Malwida von Meysenbug
Memoiren einer Idealistin - Zweiter Band
Malwida von Meysenbug

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Gedachtes und brieflich Geschriebenes

Wieder zog ich aus dem wonnevollen Süden über die Alpen, die lieben Menschen zu suchen, die ich wie meine irdische Zukunft ansehe, Olga und die Ihrigen. Es war kurz nachdem ich mit den Freunden in Sorrent den schönen Winter verlebt und auch nach ihrem Weggange noch einmal tief all die Zauber der südlichen Natur auf mich wirkend empfunden hatte. Nun umfing mich der graue Norden, und als ich am frühen Morgen in der Eisenbahn fahrend die Sonne aufgehen sah, tönte es mir in der Seele:

Hell steigt die Sonne
Auch hier ja empor.
Aber sie färbt nicht purpurn
Das selige Meer.
Belebt nicht edele Höh'n
Mit freudig vergoldendem Strahl;
Es raucht ihr nicht
Des alten Opferaltars
Düster flammende Wolke;
Nicht reicht die Liebe uns hier
Mit verjüngendem Blick
Den heiligen Trank
Der uralten, göttlichen Welt
Herrlicher Wesen
Ohne Leid, Alter und Tod!
Still, ohne Klage
Zieh ich des Wegs,
Denkend dessen, was war.
Aber es steigt leuchtend
Die Sonne hier auch empor,
Scheint vielleicht Glücklichen,
Die sie jauchzend verehren.

*

In den nächsten Zeiten nach dem Aufenthalt in Sorrent war ich in eifriger Korrespondenz mit Doktor Rée, dem einen unseres Quatuors von dort unten, der mir ein sehr lieber Freund geworden war, trotzdem wir in unseren intellektuellen Anschauungen Antipoden waren. Er verließ, wie erzählt, Sorrent mehrere Wochen früher als Nietzsche, und ich schrieb ihm noch von Sorrent aus; zunächst Dank für die »Briefe Bismarcks an seine Familie«, die er mir schickte, und dann über Nietzsches Scheiden: »Vielen Dank für das Buch, das ich mich sehr freue zu lesen. Ich habe nun einmal ein großes Interesse für Bismarck, trotzdem ich deshalb als eine Renegatin von meinen Glaubensgenossen angesehen werde. Das ist aber doktrinäre Beschränktheit, denn einen bedeutenden eigentümlichen Menschen muß man von seinem Standpunkt aus beurteilen und anerkennen können, auch wenn man seine Ansichten nicht teilt.

*

»Nietzsche geht wirklich morgen, Sie wissen, wenn er einmal so etwas vor hat, dann tut er es, mag auch der Himmel mit allen Warnungszeichen dagegen sprechen. Darin ist er nicht mehr griechisch, daß er auf die Stimme der Orakel nicht mehr hört. Ebenso wie er seine Landpartien macht, auch wenn es das schlechteste Wetter ist, so geht er jetzt, trotzdem er todmatt ist und ein wütender Wind weht, der das Meer aufwühlt und ihn jedenfalls seekrank macht, da er durchaus von Neapel nach Genua zu Schiff gehen will.«

*

Am folgenden Tag, 8. Mai 1877: »Ja, er ist wirklich fort. Da Sorrent mit seinen Blüten, seinen Zaubern ihn nicht zu halten vermochte, so mußte er eben gehen. Aber es ist mir schrecklich, ihn so allein reisen zu lassen, denn er ist so unpraktisch und unbehilflich. Zum Glück ist das Meer heute ruhiger. Wenn Wünsche etwas tun könnten, so müßte es ihm gut gehen, denn meine heißesten Wünsche und mein unsagbares Mitleid folgen ihm. Ach, er ist so zu bedauern! Noch vor acht Tagen hatten wir Pläne für ihn gemacht, für nahe und ferne Zukunft. War es nun nur die Angst, die ihn trieb, dem Leiden zu entfliehen, das ihm plötzlich an das hiesige, allerdings etwas abnorme Frühlingswetter gebunden erschien? Aber wie wäre es wohl anderswo mit ihm in diesem schlechten Frühjahr gewesen? Ich glaube auch, im letzten Augenblick kam ihm der Gedanke, als ob es doch übereilt sei, zu gehen, doch es war zu spät.

Mich hat dies alles, dieses viele und traurige Trennen sehr angegriffen, und ich rufe mit aller Inbrunst den heiteren Intellekt zu Hilfe, denn in diesen Tagen empfand ich es noch recht lebhaft, wie nur der Intellekt heiter ist; er ist das solarische Gebiet; das andere, das tellurische, der Wille, ist das Dunkle, das Schmerzbrütende, Qualenspendende. Ich will sehen, ob es mir gelingt, mich mit Hilfe des Intellekts oben zu erhalten, über allem, was in der letzten Zeit mich wieder betrübt und angegriffen hat. Die alte Kämpferin muß sich doch bis zuletzt bewähren.«

Zunächst hielt ich in Seelisberg am Vierwaldstätter See an, wo ich meine Freunde erwarten sollte. Ich schrieb von da an Rée: »Meine Einsamkeit ist beinah vollständig, wennschon unter hundert Menschen, denn die ganze deutsche Gesellschaft, die das Hauptkontingent bildet, erregt mir keinen Wunsch nach Bekanntschaft; sie ist greulich, diese albernen Frauen, diese philisterhaften Männer, diese Nichtigkeit der Gespräche! Es ist erschreckend! das nennt man das Volk der Intelligenz! Einzig ein paar englische Tischnachbarinnen sind angenehm. Die eine, schon mit grauen Haaren und lahm, kommt eben von Neu-Seeland, über Kalifornien, Nord-Amerika und die Sandwich-Inseln, zurück! Sie spricht davon, als ob sie eine Spazierfahrt gemacht hätte, und sagt, das schönste Paradies der Erde sei Honolulu, es sei märchenhaft schön. Ja, die Engländer sind darin wie in vielem anderen die klügsten Menschen. Sie sehen die Paradiese der Erde und freuen sich ihrer, ohne sich um die Adams und Evas zu bekümmern.

*

Eben Briefe erhalten von Brenner und Nietzsche. Hier ein kleines Gedicht von ersterem, das mich sehr rührt; der arme Junge, er ist schwer krank und wird sterben. Das einzige Glück, das er gekannt hat, war der Aufenthalt in Italien:

»O Lichtland,
Fern flutet dein Glück.
Am weiten Ende
Schimmert ahnende Helle
Deines heiligen Abends,
Träumendes Lichtland!«

Von Nietzsche hatte ich einen merkwürdigen Brief; sein neuster Entschluß ist gerade das Gegenteil von seinem letzten Sorrenter Beschluß, der ihn ganz begeisterte und ihm mit völliger Gewißheit der rechte schien. Auch mir schien er der rechte, wir besprachen ihn genau und kamen zu der Überzeugung, daß es so sein müsse. Er wollte also Basel ganz aufgeben, noch ein Jahr nur der Gesundheit und geliebter Arbeit leben und dann nach gewonnener Stärkung ein neues Leben beginnen. Wir stimmten überein, daß sicher der Zwang, zu arbeiten, was ihn nicht befriedigte, und unterlassen zu müssen, was seinem tiefsten Wesen homogen war, das eigentlich Schöpferische, dazu beigetragen habe, ihn krank zu machen. Er atmete förmlich auf bei dem Gedanken der Freiheit. Jetzt hat die »Vernunft« der Schwester gesiegt. Er bleibt in Basel! Nur als »Gelehrter« ist er gesund gewesen und er will als solcher entweder wieder gesund werden oder im »Handwerk« untergehen. Sehen Sie, das ist wieder das seltsame Schwanken zwischen den beiden Naturen, die »in seiner Brust kämpfen«; die eine, die recht behalten müßte, läßt er unterliegen und wird ewig daran kranken, daß sie die Unterdrückte ist. Ach armer Nietzsche, mir ist es furchtbar leid um ihn, gerade weil seine Begabung so glänzend ist, wie Sie es sagen, und weil er nie glücklich sein kann in einer philisterhaften Existenz.

*

Im Sommer 78 war ich zunächst in Montmorency bei Paris, wo Olga einen Sommeraufenthalt machte. Ihre Gesundheit war stark angegriffen und machte mir große Sorge. Ich schrieb an Rée, sprach ihm auch davon und sagte: »Ach, die Pein, ein geliebtes Wesen leiden zu sehen, ist doch die größte von allen.« Hat die Analyse dafür auch den Schlüssel gefunden? (Der streitige Punkt zwischen Rée und mir; er machte alles von Analyse und Experiment abhängig.)

*

Dazu welch ein Sommer! Welch ein abscheuliches Klima hier oben jenseits der Alpen! Und welche Politik, wie sie sich eben in Berlin abspinnt! Dieses Verhandeln der Völker, dieser Kommunismus von oben, während man die armen Teufel verfolgt, die nach der mäßigen Gütergemeinschaft des täglichen Brots verlangen! Der alte Zorn wird in mir wach; es ist ja wahr, daß schließlich alles Zielen der Vernunft dienen muß, denn der Gedanke geht über den Egoismus der Mächtigen hinweg, und Asien wird der Kultur geöffnet, von wo sie kam. Freilich wird eine Menge Poesie damit verloren gehen, eine Menge Schönheit, Originalität, Tradition, ja Weisheit, und das Nivellieren, das Stuart Mill so sehr fürchtete, wird sich immer mehr verwirklichen. Aber es ist nicht zu ändern, und aus dem Gleichgewicht in der gesellschaftlichen Entwicklung wird entweder ein neues gewaltiges Ringen nach einem fernen, unbekannten Ideal hervorgehen, oder ein Stillstand, der Stumpfheit und Indifferentismus hervorbringt, oder endlich ein Kataklysmus, der den ganzen irdischen Prozeß verschlingt, der sich dann auf anderen Körpern des Weltalls wiederholt.

*

Nach dem Aufenthalt in Montmorency ging ich, eingeladen von Wagners, nach Bayreuth zu Besuch. Ich schrieb von da an Rée: »Meine Reise ging glücklich von statten. An der Bahn empfingen mich Frau Wagner und die Kinder, im Hause Wagner und Liszt, der zu meiner großen Freude noch hier ist. Ja, es läßt sich kaum etwas Schöneres denken, als das Leben hier im Hause: diese beiden hochbedeutenden Männer, zwischen ihnen Friede, Harmonie, Geist und Grazie bringend die herrliche Frau, und um diese drei der Kranz junger, blühender Geschöpfe, die schöne Häuslichkeit, geordnete Verhältnisse, keine Sorgen mehr. Im Augenblick haben wir auch schönes Wetter; hier in Wagners Garten ist es wunderschön, es ist alles so herrlich aufgewachsen und schön gepflegt. Überhaupt das ganze Wahnfried ist ein Heim, wie wohl wenig Menschen selbst in ihren Träumen es sich haben erschaffen können. Es ist ein einziges Beispiel einer spät erfüllten aber vollständigen Gerechtigkeit des Schicksals. Liszt hat mir gestern den Anfang des Parsifal gespielt – ja, lieber Freund, ich kann Ihnen nicht helfen, das ist doch Religion! Ob sie nun ein angeborenes Empfinden oder ein historisch entwickeltes Produkt des menschlichen Organismus ist, es ist ein Etwas, was uns erst wahrhaft zu Menschen macht und seine Erklärung nicht im chemischen Laboratorium findet. Ist es absolut ein Produkt des historischen, entwickelten Menschengeistes, so wird unsere Aussicht grenzenlos, denn dann sind wir fähig, also verpflichtet, uns zu vergöttlichen. – Doch tut es mir manchmal leid, daß sich Wagners durch dies schöne Heim hier gebunden haben, denn der lange Winter ist doch schwer zu ertragen; ja, wenn es zwei Monate wären, aber acht!

Es tut mir furchtbar leid, von hier zu gehen, aber das arge Klima, die frühe Kälte treiben mich fort. Aber es gibt doch auch ein langes Glück, denn die besten Stunden schließen ewigen Inhalt ein, der wie ein Komet einen langen Lichtstreif hinter sich zurückläßt.

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Nach einem schweren Verlust, der Rée betroffen: »Ja, das sind die Fälle, wo keine Philosophie hilft, sondern einzig die stumme, klaglose Resignation, die den furchtbaren Schmerz, die unermeßliche Entbehrung hinnimmt, wie einen Teil unseres Erdenloses, und sie stolz in das Herz verschließt, es verschmähend, mit den rohen Gewalten zu rechten, die die Geistgeborenen zu solcher Qual verdammen. Nein, es ist gut, daß es keinen Gott im gewöhnlichen Sinne gibt. Wir würden in ewiger prometheischer Empörung gegen den grausamen Despoten sein.«

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Wenn Montaignes Definition richtig ist, so wär es allein schon der Mühe wert, sich mit Philosophie zu beschäftigen, um dem Ende dieses Lebens mit Ruhe, ja, beinahe Freude, entgegenzusehen. Aber ich habe schon mehreremal bemerkt, daß weder die Beschäftigung mit Philosophie noch mit Religion die Menschen von der Furcht vor dem Tode und von der übertriebenen Anhänglichkeit an das Leben befreit. Nur die philosophisch geborenen Geister und die innerlich religiösen Gemüter fürchten den Tod nicht, sondern erwarten ihn in erhabener Ruhe. Wobei es dann wieder bestätigt wird, daß alles nichts hilft, was man nicht innerlich ist.

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Ich bekam von meinen Schwestern Schillers und Goethes Briefwechsel geschenkt, den ich noch nicht besaß, und habe gleich heute morgen meinen Gottesdienst darin lesend gehalten. Ja, mit dem Genius verkehren, das ist auch, was leben und sterben lehrt. Welche Heroen diese beiden! wie erlösend klar strahlt ihr Geist einen an. Es ist das darin, was befreit.

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Die Tage der Aufregung durch den Tod des Königs sind vorüber, und Rom ist in seine alte Gestalt zurückgekehrt; die 120 000 Fremden sind fort; le roi est mort, vive le roi, ist eine Wahrheit geworden; das erste Auftreten und Reden des jungen Königs ist würdig gewesen, und wenn der Parteihaß auch schon wieder anfängt zu züngeln und verdächtigende Vermutungen, düstere Prophezeiungen usw. auszustreuen, so hat sich die nationale Einheit als eine Tatsache erwiesen, die man vergebens wegzuleugnen versucht. Daß sich dies monumental schöne, imposante Leichenbegängnis ohne den Klerus (es waren nur wenige einfache Priester der Quirinal-Parochial-Kirche dabei), im Angesicht des Vatikans und hin zum Tempel des Agrippa, in das heidnische Pantheon, vollzogen hat, bleibt ein historisches Moment von großer Bedeutung. Ja, es war etwas Unvergeßliches, diese Tage hier erlebt zu haben. Ich glaube nicht, daß Gambettas Mission gelungen wäre, hätte auch Viktor Emanuel gelebt, denn die öffentliche Meinung ist jetzt ganz für die Allianz mit Deutschland, und dieser Meinung hatte sich der verstorbene König immer gebeugt, und jetzt ist die Hinneigung wohl noch größer geworden durch das Kommen des deutschen Kronprinzen zum Leichenbegängnis und durch die entschiedene Vorliebe des Königs Humbert für Deutschland. Die armen Türken werden ihrem Schicksal überlassen; ich kann nicht sagen, wie es mir leid tut und wie sehr ich fürchte, daß Europa sein laisser aller den Russen gegenüber zu bereuen haben wird.

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Nun ist auch der Papst drüben im Vatikan gestorben, so kurz nach dem Tode im Quirinal, gerade als wenn sie sich das Wort gegeben hätten! Das Konklave, dem die Fremden insbesondere mit größter Neugier entgegensahen, ist sehr rasch und fast unbemerkt nicht mehr im Quirinal, sondern im Vatikan vorübergegangen. Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen, alte und neue Zeit standen sich gegenüber, feindliche und unversöhnliche Gegensätze! Wer wird recht behalten von den beiden? Das alte Rom ist noch sehr stark, denn es ist eine Weltmacht; es kommt darauf an, ob das neue Rom so hohe Kulturgedanken zu verwirklichen fähig ist, daß sie den alten, halb verbrauchten Stoff besiegen, sonst wird der Gegensatz noch lange dauern, vielleicht noch Jahrhunderte. Ich war in diesen Tagen in einer Abendgesellschaft beim deutschen Gesandten, Herrn von Keudell. Gregorovius war auch da, und ich sprach mit ihm über die letzten Begebenheiten und sagte, wie schade es sei, daß dies tragische Zusammentreffen nicht ein paar Jahrhunderte zurück läge. Wie schön würde er es sonst dargestellt haben, ein wirklich historisches Drama: der noch jugendkräftige König und der müde Greis, in den beiden Palästen, aus denen man sich in die Fenster sehen kann, sterbend, der eine notgedrungen der Sieger; der andere der tief Beleidigte, nicht Vergebende, obwohl das Haupt der Kirche der allgemeinen Liebe und Versöhnung. Es wäre ein Seitenstück geworden, nur im entgegengesetzten Sinn, zu dem schönen Bild, das er, Gregorovius, in der Geschichte Roms entworfen, von dem Zusammensein Otto III. mit seinem Vetter Gregor V., den er zum Papst gemacht (der erste deutsche Papst). Beide Jünglinge, von hoher Bildung und edler Gesinnung, zusammen im Lateran, einen Traum beglückender Weltherrschaft träumend. Aber diese Idealisten gingen unter mit ihrem jugendlich holden Traum, und jene modernen Alten blieben, ein jeder das Szepter fest an sich drückend, ein jeder sterbend rufend: »non possomus!«

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Ich schrieb von der Art, wie man intimere Korrespondenzen führen solle, in Tagebuchweise und fügte hinzu: so gibt's ein Stück Seelenleben – Verzeihung! ich habe mir vorgenommen, nicht mehr von Seele zu sprechen; wieder ein Wort, das man aus der Sprache streichen muß, also auch nicht mehr von Psychologie, sondern: graue Gehirnstoffsfunktionologie. Werd ich nicht realistisch? (Es waren dies Neckereien wegen Rées wissenschaftlichem Realismus und meinem angefeindeten Idealismus.)

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Ich sprach von einem gemeinschaftlichen Freunde, an dem ich eine seltsame Erfahrung gemacht hatte. Ach Männer, Männer, welch ein Geschlecht! Ewig werden euch die Philinen besser gefallen, als die edlen, gebildeten Frauen. Deshalb protestiert ihr auch so gegen alle Bestrebungen, die Frauen zu einer höheren Bildungsstufe zu erheben. Nun gut, wenn es nicht mit euch sein kann, so wird es ohne euch und trotz euch geschehen. Ja, ich möchte jetzt Kreuzzüge predigen, nicht gegen die armen Türken, die sind doch ehrlich mit ihren Harems, aber zum energischen Vorgehen möchte ich Frauen und Mädchen anfeuern, zum edlen Kampf mit den Waffen der höchsten Bildung, der höchsten Sitte. Die Zahl meiner unbekannten Freundinnen mehrt sich auch zusehends. Aus Winterthur erhielt ich einen Brief von einer Schweizerin, die mir die Zustimmung und Sympathie eines ganzen Kreises versichert. Zwei Damen aus Danzig sind hier, die mir mit Liebesversicherungen entgegenkamen, kurz, ich sehe einen tiefen Wunsch erfüllt: auf die Frauen einen ermutigenden Einfluß auszuüben. Nicht, daß ich mir einbildete, es wäre etwas Großes! Aber es [ist] die Korallenarbeit, die mit ihrem kleinen Anteil hilft am Bau der Zeiten, durch die Arbeit an der Veredelung meines Geschlechts, der ich die wichtigsten Folgen für das Kulturleben der Menschheit zuerkenne.

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Ich glaube nicht, daß Sie die Richtigkeit einer Beobachtung daran messen können, wenn Sie die objektiv gemachte nun in sich bestätigt finden. Keines Menschen Inneres ist ein Makrokosmos, in dem sich alle und jede Möglichkeit von Regungen findet, um danach zu urteilen; ich glaube sogar, daß es ein gefährliches Experiment ist, zu viel in sich zu blicken, um eine objektiv gültige Wahrheit hinzustellen. Selbst der Genius, der doch am meisten die Fülle der Welt in sich trägt, muß dennoch viel sehen und beobachten, um wahr zu gestalten. Mir scheint, man muß dabei verfahren wie der Physiolog, dem erst eine ungeheure Anzahl von Beobachtungen mit dem gleichen Resultat den Ausspruch eines allgemein gültigen Gesetzes gestatten. Auch selbst Larochefoucauld finde ich gar nicht immer allgemein gültig; er bleibt zu oft nur von seinem Kreise, der Gesellschaft seiner Zeit, seiner Nationalität bestimmt.

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Am Weihnachtsabend war ich ganz allein und gedachte des Jahres, wo wir in Sorrent so fröhlich beisammen waren. Schöne Bilder aus der langen Lebenszeit umgaben mich fast wie lebende Gegenwart, und ich befand mich in einem fortwährenden, inneren Gebet für alle, die ich liebe. Kennen Sie diese Art des Gebets auch? Es ist vielleicht die einzig wahre, denn sie richtet sich nicht an ein Güter spendendes Wesen und verlangt nichts Irdisches. Es ist nur eine so intensive Stimmung der Liebe, der Reinheit, des Friedens, daß im Gegenteil alles Irdische darin verschwindet, und nur ein segnendes Umfassen der liebsten Menschen, eine große Versöhnung mit allem Schicksal übrig bleibt und der Christgesang zur Wahrheit wird: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. In solchen Stimmungen versteht man alles und verzeiht deshalb alles.

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Meine Gesellschafterin liest mir jetzt abends den Tacitus vor, der mich ganz glücklich macht. Ja, diese klassische Ruhe und Klarheit der Darstellung ist wie ein wohltätiger Balsam, der erquickt und stärkt. Warum haben wir modernen Menschen diese höchste Bildung nicht, einfach zu sein? Ich glaube, weil wir zu subjektiv sind, zu sehr alles im Spiegel unseres Ichs betrachten, anstatt uns ganz der Anschauung des Objekts hinzugeben und uns dabei zu vergessen. So sagte mir Stein neulich viel Schönes über Michelangelo und die Capella Sixtina, worüber ich mich sehr freute, dann aber setzte er hinzu: »aber lehren tut mich Michelangelo nichts, ich habe das alles schon in meiner einsamen Studierstube erlebt und gewußt.« Das ist's, was dem modernen Menschen anhängt, er glaubt sich zu früh reif und meint, er habe nichts mehr von den Großen zu lernen, ohne zu bedenken, wieviel er bereits von ihnen gelernt hat, und wie anders sein subjektives Erkennen sein würde, hätten sie ihm nicht den Weg gezeigt.

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Ach, die Einsamkeit, wieviel Schmerzliches sie auch hat, verwöhnt den Menschen doch, und es bleibt ein ewiges Schwanken in der Seele zwischen der Sehnsucht nach denen, die man liebt, und nach der einzig unerschütterlich treuen Gefährtin der Einsamkeit. Die Säulenheiligen hatten eigentlich recht. Sie wußten, daß man ein Ende machen muß mit diesem Schwanken, und daß nur in unerreichbaren Wolkenfernen das Herz endlich verstummt vor dem denkenden Geist, der seine letzten Aufgaben zu lösen hat.

Gestern sprach ich mit dem hiesigen Arzt (in einem Kurort in der Schweiz), einem sehr intelligenten, jungen Mann, und sagte ihm, mein einziger, letzter Anspruch sei, noch arbeitsfähig zu bleiben, da die Arbeit doch das einzige sei, was sich nicht als Illusion erweise, und uns die letzte, wirkliche Befriedigung gebe. Er meinte, ja, aber auch das sei schließlich Illusion, denn wie gering sei die Wirkung, die von ihr ausgehe, die Werke des Genius vielleicht allein ausgenommen. Ich gab ihm das zu, sagte aber, die Bedeutung der Arbeit läge nicht sowohl in ihrer Wirkung, als in der Betätigung der Individualität, so scheint es mir, es ist derselbe Vorgang im Mikrokosmos, der sich im Makrokosmos in großen Verhältnissen begibt. Das Schaffende, was es auch sei, ob Wille, ob Anziehungskraft in den Atomen (Rées Theorie), ob ein geistiges Prinzip, immer muß es sich individualisieren, sich betätigen, sich gegenständlich werden, so auch in uns.

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Daß Sie ein solcher Revolutionär werden, et à tout prix das Weltganze neu organisieren wollen, amüsiert mich sehr. Ja, es ist das eben der Traum, den wir alle geträumt haben, daß eine solche Reorganisation möglich sei. Sie ist es aber nicht; die Welt träte sonst aus dem Gesetz der Kausalität heraus. Freilich, der zur höchsten Einsicht gereifte Intellekt wäre auch die Wirkung aller vorhergegangenen Ursachen, und insofern wäre seine Reform in der Kausalitätskette mit einbegriffen; aber nicht bloß das Prinzip selbst, sondern auch die Mittel und Wege, mit denen es sich verwirklicht, entwickeln sich nur langsam, denn der Faden der Gewohnheit ist nicht plötzlich abzureißen; er ist nur allmählich in ein neues Gewebe zu verwandeln. Das ist dann die Aufgabe der helfenden Mächte, die dem die höhere Organisation anstrebenden Intellekt zur Seite stehen.

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Mir scheint jetzt der einzig mögliche und wirkungsvolle Schwerpunkt der Neu-Organisation der Gesellschaft, der wir zustreben, der zu sein: die möglichst große Entwicklung des Intellekts und die materielle Verbesserung der bedürfenden Klassen; infolgedessen die Verminderung sinnlicher Bedürfnisse und die Abnahme der Herdenproduktion der Menschheit. Denn wo werden die meisten Kinder geboren? In den armen, materiell entbehrenden, unwissenden Klassen, und das ist ganz natürlich unter den jetzigen Verhältnissen. Der unwissende Proletarierteil der Gesellschaft wird also vermehrt. Sollte das auch selbst vom rein national-ökonomischen Standpunkt aus ein Gewinn sein? Gewiß nicht. Noch weniger vom philosophisch-humanistischen. Liegen unsere höchsten Kulturzwecke darin, daß ein dicht bevölkertes Land viele Arme habe für Industrie, Handel usw. und schließlich für Kanonenfutter? Dreimal nein! Sie liegen darin, daß ein intelligentes Volk die Erde zu einem Wohnsitz denkender, fühlender, künstlerischer Wesen mache, die den Vorteil der Anzahl durch die Vorzüge höherer Intelligenz und Bildung bei weitem übertreffen und die geistigen Ziele höher stellen als das bloße Wohlleben.

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Ich bin mit Ihrem Satz über das Mitleid nicht einverstanden. Schopenhauer sagt nicht, daß jeder Mensch von Natur dieses als lobenswert empfindet, sondern er sagt, es ist das einzig Ethische, weil wir in ihm uns nicht als egoistische Einzelwesen fühlen, sondern das fremde Leiden wie unser eigenes empfinden, und die gemeinsame Last des Daseins im Mitgefühl gleichsam dem anderen tragen helfen. So ist es, deshalb ist es gut, gar nicht aus christlichem Aberglauben, sondern aus dem einzigen, was den Menschen adelt und ihn über das Tier in ihm erhebt. Und allerdings ist das Mitleid, wie alle anderen Grundtriebe unseres Wesens, eingeboren, denn sonst könnten sie sich nie entwickeln. Wozu kein Keim da ist, kann sich nichts entwickeln. Aber diese Keime liegen in uns gebunden, und unsere Aufgabe ist es, sie zur Blüte zu bringen.

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Am 2. Juni 1882 war in Italien einer jener Augenblicke, wo dasselbe Gefühl in Millionen Herzen zittert, und die Tränen derselben Trauer in Millionen Augen perlen. In solchen Augenblicken verschwinden die kleinen Ränke, die bösen Triebe des Neides und Hasses, die selbstsüchtigen Anfeindungen der Parteiwut, die Leidenschaften, die in blindem Eifer die ruhige Klarheit trüben, die allein die Menschen zu edler Entwicklung und zum Frieden führen kann. Die Massen begreifen dann instinktiv ein höheres Prinzip, das sich ihnen in einer konkreten Gestalt dargestellt hat, und man fühlt mit tiefer Genugtuung, daß die Tugend dennoch eine Macht ist, vor der in den Weihestunden des Lebens die Menschheit das Knie beugt, und das Laster, trotz seiner unermeßlichen Gewalt, verstummt.

Schon hat der Telegraph es der Welt verkündet, was diesen Augenblick hervorgerufen hat: Joseph Garibaldi ist tot! Kein Land der modernen Geschichte hat eine solche Menge wahrhaft epischer Gestalten in einer verhältnismäßig kurzen Epoche hervorgebracht, wie Italien in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, und wenn es mit tiefem Weh jetzt eine nach der anderen von ihnen verschwinden sieht, so bleibt ihm der Trost, daß ihr Ruhm weit hinaus in die Zukunft leben, ja vielleicht noch heller strahlen wird, wenn die Hand des Historikers einst in unparteiischer Betrachtung die einzelnen Züge der Persönlichkeiten und die Ereignisse zu einem großen Bilde vereinigt. Unter den vielen aber ragen zwei besonders hervor: Mazzini und Garibaldi. Dieser hat den ersten um zehn Jahre überlebt, und wiewohl seine Kraft längst gebrochen war, und er, ein siecher Held, auf seinem Schmerzenslager ruhte, so trifft die Nachricht seines Todes doch alle unvorbereitet; wie ein elektrischer Schlag bebt es durch ganz Italien, von Nord nach Süd, daß ein nationales Unglück es betroffen. Beim Tode des Königs Viktor Emanuel war die allgemeine Erregung nicht größer und sicher nicht so innig, als sie jetzt ist. War Garibaldi doch ebenso, wenn nicht mehr, der Befreier gewesen, wie jener. Man muß Italien kennen, um sich vorstellen zu können, mit welcher Spontaneität sich hier ein so tiefergreifendes Gefühl kundgibt. Kaum war die Trauernachricht in das Publikum gedrungen, so hatten sich alle Läden geschlossen, an den Fenstern und Balkonen wurden die Fahnen, mit Trauerflor bezogen, aufgesteckt; schwarzberänderte Anzeigen erschienen an den Mauern und wurden in den Straßen ausgeboten. Die Kammer, der Senat, das Munizipium hielten Sitzungen, um Beschlüsse zu fassen, der König Umberto schickte alsbald ein Telegramm an die Familie nach Caprera und ließ die große Revue abbestellen, die zur Feier des Festes der Konstitution stattfinden sollte. Ebenso wurde das berühmte Feuerwerk, die Girandola genannt, aufgesagt, das in päpstlicher Zeit um Ostern, jetzt an diesem Festtag jährlich abgebrannt wird. Die Theater blieben geschlossen. Der Korso zeigte am Abend das Bild einer Aufregung, wie sie nur ein großes, erschütterndes Ereignis hervorrufen kann. Dichtgedrängt standen die Volksmassen zusammen, die schwarzberänderten Blätter lesend oder in stummer Ergriffenheit miteinander fühlend.

Rom hatte seinen Helden der Jahre 48 und 49 nicht wiedergesehen, bis zum Winter des Jahres 74. Wer damals in Rom war, wird sich des Jubels erinnern, mit dem der Volksheld gleich einem Triumphator der antiken Welt empfangen wurde, der Tausende, die am Bahnhof seiner Ankunft harrten, des Anblicks, wie er des Gebrauchs der Glieder damals noch nicht beraubt, stehend im Wagen, dem man die Pferde ausgespannt hatte und den begeisterte Männer zogen, nach allen Seiten dankend grüßte. Man wird sich erinnern, wie er in der Aula des Parlaments mit Ehrenbezeugungen empfangen wurde, als er kam, seinen Sitz als Deputierter einzunehmen, und wie der König Viktor Emanuel ihn empfing und auszeichnete. Vor allem aber wird man sich erinnern, wie er die Furcht Lügen strafte, die sein Erscheinen in Rom als den Anfang revolutionärer Unruhen bezeichnet hatte. Der edle Kriegsheld kam nur mit Missionen des Friedens; die Urbarmachung der römischen Campagna und die Regulierung des Tiberbettes – das war die Revolution von eingreifenden Folgen für die Gesundheitszustände und die Wohlfahrt Roms, die er zu bewerkstelligen wünschte.

Leider wurden seine großen, praktischen Pläne nicht ausgeführt, wie denn überhaupt sein Alter schmerzvoll genug war, nicht bloß durch physische Leiden, sondern durch herbe Enttäuschungen für seinen edlen, uneigennützigen Patriotismus. Ich sah ihn nur einmal, als ich am Morgen, wo seine Empfangszeit war, in die Villa vor der Porta Via, wo er wohnte, ging, ihn zu begrüßen. Er saß in seinem nun typisch gewordenen roten Hemd, sein kleines Mützchen auf dem Kopf, hinter einem großen Tisch, der mit Karten und Drucksachen bedeckt war, um ihn im Halbkreis saßen die Besuchenden, deren Zahl jeden Tag unendlich groß war und unter denen an jenem Morgen sich Depretis, damals noch nicht Minister, befand (wie denn auch Minghetti seinen morgendlichen Spazierritt täglich nach der Villa lenkte). Viel mit ihm zu reden war unter diesen Bedingungen unmöglich, aber es war eine Freude, ihn wiederzusehen, wenn er freundlich nach italienischer Weise mit der Hand grüßend von seinem Sitz aus mit dem bezaubernden Wohllaut seiner Stimme rief: »addio, addio!«, das von ihm, wie übrigens häufig in Italien, als Willkommensgruß gesagt wurde.

Rom hat ihn nicht wiedergesehen, denn er ging, entmutigt und enttäuscht über die Gestaltung der Dinge, früher als er gewollt hatte, auf sein Eiland zurück. Aber Palermo hat die wehmutvolle Freude gehabt, daß Garibaldis letzter Besuch ihm gegolten, und der unsagbar herrliche Empfang, den Sizilien bei Gelegenheit der sechshundertjährigen Feier der sizilianischen Vesper dem greisen Helden bereitet, und die Beweise begeisterter Liebe, mit denen es ihn umgeben hat, werden nun wie der letzte, schöne Kranz von eines ganzen Volkes liebender Verehrung sich um das Bild des edlen Toten schlingen.

Viele Städte wünschen sich schon die Ehre, die sterblichen Überreste Garibaldis zu besitzen, vor allen Rom, ja es wurde der Vorschlag laut, diese im Pantheon, wohin man auch Viktor Emanuel gebracht, beizusetzen. Der letzte Wille Garibaldis, der soeben bekannt wird, entscheidet die Frage fest und für immer. Er lautet: »Da ich testamentlich die Verbrennung meines Leichnams verordnet habe, so beauftrage ich meine Frau mit der Vollstreckung dieses meines Willens, ehe irgend jemand von meinem Tod benachrichtigt wird. Wenn sie vor mir sterben sollte, werde ich dasselbe für sie tun. Es soll eine granitne Urne verfertigt werden, um ihre und meine Asche einzuschließen. Die Urne soll auf der Mauer hinter dem Sarkophag unserer Kinder unter der Akazie, die ihn beschattet, aufgestellt werden.« – Man wartet auf die Kinder Garibaldis aus erster Ehe, die bei seinem Tode nicht anwesend waren, um diesen seinen letzten Willen zu vollziehen. Es läßt sich nichts der ganzen Gestalt und dem Charakter des einfachen Mannes würdig Passenderes denken, als diese Auflösung der zu verschwindenden Form. Die läuternde Flamme wird, wie bei den antiken Helden, das Irdische verzehren, und das kleine Felseneiland, wohin er zurückkehrte, nachdem er Viktor Emanuel ein Königreich geschenkt hatte, wo er in bescheidener Zurückgezogenheit mit den Seinen lebte, und wo sein edles Herz zu schlagen aufhörte – ist das rechte Piedestal für die Urne, die die Asche eines jener Menschen enthalten wird, wie sie in unserer Zeit immer seltener werden, die die erkennende Nachwelt aber den edelsten Helden der alten Zeit zur Seite stellen wird.

Auch von ihm, wie von Mazzini, entwarf Alexander Herzen ein schönes, nie übertroffenes Bild, ich erinnerte mich daran in diesen Tagen: »Mit Garibaldi wurde ich erst im Jahre 1854 in London näher bekannt, als er von Südamerika zurückkam als Kapitän eines Schiffes, das in den Westindien-Docks auf der Themse lag. Ich ging mit einem seiner früheren Gefährten im römischen Krieg, ihn zu besuchen. In seinem dicken, hellfarbigen Paletot, seinem bunten Tuch um den Hals und dem kleinen Mützchen auf dem Kopf erschien er mir mehr gleich einem vollkommnen Seemann, denn als der Führer des römischen Heers, dessen Bild mit phantastischer Kleidung damals in der ganzen Welt verkauft wurde. Die gutmütige Einfachheit seines Benehmens, die Abwesenheit aller Prätension, die unverkennbare Herzensgüte, mit der er uns empfing, gewannen ihm gleich meine Neigung. Seine Schiffsmannschaft bestand hauptsächlich aus Italienern, er war der Befehlshaber und sicher ein strenger; aber er wurde dennoch von allen geliebt und verehrt, alle waren stolz auf ihren Kapitän. Er gab uns ein Frühstück in seiner Kajüte und bewirtete uns mit besonders zubereiteten Austern aus Südamerika, mit getrockneten Früchten und Portwein. Plötzlich sprang er auf und rief: ›Halt, mit Ihnen muß ich einen andern Wein trinken.‹ Er lief aufs Verdeck, und darauf erschien ein Matrose mit einer Flasche. Garibaldi lächelte und füllte unsere Gläser. Was konnte man da nicht erwarten von einem Mann, der von jenseits des Ozeans kam? Es war aber nichts anderes als Belett, Landwein von Nizza, seiner Heimat, den er nach Montevideo und von da wieder nach London immer mit sich führte. In unserer gemütlichen Unterhaltung aber fühlte ich, daß ich mich in der Gegenwart einer außerordentlichen, großen Natur befand. Ohne daß er Phrasen und Gemeinplätze brauchte, erkannte man in ihm doch den mächtigen Volksführer, der selbst alte, erfahrene Soldaten durch seine Taktik in Erstaunen gesetzt hatte, und es war nicht schwer, in diesem schlichten Schiffskapitän den verwundeten Löwen zu erkennen, der nach dem Fall von Rom nur Schritt vor Schritt der Übermacht wich, und nachdem er seine ersten Gefährten verloren hatte, Soldaten, Bauern, Räuber, wen er nur finden konnte, zusammenrief, um einen neuen Schlag auf den Feind auszuführen. Und das geschah nach dem Tode seiner heißgeliebten Frau, die den Mühsalen und der Angst eines solchen Feldzuges erlegen war. Schon in diesem Jahr 1854 wichen seine Ansichten wesentlich von denen Mazzinis ab, obgleich sie persönlich sehr gut zusammen standen. Er sagte in meiner Gegenwart zu Mazzini, daß es nicht ratsam sein würde, das piemontesische Gouvernement zu reizen, daß zunächst das Nötigste sei, sich vom österreichischen Joch zu befreien, und daß er sehr zweifle, ob Italien schon für eine Republik reif sei, wie Mazzini sie wünsche. Er war entschieden gegen jeden Versuch einer Revolution. Als er London verließ, sagte ich ihm, daß mir sein Seeleben außerordentlich gefalle, und daß er unter allen politischen Flüchtlingen das beste Teil erwählt habe. ›Wer hält die anderen ab, ein Gleiches zu tun?‹ sagte er mit Wärme. ›Es war dies immer mein Lieblingstraum und ist es noch. Sie mögen nun darüber lachen oder nicht. Die Menschen in Amerika kennen mich; ich hätte dort drei bis vier Schiffe haben können, um die ganze Emigration aufzunehmen. Alle Mannschaft würde aus den politischen Flüchtlingen genommen sein. Was ist denn jetzt in Europa zu tun? Entweder Sklave sein, oder sich ruinieren lassen, oder still in England leben. In Amerika sich niederzulassen ist noch schlimmer, dann ist alles vorbei, denn das ist ein Land, in dem man das Vaterland vergißt, und das einem zur zweiten Heimat wird, wo es andere Interessen gibt und alles anders ist als hier. Menschen, die sich in Amerika niederlassen, scheiden aus der alten Welt aus. Was könnte aber besser sein als mein Plan?‹ setzte er mit vor Begeisterung strahlenden Augen hinzu: ›Die ganze Emigration um ein paar Mäste versammelt, auf dem Ozean lebend, gehärtet durch ein rauhes Matrosenleben, im Kampf mit Elementen und Gefahren – das wäre eine schwimmende Armee, unnahbar, unabhängig und immer bereit, wenn es der Freiheit gilt, an irgendwelchem Ufer zu landen.‹

In diesem Augenblick erschien er mir wie ›einer jener klassischen Helden, eine Gestalt der Aeneide, der in einem anderen Zeitalter lebend, seine Legende, seine arma virumque cano gehabt haben würde‹.« Soweit Herzen. Er hat es nicht mehr erfahren, daß Garibaldi wirklich schon seine Legende hat bei dem Volke in Neapel, das fest überzeugt ist, daß es immer einen Garibaldi geben wird und jetzt schon den Tag des heiligen Josef mehr zur Erinnerung an diese neue legendäre Gestalt, als um des alten Heiligen willen feiert. Doch fehlen auch jetzt die Stimmen nicht, die stets die großen Gestalten, die aus der Geschichte in die Legende übergehen, verunglimpfen, da die Menschheit es ja nicht lassen kann, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen. So wagt man es von deutscher Seite, diesem einfachen, ehrlichen Volksmann Bestechlichkeit und Gewinnsucht vorzuwerfen. Weiß ich doch gewiß, daß man ihm in England, wohin er nach der vollbrachten Einigung Italiens eingeladen als Gast des Herzogs von Sutherland ging und wo er die Huldigungen der ganzen englischen Aristokratie empfing – eine große Besitzung und ein ansehnliches Vermögen dazu anbot, als Beweis der unbegrenzten Verehrung, die ihm die Engländer zollten, daß er aber entschieden alles ablehnte und rasch in seine bescheidene Häuslichkeit auf Caprera zurückkehrte. Da lebte er in patriarchalischer Einfachheit, liebevoll sorgend für alles, was ihn umgab. Ein Freund erzählte davon unter anderem das folgende rührende Beispiel: »Eines Tages vermißte man ein junges Lämmchen, durch die Wehklagen der Mutter aufmerksam gemacht. Garibaldi und der bei ihm befindliche Freund machten sich alsbald auf, das Tierchen zwischen den Klippen und Felsenspalten der Insel zu suchen. Man fand es aber nicht, und endlich begaben sich abends alle ermüdet zur Ruhe. Der besagte Freund konnte nicht schlafen, und als tiefe Stille im Hause herrschte, hörte er, wie die Tür von Garibaldis Zimmer sich leise öffnete und dieser vorsichtig, um kein Geräusch zu machen, das Haus verließ. Nach längerer Zeit, noch mitten in der Nacht, hörte er ihn zurückkommen und erfuhr am folgenden Tag, daß Garibaldi das Tierchen nach langem Suchen noch gefunden und, da es vor Kälte zitterte, zu sich ins Bett genommen habe, um es zu erwärmen und am Morgen der Mutter zurückzugeben.« Solche Züge sagen mehr als Worte!

 

Als nun im März 1882 nach 600 Jahren der Jahrestag der sizilianischen Vesper wiederkehrte, die in der Geschichte jener schönen Insel ein Denkmal von dem edlen Unabhängigkeitssinn der Bevölkerung bleibt, bereitete Palermo ein großes Fest und lud vor allen anderen den ehrwürdigen Volkshelden dazu ein, der selbst wie eine Erscheinung aus dem heroischen Zeitalter der Menschheit war. Hatte er doch für das herrliche Inselland beinah Ähnliches vollbracht, wie einst Johann von Procida, nämlich ihm Freiheit und Unabhängigkeit gegeben durch seinen Zug der Tausend, der eher einem Gesang des Homer glich, als einem modernen Feldzug. Garibaldi, obwohl schon alt und sehr krank, machte sich zu dieser letzten Feier seines Heldenlebens auf. Seine Reise war wie ein Triumphzug; an jeder Station mußte der Zug anhalten, damit die Bevölkerung den geliebten, greisen Führer noch einmal sehen könne, und nur die Rücksicht auf seine Gesundheit mäßigte etwas den Jubel, mit dem man ihn in Palermo empfing. Garibaldi dankte der enthusiastischen Stadt mit einem Brief, worin er sie aufforderte, stets die erste zu sein, um das kaum entstandene Italien vor äußeren und inneren Gefahren zu schützen. Insbesondere warnte er sie vor dem Papsttum, und erinnerte sie daran, daß 1282 es der Papst gewesen sei, der die Räuber geschickt habe, die sie so heldenmütig in die Flucht getrieben hätte. Er schloß den Brief folgendermaßen: »Bilde in Deiner Mitte, in der so viele großmütige Herzen schlagen, eine Verbrüderung unter dem Namen ›Befreierin der menschlichen Intelligenz‹, deren Aufgabe es sei, die Unwissenheit zu bekämpfen, den freien Gedanken zu wecken und dem Volke, anstatt der Lüge, die Religion des Wahren und Guten zu lehren.« Wie würde das Herz des edlen Volksmanns geblutet haben, hätte er es erlebt, das Elend dieser Tage zu sehen, das sein geliebtes Inselvolk wieder dazu trieb, in Waffen aufzustehen, leider aber gegen die eigenen Brüder, die von der selbstgewählten Regierung gesendet wurden zu dem sogenannten »Ordnungsstiften« im traurigen sozialen Krieg. (Vor einigen Jahren, als das überhandnehmende Elend die Sizilianer zu revolutionären Aufständen trieb, die unter dem Ministerium Crispi, der selbst ein Sizilianer ist, und einer der Tausend unter Garibaldi gewesen war, mit Waffengewalt unterdrückt wurden!)


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