Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Die Ferien

In der alten Schule hatten wir keine Sommerferien. Wir lernten nur etwas weniger als sonst, wenn es sehr heiß wurde, und wir durften öfter baden gehen. Wir hatten auch keine Sonntage. Nur zwei Tage im Monat hatten wir frei. In der neuen Schule waren die Sonntage schulfrei und jetzt im Sommer durften wir einen ganzen Monat mit Müßiggang verbringen. Was für eine wunderbare Einrichtung war das! Mein Vater freute sich auch darüber und ließ mir die Wahl, ob ich zu einem berühmten Lehrer der klassischen Schrift, der in einem entlegenen Dorf wohnte, gehen wollte, um mich in der Schreibkunst weiter ausbilden zu lassen, oder ob ich lieber zu Hause bei ihm ein klassisches Buch abschreiben wollte. Er war mit meiner Handschrift nicht zufrieden und verlangte, daß ich die schulfreien Tage zu Schreibübungen ausnützte. Ich entschied mich für den zweiten Vorschlag. Ich erhielt mehrere dünne Pinsel und ein leeres Buch, das ich mit kleinen, reiskorngroßen Schriftzeichen füllen sollte. Jeden Morgen lernte ich zwei Seiten Text, den ich dann im Laufe des Vormittags abschrieb. Manche Schriftzeichen ließ mich mein Vater wiederholt üben, und nicht selten mußte ich eine ganze Seite noch einmal abschreiben. 92

Nachmittags wurde ich im sogenannten Paduk-Spiel unterrichtet, einem vornehmen Brettspiel mit zahllosen schwarzen und weißen Steinen. In den feinen, weißen, oft papierdünnen Plättchen erkannte ich im Meer abgeschliffene Bruchstücke von Muschelschalen. Auf der einen Seite war noch die Perlmutterschicht zu sehen. Die schwarzen Steine waren dick und rundlich und von grauer Farbe wie Schiefer. Sie schienen vom Bachgrund geholt zu sein. »Da, nimm einen schwarzen Stein«, sagte der Vater, während ich aufmerksam die weißen und schwarzen Steinchen betrachtete, »und leg ihn aufs Brett, so kräftig du kannst!«

Ich tat es und der Kasten, dessen Oberfläche unser Spielbrett war, erklang hell und summte lange Zeit nach. Der Hohlraum des Kastens war mit vielen Kupferdrähten durchzogen, erklärte mir mein Vater. »Wenn dein Gegner einen Stein gesetzt hat«, sagte er mir, »dann warte solange, bis der Klang verhallt ist. Dann erst setze deinen Stein und setze keinen unüberlegt!« Ich bekam zwanzig Punkte Vorsprung und der Kampf ging los.

»Langsam!« rief er, wenn ich mit meinem Steinchen auf das Feld eilen wollte, das mir günstig zu sein schien. »Immer zuerst überlegen! Die Schwäche des Feindes ist sehr oft nur eine Täuschung!«

Einmal sagte er mir, daß das Paduk-Spiel eigentlich den Menschen nicht zukäme, sondern nur den Göttern, die hie und da auf die Gipfel unserer 93 Berge herunterstiegen und sich die Zeit mit diesem Spiel vertrieben. »Kannst du dir Götter vorstellen, die so hastig spielen, wie wenn Kinder einen Wettlauf machen?«

»Nein, die Götter sind sehr vornehm!« sagte ich.

»Du hast sicher von dem Holzfäller gehört, der sich einmal ins Götterreich verirrt und ihrem Spiele zugesehen hatte. Als er zurückkam an seinen alten Platz, fand er seine Axt verfault. Das Spiel der zeitlosen Götter hatte für den Erdenmenschen zu lange gedauert.«

Wir spielten und spielten. Jeden Nachmittag, wenn die ärgste Hitze vorüber war, mußte ich das Spiel in den Garten hinuntertragen und unter einem schattigen Baum aufstellen. Wir saßen auf einer Matte, das Spielbrett zwischen uns. Ich verlor wiederholt, hörte aber nicht auf, fest daran zu glauben, daß es mir doch einmal gelingen würde, das Spiel zu gewinnen. Wir spielten, bis der Garten in kühle Schatten getaucht war und Kuori uns zum Abendessen rief.

Abends wurde ich oft von Yongma abgeholt, etwa um die Zeit, wenn meine Mutter zum Vater kam. Wir zogen manchmal noch zur Werbung von Schülern aus, manchmal gingen wir nur in der Stadt spazieren, um die Läden anzusehen. Wir wanderten durch die Hauptstraßen bis zum östlichen Stadttor, und konnten dabei japanische Läden anschauen.

Ich wußte nicht viel von den Japanern, die man 94 bei uns von altersher nur als »Wai-Barbaren« bezeichnete und nicht so recht als gesittete Menschen ansah. Yongma sagte aber, daß sie jetzt viel von den Europäern gelernt und ihr Land reformiert hätten, und daß man das Land Japan zu den Kulturstaaten rechnen müsse. In der Tat verkauften die japanischen Händler viele eigenartige Dinge, die vermutlich aus Europa kamen. Es waren meistens Süßigkeiten, Zigaretten, Lampen, Petroleum, Puppen und anderes Spielzeug. Vor einem der Läden stand ein großes Brett mit vielen Nägeln darauf. Für ein Kupferstück durfte man einmal über das schief stehende Brett eine Kugel herunterrollen lassen, die, unten angelangt, irgendeine Zahl anzeigte.

Der höchste Gewinn war eine Wanduhr, weshalb der Japaner die ganze Zeit rief: »Kommt und spielt, holt euch meine Wanduhr, ara, ara, ara, ara, meine Wanduhr geht mir verloren.«

In einem anderen Laden wurden Fahrräder verkauft und vermietet. Hier stand Yongma am längsten und studierte die Räder genau. Er meinte, daß sie wirklich aus Europa seien, weil sie so eigenartig aussahen. »Sollte ich nicht auch einmal versuchen zu fahren?« fragte er mich, nachdem er eine Weile den anderen Kindern zugesehen hatte. »Es ist nicht gerade vornehm«, sagte ich, noch nicht ganz überzeugt, daß das merkwürdige Spielzeug wirklich aus dem vornehmen Europa gekommen sei, »du bist doch der Sohn einer gebildeten Familie«. Er nickte, 95 überlegte es sich noch eine Weile und gab den Gedanken auf.

Alle Läden waren bis in die späte Nacht hell erleuchtet. Die Verkäufer saßen auf einer Matte davor. Im Gegensatz zu unseren Leuten waren sie schwarz gekleidet. Der schwarze Kleiderstoff hatte oft besondere weiße Muster wie Schneeflocken oder einfache Linien oder Punkte. Viele trugen sogar ein großes Schriftzeichen auf dem Rücken, was furchtbar plump aussah. Keiner kleidete sich in vornehmes Weiß und keiner trug Schuhe. Alle gingen sie in Sandalen, klappernd und mit einwärts gestellten Füßen. Japanerinnen verkauften die Waren und gingen ohne Begleitung eines Dieners oder ohne sich in einer Sänfte tragen zu lassen auf die Straße, als wären sie selbst alle nur Dienerinnen. Stammten diese Menschen alle aus der ehrlosen Schicht oder waren sie nur so arm, daß sie ihre Frauen als Dienstboten auf die Straße schicken mußten?

Ich hatte von der Heimat dieser Leute noch keine Bilder gesehen, weder von ihren Dörfern, noch von ihren Städten. Auch Yongma wußte nicht viel davon, er sagte nur wiederholt, daß Japan jetzt reformiert wäre und viele Eisenbahnzüge und Dampfer besäße. »Man behauptet, daß es jetzt auf der Welt sechs kultivierte Nationen gibt«, sagte er einmal. »Das sind England, Amerika, Frankreich, Deutschland, Rußland und Japan. Japan hat man 96 freilich an den Schwanz gehängt, weil es ja die anderen nur nachgeahmt hat.«

»Wozu rechnet man dann unser Land?« fragte ich erstaunt.

»Noch lange nicht zu den zivilisierten«, sagte er mutlos, »weil wir noch zu wenig Eisenbahnen haben«.

»Und China?« fragte ich wieder.

»Die Chinesen scheinen sehr konservativ zu sein«, sagte er nach langem Schweigen. »Der Tuchhändler Yu schimpfte mich einmal, als ich ihm sagte, er solle seine Haare schneiden lassen, weil der Zopf altmodisch sei. Der alte Mann wurde furchtbar zornig und hätte mir sicher eine Ohrfeige gegeben, wenn ich nicht gleich davongelaufen wäre. Auch der Gemüsebauer hinter dem Namsanberg ist sehr altmodisch. Ich zeigte ihm einmal meine Schulbücher, um zu sehen, ob er etwas davon verstünde. Dann schrieb ich mit chinesischen Zeichen, ob China auch die europäische Kultur einführen wolle. Er lachte und wehrte mit der Hand ab. Danach schrieb er mit seinem Pfeifenkopf auf den Boden: »Europa ist ein Hunnenland. Dort gibt es keine konfuzianischen Sitten.«

Das Wort »konservativ« klang nicht schön. Ich dachte mir, es müsse wohl soviel wie »dumm« und »hart« bedeuten. Die Chinesen taten mir leid, wenn sie wirklich konservativ waren, denn für mich war China etwas Schönes, Zartes und Herrliches. Ich 97 brauchte nur an den Klang der Worte »Yangtsekiang« oder »Tungtinghu«, »Sutschou« oder »Hangtschou« zu denken oder einige Verse von Sutungpo oder Taoyenming zu sprechen, so sah ich eine herrliche Welt vor mir ausgebreitet.

So dachten und fühlten auch meine Schwestern Setje und Ozini, weil sie so viele chinesische Romane gelesen hatten. Sie hatten wohl weder den Morgennebel einer Yangtseschlucht noch die Yoang-Laube im Mondenschein gesehen, doch liebten sie das herrliche Reich der Mitte über alles, sogar mehr als unsere eigene Heimat, die sie oft ein wenig verächtlich »das kleine östliche Ländchen« nannten.

 

Am Ende der Sommerferien erlebte ich einen seltsamen, schönen Abend. Ich wurde nach dem Abendessen von zwei Schulfreunden abgeholt, von Kisop und einem anderen, der den furchtbaren Namen Horang, d. h. Tigerwolf, trug. Sie sagten, ich solle gleich mit ihnen zur Schule kommen; wir müßten am Abend durch die Straßen marschieren, weil heute der Geburtstag des Königs oder der Königin oder irgendeiner anderen hochgestellten Person wäre.

Als wir in der Schule ankamen, sahen wir bereits alle Schüler, wohl über zweihundert, im Schulhof versammelt. Dann kam der Turnlehrer und ließ uns der Größe nach in vier Reihen antreten. Yongma stand ganz vorne, denn er war der größte von 98 allen, ich dagegen kam fast am Ende der ganzen Kolonne neben Kisop zu stehen. Man hielt uns lange Reden und ermahnte uns, auf der Straße in tadelloser Ordnung zu marschieren, so daß die Bürger unserer Stadt und die Schüler anderer Schulen uns bewundern müßten.

Es wurde dämmerig; jeder erhielt einen Lampion mit einer brennenden Kerze und dann ging es los durch das Schultor hindurch. Nach dem Takt von Trommeln und Trompeten marschierten wir und zogen, patriotische Lieder singend, zum Glockenweg. Auch vom Süden und vom Osten her war je eine Schulgruppe, ebenfalls singend und Lampions tragend, gegen den Glockenweg marschiert. Die beiden kleinen »neuen Schulen« waren erst in diesem Sommer ins Leben gerufen worden. Wie mir Kisop erklärte, hatten christliche Missionare die eine gegründet.

Nun schlossen sich alle drei Schulen zusammen und wir marschierten kreuz und quer durch die Stadt und kamen zum Schluß durch die »Drei Tore« zur Statthalterei, deren zahllose Höfe wie ein Lichtmeer erstrahlten.

Mir wurde ganz feierlich zumute. Hier hatten auch früher viele Festabende stattgefunden. Ich war aber nur durch ein Seitentörchen bis zu einem kleinen Hof vorgedrungen. Von da aus konnte ich den Lichterschmuck des anderen Hofes bewundern und der schönen Musik lauschen. Nun bewegte sich 99 unser Zug durch die mächtigen »Drei Tore«, vorbei an vielen Hallen, zum Hof des Lotospavillons, und wurde dort vom Statthalter selbst empfangen.

Wir standen in Form einer Pflaumenblüte, dem Wappenschild unseres Königshauses, um den großen Lotosteich. Zahllose Lampions spiegelten sich im Wasser. Da erschien der höchste Mann unserer Provinz vor dem Pavillon.

Der Gouverneur lobte unsere kluge Einsicht, mit der wir die neue Zeit rechtzeitig erkannt hätten. Unser Vaterland sei wohl ein kleines Land, doch hätten unsere Ahnen eine hohe Kultur besessen und sie an Japan weitergegeben. Jetzt aber marschiere Japan an der Spitze und es wolle uns helfen, unser Land zu reformieren; deshalb sollten wir uns eifrig bemühen, damit wir in die Höhe kämen wie die östliche Brudernation.

Freudig riefen wir unserem Vaterland und unserem König »Manse« zu.

Zum Schluß erhielt jeder von uns zur Belohnung für dieses Bekenntnis zur neuen Kultur ein Päckchen Bleistifte und zwei Schreibhefte.

Wir kehrten zufrieden nach Hause zurück. Ich fand den Abend schön. Es stimmte, daß wir ein kleines Volk waren und auch nur ein kleines Land hatten – wichtiger als das war aber doch unsere Klugheit. Das große herrliche China hatte uns einst als »Kleinchina« bezeichnet, weil unsere Ahnen so klug waren. Und wer anders als wir hatten Japan 100 die Schrift, die Philosophie, die Religion, die Baukunst und was weiß ich noch alles gebracht! Mit der neuen Kultur waren wir nun ein bißchen später daran als Japan, aber das schadete uns nichts. Wir waren ja klug, wie der Statthalter selbst gesagt hatte. Das war sehr erhebend für mich.

Ich fand den Abend wirklich schön! 101

 


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