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Zweites Capitel.
Aussichten des Frühlings.


Kleine Erlebnisse anderer Art, als der Haarkünstler Poppereh mit den Zöpfen für die vorsorglichen jungen Frauen auf- und abwickelte, begegneten unserm jungen Freunde Hermann.

Er machte jetzt seine ersten kleinen Amtsreisen in die nachbarlichen Bezirke, um diese und die Beamten kennen zu lernen, mit denen er als Inspecteur des économats zu thun hatte.

Das gute Wetter, die Bilder des erwachenden Frühlings stimmten ihn aufs heiterste, wenn er auf seinem muntern Pferde das anmuthige Hügelland durchritt, neuen Thälern und neuen Trachten begegnend. In den Wäldern regten sich die Vögel, die Schwarzdrossel versuchte ihren Schlag; die Birken entfalteten ihr leichtes Blätterwerk, die weidenartigen Gewächse trieben ihre farbigen Kätzchen. An den Rainen schimmerte das junge Grün, gelbe und weiße Blümchen wagten sich schon hervor. Eine milde Sonne durchschimmerte den Duft, der die Hügel der weitgestreckten Wiesenthäler verschleierte. Und so räthselhaft verhüllt wie diese lag vor der Phantasie des Reiters der Fernblick in ein herrliches Jahr mit den Nachtigallen und Rosen des Frühlings, mit den wogenden Saatfeldern und jubelnden Lerchen des stillen Sommers, bis zu den dämmerigen Mondscheinabenden eines früchtereichen Herbstes.

Ein Reigentanz unsichtbarer Elfen umschwebte ihn – Erinnerungen und Erwartungen, die gleich Tänzerinnen, Hand in Hand, vor seiner Seele wechselten, jene anmuthig lächelnd, als fürchteten sie vergessen zu werden, diese neckisch verschleiert, als wollten sie errathen sein.

Dazwischen nöthigten ihn seine Besuche und sein Geschäft doch auch wieder mit Verstand zu beobachten, was aber den wiederkehrenden Stündchen des Träumens nur einen neuen Reiz verlieh.

Noch nie hatte er seine Brust so aufgeräumt, sein Herz so aufjauchzend empfunden. Nichts lag hinter ihm, was ihn noch geschmerzt, nichts vor ihm, was ihn beängstigt hätte. Wohin seine Gedanken gingen, winkten ihm liebe, edle Menschen nach, und Lina saß vollends vor ihm zu Pferd; denn der Schattenriß der Freundin, den er unter der Weste mit sich führte, nahm, von seiner Phantasie belebt, die volle Gestalt an, und der Träumende umspannte sie mit den Zaumriemen seines Pferdes, wobei er selbst zuweilen sozusagen in den Zügel biß, den er seinen Empfindungen und Wünschen angelegt hatte. Dergestalt spielten sich ihm die besten Stunden in lauter Accorden ab, in so vollen Noten, daß auch, wenn er in einer Galoppade hätte aufjauchzen mögen und sein Pferd ungestümen Herzens in Galopp setzte, doch Alles wieder vor der bewegten Seele in den erhabenen Klängen eines Chorals austönte.

Hermann ließ es sich angelegen sein, besonders auch die katholischen Pfarrherren seines Fulda-Werrabezirks zu besuchen. Dieser Schlag von Würdenträgern war ihm neu, und er fand meist heitere, lebensfrohe Männer, die leichter als andere an der schweren Zeit trugen. Doch empfanden sie dieselbe mit. Die Welt fühlte unter jenem Druck ein innigeres Zusammenhalten in wechselseitigem Leiden und Helfen. Im Drang des Beschaffens, unter dem Zwang des Entbehrens, mit der Eintracht des Duldens dachte man an keinen Unterschied im Glauben. Das Bedürfniß der Liebe glich allen kindischen Hader aus. Das Schwert lag in der Hand des Soldaten entblößt, und der Priester wußte, daß ihm nur zu segnen übriggelassen sei: er fühlte den Muth zu versöhnen, nicht den Hochmuth, zu verfolgen.

Indeß fand Hermann doch, wenn er Abends seinen Tag überdachte, manche heitere Bemerkung über den Unterschied zwischen katholischen und protestantischen Geistlichen zu notiren. Es wollte ihn bedünken, als ob die Protestanten mit einer gewissen steifen Werkeltagsförmlichkeit den Mangel an Ceremonien ihrer Sonntagsfeier auszugleichen suchten; während die katholischen Pfarrherren, von ihren täglichen Messen des ceremoniösen Zwangs müde, sich gern im Weltleben etwas gehen ließen. Dabei macht es auch einen Unterschied, daß den Pastoren mit ihren meist zahlreichen Familien das Leben sehr schwer wird, wo der Mann des Cölibats geneigt ist, zu leben und leben zu lassen, weil er das Leben wohlfeiler hat. Freilich wird er dabei auch leicht egoistisch und genußsüchtig, indem er eben alles Gute für sich allein hinnimmt, während die Sorge für Viele den protestantischen Geistlichen hingebender, wenn freilich oft auch habsüchtiger macht. Und so erfreulich sich auch unter guten Verhältnissen ein protestantischer Pfarrherr in Mitte einer heitern Familie ausnimmt, so wird es doch in ärmlicher Lage einem katholischen Pfarrer auch leichter, in den Augen des Volks seinen Priesterrock vom Schmuz der Windeln und von den Fasen und Federn der Hausmutter in der Kinderstube rein und schimmernd zu erhalten.

Was die politische Stimmung betraf, so fand Hermann, daß bei aller Vorsicht der Einen wie der Andern in ihren Aeußerungen gegen einen ihnen noch fremden jungen Mann doch die protestantischen Pfarrer eine heimliche Anhänglichkeit an den alten Herrn so wenig verbergen konnten, als die katholischen ihre Zufriedenheit darüber, daß an Jerôme's prunkhaftem Hofe doch auch die Prälaten der römischen Kirche glänzten.

Die weltlichen Beamten hessischen Schlags sonderten sich in der Regel nach Alt und Jung für das frühere oder für das neue Regiment. Jene verdroß schon die fremde Sprache, mit welcher diese eitel thaten. Der Code Napoleon, jetzt in einer gesetzlichen deutschen Ausgabe eingeführt, war den Alten eine Fußschelle im gewohnten Schlendrian, den Jüngern ein Flügel zum Aufschwung ihres Ehrgeizes. Diese Entzweiung nahm nicht selten den schärfsten Widerspruch sogar zwischen Vater und Sohn an, und Hermann erlebte auf einem seiner Ritte den halbkomischen Fall, daß der Sohn eines Beamten, dem Vater zum Gehülfen beigegeben und in Geschäften oft genug uneins mit ihm, eines Tags in Verkleidung und mit angemachtem Bart als Inspector erschien, um eine Geschäftsrevision vorzunehmen. Er sprach nur französisch, und setzte hiermit und dadurch, daß er alle die Arten herausfand, wo irgend etwas gefehlt oder versäumt war, den geängsteten Beamten in eine wahre Verzweiflung. Der rannte zwischen der Amts- und der Wohnstube hin und her, und sprengte alle Dienstboten fort, um seinen »Louis« herbeizuschaffen. An diesem Namen hatte der Herr Sohn bereits eine französische Anerkennung im Hause durchgesetzt. Den tobenden Franzosen suchte der bedrängte Papa, die Dose in der Hand, in der er nach einer prise de contenance wühlte, flehend zu beruhigen: »Haben der Herr Inspecteur nur patience bis mein Louis arrivirt.« Da jedoch der Louis viel zu nahe war, um draußen gefunden zu werden, so entschloß sich endlich die Tochter des Hauses, den französischen Wütherich zu einem Glase Wein einzuladen; da sie denn mit ihrem guten Blick alsbald den Bruder erkannte, ihm den falschen Bart abriß, und ihn mit der niedlichen Faust auf den Rücken züchtigte.

Das Landvolk, soviel der reisende Freund prüfen konnte, war durchaus für den Kurfürsten gestimmt, und ging mit dieser Gesinnung viel offener heraus, als die sogenannten Honoratioren. Doch auch diese, wenn sie in größerer Anzahl oder beim Glase Wein zusammensaßen, ließen sich, ohne gerade den Zustand der Gegenwart ausdrücklich zu tadeln, im Ton billiger Anerkennung über die Verdienste des alten Herrn aus. Man rühmte die Ordnung, Pünktlichkeit und Sparsamkeit, womit zur Aufrechthaltung des öffentlichen Credits zu seiner Zeit verwaltet worden sei. Und weit entfernt, dem erprobten Neuen zu widerstreben, habe der Herr vortreffliche Einrichtungen ausgeführt. Die Amtspachtung, das Lotto, die Tortur seien abgeschafft, die Frohndienste ermäßigt, Huten und Wüstung urbar gemacht worden; der Fürst habe die Waldpflanzungen und die Fruchtbaumzucht begünstigt, und für geschmackvolle Anlagen, für Hebung der Gesundbrunnen das Außerordentliche gethan. Zu allem Dem habe eine ungehinderte Justiz und ein billiges Abgabensystem das Leben des Volks geschützt und erleichtert.

An all' diesen Beobachtungen brachte Hermann von seinen ersten Geschäftsritten für die Verbündeten die befestigte Ueberzeugung mit, daß ein Aufruf zur Erhebung für den Kurfürsten einen lebhaften Anklang unter der ländlichen Bevölkerung finden werde. Er selbst vernahm dann auch, was inzwischen zur Förderung des Unternehmens weiter geschehen war.

Der Commandant des Castells hatte sich mit dem Vorhaben, den König und die französischen Generale im Castell zu verwahren, einverstanden finden lassen, und Hauptmann von Bork bei der Grenadiergarde wollte in der verhängnißvollen Nacht die Schloßwacht übernehmen. Dies war um so leichter anzuordnen, als der seit kurzem zum Commandanten der Grenadiere von der Garde ernannte Major von Langensturz für Dörnberg's Unternehmen gewonnen war. Dörnberg's Schwiegersohn, Graf von Gröben, stand unter den Jägern und gab gute Erwartungen von den Carabiniers. Noch andere Offiziere waren ins Vertrauen gezogen, und der Verkehr mit den Preußen wurde durch einen Hauptmann von Lützow klug und eifrig betrieben.

Mehr und mehr ließen sich auch die Weltverhältnisse für das Unternehmen günstig an. Die Zeitungen brachten täglich Nachrichten von zunehmenden Bewegungen und Rüstungen in Oestreich, und der Ton, womit französische Blätter die Kräfte des Kaiserstaats an Mannschaft und Kriegsmitteln herabsetzten, gab zu erkennen, welche Anstrengung man von Seite Oestreichs erwarte. Nicht lange, so erfuhr man, daß dort sich drei Armeecorps bildeten, und der Kaiser selbst mit dem General-Quartiermeister Chasteler das Commando des einen, der Erzherzog Karl des zweiten und der Erzherzog Johann des dritten übernehmen würden. Und als endlich die Nachricht vom Einrücken französischer Truppen in Baiern zu einem Beobachtungscorps an der Donau einlief, bot sich auch schon der Anknüpfungspunkt für die hessische Erhebung. Wenigstens theilte man sich im Vertrauen mit, Oestreich wolle vom Corps des Erzherzogs Ferdinand Truppen durch Sachsen vorrücken lassen, und die preußischen Verbündeten hätten bereits die westfälische Festung Magdeburg ins Auge gefaßt, um sich ihrer als eines Anhaltpunkts für die ganze norddeutsche Erhebung zu bemächtigen.



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