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Zehntes Kapitel

Die Würkung des Kreuzmachens

Die Nacht war allbereits eingetreten, als ich nach Marlow kam, ich blieb also daselbst, überlegte, was ich nun beginnen wollte, und entschloß mich endlich, nach Bevern zu reisen, wo mein Bruder Hofgärtner geworden war. Den andern Tag schrieb ich noch einen Brief nach W –, und da ich mich durch mein Almosen vom Gelde entblößt hatte, so verkaufte ich meine Uhr, um mich mit diesem überall und besonders auf Reisen so nötigen Bedürfnis zu versehen; worauf ich meinen Weg über Rostock, Wismar, Lübeck, Hamburg, Celle, Hannover und Hameln nach Bevern nahm.

Hier traf ich meinen Bruder, der sich unterdessen mit Mademoiselle Müller, Garderobenjungfer der verstorbenen Prinzessin von Bevern und Äbtissin zu Steterburg, verheiratet hatte, in gutem Wohlsein an. Er empfing mich nach dieser langen Abwesenheit mit der ihm eigenen brüderlichen Zärtlichkeit, und die drei Monate, so ich bei ihm zubrachte, kann ich mit Recht unter die vergnügtesten meines Lebens rechnen; denn unter andern angesehenen Personen genoß ich die Ehre der Bekanntschaft des würdigen Herrn Pastor Oehns und des jubilierten Herrn Hofgärtners Mohr, die mir den Aufenthalt sehr angenehm machten. Während dieser Zeit sprach ich einst mit meinem Bruder von der Verlassenschaft unsers auf der Insel Ceylon verstorbenen Vaters. Er schlug mir vor, da ich noch ledig sei und nichts zu besorgen habe, eine Reise nach Holland zu tun, um zu sehen, ob nicht etwas von dem gedachten unterschlagenen Gelde gerettet werden könne. Diesen Vorschlag nahm ich sogleich an, und nachdem er mich mit hinlänglichem Reisegelde und einem Empfehlungsschreiben an den Besitzer der »Kyserkrone« in der Kelberstraat zu Amsterdam versehen hatte, trat ich meinen Weg nach gedachter Stadt an. Von Bevern ging ich über Paderborn, Bielefeld nach Münster. Da ich etwas von den durch den Johann Buckhold angestifteten Unruhen gehört hatte, so nahm ich den Käfig, worin Seine Schneider-Majestät Ihr Leben beschlossen, in Augenschein. Ehe ich aber Münster noch erreichte, begegnete mir folgender Zufall.

Ich kam auf ein Dorf, wo ich anfangs übernachten wollte; es war aber noch ziemlich helle, und da ich nie die Gewohnheit hatte, eher zu trinken, bis mich der Durst darzu einlud, und meine Natur sehr wenig zu trinken erfordert, so muß ich gestehen, daß ich an keinem andern Orte mehr Langeweile empfunden habe, und noch empfinde! als in Wirtshäusern. Ich frug daher den Wirt, wie weit ich noch auf das folgende Dorf habe, und erhielt zur Antwort: eine gute Stunde. Ich machte mich also wieder auf den Weg, es war aber schon eine geraume Zeit Nacht, als ich Licht erblickte. Ich glaubte, es wäre das Dorf, wo ich hinwollte, es war aber ein etwa hundert Schritte von der Landstraße liegendes großes Bauerngut, dessen Inhaber mir sagte, daß ich noch eine gute Stunde bis dahin hätte. Ich fragte, ob ich nicht bei ihm für Geld ein Nachtquartier und Abendessen haben könnte, weil ich sehr müde sei; worauf er mich ohne Anstand in sein Haus führte und mir beides versprach. Ich setzte mich nieder und erwartete mit vielem Appetite das Nachtmahl, welches endlich aufgetragen wurde und in einer Schüssel voll grünen Kohl und gereichertem Fleische nebst einem halben Schinken bestand. Die ganze Familie nebst dem Gesinde traten hierauf um den Tisch herum und verrichteten ihr Tischgebet mit vieler Andacht; und nachdem ich ein gleiches getan hatte, setzte ich mich wieder an meinen Ort, um die Einladung, teil daran zu nehmen, zu erwarten. Allein sie setzten sich zu Tische, fingen an zu essen, ohne mich anzusehen oder einzuladen; ich glaubte daher, daß sie mich vergessen hätten, und fing an mich ganz leise zu räuspern und, als dieses nichts helfen wollte, stark zu husten, um sie an mein Dasein und leeren Magen zu erinnern; allein sie ließen sich nicht irremachen, speisten ganz gelassen fort, ohne sich nur umzusehen. Diese Behandlung mußte mir natürlich sehr auffallen und mich auf allerlei Gedanken bringen. Denn wenn es gleich kein Unglück ist, einmal ohne Essen schlafen zu gehen, so ist es doch äußerst unangenehm, besonders wenn man auf der Reise sehr hungrig ist und die Eßlust durch Versprechung und den Anblick einer guten Mahlzeit desto mehr gereizt wird. Da ich bemerkt hatte, daß jede zu Tische sitzende Person vor und nach dem Gebete ein Kreuz vor die Brust gemacht hatte und ich dieses, da ich den Nutzen davon noch nicht wußte, unterlassen hatte, so fiel mir der Gedanke ein, ob mich nicht etwa die guten Leute deswegen strafen wollten; und ich war in dem Augenblicke recht böse über den guten Mann, der das Kreuzmachen abgeschafft hatte, weil er mich dadurch in die verdrüßliche Lage setzte, mit einem außerordentlichen Appetite schlafen zu gehen, ohne solchen stillen zu können. Ich nahm mir also vor, die Würkung des Kreuzmachens zu erproben. Sobald daher das Essen vorüber war und man sich zum Beten anschickte, so trat ich dem Tische gerade gegenüber, damit sie mich recht im Gesichte hatten, und machte mit soviel Geschicklichkeit, als ich hatte, das Kreuz, welches ich nach dem Gebete wiederholte und mich niedersetzte. Geraten hatte ich's! denn kaum hatte ich meinen Platz wieder eingenommen, als die Hausfrau auf mich zukam und fragte, ob ich etwas zu essen wünschte. Natürlicherweise bejahete ich solches und fügte hinzu, daß ich es sehr gerne bezahlen würde. Sie schwieg stille, brachte mir aber ein vortreffliches Abendbrot nebst gutem Bier und führte mich nach Tische, als ich zur Ruhe begehrte, in eine niedliche Kammer, wo ich ein schönes Bette antraf. Hier, da ich in einem guten Bette lag, worinne sich die müden Glieder so erquickten und dem Magen der westfälische Schinken so wohl behagte, welches alles ich dem Kreuzmachen zu verdanken hatte, hier stellte ich allerhand Bemerkungen an, sowohl über die, die solches von der Rechten zur Linken, wie auch über jene, die es von der Linken zur Rechten, und auch über die, so gar keins machen, und ich war recht froh über mich selbst, daß sie mir alle gleich lieb sind und daß ich in meinem Hause aus der Ursache gewiß niemanden, ohne gegessen zu haben, zu Bette gehen lassen würde, weil er etwa ein linkes oder rechtes Kreuz gemacht oder es zu machen unterlassen hätte. Unter meinen Bemerkungen, die ich freilich nicht alle zu Papier bringen möchte, schlief ich ein. Des andern Morgens, nachdem ich ein gut Frühstück zu mir genommen hatte, nötigte mich die Wirtin, noch ein mit Schinken belegtes Pumpernickelbutterbrot anzunehmen, und da ich nach meiner Rechnung frug, sagte sie mir, sie sei keine Krügerin, und weigerte sich, die mindeste Bezahlung anzunehmen, und war überdies so gefällig, mich wieder bis auf die Landstraße zu begleiten.

siehe Bildunterschrift

Stadthaus und Nieuwe Kerk in Amsterdam

Hier traf ich eine große Menge von westfälischen Landleuten an, die gewöhnlich im Frühjahr nach Holland gehen, bis im Herbste daselbst bleiben und sich mit Torfstechen, Grabenaufwerfen und dergleichen Arbeit einen schönen Taler Geld verdienen, wovon sie den Winter durch mit ihren Familien leben und im Frühjahr sodann die Reise von neuem antreten; da nun diese ihren Weg auch über Swol nach Amsterdam nahmen, so beschloß ich, bei ihnen zu bleiben. Weil ich noch nie ein katholisch Land betreten hatte, so konnte ich gar nicht begreifen, warum diese Leute bei dem ersten Mittagsessen so sehr in ihrer Meinung geteilt waren. Es bestand in Pfannkuchen, und einige behaupteten, mit Grunde, wie sie sagten, daß es bloß in dem Fall erlaubt wäre, solche mit Speck zu backen, wenn keine Butter zu haben wäre, die andern aber, vielleicht mit dem nämlichen Grunde, daß auf der Reise eine Gottesgabe so gut als die andere sei. Doch die erste Meinung behielt das Übergewicht, und alle Pfannkuchen dieser Westfälinger, so wie die meinigen auch, wurden in Butter gebacken, worüber wir alle froh sein konnten; denn da des Desbarreaux Desbarreaux, der eben in keinem großen Rufe der Heiligkeit stand, überredete einst eine frömmelnde Wirtin, ihm an einem Fasttag einen Eierkuchen mit Speck zu backen. Als er eben im Begriff war, solchen zu speisen, fing es zufälligerweise entsetzlich zu donnern an. »Was das nicht für ein Lärm um einen Eierkuchen ist«, sagte Desbarreaux und warf bei diesen Worten den Eierkuchen zum Fenster hinaus. Doch kaum war das Wetter vorüber, als er die für Furcht halbtote Wirtin zwang, ihm einen andern mit Speck zu backen, den er ganz ruhig verzehrte.

Passato il pericolo, garbato il santo.
mit Speck gebackener Eierkuchen ein starkes Gewitter hervorbringen konnte, was hätten so viele Eierkuchen für ein Unglück anrichten können, zumal da der ganze Himmel an demselben Tag mit schwarzen Wolken überzogen war. Da es aber eben Freitag war und ich etwas vom Unterschiede im Essen gehört hatte, so konnte ich mir nachgehends den Pfannkuchenstreit erklären. Als wir von hier weggingen, begegneten uns noch mehr von diesen westfälischen Arbeitsleuten, die mit uns bis nach Swol gingen, wo wir eines Morgens um neun Uhr ankamen, um zehn Uhr unter Segel gingen und noch denselbigen Tag in Amsterdam eintrafen.

siehe Bildunterschrift

Die Peterskirche in Rom


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