Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Siebengestirn

Mit der Verwandtschaft schien mein Vater kein großes Glück zu haben. Sein Bruder starb jung und hinterließ ihm seine Witwe und drei Kinder zur Obhut. Dann starb auch der Mann seiner Schwester, die nach Beendigung der Trauerjahre mit ihrem einzigen Sohn zu uns kam. Er mochte etwa zehn Jahre alt sein und war der älteste von uns dreien, ein bildhübscher Knabe mit roten Bäckchen, schlank und zierlich wie alle Knaben in diesem Alter. Nur einen einzigen Schönheitsfehler hatte er: seine Lippen waren außergewöhnlich dick und hart. Man sagte, daß sie nach einer schweren Krankheit so geworden seien. Sein Blick war lebhaft und die Ohren hatten eine wunderbare Rundung. Die Farbe seines Gesichts war so zart und die seiner Bäckchen so rötlich, daß man ihn für ein Mädchen hätte halten können, wenn er nicht den Knabenanzug getragen hätte. Was mich aber noch mehr wunderte, waren seine außergewöhnlich sauberen Hände. Als ich daraufhin meine Hände ansah, erkannte ich den großen Unterschied zwischen ihm und mir.

Wir spielten im Brunnenhof unseren abendlichen Federball, als er plötzlich vor uns stand. Er kam auf uns zu und fragte, wer Suam und wer Mirok sei. Wir wußten gleich, wen wir vor uns hatten. Das 36 war »Siebengestirn«, der neue Vetter, mit dem wir von nun an zusammenleben sollten. Mir gefiel dieser Knabe sehr, weil er so schön war. Ich forderte ihn gleich auf mitzuspielen. Suam schien das aber nicht zu behagen; er lehnte sich an den Brunnen und nahm das unterbrochene Spiel nicht wieder auf. »Es ist zu kalt, um hier zu spielen«, sagte er und betrachtete den zarten Neuling mißbilligend.

Als wir eine Weile weiter Zhegi gespielt hatten, holte Siebengestirn aus seiner Tasche ein kurzes Bambusrohr und sein Taschenmesser und schnitzte daran herum. Dabei pfiff er mit seinen dicken Lippen, zuerst eine lebhafte, schnelle Melodie, dann eine langgezogene melancholische, die mir irgendein angenehmes Erlebnis in Erinnerung brachte. Ich fühlte eine wunderbare Leichtigkeit in meinen Gliedern, und bald sah ich auch, daß Suam seine Arme und Beine im Takt bewegte. Ich tanzte mit und Siebengestirns Musik wurde immer leidenschaftlicher. Er pfiff und pfiff, und wie berauscht tanzten wir und merkten nicht, daß mein Vater und ein alter Herr, Siebengestirns Großvater, auf der Treppe zu des Vaters Zimmer standen und uns lächelnd zuschauten.

Mein Vater hatte mich nie tanzen sehen. Soweit ich mich erinnern konnte, war er nie im Zimmer der Mutter gewesen, wenn wir dort abends unter der Leitung der Großmutter tanzten. Die beiden ältesten Schwestern schlugen da mit einer kleinen Trommel 37 den Takt und sangen kindliche Melodien, während wir einfache Arm- und Beinbewegungen ausführten. Aber eine so schöne und innige Melodie wie diese hatten uns die Schwestern nie vorgesungen.

Es war eine Melodie aus dem sogenannten »Tal-Tanz«, einer beliebten Pantomime, die man jedes Jahr einmal in unserer Stadt aufführte. Einige Jahre war es her, daß Kuori an einem schönen Frühsommermorgen mit Suam und mir in die Stadt gegangen war, um dieses Schauspiel zu sehen. Wir schlossen uns dort der Volksmenge an, die mit etwa dreißig maskengeschmückten Tänzern, von Musik begleitet, durch die ganze Stadt bis zur Freibühne vor dem nördlichen Stadttor zog. Eine unübersehbare Menschenmenge saß auf der Stadtmauer, im Torgebäude und auf den Hügeln um die Bühne unter den hohen, schattigen Bäumen.

Zuerst trat ein Priester auf, der sein Kloster verlassen hatte und in die Stadt gekommen war. Hier verliebte er sich in eine schöne Frau und tanzte vor Glück. Dann kam ein lustiger Narr hinzu, der ständig einen Strauß mit zahllosen Schellen bei sich trug und bei jeder Bewegung Lärm machte. Immer wieder störte er den Priester in seinem Liebeswerben, bis er ihm schließlich die schöne Frau entführte. Der arme, alte Priester mußte wieder ins Gebirge, in sein Kloster zurückkehren. Der Abschied des Priesters, ein schwungvoller aber sehr trauriger Tanz, bildete den 38 Schluß der Aufführung, die den ganzen Tag gedauert hatte.

Dieser Schlußtanz, der bei sinkender Sonne begann und bis zur Dämmerung währte, hatte mein Herz gerührt. Wie der alte Mann seine überlangen Ärmel nach der schwermütigen Melodie bald nach vorne, bald nach hinten schwang, wie er die müden Beine einmal in gemäßigtem Schritt, einmal in weitem Bogen setzte, wie sein Rücken bald gerade, bald gebogen einen seufzenden Kreis in der Luft beschrieb – alles, alles drang so tief in mein Herz und in mein Blut, daß ich es noch an diesem Abend nachtanzen konnte. Mein Vater, dem meine Berauschtheit nicht sehr zu gefallen schien, freute sich doch mit uns allen, daß wir drei Vettern den ersten Abend unseres Zusammenlebens so harmonisch verbrachten.

Wir verlebten in der Tat den Herbst und den Winter friedlich zusammen. Der älteste Vetter hatte viele neue Spiele ins Haus gebracht, die uns begeisterten. Sobald die Schule aus war, gingen wir zum vereisten Fluß und drehten unseren Kreisel, bis es dunkel wurde. Zu Hause schnitzten wir allerhand Spielzeug, Kreisel, Bambusflöten, Bambusmaßstäbe, Tabakkästchen und Aschenbecher

 

Der Jahreswechsel nahte, in meiner Heimat das größte Familienfest des Jahres. Um Mitternacht begann das Fest, wenn auf dem Ahnenaltar das Opfer dargebracht worden war. Dann wurden wir Kinder 39 ins große Zimmer der Mutter gerufen, mit den besten Gerichten und Obst empfangen und durften so lange aufbleiben, wie wir wollten. Am nächsten Morgen wurden wir, angetan mit den schönsten Anzügen, zum Neujahrsbesuch zu allen Verwandten und befreundeten Familien hinausgeschickt. Es war grimmig kalt; spiegelglatt waren die Wege gefroren, und ein schneidender Wind blies uns entgegen, doch liefen wir freudig von Haus zu Haus und sagten unsere auswendig gelernten Sprüche her. Wir wurden überall mit den zärtlichsten Worten empfangen und mit Süßigkeiten und Obst bewirtet. Wie schön war doch so ein Feiertag, an dem man nur gute, schmeichelnde Worte hörte und nur süße Dinge zu essen bekam! In unserem Hause hatten alle, von der Großmutter bis Kuori, ihre besten Kleider an, kein Mensch zeigte eine betrübte Miene und niemand sagte uns etwas, was wir nicht gerne hörten. Selbst der grobe Sunok, der bei uns als Ernteverwalter lebte und mich die ganze Zeit einen Taugenichts genannt hatte, wurde heute zärtlich und sagte, ich könnte vielleicht doch einmal ein richtiger Mensch werden. Jeder scherzte mit uns und beschenkte uns, und als wir uns später in der Nacht schlafen legten – Suam und ich schliefen seit einem Jahr in einem Zimmer –, kam es mir wunderbar zum Bewußtsein, daß wir noch fünfzehn schulfreie Tage vor uns hatten. »Wie schön ist die Welt!« sagte ich vor mich hin. Suam aber schnarchte schon. 40

Nach den Kindern machten die Erwachsenen die Neujahrsbesuche. Zahllose Besucher, Mädchen, Frauen, junge und alte Männer kamen zu uns, und das Haus war erfüllt von Frohsinn und Lachen. So reihte sich ein Feiertag an den andern.

Während ich zeitlos in Festtagsstimmung dahinlebte, verschwand Suam abends heimlich aus dem Haus und kehrte erst spät zurück. Der Neujahrskampf der Knaben hatte begonnen, der ihn nicht mehr in Ruhe ließ. An seinem schönen Anzug sah man überall Fußtritte und Spuren von Nasenbluten, die er heimlich wieder entfernte. Einmal kam er aber sehr verprügelt zurück. Die beiden Ärmel waren zur Hälfte zerrissen und am Kopf trug er zahllose Beulen. Er erzählte mir, daß er in eine schlimme Gefangenschaft geraten und von drei feindlichen Knaben arg verhauen worden sei, bis er von einem Kameraden befreit wurde. Das schien ihm doch etwas von seiner Kampfeslust genommen zu haben, denn an den nächsten Abenden blieb er still zu Hause, obwohl die Schlachten immer heftiger wurden und in einigen Tagen die Entscheidung des Krieges fallen sollte.

Dafür begannen wir zu Hause einen anderen Kampf, der zwischen uns dreien ausgefochten wurde. Diesen Kampf hatte kein anderer als mein Vater hervorgerufen. Er rief uns eines Abends, als kein Besuch da war, zu sich und zeigte uns ein merkwürdiges Spiel. Auf einem steifen Papierbogen waren 41 alle Bezeichnungen der Beamten vom höchsten bis zum niedrigsten Rang eingetragen. Wir sollten unsere Laufbahn an der untersten Stufe anfangen, und wer zuerst den Rang eines Senators erreicht hatte, hatte das Spiel gewonnen. Vater nahm ein Buch und schlug es an einer beliebigen Stelle auf. Das erste Wort der jeweils folgenden Seite wurde als Reimwort gewählt und jeder von uns mußte nun irgendein Gedicht der klassischen Dichter hersagen, welches mit diesem Wort endete. Wer das konnte, durfte seine Laufbahn beginnen. Das erste Wort, welches Siebengestirn traf, lautete »Beherrscher«. Er schwieg lange, denn er wußte kein Gedicht, das so endete. Dann kam Suam an die Reihe; sein Reimwort hieß »Frühling«, ein Universalreimwort, um das wir den glücklichen Suam beneideten. Nach einigem Stottern sagte er: »Am Weg nistete der Frühling.« »Gut«, sagte der Vater und versetzte ihn in den Rang eines Literaturbeamten. Das war eine große Leistung von Suam, aber leider seine erste und letzte. Er konnte nicht weiter befördert werden, weil ihn kein so glückliches Reimwort mehr traf. Er hatte bisher nur einen Gedichtband gelesen, den er nicht ganz im Gedächtnis behalten konnte. Siebengestirn und ich hörten auch bald auf voranzukommen, er nach der dritten und ich nach der vierten Beförderung. Keiner hatte das Spiel gewonnen.

Einige Tage danach nahmen wir es wieder auf, diesmal aber nicht als einen Kampf der Dichter, 42 sondern der Würfelkünstler. Siebengestirn hatte nämlich erfahren, daß es auf diese Weise viel einfacher ging. Wir wurden alle Beamte, wurden ständig befördert und das Spiel war in einer halben Stunde entschieden. Jedes Spiel galt eine Kupfermünze. Mein Vater, der diese Spielweise eigentlich nicht billigte, half uns aber doch und gab uns interessante Erklärungen über den Rang und die Macht der einzelnen Beamten und wie man in Wirklichkeit eine solche Stellung erreichte.

Suam interessierte sich sehr für die Stellung des Gouverneurs unserer Provinz, seitdem wir im vergangenen Jahr den Einzug des Gouverneurs miterlebt hatten. Dieser mächtige Mann war etwa fünf Kilometer außerhalb der Stadt von seinen Beamten empfangen worden. Er hatte dort das erste Mahl in seinem zukünftigen Bereich eingenommen und war dann in die Stadt geritten. Wir standen mit Kuori unter der Menge, die sich vor den Häusern aufgestellt hatte. Von weitem schon ertönte eine herrliche Musik, und durch das Südtor der Stadt sahen wir die Reiterschar herannahen. Zuerst kamen fünf Musikantenpaare auf braunen Pferden, darauf folgten etwa vierzig Mädchen zu Pferd in buntseidener Tracht und zehn Paare hoher Beamter in feierlicher schwarzer Amtstracht. Das waren die Statthalter unserer Provinz, welche damals in dreiundzwanzig Unterprovinzen geteilt war. Dann ritt der Gouverneur in Begleitung seiner 43 Leibdiener, zweier schöner junger Männer, vorüber. Sein Pferd war so weiß wie sein Haar. Auf dem Haupt trug er einen zylinderartigen Hut, von dem ein schneeweißer Federbusch wehte. Mit Bernsteinschnüren war er unter dem Kinn befestigt. Dem Gouverneur folgten unzählige Amtsdiener. Dem kleinen Suam hatte dieser große Mann einen gewaltigen Eindruck gemacht.

Ich dagegen schwärmte für den sogenannten »Osha«. Das war ein Mann, der das ganze Land bereiste, um zu sehen, ob keine Ungerechtigkeiten herrschten und ob die Untertanen des Königs ihre Pflicht taten. Er konnte durch eine Meldung an den König den höchsten Beamten entlassen und den niedrigsten befördern. Natürlich ging er unerkannt, meist als Bettler verkleidet, durch das Land, so daß es niemand wußte, wann dieser mächtige Mann in der Nähe war.

Unzählige Oshageschichten hatten wir bisher schon gehört. Vielen armen Familien hatte er Geld und Reis gebracht, vielen unschuldigen Gefangenen die Freiheit geschenkt. Ich wollte ein solcher Osha werden, der wie ein Bettler aussah, der viele Hunderte von geheimen Dienern im Gefolge hatte und doch ein mächtiger Mann sondergleichen war. Wenn ich bei unserem Spiel an dieser Stelle saß und mit meinem Würfel sechs Punkte bekam, wurden alle anderen Beamten verbannt, solange sie nicht auch sechs Punkte werfen konnten. Inzwischen konnte ich 44 allein meine Laufbahn fortsetzen und als Senator die Nachkommenden erwarten – es war dann keine Konkurrenz mehr zu befürchten.

Die Verbannten aber, besonders wenn sie wiederholt in die Verbannung gehen mußten, ärgerten sich über diese Schmach. Suam wurde oft verbannt und tobte vor Wut, merkwürdigerweise besonders dann, wenn ihn Siebengestirn verbannte. Diese Wut artete allmählich so ins Persönliche aus, daß wir fast jeden Abend unzufrieden zu Bett gingen. Suam verlor andauernd, und er besaß bald nichts mehr von dem Reichtum, den er in den Neujahrstagen gesammelt hatte. Ich verlor auch. Siebengestirn gewann alles. Meine beiden Vettern hatten sich eigentlich nie sehr gut verstanden. Der eine war zu stürmisch, der andere zu ruhig, und Siebengestirn wurde Suam zu oft als Musterknabe vorgehalten. Er war aber auch immer zu sauber! Seinem Anzug merkte man monatelang nicht an, daß er getragen wurde, während bei Suam kein Kleidungsstück länger als drei Tage sauber blieb. So war uns der älteste Vetter ein Dorn im Auge geworden. Dichte Wolken schwebten schon lange in der Luft und wollten sich bei jedem kleinsten Funken in heftigen Gewittern entladen. Da war dieses Spiel gerade das richtige. Am Schluß der Schulferien hatte auch ich mein ganzes Geld verloren. Wir spielten um mein letztes Kupferstück. Der Vater war nicht zu Hause. Siebengestirn hatte mich verbannt. Ich kam zurück, wurde wieder verbannt 45 und kam wieder zurück. Suam, der schon lange kein Geld mehr hatte, sah unserem Spiel nur zu. Siebengestirn warf den Würfel wieder in die Höhe, um mich noch einmal zu verbannen. Aber noch ehe der Würfel fiel, hatte sich Suam auf ihn gestürzt und ihn fest bei den Haaren gepackt. Die beiden kollerten von einer Ecke zur anderen. Ich stand Suam ein wenig bei. Oh, es tat mir wohl, den musterhaften Knaben einmal mit blutender Nase und zerrissener Jacke zu sehen.

Dies war das Ende unserer Gemeinschaft.

Das Strafgericht folgte schnell, aber es war nicht gerecht. Ich hatte mir ausgedacht, daß Siebengestirn die Hauptstrafe erhalten müsse, weil er doch alles gewonnen und nur dadurch den Streit verursacht hatte, und Suam die zweitschwerste, weil er den anderen am kräftigsten verhauen hatte. Es kam aber umgekehrt. Siebengestirn wurde freigesprochen und verließ unbehelligt das Zimmer des Vaters. Suam bekam vom Vater drei Schläge auf die Wade, die er ohne zu heulen entgegennahm.

»So, jetzt kommst du dran!« sagte der Richter. Ich entblößte aber meine Beine nicht, denn wie konnte ich einsehen, daß Siebengestirn frei sein sollte und nur wir beide die Schläge bekamen?

Indessen gab mir Suam durch Rippenstöße zu verstehen, ich sollte meine Wade freimachen. Zögernd tat ich es und schon schlug der Vater auf mich ein. Mein Sträuben half nichts, er war stark und hielt 46 mich fest, so daß ich nicht entkommen konnte. Nach drei Schlägen drehte ich mich um und wollte ihm sagen, daß nun auch der andere Vetter seinen Teil haben müsse. Da traf mich noch ein Schlag, und zwar diesmal auf die Schienbeine, was mir entsetzlich weh tat. Ich schrie. Suam kam dazwischen und wollte der Hand des Vaters den Stock entreißen, bekam aber einen tüchtigen Hieb auf sein Hinterteil und zog sich jammernd zurück. Ich erhielt noch viele Schläge, es waren mindestens zehn. Dann sagte der Vater: »Nun hast du deinen Teil.« Ich ging aber nicht weg. »Schlage weiter!« sagte ich trotzig. »Was!« rief er und schlug von neuem auf mich ein. Da warf sich Suam noch einmal dazwischen, entriß nach hartem Kampf den Stock der Hand des Vaters und lief davon. Ich wurde gewaltsam aus dem Zimmer entfernt. »So, jetzt kannst du gehen, wohin du willst, du Trotzkopf!« 47

 


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