Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Das Gift

Jeden Morgen lernte Suam beim Vater seine vier neuen Schriftzeichen. Ich saß still neben ihm und wartete, bis er entlassen wurde. Er lernte sehr schwer. Es dauerte eine lange Weile, bis er die vier Zeichen zuerst einzeln, dann alle zusammen der Bedeutung und dem Laut nach hersagen konnte. Dann kam auch ich daran. Eines Morgens legte mir unser Lehrer ein neues Buch hin und sagte: »Das Zuschauen hat für dich ein Ende, nun mußt du selbst anfangen zu lernen!« Es war dasselbe Buch, wie Suam es hatte, mit blauer Schnur in einen gelben Deckel gebunden. Ich schlug das Buch auf, und mein Vater lehrte mich die ersten vier Zeichen. Mir war sehr feierlich zumute, und ich saß sehr benommen da, während Suam sich freute, daß wir nun miteinander lernen konnten, und er sich nicht mehr allein plagen mußte.

Einige Zeit darauf wurden wir auch im Schönschreiben unterrichtet, woran wir mehr Freude hatten als am Lesen. Wir erhielten jeder ein Schreibkästchen und mehrere Bogen Papier und lernten zuerst Tusche reiben. Ein Fingerhut voll Wasser wurde in die Vertiefung des Reibsteins gegossen, und dann rieben wir auf der Reibfläche die fingerdicke Tuschstange solange hin und her, bis das 13 ganze Wasser ölig dick wurde. Die Tusche duftete! Nun malten wir mit unserem dicken Pinsel einen Strich nach dem andern nach der Vorlage. Dazu mußte man Geduld haben. Wir schrieben zuerst nichts anderes als das Zeichen für »Himmel« und übten es wohl über hundert Male. Wir hielten den Pinsel mit der ganzen Hand, wie eine Putzfrau den Klopfer hält, und schmierten das schöne Papier von oben bis unten voll. Unsere Finger wurden ganz schwarz. Wir putzten sie sorglos an unserer Hose ab und schrieben wieder weiter. Da Suam, in allem temperamentvoller als ich, mir an Gewandtheit im Schreiben überlegen war, liefen auch um so mehr schwarze Striche kreuz und quer über seine hellgrauen Hosenbeine. Auch unsere rosafarbenen Ärmel wurden immer schwärzer. Am ersten Tag dieses Schreibunterrichts entsetzten sich alle Frauen des Hauses über uns, aber wir wurden nicht gestraft. Der Vater verteidigte uns und sagte lächelnd: »Das sind Ehrenzeichen für einen Schreibkünstler.«

Am schlimmsten erging es aber unseren Händen, die nie wieder richtig sauber wurden, weil die Tusche aus den unzähligen kleinen Rillen der Handfläche nicht mehr herausging. Man nannte uns oft die »beiden Tuschknaben«, und Kuori, die mich jeden Morgen waschen mußte, sagte unter Zungenschnalzen: »Ich möchte wirklich wissen, was schwärzer ist, deine Hände oder die Füße eines Raben.« 14

Nach dem Himmelszeichen schrieben wir das Zeichen für »Erde«, dann die für »Blau« und »Gelb«, in der Reihenfolge, wie sie im Lesebuch standen. Wir durften aber nur auf der Veranda des Innenhofes schreiben, weil in den Zimmern die sauberen Matten nicht beschmutzt werden sollten. Das störte uns nicht. Bald schrieben wir »Sonne«, »Mond«, »Sterne« und »Planeten«.

Nach dem Unterricht mußten wir das Zimmer des Vaters sogleich verlassen und durften es ungerufen nicht wieder betreten. Wir durften den Vater nicht stören und ebensowenig seine Gäste, die ihn oft besuchen kamen. Das tat uns leid, weil gerade in diesem Zimmer viele schöne Dinge zu sehen waren.

An einem Nachmittag aber stand das Zimmer leer. Meine Eltern und Suams Mutter waren fortgegangen. So betraten wir es und untersuchten in Ruhe alles, was darin zu finden war. Nachdem wir die Sitz- und Rückenkissen, den Schreibtisch und die hölzernen und steinernen Tabakkästchen betrachtet hatten, schoben wir die Schiebetüre des Wandschrankes auf und fanden alle möglichen interessanten Dinge darin, Bilderrollen, eine Hutschachtel und ein wohlklingendes Spielbrett, auf dem man trommeln konnte. An der linken Seite des Schrankes stand ein hoher geheimnisvoller Kasten aus dunklem Holz mit schier zahllosen Schubfächern, die leider alle verschlossen waren. Sie ließen sich 15 nicht aufziehen, soviel Kraft wir auch anwandten und so heftig wir daran hin- und herrüttelten. Da entdeckte Suam plötzlich einen kleinen Schlüssel an der linken Seite des Kastens und konnte damit endlich eine Schublade nach der anderen aufschließen und die verschiedenen rätselhaften Dinge, die darin lagen, untersuchen. Und damit war das große Unglück geschehen.

Ohne zu ahnen, daß hier auch gefährliche Dinge sein könnten, versuchten wir etwas von dem Inhalt jeder Schublade. Es waren harte weiße Knollen, dünne Zweige, kleine braune Scheiben und viele andere Dinge. Ich blieb bei den dünnen Zweigen, die etwas süßlich schmeckten, während Suam weiterforschte und viele schwarze Pillen und weißliche Tabletten aß. Dann wurde er auf einmal merkwürdig ruhig und saß still da.

»Miak!« rief er mit sanfter Stimme, wie immer, wenn er mir etwas Besonderes mitzuteilen hatte. So nannte er mich, weil er kein R und auch kein richtiges breites O sprechen konnte. »Miak, bring mir etwas Wasser!« Ich holte ihm eine Schüssel voll, die er auf einen Zug austrank. Dann saß er noch eine Weile benommen da. »Miak, sieh mir einmal in den Hals!« sagte er klagend und öffnete weit den Mund. Der Rachen war rot und dick angeschwollen. Als ich ihm das sagte, traten Tränen in seine Augen. »Sterben!« sagte er traurig.

Wir ließen alles liegen und stehen und eilten 16 in den inneren Hof. Die Schwestern kamen herbei und schickten sofort Kuori zu den Eltern. Der Rachen schien immer weiter anzuschwellen. Suam litt furchtbar an Atemnot. O armer Suam! Ich hatte ihn vorher nie so unglücklich gesehen. Schwer atmend lag er auf dem Boden und sah mich unentwegt an, als ob er sich wirklich von mir für immer verabschieden wollte.

Da kam mein Vater mit einem Arzt zurück, der mich genau ausfragte, was wir gegessen hatten, und dann einen Becher voll schwarzer Brühe zubereitete.

Diese schwarze Brühe wirkte Wunder. Suam war am nächsten Morgen wieder gesund. Nur war er etwas stiller als sonst und trank willig weiter von der bitteren Medizin. Der Arzt schien bei dieser Gelegenheit noch viele andere Krankheiten an Suam entdeckt zu haben, denn er mußte von nun an oft untersucht werden und verschiedene Medizinen einnehmen. Er tat das willig, weil er wußte, daß er sein Leben nur dem schwarzen Trank verdankte.

Dann aber kam ein schlimmer Tag für Suam, an dem er die eigentliche Strafe für seine Näscherei erhielt. Eine besondere Strafe hatte er noch nicht bekommen, solange er sterbenskrank gewesen war, ich dagegen hatte als meinen Teil der Strafe schon zahllose Scheltworte und Ohrfeigen eingesteckt, die aber keinen Eindruck auf mich machten. Ich war nur froh darüber, daß Suam nicht gestorben war. 17

Er selber mußte aber etwas sehr Schlimmes erdulden.

Er wurde an einem heißen Nachmittag zum Arzt ins Zimmer des Vaters geführt. Der Arzt erklärte ihm, daß er auf seinem Rücken zwei kleine Häufchen getrockneter Heilkräuter anzünden würde, damit die Wärme heilend in die Haut eindringe. Suam ließ sich zuerst alles genau vorführen, überlegte kurz und bückte sich schließlich vor dem Arzt nieder. »Du gehst aber nicht von mir weg«, sagte er zu mir. »Nein, ich gehe nicht weg von dir!« versicherte ich ihm. Die beiden Mütter hielten seine Hände fest, damit er ruhig bliebe. Der Arzt stellte zwei kleine Pyramiden aus graugrüner Masse auf Suams nackten Rücken und zündete sie an der Spitze an. »Suam, es raucht schon«, sagte ich. »Tut es dir weh?« fragte ihn der Arzt. »Nein!« sagte Suam tapfer.

Kurz danach sagte er aber: »Oh, es wird heiß!«

»Halt es noch ein wenig aus«, sagte der Arzt, »die Kraft des Krautes muß in die Haut eindringen.« Er fuhr mit den Fingern um die brennenden Hügel herum.

»Oh, es brennt!« rief Suam, »Miak, tu das Zeug von meinem Rücken weg!«

»Halt es noch ein wenig aus!« riefen die Mütter und hielten mich beiseite.

»Tu doch das Zeug weg, Miak!« schrie er noch einmal dringend, »es brennt so auf der Haut!« 18

»Ich kann nicht, Suam!*

»Schnell weg, Miak, schnell weg, Miak, Miak, o Miak!«

Diese herzzerreißende Szene endete mit einem wütenden Schimpfausbruch Suams: »O du Elendiger, du Arzt, du Hund!« schrie er.

 

Wahrend dieser ganzen Leidenszeit lernten wir weiter in unserem chinesischen Lesebuch. Es hieß »Tausend Schrift-Zeichen« und dieser Titel stand auf dem Deckel. Genau tausend Schriftzeichen standen darin, die zu je vier Zeichen aneinander gereiht waren. Außer dem eigentlichen Titel des Buches stand noch als zweiter »Weiß-Haar-Schrift« darauf. Der Vater erklärte uns auch die Bedeutung dieses Namens, als wir das Buch endlich bis zum Schluß durchgelesen und durchgearbeitet hatten.

Der Verfasser dieses Buches, erzählte mein Vater, sei ein Verbrecher gewesen, der als junger Mann vom chinesischen Kaiser zum Tode verurteilt wurde. Er war aber auch ein großer Dichter, und daher baten alle Untertanen den Kaiser, ihm das Leben zu schenken. Der Kaiser gab ihm nun eine schwere Aufgabe; wenn er sie löste, sollte ihm das Leben geschenkt werden. Sie bestand darin, aus tausend Schriftzeichen, die der Kaiser wahllos zusammenstellte, in einer einzigen Nacht ein gutes Gedicht zu machen. Der zum Tode Verurteilte löste 19 die Aufgabe. Als er aber am nächsten Morgen mit seinem Gedicht vor den Kaiser trat, erkannte ihn dieser nicht mehr. In dieser einen Nacht, in der er um sein Leben gerungen hatte, war er zum Greis geworden. Doch das Gedicht war wunderbar; der Kaiser erkannte den großen Dichter in ihm und schenkte ihm das Leben.

Wir saßen still zu Füßen des Vaters und hörten der Erzählung zu, die uns tief ergriff. Wir wußten nicht, was ein Verbrechen war und welches der Dichter begangen hatte; daß aber seine Haare über dem Kampf mit dem Tode grau geworden waren, machte uns tieftraurig.

 

Eine große Wendung trat in unserem Leben ein, als mein Vater einen Lehrer ins Haus kommen ließ und eine Art Hausschule im Außenhof eröffnete, zu der auch die Kinder der befreundeten Familien eingeladen wurden. Es kamen über dreißig Knaben und ein Mädchen. Wir beide sollten von nun an jeden Morgen zu dem fremden Lehrer gehen und den ganzen Tag unter seiner Aufsicht lesen und schreiben. Uns gefiel dieses neue Leben nicht, weil wir bis zum Abend stillsitzen und lernen mußten. Nur in den Pausen fanden wir es schön, mit anderen Kindern zu spielen, die uns viele neue Spiele beibrachten.

Das Spiel, das die Knaben am meisten spielten, nannten wir Zhegi, eine Art Federball. Wir 20 machten den Ball aus einer durchlochten Münze und etwas Seidenpapier. Man schleuderte ihn mit einem Fuß in die Höhe, fing ihn wieder mit dem Fuß auf, bevor er zu Boden fiel, und stieß ihn immer wieder in die Höhe. Wer das am häufigsten wiederholen konnte, ohne ihn fallen zu lassen, hatte das Spiel gewonnen. Für gewöhnlich spielte man nur um die Ehre, Sieger zu werden; andere Kinder spielten es so, daß der Sieger dem Besiegten ein Schimpfwort geben oder gegen die Vorderseite seines Armes, in der Nähe des Handgelenkes, einen Schlag mit zwei Fingern führen durfte. Wieder andere spielten um eine Handvoll gerösteter Bohnen oder Kastanien. Suam spielte Zhegi leidenschaftlich, geriet aber oft, wenn es um die Entscheidung ging, in einen Streit, der nur durch Faustschläge oder Fußtritte ausgetragen werden konnte. 21

 


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