Malwida von Meysenbug
Memoiren einer Idealistin - Zweiter Band
Malwida von Meysenbug

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Gedachtes aus jener Zeit

Mein junger Freund spielte mir aus der Missa solemnis von Beethoven vor. Es durchdrang mein tiefstes Innere wie ein ätherischer Lebensstrom. Ja, das ist Religion, Gefühl des Ewigen, siegreich über dem Abgrund der Welt, Ahnung himmlischer Vollendung. Beethoven, welch eine Seele!

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Wir fuhren von Tivoli heim nach Rom, und ich war versunken in den Anblick des herrlichsten Abendhimmels: eine goldene Wolke über dem höchsten Gipfel der Sabiner-Berge, als wäre dies der Olymp, auf dem sich die Götter in goldenem Duft den Blicken der Sterblichen verbergen. Eine wahrhaft klassische Wolke! O, in der Natur ist auch Musik!

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Rolland sagte eines Abends, die Sphäre der Pflicht und die des Ideals seien durchaus verschieden und getrennt. Ich sagte, nein, das müsse nicht sein. Je mehr man leuchtende Punkte idealer Momente im Leben ansammelt, je mehr Licht fällt auch auf die oft dunkle Sphäre der Pflicht und erleuchtet sie, so wie es den Sternen geschieht, die kein eigenes Licht haben, sondern es von ihren Sonnen empfangen.

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Es gehört ein tiefes und universelles Gefühl dazu, um einen Stil zu schaffen, so, wie es das religiöse Gefühl der Zeit der Renaissance in Musik und Malerei und im Altertum in der Skulptur getan hat. Daher konnten viele begabte und von jenem Gefühl durchdrungene Menschen tiefsinnige und bewunderungswürdige Dinge schaffen, auch ohne Genies zu sein. Das große Genie schafft keinen Stil; es ist es selbst, individuell, isoliert; es übt wohl einen Einfluß, doch einen mehr äußerlichen, es läßt nicht zur selben Zeit, an verschiedenen Orten, durch ganz getrennte Persönlichkeiten herrliche Sachen entstehen, die sich gleichen, weil sie aus demselben Gefühl entstanden sind, ohne Tradition oder Nachahmung zu sein. So war z. B. die aus dem Madonnenkultus entstandene Kunst, die die ganze Renaissancezeit beherrschte.

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Wir sprachen über das Leiden, Rolland und ich, über dessen Bedeutung in der christlichen Anschauung, und es kam mir der Gedanke, daß es vielleicht ein völliges Mißverständnis sei, daß Christus das Leiden durch seinen Tod habe sanktionieren wollen. Sein Tod war die freiwillige Tat des Menschen, der seine Überzeugung besiegelt, damit man an ihn glaubt. Sein Leben aber war freudige Tat, Lehre, Ermahnung, Wohltun, Barmherzigkeit.

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Der Egoismus des Schmerzes ist verständlicher als der des Glücks. Schmerz ist stolz und schließt sich ab gegen die Welt, die ihn nicht kennt und versteht. Glück macht demütig ob des inneren Reichtums im Vergleich mit anderen und freigebig aus dem Wunsch, daß auch andere glücklich sein mögen. Der Schmerz ist ein einsamer mitten im Gedränge, das nichts von ihm weiß. Glück, auch wenn es sich in Einöden flüchtete, fühlt sich in Wohlwollen verbunden mit der ganzen Welt.

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Wir waren zusammen im Theater, um Sarah Bernhard als Kleopatra zu sehen. Da gefällt sie mir, denn da schafft sie beinah einen Stil. Das Kunstwerk soll uns die Wirklichkeit wiedergeben, aber in erhöhter Weise, wo sie typisch wird und uns in das Reich ästhetischer Form- und Inhaltvollendung erhebt. Als moderne Frau brauchte sie nur sich selbst zu spielen, eine ephemere, individuelle Erscheinung; als Kleopatra wurde sie ein Typus künstlerischer Schöne, etwas Ewiges.

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Ich besuchte den Grafen Schack, der, schon ganz erblindet, seine letzte Lebenszeit in traurigem Zustand hier in Rom zubrachte. Wir sprachen über Schiller und von unserer beider Verehrung für ihn. Er sagte, er schätze die »Räuber« und »Kabale und Liebe« noch höher als die anderen Dramen. Sie wirkten auf der Bühne so hinreißend, daß man die ungeheuren Unwahrscheinlichkeiten, die sie enthielten, darüber vergesse. Ich sagte, ja, das sei der Triumph des Genius und der wahren Kunst, uns das Unwahrscheinliche annehmbar zu machen durch die höhere Realität der Hauptsache.

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In der Zeit war Ibsen ein Hauptgegenstand der Unterhaltung in der römischen Gesellschaft. Ich hatte ihn bei seinem Aufenthalt in Rom kennen gelernt; er kam mich zu besuchen. Es war gerade die »Nora«, das »Puppenheim«, erschienen und es herrschte eine ungeheure Aufregung in der damals sehr zahlreichen skandinavischen Kolonie in Rom, und auch in der römischen Gesellschaft wurde für und wider gestritten. Ibsen lächelte über das Entsetzen, das besonders die weiblichen Gemüter bei der Entdeckung, die Nora über das Wesen der Ehe macht, ergriffen hatte und meinte, die Stücke, die Nora folgen und das Messer an die Wunden der Gesellschaft legen sollten, würden noch anders erschreckend wirken. Inzwischen waren nun auch viele andere, noch weit kühnere und schärfere Kritik übende Dramen gefolgt, und es war gerade die Zeit der »Gespenster«, als ich eines Abends in Gesellschaft mit einem jungen Mann über diese ins Gespräch geriet. Zu meinem Erstaunen versicherte mir dieser, er ziehe die »Gespenster« dem Ödipus des Sophokles vor; im modernen Drama müßten die physiologischen Gesetze an die Stelle des antiken Fatums treten. Ich erwiderte ihm, daß erstens die Unabänderlichkeit des Gesetzes der Erblichkeit noch nicht festgestellt sei, und daß ferner die Frage bleibe, ob es nicht einen moralischen Widerstand gegen dieses gäbe. Dann auch war bei den Griechen das Fatum eine Macht der Gottheit, war also dort einer künstlerischen Behandlung fähig, im höchsten Grad ethisch, denn Ödipus bleibt trotz seiner Schuld ein edler, des tiefsten Mitleids werter Mensch, während der Mensch in den Gespenstern sich willenlos dem bösen geerbten Blut überläßt und schmutzigen Trieben folgt wie der Vater, also nicht heroisch ist, sondern das Opfer eines blinden Verhängnisses. Und dann fehlt das versöhnende Element, das bei den großen Tragikern, wie z. B. im Ödipus auf Colonos, immer wieder über den Schmerz und den Abgrund der Leidenschaften erhebt. Hier in den Gespenstern sind fast alle Personen gemein, schlecht, und nur der Pastor ist gut, aber borniert. Die einzige interessante und sympathische Figur, die Frau, irrt aber ihr ganzes Leben hindurch, so daß man es dumm nennen könnte; sie lügt, um die äußere Ehre eines verächtlichen Menschen zu retten, und entfernt ihr Kind, anstatt über ihm zu wachen und den bösen Keim zu ersticken, was viel ethischer gewesen wäre. Darin gleicht sie dem antiken Orakel, das immer durch Mißverstand das Übel herbeiführt, das vermieden werden soll.

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Ibsen ist ein Vivisektor der menschlichen Natur wie wenige, aber er kommt mit seinen neueren Dramen an die Grenze, wo die Poesie des Tragischen aufhört und das pathologische Spital beginnt. So hoch seine dichterischen Anfänge wie »Brand« und andere stehen, so bewunderungswürdig seine künstlerische Mache ist und soviel einzelne Schönheiten all die sozialen Stücke, wie ich sie nennen möchte, enthalten, so ist es doch zu bedauern, daß er diesen Weg so ausschließlich befolgt hat, besonders auch deshalb, weil er dadurch das Haupt einer Schule geworden ist, die, ohne seine Begabung, die Theater mit den ermüdendsten Mittelmäßigkeiten von Produkten überschwemmt.

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Der Fatalismus im Sinn einer blinden Kraft, die den Menschen ohne seine Schuld in das Verderben stürzt, ist für uns nicht mehr annehmbar. Der wahre Fatalismus besteht in dem Konflikt der äußeren Umstände mit dem Grund der menschlichen Natur, in der er zuweilen erst die Leidenschaften, die darin schliefen, weckt und die Handlung hervorruft, die unsere Schuld und unser Schicksal wird. Das ist das tragische Element, und die dramatische Kunst hat sich dessen zu bemächtigen.

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Das geistige Erzeugen, wenn es aus innerstem Bedürfnis hervorgeht, ist das Merkmal, daß die Natur es bedarf, sich zu objektivieren, wie auf der niederen Stufe es auch beim leiblichen Erzeugen der Fall ist. In der Objektivierung des Subjekts, sei es durch geistige oder leibliche Kinder, vollzieht sich jenes Geheimnis des Daseins, das im Grund des Weltwillens seinen Ursprung haben muß. Auch er muß als das Ursubjekt sich ewig objektiv werden in der Welt der Erscheinung, dadurch allein ist er, wird zur universellen Individualität, zur Einheit, die wir in der Vielheit ahnen.

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Allein der Geist und der Gedanke gehören der Ewigkeit. Alles was das Herz und Gefühl trifft, verwundet, denn es mahnt an die Vergänglichkeit. Die Liebe in der Erscheinung ist nicht ewig; nur die Erkenntnis; in ihr ist eine höhere Liebe, die das Vergängliche, den Sinnengenuß, abgestreift hat. Vielleicht könnte es heißen: im Anfang war der Geist.

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Halte stille nur, mein Herz,
Trag mit Fassung deinen Schmerz;
Eine kleine Weile noch
Dauert wohl das Erdenjoch,
Dann erlischt der bunte Schein;
Wird's dann stille um mich sein?
Oder werden Melodien
Auch noch durch die Seele zieh«?
Wird vom allgewaltigen Drang,
Der nach Idealen rang,
Wenn die Erdenfessel weicht,
Wohl sein ew'ges Ziel erreicht?
Wird die Treue dann bestehn?
Reine Liebe nie vergehn?
Wird der höchsten Schönheit Glück
Sich enthüllen dem geistigen Blick!
–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –
Ach, und wär's auch so, mein Herz,
Lindert's dieser Stunde Schmerz?

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Ganz gut konnte Pythagoras sagen, er habe schon zweihundert Jahre gelebt. Sind wir nicht immer dagewesen und konnte ein tiefer Schauender, ein in das innerste Wesen der Dinge Versenkter, sich nicht wirklich erinnern? Ist es darum so schrecklich, zu sterben, da wir, wenn wir ewig da waren, auch ewig sein werden? Es ist ja nur ein Wechsel des Kleids, und sollte es nicht möglich sein, an einen Punkt zu gelangen, wo man das Kleid nicht mehr zu wechseln braucht, wo man dem Wandel der Erscheinung, mithin der Beschränkung, entrückt, ewig bewußt lebt?

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Die alte italienische Musik hat für Liebe und Religion den gleichen Charakter. Alle Liebesgesänge gleichen Gebeten, das macht sie so innig und seelisch.

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Das ist so merkwürdig in der Musik, daß in der seelischesten aller Künste das Mathematische, unabänderlich Gesetzmäßige herrscht. Wie staunenswert ist das bei Bach, wo in der streng gebundenen Form die göttliche Freiheit der überströmenden Schöpferkraft waltet. Die Rezitative in der Johannis-Passion, die ich mit Rolland gerade durchnahm, sind die großartigste erschütternde Tragik des Denkers, der dann wieder im Gesang selige Poesie entkeimt.

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Kann man die Philosophie der Musik schreiben? Ihrer konkreten Formen: ja; aber ihr eigentliches Wesen ist so metaphysisch, daß es in keine Theorie paßt.

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Am Abend spielte mir Rolland die großen Variationen von Beethoven vor. Wie man da in dessen Seele liest! Er, der nur noch im Innern, in unausgesetzten Harmonien lebte, Welt und Formel gehen ihn nichts mehr an.

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Bach ist der ideale Ausdruck der Reformation in ihrem reinsten Sinn. In der gebundenen Form: die Freiheit des Gedankens, die Innigkeit des Gefühls, die Erhabenheit des Schmerzes, die größte Idealität, aber immer der tief religiöse Mensch innerhalb der Grenzen des traditionellen Glaubens. Deshalb beruhigt er so, trotzdem er alle Tiefen des Schmerzes und selbst der Leidenschaft kennt, weil sein Ideal ein festes ist und er weiß, wo er Frieden findet. Beethoven hingegen ist der suchende, ringende Titan, dem das Ideal nur, wie ein fernes Lichtbild, in Ahnungen sich neigt, dann aber auch überirdisch schön, jeden Zweifel lösend und das Dunkel mit himmlischem Licht erhellend.

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Und so wieder ein Abend, wo der musikalische Freund mir wundervoll spielte. Welch ein edler Zustand, wo der Wille schweigt und nur das reine Erkennen die Seele füllt.

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Musik ist wirklich die Versöhnerin zwischen der mangelhaften realen Welt und der Ahnung einer vollkommeneren, die der Seele in ihren besten Augenblicken vorschwebt und sie über die gemeine Wirklichkeit erhebt. Alle großen Erzieher der Menschheit haben Musik gebraucht; es ist das nur bei Christus eine seltsame Lücke, in den Evangelien überhaupt. Wie erhaben schön war aber die Idee des Pythagoras über den Rhythmus des Weltalls!

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Die unbefriedigte irdische Leidenschaft ist das harte Gesetz, durch das die Götter die Gabe des Genius bezahlen lassen. Wer das himmlische Feuer vom Olympos raubt, wird an den Fels des Leidens gefesselt, aber er sieht den Himmel offen inmitten der irdischen Qual. Wer hat dies mehr erfahren als Beethoven? Er hatte die wahre Religion, war auf dem Sinai gewesen, wo Gott sich offenbart in Tönen, die aus dem Urgrund des Seins kommen und die Erlösung vom Leiden bringen, indem sie uns aus dem Endlichen in das Unendliche erheben. Sein Adagio aus der Sonate in B‑dur (op. 106) ist, nach dem Abgrund des Leidens, die erhabene Vergebung an das Leben für all das ihm zugefügte bittere Leid.

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An einem Morgen spielte Rolland bei Frau Minghetti auf deren Bitte aus Parsifal. Mir verschwand dabei die mich umgebende Gesellschaft vollständig, ich lebte nur in den Tönen und fühlte es mehr denn je, daß die Weltseele Musik ist. Wagner hat sie gehört, geahnt, im Parsifal war er schon hellsehend. Ja, das kann nur aus transzendentalen Seelen kommen.

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Wagner war das gewaltige Schlußwort einer großen produktiven Epoche in der Musik, wie Michelangelo es in der bildenden Kunst war. Nach diesem kam Bernini, wie jetzt all die Epigonen, die nach Wagner kommen. Die Ähnlichkeit ist sehr groß; es ist eine Art krampfhaftes Ringen in dem Leben dieser zwei kolossalen Künstler. Die reine Linie der Schönheit war erschöpft in Raffael, Mozart, Bach, Beethoven. Jene zwei Großen sahen noch etwas Größeres und versuchten es mit irdischen Mitteln auszusprechen und zu erreichen. Das jüngste Gericht, die Propheten und Sibyllen in der Kapelle Sixtina und die Götter Walhalls und Parsifal sagen dasselbe; sie suchen den Idealmensch (nicht Übermensch im Sinne Nietzsches).

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Nach jenen zwei Jahren, in denen durch die Anwesenheit Rollands in Rom die Musik wieder so ganz die Oberhand in meinem Seelenleben gewonnen hatte, ging ich bei Beginn des Sommers zunächst wieder nach Mezzaratte bei Bologna, dem anmutigen Landsitz von Donna Laura Minghetti, auf dem sie, auch nach dem Tode ihres Gatten, alljährlich einige Zeit zubrachte. Von der liebenswürdigen Gastfreundschaft, die dort geübt wurde, habe ich schon früher gesprochen und gewiß, wer sie einmal erfahren hat, wird mit mir übereinstimmen, daß man sich keine lieblichere Sommerfrische denken kann, in edelster Freiheit, nur gebunden durch die Grazie und den Geist der Wirtin, zu der die reizende Umgebung paßt wie ein schöner Rahmen zu einem schönen Bild. Von da aus ging ich für einige Tage nach Venedig, wo ich seit Warsbergs Tod nicht mehr gewesen war, um dort mit Rolland zusammenzutreffen, der inzwischen Umbrien durchwandert hatte, und dann mit ihm zusammen nach Bayreuth zu gehen, wo ich endlich einmal wieder hinwollte, den Parsifal noch einmal zu hören, ehe es bei dem vorrückenden Alter zu spät würde. Rolland aber, der noch nie dort gewesen war, wollte mit diesem erhabenen Eindruck die durch die Jahre in Italien so reiche Jünglingszeit beschließen und diesen gleichsam als Weihe, auf der Schwelle des Mannesalters, mit seiner voraussichtlichen Arbeit und seinen wohl nicht ausbleibenden Kämpfen und Täuschungen, empfangen.

Ich hatte mir eine Wohnung für die ganze Dauer der Festspiele nehmen lassen, da ich außer dem Kunstgenuß auch mal wieder mit den teuren, so lange nicht gesehenen Freunden eine längere Zusammenkunft haben wollte. Rolland hatte für die wenigen Tage seines Aufenthalts ein Zimmer in der Nähe gefunden. Am Morgen des ersten Tages, noch ehe ich irgend jemand gesehen hatte, ging ich mit ihm durch den Schloßgarten zu der Hintertür des Wagnerschen Gartens, durch die man, ohne den vorderen Teil zu berühren, zu dem von hohen Bäumen beschatteten Platz gelangt, wo der Meister ruht, in dem Grabe, das er sich selbst, als er das Haus erbaute, ausmauern ließ. Rolland entblößte ehrfurchtsvoll sein Haupt, als ob er in eine Kirche träte, und ich stand tiefbewegten Herzens an dem Stein, der unter diesen grünen Schatten liegt. Neun Jahre waren verflossen, seit ich den, der hier ruht, zuletzt gesehen hatte in der Glorie jener ersten Aufführungen des Parsifal, bei denen er noch so kräftig jugendlich erschien, daß auch die bangste Sorge nicht denken konnte, es werde ihn noch nicht nach Jahresfrist diese Ruhestätte aufnehmen. Schon einmal in diesen Blättern habe ich erwähnt, welche Gedanken mich dort bewegten. Diesmal galt meine Ergriffenheit fast noch mehr der Erinnerung an den geschiedenen Freund, als an den großen Meister, der langen Jahre, wo ich ihn gekannt, und der teils traurigen, teils glücklichen Episoden seines Lebens, denen ich, innigst teilnehmend, beigewohnt hatte. Unter den ersteren war es vorzüglich jene Zeit der Aufführung des Tannhäuser in Paris, an die ich nun auch, durch seine Aufführung in Bayreuth, auf das lebhafteste gemahnt wurde. Denn es war eben in diesem Jahre nicht allein Parsifal, sondern auch Tristan und Isolde und endlich Tannhäuser, die ihre Neugeburt feierten, wie man es mit Recht nennen kann, da sie wohl nun erst in einer, ihren wahren Intentionen entsprechenden Weise dem Publikum vorgeführt wurden. Mit der Fülle der Erinnerungen zugleich fesselte mich diesmal ganz besonders der Tannhäuser, dieses herrliche Werk, dessen tiefe poetische und musikalische Bedeutung mir, nach der langen Pause, erst recht aufging. Die Gestalt des wunderbaren Sängers ist gewiß eine der tragischsten Gestalten der Poesie, und wie konnte sie höher idealisiert werden, als durch die Musik, in der die zwei Gestalten, die sich um diese Seele streiten, so wundervoll charakterisiert sind. Es fiel mir dabei auch auf, wie merkwürdig geistvoll hier die Legende den Gedanken ihrer Zeit aufgefaßt und damit ein allezeit Gültiges ausgesprochen hat: die furchtbare Härte und Mitleidlosigkeit der konstituierten Kirche (wofür ja auch Dante sie in ihren Vertretern dem Inferno übergibt) gegenüber der allein erlösenden, wahrhaftigen, reinen Liebe.

Durch die Güte meiner Freunde für alle Aufführungen in ihrer Loge eingeladen, hörte ich doch einmal Parsifal zusammen mit Rolland, der dann nach Frankreich zurückgehen mußte, um in die große Gewerbtätigkeit der Maschine, die die Geschichte der Menschheit ausarbeitet, als schaffendes Glied einzutreten. Es war mir furchtbar leid um ihn, den Hochbegabten, daß er sich nicht frei »zu höheren Sphären« heben und ganz in der Entfaltung künstlerischer Triebe vom Jüngling zum Mann reifen konnte; aber ich wußte auch, daß er dennoch am »sausenden Webstuhl der Zeit« mithelfen werde, »der Gottheit lebendiges Kleid zu wirken«. Die Tränen, die beim Schluß der Aufführung des Parsifal in seinen Augen standen, verbürgten mir aufs neue diese Annahme, und so sah ich ihn scheiden mit innigem Dank für die poesieerfüllte Zeit, die mir seine Talente bereitet hatten, und mit dem Segen, den das Alter der Jugend mitgibt in das Leben, wohl wissend, welche Schmerzen und Enttäuschungen den Idealisten in der nüchternen Welt erwarten, aber auch wo die Region ist, in der seine Seele ihre wahre Heimat hat und ewige Befriedigung findet.

Ich blieb die ganze Zeit der Aufführungen in Bayreuth und wohnte allen bei. Einen ganz besonderen Zauber übte dabei auf mich – was seltsam klingt – eine Tänzerin; auf mich, der das Ballett, wie es gegenwärtig ist, den größten Widerwillen einflößt. Es war dies die Signora Zucchi aus Mailand, eine Italienerin, schon nicht mehr ganz jung, die aber mit dem schnellen Verständnis ihres Volkes für alles Künstlerische alsbald begriffen hatte, wie Frau Wagner die Erscheinung der drei Grazien im Venusberg dargestellt haben wollte. Nicht in der absurden Weise, wie man es damals in Paris getan, in kurzen rosa Florkleidern, sich ganz nach Art der gewöhnlichen Ballettänzerinnen bewegend, sondern in langen, weißen, griechischen Gewändern, nur anmutsvoll leicht schreitend, oder in klassischen Stellungen ruhend und durch Pantomimen ausdrückend, was ihres Amtes war. Die Zucchi löste die Aufgabe in geradezu bezaubernder Weise und zeigte sich dabei als eine Mimin ersten Ranges, auch später, als sie im Wagnerschen Hause, uns ganz allein, eine improvisierte Vorstellung gab, in spanischem Kostüm zunächst den Bolero reizvoll tanzte und dann ein vollständiges kleines Drama aufführte. Wie sehr brachte mich das wieder auf Gedanken zurück, die mich öfter beschäftigt hatten und zu denen noch kurz vorher eine geistvolle Freundin aus ihrer Erfahrung mit ihren Kindern mir die liebendswürdigsten Belege gab, nämlich auf die Einwirkung des Tanzes bei der Erziehung. So wie der Tanz gewiß eine der ersten Äußerungen tief innerlicher, feierlicher, religiöser Gefühle gewesen ist, so ist er auch dem Kinde natürlich und sollte von verständigen Erziehern angewendet werden, um das Verständnis des Rhythmus, die Anmut der Bewegungen, das feierliche taktvolle Schreiten, als Ausdruck der Ehrfurcht in der Nähe von etwas Erhabenem, zu entwickeln. Es versteht sich, daß dabei nicht vom modernen Tanz die Rede sein kann, sondern allein von sinnvollem Bewegen bei gegebenen Rhythmen, von heiterem, anmutigem Hüpfen und Springen, als Ausdruck der Freude, ja auch von Vorbereitung zu edler Gemeinsamkeit, im schön geordneten, sich langsam und feierlich bewegenden Reigen. Was mich aber mehr als alles fesselte, das war das Bild der künstlerischen Entwicklung Wagners, wie sie sich gerade in den drei hier zusammengestellten Meisterwerken so vollständig verfolgen ließ. In Tannhäuser spielen doch die alten Traditionen noch hie und da hinüber, aber daneben steigt schon, wie eine leuchtende Morgenröte, das neu erkannte künstlerische Prinzip glorreich empor; die Einheit des Dichters und Musikers wird als Notwendigkeit offenbar, und das charakterisierende Eingreifen der Musik in die schon als selbständig dastehende dramatische Handlung erscheint als der höchste Ausdruck des vollendeten Kunstwerks. Wie das dem Genius kühn entstiegene, vollständig Neue, zur Gewißheit geworden, nun in unbeschränkter Allgewalt herrscht, wie konnte es besser gezeigt werden, als durch die Aufeinanderfolge von Tannhäuser und Tristan, der vielleicht mehr noch als alles andere, auch musikalisch, den zum unumstößlichen Sieg gelangten neuen Standpunkt zeigt, der dann im Parsifal, schon gleichsam sich selbst übertreffend, in einer reinen Verklärung endet.

Nach den vier Wochen dieses höchsten Kunstgenusses erfreute ich mich noch einige Tage des intimen Zusammenseins mit den so lange nicht gesehenen teuren Freunden und setzte dann meinen Wanderstab wieder weiter nach Westen, zunächst nach Ems, wo die einzig übrige der Geschwister, die alte Schwester, die letzten Lebenstage verbrachte; ein Liebesopfer meinerseits, da ich wenig mehr für dies erlöschende Leben tun konnte und die Zeit zum Besuche herrlicher, von mir noch ungekannter Orte hätte benutzen können, an denen mir Freude und Belehrung geworden wäre. Von Ems fuhr ich am Rhein hinunter, den ich immer mit Wehmut und Liebe wiedersah, auf dessen Wellen holde Erinnerungen aus ferner Jugendzeit und teure, längst entschwundene Gestalten zu schwimmen schienen und der mir die tief im Herzen wohnende, nie erlöschte Liebe zum Vaterland, zum wahren Deutschtum, stets lebendig zum Bewußtsein brachte. Ja das Land, das einen Schiller und Goethe, einen Beethoven und Wagner und eine Schar edler bedeutender Geister, die jener würdig, wenn auch ihnen nicht gleich waren, hervorgebracht hat, mußte mir ewig teuer bleiben, obgleich für meine Überzeugungen viele tiefe Schatten über seiner Gegenwart lagern und obgleich die Ferne, durch Natur und Menschen, andere teure, unauflösliche Bande um mein Leben geschlungen hat. In Versailles dann, in Olgas Häuslichkeit, verbrachte ich wieder Sommer und Herbst, aber es war diesmal keine frohe Zeit wie sonst, es kam vieles zusammen, um sie zu trüben, vor allem die Erkrankung vom ältesten Sohne Olgas an der Diphtheritis, die es nötig machte, alle übrigen Familienmitglieder aus dem Hause zu entfernen, so daß nur Olga – deren aufopfernde Mutterliebe sich nie verleugnete und die alle Pflege selbst übernahm – und ich zurückblieben. Da kam mir noch einmal, durch zu viel Schmerzliches, das sich zusammengefunden hatte, einer jener Momente, wo alles Weh des Daseins uns überfällt, wo alles sich auflöst in hoffnungslosem Leid, wo alle Sterne ihr Licht verlieren und nur eine große dunkle Öde um uns übrig bleibt, und ich verschloß schnell meine Türe, damit niemand mich sähe, und weinte noch einmal jene Tränen, die ein sonst mutiges und gefaßtes Herz nicht oft weint, die aber, wenn sie kommen, aus jenen Urtiefen der Seele quellen, die kein Trost erreicht und kein Name nennt.

Aber auch das ging vorüber, und im Spätherbst kehrte ich wie gewöhnlich nach Rom zurück. Und abermals sandte mir das Schicksal eine jener Begegnungen, die eine schöne Spur im Leben zurücklassen und mit denen sich rasch in kurzen Stunden mehr Inhalt zusammendrängt, als mit dem gewöhnlichen Verkehr in Jahren. Es war dies wieder ein anderer Typus als der vorhin besprochene, ein Aristokrat der edelsten Art, ein Deutsch-Russe aus Livland. Diese Provinz hatte mir schon mehr als eine Persönlichkeit zugeführt, die mir durch ihre Bedeutendheit, durch ihren Geist und ihr Gemüt innigst wert geworden war; besonders waren dies zwei Frauen, beide in Italien verheiratet, von denen die eine leider zu früh dem Gatten, den Kindern und den Freunden durch den Tod entrissen wurde, während die andere, ein Wesen seltenster Art, von einer ungewöhnlichen Bildung, durch Jahre der Trennung hindurch und dann in endlich erreichter Nähe mir in treuer, gegenseitiger Freundschaft verbunden geblieben ist. Die erste war: Baronin Cecil von Pilar, verheiratete Mariano, die zweite ist Augusta von Stein, verheiratete Rebecchini. Durch das, was ich von diesen ausgezeichneten Frauen und von vielen anderen ihrer Landsleute, namentlich über die oben Genannte der Ostseeprovinzen hörte, gab mir eine äußerst günstige Idee von den Zuständen dort, so wie sie vor noch nicht zu ferner Zeit gewesen waren. Die herrliche Selbständigkeit der adeligen Herren auf ihrem eigenen Grund und Boden, die Möglichkeit, durch großen Besitz nach unten hin wohltätig und veredelnd zu wirken, sich durch feinste Bildung das Leben reich und fördernd zu gestalten, unter sich, von Besitztum zu Besitztum, im angenehmen, doch nicht beengenden Verkehr eine Art Oligarchie in beneidenswerter Freiheit bildend, so stellte ich mir das dortige Leben vor. Leider werden jetzt durch das autokratische Regiment, dem diese schönen Provinzen seit lange untertan sind, viele der genannten Vorzüge zerstört und der Despotismus arbeitet daran, das nationale und religiöse Element immer mehr zu bedrücken und zu vernichten. In jenem jungen Mann, Baron v. W . . ., aber fand ich die Persönlichkeit, wie sie, unter den vorhin genannten Verhältnissen, sich zu edler Form und zu tiefem inneren Gehalt entwickeln mußte und eine Bestätigung des vorteilhaften Bildes, das ich mir von der eigentümlichen Verfassung jener Provinzen gemacht hatte. In dem Winter, den er in Rom zubrachte, hatte ich Gelegenheit, ihn oft zu sehen und in langen Gesprächen die Fülle seiner Kenntnisse, die kein trockenes, pedantisches Wissen, sondern starke Stützen eines sehr eigentümlichen, tief seelischen Gedankenlebens waren, zu bewundern und mich an der feinen, vollkommen edlen und ideal angelegten, im besten Sinne vornehmen Natur zu erfreuen. Hier auch wieder konnte ich nur mit froher Hoffnung in die Zukunft sehen, die von so großer Begabung und so ernsten Studien die schönen Früchte ernten wird. Größere Freude und sicherer Trost kann dem Alter nicht werden, als die Gewißheit, daß in jungen Seelen die heilige Liebe des Ideals in reinen Flammen brennt und daß die Schöpferkraft da ist, Werke zu erzeugen, die der Welt wieder Funken jenes himmlischen Feuers bringen, das die Prometheuse aller Zeiten den Göttern haben rauben müssen, um die starre Form der Menschengestalt mit geistigem Inhalt zu beleben. Alle diese einzelnen Trefflichen erschienen mir wie mir gesandte Boten der Verheißung, daß die Welt nicht untergehen wird im Materialismus, im blöden Streben nach dem Vergänglichen, sondern daß die Begnadeten, die Gottgesandten, immer wieder erscheinen werden, um weiter zu bauen an dem kristallnen Dom der ewigen Gedanken, der sich über den vergänglichen irdischen Gütern wie ein reiner Bau aus Sonnenstrahlen erhebt, um Licht zu senden, wenn es hier unten Nacht werden will.

Nur noch einen Sommer machte ich die gewohnte Nordfahrt, schon bei mir bestimmt fühlend, daß es die letzte sein würde, da mich die weiten Reisen zu sehr ermüdeten, zu viel von der letzten Kraft verzehrten und ich auch geistig das Bedürfnis der Konzentration auf Örtlichkeit und Klima empfand, gleichsam wie einen Wink, daß die Gedanken sich nicht mehr in die Weite und Breite zerstreuen, sondern immer mehr nach innen und nach oben tätig sein sollten. Doch hatte ich den folgenden Winter die unsägliche Freude, die älteste Tochter Olgas bei mir zu haben, ein eben zur Jungfrau erblühtes geist- und gemütvolles, liebliches Wesen, das die Einsamkeit meines kleinen Heims wieder mit dem holden Reiz der Jugend schmückte und als eine seltene Gunst des Schicksals mir in der zweiten Generation die Zeit zurückrief, wo die Mutter in ihrer Jugendschöne und Seelenanmut neben mir vom Kind zur Jungfrau reifte und damals den Hauptinhalt meines Lebens, Denkens und Tuns bildete. Im Frühjahr kam sie auch, um die Tochter abzuholen, und blieb mehrere Wochen als Ersatz für den Sommer, den ich nun nicht mehr bei ihnen verbringen konnte.

In diesem Sommer, den ich also in Italien, wie von nun an bis an das Ende, bleiben wollte, folgte ich zuerst wieder der freundschaftlichen Einladung von Frau Minghetti auf ihr schönes Mezzaratte. Wie früher verstrich die Zeit da auf das angenehmste, in heiterer schöner Natur und liebenswürdigster Gastfreundschaft, und wahrlich, auf solchen schönen Landsitzen der reichen Italiener brauchte man gar nicht vor dem Sommer wegzulaufen, denn in den heißen Tagesstunden hat man Frische in kühlen, luftigen, vor der Sonnenglut verschlossenen Räumen, und wer könnte wohl den Zauber der Morgen- und Abendstunden im italienischen Klima beschreiben?

Nach einiger Zeit jedoch schied ich, um einmal wieder am Meer zu sein, das von jeher für mich mehr Anziehung gehabt hat als die Berge, deren den Horizont begrenzendes, starres Wesen mir nach einiger Zeit immer bedrückend wird, wobei mir stets Fausts Worte einfallen: »Gebirgesmasse bleibt mir edel stumm.« Ich ging nach Rimini, dem Bologna zunächstliegenden Seeort am adriatischen Meer, dessen Küste für den Sommer der Westküste, weil kühler, vorzuziehen ist. Es ist dies jetzt ein sehr besuchter Badeort, mit einem meilenweit ausgedehnten Strand vom feinsten Sand, herrlich zum Baden, so ungefährlich, daß man selbst Kinder ruhig allein im Wasser herumlaufen lassen kann. Der moderne Luxus hat hier bereits auch schon Fuß gefaßt, für Annehmlichkeiten und Vergnügungen aller Art gesorgt, und während sich das Meer von der alten Stadt schon beträchtlich weit zurückgezogen hat, an dem neuen Strand eine Stadt sehr zierlicher, zum Teil sehr hübscher Villen entstehen lassen, von denen manche zur Aufnahme von Fremden eingerichtet sind. Vom Meere aus gesehen, bildet diese Villenreihe einen anmutigen Vorgrund zu der im Hintergrund in den malerischesten Formen sich hinziehenden Bergkette, als deren Mittelpunkt die dreigipflige Höhe, auf der die Republik von S. Marino liegt, emporragt. Ich fand passende Wohnung, dicht am Meer, in einem der Häuser, die die Stadt daselbst zur Aufnahme von Fremden hat herstellen lassen. Dort verbrachte ich die Morgen auf einer prächtigen Terrasse, umflutet von herrlicher Meerluft, mit Lesen und Schreiben. Der banalen Vergnügungen nachjagenden Badegesellschaft ging ich aus dem Wege, und wenn ich am Nachmittag mich hinausbegab auf die große Plattform, die man alljährlich weit hinaus ins Meer aufbaut, so unterhielt ich mich, wenn überhaupt mit Menschen, am liebsten mit den Schiffer- und Fischerleuten, die da mit ihren Barken und Booten hielten, oder ich ließ mich hinausfahren aufs Meer, was schon einst in England meine Lust gewesen war, und ließ mir von den wackeren Seeleuten ihre Lebensschicksale erzählen. Da war besonders einer, auch in den Traditionen seines Rimini erfahren, denn seine Barke hieß Francesca, der fuhr mich oft hinaus und erzählte mir von den Fahrten um die Welt, die er als Jüngling auf einem großen Schiff gemacht, und wie er dann, schon als gereifter Mann, an einer Krankheit, die ihn zum Seedienst auf den Staatsschiffen untauglich machte, in die Heimat zurückgekehrt sei, um sich nach der Fremdenzeit mit Fischfang, so gut es gehen wollte, zu ernähren. Nun sei es ihm aber einsam und traurig gewesen, da seine Angehörigen inzwischen gestorben waren, und doch habe er es nicht gewagt, sich um ein Mädchen zu bewerben, da er nicht mehr jung und dazu arm gewesen sei. Bekannte von ihm hätten ihm aber gesagt, sie hätten ein armes Mädchen, eine ganz verlassene Waise, in Dienst genommen, die sei so schön und gut, so bescheiden und sittsam, daß, wenn er die zum Weibe haben könnte, so würde er glücklich werden. Nun sah er sie, fand alles wahr, was zu ihrem Lobe gesagt war, und fragte sie, ob sie sich entschließen könne, ihn zu heiraten. Sie, ebenso bescheiden wie er, hatte nicht geglaubt, daß ein Mann sie in ihrer Armut und Niedrigkeit werde heiraten wollen, und dankbar und gerührt gab sie ihr Jawort. Er war auch noch ein schöner Mann mit seinem dunkel gefärbten Antlitz, aus dem zwei leuchtende Augen, feurig und doch mild und gütig, unter den dichten Brauen hervorsahen und mit dem schwarzen, lockigen Haar, das sich unter dem breitkrämpigen Hut nur halb barg und das kaum erst einzelne, helle Fäden durchzogen. Als er draußen auf still gekräuselter See bloß das Segel zu dirigieren hatte, das seine »Francesca« weiterführte, blieb ihm Zeit, mir diese seine einfache und doch so liebliche Herzensgeschichte zu erzählen, und als wir wieder an der Plattform ausstiegen, sagte er: »Nun muß ich Ihnen doch meine Kinder zeigen.« Er winkte zwei kleine Mädchen herbei, die auf der Plattform, wo auch Buden waren, an einem Bänkchen standen und Muscheln, die der Vater im Meer gefangen hatte, verkauften. Es waren zwei allerliebste Geschöpfe, die Älteste mit dem über ihre Jahre gehenden Verständnis dessen, was die Armut bedeutet, d. h. Arbeit und Entbehrung aller Lebensfreude, im Ausdruck, wie er sich öfter bei gutgearteten Kindern des Volkes findet und unaussprechlich rührend anzusehen ist, die zweite, erst fünf Jahre alt, ein blühendes, sorglos heiteres Wesen, das auf des Vaters Aufforderung gleich ohne Scheu in voller Natürlichkeit mehrere Gedichte, von passender Gestikulation begleitet, korrekt und ohne zu stocken hersagte. Sie hatte sie in dem Kindergarten zu Rimini, der von wohltätigen Frauen gegründet ist, gelernt. Nun mußte ich aber versprechen, auch die Mutter kennen lernen zu wollen, die als ordnende Hausfrau immer daheimblieb. Am folgenden Tage also ging ich in das Schifferquartier am Hafen, wo die Familie wohnte, von den Kindern geleitet und im Hause von der Mutter erwartet. In ihr fand ich nun wieder eines jener holdseligen Wesen, wie sie das italienische Volk, da wo es noch nicht verdorben ist durch Fremdenverkehr und anderes, so häufig zeigt; diese Augen der Madonnen Raffaels, in deren unergründlichen Tiefen Jungfräulichkeit, Seelenreinheit und ernste, beinah feierliche Hoheit liegen, dieses Schlanke, Mädchenhafte, das auch die Mutter noch beibehält, und die liebliche Unbewußtheit der eigenen Anmut. In dem kleinen, ärmlichen, aber sauber gehaltenen Raum, in dem diese Familie wohnte, mußte ich nun alles besehen, was er von Eigentum enthielt, besonders die Schreibbücher der Kinder, die das Glück hatten, unentgeltlichen Unterricht, den die Mutter nie gehabt hatte, in Kommunalschulen und Kindergarten zu genießen, und den einzigen Schmuck, den man besaß, eine Anzahl schöner Muscheln, die der Vater heimgebracht hatte. Eine der schönsten wurde mir alsbald zum Geschenk dargereicht, mit dem edlen Gleichheitsgefühl des italienischen Volkes, das auch in seiner Armut durch die Spenden der freigebigen Natur immer noch dem Fremden eine Gabe anzubieten hat, ehe ihm noch etwas gegeben ist. Man muß eben das Volk nicht nach den Orten beurteilen, die Fremde gewöhnlich nur sehen; man muß zu ihnen gehen an die Stätten, wo noch das ursprüngliche Naturell, unverdorben von fremden Einflüssen und dem Getriebe des materiellen und kommerziellen Verkehrs, herrscht, um zu wissen, was dieses Volk ist.

Gerade hier in Rimini und besonders an der Bevölkerung des Hafens lernte ich es aufs neue kennen und lieben. Ihr Charakter ist im allgemeinen liebenswürdig, friedlich, eher bedächtig als übereilt im Handeln, aber beharrlich und mutig, wie sie das im Kriege und auf dem Meer bewiesen hat und noch beweist. Sie ist genügsam und strebt nicht nach großem Gewinn, daher man dort weder sehr große Reichtümer noch sehr großes Elend findet. Wie gesagt, ganz besonders ausgeprägt findet sich dieser Charakter bei dem Schiffervolk des Hafens, das längs demselben ein eigenes Quartier bewohnt, gleichsam einen kleinen Staat für sich bildet und einen Verein zu gegenseitiger Unterstützung organisiert hat, der die Mittel gewährt, um niemand verhungern zu lassen. Ich verkehrte viel dort mit diesen Leuten, und einer der Schiffer sagte mir: »Wir sind arm, aber wir arbeiten, sind zufrieden, und jeden, der arbeiten will, nehmen wir auf wie einen Bruder und helfen ihm. Doch die Faulen, die Müßiggänger, die weisen wir unerbittlich streng von uns aus.« Kann man eine bessere, vollständigere Moral finden für ein Gemeinwesen, als sie in diesen wenigen Worten enthalten ist?

Der Hafen ist durch das sich immer mehr zurückziehende Meer beinah wie ein langer Kanal geworden und bedürfte bedeutender Ausbesserungen, um wieder Beförderer der Interessen und der Wohlfahrt des Landes zu werden, wie er es unter den kulturfreundlichen Malatesta war, woran aber das jetzige italienische Gouvernement gar nicht denkt. – Doch ist der Handel, der von hier ausgeht, noch immer nicht unbeträchtlich. Die großen Barken, die da vor Anker liegen, führen Ladungen von Backsteinen, die in Massen bei Rimini verfertigt werden, Holz, Fischen und anderes hinüber nach Dalmatien, Fiume, Triest usw. – Dabei lebt das Volk einfach und genügsam, meist nur von Polenta, die die Ärmsten sogar mit Seewasser kochen, um das Salz zu sparen. Aber am Hafen sind es Fische und Seetiere, die die Hauptnahrung ausmachen. Es ist ein malerischer Anblick, die kräftigen, sonnengebräunten, oft sehr schönen Männer gegen Abend in den Barken um die dampfende Schüssel sitzen zu sehen, in der die Seetiere in der eigenen Brühe kochen und in die ein jeder mit seinem Löffel fährt, um sich seinen Anteil an Speise zu holen. So mag der vielgewanderte Odysseus mit den Gefährten beim »lecker bereiteten Mahle« gesessen haben, als er nach beendetem Kampf auf geräumigem Ruderschiff auszog, um die geliebte Heimat, das meerumflossene Ithaka, wiederzusehen, im fröhlichen Vorgefühl nicht ahnend, welche schwere Prüfungen ihm noch bevorstanden.

Es war aber nicht das moderne Rimini, das mich am meisten anzog; es war das alte, jetzt zu einem kleinen Provinzialstädtchen herabgesunkene, das für viele Wochen mein lebhaftestes Interesse in Anspruch nahm. Denn Rimini hat seine Geschichte, wie so viele der italienischen Städte, und zwar eine der bedeutendsten. Es hat auch noch Trümmer aus alter Zeit, einen prächtigen Triumphbogen aus der des Kaisers Augustus und eine schöne Brücke, die über einen Arm des zweigeteilten Rubikon führt, der hier aber jetzt den Namen Marechia hat, während dem anderen Arm der berühmte Name blieb, der ja noch immer zu der Bezeichnung einer kühn gewagten Tat, im Gedenken an Julius Cäsars Überschreiten der ihm gesteckten Grenze, dient.

Seine eigentliche Bedeutung aber hatte Rimini erst, als es, wie so viele andere italienische Städte, der Herrschaft eines Geschlechts unterworfen wurde, die es mächtig im Krieg und hervorragend im Kulturleben machte. Angezogen durch die berühmten Episoden und Namen, sowie durch die Betrachtung der prachtvollen, leider nicht vollendeten Kirche, die Sigismondo Malatesta baute und die, wenn vollendet, eines der herrlichsten Monumente Italiens sein würde, beschloß ich, mich näher mit der Geschichte der Malatesta zu beschäftigen. Der Direktor der vorzüglichen Bibliothek der Stadt, dessen Vater einer der besten Historiographen Riminis gewesen ist, empfing mich auf das zuvorkommendste, und ich fuhr nun jeden Morgen mit dem Tram durch die schönen Alleen, die vom Meere nach der Stadt führen, in diese und begab mich für mehrere Stunden in den alten Palazzo, in dessen geräumigem Erdgeschoß sich die Bibliothek befindet. Hier lernte ich eine neue Freude für den wissensdurstigen Geist kennen, die nämlich: an den Quellen der Geschichte selbst schöpfen zu können, zu vergleichen, zu urteilen und vielleicht etwas zu entdecken, was den andern entgangen ist, jedenfalls sich unmittelbar in den Geist der Zeit, die man studieren will, zu versenken und sie nicht erst durch das Medium eines anderen Geistes zu sehen.

Ich verfolgte jetzt die Geschichte dieses merkwürdigen Geschlechts der Malatesta, die eine ununterbrochene Reihe hervorragender Gestalten durch mehrere Jahrhunderte hindurch aufzuweisen haben. Schon im Jahre 1150 wurde ein Giovanni in Rimini Bürger. Sein Sohn war ein wilder, grausamer Mensch und erhielt daher den Beinamen: Malatesta (böser Kopf), der dann zum Familiennamen des Geschlechts wurde, wie es damals häufig geschah, daß die Beinamen, die die Soldaten ihren Führern gaben, nachher der Familie verblieben. In der malerischen Kette der Berge von Carpegna sieht man noch auf steiler Felsspitze das alte Kastell Verrochio, das einer der ersten festen Sitze der Malatesta war. Ein Malatesta von Verrochio war das Haupt der Guelfen, die damals in den fortwährenden Kämpfen in der Romagna die Oberhand hatten, und er wurde der eigentliche Gründer der Herrschaft des Geschlechts in Rimini, das dann unter seinen Nachkommen zu einer Kulturstätte wurde, die man mit Recht ein kleines Athen nennen könnte. Eben dieser Malatesta, heftiger Feind der Ghibellinen, wurde der Hundertjährige genannt, denn er lebte von 1212 bis 1313. Die Päpste beschützten ihn, aber Dante hat ihn arg behandelt, sowie auch seine Söhne. Der älteste, Giovanni, von seinem körperlichen Gebrechen Sciancato (der Hüftenlahme) und schließlich Lanzelotto genannt, war schon als Jüngling im Kriegshandwerk berühmt, aber er war eine harte Natur und reizbar durch seine körperlichen Gebrechen. Ihm war es zwar bestimmt, »unsterblich im Gesang zu leben«, aber in trauriger Gestalt und der Gehaßte aller Generationen zu sein, während seine Opfer durch liebendes Mitleid verklärt wurden. Er hatte im Dienste eines de Polenta von Ravenna, zur Zeit Podestà von Pesaro, einen Sieg errungen und als Siegespreis war ihm die Tochter Polentas, Francesca, versprochen. Sein Bruder, Paolo il bello, so genannt wegen seiner Schönheit und Liebenswürdigkeit, wurde nach Pesaro gesandt, die Braut für den Bruder zu freien, so erzählt Boccaccio. Als er dort ankam, zeigte eine Frau ihn der Francesca vom Fenster aus und sagte: »Das ist der, der dein Mann werden soll.« Boccaccio meint, daß das gute Weib es wirklich geglaubt habe. Was war natürlicher, als daß Francesca den Schönen, Liebenswürdigen gleich mit Neigung empfing und daß er für die reizende Jungfrau in Liebe entbrannte? Aber seinem Wort getreu führte er die Braut nach Rimini, wo große Feste sie erwarteten, doch auch die bitterste Enttäuschung, als sie den ihr bestimmten Gatten erblickte. Als sie dann mit Paolo das Geschick der Liebe las, die der ihrigen so ähnlich war, da konnten sie freilich nicht weiter lesen, denn das Buch wurde ihnen, was der Liebestrank für Tristan und Isolde war, die Offenbarung ihres schmerzlich süßen Geheimnisses. Aber der verratene Gatte war kein großmütiger König Marke, er gab ihnen den Tod und meinte, damit den schuldigen Bund zu lösen. Doch die Poesie wollte es anders und weihte sie in unzertrennbarem Verein der Ewigkeit ihrer Liebe.

Wie es jetzt so vielfach geschieht mit Begebenheiten und Gestalten, die in unsere nüchterne Gegenwart nicht mehr passen, daß man sie in das Reich der Fabel verweist, so hat man es auch mit Paolo und Francesca machen wollen, ja, man hat sogar behauptet, daß Dante die Episode durchaus erfunden habe. Dem widerspricht aber zunächst die Erzählung Boccaccios und dann der Umstand, daß Dante, ein Zeitgenosse und teilweise Mithandelnder der Kämpfe und Ereignisse jener Epoche, im Hause eines Polenta, Neffen der Francesca, sein letztes Asyl fand und da bis zu seinem Tode gastlich gepflegt wurde, was doch wohl nicht geschehen wäre, hätte er von so nahen Verwandten Falsches berichtet. Wäre es aber auch bloße Phantasie des Dichters, so hat der Fall, durchaus in den Sitten der Zeit, die dichterische Wahrheit, die der Realität gleichkommt, und Paolo und Francesca werden unsterblich leben, so lange es Herzen gibt, die für Liebe und Poesie Empfindung haben.

Ein Enkel des Hundertjährigen, Galeotto, regierte in Rimini bis 1385. Seine älteste Tochter, Madonna Gentile, an den Herrn von Faenza verheiratet, war eine tapfere, kriegsmutige Frau, mit den besonderen Gaben ihres Geschlechts ausgestattet. In einem Krieg zwischen Mailand und Florenz nahm sie, in Abwesenheit ihres Gemahls, für ersteres Partei. Ihre Brüder kämpften für Florenz und forderten sie auf, mit ihnen zu sein, aber sie sagte, es täte ihr zwar leid, gegen die Brüder zu kämpfen, aber Faenza sei für die Visconti von Mailand und sie habe »die Seelen in ersterem in Obhut«. Sie stieg bewaffnet zu Pferd und zog mit einer Schar bewaffneter Frauen ins Feld. Der Chronist der Zeit vergleicht sie mit Penthesilea und erzählt, daß sie, ihren Amazonen voran, auf die Feinde losgestürmt sei, die ihr »mit wenig Ehre« weichen mußten.

Ihr ältester Bruder Carlo, mit dem die neue Zeit beginnt (von 1364 bis gegen Mitte des 15. Jahrhunderts), war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Reihe der Malatesta. Damals kamen eben die durch die Türken aus der Heimat vertriebenen Griechen nach Italien herüber und brachten das milde Licht ihrer Kultur den bisher nur durch Kampf und Zwietracht genährten Gemütern reich begabter Menschen. Carlo war ein tapferer Condottiere, aber auch ein gebildeter, jedem Kulturwerk geneigter Mann. Er gab Rimini eine gut geordnete Verwaltung, seine Untertanen waren stolz auf ihn, und als er zuerst in Rimini einzog, bereiteten sie ihm einen festlichen Empfang. Eine Prozession von 9000 weißgekleideten Männern und von 8000 Frauen, an deren Spitze Elisabeth Gonzaga, Carlos Frau, folgten ihm zur Kirche. Nachher stieg er auf eine Estrade und ermahnte das Volk, tätig zu sein in guten Werken; gewiß eine schönere Aufforderung in einer kriegerisch doch so bewegten Epoche, als Kriegsheere zu loben und als die Spitze der Kultur hinzustellen, wie es leider in unserer Zeit so häufig geschieht.

Dabei liebte er die Kunst, ließ in seiner Wohnung Fresken malen, bei denen der damals noch sehr junge Ghiberti tätig war. Carlo, seine Begabung ahnend, wollte ihn behalten, aber der Konkurs für die Türen zum Baptisterium in Florenz zog ihn dahin zurück. Doch schreibt er in seinen Kommentaren, daß um 1400 in Rimini schon ein kleiner Hof war, wo Künstler hochgeschätzt wurden. Mit den Humanisten war Carlo in Verkehr; eine der ersten italienischen Akademien entstand unter seinem Einfluß, und er war bei alledem ein frommer, heiliger Mann, so daß Papst Martin V. ihm seine Nichte, nach dem Tod der Gonzaga, zur Frau gab. Er und sein Bruder Pandolfo waren mit die ersten Fürsten in Italien, die Künstler und Gelehrte sich gleichstellten, während man sie im Vatikan, bei öffentlichen Gelegenheiten, noch mit den Dienstboten zusammentat.

Carlo war kinderlos, aber Pandolfo hinterließ drei illegitime Söhne, die Carlo, der ihn überlebte, zu sich nahm und mit väterlicher Liebe erzog, auch vom Papst Martin V. ihre Legitimation erwirkte. Nach Carlos Tod folgte ihm der älteste der drei, Galeotto, eine seltsame Ausnahme in dem sonst so kriegerischen Geschlecht, denn er war solch ein fanatischer Asket und kasteite sich so stark, daß er mit zwanzig Jahren starb. Ihm folgte sein Bruder Sigismund Pandolfo, die hervorragendste Erscheinung in der Reihe der bedeutenden Menschen dieses Hauses, in dem sich alle seine hohen, großen, edlen Triebe, mit den wilden, grausamen, leidenschaftlichen vereinigten und eine Persönlichkeit bildeten, die zu gewaltig war für den engen Rahmen ihrer irdischen Macht. Er ging an dem Übermaß des Ehrgeizes und der gigantischen Tatenlust zugrunde,, aber nicht, ohne Spuren seiner großen geistigen Bedeutung zu hinterlassen, die der Nachwelt ein milderes Urteil über ihn gestatten, als der Haß seiner Feinde es seinen Zeitgenossen aufzudrängen gesucht hat. Die Gestalt dieses ungewöhnlichen Menschen interessierte mich so, daß ich mit Eifer in den Quellen forschte, um mir mein eigenes Urteil über ihn zu bilden. Ja, er erinnert an die Helden Plutarchs, und während er, mit dem Schwert in der einen Hand, sich den Kühnsten aller Zeiten gleichstellte, schuf er mit der anderen Hand Werke des Friedens und edelster Kultur. Man muß ihn aber nicht aus dem Bilde seiner Zeit herausnehmen, ihn nicht mit dem Maßstab moderner Moralität messen wollen, sondern bedenken, daß, während die übrige Welt noch vom Dunkel des Mittelalters bedeckt war, an seinem Hof bereits das Licht der Wissenschaft und Kunst strahlte. Erst dreizehn Jahre alt, erfocht er für seinen Bruder Galeotto einen glänzenden Sieg und zwei Jahre später einen anderen, der seinen Ruhm, der größte Condottiere der Zeit zu sein, begründete. Seine Hochzeit mit Ginevra d'Este wurde mit glänzenden Festen gefeiert; der Kaiser Sigismund, von Rom kommend, weilte in Rimini und wurde festlich bewirtet; Rimini war ruhig und glücklich; kurz, Malatestas Regierung fing schön und glänzend an.

Sigismunds Gemahlin, Ginevra, starb, erst 22 Jahre alt, ohne Kinder zu hinterlassen. Aber schon bei ihren Lebzeiten wurde sein Herz von einer jener großen Leidenschaften ergriffen, die, in einer so gewaltigen Natur, jedes Einspruchs von Sitte und Gesetz zum Trotz, ihr Recht behaupten, und die, ungeachtet mancher momentanen Untreue, sein Leben bis an das Ende beherrschte.

Isotta degli Atti war es, die diese Liebe hervorrief. Sie war aus adeligem Geschlecht und vor allen Frauen Riminis ausgezeichnet durch hohe Bildung in Musik, Poesie, Kunst und Wissenschaft. Daß sie schön gewesen sei, sagen uns die von ihr erhaltenen Bildnisse nicht; aber sie muß einen Zauber besessen haben, der mehr fesselte als Schönheit, und es spricht für Sigismund, daß dieser Zauber edelster, geistiger Art ihn, der, wie in allem so auch in seiner sinnlichen Natur übermächtig war, durch das ganze Leben festhielt. Auch seine Feinde konnten nichts gegen sie sagen, und selbst Pius II., Sigismunds ärgster Feind, schrieb: »Er liebte Isotta über alles, und sie war es wert.« Sigismund war ein häufiger Besucher im Palast der Atti und besang Isotta schon, als er erst zwanzig Jahre alt war, doch bezeugen diese Gedichte, daß sie ihm damals noch nicht zu eigen war. Aber auch nachdem sie seine Geliebte geworden war, hielt er sie über alles hoch, nannte sie »die Ehre Italiens«, ließ ihr Bild, auf einem Medaillon, von den ersten Künstlern Italiens verfertigen und von den berühmtesten Poeten Gedichte auf sie machen, die er in einer Sammlung mit dem Titel »Isottoei« vereinigte. Warum er sie nach Ginevras Tode (1440) nicht heiratete, ist unbekannt; wahrscheinlich war es aus politischen Rücksichten, die ihn auch zu einer zweiten Ehe mit Polixena Sforza bewogen. Wie hoch er aber immer Isotta auch öffentlich stellte, beweist unter anderem, daß er ihren Bruder in seinem Schloß mit großer Festlichkeit zum Ritter schlug und mit Geschenken überhäufte. Charakteristisch für die Ansichten der Zeit ist es, daß ein benachbarter Fürst, Guido von Urbino, in zahlreicher Versammlung und in Gegenwart der legitimen Frau des Hausherrn dem neuen Ritter, Bruder von des letzteren Geliebten, die goldenen Sporen umschnallte und dies, ohne Anstoß zu geben, tun durfte. Isottas Vater, der anfangs der Tochter harte Vorwürfe gemacht hatte, war längst versöhnt, und als auch Polixena starb, wurde Isotta endlich Sigismunds legitime Frau (1456). Sie war eine vortreffliche Gattin und Mutter, milderte und versöhnte bei den Fehlern, zu denen ihn sein Ehrgeiz verleitete, hielt ihn aufrecht im Unglück, verkaufte ihr Geschmeide, als er in Not war, opferte alles für ihre Kinder, und, als sie später die Regentschaft führte, stand sie in bestem Einvernehmen mit den anderen Fürsten Italiens, die sie hoch schätzten und nach Sigismunds Tod beschützten.

Sigismund hatte zwei Todfeinde; der eine war Papst Pius II. (Äneas Sylvius Piccolomini), der ihn haßte, weil er sich untreu im Dienst von Siena benommen hatte, und der zweite war Federigo von Montefeltro, der in fortwährendem Zwist mit ihm war, wegen streitiger Besitztümer, die sie abwechselnd eroberten und sich wieder entrissen. Umsonst versuchten andere italienische Fürsten, sie zu versöhnen, der Streit dauerte zwanzig Jahre lang und endete erst mit Malatestas Ruin. Im Jahr 1460 berief Pius II. einen Kongreß nach Mantua, um einen Kreuzzug zu organisieren, lud auch Sigismund dazu ein und verordnete deshalb einen Waffenstillstand mit dessen Feinden, die ihn in Rimini hart bedrängten, wogegen er aber einen Vertrag annehmen mußte, der ihn mehrerer Besitzungen beraubte. Sigismund, selten Verträge haltend, brach auch diesen alsbald und suchte die genommenen Besitzungen wiederzuerobern. Darüber erzürnte sich der Papst aufs neue, exkommunizierte ihn und verlangte vom heiligen Kollegium seine Verurteilung, nachdem er alle seine angeblichen Missetaten aufgezählt hatte. Er beschuldigte ihn, seine zwei Frauen getötet, eine edle Deutsche, deren Schönheit ihn reizte und die ihm widerstand, umgebracht zu haben; erklärte ihn für einen Heiden, der nicht an die Unsterblichkeit der Seele glaube, wie es die von Malatesta gewählten Skulpturen in der von ihm neugebauten Kirche S. Francesco bewiesen, wo er »nicht einmal Gott verherrlicht habe«. Endlich erklärte er ihn für einen Verräter und Feind Gottes und der Menschen, der die Anjous und die Türken nach Italien gerufen habe und der verdiene, verbrannt zu werden. Das Urteil wurde bestätigt, und der Papst ließ nun von einem Künstler eine Gestalt verfertigen, dem Malatesta so ähnlich, daß man ihn zu sehen glaubte, und ließ ihr einen Zettel umhängen mit der Inschrift: »Ich bin Sigismund, Sohn Pandolfos, Fürst der Verräter, Feind Gottes und der Menschen, durch das heilige Kollegium zu den Flammen verdammt.« Dann wurde diese Gestalt feierlich auf den Stufen von St. Peter verbrannt.

Von dieser Verurteilung gingen ohne weiteres die Gerüchte aus, nach denen die Geschichte Sigismund beurteilt hat. Mich aber ließ das Interesse an dieser großartigen Gestalt nicht dabei stehen bleiben, und es ergaben sich mir, wie ein freudiges Licht, aus weiteren Forschungen folgende Schlüsse, die ich dem Andenken Sigismunds und Isottas zu rechtfertigender Entgegnung gegen ihre Feinde weihe. Zunächst fand ich, daß die Beschuldigungen zuerst von den zwei erbittertsten Feinden Malatestas ausgesprochen wurden, vom Papst und von Montefeltro, die beide das größte Interesse daran hatten, ihn hassenswert hinzustellen; dann, daß die Väter der zwei Frauen, ein Este und ein Sforza, ihn nie beschuldigt haben, an deren Tode schuld zu sein; ferner, daß in dem wilden Kriegsleben jener Zeit gewiß vieles geschah, was außer ihm auch andere Kriegsführer sich zu Schulden kommen ließen, ohne deshalb von der Kirche verdammt zu werden, und endlich: wenn, was wohl nicht zu bezweifeln ist, seine leidenschaftliche, in jeder, auch in sinnlicher Beziehung übermächtige Natur ihn öfter zu Gewalttaten hinriß, so muß man doch in die andere Wagschale das werfen, was er außer jener wilden Seite seines Wesens war: ein Mann von der höchsten geistigen und künstlerischen Begabung, der das Schöne an sich, frei von dogmatischer Beschränktheit, liebte, wie es die herrlichen Skulpturen seines Tempels beweisen, aus denen feindliche Böswilligkeit ihm einen Vorwurf machte, während sie doch nur die edle künstlerische Freiheit seines Geistes zeigen, ein Mann schließlich, der Künstler und Gelehrte auf das großmütigste ehrte und belohnte und, was am meisten für ihn spricht, dem eine Frau wie Isotta in treuester Liebe verbunden blieb.

Nach der Komödie der Verbrennung des Bilds in Rom griff der Papst zu dem Mittel niedrigster Verfolgung, indem er die Untertanen Sigismunds durch Bedrohung mit kirchlichen Strafen gegen ihn aufhetzte und im Verein mit den anderen Feinden ihn so bedrängte, daß sich Sigismund zuletzt genötigt sah, im Jahr 1463 nach Rom zu gehen und sich zu demütigen, worauf ihm die Kirche all seinen Besitz, außer Rimini, abnahm und so, wie fast immer bei ihren politischen Verhandlungen, ein gutes Geschäft machte. Aber Sigismunds stolze Seele und unglaubliche Energie waren auch durch die widrigsten Schicksale nicht zu beugen. Er begab sich in den Dienst Venedigs, das Krieg gegen die Türken führte, und befehligte dessen Truppen in Morea, tat Wunder der Tapferkeit, wurde aber von der mißtrauischen Regierung Venedigs nicht so unterstützt, wie es hätte sein sollen. Dort überfiel ihn eine schwere Krankheit, so daß man ihn in Italien schon tot sagte, aber 1486 kehrte er genesen zurück und wurde nun vom Papst Paul II., dem Nachfolger Pius II., der inzwischen gestorben war, nach Rom, wo man ihn im Bilde verbrannt hatte, eingeladen, und dort wurde ihm, dem Kämpfer gegen die Ungläubigen, ein festlicher Empfang zuteil. So wechselten damals die Ansichten der infalliblen Männer auf dem päpstlichen Stuhl!

Aber Sigismunds Schicksal eilte dem tragischen Ende aller Heldennaturen zu. Papst Paul handelte treulos gegen ihn, wollte Rimini durchaus für die Kirche in Besitz nehmen und bot ihm dafür Foligno und Spoleto. Da flammte noch einmal der wilde Zorn in Sigismunds Seele auf; sein Rimini, wo er sich sein Heim und künstlerisch Herrliches geschaffen, konnte er nicht hergeben. Er eilte abermals nach Rom mit dem Vorsatz, den Papst zu töten. Sein Zorn und sein Schmerz waren so heftig, daß er weder Speise zu sich nehmen, noch schlafen konnte, so daß sein treuer, vertrautester Diener ihn flehentlich bat, ihm seinen Kummer zu gestehen und all seinen treuergebenen Dienern nicht den Schmerz zu bereiten, ihn in solchem Zustand zu sehen. Dies ist wieder einer von den Zügen, deren der Chronist so viele erzählt, die beweisen, daß Sigismund warm von seinen Untergebenen geliebt wurde, also ein gütiger Herr war.

Der Papst, vielleicht vom Bewußtsein seiner Treulosigkeit gewarnt, empfing Sigismund, umringt von Kardinälen und Gefolge. Sigismund hatte gehofft, ihn allein zu finden und mit dem unter dem Gewand verborgenen Dolch zu töten. Vor der unerwarteten Versammlung brach endlich sein stolzer Wille, und in dem erschütternden Gefühl, daß es mit seiner Macht zu Ende sei, fiel er anstatt zu morden dem Papst zu Füßen und bat, ihm sein Rimini, an dem sein Herz hing, zu lassen. Dafür verordnete ihm der Papst, Führer der päpstlichen Truppen zu sein. Aber das war eine zu kleinliche Aufgabe für seine hochfliegende Seele, so ärmlich konnte er nicht enden. Er kehrte nach Rimini zurück, versorgte seine Kinder mit angekauften Gütern, bat vor allem sein begonnenes herrliches Werk, die Kirche von S. Francesco, zu vollenden, beschäftigte sich noch liebevoll damit, das Schicksal Isottas und seines geliebten Sohnes Sallustio zu sichern, und starb im Oktober 1468, erst 51 Jahre alt.

Isotta aber und Sallustio fielen dem Neid und der Grausamkeit von Isottas Stiefsohn Roberto zum Opfer; er ließ sie ermorden, und die Kirche strafte ihn nicht dafür. Sigismunds Schöpfung in S. Francesco blieb unvollendet; aber was davon erhalten ist, spricht wieder für ihn in vielfacher Weise. Zuerst zeigt eine Inschrift in griechischer Sprache, wie ihm der Gedanke zu dem Bau gekommen; sie lautet: »Sigismund Pandolfo Malatesta von Pandolfo, in vielen und großen Gefahren in den italischen Kriegen bewahrt und siegreich, errichtete, freigebig spendend, dem unsterblichen Gott und der Stadt einen Tempel, wie er es mitten in jenen Kämpfen gelobt hatte, und hinterließ ein ruhmvolles und heiliges Andenken.«

Allerdings hatte darin Pius II. recht, daß Sigismund in den Skulpturen, die den Tempel schmücken, nicht gerade Gott verherrlicht habe, vielmehr scheint es, daß er der großen, echten Liebe seines Lebens, der für Isotta, geweiht war. Denn nicht nur, daß er ihr und sich bei Lebzeiten prächtige Grabmäler in diesem errichten ließ, es finden sich auch überall an den Friesen, den Architraven und Balustraden die beiden Initialen S und I schön verschlungen eingegraben, gleichsam als hatte er die Ewigkeit dieser Liebe, allen vergänglichen, irdischen Verirrungen in eine höhere geistige Welt entrückt, bezeugen wollen.

Das tiefe, beinah leidenschaftliche Interesse, das mich an das Studium der Geschichte dieses an ausgezeichneten Gestalten so reichen Geschlechts fesselte, und die Freude, die ich empfand, die hervorragendste unter ihnen, die Sigismunds, mir in das rechte Licht zu stellen, verschönte mir die Zeit, die ich in Rimini verbrachte, so daß ich die moderne Badewelt um mich her kaum noch sah und neben jenen nur noch am Meer, stärkender Luft und schönen Ausflügen mich ergötzte. Die Abende, bis zu später Stunde auf der großen Plattform, rings vom Meer umrauscht, waren besonders köstlich und reich an Eindrücken, die in eine Gedankenwelt führten. So sah ich z. B. eines Abends, was ich noch nie gesehen hatte, den Mond aus dem Meer aufsteigen. Die Sonne im Meer auf- und untergehen hatte ich schon öfter gesehen, auch schon den Mond in das Meer versinken, aber ihn aufsteigen aus ihm noch nie. Es war ein entzückend schönes Schauspiel, das mir wieder die tiefe Poesie der griechischen Seelen verdeutlichte, die jeden Naturvorgang mit Ideen in Verbindung brachten und daraus eine belebte Welt ideeller Wesen schufen. Wie sich die mild leuchtende Scheibe langsam aus der dunklen Flut emporhob und, höher steigend, einen Lichtäther verbreitete, über dem sich der dunkle Nachthimmel wie ein Tempel wölbte, da konnte man wohl eine zarte jungfräuliche Göttin ahnen, die, in keuscher Sitte durch die Nacht wandelnd, nur einmal, von der Schönheit des schlafenden Schäfers Endymion allmächtig gerührt, sich herniederneigte, um den schönen Schläfer leise mit einem Kuß zu grüßen. Jetzt haben Sprache und Wissenschaft den Mond degradiert, ihn zum männlichen, kalten, halb erstarrten Körper gemacht – ist der Gewinn an Wissen den Verlust an Poesie wert?

Eines Ausflugs in die liebliche Umgegend Riminis muß ich noch gedenken, an einen Ort, der in die Gegenwart wie ein Stück Vergangenheit hineinragt und doch ein sehr bemerkenswertes Stück Leben enthält.

In der äußerst malerischen Linie der Bergkette, die das Panorama von Rimini, vom Meer aus gesehen, abschließt, erhebt sich über die anderen Höhen eine dreigipfelige Felsmasse, die der »Titan« genannt wird. Sie trägt, frei und stolz wie ein Adlernest, die kleine merkwürdige Republik San Marino. Auf den drei Felsspitzen sieht man schon von weitem Türme und Mauern, hinter denen sich die Stadt verbirgt. Eine gute Straße führt zwischen schönen Villen, Kirchen, Dörfern und mit Wein bepflanzten Hügeln in etwa drei Stunden zu Wagen hinauf. Am Fuß der oberen Felsmasse, die wie auf einem Sockel auf der unteren Bergeshöhe liegt, befindet sich der Borgo, die Vorstadt, die einen Gasthof, ein Bankgebäude, eine Piazza mit Kaufläden und mehrere vielbesuchte Messen im Jahr hat. Von da geht es hinauf auf die äußerste Höhe der kalkigen Tuffsteinmasse zu der alten Stadt. Sie ist von festen Mauern und Türmen umgeben, die Anfang des 16. Jahrhunderts von einem berühmten Architekten, Belluzi aus San Marino, gebaut wurden.

Gleich beim Eintritt in diese fällt es angenehm auf, Inschriften auf einer Menge von Gebäuden zu sehen, die sie als wohltätigen Zwecken geweiht bezeichnen. An einer Kirche findet sich die Inschrift: »Divo quirino dicatum 1549«, die sich auf eine Begebenheit in der Geschichte von S. Marino bezieht: ein Fabiano da Monte San Savino brach in der Nacht des 4. Juni 1343 von seinem Schlosse mit 500 Mann Fußvolk und etwas Reiterei auf, um die Stadt zu überfallen und sich ihrer zu bemächtigen. Gegen Morgen gewahrten die Sanmarinesen den Verrat, rüsteten sich schnell und schlugen die Angreifer mit großer Tapferkeit zurück. Zum Andenken an diese heldenmütige Bewahrung ihrer Freiheit feiert man noch heutzutage am 4. Juni, dem Tage des heiligen Quirinus, ein Fest. Dann an einem kleinen, unansehnlichen Haus ist eine Tafel angebracht, worauf geschrieben steht: »In diesem Haus, am 31. Juli 1849, verweigerte Joseph Garibaldi, umringt von den österreichischen Truppen, den Akt der Übergabe und bewahrte sich für bessere Zeiten auf.«

Das Haus gehört einem schon hochbejahrten Mann, Simoncini mit Namen, der im Erdgeschoß ein kleines Café hält. Die freie Erde von San Marino war schon oft eine Zufluchtsstätte für politisch Verfolgte unter den päpstlichen und österreichischen despotischen Regierungen geworden, und der arme »Popolano Simoncini«, wie er sich selbst nennt, hatte schon mehr wie einem wackeren Mann geholfen, der Verfolgung zu entgehen; aber die teuerste Erinnerung seines Lebens war es, daß er Garibaldi hatte retten und beherbergen können. Am 28. Juli 1849, nach dem Fall der römischen Republik durch die Waffen der Schwester-Republik in Frankreich, kam Ugo Bassi: der edle Mönch, der zum Freiheitskämpfer geworden war, auf der Flucht von Rom mit drei Begleitern nach S. Marino. Zum Tode erschöpft, suchte er vergebens, in den beschwerlichen auf- und absteigenden Straßen der Stadt nach einem Unterkommen und trat endlich in das Café des Simoncini ein, mit der Bitte, ihn die Nacht da auf einem Stuhl verbringen zu lassen. Der brave Volksmann aber, sehend, wie erschöpft er war, sagte: »Nein, in meinem Bett sollt Ihr schlafen! Ihr habt es nötig; ich will mich schon mit Euren Leuten hier einrichten.« Bassi fiel dem guten Mann um den Hals und rief voll Freude: »Du bist ein wahrer Republikaner.«

Die Wanderer wurden nun mit Abendbrot und gutem Marinowein erquickt, dann traten sie an das Fenster, von wo man einen weiten Blick auf die an das Gebiet der Republik grenzenden Berge hat, auf deren Gipfeln in dieser Nacht überall Feuer flammten und die Gegenwart der österreichischen Truppen anzeigten. Als Ugo Bassi dies sah, fuhr er erschrocken zusammen und rief: »Um Gotteswillen, der General ist zwischen zwei Feuern eingeschlossen – er ist verloren!« Darauf wendete er sich zu Simoncini und sagte: »Wir müssen ihn retten!« und beschwor diesen, einen zuverlässigen Boten aufzufinden, der sogleich einen Brief zu Garibaldi tragen könne, der auf dem Berge Tassona mit den Seinen lagere. Der brave Popolano lief alsbald in die Nacht hinaus, während Bassi den Brief schrieb, und kam mit einem mutigen Arbeiter zurück, der auf beschwerlichen Bergpfaden, immer in Gefahr, gefangen genommen zu werden, glücklich mit dem Brief zu Garibaldi gelangte. Dieser änderte alsbald seinen Rückzugsplan und kam, von dem wackeren Boten geführt, am 31. Juli in S. Marino im Hause Simoncinis an, begleitet von seinem Generalstab, einem kleinen Haufen seiner Krieger, die mit ihm von Rom entkommen waren, und seiner heldenmütigen Frau, Anita, die schon in Amerika, wie auch jetzt in Italien, alle Beschwerden und Gefahren seiner Unternehmungen geteilt hatte. Aber sie war krank und zum Tod erschöpft. Simoncinis Frau und Tochter nahmen sich der Armen liebevoll an und pflegten sie, so gut es ihre beschränkten Verhältnisse erlaubten.

Darauf entspannen sich Unterhandlungen zwischen der Regierung der Republik und den österreichischen Befehlshabern, die die Ergebung der Flüchtlinge auf Gnade und Ungnade verlangten. Garibaldi schlug dies natürlich ab und sagte in einem kurzen Brief: »Ein guter Republikaner kapituliert niemals.« Dann löste er den Rest seiner Legion auf, indem er meinte, daß es für die einzelnen leichter sei zu entkommen und daß nur die bleiben sollten, die ihm freiwillig folgen wollten. Anita warf sich der Frau Simoncinis in die Arme und rief unter Tränen: »Frau, ich habe keine Mittel, dir zu lohnen, aber ich werde nie die Güte vergessen, die du mir bewiesen hast.«

Von sicherem Führer auf gefahrvollen und beschwerlichen Pfaden an das Meer geleitet, schifften sich die Flüchtlinge ein, um nach Ravenna zu gelangen, aber noch vorher, an ödem Gestade, mußten sie aussteigen, weil die Heldenfrau ihren Leiden erlag. Der verzweifelte Gatte und der letzte bei ihm gebliebene seiner Gefährten betteten sie selbst zur Ruhe in die Erde.

Wie sehr das Andenken an den herrlichen Volkshelden, der hier Zuflucht und Rettung fand, den Sanmarinesen teuer ist, beweist außer der Gedenktafel an Simoncinis Haus ein kleines Monument mit der Büste Garibaldis, von einem Gärtchen umgeben, das liebend gepflegt wird. So ehrt diese letzte der italienischen Gemeinden des 13. und 14. Jahrhunderts das Andenken der Freien und scheint noch in die Zeit zu gehören, wo sie, friedlich und glücklich, unter dem glorreichen, mittelalterlichen Wahlspruch libertas perpetua lebte, bevor sie den klassischen Namen Republik annahm. Ein schönes, neues Regierungsgebäude, im Stil des Bargello zu Florenz, hat die Republik sich jetzt auf einem freien Platz gebaut, von wo der Blick weit hinaus schweift über die trefflich mit Wein bebaute Ebene, das Meer und die Höhen der Berge von Carpegna, wo die ersten Burgen der Montefeltro und der Malatesta waren und wo ihre Feindschaft sich entspann. Eine Menge poetischer und historischer Erinnerungen schweben um dies reiche Panorama und erhöhen den Reiz der immer jungen, blühenden Natur, die ewig neu wird über den Gräbern der Jahrhunderte.

Die Regierung der kleinen Republik ist so originell, einfach, praktisch und auf sittliche Motive gegründet, daß ich mir nicht versagen kann, die Hauptsachen davon hier anzuführen, denn sie scheint mir in vieler Hinsicht Vorzüge vor den Regierungen unserer modernen Staaten zu haben. An der Spitze der Regierung stehen zwei Kapitäne, zwei Oberhäupter, die zweimal im Jahr neu, auf sechs Monate, gewählt werden; also keine Erblichkeit wie in den Dynastien und keine konventionelle, an das Herrschertum streifende Machtstellung der Präsidenten moderner Republiken. Im März und im September versammelt sich der Rat, der aus sechzig Mitgliedern besteht, die unter den ehrlichsten und gebildetsten Bürgern aller Klassen ausgesucht und vom Volk auf Lebenszeit ernannt sind. Diesem Rat ist die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten anvertraut. Am bestimmten Tage werden in feierlicher Versammlung in der Hauptkirche die Namen von zweien der sechs Räte, die die meisten Stimmen haben, aus der Urne gezogen und zu Regenten für das nächste halbe Jahr ernannt. Es ist dies eine herrliche Garantie für das öffentliche Wohl, da nur anerkannt gute, gebildete, fähige Menschen im Rate sitzen. Den Tag darauf ist dann die ganze Stadt im Festkleid. In Prozession ziehen die alten und neuen Regenten, in schönem, altspanischem Kostüm von schwarzem Samt, um den Hals das Großkreuz des Ordens von San Marino, gefolgt von der Nobelgarde, von allen Zivil- und Militärbehörden, die Musik der Bürgergarde voran, zur Kirche, und nach der Messe und dem Tedeum ziehen sie in den Ratssaal zurück; dort leisten die neuen Regenten in lateinischer Sprache den Eid; die alten Kapitäne steigen vom Thron, grüßen die neuen mit einer Verbeugung, als Zeichen des zu beginnenden Gehorsams, und ziehen sich zurück. Die neuen Regenten empfangen die Schlüssel und Siegel der Stadt und beginnen ihr Amt.

Was ich über den Volkscharakter der kleinen Republik gehört habe, machte mir das Eiland alter, ehrwürdiger Institutionen noch sympathischer und achtungswerter. Das Volk ist ehrlich, aufrichtig, gastfreundlich, freut sich, wenn Fremde kommen, die teure Heimat zu sehen, liebt den Frieden über alles, duldet aber nicht, daß man an seine alte Freiheit rührt, und scheut weder Schwierigkeiten noch Gefahren, um dies zu hindern. Zufrieden auf der Felsenhöhe, wo sie geboren sind, wünschen die Sanmarinesen gar nicht größeren, reicheren Besitz. Napoleon I., als er Herr in Italien war, bot ihnen beträchtliche Vergrößerung ihres Gebiets an. Die damaligen Regenten antworteten ihm: »Klein sind wir und klein wollen wir bleiben.« Sie wußten es, daß mit dem größeren Besitz all die Feinde wahrer Größe, die in Tugend und Einfachheit besteht, daß Ehrgeiz, Neid, Habsucht einziehen und sie ihrer Freiheit verlustig machen würden.

Die bürgerliche Gleichheit ist das teuerste Vorrecht der Sanmarinesen, ihre Sitten bewahren ihnen die Freiheit, und ihre Armut schützt sie vor fremden bösen Einflüssen. Um den bisher unangefochtenen Charakter der Republik zu kennzeichnen, erzählt Marino Fattovi, der über sie geschrieben hat, folgendes: »Im Jahr 1868 ersuchten nordische Spekulanten die Regierung um die Erlaubnis, auf dem Gebiet der Republik ein Spielhaus errichten zu dürfen und versprachen dafür Geld, Eisenbahn, Wohltätigkeitsanstalten und anderes, kurz, Reichtum für Gegenwart und Zukunft. Das Volk, zufrieden in seiner Armut, eingedenk der verlockenden Anerbietungen Napoleons, überzeugt, daß es einer freien Regierung, die nur wert ist, zu bestehen, wenn sie sich auf Tugend stützt, sehr übel anstände, sich zum Instrument des Verderbens, der Verirrungen und Sittenlosigkeit der Jugend zu machen, ließ sich nicht durch die glänzenden Versprechungen verführen und verwarf das unmoralische Anerbieten mit Stolz und Verachtung.

Sei gesegnet, kleines Adlernest wahrhafter Republikaner, und wenn unten die Welt in trüben, unredlichen Verirrungen und daraus entstehendem Elend krankt, so richte du den Adlerblick zur Sonne der Freiheit und bleibe arm, aber tugendhaft und zufrieden!


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