Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Am Ziel

Es war wieder hell geworden und wir saßen nur zu zweit in unserem Wagen. Alle anderen Fahrgäste schienen schon in der Nacht ausgestiegen zu sein. Draußen flogen im grauen Morgenlicht Felder, Bäche, Dörfer und Hügel wie ein fließendes Band vorbei, und ohne jede Schwankung eilte der Zug nach Norden. »Ja, das ist Europa!« sagte Pongun und lächelte. Er freute sich sehr, wieder hier zu sein und erklärte mir alles, was wir sahen, die Felder, Häuser und Kirchen, die Trachten und die Fahrzeuge. Er sagte, daß es in Frankreich mehr graue Dächer und in Deutschland mehr rote Dächer gebe. Dann sprach er viel vom Unterschied zwischen den Franzosen und den Deutschen.

Wir stiegen mehrere Male um, überquerten gegen Abend den Rhein und fuhren weiter die Nacht durch, bis wir am nächsten Morgen in der kleinen mitteldeutschen Stadt ankamen, in der ich die erste Zeit über bleiben sollte. Hier hatte Pongun, als er zum erstenmal in Europa war, einige Zeit gelebt und er riet mir, dasselbe zu tun, um mich leichter an die neue Umwelt zu gewöhnen und auch ruhiger arbeiten zu können als in einer großen Stadt. Auf unserem Gang durch die Stadt kamen wir durch eine große, parkartige Anlage. Durch das überirdisch 214 zarte Grün flutete die Morgensonne. Wir überquerten einen Fluß, bogen in eine Seitenstraße ein und blieben bald danach vor einer Gartentüre stehen. »Hier sind wir zu Hause!« rief Pongun lächelnd, und nach einigem Zögern drückte er auf den Knopf.

Nach kurzem Warten erschien eine Frau, begrüßte Pongun mit großer Wiedersehensfreude und führte uns ins Haus, dann eine Treppe hoch in ein geräumiges Zimmer. Danach folgte eine lange Beratung, die ich nicht verstehen konnte, bis mir Pongun endlich erklärte, daß die Dame gewillt sei, mich in ihr Haus aufzunehmen.

Etwa eine Woche blieb er noch bei mir, um mir das Eingewöhnen zu erleichtern. Dann fuhr er mit einem Nachtzug wieder nach Frankreich. Als wir zusammen zur Bahn gingen, machte er mich noch einmal auf die einheimischen Sitten und Gebräuche aufmerksam, die ich nicht außer acht lassen sollte. Pongun riet mir vor allem, etwas mehr als bisher zu sprechen. »Du sprichst zu wenig und denkst zu viel«, sagte er lächelnd. »Das Schweigen gilt wohl im alten Osten noch als Tugend, aber nicht im Westen. Hier wird es nur als Zeichen der Ungeselligkeit oder gar des Hochmuts betrachtet. Rede immer mit, gleichgültig, worüber gesprochen wird, über das Wetter oder das Klima, über das Essen oder über die Kleidung. Man kann auch nicht immer nur von philosophischen Dingen reden, solange man in Gesellschaft mit anderen Menschen lebt und auf 215 der Erde ist. Auch die Europäer leben auf der Erde und sprechen gerne von den weltlichen Dingen.«

 

Trotz seiner gutgemeinten Ermahnung hatte ich keinen rechten Mut zu sprechen. Mein Wortschatz war noch zu klein und ich fürchtete, mich zu unbeholfen zu zeigen und das Gefühl der anderen zu verletzen. So vermied ich möglichst die Begegnung mit anderen Menschen und blieb bei meinen Büchern, die mir Pongun für das Studium des Deutschen empfohlen hatte.

Das erste Buch, das ich las, war der »Grüne Heinrich«. Pongun hatte ihn mir empfohlen, weil er leicht verständlich geschrieben wäre. Bei mir ging es selbst mit diesem Buch sehr langsam vorwärts, weil ich jedes zweite Wort nachschlagen und bei vielen schweren Sätzen oft mehrere Stunden nachdenken mußte, um den Sinn klar verstehen zu können. Eine Erklärung konnte mir kein anderer geben, weil ich auch die Erklärung nicht verstanden hätte. Ich las und dachte, las und dachte den ganzen Tag für mich allein, bis die müden Augen die fremden Wörter nicht mehr entziffern konnten. Dann legte ich das Buch beiseite und ruhte mich einen Augenblick aus. Von dem Fenster der Westseite konnte ich den ganzen Garten überblicken, an dessen Grün sich meine Augen schnell erholten. Ich kehrte wieder zu meinen Büchern zurück und kämpfte mich mühsam weiter, eine Zeile nach der anderen. 216

Draußen entfaltete sich der Sommer. Es blühte und duftete in den Gärten und an den Wegen.

Ich ging aber selten spazieren, weil ich keine innere Ruhe dazu hatte. Ich wußte nicht, ob ich jemals diese schwere Sprache so weit erlernen würde, um das Studium fortsetzen zu können, und draußen unter den Menschen hatte ich noch viel mehr das Gefühl, in einer fremden Welt zu sein. Nur in den späten Abendstunden, wenn es still wurde, ging ich manchmal den Fluß entlang oder setzte mich auf die Bank unter einem Weidenbaum. Der Anblick des ruhig fließenden Wassers tat mir wohl. Leise plätschernd floß es an mir unaufhaltsam vorbei. Ich glaubte oft, daß das Wasser immer so weiterfließen und schließlich einmal die Westküste Koreas erreichen müsse, vielleicht die Yenpinginsel, vielleicht die einsame Songnimbucht.

Wie hatte ich mich jedesmal gefreut, wenn ich auf der Heimfahrt in die Sommerferien diese Insel und diese Bucht unter dem blauen Himmel vorübergleiten sah! Bald danach tauchte auch der felsige Suyangberg im Norden empor und der kleine Dampfer fuhr vorsichtig in den Drachenweiher ein. Kisop, Yongma und Mansu waren da, um mich vom Schiff abzuholen. Wie freute ich mich da, diese Freunde wieder zu sehen und lachend und scherzend mit ihnen durch das heimatliche Gefilde zu unserem Städtchen zu wandern, in dem meine Mutter auf mich wartete. Sie empfing mich dann vor 217 dem Haupttor unseres Hauses. »Du kommst wieder zu deiner Mutter zurück«, begrüßte sie mich lachend. Wie schön war es, sie so fröhlich lachen zu sehen!

Dann gingen wir, meine Freunde und ich, täglich in einem Gebirgsbach baden, spielten Tennis in unserem ehemaligen Schulhof, saßen abends oft in unserem Garten zusammen, um zu plaudern und zu musizieren. Mansu blies so wundervoll die Flöte. Yongma erzählte gerne von den Romanen von Tolstoj, die er gerade gelesen hatte. Kisop war immer noch still, hörte nur den anderen zu und lächelte. Alle drei nannten meine Mutter Tante und plagten oft die gute Kuori so lange, bis sie in den Gemüsegarten ging, um ihnen reife Melonen zu suchen. Wie freute sich meine Mutter, wenn ich mit meinen Freunden beisammen saß, und wie gerne beschenkte sie uns mit Speisen und Wein.

Was tat sie jetzt, meine Mutter? Schlief sie oder wachte sie? Saß sie in dem leeren Garten allein, im Herzen das Gefühl der Einsamkeit? Sehnte sie sich nach ihrem Kind, dem verzagten und weichen Kind, das sie jetzt nicht mehr selbst schützen konnte, weil es so weit weggegangen war in eine Welt, die sie nicht kannte?

Überall blühten Dahlien. Sie leuchteten wunderbar in der Nachmittagssonne. Der Herbst war gekommen. Mein erstes Buch hatte ich fertiggelesen und las jetzt das »Sinngedicht«. Hier ging es mir etwas besser als bei dem ersten Buch, weil ich nicht 218 mehr soviel nachschlagen mußte. Der Morgen und der Abend waren schon kühl.

Der Herbst kam sehr schnell heran. Abendnebel lagen oft über dem Fluß und auf den Wegen flatterten immer mehr welke Blätter im Winde. Ich vermutete meine Mutter auf einem Gut, weil die Ernte schon lange begonnen haben mußte. War sie in Songnim bei der Toldari-Tante oder in Kangmol bei Suam oder in dem Gebirgsdorf Soktam? In diesem Dorf, in dem nur Weizen geerntet wurde, war ich nur einmal gewesen, weil es tief im Gebirge lag und schwer zugänglich war. Man mußte lange Zeit auf einem schmalen, steilen Pfad wandern und ein sehr breites, steiniges Bachbett überqueren.

Jeden Tag ging ich einmal zur Post, um nachzusehen, ob Nachricht von meiner Heimat gekommen war. Ich kam aber jedesmal mit leeren Händen zurück und wurde immer unruhiger, weil nun bereits über fünf Monate seit meiner Ankunft in Europa vergangen waren. Ich fürchtete, daß man in Korea meine Briefe nicht durchließ, und daß ich Jahr um Jahr ohne Nachricht von meiner Heimat hier würde leben müssen.

Einmal, als ich wieder von der Post nach Hause ging, blieb ich vor einem fremden Haus stehen. Da stand im Garten eine Staude Blasenkirschen, deren rote Fruchtkapseln in der Sonne leuchteten. Wie freute mich diese Pflanze, die ich so oft in unserem Hinterhof gesehen und mit der wir als kleine 219 Kinder so gern gespielt hatten! Es war mir, als hätte ich hier ein Stück Heimat leibhaftig vor mir. Als ich lange Zeit so in Gedanken versunken war, trat eine Frau aus dem Haus und fragte mich, weshalb ich so dastehe. Ich erzählte ihr, so gut ich vermochte, von meiner Kindheit. Sie schnitt einen Zweig ab und schenkte ihn mir. Oh, wie dankbar war ich ihr!

Und bald schneite es. Eines Morgens beim Erwachen sah ich die weißen Flocken von der Festungsmauer herabwehen. Ich war glücklich über das vertraute Weiß. Das war derselbe Schnee, der so oft über mein Heimatstädtchen und über die Songnimbucht heruntergewirbelt war.

An diesem Morgen erhielt ich die erste Nachricht aus der fernen Heimat. Meine älteste Schwester schrieb mir, daß unsere Mutter in diesem Herbst nach wenigen Tagen des Leidens von der Welt Abschied genommen hatte.

 


 


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