Malwida von Meysenbug
Memoiren einer Idealistin - Zweiter Band
Malwida von Meysenbug

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Gedachtes

Es gibt Naturen, die am Fortschritt der Gesellschaft arbeiten können, indem sie alle Vorurteile schonen, die Sachen nur halb beim Namen nennen und ein wenig nachgeben, um ein weniges zu erlangen. Diese übrigens ganz ehrlichen Naturen tun ihre Arbeit und sie hat ihren Nutzen. Aber es gibt andere, die von der unwiderstehlichen Logik der Überzeugung vorwärts getrieben, sich bestimmt aussprechen müssen; gelingt es ihnen auch nicht, ihr Ideal zu verwirklichen, so erringen sie doch für dieses die Sympathie energischer Charaktere, und zum wenigsten sind sie selbst ein lebender Protest gegen die versteinerten Formen, die den lebendigen Geist nicht mehr enthalten.

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Jedes reine, tiefe Gefühl hat in sich eine solche Unschuld, daß der Gedanke nicht kommt, man könne es verkennen. In der wahren Liebe der Frau vereinigt sich alle Zärtlichkeit der Mutter, Schwester, Freundin, und wenn die Frau ihren heiligen Schmerz um die nun erloschene Neigung, die ihr einst gewidmet war, stolz in die Tiefe ihres Herzens verschließt, so bleiben die Mutter, Schwester, Freundin, um dem, dessen Andenken noch immer teuer ist, helfend und tröstend beizustehen, wenn das Schicksal Schweres über ihn verhängt.

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Dem charaktervollen Menschen ist es ein Bedürfnis, ein Ziel fest ins Auge zu fassen und es mit Konzentration aller seiner Kräfte zu verfolgen. Dann erst entfaltet sich ihm der ganze Reichtum seiner Befähigung, auch alles andere zu verstehen und in alle Gebiete des Lebens denkend hinüber zu blicken. Er hat dann, wie Archimedes, den einen Punkt gefunden, von dem aus er die Welt aus ihren Angeln hebt. Dem Genius zeichnet die eigene Natur das Ziel in Flammenzügen vor; ihm ist die Mühe des Suchens erspart und nur die Hindernisse, die Welt und Verhältnisse ihm in den Weg legen, machen ihm das Verfolgen seines Ziels oft zur Qual; zwingen sie ihn, diesem Ziel zu entsagen, drängen sie ihn gewaltsam aus seiner Bahn, so ist es Tod und Vernichtung für ihn. Die von der Natur minder reich Begnadeten müssen suchen, bis sie den wahren Punkt finden, von dem aus ihr Wesen sich in Einheit und Mannigfaltigkeit zugleich entfalten und die Blüte seiner selbst erreichen kann. Von diesem Punkt verdrängt zu werden, ist ein unaussprechliches Leiden, ja ein verzehrender Schmerz. Manche gehen daran unter, und die Starken, die ihn überleben, tragen doch den Schmerz der Wunde mit sich durch das Leben.

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Ein geistvoller Freund meinte, die Weisheit der Könige sei Warten. Ich denke, sie müßte vielmehr Voraussehen und Voraussorgen sein. Immer Präventivmaßregeln in der Erziehung wie in der Politik. Sind die Repressivmaßregeln erst nötig, dann ist es schon zu spät, der rechte Augenblick ist versäumt.

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Wenn der Wille im Sinne Schopenhauers als ungestümer Drang zum Dasein und nimmer zu befriedigendes Streben nach Genuß, durch das Läuterungsfeuer der Erkenntnis durchgegangen und nun, sich selbst beherrschend, erlöster Wille geworden ist, der, aus Mitleid entsagend, die höchsten Seelenfreuden opfern und über dem Schmerz, mit vollem Bewußtsein von dessen Bedeutung und dem Unersetzlichen, was verloren geht, – stehen kann – dann ist der Widerspruch zwischen der christlichen und der naturalistischen Anschauung von der Freiheit oder der Gebundenheit des Willens gelöst, denn dann hat sich der gebundene Wille zur Freiheit der Selbstbestimmung erhoben, dann ist der Mensch wirklich frei.

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Eine sehr katholische Dame schrieb einem uns gemeinsamen Freund, es habe sie gefreut, mich kennen zu lernen, obgleich uns Welten trennten. Immer die Beschränktheit des orthodoxen Standpunkts, einerlei, ob religiös oder politisch. Welten trennen nur zwei Gegensätze: das Gute und das Böse, und nicht einmal die ganz, denn auch im Guten ist zuweilen noch ein Teilchen Böses und fast in allem Bösen noch ein Teilchen Gutes.

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Es wurde heute abend darüber gestritten, ob man sich vor der Güte beugen solle. Die meisten der Anwesenden sagten nein, sie verwechselten offenbar Güte mit Gutmütigkeit. Vor der Güte aber, die nicht bloß eine Naturgabe und mit Schwäche verwandt, sondern das Ergebnis höchster Bildung, das letzte Wort des individuellen Kulturkampfes ist – vor der Güte muß man sich beugen. Sie ist das selbst errungene Adelsdiplom der Seele, ihr allein steht das Recht zu, im sittlichen Leben zu richten, denn ihre Milde wird nie Schwäche, ihre Strenge nie Ungerechtigkeit sein.

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Ich liebe die Einsamkeit über alles, auch die zu zweien, ja selbst noch zu dreien, wenn es die Rechten sind; aber die zu Hunderten ist schrecklich melancholisch; dann fühlt man sich trostlos allein, ausgenommen in den Momenten, wo die Hunderte von einem gemeinsamen, großen, begeisternden Gefühl entflammt werden. Doch wie selten sind die!

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Ich glaube, daß eine liebevolle Anhänglichkeit der Dienstboten, durch Wohlwollen von seiten des Herrn erzeugt, nicht nur möglich, auch sehr wünschenswert ist. Daraus entspringt das humanste Betragen von beiden Seiten und der willigste Gehorsam der Dienenden. In dem Verhältnis zu den Dienstboten hat sich in neuerer Zeit so viel verändert; die patriarchalischen sowie die sklavischen Zustände sind vorbei. Der Diener will jetzt als Persönlichkeit respektiert sein. Es versteht sich daß er es durch sein Betragen verdienen muß, wird er es aber nicht, so ist meist die Korruption des Charakters die Folge, die niedrigere Natur rächt sich für erlittene Demütigungen durch Betrug, geheimen Haß gegen den Herrn oder Spott über ihn.

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Wenn die völlige reine Resignation, die Verneinung des Willens zum Leben (im wahren Sinne Schopenhauers) erreicht schien und es erwacht dann doch noch einmal eine neue Liebe mit aller Sehnsucht, allem innigen Verlangen, dann wird der Schmerz der notwendigen Entsagung wie ein Zucken der bereits frei gewesenen Seele, die noch einmal in die Unruhe des Willens zurück muß. Aber es ist schon ein beinah verklärter Schmerz, denn hinter ihm leuchtet bereits die Gewißheit des Sieges und die Krone des Überwinders.

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Welch ein wunderbares Erleben! Gequält war ich vom Schmerz der Trennung, vom Gedanken, die Stunden des Zusammenlebens nicht voll genossen, nicht genügend ausgefüllt zu haben, der Gegenseitigkeit der reinen Zuneigung nicht völlig sicher zu sein – endlich setzte ich mich zur Arbeit und – siehe da! – schöpferische Gedanken strömten mir in Fülle zu, und ich war erlöst, der Schmerz war verschwunden, alles Fehlen und Versäumen war ausgelöscht; es blieb nur ein innigstes Gedenken, ohne Reue, ohne Sehnsucht und das trostvolle Bewußtsein, daß auch dies edle Gefühl ein ewiger Besitz sei. Über dem allem aber schwebte beseligend das Wiederfinden mit mir selbst, das höchste wahre Glück, Schöpfer zu sein, das schon die Einkehr in das Universelle ist.

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Die alltäglichen Menschen fragen immer: »wozu führt das?« Als wenn eine vornehme Seele sich immer mit dem Krämergedanken der endlichen Zahlung abgeben könnte! Im edelsten Sinne glücklich gewesen zu sein, wenn auch nur wenige Stunden, ist besser als ein ordinäres Rechenexempel mit dem Leben abschließen, um gut versorgt zu sein, und der Schmerz, den man nachher leiden muß, ist erhabener und fördernder, als alle zum äußeren Ziel gelangte Philisterhaftigkeit.

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Freundschaft kritisiert nicht in der Stunde des Leidens, sagt nicht nüchtern verständig »wenn du es so oder so gemacht hättest«, sondern öffnet einfach die Arme und spricht: »Ich frage nicht, ich urteile nicht, hier ist ein Herz, daran ruh aus.« Ja, wenn man immer im voraus wüßte, wie man handeln müßte, dann gäb es keinen Irrtum. Die Freundschaft rät und warnt vorher; nachher liebt sie, das nur ist die echte; die falsche macht es umgekehrt.

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Das sittliche Leben des Staats hat aufgehört, wenn sich das Individuum nicht mehr frei entwickeln und seine Meinung zur Geltung bringen darf. Ein Staat, dessen sittliches Leben untergegangen ist, muß notwendig selbst untergehn. Dieselbe sittliche Forderung gilt, wie im Staat, so auch in der Familie. Das Individuum muß in ihr seine volle sittliche Freiheit haben dürfen, sonst ist auch die Familie nur ein zufälliger, äußerer Verband, nicht vom Bewußtsein anerkannt und in seiner Autorität bestätigt. Man kann sich einem solchen Staate, einer solchen Familie unterwerfen, gut! dann hat man gewählt, oder man fühlt und erkennt, daß das Recht der individuellen Freiheit erkämpft werden muß, und dann wird man Revolutionär. Zwischen beiden steht der Indifferentismus, der das eine und das andere Extrem von sich abweist, und indem er das Vorhandene ohne weiteres gehen läßt, sich einbildet, er allein habe das Stetige, Unveränderliche. Stetiges, Unveränderliches aber gibt es nicht. Das einzig Ewige ist die unausgesetzte Entwicklung und Veränderung des einfachen Atoms zu immer neu zusammengesetzten, reicheren Kombinationen in der Natur bis zur Ausbildung ihres höchsten Organismus, der zum Geist befähigt ist und sich zu ihm entwickelt. Aber auch hier beginnt dieses ewige Vorwärts von neuem. Vorwärts drängt der schaffende Gedanke und beginnt den Kampf, wo immer man ihm Ketten anlegen und ihn aufhalten will. So zieht sich ein roter Faden der Entwicklung durch die Zeiten. In den Massen bewegt sich der schaffende Geist nur erst als unklares Gefühl, aber die Individuen, die den Prozeß des Denkens für die Masse durchmachen müssen, geben ihr das Resultat, und in ihm erkennt sie ihr unklares Gefühl und wird sich dessen bewußt. So werden zuletzt auch die Massen Träger des Gedankens und erlangen dann erst ihr menschliches Vorrecht und ihre Würde.

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Freiheit und Notwendigkeit lassen sich in Beziehung auf die Individuen ungefähr so bestimmen: als Individuum ist es der Notwendigkeit unterworfen, als Erscheinung dem Satz vom Grunde, als Ding an sich ist es im Reich der Freiheit.

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Auf der Insel Capri schrieb ich einst (im Jahre 1864, wo ich daselbst mit den zwei Töchtern Herzens weilte): hier hat man ein Vorgefühl davon, was das Leben sein könnte, wenn der Mensch entweder ewig unschuldig und unbewußt, wie die Natur, geblieben wäre, oder wenn sein Bewußtsein nicht die schreienden Widersprüche des Lebens und die dunkle Sphinx der Zukunft begegnen müßte, vor deren ungelöstem Rätsel er peinvoll still steht. Glücklich diejenigen zum wenigsten, durch deren Herz jenes Vorgefühl zuweilen zieht, in den Illusionen der Jugend gleich einem wonnigen Morgentraum, im späteren Leben gleich einer wehmütigen Melodie aus einer fernen metaphysischen Welt. Laßt uns unser Leben betrachten! versöhntes Leid ist ein Schatzgräber, der verborgene Tiefen öffnet, in denen edle Metalle ruhen. Die Leichtlebigen, oberflächlich Glücklichen, finden diese Tiefen nicht und deshalb erfahren sie nie die blitzartigen, plötzlichen Erleuchtungen, die uns auf Augenblicke ein fernes gesegnetes Ufer zeigen, nach dem wir uns ewig als Pilgrime fühlen. Für uns haben Formen und Farben, Töne und Melodien noch einen anderen Sinn als bloße Augen- und Ohrenweide; uns sind sie die Befriedigung der Sehnsucht nach dem Ideal, die uns in einer verkrüppelten schönheitslosen Welt zur Qual wird, die aber in schönen Bildern, wie die Natur sie hier bietet, ihren Widerschein findet. Was eine Rose dem Sterbenden sein würde, die ihm die entschwundenen Frühlinge seines Lebens zurückrief, das ist diese Natur der Seele, wenn die irdische Jugend entflohen ist. Wenn unsere Seele ein Ton wäre in dieser herrlichen Harmonie von Licht, Luft, Farbe und Form, dann würde das Rätsel gelöst sein; wir wären dann nur der Mittelsatz in einer einzigen großen Symphonie des Daseins, das in den drei großen Abteilungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sein endloses Gedicht, seine Divina Commedia durch alle Ewigkeit feiern würde. Aber da liegt die Frage. Es ist der Natur nicht gelungen, den Menschen dieser schönen Erde wert zu bilden; daher kommt die Qual der Bessern, die dunklen Fragen, »die brechenden Wellen und die komischen Gebärden«. Ja, das ist es, die Menschen sind nicht gut genug. Wenn ihre häßlichen Leidenschaften nicht wieder jeden idealen Aufschwung einer Epoche entstellten, so müßte die Vergangenheit nicht gleich einem Gespenst, wie so oft, vor uns stehen, sondern wie ein teures Grab, von dem wir Weisheit und Tugend lernen würden, bis wir uns selbst der Vergangenheit zugesellten mit der tröstenden Gewißheit, einen reichen Vorrat von Edelmut und Größe der Nachwelt gelassen zu haben. Aber unsere ganze Zivilisation begünstigt noch zu sehr die Bestie in der Menschheit, die Entwicklung der wilden Instinkte, anstatt den Menschen schon früh zu Maß, Resignation und Verständnis der wahren Schönheit anzuleiten.

Doch die Natur brauchte auch unermeßliche Epochen, um die Erde zu einem Paradiese, teilweise wenigstens, zu gestalten; vielleicht gelingt es ihr in ferner Zeit, die Bedingungen hervorzubringen für die Möglichkeit einer idealen Existenz künftiger Geschlechter, wenn wir längst mit den Ruinen unserer Zeit ruhen. Unser Trost wird es sein, daß wir nicht als ein bloßes Fossil in dem großen Laboratorium der Natur gebraucht wurden, sondern daß jene Kraft in uns tätig war, die nach den Höhen strebt, die Schönheit begreift und liebt.

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Beim Tod des Kaisers Friedrich war wieder einmal das Walten des Weltdämons offenbar; erst die Möglichkeit einer menschlichen Vollkommenheit auf dem Thron, wie ein verlockendes Spiegelbild, das die schönsten Hoffnungen weckt und dann im Hohn des tragischesten Endes versinkt, damit man inne werde, daß Ideale nur gleich Meteoren vorüberziehen, um uns die Tantalusqual der fruchtlosen Arbeit der Weltverbesserung desto besser fühlen zu lassen.

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Einer der angenehmsten Zustände im Leben, voll Stimmung, Grazie und Poesie, ist der einer wechselseitigen, zarten, unausgesprochenen aber erratenen Neigung, ohne heftiges Verlangen, ohne allen Anspruch, nur ein freundliches Wogen von Herz zu Herz, Blicke von Wohlwollen leuchtend, zarte Aufmerksamkeiten, inniges Mitempfinden und Freude an dem Wesen des andern. Selbst das Leid der Trennung hat dann etwas wehmütig Schönes, ein sanftes Ausklingen, ein reueloses Vermissen, wie die Stimmung, die uns nach einem schönen Sonnenuntergang bleibt.

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Eine Dame meinte, man müsse doch nicht bloß mythische Typen ewiger Gestalten zum Gegenstand der Kunst machen, sondern auch wirkliche Menschen. Mir fällt bei derartigen Behauptungen immer die Disputa von Raffael ein, unten die Disputierenden, um den Wortlaut Streitenden, wissenschaftlich Wirklichen, die nicht sehen, wie oben das große Mysterium Wirklichkeit geworden ist, wie erst die vom Schein Erlösten die Wirklichen geworden sind. »Das Unzulängliche hier wird's Ereignis.«

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Wie seltsam ist es, daß das Auseinanderkommen mit Menschen, die uns im Umgang ganz angenehm waren, weiter kein tiefes Bedauern zurückläßt. Die Welle trägt sie fort, als wären sie nie dagewesen, während dagegen ein Bruch mit solchen, mit denen der ewige Kern unseres Wesens, das, was wir eigentlich sind und hoffentlich bleiben werden, berührt wurde, den Schauder des Vergänglichen über uns bringt und den Schmerz, für den es keine Versöhnung gibt. Im Alter, wo diese Tiefe der Seelengemeinschaft fast abgeschlossen ist wie ein Tempelheiligtum, in dessen inneren Kultus kein profanes Auge mehr dringt, wo wir nach außen nur das ruhige Wohlwollen haben, das gerne gibt und dankbar empfängt, ohne daß es den Frieden jenes Heiligtums stört, erschließt sich da noch einmal die Tempelpforte, so erklingen solche ewige, erhabene Harmonien, daß jeder weltliche Mißton zur tiefsten Pein wird. In der geheimen Gewißheit jenes ewigen Zusammenhanges scheint das ganze äußere Leben leicht und dem ähnlich, das wir mit anderen führen. Drängt sich aber ein Mißton hinein, so bildet sich eine schmerzliche Schranke, die mit den Gleichgültigen nicht vorkommt.

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Bei Gelegenheit der Unterhaltung mit einer Spiritistin fragte ich, ob das Unsterblichkeit sein könne für einen denkenden Geist, in einer gespenstischen Form, als ein Schatten ohne Inhalt, ohne Wesen, ein zielloses Dasein zu führen? Die Vorstellung von übermenschlichen Existenzen, die in untätiger Seligkeit feiern, wäre es eine wünschenswerte Fortsetzung des strebenden, kämpfenden Menschendaseins, das, wenngleich dem Gesetz alles Zeitlichen in seiner einzelnen Erscheinung verfallen, dennoch rufen kann: »Tod, wo ist dein Stachel?« Denn wir wissen es ja, daß es keinen Tod gibt, daß jedes Atom des zerfallenden Körpers der Stoffwelt wieder ein Keim neuer Gestalten, neuer Schöpfungen wird und daß ebenso jedes bedeutende Wort hoher Geister, jeder Gedanke, der eine neue Saite im Menschenleben tönen macht, jede reine, fruchtbringende Tat, unverloren sind in der Ewigkeit des Daseins; daß in einer unendlichen Kette neue Gedanken, neue heilige Empfindungen, neue Taten sich daran reihen und, während das einzelne der Erscheinung stirbt, das unsterbliche Ganze bilden, den Geist der Welt, der über denen steht, denen er als Blüte entstieg. So steht der Mensch der neuen Zeit dem Tod gegenüber. Der Notwendigkeit, dem Schicksal der Erscheinung unterwerfen wir uns, indem wir die schweren Bedingungen, die uns diese Ergebung auferlegt, anerkennen. Das ist der Schmerz, den wir als die wirklich Entsagenden auf uns nehmen mit der Gewißheit, dennoch nicht umsonst gelebt zu haben. Zu wissen, daß der Geist über uns hinwegschreitet zu vollendeteren Schöpfungen, zu reineren Siegen, haben wir einen anderen Anspruch an Seligkeit als diese Gewißheit?

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Ist es denn so schwer zu begreifen, daß die Freiheit das stärkste Gesetz ist? Die Kinder dazu erziehen, die Völker gewöhnen, dies zu begreifen, damit wäre eigentlich die ganze Aufgabe der Kultur erfüllt. Die Familie und der Staat würden dadurch ihre wahre beglückende Form finden, während die gewalttätige Autorität ewig die Empörung an ihrer Tür findet.

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Die Natur, ehe sie in den Dualismus von Begierde und Erkennen eintritt, ist unschuldig und objektiv schön. Die Pflanzen- und Steinwelt kennt keine Begierde, hat auch keine Erkenntnis, ist deshalb ohne Schuld und ohne Erlösung, deren sie nicht bedarf; sie ist im Zustand des Paradieses, braucht das erkennende Subjekt nicht, ruht in ihrer eigenen Vollkommenheit, gehorcht einfach den Naturgesetzen, unbekümmert, ob sie von einem Subjekt erkannt und genossen wird. Sie ist daher an sich schön wie das Ding an sich, das sich in ihr, ungeteilt in Wille und Vorstellung, ausspricht. Mit dem Tier tritt der Dualismus zwischen Begierde und Erkennen ein. Mit ihm entsteht das Subjekt, das Individuum, das für sich empfindet, leidet und erkennt. Nur ist im Tier die Begierde, also der Wille auf seiner niedrigsten Stufe, als bloßer Trieb zum Leben, das Überwiegende. Das Erkennen ist noch gebunden, daher kann weder von Schuld noch von Erlösung die Rede sein; das Subjekt geht noch ganz in der Gattung auf und trennt sich erst in den höheren Tieren merklich von ihr. Es ist dann ein unseliger, grausamer Zustand, und die wehmütigen Augen kluger Hunde sagen es deutlich genug. Erst im Menschen gelangt das Subjekt zu seinem vollkommenen Ausdruck. Er hat die Fähigkeit, das Erkennen über die Begierde siegen zu machen, sein ist die Schuld und sein die Erlösung. Daher scheint er sich selbst Mittelpunkt des Daseins. Weil sich in ihm, wie in einem Brennpunkt, alle Strahlenbrechungen des Dings an sich, die gebundenen und entbundenen Formen der Erscheinung, vereinigen, kann er glauben, daß er als erkennendes Subjekt erst die Welt zu dem mache, was sie ist, für ihn wird sie erst Welt, indem er sie erkennt. Der Wille erkennt sich überhaupt erst, indem er sich selbst Vorstellung wird, sich in Subjekt und Objekt scheidet, dann erst tritt auch der Begriff von Schuld und Erlösung im höheren ethischen Sinne ein.

Gemein wird die Welt mit dem Eintritt des Dualismus von Begierde und Verlangen auf der einen, und Erkenntnis und Kraft der Entsagung auf der anderen Seite. Daher ist das Tier noch nicht gemein, es kann nur wollen, nicht erkennen, sich beherrschen und entsagen, sein Wollen ist daher unschuldig. Die Lust ist das Höchste, wozu der bloße Wille zum Leben sich aufschwingt. Weil er aber ein höheres ethisches Vermögen, wenn auch unbewußt, in sich hat, befriedigt sie ihn nicht; der Grund liegt darin, daß sie sich nur in vergänglicher Erscheinung befriedigt, daher kommt aus ihr nur Reiz zu neuer Lust, bis sie endlich übersättigt an ihrer eigenen Vergänglichkeit scheitert und im Ekel endet. Ihr gegenüber tritt auf der höheren Stufe der Entwicklung die schöpferische Lust ein und zeigt sich als höchste, immer steigende Lust am Unvergänglichen, als Genuß, der in Wonne endet, anstatt im Ekel. Das Ganze ist klar: dort ist es der Wille als sinnliche Erscheinung, der sinnliche Befriedigung sucht, vergängliche Zeugung. Hier ist es der sich erlösende Wille mit der Erkenntnis vermählt, der Unvergängliches erzeugt, daher befreiend, befriedigt.

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Daß die Welt einer neuen Religion bedarf, ist kein Zweifel. Die alten Religionen haben sich ausgelebt; das weltliche Machtbedürfnis, das potere temporale auf allen Gebieten, hat das Übergewicht erhalten über den Geist, der zu »höheren Sphären erhebt«, und anstatt die Menschheit in Frieden und Liebe zu einen, führt die Verschiedenheit der Bekenntnisse sie zu Haß und Streit und zum Rassenkrieg. Die neue Religion sollte die Religion der menschlichen Würde sein. Der Mensch müßte Freude daran haben, sich zu einem sittlichen Wesen auszubilden, aus sich selbst ein schönes, harmonisch entwickeltes Kunstwerk zu machen. Je höher seine sittlichen Bestrebungen sich steigern, je schwerer werden freilich die Kämpfe sein, die die unüberwundenen Leidenschaften und die Mächte des Bösen heraufbeschwören, aber je standhafter wird auch die Seele um Lösung der sittlichen Probleme ringen, um die Herstellung der inneren Einheit, die aus den Tiefen des Kampfes aufersteht zu neuem Streben, die in den tödlichen Schmerzen neue Kraft zum Leben gewinnt. Diese Siegesmomente sind es dann, wo sich der niedere irdische Raum zum Tempel wölbt, wo das Götterbild, das jedes sittliche Wesen im Herzen trägt, auf sein Piedestal steigt, in der tiefen Verschwiegenheit der eigenen Seele und mit Götterruhe auf das besänftigte Meer der Gefühle sieht. Das sind die Augenblicke des wahren Gebets, d. h. der Erkenntnis jener Kraft, die in uns ruht und die allein uns zum Menschen macht. Es ist dies wie die Trauer und das schmerzliche Ringen des Künstlers, so lange er noch dunkel nach seinem Ideale sucht, der aber, wenn er es gefunden hat, wenn er es strahlen sieht in reiner, von allem Zweifel befreiter Schönheit, die heilige Seligkeit der Erfüllung empfindet. Es ist der Gottmensch, der geboren wird in der Stunde, wo das irdische Geschöpf sich durch seine Wahl zum sittlichen Adel seines Daseins erlöst hat.

Fürchtet euch nicht vor dieser Religion! Sie erst wird die Erde zu einem Wohnplatz wahrer Menschen machen; sie ist die einzige, dauernde Lösung aller Konflikte, denn der Kampf der Leidenschaften wird nicht ausbleiben, aber seine Lösung wird die richtige werden in den Naturen, denen sittliche Vollendung Religion geworden ist. In der heißen Schlacht der Schmerzen erlösen sie sich selbst, unter bitteren Qualen gekreuzigt, auferstehen sie in neuer Jugend und Unverletztheit der Seele, und der Schmerz wird zur Kraft und zeugt edlere Taten, reinere Liebe, hellere Gedanken als zuvor. Willst du diese Religion der ewigen Selbsterlösung nicht verstehen, Welt?


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