Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Die Küste

Wir legten in Dschibuti an. Diesen sonderbaren Namen hörte ich zum erstenmal in meinem Leben. Man sagte mir, daß wir nur der Kohlen wegen diesen verlassenen afrikanischen Winkel anliefen. In der Tat bot der Hafen einen trostlosen Anblick. Auf dem sandigen Ufer stand ein einziges weißes Haus mit zwei Palmen am Eingang. Nur wenige Menschen wagten sich an Land, weil man den Hitzschlag fürchtete. Meine Landsleute überlegten es sich auch lange, bestiegen dann doch das kleine Boot und ließen sich zu dem kahlen, glühenden Ufer übersetzen. In der sengenden Hitze schien alles ganz trostlos; der steinige Damm, der sandige Hügel, das Kaffeehaus dahinter mit ein paar Gästen, denen schwarze Kinder Luft zufächelten.

Wir gingen weiter landeinwärts, denn wir wollten möglichst viel von dem Erdteil sehen, den wir hier zum erstenmal betreten hatten.

Vor einem kleinen, einsamen Häuschen blieben wir stehen. Hier schien eine indische Schule zu sein. Ein alter Inder saß in der Mitte an einer Wand und etwa zwanzig Kinder hockten entlang den Wänden bis zum Eingang. Vor jedem Kind stand ein Tischchen, auf dem ein handgeschriebenes Lesebuch ausgebreitet lag. 208

Danach gingen wir ins Dorf der Eingeborenen. Nur zwei Häuserreihen standen da an einer schmalen Straße, die von einer brennenden Wüste zur anderen führte. In und vor den Häusern saßen schwarze Menschen, Männer und Frauen, und sahen uns mit ihren großen, hellen Augen an. Wir gingen schnell durch die kurze Straße und kehrten dann um. Wie einsam war dieses Dorf inmitten der Einöde! Wir sahen es noch einmal vom Eingang aus und gingen zu unserem Schiff zurück.

Da gab es keinen murmelnden Bach, keine Obstbäume, keine wogenden Kornfelder. Nur zwei kärglichen Schatten spendende Häuserreihen. Wie mochte es einem da wohl zumute sein in einer stillen Mondnacht!

Wir fuhren durch das Rote Meer. An einem frühen Morgen weckte mich Pongun auf und führte mich an Deck. »Der Sinaiberg!« sagte er und deutete auf einen Gipfel, der leider schon sehr weit von uns entfernt war.

In der Nacht passierten wir den Suezkanal. Mit Mühe zwängte sich der Riesendampfer durch den schmalen Wasserpfad zwischen sandigen Ufern. Links und rechts breiteten sich öde Landschaften im blassen Mondlicht aus. Langsam, kaum schneller, als wenn wir gelaufen wären, glitt das Schiff mit den zahllosen bunt beleuchteten Fensterchen durch die gespenstisch leere Wüste. 209

Es war kühl geworden. Die Luft war rauher, die Wellen gingen höher, und ab und zu blies ein frischer Wind über das Deck. Es war wieder Frühling. Leise schwankend fuhr das Schiff unter dem tiefblauen Mittelmeerhimmel.

Im Norden tauchten kleine und große Inseln auf. Wie tief ergriff es mich, als mir Pongun zuflüsterte: »Die griechischen Inseln!« »Griechenland!« rief ich aus. Ich sah die Heimat von Sokrates und Plato, wenn auch leider nur aus der Ferne. Berge und Schluchten konnte ich nicht unterscheiden. In Dunst verhüllt glitten sie an uns vorbei. Wir fuhren jetzt der europäischen Küste entlang. Europa war wirklich da. Alles lächelte.

Am späten Nachmittag gingen die Wellen höher. Die Sonne verschwand hinter einer dicken Wolke und es wurde zusehends dunkler. Die Matrosen kamen zu uns, verkündeten einen nahenden Sturm und rieten uns, in die Kabine zu gehen. Dicke Regentropfen fielen von oben, und von unten herauf spritzten die Wellen. Nach und nach wurde das Deck leer und der Orkan brauste heran. Das Riesenschiff schwankte immer stärker und tanzte bald im Meeresschaum wie eine Nußschale. Das halbe Schiff tauchte in die Wellen unter, schnellte empor, um gleich wieder in die Tiefe zu sinken. In der Kabine stöhnte alles, und ächzend und krächzend kämpfte das Schiff gegen den Sturm. So ging es die ganze Nacht hindurch. Mir wurde schlimm zumute, weil 210 ich noch nie einen solchen Sturm auf dem Meer erlebt hatte.

Am nächsten Morgen war alles wie ein Spuk vorbei. Die Sonne schien, das Meer war spiegelglatt. Das Schiff fuhr ohne jede Schwankung, und der Ätna rauchte in der Frühlingsluft.

Wir rückten immer näher ans Festland heran; der Dampfer passierte die Straße von Messina. Berge kamen näher und entschwanden wieder. Hügel, mit Häusern bebaut, glitten an uns vorbei. Auf den sonnigen Feldern sah ich die arbeitenden Bauern, und ein Zug fuhr der Küste entlang in einen Tunnel hinein. Nach einigen Stunden mußten wir uns von all dem wieder trennen, und unser Schiff stach noch einmal in die hohe See, um endlich seinem Heimathafen zuzueilen.

Es war kurz nach der Mittagsstunde, als wir in den Hafen von Marseille einliefen. Es dauerte aber endlos lange, bis die Schiffsbrücke heruntergelassen wurde und die lange Kolonne von über zweitausend Menschen sich langsam in Bewegung setzte. Wir Studenten aus dem Fernen Osten blieben noch zusammen und standen nun jeder mit seinem Koffer auf europäischem Boden. Wir warteten noch auf etwas. Der Vorstand der chinesischen Studentenschaft in Frankreich sollte hergekommen sein, um uns zu empfangen und uns zu helfen. Er schien aber selber nicht zu wissen, wohin er uns führen sollte. Nach langer Beratung marschierten wir durch 211 viele Straßen und kamen in den großen Hof eines unbekannten Gebäudes, das eine Schule zu sein schien. Hier hielt der Vorstand eine lange Begrüßungsrede und ermahnte uns, die Sitten und Gebräuche des Gastlandes zu beachten und uns so zu betragen, wie es den Nachkommen einer fünftausendjährigen Kulturnation gezieme. Selbst Konfutse hätte uns gelehrt, in einem fremden Land nach dessen Sitte zu leben.

Nach dieser Rede und vielen nützlichen Ratschlägen wurden wir einer nach dem anderen in ein Zimmer gerufen und beraten. Da mußte man seinen Ausweis, Zeugnisse und das mitgeführte Vermögen vorweisen und erhielt dafür Aufenthaltsgenehmigung, Mitteilungen der verschiedenen Hochschulen Frankreichs und sonstige wertvolle Papiere. Eine Gruppe nach der anderen verließ den Schulhof.

Es war fast Abend geworden, als wir beide, Pongun und ich, endlich an die Reihe kamen und nach kurzer Besprechung entlassen wurden. Pongun hat sein Versprechen, mich bis nach Deutschland zu begleiten, nicht vergessen. Wie dankbar war ich ihm dafür! Wir verabschiedeten uns von den Reisegefährten, die ja doch alle in Frankreich bleiben wollten. Nur zwei meiner Landsleute beabsichtigten, weiter nach England zu reisen. Wir kehrten in einer kleinen Gaststätte ein und besprachen die Fortsetzung unserer Reise. 212

Pongun fragte mich, ob ich mir nicht doch zuerst die Stadt Paris ansehen wolle. Später würde ich schwer dazu kommen, wenn ich mein Studium in Deutschland begonnen hätte. Ich sagte nein und bat ihn, noch heute Nacht nach Deutschland zu reisen. Eine seltsame, große Wehmut hatte mich ergriffen, als es Abend wurde. Für mich war das die erste Dämmerstunde auf europäischem Boden. Da wollte ich wenigstens auf dem Wege zu meinem Ziel, zur Stätte meines Studiums sein. Pongun studierte eine Weile die Karte und wählte die Fahrt über Lyon, Dijon, Straßburg.

Wir gingen zur Bahn und bestiegen einen Zug, der kurz darauf abfuhr. Ich hatte einen Eckplatz und saß still neben einer älteren Frau, während Pongun sich zwischen zwei Franzosen setzte und bald mit verschränkten Armen einschlief. 213

 


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