Malwida von Meysenbug
Memoiren einer Idealistin - Zweiter Band
Malwida von Meysenbug

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Eine schöne Überraschung

Ich bedurfte bei Abfassung meines Romans »Phädra« einer Schilderung Korfus, das ich leider nicht selbst gesehen habe, und erinnerte mich dabei, vor mehreren Jahren Beschreibungen der Ionischen Inseln in der Augsburger Allgemeinen Zeitung gelesen zu haben, die mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatten, so daß ich danach zu suchen anfing, bis ich sie endlich zu einem Band vereinigt mit dem Titel »Odysseische Landschaften« vom Freiherrn Alexander von Warsberg wiederfand. Es erschien mir dies Buch als ein wahres Muster der Reiseliteratur und erfüllte mich mit Sympathie für den Autor, dessen Seele mir aus diesen Blättern sprach und dessen hohe klassische Bildung neben dem Reiz poetischer Naturanschauung zugleich ernste Belehrung gewährte. Doch lag mir der Gedanke fern, daß ich jemals zu dieser Persönlichkeit eine Beziehung haben könne, da ich nach eingezogener Erkundigung erfuhr, daß er weit ab in einer Mitte lebe, die fern von allen mir befreundeten oder erreichbaren Kreisen war. Um so größer war mein Erstaunen, als ich einige Zeit nach dem Erscheinen dieses Romans einen Brief mit dem Poststempel »Korfu« und der Unterschrift »Alexander v. Warsberg« erhielt, der also lautete:

»Ich bin ein schlechter Romanleser, und nun gar deutsche Romane nehme ich kaum je zur Hand. Da ich vor drei Wochen in Wien war, forderte mich aber mein Buchhändler auf, doch einen Blick in die drei Bände der Phädra zu werfen, weil er meinte, so wie ich ihm seit langen Zeiten bekannt geworden bin, würde ich darin eine Menge Ideen finden, die er seit Jahren von mir gepredigt höre. Auf der See, zwischen Triest und Korfu schwimmend« (Herr v. Warsberg war zu der Zeit österreichischer Konsul in Korfu), »habe ich denn das Buch auch wirklich in einem Zuge verschlungen. Sie haben für alle Lebensfragen den edelsten Idealismus zur Grundlage, um darauf Ihre Antwort aufzubauen, und der wahrer ist als der heute so vorlaute Realismus, weil doch nur die Oberfläche der Dinge körperlich erscheint, in ihnen, in einem jeden aber andere uns ungreifbare Kräfte wirksam sind. Ich sende Ihre drei Bände eben einem gleichgesinnten auch menschenfreundlichen Freund, Graf Rudolf Hoyos, damit er sie mit meinen Anstrichen und Randglossen lese und dann einer Freundin weitergebe. Ihr Buch ist ein wirklich merkwürdiges, und erstaunlich ist mir die Persönlichkeit, die dahinter steht.«

Es folgten dann noch Erkundigungen, ob ich mit einem Herrn meines Namens verwandt sei, der im österreichischen Staatsdienst Staatssekretär im Ministerium gewesen sei und in dessen Hände er seinen Amtseid bei seinem Eintritt in das Ministerium abgelegt habe und anderes. In meiner Antwort konnte ich ihm nun sagen, daß dies mein Bruder gewesen sei und konnte ihm einige Anknüpfungspunkte an mein persönliches Leben geben, nachdem er durch das Buch einen ihm sympathischen Eindruck von meiner Geistesrichtung erhalten hatte. Dieser Antwort folgte bald ein zweiter Brief von ihm, und es entspann sich eine eifrige Korrespondenz, die sich durch zwei Jahre fortsetzte und uns ohne persönliche Bekanntschaft einander sehr nahe brachte. Seine amtliche Stellung in Korfu sagte ihm zum Teil seiner angegriffenen Gesundheit wegen zu, aber ich konnte mir nach dem Eindruck der Odysseischen Landschaften wohl denken, daß diese klassische Stätte ihm auch eine wahre Seelenheimat sein mußte. Doch schrieb er mir in einem der nächsten Briefe: »So schön und sonnig ich in der Stadt wohne, das Meer nur fünfzig Schritt vor und unter mir, mit den jenseitigen, schneebedeckten Steilgebirgen von Epirus in weitester Ausdehnung sichtbar, so kann und mag ich doch hier nichts Poetisches, Duftiges anrühren. Eine Unterbrechung jagt die andere, und indem ich schreibe, muß ich fortwährend in amtlichen Dingen Bescheid geben. So bin ich ein Wollüstling der Einsamkeit geworden. Gute Gesellschaft finde ich beinah nur noch in Büchern. Bei jeder anderen Berührung stört mich die Mangelhaftigkeit der Form, des Ausdrucks. Beim Bauer noch am wenigsten, denn für das, was er zu sagen hat, stimmt das Kleid seiner Rede. Die sogenannten Gebildeten aber heutzutage kommen mir gerade so vor wie die Sänger, denen der Wortschwall der modernen Schule die Stimme ruiniert hat. Man muß zu Goethes Zeit besser gesprochen haben, so wie man schöner schrieb.« Er erzählte dann, daß er sich die »Memoiren einer Idealistin« gleich nach der Lesung der Phädra habe kommen lassen, sie aber der ewigen amtlichen Störungen wegen noch nicht gelesen habe und sie für seinen nächsten Landaufenthalt aufbewahre, »denn«, fuhr er fort, »soviel habe ich daraus schon genippt, um zu merken, daß es ein unter Oliven und Zypressen mit dem Fernblick auf das Meer und dem Klange der Brandung im Ohr zu lesendes Buch ist, und da ich das mindeste, was der Leser dem Autor schuldet, darin erkenne, daß er ihm ähnliche Stimmungen entgegenbringe, wie sie ihm der Verfasser geben will und sie bei seiner Arbeit empfand, so übe ich auch immer die Gerechtigkeit, meine Lektüre den Situationen und Örtlichkeiten möglichst anzupassen, ebenso meine eigenen Arbeiten, die ich auch danach einrichte, gleichstimmig zu inspirieren. Sie werden mir dienen, wie ich ihnen. Die Jahreszeit ist schon so entwickelt, daß ich annehmen darf, es wird bald geschehen können, daß ich mein Landhaus bei Gasturi beziehe, wo ich zufälligerweise – bis auf den Luxus, den Sie hineingedichtet haben – wohne, als sei ich Ihr Originalheld der Phädra. Ein Freund, dem ich Ihren Roman mitgeteilt hatte, war, als ich ihn in die Villa führte, auch von dem Zufall betroffen, wie Sie, gleich wahren Dichtern, was Sie mit visionärem Auge zu schauen begehrten, auch wirklich gesehen haben.«

Nach kurzer Zeit kam wieder ein Brief, aus seinem Landhaus datiert, wo er schrieb: »Ich stehe schon mitten in dem Roman einer Idealistin, oder eigentlich ich bin schon ein gut Stück über die Hälfte hinaus, denn ich beendigte heute nacht den zweiten Band. Ich habe mich nicht verschrieben, indem ich eben »Roman« statt Memoiren sagte. So in diesem Eindruck lese ich das Buch in einer Spannung, die mich oft stundenlang, obgleich ich zu anderen Dingen übergehen müßte, nicht davonkommen läßt. Liegt das am Erlebten oder an der Art, wie dieses erzählt wird? Vielleicht an beiden und noch mehr aber an der Art, wie das Erlebte erlebt ward und weil alle Gedanken des Buchs den Eindruck machen von Gelegenheitsgedanken im Goetheschen Sinn. Nie hat man den Eindruck, daß etwas aus einem anderen Grund gesagt worden ist, als weil es die eigene augenblickliche Erfahrung, und zwar ohne viel Nachdenken, ohne Reflexion, so aufsprießen ließ, nicht anders als die Feldblumen sprießen, niemals so, wie in Gewächshäusern gezüchtet wird. Das ist überhaupt ein Vorteil der Frau, wenn sie gescheit ist und schriftstellert, daß alles an ihr origineller, unmittelbarer, eigentümlicher erscheint. Sie hat auch vielmehr le courage de son opinion, der in Wahrheit den Männern beinah gänzlich fehlt. So war die George Sand, so ist die Ouida in ihren besten Sachen, so finde ich nun Sie. Philosophisch freilich erscheinen Sie darum nicht. Auch mit Ihrer Politik wären keine Staaten zu regieren. Besser begegnen wir uns auf dem sozialen Gebiet. Was Sie dort bemerken, sah, bedauere und tadele auch ich. Die Differenz besteht dort nur zwischen uns betreffs der Heilmittel: Ich sehe diese, bezüglich der Menschheit, vielleicht zynischer an als irgendeiner. Alle Irrtümer in der Behandlung dieser Fragen beruhen darauf, daß sich der Mensch im einzelnen und noch mehr die Menschheit als solche im ganzen einen sehr überschätzten Wert beilegen. Wir sind nur knapp etwas höher im Organismus des Ganzen zu achten, als das Tier und die Pflanze. Man sehe nur, wieviel in der Welt ganz ohne unser Zutun und selbst ganz ohne unser Verständnis, nicht weniger als über dem Tier und der Pflanze hinaus, geschieht, ja, wie wir ganz wie diese Elemente des kosmischen Werdens nicht einmal uns selbst beherrschen können, nichts, recht eigentlich gar nichts von uns abwenden können. Es ist nicht möglich, den Menschen als den Abschluß des Daseienden zu fassen. Es müssen Kräfte über uns sein, deren Einfluß wir empfinden, ohne deren Wirken zu sehen, wie wir in jedem Augenblick Tausende von Wesen vernichten, die von uns keine andere Vorstellung haben können, als wir vom sogenannten Fatum. Ich kann darum für alle sozialen und politischen Fragen keine andere Heilmethode anerkennen, als diejenige, die imstande ist, für den Augenblick rein praktisch zu wirken, und konnte daher, trotz meinen dichterischen Anschauungen, noch jedesmal mit jeder Tagesfrage des öffentlichen Lebens fertig werden. Mit sehr starkem Willen begabt, würde ich mich nie fürchten, als ausübender Staatsmann den Stier bei den Hörnern zu fassen. Daher haben für mich in der Geschichte auch sehr viele energische Staatsmänner recht gehabt, z. B. alle die Tyrannen der italienischen Renaissance. Ich respektiere sie, denn sie haben etwas geleistet. Und nur darauf kommt es an. Deswegen sind wir hier. Das ist unsere eigene und der Menschheit Veredelung im allgemeinen. Mehr ist der Mensch nicht wert. Tier und Pflanze fallen demselben Zweckbegriff zum Opfer. Freiheit freilich gibt es dabei keine, gab es auch nie, nur im Zustand der ersten Wildheit. Bildung, Erziehung, Zivilisation und wie die vergoldenden Worte alle heißen, sind Bindung, Einschränkung. Sehen Sie die ganze Weltgeschichte an; das mag traurig sein, aber es ist so, so wie es auch immer schon so war.

Zu all dem haben Sie mich angeregt. Ich denke nun viele Tage so fort auf meinen Spaziergängen, nachdem ich, unter Olivenbäumen liegend, Sie gelesen. Man könnte aus Ihrem Buch einen Auszug der herrlichsten Gedanken ›Sinnsprüche‹ machen. Ein Liebling von mir ist im 18. Kapitel des 1. Bandes, die Bemerkung über die moralische Heilkraft des Meers. Herrlich, was Sie im nächsten Kapitel sagen, daß in jeder weiblichen Liebe ein Zug Mutterliebe mit enthalten sei. Das habe ich geahnt, Sie haben es erfunden. Die ganze Seite des 2. Bandes, da Sie bei Broadstairs am Meere saßen, der Mond aufging und Sie divinatorisch die erste Form der Liebe in der Materie gewahrten und errieten, habe ich an- und unterstrichen. Das sind Dithyramben eines Dichters, wie nur Dante einer gewesen. Dann Ihre Erziehungstheorie, daß es gelte, die Originalität der Naturen zu erhalten, habe ich ebenso angestrichen. Ich gehe noch weiter: als moralischen Mörder möchte ich den Lehrer verantwortlich erklären und unter einen Strafkodex stellen, der diese Originalität umzubringen wußte. Denn damit schädigt man die Produktionsfähigkeit für das allgemeine Beste. Das ist ein größeres Übel für die Menschheit, als manchmal einen umzubringen, der ihr im ganzen nichts Gutes getan hat. Ferner S. 143, wo Sie wiederum in der Meereseinsamkeit das Mysterium des Lebens fanden, habe ich auch so hundertmal zu meinem Glück und Wohlergehen erfahren.

Ihr Stil ist ganz absonderlich. Sie scheinen sich gehen zu lassen, und doch liest man sich dabei in einen fortwährenden Claude Lorrain hinein. Das mag der Idealismus sein, den Sie selbst bekennen als die Grundlage Ihres Wesens und der den Gemälden jenes Meisters auch als allgewaltig innewohnt. So sehr habe ich immer den Eindruck, Claude zu sehen, wenn ich Sie lese, daß ich, ein Gläubiger der Seelenwanderung, ganz ernstlich frage: ist da nicht jener Keim wieder aufgegangen?«

Wenn mir schon diese Briefe, sowohl was Lob als Tadel betraf, höchst wertvoll und erfreulich waren, so wurden sie es noch mehr durch die darin ausgesprochenen allgemeinen Ansichten, mit denen ich nicht immer übereinstimmte, die mir aber nach und nach das Bild der Persönlichkeit des unbekannten Freundes vervollständigten und zu einer großen anziehenden Bedeutung erhoben. Am Ende des ersten Jahres unserer Korrespondenz erhielt ich wieder einen Brief aus Korfu, nachdem er im Sommer auf dem Festland in Österreich gewesen war und von da einen Besuch in Weimar gemacht hatte, das er noch nicht kannte, »natürlich um Goethes willen«, schrieb er, »ich lese jetzt seine Werke mit ganz anderem Verständnis, seitdem ich deren Hintergrund, die Umgebung, habe kennen lernen. Für die Wahlverwandtschaften z. B. ist diese Kenntnis des Schauplatzes, der Gärten, die darin offenbar Muster gewesen sind, ganz unentbehrlich. Es fällt mir dabei auf, wie man einen Schriftsteller, je vollendeter er schrieb, mit den zugenommenen Jahren noch ganz anders erkennt, wie man ihn doch im frischen, regen Jünglingsalter erfaßt zu haben glaubte. Ich meinte stets den ganzen Goethe umfaßt zu haben, und sehe jetzt, da ich z. B. seinen Winckelmann wieder lese, daß ich noch nichts davon erfaßt habe, daß er ein Übermensch ist im Vergleich zu der Vorstellung, die ich von damals her hatte. Das Durchgeistigte des Stils, wie jedes Wort nicht bloß ein gedachtes, vielmehr ein durchaus gefühltes ist und er sich wohl auch nur dadurch leiten ließ, sowohl im künstlerischen, wie im verständigen Sinn, das bemerke ich erst jetzt ganz in meinen alten Tagen. Ich glaube, daß es nichts Stilbildenderes gibt, als Goethesche Prosa zu buchstabieren.« Dann fuhr er fort: »Ich lebe jetzt ganz einsam, die Abende meist allein zu Haus, bis 2, 3 Uhr nachts lesend, mit Vorliebe alte Bücher. Ich begreife so viele meiner Freunde nicht, die sich die Zimmer voll mit reizendem alten Gerümpel stellen, dazu aber französische Schandromane lesen, die nur schlecht wiederholen, was die schmutzige Gegenwart uns schon unausweichlich gegenüberstellt. Das eine oder andere ist unwahr und affektiert: diese antike Sammelwut oder das Lesen dieser Modernen. Ich will durch meine Bücher, wie durch meine Zimmer, in eine andere poetische, märchenhafte Welt versetzt werden. So schwelgte ich z. B. diese Nacht in Washington Irvings tales of a traveller, besonders in den goldenen Träumen des Wolferl Webber. Sie haben auch Ihr ganzes Leben so goldig geträumt, und ich preise Sie darum glücklich. Sie hätten uns allen nicht den Wert, wenn Sie statt dessen nach heutigem Pariser Muster, recht wohl berechnet, praktisch das Leben und Ihre Werke mit der Elle zugemessen, mit der Schere beschnitten hätten.«

So erschien mir immer der gleiche Idealismus in ihm, immer die Höhe der ästhetischen Anforderungen an die Kunst und an das Leben und die Überzeugung, daß in beiden das Schöne, Gute, Natürliche der wahre Realismus ist, wie er dies in einem seiner Bücher sehr schön ausdrückt. Indem er von der entzückenden Schönheit der jonischen Ufer von Kleinasien und der Herrlichkeit des Meeres bei Knidos redet, sagt er: »Die Venus könnte jeden Augenblick daraus wieder auferstehen, ohne unnatürlicher zu erscheinen als die Delphine, die aufspringend und sich überschlagend ihr Leben genießen. So durchaus aus der Natur geboren, wie jedes Denken und Empfinden der Alten, war auch der antike Götterglaube, daher Homer sagen durfte: »denn leicht zu erkennen sind Götter«. Die Welt ist nie natürlicher gewesen als damals, echt realistisch, im guten, edlen – ich möchte sagen, um nicht mißverstanden zu werden, weil heute dieses Wort so korrumpiert wird – im idealen Sinn«.

Von seinen äußeren Verhältnissen erfuhr ich nun nach und nach so viel, daß er aus einem sehr alten lothringischen Geschlecht stamme. Einer seiner Ahnen hatte sogar den kurfürstlichen Stuhl von Trier inne gehabt, und durch mehrere Jahrhunderte werden die Warsberg in Urkunden als freie Reichsritter des rheinfränkischen Gaues oder als Mitglieder des Deutschherrn- und Johanniter-Ordens genannt. Ihr Stammbaum war untadelig, und sie waren in den stolzesten Kapiteln stiftsfähig, trugen auch Lehen von Trier und empfingen dort am Hofe Ämter und Würden aus der Hand des Kurfürsten. Auch ein Alexander von Warsberg, der von 1767 bis 1814 lebte, war der letzte Kämmerer des Erzstifts, sah den Untergang des Reichs und das Ende der Selbstherrlichkeit des eigenen, sowie vieler anderer, deutscher Geschlechter. Hätte man dem Atavismus nachspüren wollen, so hätten sich in meines Freundes Charakter wohl nicht undeutliche Spuren von jenen Vorfahren finden lassen, zunächst das stolze Unabhängigkeitsgefühl reichstreuer kleiner Dynasten (daher seine Anhänglichkeit an Österreich, als der geschichtlich berufenen ersten Macht Deutschlands und seine Abneigung gegen Preußen), sein Widerwillen gegen den Protestantismus und seine Vorliebe für antike Kunst, deren Überreste in Trier so bedeutend sind.

Der Vater Alexanders hatte von seinen Vorfahren ein ansehnliches Vermögen ererbt, und seine drei Söhne konnten sich in der ersten Jugend als Erben eines reichen Besitzes ansehen. Unglückliche Spekulationen machten diesem ein Ende, und als die Familie nach Graz übersiedelte, wo Alexander sein erstes Universitätsjahr verbrachte, wurde ihm die herbe Enttäuschung zuteil, sich in einer völlig veränderten Lebenslage zu finden. Er ertrug dies Mißgeschick mit dem heiteren Sinn der Jugend und ging dann zur Fortsetzung seiner Studien nach München, wo ihm in Kunst, Wissenschaft und Literatur die Quellen reicher Bildung und durch den Umgang mit hervorragenden Menschen die förderndsten Einflüsse zuteil wurden. So hatte er unter anderem viel im Hause des Grafen Pocci, des geistreichen Romantikers, verkehrt, wo bedeutende Menschen aus- und eingingen und ihn mit Auszeichnung behandelten. Hier hatte er öfter die königlichen Prinzen, damals noch Knaben, gesehen, die mit den Söhnen des Hauses zu spielen kamen. Er widersprach auf das entschiedenste dem Gerücht, daß die Erziehung sehr viele Schuld gehabt habe an den nachherigen traurigen Geisteszuständen des edlen, hoch- und idealbegabten Königs Ludwig II. und seines Bruders und berief sich dabei auf die vorzüglichen Männer, die daran beteiligt gewesen waren und die er in jener Zeit kennen gelernt hatte.

Wie träumerisch innerlich sein Gemütsleben damals gewesen sein muß, erhellt aus einem kleinen Vorfall, den er mir später, nach persönlicher Bekanntschaft, einmal erzählte. Seine Mutter war mit ihm nach München gezogen, als er sich dahin zur Universität begab, kehrte aber nach einiger Zeit in den Wohnort der Familie, Graz, zurück. Alexander war danach eines Abends im Theater und ganz verloren in die poesieerfüllte Gedankenwelt, die dort in ihm angeregt war, schritt er, ohne sich dessen bewußt zu sein, der Straße zu, wo die Mutter gewohnt hatte, um wie gewöhnlich den Teeabend bei ihr zuzubringen, trat in das Haus ein, erstieg die Treppe, zog die Klingel und wurde seines Irrtums erst inne, als eine ihm fremde Magd die Tür öffnete und fragte, was er wünsche.

Das Verhältnis zu seiner Mutter muß ein besonders inniges gewesen sein. Sie liebte diesen Sohn über alles, und sein feines, sinniges Wesen, sowie seine ungewöhnlichen Geistesgaben und sein Eifer bei ernsten Studien waren die Freude seiner Eltern. Nur wegen seiner von klein auf zarten Gesundheit hatte die Mutter schwere Sorgen, wozu beitrug, daß das wissensdurstige Gemüt des Knaben ihn nur zu oft forttrieb von den Spielen und dem leeren Zeitvertreib anderer Kinder, in einen stillen Winkel, wo er Stunden hindurch, mit Lesen und ernsten Arbeiten beschäftigt, allein blieb.

In jener Studienzeit in München ging ihm dann in ungewöhnlicher Weise sein Lebensprogramm auf. Eines Tages sah er in der neuen Pinakothek ein Gemälde von Peter Heß, das einen Trupp griechischer Landleute darstellt, die am Strand des Meeres dahinziehen. »Da, wie es zuweilen zu gehen pflegt,« sagte er, »daß dem Menschen durch irgendein zufälliges Ereignis seine eigentliche Bestimmung und sein Schicksal in einer Art von Hellsehen, wie in einer plötzlichen Beleuchtung, klar werden, fühlte ich, indem ich dies Bild betrachtete, daß ich das auch einmal erleben müsse, und all mein Wünschen und Wollen richtete sich darauf, Griechenland und den Orient zu sehen.« Und als er es erreicht hatte und in seinem ersten Buch »Ein Sommer im Orient« jenes prophetisch erleuchteten Moments gedachte, schrieb er: »Es ist nicht das erstemal, daß mir scheinbar Unmögliches, das ich übermütig begehrt hatte, gewährt worden ist; dem Wunsche, wenn er nur fest und unablässig bleibt, wird selten die Erfüllung fehlen. Eine eigentümliche Kraft, etwas wie ein elektrisches Fluidum ist in ihm wirksam, das instinktiv unsere ganze Tätigkeit nach dem einen Ziele richtet. Wird dieses dann, so wie heute« (als er nun wirklich im Orient war) »erreicht, dann scheint es mir Pflicht eines schuldigen Danks, der glücklichen Stunde und der Veranlassung zu gedenken, die zuerst die Sehnsucht und das Verlangen geboren hat.«

Nach beendigter Universitätszeit und glänzend bestandenem Examen trat er in den Staatsdienst, als Praktikant bei der Grazer Statthalterei. Aber die engen, wenig anregenden Verhältnisse der Provinzialstadt übten einen niederdrückenden Einfluß auf das Gemüt des jungen Mannes aus, und vergebens suchte die liebende Mutter einen Ausweg für ihn aus dieser Lage und einen Schauplatz, wo seine reiche Begabung sich frei nach allen Seiten hin entwickeln könnte. Das Geschick kam ihm endlich zu Hilfe durch die Bekanntschaft mit der Familie des Freiherrn von Prokesch-Osten, der als österreichischer Botschafter in Konstantinopel weilte, dessen Familie aber in Graz zurückgeblieben war. Frau von Prokesch, eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Frau, empfing den jungen Warsberg in ihrem gastlichen Hause, erkannte seine edle, reiche Natur, betrachtete ihn bald wie einen Sohn und führte ihn mit sich nach Konstantinopel, als sie ging, ihren Mann zu besuchen. Hier entspann sich nun das innige Freundschaftsband zwischen Prokesch und dem jüngeren Mann, das von Seiten des letzteren zu einem wahren, das Grab überdauernden Kultus der Verehrung und Liebe wurde. Die Spuren des gewaltigen Einflusses, den der ältere auf den jüngeren Freund ausübte, finden sich überall in dessen Schriften, in den Äußerungen über Politik, Geschichte, Gesellschaft und Kunst. Was er von Prokesch sagte, läßt sich auch auf ihn anwenden: »Es ist merkwürdig, wie realistisch er, der Poet, den man so oft auch einen Phantasten nannte, in den politischen Dingen sich stets in der Gegenwart hielt. Er mahnt auch dadurch an die Menschen der antiken Zeit. Entfernte und nebelhafte Möglichkeiten hatten keinen Reiz für ihn. Namentlich sein Charakterbild als Staatsmann ist dadurch markiert. Das kam daher, weil er, durchaus moralisch, als Politiker stets nur an die Interessen dachte, die er zu vertreten hatte, an die des Volkswohls und nicht an das Mehr oder Weniger von Belohnung für seine Eitelkeit.«

Ebenso Poet wie Prokesch, Idealist in Poesie und Kunst, lagen Warsberg auch alle politischen Träume fern, oder vielleicht entfernte er sie prinzipiell aus seinem Denken, weil er weder demokratisch noch konstitutionell gesinnt war, sondern autokratisch-monarchisch. So sagte er mir einmal, indem er von seiner politischen Tätigkeit in Griechenland sprach und von einer Periode des vorherrschend demokratischen Elements daselbst, er habe dem Könige von Griechenland gesagt: »Die Politik der Könige ist warten.« Das habe sich in dem Fall auch bewahrheitet, da kurze Zeit darauf das demokratische Ministerium gestürzt worden sei. Ich war nicht seiner Meinung und meinte vielmehr, die Politik der Könige sei, voraussehen und vorbeugen. Auf dem politischen Gebiet waren wir aber überhaupt selten derselben Ansicht. So hatte ihn z. B. das Jahr 1866 in »leidenschaftliche Verzweiflung« gebracht und es konnte ihn selbst nicht trösten, als Prokesch ihm aus Konstantinopel, nach dem Ende des preußisch-österreichischen Kriegs, schrieb: »Daß wir aus dem deutschen Bunde sind, ist die einzige Lichtseite in unserem Unglück; denken Sie recht nach, und Sie werden es auch finden. Außerhalb können wir in Deutschland gelten, innerhalb desselben, Preußen oder Minoritäten mit engen Gesichtspunkten gegen uns, nichts. Möge der Kultus der goldenen Kälber, der bloßen Formen und des Scheins aufhören und dafür Intelligenz walten, dann kann Österreich, gerade weil es nicht im Bund ist, etwas werden. Geschieht dieser Umschwung nicht, dann freilich wird es in keiner Lage etwas sein.«

Wie aber nicht allein durch persönliche Einflüsse, sondern durch die ersten größeren Reisen ostwärts in die Länder seiner Träume, die er nun wirklich besuchen konnte, sich ihm der Blick weitete und die Weltbildung sich vorbereitete, die seine späteren Reisen vervollständigen halfen, und wie sich alle Schätze von Poesie und Naturgefühl, deren Keime in seiner Seele lagen, zu voller Blüte entwickelten, zeigt uns schon seine erste größere literarische Arbeit, die seine erste Reise nach Konstantinopel im Jahre 1864 beschreibt. Wenn uns in den »Odysseischen und Homerischen Landschaften« der gereifte Mann entgegentritt, in dessen Gemüt das Leben schon manchen tiefen Schatten geworfen und dessen Begeisterung selbst eine Beimischung wehmütiger Resignation hat, so weht uns aus diesem reizenden Buch eine Jugendlichkeit der Auffassung und des Empfindens an, die wahrhaft bezaubert, da sie schon mit jener künstlerischen Lebhaftigkeit der Darstellung verbunden ist, die uns glauben macht, daß wir mit ihm sehen. Er war damals 28 Jahre alt, aber es sprüht aus diesem Buch noch die volle Frische einer Jünglingsseele, neben einer staunenswerten Belesenheit in den alten Schriftstellern, aus denen ihm an Ort und Stelle die geistvollste Begründung historischer Tatsachen gegenüber der hochmütigen Verweisung solcher ins Fabelreich von selten deutscher Katheder-Professoren hervorging. So sagt er u. a. in diesem Buch:

»Kein Blick auf eine andere Stätte der Welt hat mich mehr bewegt, als der auf dieses Feld von Troja. Es ist nicht Gefallen an der Landschaft, denn die Luft ist kalt und farblos; es ist auch nicht jenes unbedachte Entzücken, das sich in Selbstvergessenheit verliert, denn mir bleiben hundert betrachtungsvolle Gedanken, es ist vielmehr etwas wie Staunen und Grauen, daß die Fabeln wahr gewesen und daß Meer und Land die Schicksale der Helden überdauert haben. Welche Taten spielten auf diesem Boden! So ungeheuer und herrlich, daß die spätere Anwesenheit eines Xerxes, Alexander und Cäsar, die hier alle der älteren Erinnerung gehuldigt, hier gebetet und geopfert haben, vergessen werden kann. Es war schon die orientalische Frage, die auf diesem Flecke Erde Europa und Asien zum erstenmal einander gegenüber stellte, und die dann jene späteren Eroberer fortgesetzt haben.«

Schon bei dieser ersten Reise entwickelte sich die begeisterte Liebe zum Orient, die Warsberg wie auch Prokesch nie mehr losließ und beide dem Okzident und der westlichen Zivilisation etwas entfremdete. Mehr als einmal drückte Warsberg den geheimen Grimm gegen den Okzident in scharfen Worten aus, wenn ihn die Zauber des Orients mit ihrer Magie umgaben und ihm den Kontrast zwischen dem Mutterland aller Kultur und der modernen Zivilisation besonders anschaulich machten. So sagt er z. B. einmal auf seiner lykischen Reise im Theater von Kanthos: »Das Großartigste unserer Gebirge ist hier dem Schönsten des Südens vermählt. Leicht begreift man, auf so alten ansehlichen Ruinen stehend und aus ihnen solche Prachtbilder schauend, daß der Mensch hier einmal sich wohlbefinden, sich festsetzen, reich und übermächtig werden konnte. Aber was man nicht begreift, ist, daß die Menschheit solche Glücksgüter heute verschwendet, unbebaut und unbewohnt läßt, lieber in Hungerländern modert, ein Tier auf dürrer Heide, das immer spekuliert.«

Durch die Anschauung der Realität in Natur und Kunst, durch das Betreten der geschichtlichen Stätten früherer Kultur fielen dem wohlvorbereiteten Geist des jungen Mannes helle Streiflichter auf sein eingesammeltes, theoretisches Wissen, und am lebendigen Born der Erkenntnis trinkend, mochte er es wohl bedauern, drei Jugendjahre hindurch das leere Stroh der Katheder-Philosophen zu Häckerling verarbeitet zu haben, wie er sich einmal ausdrückte. Seine ganze Entwicklung führte ihn zu antiken Anschauungen in Philosophie und Kunst, so daß ich ihm schrieb, er komme mir vor wie ein antiker Grieche und er sei gewiß in einem früheren Leben schon einmal dort gewesen. Darauf antwortete er mir: »Es hat mich gefreut, daß Sie mich nach Griechenland gehörig befinden. Ich habe dasselbe Gefühl, daß da eigentlich meine Heimat ist. Und oft erscheint mir die Gegenwart nur wie ein Erinnern, ein Wiedererkennen des schon Gekannten.« Dann schrieb er ein andermal, sich entschuldigend, daß er lange nicht geschrieben: »Ich bin vor allem ein Pflichtmensch und auch darin ein antiker Grieche, daß ich zuerst die vom Staate übernommenen Pflichten zu erfüllen für nötig finde.« Seine oft wiederholten Besuche bei dem ausgezeichneten Freunde in Konstantinopel trugen viel dazu bei, die geistige Reife Warsbergs zu zeitigen. Die Liebe, die er dem älteren Mann entgegenbrachte, wurde von diesem auf das herzlichste erwidert, so daß er sogar nach dem Tod seines zweiten Sohnes, der im deutsch-dänischen Kriege fiel, nur von Warsberg begleitet, von Pera aus auf die einsame Insel Prinkipo im Golf von Nikomedien ging, um dort in dem gemeinsamen Lesen Schopenhauers Trost zu suchen. »Und morgens«, sagte Warsberg, »ließen wir uns nach dem benachbarten, noch stilleren Eilande Chalkis überschiffen und dort in einer ganz abgelegenen stillen Bucht, wo man sich Tausende von Meilen Europa und seiner Zivilisation entfernt glauben kann, unter einer Pinie auf dem reinsten Seesande gelagert, den Blick auf den asiatischen Olymp gerichtet, las er mir Seite um Seite des halb indisch-asiatischen Philosophenwerkes vor. So in solcher Weise und vor ähnlichen Landschaften haben Pythagoras und Plato ihre Schüler gelehrt. Gewiß wäre es für Schopenhauer eine seiner größten Freuden gewesen, wenn er gewußt hätte, daß einstmalen, durch solche Hörsäle des herrlichsten Erdenwinkels, auch sein Wort weiterklinge.«

Wer wollte Warsberg nicht um solcher Stunden Genuß glücklich preisen? Wer würde nicht sagen, daß trotz bitterer Erfahrungen und langer körperlicher Leiden sein Leben dennoch das eines Auserwählten gewesen ist, dem das seltenste Glück der Erde, das einer so edlen Freundschaft mit einem gereiften, hochbegabten Mann, schon in der Jugend zuteil ward, der in dieser Genossenschaft die schönsten, durch Natur und Geschichte ausgezeichneten Stätten besuchen durfte, dem es vergönnt war, den Orient, die heilige Wiege unseres Geschlechts, mit seinen Dichteraugen anzuschauen und unter dem Zauber jener Eindrücke mit dem Weltgeist zu verkehren. Was ihm dieser Orient war, wie er im edelsten Sinn religiös auf seine Seele wirkte, bezeugt folgender Ausspruch: »So oft sich die Menschheit dort schon erfrischt, neue Religionen und Ideen geholt hat, leichter noch wird es dem einzelnen auf jenem geschichts- und gottesgeheiligten Boden, seine Seele wieder zu gebären im Geist der Wahrheit und des Glaubens.«

Zwei Jahre ungefähr hatte die Korrespondenz gedauert, die uns ohne persönliche Bekanntschaft einander schon so nahe gebracht hatte, als ich plötzlich die freudig überraschende Nachricht bekam, daß Warsberg auf einige Zeit nach Rom komme, um sich einer Kur zu unterziehen, die ein italienischer Arzt gegen chronisch gewordenen argen Husten und gegen Atemnot als unfehlbar gefunden zu haben glaubte. Dieses Leiden war Warsberg nach einer Lungenentzündung, die ihn in Paris befallen gehabt hatte, nachgeblieben und war ein Hauptgrund, weshalb er die Stellung als österreichischer Konsul nachgesucht hatte, weil er von dem milden Klima des herrlichen Phäakenlandes Heilung hoffte. Da ihm diese aber auch dort nicht geworden, wollte er nun diese ihm auf das wärmste empfohlene Kur gebrauchen. Mit welcher Freude ich dieser Begegnung entgegensah, kann man sich denken, aber doch auch mit einer Art von Spannung, die nicht ganz ohne Besorgnis war, denn wie groß auch die Sympathie sein mag, die zwei Geister zueinander zieht, so liegt doch auch ein gewisser Zauber in der Erscheinung, der dazu gehört, um sich persönlich ganz zu genügen. Ich wäre sehr enttäuscht gewesen, hätte sich mir dieser geistig so bedeutende Mann in einer äußerlich vulgären Gestalt gezeigt, denn leider ist es ja nicht immer möglich, daß die Seele sich auch ihren Körper schafft. Sehr froh war ich daher, als sich am bestimmten Tag und zur bestimmten Stunde die Tür öffnete und, so wie ich es mir gedacht hatte, ein hoher, schlanker, blonder Mann mit dem Ausruf: »Endlich!« bei mir eintrat, dessen ganze Erscheinung das Gepräge wahrhaft adeligen Wesens und edler Kultur trug. Schnell verschwand daher die erste Befangenheit dieses schon so vertraut gewesenen Fremdseins, und nach einer Stunde heiteren Gesprächs waren wir alte Freunde, die sich längst gekannt.

Es kamen nun Stunden freundlichen Zusammenseins, entweder am Tag bei mir, wenn es ihm erlaubt war, auszugehen, oder, da er am Abend nicht ausgehen durfte, bei ihm im Hotel, wo er mit zwei ausgezeichneten Freunden wohnte. Bei diesen kleinen geselligen Abenden verhielt sich Warsberg meist schweigend, da ihm viel Sprechen bei seiner Atemnot peinlich war, aber er folgte teilnehmend den Gesprächen und gab ihnen hier und da durch ein geistreiches Wort neuen Impuls und Schwung. Nie habe ich so gefühlt, wie bei ihm, was die bloße Gegenwart eines geistvollen und gütigen Menschen für eine anregende, magnetisch geistzeugende Kraft hat. Es ist dieselbe Wirkung wie die, die eine schöne, harmonische Naturumgebung auf uns ausübt, alles Verstimmende, Beleidigende, womit die Welt uns anfällt, verschwindet, wir fühlen uns unter dem Einfluß jener ewigen Sonne, die nur Blüten höchsten Wertes zeitigt und mit ihrem verklärenden Licht die Widersprüche des Lebens versöhnt.

Leider blieb die von dieser Kur gehoffte Wirkung völlig aus; nach zwei Monaten zuweilen sogar vermehrter Leiden schloß er mit ihr ab und bereitete sich, in Venedig seine Stellung als General-Konsul anzutreten. Er war dazu ernannt worden, nachdem er eine Reise der Kaiserin von Österreich im Orient geleitet hatte, wozu freilich niemand besser als er geeignet war, der den Orient so genau kannte und während seines Konsulats in Korfu fast kein Jahr hatte vergehen lassen, ohne das Mittelmeer in ein oder anderer Richtung zu durchstreifen, immer mit dem Homer als Begleiter, wobei er die Überzeugung erhielt, daß dieser die Orte, die er beschreibt, auch selber gesehen habe, eine Überzeugung, die er mit schlagenden Gründen den Behauptungen pedantischer Professoren entgegenhielt.

Es gibt so viele angenehme Begegnungen im Leben, die uns auf das freundlichste berühren und uns manche Stunde angeregt verbringen lassen. Aber wenn sie scheiden, schließt sich die Welle wieder über ihnen, das Leben nimmt seinen gewohnten Fortgang, als wären sie nie dagewesen, und es bleibt nur zuweilen eine vorübergehende Erinnerung, die nichts in den Tiefen unseres Daseins verändert. Dagegen gibt es Erscheinungen, die, wenn sie in unser Leben treten, uns das Gefühl geben, als sei uns etwas lang Entbehrtes endlich zuteil geworden, eine Ergänzung unserer selbst, mit der für den, der »ewig strebend sich bemüht«, sich neue Sphären der Vervollkommnung öffnen und sich das Geheimnis wahrhaft edler, menschlicher Beziehungen erfüllt: miteinander und durcheinander zu wachsen an ethischem Wert und den Inhalt des Lebens immer bedeutungsvoller zu gestalten. Solch eine Erscheinung war Warsberg, und das Scheiden einer solchen läßt eine tiefe Lücke, die nichts auszufüllen vermag. Die nun noch häufiger werdende Korrespondenz war ein halber Ersatz, sie wurde nun persönlicher als vorher und bezog sich vielfach auf seine neue Einrichtung in Venedig, wo er schon immer eine Wohnung gehabt hatte, weil er diese Stadt über alles liebte und sagte, daß sie ihm nie ein Leid getan; für seine neuen Verhältnisse als General-Konsul, die ein Geschäftslokal erforderten, war jene frühere zu klein, und er mietete den ganzen Palazzo Modena, der den in Venedig seltenen Vorzug eines großen, schönen Gartens hatte, wo im Schatten alter Bäume Marmorbilder standen, und dessen große Säle mit trefflichen Deckenmalereien geschmückt waren.

Da ich in dem folgenden Sommer meine gewöhnliche Sommerreise nach Versailles zu Olga durch Deutschland nehmen wollte, um in München die Ausstellung zu sehen und dann meine letzte überlebende Schwester in Ems zu besuchen und geschrieben hatte, daß ich deshalb über den Brenner reise, so erhielt ich eine dringende Einladung von Warsberg, nicht so nahe an Venedig vorüber zu fahren, ohne ihm einen Besuch zu machen und ein paar Wochen bei ihm zu verweilen. Nach einigem Bedenken nahm ich an, da ich mich freute, ihn wiederzusehen, und fuhr Ende Mai über die lange Eisenbahnbrücke der Lagunen, der herrlichen Stadt entgegen, die ich seit vielen Jahren nicht gesehen hatte. Am Bahnhof empfing mich der gute Freund und führte mich in seiner Gondel zu dem herrlichen Palazzo Pisani am Canal grande, wo seine bisherige venetianische Wohnung im dritten Stock war, vor dem sich eine breite Terrasse hinzieht, von der man die herrlichste Aussicht auf die stolzen, architektonisch so zauberischen Paläste hat, die sich in der weiten Wasserfläche spiegeln. Er führte mich gleich in den schönen mit edlem Kunstsinn geschmückten Räumen umher, und ich empfand alsbald die Gewißheit, daß sich hier Stunden reinsten Genusses verbringen lassen müßten. Ich fand auch Warsberg etwas wohler und heiterer als in Rom, und es ließ sich alles so freundlich und glücklich an, daß ich dem Schicksal im Herzen dankte, das mir am Lebensabend noch eine so seltene Freundschaft unter so schönen Bedingungen geschenkt hatte.

Am Abend geleitete er mich in ein ihm befreundetes Haus, wo er öfter seine Abende zuzubringen pflegte, und hier, wo ich ihn zuerst in einem größeren Kreis sah, fiel es mir auf, wie sehr er unter all den anderen Männern das Interesse auf sich zog, obgleich er, nach gewöhnlichen Begriffen, weniger schön und äußerlich bevorzugt war, als manche der Anwesenden. Es war bei ihm, wie es bei sehr bedeutenden Menschen zu sein pflegt: es geht eine Wirkung von ihnen aus, ein magnetisches, geistiges Fluidum, das, ohne daß sie es wollen und suchen, die verwandten Seelen anzieht. Aus all dem gewöhnlichen Geplauder der Salon-Konversation heraus sehnte man sich nach einem Wort des bleichen, kranken Mannes, und wenn er sprach, hörte man nur auf ihn und hätte immer weiter hören mögen, besonders wenn er vom Orient erzählte. Nach einem solcher Abende in seine Wohnung zurückgekehrt, verweilten wir noch lange in lauer Mainacht auf der herrlichen Terrasse im angeregten Gespräch. Unten auf den ruhigen Wassern des Canal grande glitten noch einzelne Gondeln dahin, nur durch ihr kleines Laternchen verraten, das wie ein feuriges Auge heraufblickte, gleichsam lauernd, ob kein Verräter das zu geheimnisvoller Tat eilende Fahrzeug erspähe. Oben am Himmel glänzten Myriaden Sterne; die phantasievollen Paläste, die den Kanal einfassen, lagen in nächtliches Dunkel gehüllt. Plötzlich erhob sich vom jenseitigen Ufer eine herrliche Tenorstimme und sang eine reizende italienische Kantilene voll süßer, wehmütiger Lieblichkeit in die Zaubernacht hinaus. Warsberg schilderte mir in bewegten Worten seine Vorliebe für Venedig, und ich stimmte voll Begeisterung ein und sagte endlich, wie ich der allgemeinen Annahme nicht beipflichten könne, daß der Süden den Menschen mit zu starken Fesseln an das Leben bände, und wie es mir gerade eine seiner schönsten Wirkungen schiene, daß er die Seele so zur Harmonie stimme, Natur und Geist so in Einklang setze, daß der Tod wieder zum idealen Genius mit der umgekehrten Fackel werde und man ohne Widerstreben bereit sei, sich in die unsägliche Harmonie des Daseins aufzulösen, während der Norden mit seinem dunkeln Drang nach dem unerreichbaren Ideal, in der ewigen Zerrissenheit zwischen Wunsch und Erfüllung den Tod als den bittern Trank empfinde, der die Unbefriedigtheit des Lebens endet. Warsberg schwieg eine Weile, dann sagte er: »Sie haben recht.« Kam ihm in dem Augenblick die Ahnung, daß gerade in Jahresfrist der milde Genius auch ihm, dem Griechen, die Fackel löschen werde? Ich weiß es nicht, aber wäre sie mir gekommen, die unsägliche Schönheit dieser Zaubernacht hatte sich mir in bitteren Schmerz verkehrt, denn was ich gesagt hatte, galt nur den Sterbenden, nicht den Überlebenden.

Doch sollte diese schöne, ernste Stunde noch heiter enden. Eben als wir die Terrasse verlassen wollten und uns gute Nacht wünschten, um ein jeder in seine Zimmer zurückzugehen, erschien ein mir bisher noch unbekannter Bewohner des Hauses, nämlich eine große Katze, die, wie ich nun erfuhr, mit von Korfu herübergekommen war. Sie sprang auch mit der vollen Keckheit eines sich zu Hause fühlenden, verwöhnten und kapriziösen Kindes umher, und ehe wir es uns versahen, hatte sie eine kleine Vase von ihrem Postament heruntergeworfen, deren Scherben nun den Boden bedeckten. Warsberg wurde nicht nur nicht böse, wie ich ihn später, ungeschickten Dienstboten gegenüber, habe werden sehen, sondern er nahm die Katze auf den Arm, liebkoste sie und gab ihr hundert Namen mit so zärtlich liebevollem Ton, wie ich ihn noch nie hatte sprechen hören. Ich beobachtete ihn still und freute mich, ihn einmal so ganz unmittelbar als Gefühlsmenschen zu sehen, in einem Augenblick, wo kein Überwiegen des Intellekts und keine konventionelle Form den reinen Ausdruck des Gemüts störte.

Mehrere Monate nachher schrieb er mir einmal bei einer besonderen Veranlassung, daß er es gern habe, nicht ganz gekannt zu sein, daß er in der Welt eine Maske trage und daß selbst in seinen intimeren Beziehungen niemand den Grund seines Wesens kenne. Es komme ihm vor wie eine Demütigung, sogleich erkannt zu sein, selbst seiner Mutter habe er dieses Vorrecht nie gewährt. Er schloß mit den Worten: »Ich will gefürchtet, nicht geliebt sein, und so über Euch allen schweben, wie ein antiker Tyrann. Frei steht es Euch dann, mich hinterrücks umzubringen.«

Ich mußte herzlich über dies doch halb im Scherz gesagte Paradoxon lachen und schrieb ihm in meiner Antwort von dem Eindruck, den mir jene Nachtszene mit der Katze gemacht und wie ich dabei einen tiefen Einblick in die große Liebesfähigkeit seines Herzens getan hätte. Er schrieb mir darauf wieder: »Die Katzen liebe ich wirklich sehr, aber wissen Sie, warum? Weil sie griechisch-klassisch anmutig, d. h. graziös sind. So sind es die Bildwerke des Phidias, die Grabsteine von Athen, die antiken kleinen Terrakotten und die Vasengemälde. Von lebenden Wesen sah ich so nur die Fanny Elsler und hörte die Louise Neumann. Die rührte mich auch im Lustspiel bis zu Tränen.«

Er konnte nicht so bald von dieser komischen Grille des Unerkanntseinwollens abkommen und schrieb mir noch mehrere Male Erklärungen darüber. Ich antwortete ihm endlich: »Ihrer Tyrannei unterwirft man sich gern, nur hüten Sie sich, die Katzen zu liebkosen, wenn Sie unerkannt bleiben wollen. Es gibt solche Augenblicke, die Verräter sind, und warum wollten Sie diese Augenblicke verdammen, in denen die Augen der Sterblichen plötzlich hellsehend werden und den in die Menschengestalt exilierten Gott erkennen? Solche Augenblicke wie der unter der Pinie auf Ithaka, wo Sie wahrnahmen, daß Sie Zeus die Hand gereicht.«Reizende kleine von Warsberg erfundene Erzählung, seinem »Ithaka« eingeflochten.

Ich wohnte noch dem Umzug in den Palazzo Modena bei, dessen Einrichtung Warsberg selbst leitete. Es war keine kleine Aufgabe, den dreistöckigen Palast mit den großen Sälen, den vielen Zimmern, die noch dazu in vernachlässigtem Zustand waren, so künstlerisch und edel vornehm einzurichten, wie es sein ästhetischer Sinn verlangte. Diese Beschäftigung nahm, neben seinen amtlichen Arbeiten, denen er mit seinem strengen Pflichtgefühl vor allem oblag, seinen Tag in Anspruch, und erst gegen Abend gönnte er sich Ruhe und Erholung in einer Gondelfahrt, wobei ich ihn begleitete. Oft war er so müde und abgespannt, daß ich schweigend neben ihm saß und ihn dem Halbschlaf überließ, der ihn befiel. Aber wenn er sich wohler fühlte und in der Stimmung für heitere oder ernste Gespräche war, dann gehörten diese Gondelfahrten zu den schönsten Stunden meines Aufenthalts dort. Denn es gibt wohl kaum etwas Poesievolleres, als mit geist- und gefühlvollen Menschen in einer Gondel über die Lagunen hinzugleiten, den ewig neuen Reiz der Lichteffekte auf den Wassern, den herrlichen Palästen, den oft so malerischen engeren Kanälen mit ihren Brücken, und die träumerische Anmut der Inseln, die sich wie eine Fata Morgana aus den Wassern erheben, kurz, das ganze originelle Leben dieser einzigen Stadt – zu genießen.

Ich mußte endlich scheiden und meine Reise nach Norden fortsetzen, mußte dem guten Freund aber versprechen, auf der Rückreise wieder bei ihm einzukehren. Ich schrieb ihm dann ganz entrüstet über den Norden, wo mich trüber, grauer Himmel und feuchte, kalte Luft empfangen hatten, so daß ich wieder auf das lebhafteste den Sehnsuchtsdrang begriff, der von jeher die Völker und die einzelnen aus den nordischen Nebeln nach der sonnenverklärten Schönheit des Südens gelockt hat. Warsberg erwiderte: »Ich freue mich, daß Sie wie ich nordensmüde sind. Ich möchte nicht einmal mehr nach Wien reisen müssen.« Leider wurde ihm aber die für ihn so notwendige Ruhe in seinem neuen, schönen Heim nicht zuteil. Er mußte nach Österreich und schrieb mir von da ganz bekümmert, daß er im Oktober abermals eine Orientreise der Kaiserin geleiten müsse und er habe sich so gefreut, nun gerade diesen, in Ober-Italien so schönen Monat, in seinem mit der größten Mühe eingerichteten Hause in Venedig zubringen zu können. Mich bekümmerte diese Nachricht auch sehr, denn ich wußte, wie diese neue Anstrengung ihm schaden würde und wie nur ein geregeltes Leben in der schönen Ruhe seines Heims sein gefährdetes Dasein noch auf viele Jahre hinaus erhalten könnte. Leider konnte er sich nicht entschließen, seine so wohl begründeten Besorgnisse der Kaiserin mitzuteilen, sie würde sonst gewiß eingesehen haben, daß sie mit dieser Reise das Verhängnis heraufbeschwor, das ihr einen wahrhaft ergebenen Anhänger und so vielen einen teuren Freund raubte. Aber die Menschen achten zu wenig auf die warnenden Stimmen, die sich in entscheidenden Augenblicken in der eigenen Brust erheben und keine zu mißachtenden Orakel sind. Man ist immer nur zu sehr geneigt, zu denken, diesmal werde das Schicksal noch so vorübergehen, werde uns noch verschonen, oder der günstige Augenblick werde wiederkommen, und das Glück werde sich uns neigen, damit wir es erfassen könnten. Erst wenn das Unwiderrufliche eingetreten ist, beseufzen wir zu spät unsere Versäumnis.

Während der Reise erhielt ich nur einmal eine kurze Mitteilung aus Korfu, aber von anderer Seite aus Venedig die eines Briefes an den ihm treu ergebenen ersten Sekretär des General-Konsulats, worin er seine baldige Ankunft verkündete und schrieb: »Ich bin mit meiner Kraft zu Ende. Sie haben keine Vorstellung von den Anstrengungen dieser Reise. Alles lag auf mir, niemand sonst ordnete etwas an. Ich will sehr langsam durch Italien zurückreisen, um im Alleinsein mich auszuruhen.«

Die Rasttage, die er sich gönnte, schienen ihm auch gut getan zu haben, denn er schrieb mir von Rom aus, wohin ich noch nicht zurückgekehrt war, nur ganz kurz: »Ich fühle mich doch so weit ganz gut, daß ich hoffe, noch etwas erleben zu können. Denken Sie, wenn es eine Episode aus dem dritten Teil Ihrer Phädra wäre? Diese Hieroglyphen sind aber nur für Sie.« Natürlich erregten diese Worte meine Neugier auf das höchste und ich konnte bei dem Bemühen, dem Rätsel auf die Spur zu kommen, nur auf eine Heirat schließen. In meiner Antwort fragte ich daher scherzend, ob es eine schöne Phäakentochter oder wer sonst sei. Darauf erhielt ich einen in komischester Entrüstung geschriebenen Brief über die fürchterliche Vermutung und dann die Versicherung, daß es etwas ganz anderes sei. Zugleich aber bat er dringend, da meine Rückreise nach Rom bevorstand, den Weg wieder über Venedig zu nehmen und eine Zeitlang sein Gast zu sein. Andere Freunde sollten auch kommen, und er fügte hinzu: »Wenn solch ein Kreis beisammen ist, mein ich, müßte es doch Symposien geben, an die alle Teilnehmer noch lange mit Freuden zurückdenken würden.«

Diese schöne Aussicht lockte mich denn auch wirklich, Ende November von Mailand aus nach Venedig abzuzweigen, und ich wurde wieder daselbst auf das herzlichste empfangen. Es hatten sich schon einige andere Gäste eingefunden. Warsbergs Bruder, der geistvolle Pole, Herr von Klaczko, den ich schon aus seinen früheren ausgezeichneten Artikeln in der »Revue des Deux Mondes«, die ich noch mit A. Herzen zusammen gelesen hatte, kannte, und Graf Lanckoronski, der viel jüngere Freund Warsbergs, den ich schon in dem Winter in Rom in des letzteren Gesellschaft hatte kennen und schätzen lernen, der aber leider nur wenige Tage blieb, da er im Begriff war, eine große Reise nach Indien anzutreten. Auch Warsberg mußte seine Gäste auf einige Tage verlassen, da ihm die ehrenvolle Einladung zugekommen war, in Miramar mit dem österreichischen Kaiserpaar das Fest der 44jährigen Regierung des Kaisers zu begehen, das dort in aller Stille nur im engsten Hofzirkel gefeiert wurde. Er kam sehr heiter von dort zurück, erging sich im Lobe des kaiserlichen Paares und erklärte mir nun auch die Bedeutung jener Hieroglyphen, deren Deutung meinerseits ihn so entrüstet hatte, die aber nun kein Geheimnis mehr zu sein brauchten. Es war ihm nämlich der Auftrag geworden, der Kaiserin auf Korfu eine Villa zu bauen auf einem der schönsten Punkte der Insel. »So haben Sie mir doch wirklich mein Prognostikon in dem dritten Teil der Phädra gestellt,« sagte er und erwähnte dann noch einmal die »schauderhafte« Vermutung, zu der mich seine rätselhafte Andeutung geführt hatte. So herzlich ich immer über diese seine Entrüstung lachen mußte, so konnte ich mich doch nicht über den Auftrag freuen, denn ich sah voraus, daß bei dem Eifer, mit dem er ihn erfaßte, und der Anziehungskraft, die er auf seine künstlerische Phantasie übte, er seine schwachen Kräfte überbieten würde. Ich sagte ihm, ich wollte, ich hätte ihm ein anderes Prognostikon gestellt, und ganz war auch er nicht frei von dem Gefühl, daß es verhängnisvoll für ihn werden könne, aber es reizte ihn zu mächtig, seinem künstlerischen Verstehen und seinem Schönheitssinn in einer großartigen Schöpfung ein Denkmal zu setzen. In seiner Natur lag es, sich nach großen Aufgaben zu sehnen, denn es wohnten zwei Seelen auch in seiner Brust, und neben dem in einsamen Gedankenreichen sich glücklich fühlenden Weisen war auch der ehrgeizige Mann, der gern in das große Getriebe des Staatenlebens mit eingegriffen und seinen starken Willen wie seine Einsicht geltend gemacht hätte. Auch jetzt in Venedig war er gesonnen, das Konsulat aus der untergeordneten Stellung, in der sein Vorgänger es gelassen, zu politischer Bedeutung zu erheben und die noch immer etwas gereizte Stimmung dort durch liebenswürdiges Entgegenkommen zu versöhnen. Was ihn aber dazu trieb, sein Haus gleich in glänzender Weise der Geselligkeit zu öffnen, war nicht bloß der Wunsch, als Staatsdiener hier nützlich zu sein, sondern auch das Vergnügen, das er selbst daran hatte, seine schönen Gemächer im Lichterglanz strahlen zu lassen, an seiner reich besetzten Tafel ausgezeichnete Gäste (so unter anderen Sir Henry Layard, den ehemaligen Gesandten in Konstantinopel, jetzt in Venedig lebend, den Dichter Browning und viele andere) zu speisen und eine elegante Menge durch die prächtigen Säle wandeln zu sehen. An einem der ersten dieser geselligen Abende, wo die ganze vornehme venetianische Gesellschaft versammelt war, sah ich da auch Don Carlos, den spanischen Thronprätendenten, der in Venedig lebt und den Warsberg, trotzdem er ihm nicht sympathisch war, seiner Beziehung zu Österreich wegen bitten mußte. Er stellte mir diesen vor, zum Glück gleichzeitig einer sehr gewandten Weltdame, die bei mir stand und alsbald die Unterhaltung zu meiner Erleichterung übernahm, denn ich hätte absolut nicht gewußt, was ich mit diesem, seinem Schillerschen Namensvetter so unähnlichen, gar keine Sympathie erweckenden Manne, hätte sprechen sollen. Warsberg selbst verhielt sich bei solchen Festen meist still, weil seine körperlichen Leiden ihm jeden Genuß erschwerten und es für ihn Anstrengungen waren, die er meist mit schlaflosen Nächten und völliger Erschöpfung zahlte, aber Freude machte es ihm doch; es war das Künstlerische dabei, der schöne Glanz und die Fülle des Lebens, was ihn anzog, als Maler wäre er vielleicht ein Paul Veronese geworden. Und doch war er auch wieder ein tief verständnisvoller Bewunderer der griechischen Kunst und ihrer erhabenen, seelenvollen Einfachheit, und es war meine größte Freude, wenn das Gespräch sich darauf wandte, denn da hatte er so viel neue und geistvolle Dinge zu sagen, daß es ein wahrer Genuß war, ihm zuzuhören. Eines Abends zitierte er uns ein Wort Thorwaldsens, das Herr von Prokesch ihm mitgeteilt hatte, daß die griechische Skulptur so besonders reich im Genre gewesen sei, daß sie das vor anderen auszeichne und ihren hohen Reiz bilde. Er bemerkte dabei, daß er eine Abhandlung über das Genre in der griechischen Kunst geschrieben habe, die zum Druck fertig sei, und setzte hinzu: »Die Akademiker freilich werden dazu den Kopf schütteln.« Nachher führte er mich zu einer Zeichnung, die er in Athen nach einem Grabmal hatte machen lassen, und sagte: »Sehen Sie, das ist griechische Kunst.« Es ergriff mich wieder wie schon früher bei ähnlichem, wahrhaft Griechischem, z. B. bei dem Relief von Orpheus und Eurydike in der Villa Albani in Rom tiefe Rührung über die vollkommen einfache Natürlichkeit des Ausdrucks, die dem starren Marmor Geist und Gemüt einhaucht und die Handlung, selbst der Götter und Heroen, zu einem schlicht menschlichen Vorgang macht. Für Warsberg war es mit der antiken Kunst wie mit der Natur, von der er einmal sagt: »Es ist unwahr, die Natur nur formell, nicht auch eine Seele in ihr zu sehen. Sie atmet und spricht wie alles Irdische.« Die Schönheit einer orientalischen Landschaft, eines antiken Reliefs, eines Menschen jener begnadeten Rassen verrieten ihm die Seele der antiken Menschheit, erklärten ihm Homer und die alten Tragiker. Die Schönheit eines jungen Burschen, der ihm zum Führer diente, rief ihm die Verse des Euripides in den Bacchantinnen, die den Dionysos schildern, ins Gedächtnis, und als er denselben Typus bei einer Terrakottastatue und auf einer Münze wiederfand, schrieb er: »So werden diese Verse ganz natürlich, wie jene schönen Münzenbilder begreiflich. Die einen wie die andern sind nur Nachahmungen der Natur, nicht wie unsere Schulen es glauben und die Kunstakademien es lehren, ideale Schöpfungen, gleichsam ausgebildet, wie Faust seinen Homunkulus erschaffen will. Darum sind sie so lebendig und berühren uns so anmutig, während die nach antiken Mustern ausgeführten Kunstwerke uns kalt lassen und steif und leblos scheinen. Daher freuen uns auch solche Begegnungen in den antiken Ländern mit dem klassisch gebliebenen Leben so sehr, weil sie uns die ganze ursprüngliche Realität, das echt Humane der alten Kunstwerke und Dichtungen dartun. Das ist der doppelte Vorteil der Reisen auf dem klassischen Boden, daß sie uns zugleich die Wahrheit der Kunstwerke erschließen; durch die Kunstwerke aber auch den ganzen schönen Inhalt der Landschaften zu erkennen und nachzufühlen geben. Klassisch schön – das müssen wir uns diesen gewonnenen Überzeugungen gegenüber eingestehen – werden unsere eigenen Kunstschöpfungen und Dichtungen erst wieder sein, wenn wir wieder einmal in solchen schönen Landen und mit Menschen wie dieser Antoniades (so hieß jener Bursch) alltäglich leben werden. Goethe hat sein Siegel auf diese Frage gedrückt: Natur und Kunst nicht mehr zu trennen.«

Auf seinen Wunsch verschob ich meine Abreise bis nach den Weihnachts- und Neujahrsfesttagen. Den Weihnachtsabend verbrachten wir bei Freunden von ihm in gemütlicher Weise. Warsberg war besonders ernst und gedankenvoll an dem Abend, und als wir um Mitternacht noch alle beim Tee zusammensaßen und plötzlich die große Glocke von San Marco langsam und feierlich durch die Nacht schallte und die Gläubigen zu der Christmesse einlud, da sagte er leise wie für sich hin: »So hat sie auch einst dem Marino Falieri ertönt.« Daß ihm nun gerade wieder die schwermütige Erinnerung an das tragische Ende dieses Dogen an dem heiteren Festabend kam, war sicher ein Beweis, daß Todesahnungen, mehr als seine Umgebungen es glaubten, oft durch seine Seele zogen, und vielleicht dachte er in dem Augenblick, daß diese Glocke ihm nicht wieder zum Feste läuten werde.

So ging nun das Jahr 88 zu Ende, dem ich die persönliche Bekanntschaft dieses seltenen Menschen verdankte, dessen Freundschaft mir wie eine Blume am Grabesrand erblüht war, die, wie ich mit Recht hoffen durfte, auch über meinem Grabe noch fortblühen werde. Am 2. Januar schied ich von Venedig, um in mein römisches Heim zurückzukehren. Das Scheiden wurde mir diesmal nicht so schwer, da baldiges Wiedersehen in Aussicht stand, weil er in Kürze nach Korfu wollte, um die ersten Anordnungen zum Bau der kaiserlichen Villa zu treffen und auf dem Wege kurze Rast in Rom zu halten gedachte. Anfang Februar erschien er schon unangemeldet und verbrachte einen gemütlichen Abend bei mir. Den Tag darauf waren wir beide zu Donna Laura Minghetti, die ihm auch eine werte Freundin war, zum Diner eingeladen. Lange hatte ich ihn nicht so gemütlich, liebenswürdig, so geistvoll ergiebig gesehen, wie an diesem Abend in unserem harmonischen Trio. Das Gespräch wendete sich von heiter-anmutigen Dingen, von künstlerischen Gegenständen zu den ernstesten Lebensfragen. Er erwähnte dabei eines mystischen Philosophen, den er über alles schätzte, und als er den Namen Du Prel nannte, erinnerte ich mich einer Stelle aus einem seiner Briefe vor unserer persönlichen Bekanntschaft, in der er sagte: »Es sollte sich heutzutage mehr um eine Philosophie des Menschen, um eine Kenntnis seiner selbst, als um Menschheit, Natur und Welt im allgemeinen handeln. Erkenne dich selbst, damit, so alt der Rat ist, geben sich nur die wenigsten ab, und mir scheint, da wäre ebensoviel als in den Gestirnen, in Wasser, Erde und Feuer zu entdecken. Ein Philosoph, Baron du Prel, wandelt auf diesen Wegen. Sie streifen daran, sind sich der Aufgabe aber noch nicht ganz bewußt.« Von diesem Philosophen sprach er nun an dem Abend und sagte, daß dieser behaupte, unser Selbstbewußtsein erschöpfe durchaus nicht den ganzen Inhalt unseres Wesens, das noch einen transzendentalen Teil enthalte, nicht dualistisch vom ersteren getrennt, sondern monistisch mit ihm verbunden, wie eine zweite Seele, deren Fähigkeiten weit über das Tagesbewußtsein hinausgingen. Du Prel stütze sich dabei auf Kant und hebe die Wichtigkeit hervor, diese zweite Seele zu erkennen und ihre durchaus individuelle, allen pantheistischen Ideen von Fortdauer entgegengesetzte Existenz zu beweisen, die, wenn aus ihren Schranken befreit, das Unvergängliche sein müsse.

Ich stimmte dieser Ansicht insofern bei, als es mir schien, daß diese zweite Seele in uns entbinden, ungefähr dasselbe meine, wie das, was ich mir längst so ausgedrückt hatte: den Gott in uns erlösen. Daß diese Aufgabe allein dem Leben Wert verleihe, damit war ich völlig einverstanden, und daß das einmal Geist Gewordene in irgendeiner Weise ewig sei, glaubte und glaube ich auch. Warsberg sprach lange über diese Ansichten; nie war er mir liebenswürdiger erschienen, als an jenem Abend, es lag eine sanfte Verklärung über seinem Wesen, er war wie ein Scheidender, der weiß, daß er den Freunden nur sichtbar entschwindet, daß er aber in ihrer Liebe seiner Unsterblichkeit sicher ist.

Die Nachrichten, die ich aus Korfu erhielt, bestätigten die Sorge, mit der ich ihn diese Aufgabe übernehmen und die Reise hatte machen sehen. Eine Erkältung hatte ihm zu dem chronischen Katarrh noch eine Bronchitis mit Fieber gegeben, dabei war er unausgesetzt tätig, die bezaubernde Schöpfung, die er plante, vorzubereiten, kehrte nur halb geheilt nach Neapel zurück, war dort auch unausgesetzt beschäftigt und erschien endlich wieder zu kurzer Rast in Rom. Sein Aussehen war aber so verändert, daß es die bangste Besorgnis einflößte und ich nur noch eine Hoffnung hatte, daß er sich jetzt in der vollständigen Ruhe seines venetianischen Heims werde pflegen und wieder erholen können. Aber auch das sollte nicht sein. Kaum war er dort angelangt, so rief ihn ein Telegramm der Kaiserin nach Wien, und trotz des vom Arzt beglaubigten Protestes mußte er in der noch schlechten Jahreszeit in das nordische Klima reisen. Natürlich wurde er todkrank in Wien, ich bekam fortwährend durch die Freunde Nachrichten, leider immer der schlimmsten Art, aber Anfang Mai schickten ihn die Ärzte, die wohl am Ende ihrer Weisheit waren, wie sie dann zu tun pflegen, nach Venedig zurück. Ich wäre gern gleich hingeeilt, um ihn zu pflegen, aber ein Freund und eine verwandte Dame waren mitgekommen, und das hielt mich zurück. Doch erhielt ich beinah täglich Nachricht durch den ihm innigst ergebenen De Rosa, ersten Sekretär des Konsulats, einen vortrefflichen Mann, in den auch Warsberg das größte Vertrauen setzte. Auf einen Brief, den Warsberg ihm an mich diktiert hatte, worin er sagte, daß sein Leben hart gewesen sei, antwortete ich ihm: »Seien Sie hohen Mutes, lieber Freund! Ja, Ihr Leben ist hart gewesen, aber es ist auch schön gewesen, wie wenig Leben, denn Sie haben an dem Born der ewigen Schönheit getrunken, und wenn ich in Ihren Büchern lese von den Stunden, wo Sie im Orient einsam in den heiligsten Entzückungen mit dem Weltgeist verkehrten, dann finde ich Sie beneidenswert. Die Stunden der irdischen Qual sind hart und ich gäbe alles darum, könnte ich Sie davon befreien, aber Sie haben sich schon die Ewigkeit erschlossen, und die Spur von Ihren Erdentagen kann nicht mehr untergehen.«

Endlich kamen dann aber Briefe und Telegramme, die mich dringend aufforderten, zu kommen, und so machte ich so schnell ich konnte meine Vorkehrungen für den Sommer, da ich dann jedenfalls von Venedig aus wieder zu Olga wollte, und fuhr nach Venedig in schmerzlicher Spannung, ob ich den Freund noch am Leben finden würde. Am Bahnhof empfingen mich sein Bruder und der treue Rosa und sagten mir, daß er noch lebe, daß ich mich aber auf das Schlimmste gefaßt machen müsse. Er hatte sich gefreut, als man ihm sagte, daß ich komme, und hatte befohlen, mich gleich zu ihm zu führen. Ich fand ihn im Lehnstuhl sitzend, die geschwollenen Füße auf Kissen ausgestreckt, das Antlitz noch bleicher als früher, nur die Augen leuchteten von Geistesklarheit, und auf seinen Zügen lag der Frieden der Überwinder. Es waren mehrere Bekannte im Zimmer, durch die geöffneten Fenster strömte liebliche Mailuft, und die Wipfel der herrlichen alten Bäume seines Gartens schauten grüßend herein. Als man mich mit ihm allein ließ, sagte er: »Erlösung, Erlösung! Anderes können Sie mir nicht wünschen.« Ich mußte ihm recht geben, wenn auch mit tiefem Schmerz; aber es hätte mir seiner und meiner unwürdig geschienen in diesen feierlichen Stunden, angesichts des großen Lebensabschlusses, der unaufhaltsam heranschritt, eine eitle Hoffnung auszusprechen. Den Nachmittag verbrachten wir in lauter guten, sanften Gesprächen, bis ich zum Abendbrot in die unteren Räume, wo die übrigen Hausbewohner versammelt waren, gerufen wurde. Warsberg sollte sich zur Ruhe begeben, und ich sagte ihm daher gute Nacht, immer noch leise hoffend, daß bei der völligen Geistesklarheit, in der ich ihn sah, die Katastrophe noch hinausgeschoben sein könne. Auch war die Art, wie er mir gute Nacht sagte, so freundlich, fast heiter, aus seinen Augen leuchtete so siegend seine Seele, daß ich wenigstens sicher auf ein morgen hoffte. Wir waren aber noch nicht lange unten beim Essen versammelt, als man uns wieder hinaufrief, vor allen den Arzt, der mit da war, weil der Kranke, indem er sich in sein Schlafzimmer hatte begeben wollen, zusammengebrochen war. Ich eilte mit den andern hinauf, denn es wäre mir unmöglich gewesen, mich zur Ruhe zu begeben, solange er noch da und das Unwiderrufliche noch nicht eingetreten war. Wir fanden ihn aber schon ruhig und bewußt in seinem Schlafzimmer im Lehnstuhl sitzend. Die Fenster waren offen, und die Mainacht strahlte mit tausend Sternen über dem von ihm so geliebten Garten, in stiller Feier das große Mysterium erwartend. Ich verriet ihm meine Gegenwart nicht, weil ich dachte, es würde ihn beunruhigen, mich da zu wissen, da er mich nach der Reise ruhebedürftig wähnte. In solchen Augenblicken aber bewährt sich die Macht des Geistes über den Körper, man lebt nur mit der Seele, das Gesetz der Schwere ist aufgehoben, und wenn uns etwas von der Fortdauer unseres geistigen Seins, unabhängig von der irdischen Hülle, überzeugen kann, so ist es eben in diesen Momenten. Ich setzte mich zu Häupten seines Lagers, so daß er mich nicht sehen konnte, die Hausgenossen alle, der Arzt und die barmherzige Schwester, die die letzten Nächte bei ihm gewacht hatten, waren anwesend. Er sprach Verschiedenes mit klarer, fester Stimme, verordnete, wie man die Nonne, deren Sorgfalt er lobte, belohnen solle, verlangte nach Tee, seinem Lieblingsgetränk, und sagte endlich mit dem Tone innigster Überzeugung: »Ich bin doch glücklich gewesen, es haben mich doch viele lieb gehabt.« Wer konnte bei dieser Geistesklarheit, bei diesem immer noch beinah kräftigen Sprechen und an alles Denken, an ein ganz nahes Ende glauben? Es war so feierlich, so versöhnt, so erhaben dieses Sterben, wie das eines antiken Weisen. So müssen Sokrates und Seneca gestorben sein, und es hätte mich nicht überrascht, wenn dieser letzte Grieche auch die Opferschale erhoben und Jupiter, dem Befreier ein Dankopfer dargebracht hätte.

Als die Glocke draußen Mitternacht verkündete, atmete ich fast auf in der Hoffnung, es könne uns noch ein anderer Tag geschenkt werden, und dann könne mein römischer Arzt kommen, den Warsberg sehr liebte und dem ich telegraphiert hatte, und dann könne am Ende noch Rettung werden. Ein sanfter Schlummer hatte sich auf ihn niedergesenkt. Ich war indes an das offene Fenster getreten und schaute in die Sternennacht hinaus; Zeit und Raum waren mir verschwunden, und die Brücke wölbte sich, die in die Ewigkeit, in das von der Erscheinung Losgebundene hinüberleitet. Schon schwebte auch der schöne, ernste Genius heran, um den holden Zwillingsbruder Schlaf abzulösen. Um zwei Uhr öffnete der Sterbende die Augen weit, sah wie überrascht auf seine Umgebung, dann kam ohne Anstrengung ein kurzer Blutsturz, und der treue Bruder, der ihn im Arm hielt und eine Hand auf sein Herz gelegt hatte, sagte nur: es ist vorbei, und drückte ihm die müden Augen zu.

Ich hatte an den vielen Sterbebetten, an denen ich schon gestanden, nie so stark wie hier das beinah zweifellose Gefühl, daß sich da wirklich das Geistige aus den engen Schranken der Erscheinung befreit habe und in seine wahre Heimat zurückgekehrt sei, die zweite Seele, an die er mit Du Prel glaubte und die siegend über den »Erdengeist« aufstieg in die Freiheit. In edler, verklärter Ruhe lag die verlassene Hülle da, diejenige eines Helden, der ihn ausgekämpft hat, den heißen Kampf des Daseins, immer mit den Waffen des edelsten Idealismus, der stets durch die Schwächen, die allem Irdischen ankleben, versöhnend hindurchbrach. So ruhte sein Sterbliches, von Blüten aller Art umgeben, noch zwei Tage in dem von ihm geschaffenen, künstlerisch prächtigen Heim. Erst als man ihn hinaustrug auf die Gondel, die ihn zur Bahn bringen sollte, um ihn nach Graz zu führen, wo er in der Gruft bei seinen Eltern zu ruhen gewünscht hatte, trat das volle Gefühl des Verlustes und der Öde, die auf diese wie ein Traum verwehte Poesie des Palastes Modena folgen würde, in voller Stärke ein.

Aller Orten erhoben sich Stimmen, seinem Andenken den Tribut ehrender Sympathie zu zollen, ganz besonders war dies der Fall aus der Heimat seines Herzens, aus Griechenland. Die Welt hat heutzutage nicht mehr Zeit, den Geschiedenen jenen schönen Kultus zu weihen, wie die antike Welt es tat und von dem Warsberg so ahnungsvoll schön schrieb: »Kann dieser Totenkultus nicht ein instinktives Verstehen, das Ahnen einer Wahrheit sein, die noch verschlossen und vielfach bezweifelt, doch die Grundlage unseres ganzen Wesens ausmacht? Solch ein Hügel, eine Säule, ein einfacher Stein, eine Inschrift, wahren dem Menschen über Jahrtausende hinaus das Andenken bei den Nachkommenden, in ihrer Erinnerung lebt er wieder auf, lebt geläutert fort. Immer reiner, immer makelloser werden seine Züge, alle Schlacken fallen ab, so daß zuletzt nur noch ein ideales Bild von ihm bleibt. Warum aber soll diese Unsterblichkeit, die ihm auf Erden wird, nicht auch in einer anderen Welt möglich sein? Warum für den geistigeren Teil unseres Wesens, für die Seele, nicht das gelten, was unserem irdischen Andenken zuteil wird? Warum soll nicht vielleicht gerade dieses immer sich vervollkommnende Bild der Erinnerung, der gleichzeitige Abdruck des inzwischen erlösten und verklärten Geistes sein?«

So wird auch er, geläutert von allen irdischen Mängeln, als ein ideales Bild in den Herzen derer, die ihn kannten, fortleben. In ihm starb ein Mensch, der durch seine innere Idealität berufen war, die höchste Aufgabe zu erfüllen, die die Zukunft sowohl dem Individuum, wie der Menschheit, vorbehält, nämlich das Leben selbst zum Kunstwerk im vollendeten ethischen und ästhetischen Sinn zu gestalten. Daß es ihm nicht vergönnt war, diese Aufgabe ganz zu erfüllen, das war die Mißgunst des Schicksals, das es Sterblichen nur so selten vergönnt, eine ganz vollendete Existenz zu erreichen.


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