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Zehntes Capitel.
Feiertage in Homberg.


Hermann, als er in Homberg einritt, fand die Stadt für einen Wintertag sehr belebt. Die Garnison hatte Appell, und bei einzelnen Familien kam Besuch auf die Feiertage angefahren oder angeritten, wie Hermann eben selbst. Lina empfing ihn mit Jubel, auch Ludwig eilte herbei, und führten ihn gleich auf sein durchwärmtes Zimmer. Das Pferd fand einen guten Platz im Stall.

Nachdem er seine erstarrten Glieder etwas durchwärmt hatte, nahm ihn Ludwig mit hinab, wo ihm Lina noch eine Nachmahlzeit anrichtete. Denn unterwegs mehrmal von der Kälte zur Einkehr in Wirthshäuser genöthigt, war er zu spät zur homberger Mittagsuppe gekommen. Hier galt noch kein französischer Fünfuhrtisch, sondern die Essens- und die Schlafenszeit richtete sich noch nach der althessischen Uhr.

Diese Erinnerung, die Ludwig dem Freund machte, war gleichsam nur das Stichwort für andere hessische Angelegenheiten, die hier nur auf die rechte Losung zu warten schienen. Denn noch saß Hermann beim warmgehaltenen Hasenbraten, als der Oberstlieutenant Wolf von Gudensberg sich anmelden ließ.

Diese Form des Besuchs in einer Landstadt und von einem Kürassieroffizier kündigte gleich einen artigen Mann an. So erschien denn auch der stattliche Offizier, dessen ehrliches, herzliches Wesen sich doch die gesellschaftlichen Formen anbequemt hatte. Er begrüßte Hermann, sobald er ihm genannt war, als einen patriotisch Einverstandenen.

Der Oberst ist nach Tische gleich wieder gen Melsungen geritten, sagte er lachend. Er hat uns nur ein Schock Donnerwetter, ein paar Kluppert Himmelsackerment und einige Dutzend Kreuzbataillon zurückgelassen, die uns aber nicht, wie er in Person gethan hätte, abhalten werden, diesen Abend bei Dörfler zu sein und neuangekommene Freunde zu empfangen. Der Major von Würthen und die beiden Rittmeister von Crammon und von Pogwitz kommen ebenfalls zum Abend herüber. Der Postmeister von Wabern ist mir eben auch aufgestoßen, und der Metropolitan hat Neuigkeiten von seinem Sohn. Da bringen Sie denn gleich Ihren lieben Gast mit in die Bataille, Herr – Juge-de-paix!

Verzeihung, Herr Oberstlieutenant! fiel Lina ein. Für heute lege ich Beschlag auf unsern Freund. Ich habe ihn schon bei Frau von Stölting angesagt, wo heut Bescherung ist.

Ah! versetzte der Offizier mit Verneigung, das ist ein Anderes. Damen haben Vorhand, und wenn eine Friedensrichterin Beschlag legt, wage ich nicht, das Siegel zu brechen. Auch bescheren wir noch nicht, Herr Heister, nicht wahr? Unsere Bescherung kommt vielleicht zu Ostern. Ostereier, ha, ha! Weißer Christtag, grüne Ostern.

Er hatte dann noch ein besonderes Apropos für Ludwig in Petto, und dieser führte ihn auf seine Stube.

Kaum waren Beide hinaus, als Lina vertraulicher zu Hermann rückte. Während sie ihm von dem Medoc einschenkte, den er heut dem Rheinwein vorzog, ihm eine Goldreinette schälte und ein paar Wallnüsse auskernte, sagte sie mit aller seither zusammengesparten Herzlichkeit:

Ich habe dich absichtlich der heutigen Zusammenkunft entzogen, lieber Hermann. Du mußt dich erst mit der Lage der Dinge bekanntmachen. Das Unternehmen für den Kurfürsten macht Ernst. Du kommst jetzt gerade zu einer auf das Fest verabredeten Zusammenkunft der Einverstandenen. Ich sage nicht gern Verschworene, lieber Freund. Das Wort ängstigt mich immer so – um dich und um Ludwigen.

Aber, lächelte Hermann, du verstehst doch wol ein und dasselbe darunter, Lina? Nicht wahr?

Nun ja, es ist eine Albernheit von mir, du hast Recht, lieber Freund; aber es fühlt sich im Augenblick doch verschieden. Oder, recht besehen, ist auch noch ein Unterschied. »Einverstanden« liegt noch im Hinterhalte des Verstandes, der Ueberlegung; »verschworen« aber steht schon schlagfertig im Bereich des Willens, unter der Fahne der Zusage, und ich sehe ihm gegenüber schon die Mündung der Kartätschen oder gar die angeschlagenen Büchsen der zur Hinrichtung commandirten Jäger. Hu! Es ist schauerlich, entsetzlich!

Sie umfaßte einen Augenblick den Freund, hingerissen von einer Besorgniß, die freilich nur noch in ihrer Einbildung, aber allerdings lebhaft genug bestand.

Hermann drückte ihre Hand, indem er lächelnd fragte:

So ernsthaft sieht es schon bei euch aus, Lina?

Ja, Hermann, ganz ernsthaft. Die Männer des einflußreichsten Adels stehen an der Spitze; die Greben, die Gemeindevorstände von den benachbarten Districten, sind in das Unternehmen gezogen und bearbeiten mit Vorsicht die streitbaren Männer; an bisher verborgen gehaltenen Büchsen, Soldatenflinten, Pallaschen fehlt es nicht; die alten, kurfürstlichen Soldaten, die bei Mortier's Einrücken die Gewehre strecken mußten, reiben sich schon die Hände, sie wieder aufzunehmen. Und, was eine Hauptsache ist, das hier und in Melsungen stationirte Kürassierregiment ist für das Unternehmen gewonnen, und Oberst Dörnberg, der Anführer des ganzen Wagnisses, rechnet auf die Carabiner seiner Jägergarde.

Was? rief Hermann. Auch die Offiziere des Regiments –?

Ja, zum größern Theil. Nur einigen mistraut man noch; andere soll der Moment der Erhebung mitfortreißen.

Wenn er nicht das Gegentheil thut und sie abwendig macht, Lina!

Die Feiertage sind nun bestimmt, die letzten Entschlüsse zu berathen. Bisher hat man sich nur theilweise bei Einem oder dem Andern, öfter auch beim Wirthe Dörfler versammelt. Die Festtage mit ihren lebhaftern Familienbesuchen sollen nun die größern Zusammenkünfte decken. Eine solche ist diesen Abend. Du wirst aber wohlthun, lieber Hermann, vor allem über deine Haltung, deine Stellung zu diesen eifrigen, manchmal leidenschaftlichen Männern einig mit dir selbst zu werden. Denn Mistrauen darfst du durchaus nicht geben, und weißt doch, wie leicht man verkannt wird, wenn man mit solchen Leuten nicht blindlings drauf losgehen kann, oder auch nur Bedenken hat. Besprich die Sache mit Ludwigen. Einstweilen gehen wir diesen Abend zu Frau von Stölting.

Und wer ist Frau von Stölting? fragte Hermann.

Ich habe dir schon in Cassel von ihr gesprochen, antwortete sie. Es ist die Witwe eines Stabsoffiziers, die hier in einer nicht breiten, aber anständigen Einrichtung lebt, – eine feine, gebildete Frau von guter, adeliger Familie. Ihr Sohn dient in dem Kürassierregiment, liegt aber in Melsungen. Eine Tochter ist bei ihr; ach! ein armes, liebes Wesen. Cordula ist die verkörperte Herzinnigkeit, leidet aber an einem organischen Herzfehler.

Das ist ja wahrhaftig fatalistisch, daß ein solches Kind auf den Namen Cordula, Herzchen, getauft wird, bemerkte Hermann.

Du wirst sehen, wie lieb sie ist, wie lieb man sie haben muß, erwiderte Lina. Ach! Und jede Gemüthsbewegung bedroht doch ihr Leben!

Frau von Stölting empfing unser Freundespaar mit ihrer sanften, vornehmen Freundlichkeit. Es war das vornehme Wesen einer edlern Seele, worin das Gefühl der adeligen Geburt aufgelöst ist. Sie war von schlanker Gestalt und hoher Haltung, das blasse Gesicht von unregelmäßiger Bildung, weniger schön, als vom wohlwollendsten Ausdrucke belebt. Die Tochter in ihrem Sessel grüßte, ohne sich zu erheben, innig lächelnd, mit vorgestreckten beiden Händen, von denen Hermann auch eine ergriff. Sie glich der Mutter nur in der edeln Gestalt und den seelenvollen Mienen, sonst war das Gesicht regelmäßiger, aber ungemein zart, und die Blässe von dem eigenthümlichen bläulichen Schimmer tiefen Herzleidens verdunkelt.

Hermann, von ihrem Zustande gerührt, von dem unbeschreiblich tiefen vergeistigten Blick und himmlischen Lächeln angezogen, hatte sich gleich neben sie gesetzt. Cordula gab mit ihrer ganzen Erscheinung, obgleich sie nicht klein war, den Eindruck eines lieben Kindes, von dem man sich immer wieder eine Hand geben läßt und sie streichelt. Er sprach im Gefühl, sie in Allem sanft zu berühren, leiser und in einem so naiv heitern Ton mit ihr, wie Lina es noch gar nicht von ihm gehört hatte. Auch war Cordula in den ersten zehn Minuten mit ihm wie mit einem alten Bekannten, dem sie doch lauter Neues zu erzählen hatte.

Sehen Sie, lieber Doctor, sagte sie in ihrer langsamen aufathmenden Art zu sprechen, – oder, nicht wahr, Sie heißen jetzt Inspector?

Liebe Cordula, fiel die Mutter ein, gestehe nur gleich dem lieben Freund unserer guten Frau Heister, daß du die Titel nicht gern hast.

Nein, lieber Herr, ich habe Titel nicht gern, lächelte Cordula. Der Mann mit seinem ohnehin verborgenen Kern steckt damit in einer unschmackhaften Schale mehr, und an der man ihn doch immer anbeißen soll. Nun gar die Frauen, denen solche Schale gar nicht einmal angewachsen, sondern nur umgelegt ist! Ueberhaupt aber, lieber Freund, finden Sie es nicht auch sonderbar, daß die Menschen lieber nach ihrem Dienst, nach ihrer Arbeit angeredet sein wollen, als nach ihrer Person mit einem Vor- und Zunamen?

Es ist vielleicht Bescheidenheit, liebe Cordula, fiel Lina ein; denn die Meisten fühlen wol, daß sie von Person nicht immer etwas sind, aber doch noch etwas leisten können.

Nun, dann sollten sie gerade froh sein, wenn man sie bei Namen anredet, als wenn sie von Person etwas wären, entgegnete Cordula.

Sie haben Recht! sagte Hermann, und zur Mutter:

Drum erlauben Sie, gnädige Frau, daß mich das Fräulein Hermann nennen darf, und ich sage dann kurzweg Fräulein Cordula.

Die Mutter nickte gerührt. Sie bemerkte den wohlthuenden Eindruck, den der junge Freund auf die Kranke machte, an der all' ihre Sorge hing.

Ich wollte Ihnen sagen, Hermann, daß ich die Welt außerordentlich lieb habe, erzählte jetzt das Fräulein. Ich darf mich nicht viel bewegen, ich bekomme leicht Herzklopfen und werde athemlos. Sehen Sie, da kommt die Welt ganz freundlich an mir vorüber, nickt mir zu und beschenkt mich. Besonders im Sommer, wenn ich im Freien sitze, sehe ich, wie sich die Menschen freuen. Und alle bringen mir ein Stück Welt um das andere an meinen Sessel oder Rollstuhl heran. Und die Zeitungsblätter und gedruckten Nachrichten aller Art sind eine gar prächtige Einrichtung. Sie kommen wie Tauben in meine Arche und bringen mir blühende Zweige, wenn auch manchmal eine Brennnessel. Und Sie, lieber Hermann, sehen ganz darnach aus, als ob auch Sie mir viel, oder etwas Apartes, erzählen könnten.

Ich weiß, gute Cordula, daß Sie die Musik lieben, erwiderte Hermann, und da kann ich Ihnen Einiges von Beethoven und andern herrlichen Menschen aus Wien erzählen. Ich habe interessante Briefe von Reichardt durch Luisen mitgetheilt erhalten, liebe Lina, und habe sie mitgebracht.

Ach, Sie lieber, guter Mensch! rief Cordula, und reichte ihre Hand hin. Geben Sie mir auch die andere Hand noch! Sehen Sie, wie ich's treibe: wie ich liebe, freundliche Menschen gleich festhalte? Nun will ich Ihnen auch gleich sagen, wofür Sie mich nehmen müssen. Ich habe früher einmal von den Korallen gelesen, die aus ihren festsitzenden Röhrchen kleine lebendige Fangarme, oder Fingerchen, wie Blumenblätter hervorstrecken und ausbreiten. Sie wissen's ja, Hermann, und damit fangen Sie, was Ihnen das bewegte Meer Erwünschtes zuführt. Nun sehen Sie, so eine kleine Koralle bin ich, und das Leben hat Sie eben auch hierhergeschwemmt, und – nicht wahr, ich habe Sie gefaßt? Ja, wenn ich ein Fischchen wäre, das im Lebensstrom umherschwimmen könnte und auch einmal vor lauter Lust einen Sprung in die Luft machte! Aber ich mache keine Sprünge: ich lege mein Herz aus dem angefesselten Corallenröhrchen heraus, und wenn Sie vertrauen, es wäre eine Blume, eine Seerose – husch! sind Sie gehascht, ich halte Sie fest, und Sie müssen mir von Beethoven, und was Sie Gutes wissen, erzählen.

Bei diesen Worten erhob sich Frau von Stölting rasch und nahm Lina mit ins Nebenzimmer. Cordula blickte ihr nach, und sagte leise zu Hermann:

Die Mutter ist gerührt und will es uns nicht merken lassen. Ach, lieber Freund, es ist eine Engelsmutter! Gerade, wenn ich recht froh bin, kommen ihr die Thränen. Aber es sind Freudenthränen, – wissen Sie, wie manche Blumen, wenn sie am schönsten blühen, Honigtröpfchen im Kelche haben. Das wissen auch die kleinen Bienen.

Sie scheinen mit der Natur recht vertraut, liebe Cordula?

Ei ja doch, Hermann, die Natur hält mir eben Stand. Sie hat niemals Eile und ich auch nicht. Ich bin am wohlsten, wenn ich so ruhig athmen kann wie sie, wie die Natur am Sommerabend über Blumen athmet, und ich kann nicht dankbarer für ihre Geschenke sein, als wenn ich sie recht betrachte.

 

Inzwischen war im andern Zimmer Frau von Stölting an Lina's Brust gesunken.

Ach, mein liebes, armes Kind! flüsterte sie. So durchleuchtet von innerer Seligkeit hab' ich's noch gar nicht gesehen. Eben durchbebte mich die Ahnung, daß in dem kranken Herzen die Liebe noch erwachen könnte, und daß es daran stürbe, wie die kranke Muschel an ihrer wachsenden Perle. Ich kann nicht sagen, liebe Freundin, daß ich es fürchte: ach! es wäre ja eine Neigung ohne Anspruch und Erwartung. Ich sehe ja täglich der Auflösung meines edeln Kindes entgegen, und bin selbst auf ein plötzliches Hinscheiden gefaßt. So gönnte ich meiner süßen Ephemere, daß sie noch in diesem Liebesabendglanze ihres flüchtigen Lebenstages das halbätherische Körperchen abstreifte. Ich hänge sogar an dem Aberglauben, liebe Lina, daß die Liebe ein Gefieder sei, womit man sich in der Geisterwelt höher schwingen könne, als es einer ungefiederten Seele gegeben ist. Aber nicht wahr, Ihr Freund ist ein reiner Mensch, der nichts sagt, nichts denkt, was meinen zarten Engel erschrecken oder nur zu stark erregen könnte? Man darf ihm vertrauen, scheint mir?

 

Im Augenblicke, wo Lina sich für Hermann herzlich aussprechen, gut für ihn sagen wollte, war im vordern Zimmer Besuch eingetreten, und Frau von Stölting eilte hinüber, von Lina begleitet.

Sie hatten die Frau Dechantlin zu begrüßen, die vom Stift herauskam.

Ich habe mich verspätet, sagte Marianne von Stein. Wir hatten auch Bescherung vor dem Thee. Die gute Frau Aebtissin wollte es gern den jungen Dämchen, die wir zu Besuch haben, recht wie zu Hause machen.

Während sie sich dann zu Cordula setzte, und mit ihr und Hermann freundlich plauderte, zündete im Nebenzimmer Frau von Stölting den Christbaum an, klingelte dann, und die Zwischenthür öffnete sich, sodaß der Lichtglanz lockend hereinfiel.

Cordula freute sich wie ein Kind. Die Dechantin kam ihr zu Hülfe, sie sanft hinüberzuführen, wobei sie Hermann winkte, den Sessel nachzuschieben.

Der strahlende Baum war mit kleinen Geschenken umlegt Niemand ging leer aus: Cordula war von der Mutter, von der Dechantin und Lina bedacht, die Mutter von beiden Letztern, Lina von der Dechantin und Frau von Stölting, und Hermann von Lina.

Alle Gaben hielten sich in den Schranken eines nächsten kleinen Bedürfnisses oder einer artigen Brauchbarkeit, und erfreuten durch liebevolle Aufmerksamkeit, ohne durch prunkenden Aufwand zu beschweren. Das Kostbarste war die Reisebeschreibung einer Fahrt um die Welt mit Kupfern und Karten für Cordula.

Sehen Sie, Hermann, wie die Welt zu mir kommt! jubelte sie, von der innern und äußern Bewegung etwas kurzathmig.

Du erinnerst mich an die Welt, Herzchen, sagte Marianne Stein. Was weiß man denn in Cassel von meinem Bruder Exminister, lieber Herr Doctor?

Daß er Königsberg verlassen, gnädige Frau, weiter noch nichts.

Die neueste Nachricht ist mir diesen Abend als Bescherung Napoleon's eingelaufen, erzählte die Dechantin. Der Kaiser hat von Madrid aus meinen Bruder mit der Bezeichnung Le nommé Stein in die Acht erklärt, und Befehl gegeben, daß alle seine im Rheinbund liegenden Güter mit Beschlag belegt werden. Mein lieber Karl selbst ist aber, Gott sei Dank! geborgen in Prag angekommen.

Die heitere Fassung, mit welcher die Dechantin eine ihren Bruder und die Familie so schwer bedrohende Neuigkeit mittheilte, erleichterte die betrübte Theilnahme der Freunde. Man sprach von den bessern Zeiten, die Alles wieder herstellen müßten. Auch der Allen so nahe liegenden vaterländischen Unternehmung wurde gedacht, – von Marianne mit bessern Erwartungen, als Frau von Stölting zu hegen schien, ohne daß jedoch der Theilnahme des Stifts an dem Aufstande auch nur mit einer Silbe gedacht wurde.

Als nun der Thee im vordern Zimmer genommen werden sollte, verlangte Cordula, von Hermann geführt zu werden.

Er hat's ja von Ihnen gesehen, und muß es lernen, Frau Dechantin, sagte sie. Denn er wird uns jetzt öfter besuchen, und im Frühling soll er mich in unser Hausgärtchen führen.

Nein, Herzchen, dann wirst du hinausgetragen! versetzte Marianne.

Die Mutter schrak bei diesen Worten zusammen und erblaßte. Sie mußte sich einen Augenblick setzen, denn die Knie zitterten ihr. Die Andern, um die Kranke bemüht, bemerkten es nicht, – zum Glück für die Dechantin, die sich sonst über den Doppelsinn ihres Wortes gar schwer beruhigt hätte.

Hermann hatte Cordula umfaßt, sodaß er sie halbgetragen führte. Lina schob den Sessel nach. Cordula, obgleich angegriffener als vorher, rief aus: Er kann's, er kann's schon gut! Ich athme viel leichter. Und nach dem Thee singt er uns auch ein Lied.

Ich will mich freuen, wenn Lina nicht zuviel von seinem Gesang gesagt hat.

 

Der übrige Abend verlief unter heitern Gesprächen und einigem Gesang am Klavier der Frau von Stölting. Beim Abschied mußte Hermann der Kranken versprechen, recht bald mit den wiener Briefen wiederzukommen.

Gewiß! sagte er, während sie ihn bei der Hand hielt. Cordula ist ein Cordelettchen, ein Schnürchen, und wenn's zuckt, bin ich da!

 

Die obern Fenster beim Wirthe Dörfler waren noch hell erleuchtet, als Hermann und Lina auf dem Heimwege vorüberkamen.



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