Mirok Li
Der Yalu fliesst
Mirok Li

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Am Okkebach

Im Herbst dauerte der Unterricht länger, weil wir nun auch mit Geographie und der sogenannten Weltgeschichte begonnen hatten, die wir aus Mangel an Lehrbüchern jedesmal von der Tafel abschreiben mußten. Es wurde oft so spät, daß es bereits dämmerig und kühl geworden war, wenn ich aus dem Schultor kam.

An einem solchen späten Abend war es, als ich von unserer Kuori abgeholt wurde. Sie sagte, daß meine Mutter sie hergeschickt hätte, weil es heute gefährlich sei, allein auf der Straße zu gehen. Es liefen so viele japanische Soldaten in der Stadt herum und sie seien sogar in manche Bürgerhäuser eingedrungen.

Mir war nicht geheuer zumute, obwohl ich oft gehört hatte, daß die Japaner nicht als Feinde, sondern nur als Freunde zu uns gekommen seien, um uns zu helfen. Wir eilten nach Hause. Wenn ich etwas von japanischen Soldaten hörte, war ich immer etwas ängstlich.

»Was sagt denn mein Vater dazu?« fragte ich Kuori.

»Ich weiß es nicht.«

»Und was sagt die Mutter dazu?«

»Es gäbe bald wieder Krieg.« 102

»Was meint denn Sunok?«

»Jetzt käme der Weltuntergang.«

Wir beeilten uns. Die Hauptstraße war dunkler als sonst. Es waren keine Obstverkäuferinnen mehr zu sehen, die sonst beim Licht ihrer Lampions Spätmelonen, Kürbisse, Birnen und oft auch Kuchen verkauften. Das Südtor stand gähnend gegen den dunklen Nachthimmel. Der Süßigkeiten-Verkäufer, der immer so schön und eindringlich sang, war auch nicht mehr da.

Zu Hause sprach man aufgeregt von den Ereignissen des Tages. Es waren wirklich in jeder Straße und Gasse Soldaten aufgetaucht und hatten in vielen Häusern Haussuchung gehalten. Sunok hatte selber gesehen, wie drei Soldaten in das Nudelhaus über der Hauptstraße eindrangen. Keiner wußte aber, wonach sie suchten, weil man ihre Sprache nicht verstand und weil sie niemand in ihre Nähe kommen ließen. Jeder vermutete nur, daß unserer Stadt etwas sehr Schlimmes bevorstehe.

Meine Eltern berieten sich lange in dieser Nacht. Die Mutter schlug vor, daß wenigstens ein Teil der Kinder, z. B. Ozini, die schon herangewachsen war, und ich als Jüngster, in Sicherheit gebracht werden sollten. Mein Vater, der auch nicht genau wußte, was die Haussuchungen zu bedeuten hatten, willigte aber nicht ein. Es gäbe keinen Anlaß zu einem Krieg und die Soldaten würden unschuldigen Bürgern nichts Böses antun. Wir sollten ihnen nur 103 keinen Widerstand leisten und alles hergeben, was sie mitnehmen wollten. Sie seien aus irgendeinem Grund von unserem König selbst hergeschickt worden.

Unsere Mutter, die sich an diesem Tag nur schwer beruhigen ließ, gab zögernd nach und bestimmte zum Schluß, daß ich in den nächsten Tagen unser Haus nicht verlassen und diese Nacht in meinem ehemaligen Ostzimmer am Innenhof schlafen sollte. Ich folgte ihr gerne, obwohl ich keine Angst mehr hatte, und durch meinen Vater vollkommen beruhigt war.

Am nächsten Nachmittag kamen tatsächlich vier Soldaten mit Gewehren in unser Haus, gingen durch alle Höfe, schauten neugierig in alle Zimmer, Kammern und Scheunen und verließen uns, wie mein Vater es vorausgesagt hatte, ohne uns belästigt oder etwas mitgenommen zu haben. Da waren alle beruhigt und ich durfte wieder in die Schule gehen. Nur Ozini, die beim Anblick der Soldaten von einem Hof zum anderen geflohen war, blieb lange verstört.

Solche Haussuchungen wiederholten sich oft, fast jeden Tag, ja oft sogar zweimal an einem Tag. Manchmal erschienen die Soldaten am frühen Morgen, manchmal kamen sie plötzlich abends in den Innenhof, so daß die Frauen entsetzt davonliefen.

Es ging gleichzeitig ein schlimmes Gerücht um: In den nahen Gebirgen hätten sich unsere eigenen Leute, Bauern, Jäger und sonstige junge Männer, die nichts von der neuen Zeit wissen wollten und 104 bei den Japanern schlechte Absichten vermuteten, an vielen Orten gesammelt und gegen die Eindringlinge gekämpft. Deshalb würden in unserer Stadt fortwährend Haussuchungen gehalten, weil man hier Waffenvorräte vermutete.

Mein Vater hielt das zuerst nur für Geschwätz. Aber es konnte wohl kein Gerücht sein; denn immer mehr japanische Truppen sahen wir schwer bewaffnet zum Kampf ausziehen, bald durch das Nordtor, bald durch das Westtor. Singend marschierten sie aus und singend kamen sie nach den Kämpfen in die Stadt zurück.

Später brachten sie auch Gefangene mit. Das war ein furchtbarer Anblick. Blutig geschlagen und in schweren Fesseln wurden unsere eigenen Bauern dahergeschleppt; ihre Gesichter waren übel zugerichtet und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ich hatte bisher noch nie einen Menschen in Fesseln und noch nie einen Menschen so blutig geschlagen gesehen. Ich bebte, der Angstschweiß lief mir übers Gesicht und ich fieberte auf dem ganzen Weg nach Hause.

Meine Mutter schlug wieder vor, mich aus der Schule herauszunehmen und irgendwohin aufs Land zu schicken, wo noch Frieden wäre. Ich sei ein zartes Kind und müsse von solchen Eindrücken verschont bleiben. Der Vater beriet sich lange mit der Mutter, willigte aber zum Schluß doch nicht ein. Er schickte nur den Knecht Pang und den 105 Ernteverwalter zu den Bauern unserer Güter; sie sollten die Bauern vor solchen Dummheiten gegenüber den Japanern warnen. Mir sagte er, ich sollte die marschierenden Soldaten gar nicht anschauen. Nur ein Kind ohne Bildung sei so neugierig, ihnen ins Gesicht zu starren.

Die Kämpfe wurden immer häufiger und heftiger. Den ganzen Winter und das ganze Frühjahr hindurch wurden Gefangene in die Stadt gebracht. Oft waren auch Frauen unter ihnen.

Erst im Sommer, als die Regenzeit einsetzte, wurde es endlich ruhiger. Die Haussuchungen hörten ganz auf. Still rieselte der Monsunregen vom Morgen bis zum Abend.

Eines Abends besuchte mich Kisop. Er sah blaß und mager aus. »Hast du es schon gehört?« fragte er mich.

»Nein, was meinst du?«

Er schwieg eine Weile. »Ich glaube, wir sind doch betrogen worden«, sagte er dann, »unser Land ist annektiert worden«.

»Von Japan?«

»Natürlich von Japan.«

»Wo steht das geschrieben?«

»Wenn du Zeit hast, kannst du später zum Südtor gehen und die Bekanntmachung lesen. Sei aber vorsichtig, weil dort ein Soldat steht. Du darfst nicht schimpfen oder die Bekanntmachung abreißen!« 106

Nach dem Abendessen ging ich in Begleitung von Kuori zum Südtor und fand tatsächlich einen großen bedruckten Papierbogen angeschlagen, von zwei großen Lampen beleuchtet. Ringsum war es totenstill. In der Gegend des Tores und in der ganzen Hauptstraße war kein Mensch zu sehen. Nur zwei Lichter flackerten im Dunkeln und ein Soldat mit Gewehr stand still neben der Bekanntmachung. Ich näherte mich vorsichtig dem Plakat und sah ein großes königliches Siegel aufgedruckt.

Ja, das war ein Brief des Königs, der erste und der letzte, den ich in meinem Leben zu lesen bekam. Es berührte mich feierlich und traurig, weil es ein Abschiedsbrief war, der Abschiedsbrief eines ganzen Königsgeschlechts, das uns über ein halbes Jahrtausend geschützt hatte. Als ich fertig gelesen hatte, kam Kuori und zog mich an der Hand aus dem Torbogen.

»Was steht darauf?« fragte sie mich. Sie konnte nicht lesen.

»Unser König ist weggegangen!«

»Für immer?«

»Ja, für immer.«

»Warum ist er weggegangen?«

»Ich weiß es nicht.«

Zu Hause erzählte ich meinem Vater Wort für Wort den Inhalt der Bekanntmachung.

Er hörte mir aufmerksam zu, ohne etwas zu sagen. 107

»Steht uns nun noch Schlimmeres bevor?« fragte ich ihn.

Er sah mich nur an und schwieg.

Alle Menschen im Hause schwiegen, die Männer des Außenhofes, meine Mutter, meine Schwestern, alle schwiegen.

Noch spät in der Nacht saßen meine Eltern und Sunok bei einem Krug Wein beisammen und sprachen von den Königen der letzten Dynastie. Mein Vater meinte zum Schluß, daß das ganze Königsgeschlecht zu schwach geworden sei, um uns zu schützen. Wir müßten nun in Ruhe warten, bis ein neuer König erscheine und uns wieder regiere. Zu mir sagte er, daß ich ruhig weiter meine Schule besuchen und mich nicht um die weltlichen Dinge kümmern solle.

 

Noch im gleichen Herbst fing man an, die Stadtmauern, Stadttore und alle alten Amtshäuser abzubrechen und die engen Straßen zu erweitern. Kaufläden wurden niedergerissen, Häuser und Höfe geteilt. Freigelegte Heizkanäle lugten aus den Schutthaufen hervor, in die sich die ehemaligen Straßen verwandelt hatten und durch die ich mir mühsam den Weg zur Schule und wieder nach Hause bahnen mußte. Man arbeitete fieberhaft Tag und Nacht. Überall wurde geklopft, gehämmert und gesägt, und der Staub wirbelte umher. Man schrie, kommandierte, zankte und schlug sich. Ich war froh, wenn 108 ich unser Tor wieder hinter mir geschlossen hatte.

Auch in unserem Außenhof war es unruhig geworden. Ununterbrochen kamen und gingen die Menschen. Hausierer und Bettler vermehrten sich. Vertriebene Bauern, entlassene Beamte, Flüchtlinge und Auswanderer, die von Ort zu Ort zogen, baten um Unterkunft. Sunok bewirtete sie nur vorübergehend und ließ sie dann wieder des Weges ziehen. Immer wieder mußte er erklären, daß dieses Haus trotz seines guten Aussehens nicht sehr vermögend sei, daß sie lieber anderswo ihr Glück versuchen sollten. So ging es den ganzen kalten Winter über zu. Es kamen immer mehr Bettler und Auswanderer und füllten alle Gästezimmer; Sunok saß vorm Haus, schimpfte und fluchte. »Oh, diese miserable Zeit, diese miserable Welt!«

Nur im Brunnenhof war es noch still, ja stiller denn je. Mein Vater, der tagsüber wegen der unzähligen neuen Vorschriften, wegen neuer Steuern mit den Besatzungsbehörden mit Hilfe eines Dolmetschers verhandeln mußte, war danach so ermüdet, daß er sich schon am frühen Abend niederlegte und kein langes Gespräch mehr vertrug. Erzählte ich von der Schule, so hörte er mir nur kurze Zeit zu und hieß mich dann, mich auch niederzulegen und das Licht zu löschen, weil er Ruhe haben wollte. Nicht selten unterbrach er meine Erzählung und sagte: »Jetzt laß es genug sein, geh ein wenig spazieren und komme später wieder zu mir.« 109

Ich fühlte, daß ich ihm lästig wurde und ich schwieg.

Ich ging ungern spazieren. Die abgebrochene Stadtmauer, die abgedeckten Tortürme jagten in der Nacht unsägliche Trauer und große Furcht in mein Herz. Ich blieb lieber zu Hause. Bei meinem Vater fühlte ich mich irgendwie noch geschützt. Ich war sein Blut, er würde sich meiner schon annehmen können.

 

Der Sommer kehrte wieder. An einem heißen Nachmittag fragte mich der Vater, ob ich Lust hätte, mit ihm ins Okke-Tal zu gehen und ein frisches Bad zu nehmen. Ich sagte mit Freuden ja. Die Okke war ein schöner Bach in einer stillen Schlucht mit zahllosen alten Bäumen. In ihrem Schatten hatte ich viele Kindertage verbracht, solange ich in die alte Schule ging.

Kuori trug ein kleines Tablett mit Wein und Obst und eine Matte voraus, während ich, das Paduk-Spiel unterm Arm, meinem Vater folgte. Außerhalb der Stadt schlugen wir den alten bekannten Pfad neben dem Bach ein und stiegen langsam durch die Schlucht bis zum Berghof hinauf, wo der alte Pavillon stand. Kuori hatte dort unsere Plätze hergerichtet und war wieder gegangen.

Mein Vater besah sich die Umgebung, während ich das Paduk-Spiel aufstellte und die zehn Vorgabepunkte mit den schwarzen Steinen belegte. »Hier 110 hat sich nichts geändert in all diesen Jahren!« sagte er und lächelte. »Fühlst du nicht, daß dies hier eine eigene Welt ist?«

»Ja, es ist so, Vater«, sagte ich. Hier war kein Lärm von Menschen. Nur die Zikaden zirpten in den Baumwipfeln und in der Schlucht murmelte der Bach. Im grünen Schatten ruhte die Stille und ab und zu streifte uns ein frischer Bergwind.

Ich schenkte dem Vater ein. »Mögen Sie tausend Jahre leben!« sagte ich, den Spruch der Sängerinnen nachahmend.

Er lächelte. »Hast du jemals versucht, ein Shidso-Lied zu singen?«

»Nein, wie könnte ich das?«

»Versuch es einmal!« sagte er und sang das Lied des »Milden Südwindes«. Es war ein schweres, uraltes Lied, das nur die berühmten Sängerinnen als Trinklied sangen. Sprachlos staunte ich ihn an, weil ich bisher nicht gewußt hatte, daß er ein so schönes, klassisches Lied singen könnte. Ich selber hatte keinen Mut, es ihm nachzutun.

Er sah das Spielbrett an. »Immer noch zehn Punkte Vorgabe?« fragte er mißbilligend.

Ich nahm zögernd zwei Eckpunkte wieder weg und hielt nur den inneren Wall mit meinen Steinen besetzt.

Er nahm aber noch zwei Punkte fort. »Deinen alten Vater kannst du wohl auch mit sechs Punkten 111 Vorgabe besiegen!« sagte er lachend und setzte seinen ersten Stein.

Ich verlor natürlich das erste Spiel.

»Nun ja, also mit acht Punkten!«

Ich verlor aber wieder.

Er sah mich mitleidig an. »Du hast inzwischen viel verlernt. Du mußt wohl oder übel noch zwei Punkte vorbekommen!«

»Das macht mir gar nichts!« sagte ich und spielte mit zehn Punkten weiter.

»Lassen wir das Spiel!« sagte er plötzlich, als er merkte, daß ich die Steine wiederholt an verkehrten Stellen setzte. »Jetzt ziehe dich aus und gehe ein wenig ins Wasser!«

Ich war traurig, ihn enttäuscht zu haben. »Sie müssen daran denken, daß ein Tiger oft auch einen Hund gebiert«, sagte ich, um ihn zu trösten.

»Schon gut, komm jetzt hierher und zeig dich einmal! Stehe gerade vor mir, vor deinem Vater brauchst du dich nicht zu schämen.«

Er betrachtete mich von allen Seiten. »Sehr dünn bist du noch«, sagte er sorgenvoll, »wie alt bist du?«

»Dreizehn.«

»Immerhin! Gehe jetzt langsam ins Wasser. Es ist hier außergewöhnlich kalt.«

Er trank Wein und sah zu, wie ich unbeholfen von einem Felsen zum anderen watete.

Dann ging auch er selber ins Wasser. Er setzte sich vorsichtig unter einen großen, breiten Stein und 112 ließ sich das Wasser über seine Schultern plätschern. Kaum war er aber eine Minute drin, als er schnell wieder herauskam und mit einem jähen Ruck in den Sand sank. Er war totenblaß und zitterte am ganzen Körper. Ich holte schnell ein Tuch und trocknete ihn ab, weil ich glaubte, er fröre.

Allmählich bekam sein Gesicht wieder Farbe und er richtete sich auf.

»Was ist Ihnen passiert, Vater?« fragte ich.

»Nichts, gar nichts ist passiert. Hol mir nur meinen Anzug!«

Wir zogen uns an, ich zitterte noch am ganzen Körper. Er sagte aber zu mir: »Hab keine Angst, ich lebe noch lange. Ich werde so lange leben, bis du eine schöne Frau bekommst und mir ein Enkelkind schenkst.«

Mir war aber jede weltliche Freude vergangen. »Vater, lassen Sie uns nach Hause gehen!«

»Ach nein«, sagte er lachend, »du siehst ja, daß es mir wieder gut geht. Laß uns noch eine Weile hier in der schönen Natur bleiben!«

Er sah sich die Berge an, auf die nur noch schräge Strahlen von der Abendsonne fielen. Der Berghof selbst war bereits in Schatten getaucht und von der Schlucht kam ein kühler Lufthauch.

»Willst du noch einmal das Spiel versuchen?«

»Nein, lassen Sie uns bitte gehen.«

Zum Glück erschien auch Kuori bald danach und holte uns ab. 113

»Aus diesem Bach strömt die Erdkraft ungebrochen hervor«, sagte er im Gehen, »nimm dich in acht, wenn du wieder hier baden willst!«

Er war kaum über die Schwelle unseres Tores geschritten, als er noch zwei Anfälle erlitt. Man trug ihn bewußtlos ins Zimmer meiner Mutter.

Ich raste den ganzen Abend von einem Arzt zum andern.

Kurz nach Mitternacht hieß mich meine Mutter zur linken Seite meines Vaters knien und seine Hand in die meine nehmen. Sie nahm seine Rechte und fing an zu beten. Alle beteten mit, während Kuori mit einem langen, weißen Tuch von seinem Lager bis zur Schwelle des Tores seinem Geist den Weg bereitete. 114

 


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