Malwida von Meysenbug
Memoiren einer Idealistin - Zweiter Band
Malwida von Meysenbug

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Schöne Tage

Im Frühling 1880 lud mich Frau Minghetti, mir immer freundschaftlichst gesinnt, ein, mit ihr einen Ausflug nach Sorrent zu machen. Da ich ohnehin schon für etwas später eine Einladung für den herrlichen Süden hatte, nahm ich es mit Freude an. Der Frühling war im vollen Erwachen und goß alle seine Zauber über die Erde dort aus. Bis Neapel und Castellamare führte uns die Eisenbahn, dann aber fuhren wir im offenen Wagen den Weg längs des Meeres dahin, umgeben von Wogen der Orangenblütendüfte, da diese Strecke ja nur wie ein Orangengarten ist. In Sorrent umfingen mich liebe Erinnerungen an den Winter, den ich mit Nietzsche dort verlebte, und in Gesellschaft der liebenswürdigen Freundin erneuten sich schöne Tage in heiterem Genuß der strahlend schönen Welt. Wir trafen im Hotel außer anderen Bekannten auch den Grafen Harry Arnim, der, ein todkranker Mann, mit seiner Familie hier weilte. Frau Minghetti kannte ihn von der Zeit seiner Gesandtschaft in Italien her, und er gesellte sich uns oft zu, wenn wir am Abend auf der großen Terrasse des Hotels, von der man auf das Meer hinabsieht, auf und nieder gingen und die göttlichen Frühlingsabende genossen. Da entlud sich das Herz des schwer Gekränkten in bitteren Äußerungen über das Unrecht, das ihm nach seiner Ansicht geschehen war, und in Ausdrücken des tiefsten, unversöhnlichen Hasses gegen den, den er für den Urheber der erlittenen Verfolgungen hielt. Er war ein gebrochener, schwer leidender Mann, konnte nichts tun, sich zu rächen, und das Gefühl seiner Ohnmacht lastete schwer auf ihm. Zuweilen kamen aber auch mildere, fast mystische Stimmungen über ihn; so sagte er eines Abends, es sei sicher, daß wir von einer unsichtbaren, besseren ätherischen Welt umgeben seien, daß aber unsere Sinne nicht fähig wären, sie zu erkennen. Wie wunderte es mich, diesen Gedanken bei dem verbitterten Aristokraten zu finden, und wie leid tat es mir, daß er in solchen Gedanken nicht den versöhnenden Trost fand für die tiefe Kränkung, die ihm in dieser unvollkommenen, von Eitelkeit und Herrschsucht erfüllten Welt zuteil geworden war.

Nach vierzehn frohen Tagen trennte ich mich von Frau Minghetti, die noch in Sorrent zurückblieb, und fuhr nach Neapel zu Wagners, die den Winter daselbst verbracht und mich eingeladen hatten, sie zu besuchen. Sie wohnten in einer herrlichen Villa am Anfang des Posilippo, auf hohem Felsen gelegen, zu der die Gärten terrassenförmig aufsteigen und sich noch über diese höher hinaufziehen. Von der Terrasse, unter dem von Säulen getragenen Vordach des Hauses, beherrscht der Blick den Golf, die Stadt und den schönen zweigegipfelten Verräter, der gerade in dem Frühjahre in großer Tätigkeit war und jeden Abend eine Feuersäule gen Himmel sandte. In diesem wundervollen Aufenthalt traf ich außer den teuren Freunden, die mich eingeladen, zwei junge, mir auch schon bekannte Männer, deren Gegenwart den häuslichen Kreis noch bereicherte. Der eine war der russische Maler Joukowsky, Sohn des ausgezeichneten Dichters und Übersetzers deutscher Meisterwerke, der Erzieher Alexander II. gewesen war. Joukowsky wohnte jedoch nicht in der Villa, sondern hatte sein Atelier unten am Posilip, war aber oben der tägliche Gast. Der andere, Heinrich von Stein, war ein Bewohner des Hauses, und zwar infolge einer seltsamen Fügung durch meine Vermittlung. Er war wenige Jahre früher einen Winter in Rom und durch die Empfehlung eines Freundes bei mir eingeführt. Noch ganz jung, nach eben beendeter Universitätszeit, hoch und schlank gewachsen, hellblond, verriet sein Äußeres ganz den Nordländer, sowie auch sein etwas steifes, zurückhaltendes, schwer zum Ausdruck kommendes Wesen. Er wurde aber mitteilsam, als ich ihn bat, mir etwas von der sogenannten Wirklichkeitsphilosophie des Philosophen Dühring mitzuteilen, als dessen Schüler er sich mir vorgestellt hatte. Nun hielt er mir kleine Vorträge über die auf- und absteigende Welle, unter welchem Bild Dühring das Leben auffasse, und versuchte mir den Idealismus des Realismus zu beweisen, ein Axiom, dem er sein erstes Buch geweiht habe, das jetzt im Druck begriffen sei. Alle Ideen oder Annahmen des Transzendentalen waren streng aus den Anschauungen des jungen Realisten ausgeschlossen, aber ich mußte oft im stillen lächeln, wenn ich den reinen Idealismus sah, der aus der ganzen Natur dieses Jünglings sprach, während er seinen Positivismus verteidigte. In demselben Winter war Paul Heyse mit seiner Frau in Rom, lebte aber, von einem schweren Schicksalsschlag getroffen, sehr still und zurückgezogen. Ich gehörte zu den wenigen Begünstigten, die er zuweilen besuchte. Stein erfuhr das und vertraute mir an, daß es sein lebhafter Wunsch sei, Heyse kennen zu lernen. Ich erzählte das diesem, und er ging freundlich darauf ein und bestimmte einen Abend, wo er Stein bei mir treffen wolle. Wir sprachen dann über die jungen Schriftsteller der Zeit, wie die so schnell zu Werke gingen und die Sache so leicht nähmen. »Sie meinen nur,« sagte Heyse, »so ins Volle greifen, hier einen Stern und da einen Stern herunterholen zu können und denken nicht daran, welche Mühe, welche Arbeit es unseren Großen gekostet hat, ihre Werke zu schaffen.« Als dann der bestimmte Abend kam und Heyse Stein begrüßt hatte, sagte er zu mir, ob ich mich unseres letzten Gesprächs erinnere über die jungen Schriftsteller und ihre rasche Art, mit dem Schreiben fertig zu werden? Es sei ihm gerade wieder ein Beispiel davon vorgekommen, ein Verleger aus Bonn habe ihm die Probebogen einer Erstlingsschrift eines jungen Autors in dessen Auftrag zugeschickt, die ihm viel Unreifes zu enthalten scheine, sie sei halb Lyrik, halb Prosa. Ich erschrak etwas bei diesen Worten, da Stein mir gesagt hatte, sein Buch werde in Bonn gedruckt, und da sah ich, wie er heftig errötete, auch unterbrach er Heyse und sagte rasch, das würde wohl sein Buch sein, denn er habe dem Verleger den Auftrag gegeben. Es war ein peinlicher Moment, aber Heyse half uns allen dreien in liebenswürdigster Art über die Verlegenheit hinweg, sagte, er könne freilich nicht zurücknehmen, was er einmal ausgesprochen habe, aber sein Urteil sei noch nicht endgültig, denn er habe noch nicht fertig gelesen und habe schon in dem lyrischen Teil viel Hübsches bemerkt. Dann lud er Stein freundlichst ein, ihn zu besuchen, und war so gütig und teilnehmend für ihn, daß Stein ganz entzückt von ihm war.

Nach dieser kleinen Begebenheit lernte ich Stein immer mehr kennen und schätzen. Er war noch sehr unfertig in seinen Anschauungen und Urteilen, aber sein edler, reiner Charakter wurde mir schon völlig erkennbar und erfüllte mich mit wahrer Sympathie. Unter seinen kleinen Erlebnissen in Rom, die er mir mitteilte, war auch ein Besuch bei der mir wohlwollend zugetanen Fürstin Caroline Wittgenstein, die ihn nach seinem politischen Glaubensbekenntnis gefragt hatte. Er hatte sehr aufrichtig seine Hinneigung zum Sozialismus bekannt, worauf sie ihm versicherte, daß es das höchste Interesse des Sozialismus sei, sich mit der Kirche zu verbinden, zusammen würden sie der um sich greifenden Immoralität steuern und das Leben der modernen Gesellschaft reinigen und erneuern. Nichts lag Stein ferner als solch ein Bündnis, als ich ihn aber dann nach seinen Zukunftsplänen fragte, sagte er, sein höchster Wunsch sei, in einer Familie, wo er als Freund aufgenommen und behandelt würde, die Erziehung eines Knaben zu übernehmen und nach seinem Sinne zu leiten. Ich sprach ihm mein Bedenken aus, daß dies wohl schwer zu finden sein würde, und er verließ Rom in völliger Ungewißheit über seine Zukunft.

In demselben Jahr war ich in Bayreuth zu Besuch bei Wagners, und einmal im Laufe des Gesprächs fragte mich Wagner, ob ich nicht einen gebildeten, in jeder Beziehung empfehlenswerten jungen Mann kenne, der wie ein Freund zu der Familie gestellt sein sollte und die Erziehung des kleinen Siegfried übernehmen würde, den er nicht gern in die öffentlichen Schulen schicken wolle. Ich mußte lachen über dies merkwürdige Zusammentreffen und erzählte nun von dem Wunsche Steins, worauf Wagner mir alsbald den Auftrag gab, diesem zu schreiben. Die Antwort war ein freudiges Eingehen auf den Vorschlag, nur stand ihm gerade sein Jahr Militärdienst bevor. Er fügte aber hinzu, wenn Wagners ein Jahr warten wollten, so könne er sich kein schöneres, alle seine Wünsche krönendes Geschick denken. Nach einem Jahr kam diese Vereinigung wirklich zustande, zu gegenseitiger höchster Zufriedenheit. Stein war eine so edle, vom höchsten Adel der Gesinnung durchdrungene Natur, daß er zunächst schon das erste Erfordernis eines Erziehers besaß, durch sein Beispiel alles Gute zu lehren, und unter dem Einfluß des ausgezeichneten Kreises, in den er eintrat, wurde er das, was er von Natur war: ein vollkommener Idealist und dann ein so verständnisvoller, begeisterter Anhänger Wagners wie wenige.

Ihn also traf ich hier in Neapel, bei seiner übernommenen Tätigkeit im häuslichen Kreise wieder. Neben ihm, wie schon gesagt, den Russen Joukowsky, einen Maler von großem Talent, der neben allen schönen Eigenschaften der Russen aber auch ihre Indolenz besaß, so daß er aus seinem Talent nicht das machte, was es hätte werden können, wogegen aber seine liebenswürdige Persönlichkeit nicht wenig zur schönen Geselligkeit des Hauses beitrug. Am Morgen ging ein jeder seinen eignen Beschäftigungen nach. Das Mittagessen vereinigte uns alle, und danach nahm man den Kaffee auf einer Terrasse, wobei sich meist bedeutende Gespräche entspannen, die natürlich gewöhnlich von Wagner ausgingen. Dann kam für alle eine Stunde der Ruhe, und darauf begegnete man sich in den terrassenartigen Gärten, wo Wagner mit den jugendlichen, ihm zugehörigen Wesen allerlei Scherz und Neckerei trieb. So war es unter anderem ein Lieblingsspiel, die Frucht eines Strauches, die eine die Kerne enthaltende mit Luft gefüllte Kapsel ist, aufzudrücken, wobei ein kleiner Knall erfolgt, und er war noch so außerordentlich beweglich und behende, daß er meist den Kindern bei Erreichung dieser Kapseln zuvor kam. Eines Nachmittags aber traf ich ihn ganz bestürzt vor einem solchen Strauch stehend, weil bei dem Haschen nach den hochhängenden Kapseln es ihm begegnet war, einen der schönsten Zweige des Strauchs zu knicken, der nun traurig, dem Sterben geweiht, herunterhing. Er, der gleich den Indern das göttliche Urprinzip auch so gut im Tier und in der Pflanze wie im Menschen erkannte, war tief betrübt, hier einen empfindenden Organismus zerstört zu haben, und schickte eine der Töchter, die bei ihm waren, ins Haus hinab, um Leinen zum Verband zu holen. Als sie damit zurückkehrte, verband er den geschädigten Zweig mit der Sorgfalt, wie er es bei einem Tier oder Menschen getan haben würde, in der Hoffnung, daß die Wunde sich schließen und der Ast wieder anwachsen würde.

Nur wer solche kleine Züge mit stillem Verständnis beobachtete, konnte die Natur dieses außerordentlichen Menschen ganz begreifen, in der sich kindliche Heiterkeit, überströmendes Mitleid, gewaltige Leidenschaft, Forscherblick des allsehenden Intellekts, weltverachtende Ironie und tiefe Schmerzfähigkeit vereint fanden, und die deshalb auch einen alles umfassenden Kosmos aus sich erschaffen konnte. Ich erinnere mich noch eines andern jener kleinen so bedeutungsvollen Züge aus jener Zeit. Wir gingen eines Abends auf der großen Terrasse unter dem Portikus des Hauses auf und ab. Eine ungeheure Prozession von Millionen Ameisen zog quer über die Terrasse hin, wie ich sie in Italien öfter, z. B. in Sette-Fonti, auf dem Landsitze Minghettis, gesehen hatte, wo sie ihre Wanderstraße von einem Berggipfel zum andern und mitten durch eine Kirche geführt hatte. Wir sprachen über ernste Lebensfragen, ich bemerkte aber im stillen mit Rührung, wie Wagner jedesmal, wenn wir an die wandernden Scharen kamen, einen großen Schritt machte, um nur nicht eines der kleinen klugen Wesen zu zertreten.

Auf jener großen Terrasse mit der Aussicht auf den Golf und den Vesuv, aus dem an jedem Abend wie von einem Opferaltar eine Feuersäule gen Himmel stieg, wurden meistenteils die Abende verbracht, wozu sich auch öfter Besucher aus der Stadt einfanden. Unter den vielfachen, mehr oder minder bedeutenden Gegenständen, die besprochen wurden kam an mehreren Abenden das Gespräch auf Schiller, und Wagner las uns das Gedicht »Die Götter Griechenlands« vor, so schön, wie nur er lesen konnte. Es war einem dabei, als höre man die Sachen zum erstenmal, und man fühlte es neu, wie herrlich Schiller jene Welt nachempfunden hat, wo alles zum personifizierten Ausdruck der Schönheit wurde, alles eine Bedeutung erhielt, als stamme es von geisterfüllten Wesen und nicht von blinden Naturgewalten ab, und wo alles daher zum freudigen Genuß des blühenden göttlichen Lebens einlud, ohne Zweifel, ohne Reue, ohne Schmerz. An einem anderen Abend kam das Gespräch auf den »Don Carlos«, und einer der Anwesenden behauptete, die Beziehung des Marquis Posa zum König Philipp sei ein großer Fehler und nicht zu rechtfertigen. Wagner aber sagte, sie sei vollständig zu rechtfertigen, da der Dichter im übrigen den historischen Charakter festgehalten und nur die Möglichkeit angenommen habe, daß solch ein Moment auch einmal an einen Menschen wie Philipp herantreten könne. Außerdem zeichne es ja auch den Charakter des Königs nur desto schärfer. Wieder ein anderes Mal sprach Wagner darüber, wie wenig man eigentlich die Menschen lieben könne, wenn man die Geschichte studiere und die Anhäufung von Greueln sähe, mit denen der sogenannte Fortschritt meist begleitet sei, wie z. B. die Einführung des Christentums. Er meinte, man könne dann höchstens noch zur Liebe kommen, wenn man sich als Angehöriger eines Volksstammes fühle, dessen Interessen, Freuden und Leiden man teile, was dann schließlich zur Familie zurückführe. Ich ging weiter und meinte, daß man im Grunde nur durch das Mitleid mit der Menschheit zusammenhänge; sie lieben als etwas Vortreffliches könne man wahrlich nicht, da in ihr der rohe Naturtrieb der Gewalt des Stärkeren über den Schwächeren, und der Rache dieses durch List ebenso vorkomme, wie bei den Tieren; wo es aber weniger roh sei, da wäre es doch meist nur infolge egoistischer Interessen. Das Mitleid bände uns an jene Menge, die leidet, ringt, stirbt wie wir, sowie der Wunsch, sie zu erlösen vom Elend, und zwar gewiß ohne Unterschied der Nationalität. Das Stammgefühl trete nur in den Vordergrund, wenn es sich um Dinge des Intellekts, um Lebensanschauungen usw. handle, oder in Augenblicken der Tat. Und wieder später sagte Wagner einmal, man würde vielleicht weniger geringschätzig von der Welt denken, wenn keiner hienieden sich glücklich wähnte. Es erinnerte mich dies an einen Abend in Paris im Winter 1859, wo Wagner an einem seiner Empfangsabende mit Blandine Ollivier, der Tochter Liszts, und mit mir über dasselbe Thema sprach und uns an die Worte der Prinzessin in Goethes Tasso erinnerte: »Wer ist denn glücklich?«

Und doch durften wir uns hier in der entzückend schönen Welt, die uns umgab, und der noch schöneren Geisteswelt, in der wir lebten, wenigstens für eine Zeitlang glücklich wähnen. Wagners Geburtstag nahte heran, und es wurden Vorbereitungen gemacht, ihn festlich zu begehen. Am Morgen begrüßte den Gefeierten ein hochpoetisches kleines Festspiel, von Frau Wagner gedichtet, das das Sternbild des Wagens redend vorführte, das mit seinen sieben Sternen der Zahl der Familienmitglieder entsprach und von den Kindern rezitiert wurde. Beim Mittagstisch, an dem auch Herren aus München, Mitglieder des Wagner-Vereins, teilnahmen, wurde ein von Stein gedichteter Toast ausgebracht. Wagner antwortete darauf in der eigentümlich ergreifenden Weise, in der nur er zu sprechen verstand, und gedachte des langen, qualvoll bewegten Lebens, das nun in schönem, harmonischem Frieden seinen Abschluß gefunden habe, so daß alle, die ihm fortan nahen wollten, ihn nur noch – indem er auf das Bild des Siebengestirns zurückkam – im Kreise der Sieben finden könnten.

Als der Abend kam, stiegen wir alle von unserer Höhe hinab an den Golf; zwei Barken nahmen uns auf, und wir fuhren hinaus in die herrliche Mondnacht, in die der Vesuv seinen Feuergruß hinaufsandte. Die neapolitanischen Fischer ließen es sich nicht nehmen, bengalische Feuer auf unseren Barken anzuzünden, so daß wir wie kleine Feuerinseln dahinschwammen, und ein Volkssänger, den Joukowsky seiner schönen Stimme wegen in Dienst genommen hatte, sang neapolitanische Volkslieder mit Begleitung der Mandoline, woran Wagner Freude hatte. Endlich kamen wir heim und fanden den Saal feenhaft geschmückt. Frau Wagner hatte so viele Rosenstöcke, als Wagner damals Jahre zählte, bringen lassen, und mit diesen war das Zimmer bei hellster Beleuchtung in einen Rosenhain verwandelt. Um aber den schönen Tag mit dem Schönsten zu beschließen, wurde dann das Musikzimmer geöffnet, und da begann eine Aufführung, die aus der Schönheit irdischen Seins zu einer Ahnung der Schönheit überirdischen Seins führte und die Seele mit dem reinsten Glücksempfinden erfüllte, das Erdgeborenen zu fühlen vergönnt ist. Joseph Rubinstein, der treue Wagnerianer, der leider zu früh freiwillig aus dem Leben schied, begab sich an den Flügel, Wagner, die Münchener Herren und die Kinder standen bei ihm und führten die ganze erste Szene im Gralstempel aus dem Parsifal auf, die ich zum erstenmal hörte. Die Kinder hatten die Knabenstimmen des Chors herrlich einstudiert, und gewiß hat nie eine Aufführung des hehren Werks in erhobenerer Stimmung, in innigerer Rührung und Ergriffenheit stattgefunden. Solche Stunden wiegen Jahre des Leidens auf und bleiben wie Fixsterne am Lebenshimmel stehen, wenn manches andere freundliche Licht längst erloschen ist. Sie leuchten noch in meiner Erinnerung fort in unvergänglicher Wirklichkeit, während bereits drei aus jenem Kreis, und unter ihnen der Größte, der Meister selbst, in das Nichtwahnland hinübergegangen sind.


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