Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Das Warten

In Schanghai angekommen, besuchte ich den koreanischen Berater der auswärtigen Studenten und äußerte meinen Wunsch, nach Europa zu reisen. Er schien der Sprache nach ein Nordkoreaner zu sein, und war ein gutmütig aussehender Mann mittleren Alters. Er erkundigte sich nach meiner Herkunft, nach Vorbildung und Familienverhältnissen und versprach mir, sein möglichstes zu tun, um mir einen Ausweis der chinesischen Regierung zu verschaffen. Nur müsse ich ein wenig Geduld haben, weil man die Behörden, die uns nur aus Freundlichkeit so großes Entgegenkommen zeigten, nicht drängen könne.

Es dauerte aber sehr lange!

Eine Woche nach der anderen verging von den schönen Herbstmonaten, und es fing an zu regnen. Die Regenperiode schien jetzt gekommen zu sein. Jeden Tag rieselte es vom Morgen bis zum Abend. Die Luft wurde immer kühler und ich fror in meinem Zimmer, das weder wie in Korea unter dem Boden geheizt wurde, noch ein Feuerbecken oder einen Ofen hatte. So verließ ich oft das Haus, um trotz des Regens einen Spaziergang in die nahe Umgebung der Stadt zu machen. Aber selbst bis zum nächsten Feld mußte ich über eine Stunde laufen, 195 weil die Riesenstadt nach allen Richtungen fast kein Ende nahm. Es war hier genau so flach wie bei Mukden. Kein Hügel war da, kein Bächlein, nicht einmal ein Sturm ging wie in der Mandschurei. Kraftlos verweht kamen die Regentropfen von dem farblosen hellgrauen Himmel und zerstoben auf den schwarzen geteerten Wegen. Gegen Abend hellte sich der westliche Himmel ein wenig auf und etwas Rötliches wollte durchschimmern, um aber gleich wieder hinter der feuchten Dämmerung zu verschwinden. Über die flachen Felder breitete sich schnell der Nebel und hüllte die kleinen Bäumchen und Büsche immer dichter ein, so daß zum Schluß kaum noch die Wege zu erkennen waren. Nur die schwarzen lackierten Särge, die man aus irgendeinem Grund in den Feldern auf kleine Steinhaufen gestellt hatte, anstatt sie gleich zu vergraben, schwebten geisterhaft im wallenden Nebel. Dann regnete es wieder.

Eines Abends hörte ich von einem Landsmann, mit dem ich hie und da im gleichen Speisehaus aß, daß hier außer mir noch einige Studenten sich aufhielten, die ebenfalls wegen des fehlenden Ausweises nicht nach Europa reisen konnten. In der Tat lernte ich nach und nach vier koreanische Studenten kennen, die genau wie ich in trostlosen Zimmern saßen und auf ihr Glück warteten. Sie waren bereits im Sommer hierhergekommen und wollten nach Frankreich reisen, um ihr Studium 196 fortzusetzen. Da sie nun fast ein halbes Jahr vergebens auf ihre Papiere gewartet hatten, waren sie sehr entmutigt und hegten kaum mehr Hoffnung auf eine Reisemöglichkeit. Doch wußten sie nichts anderes zu tun, als hier zu bleiben und weiter zu warten. Sie kamen allabendlich zusammen, drehten sich Zigaretten, spielten Schach und tranken Schnaps, um sich zu erwärmen, plauderten auch ab und zu vom Leben in Frankreich, weil sie viele Bücher darüber gelesen hatten. Einer von ihnen, der Pongun hieß, war sogar einmal dort gewesen, als er noch sehr jung war. Er kannte auch einige deutsche Städte und versprach mir, mich nach Deutschland zu bringen, falls wir wirklich einmal reisen konnten. Vorderhand saßen wir aber immer noch in der graudüsteren Straße Paukangli, spielten Schach und froren. Von Tag zu Tag sank unser Mut.

Der Winter verging und es wurde Frühling. Ein Ozeandampfer nach dem andern verließ den Hafen und fuhr nach Westen. Dann kam aber doch endlich der große Freudentag für uns. Man händigte jedem von uns einen Ausweis aus und wir gerieten in große Verwirrung darüber, was noch alles an Reisevorbereitungen zu tun war. Wir kauften, packten und berieten uns Tag und Nacht.

 

Die matte Sonne beschien unseren Weg, als wir mit einem Auto zum Hafen fuhren. Schweigsam 197 betrachteten wir eine Weile den Riesendampfer, der den unendlichen Menschenstrom wie nichts in sich aufnahm. Wir schlossen uns den anderen an, stiegen die schier endlose Treppe hinauf, gingen durch zahllose Gänge, bis wir schließlich auf dem Deck landeten, unter dem unsere gemeinsame Kabine war. Menschen liefen rastlos hin und her, rufend und schreiend. Man schüttelte sich die Hand, lachte und weinte.

Eine tiefe Sirene ertönte und langsam drehte sich der Riese seewärts. Am Ufer feuerte man eine Rakete ab als Glückwunsch für die lange Reise. Die winkenden Menschen, das Ufer und die Häuser verschmolzen langsam zu einem Streifen und verschwanden. Noch einmal ertönte die Sirene, der Dampfer verließ die Yangtsemündung und glitt in die hohen Wogen hinein, über die ein gelblicher trüber Himmel gespannt war.

Bei mäßigem Wind und zeitweiligem Sprühregen fuhr das Schiff leise schwankend nach Süden. Am Abend kam mir das tragische Ende der Sungdynastie in den Sinn. Eine Schlacht nach der anderen war verloren und das ganze herrliche Reich der Mitte lag unter den Pferdehufen der Mongolen. Der schwache Kaiserhof floh von einer Residenz zur anderen und schließlich auf die See. Der grausame Mongolengeneral setzte aber seine Verfolgung auf dem Wasser fort und war mit seiner Flotte an das kaiserliche Schiff herangekommen, auf dem 198 außer dem zwölfjährigen vor Angst zitternden Kaiserkind nur mehr der Kanzler, der letzte Diener der glanzvollen Sungdynastie, übriggeblieben war. Er saß bewegungslos da, blickte eine Weile der sinkenden Sonne nach, befestigte dann das Siegel der Dynastie an der Brust des Kaisers, nahm das teure Kind zu sich und sprang mit ihm in die Flut.

Das war vor mehr als tausend Jahren geschehen, auf dem südchinesischen Meer, vielleicht hier, wo wir gerade vorbeifuhren. Über die rauhen Wellen breitete sich die Dämmerung. Eine einsame Dschunke kreuzte unseren Weg. Ich ging in die Kabine hinunter.

 

Für uns ostasiatische Studenten, die ermäßigten Fahrpreis hatten, war ein großer Frachtraum an der Spitze des Schiffes freigemacht und zur sogenannten Studentenkabine umgebaut worden. Nahezu hundert Studenten hatten hier ihre Liegestätten eingerichtet und lagen bereits auf ihren Lagern. Bei der düsteren Beleuchtung tastete ich mich durch den engen Gang bis zu der linken hinteren Ecke, in der ich mein Lager hatte. Hier hatten auch alle meine Landsleute sich niedergelassen, um während der ganzen Fahrt zusammenbleiben zu können.

Eine gute Unterhaltung mit den chinesischen Kollegen war nicht so leicht, weil die moderne 199 chinesische Umgangssprache wesentlich anders klang als das klassische Chinesisch, das wir allein in der alten Schule gelernt hatten. Nur einer von uns beherrschte die moderne Sprache ganz, ich verstand nur wenig davon. So mußten wir oft zum Pinsel greifen, wenn wir ein Gespräch tieferen Inhalts führen wollten. Der Sinn der einzelnen Schriftzeichen und der Stil der Schriftsprache hatten sich nicht geändert.

Drei Tage nach der Abfahrt liefen wir in Saigon ein. Wir gingen ans Land, aber wir sahen nicht viel Neues, weil wir keine gute Führung hatten. Nach ziellosem Wandern durch eine parkähnliche Anlage mit tropisch üppiger Vegetation gelangten wir in einen Tiergarten, in dem wir den Rest der heißen Nachmittagsstunden verbrachten, weil wir alle sehr ermüdet waren. Als sich die Luft gut abgekühlt hatte, kehrten wir auf einem Fußpfad zwischen Schilffeldern zu unserem Schiff zurück. Es tat mir leid, so wenig von den annamitischen Häusern gesehen zu haben; dieses Land lag durch das große China so weit entfernt von unserer Heimat, daß man nur wenig von ihm wußte.

Um so größer war meine Freude, als wir am nächsten frühen Morgen von fünf annamitischen Kollegen überrascht wurden, die zu uns kamen und die Kabine mit uns teilen wollten. Mit Hilfe der chinesischen Schriftzeichen, die auch in Annam gebräuchlich waren, konnte ich mich mit ihnen 200 unterhalten. Auch die Annamiten freuten sich sehr, als sie erfuhren, daß wir von Korea gekommen waren. Einer von ihnen, der lange Zeit nur schweigend unserer Unterhaltung zugehört hatte, schrieb uns mit seiner Feder auf, daß Korea die nördliche und Annam die südliche Schwelle der gesitteten Welt sei. 201

 


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