Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Die Dürre

Der Hauptbauer schien nicht zu wissen, was er sagen sollte, als er mich zurückkommen sah. Er stand vor mir und betrachtete mich lange Zeit schweigend. Er fragte nicht, wo ich gewesen war und warum ich wieder zurückkehrte. »Geh' in die Stube!« rief er nur kurz. Auch seine Frau sah mich nur mit großen erstaunten Augen an, als ob ich ein ganz anderer Mensch geworden wäre. Sie brachte mir das Abendessen in die Stube. Wie freute es mich, sie wieder zu sehen, die immer so gut für mich gesorgt hatte. »Tante, ich bin wieder da«, sagte ich. Sie verließ aber das Zimmer, ohne etwas zu sagen.

Über drei Tage war ich fort gewesen. Auf dem Heimweg war es langsamer gegangen als auf dem Hinweg. Endlos hatte sich der lehmige Weg durch die reizlose Gegend mit den paar niederen Hügeln gedehnt, bis ich endlich unsere Bergkette erblickte. Nun war ich wieder da, in diesem stillen Dorf, in dem es keinen Lärm gab. Nur eine Kuh muhte irgendwo und die Flut brandete um die Austernfelsen. Als ich um Mitternacht das Fenster aufmachte, sah ich die ganze Bucht bis zum Ufer von der Brandung erfüllt. Der sandige Strand hob sich kaum von den silbernen Wellen ab, die nur 136 leise plätscherten. Vor dem dunklen Hügel schliefen die Strohdächer im fahlen Mondschein. Ich wußte nicht, ob das Erlebnis der letzten Tage oder dieses Dorf ein Traum war.

Die Bauern pflügten, säten und pflanzten jetzt. Zu Hause bleichten die Frauen Zwirn und Gewebe und züchteten Seidenwürmer.

Lerchen flogen in der Luft, Kuhschellen und Heckenrosen blühten. Der Kuckuck rief in der fernen Schlucht.

Ein schöner Tag folgte dem anderen und der Frühlingsregen blieb aus. Der Frühsommer machte den Bauern noch mehr Sorgen, weil das Wetter immer noch trocken blieb. Die Ackererde wurde pulverig und manche Reisfelder zeigten wasserlose Stellen. Man fürchtete eine schlechte Reisernte.

Manche fragten jetzt schon, was an der Trockenheit schuld sein könnte, und die meisten meinten, daß es wieder die Japaner sein müßten. Sie hätten so viele Mauern abgebrochen, so viele ehrwürdige Gebäude abgetragen und uralte Gräber geöffnet. Das letzte war besonders schlimm. Denn die Japaner raubten aus den Gräbern die kostbaren Porzellangeschirre, die den Toten beigegeben waren. Sie sollten nach Tokio gebracht und sehr teuer verkauft werden. Es gab keinen Berg, auf dem nicht zahllose aufgerissene Gräber in den Himmel starrten. Uraltes menschliches Gebein lag in der Gebirgssonne umher. Auch beim Straßenbau hatten die 137 Barbaren viele alte Grabstätten erbrochen und geschändet. Oft kugelte ein Menschenknochen oder ein ganzer Schädel von der Höhe herunter, wenn man an einem Bergabhang vorbeiging, so daß man erschrocken davonlief. Auch ich glaubte, daß der Himmel einmal solche Untaten rächen würde.

Es blieb weiter trocken. Viele Felder hatten jetzt keinen Tropfen Wasser mehr und hier und dort zeigten sich tiefe Risse. Man fing an, Nacht um Nacht Wasser zu schöpfen. Als auch die nächstgelegene Wasserstelle, unser einziger Bach, versiegt war, mußte man Stunden und Stunden gehen, um von der nächsten Quelle das Wasser mit jedem tragbaren Gefäß heranzuholeh, damit man die jungen zarten Pflanzen wenigstens für den nächsten Tag retten konnte.

Manche Bäuerinnen verrichteten in den sternklaren Nächten in ihren Hinterhöfen oder neben ihrem bebauten Feld Gebete um Regen. Sie opferten beim Kerzenlicht eine Schüssel voll Wasser auf einem Holztischchen und baten den Himmel, er möge die schuldlosen Bauern nicht so hart strafen.

Aber der Himmel blieb erbarmungslos. Jeden Morgen stieg die Sonne wie ein feuriger Ball im Osten herauf und glühte den ganzen Tag auf die gequälte Erde herab. Kein Mensch sang mehr bei der Arbeit. Schweigend ging man tagsüber jäten und nachts suchte man verzweifelt den ganzen 138 Himmel nach einem Wölkchen ab. Auch ich konnte keine Nacht richtig schlafen und sah oft zum Himmel auf. Wir alle grübelten und sprachen kaum mehr ein Wort.

Eines frühen Morgens wurde ich von den Hausleuten jäh aufgeweckt und sah, daß der Himmel sich doch hatte erweichen lassen. Über die ganze Bucht rauschte der Regen herab und ein gewaltiger Freudenlärm brach im Dorfe aus.

Bald nachdem die Regengüsse aufgehört hatten, wurde es wieder heiß und schwül. Der Reis hatte sich erholt und wuchs schnell heran. Man jätete jetzt vom frühen Morgen bis zum Abend. Ich erwartete jeden Tag eine Nachricht von meiner Mutter. Ich hatte ihr geschrieben und sie um Verzeihung dafür gebeten, daß ich ohne ihre Erlaubnis davongelaufen war. Jetzt wollte ich wieder so lange in Songnim leben, bis ich etwas von ihr hörte. Vom Hauptbauer hatte ich erfahren, daß sie in den Tagen meiner Flucht keine Nacht geschlafen und keine Speise zu sich genommen hatte. Sie war immer allein in ihrem Zimmer geblieben und hatte mit niemand gesprochen. So fürchtete ich, daß sie sehr gelitten hatte. Wie sehr erschrak ich, als ich eines Abends hörte, daß meine Mutter eben selbst im Dorf angekommen sei. Sie empfing mich aber ruhig und lächelnd, als ich zu ihr ging, und erkundigte sich nur nach meiner Gesundheit. 139

Als wir am nächsten Abend allein in meiner Stube waren, fragte mich meine Mutter, ob ich noch den Wunsch hätte, zu studieren.

»Nein«, sagte ich.

»Überlege es dir genau!«

»Wirklich nicht.«

»Weshalb denkst du jetzt so?«

»Wenn ich studiere, muß ich später doch nach Seoul fahren.«

»Willst du das nicht?«

»Nein.«

»Weshalb nicht?«

»Ich werde nicht von Ihnen weggehen.«

»Nach Seoul darfst du fahren«, sagte sie, »gehe morgen in die Stadt und nimm das Studium wieder auf.«

»Nein, das werde ich nicht tun.«

»Komm, versuch es, ich will es haben.«

Ich wußte nicht, warum sie das sagte, warum sie also nachgab. Ich hatte wirklich vorgehabt, nicht mehr zu studieren. Ich glaubte eingesehen zu haben, daß die neue Zeit mir zu fremd war und daß ich wahrscheinlich auch kein Talent für die neue Wissenschaft haben würde.

»Ja, Mutter, ich versuche es!« sagte ich schließlich. 140

 


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