie beklage ich ihn! Wenigstens ist er nie so glücklich gewesen, in Eurer Gesellschaft die Inseln des Comersees und des Lago maggiore zu durchstreifen, oder die Wunder des Pitti und des Vatikan zu studiren.«

»Wenn ich denn doch einmal Alles bekennen muß, so will ich Euch nur sagen, daß er einen ganzen Monat zu Fuß und in Booten mit uns unter den Wundern des Berner Oberlandes umher und über den Wallenstädter See reiste. Dies fiel in eine Zeit, als wir Niemand bei uns hatten, als die gewöhnlichen Führer und den deutschen Bedienten, den wir in London entließen.«

»Wäre es nicht unschicklich, sich hinter Dienstboten zu stecken, so würde ich augenblicklich auf die andere Seite des Deckes hinübergehen und Eure gute Nanny ausfragen,« entgegnete Mr. Sharp mit neckischem Drohen. »Von allen Qualen ist die der Ungewißheit am peinlichsten zu ertragen.«

»Ich ertheile Euch volle Erlaubniß und spreche Euch frei von allen Sünden – dergleichen da sind, Achtungsmangel, Gemeinheit, Unverschämtheit, ungentlemanisches Benehmen oder was immer für ein Laster, mit welchem man ein derartiges Benehmen bezeichnen könnte.«

»Diese furchtbare Liste von Eigenschaften könnte sogar die Neugierde der schlimmsten Stadtfraubase im Zaume halten.«

»Wenn dies der Fall wäre, so hätte sie eine Wirkung geübt, die ich nicht beabsichtigte. Ich wünsche, daß Ihr Eure Drohung in Ausführung bringt.«

»Doch wahrhaftig nicht im Ernste?«

»In baarem Ernst. Benützt eine günstige Gelegenheit, um die gute Seele als eine alte Bekannte anzureden; sie erinnert sich Eurer wohl, und bei Eurer Fragefertigkeit wird sich leicht ein günstiger Anlaß ergeben, um den andern Gegenstand zur Sprache zu bringen. Inzwischen will ich die Blätter dieses Buches überblicken.«

Aus dem Umstande, daß Eva zu lesen begann, bemerkte Mr. Sharp wohl, daß sie Ernst machte. Er zögerte einen Augenblick, zweifelnd, ob die Handlung auch schicklich sey, fügte sich dann ihrem deutlich ausgesprochenen Verlangen und schlenderte nachläßig zu der treuen alten Dienerin hinüber. Zuerst suchte er, sich mit gleichgültigen Dingen Bahn zu brechen, bis er weiter gehen zu können glaubte, und nun bemerkte er lächelnd, er glaube sie schon in Italien gesehen zu haben. Es folgte darauf eine ruhige Bejahung, und als er hinzufügte, daß er ihre Bekanntschaft unter einem anderen Namen gemacht habe, lächelte Nanny und deutete nur durch einen raschen Aufblick ihres Auges an, daß sie sich dessen erinnere.

»Ihr wißt, daß Reisende hin und wieder andere Namen annehmen, um der Neugierde auszuweichen,« fuhr er fort. »Ich hoffe, Ihr werdet mich nicht verrathen.«

»Seyd ohne Sorge, Sir; ich befasse mich mit nicht viel, was außer den Bereich meiner Obliegenheiten gehört, und so lange Miß Eva zu glauben scheint, daß nichts Arges darin liege, erdreiste ich mich nicht, zu sagen, daß sich's dabei um etwas Anderes, als um die Laune eines Gentlemans handle.«

»Dies ist dasselbe Wort, welches ich sie darauf anwenden hörte. Ihr habt den Ausdruck von Miß Effingham aufgefangen.«

»Und wenn auch, Sir, so rührt er von einer Person her, die Niemand Uebles wünscht.«

»Ich glaube, wenn man der Sache auf den Grund geht, bin ich nicht der Einzige an Bord, der unter einem falschen Namen reist.«

Nanny blickte zuerst auf das Deck, dann in das Gesicht des Fragers und ließ endlich ihr Auge gegen Mr. Blunt hingleiten, schlug es aber augenblicklich wieder nieder, als habe sie sich eine Unbesonnenheit zu Schulden kommen lassen, und sah zuletzt nach den Segeln hinauf. Ihre Verlegenheit bemerkend und ihre Rücksichtsfülle achtend, zugleich aber beschämt über den unternommenen Schritt, sagte ihr Mr. Sharp einige Höflichkeiten, wie sie für ihre Stellung paßten, schlenderte, um Argwohn zu vermeiden, eine Weile auf dem Deck hin und her und befand sich bald wieder an Eva's Seite. Letztere empfing ihn mit einem fragenden Blicke, in dem sich vielleicht einige Schadenfreude über den muthmaßlich mißlungenen Versuch aussprach.

»Ich habe einen Fehlgang gemacht,« sagte er, »den ich übrigens vielleicht einigermaßen meiner eigenen linkischen Schüchternheit zuschreiben muß. Es liegt etwas so Herabwürdigendes in dem Ausforschen von Dienstboten, daß ich mir nicht das Herz fassen konnte, meine Fragen zu verfolgen, obschon mich die Neugierde fast verzehrte.«

»Diese Befangenheit ist eine Krankheit, mit der nicht Alle an Bord behaftet sind, denn es gibt, so viel ich schon zu erfahren Gelegenheit fand, wenigstens einen Großinquisitor unter uns. Nehmt daher Eure Sünden in Acht und verbergt namentlich sorgfältig alle alten Briefe und andern Merkzeichen, welche so oft den Betrug bloß stellen.«

»Dafür ist, glaube ich, bereits hinreichend Sorge getragen durch jenen zweiten Dromio, meinen Bedienten.«

»Und in welcher Weise habt ihr den Namen unter euch getheilt? Ist es der Dromio von Syrakus, der Dromio von Ephesus, oder nennt sich John vielleicht gar Fitz-Edward, Mortimer oder De Courcy

»Er ist, glaube ich, so gefällig, die Fahrt blos unter seinem Taufnahmen mitzumachen. In der That ist es nur eine reine Folge des Zufalls, daß ich in dieser Weise zum Usurpator wurde. Er miethete das Staatsgemach für mich, und da man ihn um den Namen befragte, so gab er, wie gewöhnlich, seinen eigenen an. Als ich mich nach den Docks begab, um von dem Schiffe Einsicht zu nehmen, wurde ich als Mr. Sharp begrüßt, und dies brachte mich auf den Gedanken, den Versuch zu machen, wie mir der Name für einen Monat oder sechs Wochen passen würde. Ich gäbe eine Welt darum, wenn ich ausfindig machen könnte, ob der Geheime Rath auf eine eben so ehrliche Weise zu seiner Reisebezeichnung gekommen ist.«

»Ich glaube nicht, denn sein Bedienter geht unter dem beißenden Titel Pepper. Pfeffer. Ihr seyd übrigens ziemlich sicher, wenn sich nicht etwa im Laufe der Fahrt für den armen John Gelegenheit ergeben sollte, zwei Namen zu brauchen. Und dennoch glaube ich,« fuhr Eva fort, indem sie sich auf die Lippen biß, als sinne sie über etwas nach, »wenn es noch zum guten Ton gehörte, zu wetten, so würde Mr. John Effingham alle die französischen Handschuhe, welche er in seinen Koffern hat, gegen Eure englischen Siebensachen setzen, daß der eben erwähnte Inquisitor hinter Euer Geheimniß kömmt, noch ehe wir Land anthun. Vielleicht sollte ich lieber sagen, er wird die Entdeckung machen, daß Ihr nicht Mr. Sharp seyd, dagegen Mr. Blunt ist, was er zu seyn vorgibt.« Dies eine Anspielung auf die Bedeutung der Namen »Scharf« und »Stumpf.«

Der junge Mann bat sie, ihm die Person anzudeuten, welcher sie das erwähnte Sobriquet gegeben hatte.

»Ihr dürft mir nicht Schuld geben, daß ich Jemanden Ekelnamen anhänge, denn der Mann verdankt seinen Titel der Mademoiselle Viefville und seinen eigenen Heldenthaten. Ich meine einen gewissen Mr. Steadfast Dodge, der, wie es scheint, uns einigermaßen kennt, weil er aus derselben County stammt, und er ist der Mann dazu, um, wenn er einmal ein wenig weiß, auf eine große Erweiterung seines Wissens erpicht zu seyn.«

»Ein natürliches Resultat des Ringens nach nützlicher Erkenntniß.«

»Mr. John Effingham, der so gerne seinen Spott über alle Länder ausgießt, das seiner Geburt mit eingeschlossen, behauptet, dieser Gentleman sei nur ein Probe-Exemplar vieler Andern, die wir in Amerika zu treffen so glücklich seyn werden. Wenn dies der Fall ist, werden wir nicht lange fremd bleiben, denn wie ich von Mademoiselle Viefville und meiner guten Nanny höre, hat er ihnen bereits tausend interessante Einzelnheiten von seiner eigenen werthen Person mitgetheilt, ohne zum schuldigen Dank weiter zu verlangen, als daß alle seine Fragen über uns der Wahrheit gemäß beantwortet würden.«

»Dies ist allerdings eine beunruhigende Kunde, und ich werde mich demgemäß in Acht zu nehmen wissen.«

»Wenn er entdeckt, daß John ohne Zunamen reist, so bin ich nicht überzeugt, ob er nicht auf den Gedanken kommen wird, ihn irgend eines Capital-Verbrechens zu zeihen; denn Mr. John Effingham behauptet, dieser ganzen Klasse klebe der Hang an, das Schlimmste zu muthmaßen, sobald ihre Einbildungskraft nicht mehr mit Thatsachen gespeist wird. Alles, was man von diesen Leuten hört, sey falsch – entweder Schmeichelei oder Verleumdung.«

Jetzt kam Mr. Blunt heran, und in dem Gespräche fand ein Stillstand statt; denn Eva schien nicht geneigt, ihn an diesen kleinen Vertraulichkeiten Theil nehmen zu lassen – ein Umstand, den ihr bisheriger Gesellschafter nicht ohne Vergnügen bemerkte. Die Unterhaltung wurde nun allgemeiner, und Mr. Blunt, der sich ihnen angeschlossen hatte, erfreute sie mit einem Bericht über mehrere Vorschläge, die Mr. Dodge bereits gemacht hatte und die, wie er sich ausdrückte, den edlen Gemeingeist des Amerikaners bekundeten. Der erste Antrag zielte darauf hin, eine Abstimmung vornehmen zu lassen, damit man wisse, ob Mr. Van Buren oder Mr. Harrison bei den Reisenden am meisten beliebt sey; und da dieser Vorschlag durchfiel, weil so Viele an Bord erklärten, daß ihnen die genannten Personen völlig unbekannt seyen, so meinte er, es dürfte zweckmäßig seyn, eine Gesellschaft zu bilden, welche täglich die genaue Stellung des Schiffes ermitteln sollte. Kapitän Truck hatte jedoch auf letzteren Antrag kalt Wasser gegossen, indem er trocken bemerkte, eine der Obliegenheiten besagter Gesellschaft müsse in der Erforschung bestehen, ob es auch ausführbar sey, das atlantische Weltmeer zu durchwaten.


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