Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Die alte und die neue Wissenschaft

Igwon arbeitete sorgfältiger und gründlicher als ich, was ich bereits im ersten Semester bemerkt hatte und später immer mehr anerkennen mußte. Ich war jedesmal zufrieden, wenn ich die täglichen Vorlesungen lückenlos niedergeschrieben und sie einigermaßen begriffen hatte. Er saß, aber danach noch ein Weilchen sinnend da und entdeckte neue Unklarheiten und neue Fragen, so daß wir oft dieses oder jenes Lehrgebiet von neuem durchschauen mußten und dann endlos diskutierten. Igwon nahm alle Fächer sehr ernst, besonders aber schien er über die physikalischen und chemischen Probleme viel nachgedacht zu haben. Ich merkte dies besonders, wenn er versuchte, sich mit so schweren Begriffen wie etwa dem Äther, der Substanz oder der Energie auseinanderzusetzen. Oft brauchte er den ganzen Abend dazu, so daß wir erst gegen Mitternacht anfingen, andere Vorlesungen wie Physiologie und Anatomie durchzunehmen.

Um diese Nachtzeit fühlten wir einen großen Hunger und warteten ungeduldig, bis der Kuchenjunge in unserer Gasse vorbeikam und seine dampfenden Kuchen singend anpries. Er wußte nämlich, in welcher Gasse und in welchem Haus die 161 Studenten bis Mitternacht arbeiteten und vom Hunger gequält wurden. Der Gesang klang zuerst von der Ferne, als wenn eine Mücke zu summen anfing. Dann wurde er lauter und lauter, bis er unter unserem hochgelegenen Fensterchen ganz verstummte. Wir hörten, wie er seinen Kasten herunternahm und den Deckel abhob. Igwon lächelte, schob das Schiebefenster auseinander und empfing zwei Stück Reiskuchen mit süßer Füllung. Der Gesang wanderte durch die nächtliche Gasse weiter, während wir wieder zu unseren Büchern zurückkehrten.

In Igwons Bücherei stand außer den wissenschaftlichen Werken auch viel Unterhaltungslektüre, vor allem europäische Romane in japanischer Übersetzung, die ich nur dem Namen nach kannte. Einmal entdeckte ich darunter einige Bücher, deren Inhalt philosophischer Art sein mußte. Eines davon trug den Titel »Die Lehre des Seins«. Ich nahm es mir und las darin. Das war an einem Sonntag, an dem Igwon zu einem seiner Schulfreunde gegangen war und mich allein gelassen hatte. Ich las den ganzen Nachmittag in dem fesselnden Buch, bis er wieder zurückkam.

Als er mich so vertieft sah, lächelte er zuerst; dann sagte er aber, daß ich mich nicht zu viel mit den philosophischen Problemen befassen sollte, weil sie mich von meinem eigentlichen Studium ablenken würden. Wir östlichen Menschen seien ohnehin nur zu sehr theoretischen Erwägungen geneigt. 162

Ich konnte mich aber schwer von dem Buch trennen, weil es, wie mir schien, die tiefste Frage behandelte, die die Menschen stellen konnten. Wenn ich es aus der Hand gelegt und mir vorgenommen hatte, nicht weiter darin zu lesen, so half mir das wenig, weil ich fortwährend über das Gelesene nachdenken mußte. So griff ich in den nächsten Tagen trotz Igwons Mahnung immer wieder zu dem philosophischen Werk.

»Die modernen Wissenschaften, in denen wir hinter den Europäern zurückstehen«, sagte Igwon an einem Abend, »sind nicht aus philosophischen Erwägungen erwachsen, sondern aus den praktischen Kenntnissen der Natur. So ist es bei der Naturwissenschaft und so ist es auch bei der Medizin. Während unsere Vorfahren immer nur versucht haben, den menschlichen Körper von der alten Philosophie her zu verstehen, faßten die westlichen Forscher den kühnen Mut, ihn zu öffnen und die inneren Organe mit ihren eigenen Augen zu betrachten. Sie grübelten und überlegten nicht mehr, sondern sahen vor sich, wo das Herz, wo der Magen lagen und wohin die Blutgefäße und Nervenbahnen liefen. Diesem kühnen Mut verdanken wir schließlich alle medizinischen Kenntnisse, die hundertmal größer sind als die alten.«

Von unserer alten einheimischen Medizin hatten wir keine Ahnung, weder Igwon noch ich, obwohl sie zum Wissensgebiet unseres Studiums gehörte. 163 Wir hatten sie bisher, wie alle alten Traditionen, als veraltet und unbrauchbar betrachtet und uns nicht um sie gekümmert. Wir wußten nicht, wie die Ärzte alten Stils studiert hatten und wie ihre Wissenschaften gegliedert waren. Wir hatten nur gehört, daß man in der alten Heilkunde mindestens zehn Jahre studieren mußte, um Arzt zu werden, weshalb es auch keinen Arzt alten Stils gab, dessen Schläfen nicht angegraut waren.

Da brachte einmal ein glücklicher Zufall eine dieser seltenen Schriften in unsere Hände. Igwon hatte einen Kollegen besucht, dessen Onkel ein Arzt der alten Art gewesen war. Von dessen hinterlassenen Büchern, die verbrannt werden sollten, hatte er eines gerettet und bei sich aufbewahrt. Nun brachte Igwon die Kostbarkeit für einen Abend zu uns und wir blätterten vorsichtig das ganze dicke Buch durch, das offenbar einen Teil der Anatomie darstellte. Es enthielt lauter Tuschzeichnungen des ganzen Menschen in den verschiedenen Körperstellungen. Auf jedem Bild waren schier zahllose Linien und Punkte eingetragen, die die ganze Körperoberfläche bedeckten und komplizierte Namen trugen. Die Linien schienen die sogenannten Lebenslinien zu sein, deren Verlauf aber weder dem der Gefäße noch dem der Nerven entsprach. Fast zum Schluß waren dann noch einige Bilder aus der inneren Anatomie hinzugefügt, die ebenfalls in Tusche ausgezogen waren. Grob und schlicht waren die äußeren Formen der 164 einzelnen Organe eingetragen, als wären sie nur flüchtige Skizzen eines Künstlers. Die Formen des Magens und des Herzens glichen denen unseres Lehrbuches vollkommen. Die Leber hatte aber zu unserer großen Überraschung sieben Lappen, die nebeneinander an einem dicken Querbalken hingen. Die Lungen besaßen beiderseits je drei Lappen und von der linken Lunge ging ein dicker Strich zum Herzen, was wir für das Symbol des kleinen Kreislaufes hielten.

Wir lächelten über diese unbeholfene Anatomie, mußten aber doch die Kunst bewundern, mit der die inneren Organe wenigstens bis zu diesem Grad richtig gezeichnet waren, ohne daß sie der Autor des Buches selber gesehen hatte. Die Ärzte alten Stils sollen ja niemals eine Sektion vorgenommen haben. Sie hatten das Innere des Körpers nur durch Abtasten seiner Oberfläche erahnt.

Solche ehrwürdigen Ärzte berührten kaum den Körper des Kranken. Sie klopften weder den Rücken, noch horchten sie die inneren Organe ab. Sie sahen nur das Gesicht des Kranken an, hörten aufmerksam zu, was dieser selbst erzählte, und fühlten den Puls. Darauf schrieben sie ein Rezept auf, nach dem die Assistenten das Heilmittel sofort zubereiteten. Im Ordinationszimmer wurden nämlich alle nötigen Kräuter, Wurzeln und Knollen aufbewahrt, aus denen Pillen, Salben oder Säfte unter der Aufsicht des Arztes hergestellt werden konnten Sonst geschah nichts für den Kranken: weder 165 Bestrahlung, noch Operation, noch Injektion kannte die alte Heilkunst. Nur bei gewissen Krankheiten machte man einen Nadelstich an verschiedenen Punkten, wo gewisse Lebenslinien verlaufen sollten, deren Störung man der Krankheit zuschrieb.

Für diese einfache Kunst sollte man so lange studieren? Philosophierten sie wohl so lange über den Sinn des menschlichen Daseins? Studierten sie vielleicht so lange an den Heilkräutern?

Wir hatten vorher noch kein Buch der alten Medizin gesehen, weder ein Buch über den Bau des menschlichen Körpers, noch eines über die Krankheiten. Im Buchhandel waren sie nicht zu kaufen und jeder Arzt hütete seine Bücher wie Geheimschriften.

 

Der menschliche Körper galt als heilig, besonders wenn die Seele ihn verlassen hatte. Dann mußte man ihn an einem bestimmten Ort der Erde übergeben, damit er ungestört und in glücklicher Harmonie zur Natur zurückkehrte und der Nachkommenschaft oder der Mitwelt kein Unheil brachte. Deshalb war das Öffnen des toten Körpers eine Sünde gegen das Naturgesetz und gegen den Geist, selbst wenn es durch Ärzte geschah. So war es auch zu verstehen, daß die ersten Studenten unseres Instituts, die damals nur Koreaner waren, sich geweigert haben sollen, die Präparierübungen mitzumachen. Sie wollten sich wohl in der modernen Medizin ausbilden lassen, 166 weil sie dachten, daß sie der veralteten einheimischen Heilkunde weitaus überlegen war; aber einen toten Menschen zu zerlegen, betrachteten sie immer noch als große Sünde.

So war das wohl vor mehreren Jahrzehnten gewesen, in der Zeit der ersten Versuche, die westliche Kultur in unser Land einzuführen. Aber selbst uns, die wir schon längst die alte Anschauung abgestreift hatten, war es nicht ganz geheuer zumute, als wir an einem Winternachmittag zum erstenmal in das einzelnstehende, grau angestrichene Gebäude geführt wurden, in dem die Sektionen vorgenommen wurden. Außer sechs anderen Kollegen näherten sich Igwon und ich langsam dem großen Tisch, auf dem die Leiche eines jungen Mannes aufgebahrt lag und gleichsam auf das Kommende wartete. In einiger Entfernung stehend, starrten wir alle den blassen Toten an, der, anstatt tief verborgen im Schatten der Erde zu ruhen, hier auf dem Blechbrett lag und seinen unverhüllten Körper von der Wintersonne bestrahlen lassen mußte. Igwon blickte mich traurig an und ergriff meine Hand. »Nicht einmal etwas Weihrauch!« murmelte er unzufrieden.

Der Professor trat hinzu und erklärte, daß wir uns heute nur die Abdominalorgane in situ ansehen sollten. Die Sektion des toten Körpers sei keine Verletzung der Menschenwürde. Er sei eher der Ansicht, daß wir dem Toten eine große Ehre erwiesen, 167 wenn wir seinen irdischen Schatten dem Altar der hohen Wissenschaft opferten. Einer von uns solle nun mutig anfangen und zuerst nur die Haut von der Rippenbogengegend nach unten auseinanderschneiden. Keiner von uns rührte sich, bis endlich einer langsam und zögernd sein Instrumentenkästchen herausholte und das tat, was geheißen war. Danach kamen der Reihe nach andere Kollegen daran und wir arbeiteten zum Schluß zusammen, bis das Omentum majus sauber freigelegt war.

Draußen war es bereits dunkel geworden, als wir alle Organe beim Lampenlicht gesehen hatten und endlich nach Hause gingen. Daheim weigerten wir uns zu essen und schwiegen während des ganzen Abends. Wir wußten nichts, was wir der Rede wert fanden. Alle Dinge um uns, das Studium, die Philosophie, die Natur, das Menschenleben, das alles schien uns sinnlos und häßlich. Als wir das Institut verließen, hatte ich den großen Wunsch, ein heißes Bad zu nehmen und mich zu reinigen. Jetzt fürchtete ich aber, meinen eigenen Körper sehen zu müssen und die Haut mit der Hand zu berühren. Ich lag regungslos da und versuchte, den furchtbaren Eindruck vom Nachmittag zu vergessen. Igwon saß vor seinem Arbeitstisch und blätterte scheinbar sinnlos bald in diesem, bald in jenem Buch und stieß ab und zu Worte aus wie »furchtbar« oder »barbarisch«, »entsetzlich«. Zum Schluß schien er doch 168 ein Buch gefunden zu haben, das ihn ablenkte. Er las unentwegt weiter. Ich schlief, wachte auf, schlief und wachte wieder auf und sah ihn die ganze Nacht bei seinem Buch sitzen. »Wollen wir weiter bei der Medizin bleiben?« fragte er mich am nächsten Morgen. »Ich weiß es nicht«, sagte ich. 169

 


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