Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Auf dem Ozean

Je weiter wir nach Süden fuhren, desto heißer wurde es. In der Nähe von Singapore konnte man kaum noch ungeschützt in der Sonne sitzen. Diese große Hitze war wohl die Ursache davon, daß ich mir eine schlimme Augenkrankheit zuzog. An einem Morgen aufwachend, empfand ich einen stechenden Schmerz an beiden Augen, die, wie mir die andern sagten, furchtbar gerötet waren. Ich ging zum Schiffsarzt, der mir nach kurzer Untersuchung beide Augen mit einer lindernden Salbe bestrich und fest verband. Er sagte mir nicht, was für eine Krankheit mich befallen hatte, riet mir nur, die Binde möglichst nicht abzunehmen. So konnte ich in Singapore nicht ans Land gehen.

Der Schmerz hielt aber weiter an und die Entzündung verschlimmerte sich, als ich trotz der Warnung des Arztes einmal die Binde abnahm, um die Stadt wenigstens aus der Ferne erblicken zu können. Nichts konnte ich sehen als einen hellgrauen Schimmer vor den Augen, und der Schmerz war brennend. Der Arzt verordnete, daß ich mehrere Tage in der Kabine liegen bleiben sollte, um jede unnötige Reizung durch die Sonnenhitze zu vermeiden. Ich befolgte seinen Rat und es ging mir in der kühlen Kabine in der Tat besser als draußen. 202 Ich lag still da und lauschte dem Brausen der Wellen; ich schlief, wachte auf und lauschte von neuem.

Als ich wieder sehen durfte, hatten wir schon lange die Sumatrastraße hinter uns. Wir schwammen auf dem Indischen Ozean. Weit und breit war nichts zu sehen, keine Dschunken, keine Inseln, kein Küstenstrich. Nach allen Richtungen nur Wogen und Wogen, ausgebreitet unter dem tiefblauen Himmel. Doch es war sehr schön, mit offenen Augen dazuliegen und im Schatten der Zelte zu plaudern. Meine Landsleute waren nicht so fleißig wie die chinesischen Kollegen, die gerne lasen. Manche von ihnen blieben die meiste Zeit in ihrem Lagerraum, um ungestört in der Kühle lesen zu können. Selten sah ich einen Chinesen ohne ein Buch in der Hand, noch seltener aber einen Koreaner, der las.

Auch die Annamiten lasen; sie lasen aber nur Unterhaltungslektüre, keine Lehrbücher wie die Chinesen. Sie lasen Erzählungen und Romane, teils in annamitischer, teils in französischer Sprache. Lasen sie ein französisches Buch, so taten sie es schweigend; lasen sie aber einen annamitischen Roman, trugen sie ihn halb singend vor. Alle anderen lachten darüber. Mich berührte das seltsam, weil auch die Koreaner, die so weit entfernt im hohen Norden lebten, in derselben Art lasen. Ich dachte an meine Heimat.

Auf dem Deck waren nun außer den ostasiatischen Studenten auch Inder zu sehen, die in 203 Singapore eingestiegen sein mußten. Sie waren aber keine Studenten und gehörten nicht zu unserer Kabine. Sie schienen auch nicht zur ersten oder zweiten Klasse zu gehören; sie lebten ständig auf dem Deck, wo sie schliefen und auch ihre Mahlzeiten einnahmen. Es waren zwei ältere, weißhaarige Männer und eine alte und eine junge Frau, die in der Mitte des Decks Platz genommen und sich mit Päckchen und Decken häuslich eingerichtet hatten.

In alter Zeit, vor sieben- bis achthundert Jahren, gingen manche koreanischen Gelehrten nach Indien, um sich an der Quelle der heiligen Lehre zu läutern. Sie mußten zuerst durch die ganze Mandschurei, die Mongolei, Kukunor und das Hochplateau Tibet, wohl über zwei Jahre, zu Fuß wandern, um das »Wunderland unter dem westlichen Himmel« zu erreichen. Viele von den Wanderern sollen unterwegs gestorben sein, und nur den wenigsten war es vergönnt, einen der Himalajapässe zu überschreiten. Wie mochte es da jemand zumute gewesen sein, der endlich die tropische Wunderwelt erreichte und vor dem goldenen Tempel den Predigten der indischen Weisen lauschen durfte!

Unsere Inder auf dem Deck schienen stille Menschen zu sein. Sie saßen schweigend da, flüsterten nur ab und zu und betrachteten unentwegt die endlose Weite der sanft bewegten Wellen. 204

In Kolombo regnete es. Trotzdem eilten alle zum Landungssteg und folgten dem Reiseführer, der sich angeboten hatte, uns die Insel Ceylon zu zeigen. Auch wir schlossen uns den anderen an, nachdem wir in Saigon keinen Führer gehabt und daher so wenig gesehen hatten. Die große Menge bewegte sich langsam durch die Stadt, in der, außer kleinen Verkaufsbuden der Inder, nur Häuser europäischen Stils standen, die nicht viel anders waren als die in Seoul oder Schanghai. Keiner von uns wußte, wohin wir gingen; doch blieben wir nicht zurück, um nichts Sehenswertes zu versäumen. Endlich waren wir aus der Stadt und gingen durch Bambussümpfe und Palmenplantagen zu einem großen alleinstehenden Haus, das, wie wir später feststellten, ein Museum sein mußte. Es waren Tausende und aber Tausende von Figuren darin aufgestellt. Der Führer erklärte in einer unverständlichen Sprache und wir rasten von einem Saal zum anderen bis zur völligen Erschöpfung. Ob unter uns so viele Künstler oder fromme Mönche waren, die diese kurze und kostbare Zeit zum Studium dieser Buddhafiguren verwenden wollten? Die Menge der Besucher machte keinen Versuch, die Erklärungen zu verstehen oder nur die Figuren zu betrachten. Manche holten Bücher aus der Tasche und lasen, sobald sie irgendwo ruhig stehen konnten. Dann kam die umständliche Angelegenheit des Trinkgeldes, die viel mehr Zeit beanspruchte als die Führung selbst. Danach mußten 205 wir in atemlosem Galopp zu unserem Dampfer zurück, um nicht die Abfahrt zu versäumen.

 

Am nächsten Tage waren die Wolken wie weggefegt; kein einziger weißer Streifen war mehr zu entdecken. Nur aus dem reinsten Dunkelblau brannte die Sonne nieder. Das Deck wurde fast leer. Alle, bis auf die Inder, die die Hitze besser zu vertragen schienen, blieben in der kühlen Kabine und lasen. Sobald aber der Abend kam, wurde es lebendig auf dem Deck. Reisende von allen Völkern, die auf dem Schiff vertreten waren, erschienen und alle vergnügten sich nach ihrer Art. In dem koreanischen Winkel waren wir zu fünft versammelt und hörten dem redebegabten Kim zu, der von seiner Heimatstadt erzählte. Ein anderer Landsmann hatte eine bescheidene Flasche Wein und ein paar französische Süßigkeiten besorgt. Es war seit einer Woche guter Brauch geworden, daß wir der Reihe nach etwas Trinkbares für die abendliche Unterhaltung stifteten. Diese Aufgabe war nicht ganz leicht zu erfüllen. Aus irgendeinem Grunde wurden Wein und die sonstigen Getränke nur als Beigabe zu den Mahlzeiten in einer offenen Flasche geboten, und der Verkauf von Wein oder anderen genießbaren Dingen außer dieser Zeit war, zumal abends, nicht gestattet. Es gehörte oft viel Überredungskunst dazu, um dem Kellner glaubhaft zu machen, daß gerade wieder einer von uns einen Schwächeanfall erlitten 206 habe und eine Stärkung benötige. Um so größer war dann die Freude über jede kleine Zuwendung.

In der alten Stadt Songto, der Residenz der einstigen Korea-Dynastie aufgewachsen, wußte Kim zahllose Anekdoten aus den ruhmreichen Häusern, die er uns nacheinander erzählte.

Wir saßen neben der Tauwinde hinter der Schranke, ganz nahe am Bug des Schiffes. Das war der ruhigste Platz, wo wir ungestört sein konnten. Hier, in nächster Nähe des Wassers, mischte sich unsere Sprache in das Rauschen der Wellen. Wir störten weder die Chinesen, die sich gerne in gelehrte Gespräche vertieften, noch die Inder, die sich nur flüsternd miteinander unterhielten. Die Annamiten waren weit entfernt von uns, sie hatten ihre Lager auf mehreren Kisten aufgeschlagen. Koreanisch, Chinesisch, Indisch verwob sich zu einem Stimmengewirr eigener Art. Oft wurde es auf einmal ganz still, dann wieder summte es wie vor einem Bienenstock. Allmählich aber verstummten doch alle. Einer nach dem anderen hatte sich schlafen gelegt. Nur unser Kim erzählte leise weiter von daheim, und der Dampfer »Paulecat« schwamm irgendwo auf dem mondbeschienenen Indischen Ozean. 207

 


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