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Elftes Capitel.
Die Kraft einer Verlegenheit.


Lina sollte bald genug erfahren, wie wunderbar über ungewöhnlichen Begegnissen die Stimmungen des menschlichen Gemüths wechseln und ein neues Gleichgewicht der innern mit der äußern Welt suchen. Solange sie in Ludwig's Nähe äußerlich mit ihm verbunden war, empfand sie nur den innern Zwiespalt ihres Herzens mit seinem Handeln. Jetzt, kaum acht Stunden Wegs von ihm entfernt, strebte ihr Gemüth nach Verständniß, mithin nach innerlicher Vereinigung mit ihm.

Die Mutter, nur über Nacht geblieben, war am nächsten Mittag mit demselben Wagen nach Cassel zurückgekehrt. Nun in stiller Häuslichkeit und heiterer ländlicher Umgebung allein, war Lina nicht sobald zum Gefühl ihrer Einsamkeit gekommen, als sie auch dem Zweifel nachhing, ob vielleicht Ludwig doch nicht blos klug, sondern auch richtig gehandelt habe, und ob sie sich vom Gefühl ihrer Kränkung, auch wenn dasselbe gerecht gewesen, soweit hätte dürfen hinreißen lassen. Von diesem Zweifel hing es ab, ob sie Ludwig's Rechtfertigung abwarten oder ihm mit ihrem Bekenntniß zuvorkommen sollte. Da sie nicht ins Klare mit sich kommen konnte, entschloß sie sich, der Ueberlegung Zeit zu lassen, und ging, um eine freiere Stimmung zu gewinnen, nach Homberg hinüber, Besuch im Stift zu machen.

Sie hatte dabei keine andere Absicht, als die der Schicklichkeit und eines herzlichen Verlangens nach den ihr so lieben und theuern Frauen. Wie sie aber die Dechantin allein zu Hause traf und mit einer herzlichen Umarmung empfangen wurde, kam ihr plötzlich der Gedanke, ob sie sich ihr, die mit zartfühlenden Frauensinn soviel Kenntniß des Hoflebens verbinde, nicht anvertrauen solle.

Marianne von Stein führte ihren Gast in den Garten zwischen den runden und länglichen Beeten hindurch, die in vollem Herbstflor prangten, zu einer Laube, in der noch neben einem Obstkörbchen die Nachmittagslectüre der Dechantin lag – ein Band der Schweizergeschichte von Johannes von Müller. Sie nahm das Körbchen, um noch etwas von dem edeln Obst zu brechen, das an der Mauer und an Spalieren gezogen wurde.

Ist Ihr Mann ein Freund von Obst? fragte die Dechantin. Er kommt doch nach?

Diese einfache Voraussetzung regte die Erinnerung an die schönen Maitage, die sie gemeinsam mit Ludwig hier verbracht hatte, so lebhaft in ihrem Herzen auf, daß sie nicht ohne Bewegung, ohne den Ton der Wehmuth Ludwig's Abwesenheit aussprechen konnte.

Die Dechantin blickte sie mit ihren klaren blauen Augen an und sagte:

Was ist Ihnen, liebe Tochter? Mein Gott! es ist doch nichts Betrübtes vorgefallen?

Lina warf sich an ihre Brust, und Marianne flüsterte ihr zu.

Sie wollen sich mir mittheilen, nicht wahr, gutes Kind? Sie sind gekommen, mir Ihr Herz auszuschütten? Nun sehen Sie, welche gute Stunde Sie getroffen haben! Wir sind allein. Unsere Damen, nach dem Baumbachshof gefahren, werden vor Nacht nicht zurückkehren. Kommen Sie her und setzen sich recht vertraulich zu mir!

Sie behielt sitzend Lina's Hand in der ihrigen, und ihre seelenvollen Augen strahlten eine solche Herzensgüte und Innigkeit auf die junge Frau, daß Lina nichts von all' ihrem Kummer und Zweifel zurückbehalten konnte.

Marianne Stein war nachdenklich geworden. Sie mußte sich bekennen, daß sie mit soviel Liebe und Haß, als sie für Deutschland und gegen die fremde Gewaltherrschaft im Herzen trug, kein unparteiliches, ungetrübt auf die Frage gerichtetes Urtheil habe. Sie war voreingenommen für Lina und gegen Alles, was Napoleon hieß. Endlich sagte sie:

Ich glaube, meine Liebe, Ihr Gefühl war so edel als lebhaft. Handeln nach der Hofsitte ist ja nicht das höchste Handeln für alle. Wie? Wenn das heilige Königthum in unwürdige, unberufene Hände gefallen ist, soll darum unser sittliches Herz sich auch erniedrigen, um nicht gegen die Formen des Herkommens zu verstoßen, das selbst herabgekommen, mit der Krone selbst unwürdig geworden ist? Seien Sie froh, liebe, gute Frau, daß Ihnen Ihre bürgerliche Stellung und Herkunft das Privileg gibt, freier, muthiger und nach höhern Antrieben zu handeln, als es vielleicht Denen zukommt, die mit den Vorrechten ihrer Geburt und ihrer Bestimmung auch dem Vorurtheil des Hofzwangs unterworfen sind. – Wir sprechen ein andermal darüber, Liebste. Ich sehe den Rittmeister von Pogwitz auf das Stift zukommen Wir haben seit kurzem im District das erste Kürassierregiment liegen, und der Rittmeister kommt zuweilen von Melsungen herüber. Er hat hier vertraute Familienverbindungen. Der könnte Ihnen auch von Jerôme erzählen, liebe Freundin!

Eben betrat er den Garten, und sie ging ihm ein paar Schritte mit dem Zuruf entgegen:

Gott grüße Sie, Herr Rittmeister! Sie sehen vergnügt aus?

Der hübsche, stattliche Reiteroffizier küßte der Dechantin die Hand und verneigte sich gegen die ihm genannte Frau Lina. Als er hörte, die Damen seien auf dem Baumbachshofe, lehnte er den angebotenen Sitz mit den Worten ab:

Dann thu' ich am besten, den Umweg dahin zurückzureiten. Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, es wird schon Abend, und ich habe eine Bestellung an Fräulein Uslar. Es soll mir lieb sein, gelegentlich auch Karolinen zu Hause zu sprechen, und zu sehen – lächelte er – wie weit's mit der Stickerei ist. Für meinen Verlust bei Ihnen hole ich mir nächster Tage volle Entschädigung. Ich habe ohnehin wol eine vertrauliche Besprechung gestört!

Er empfahl sich, und die Dechantin, die ihm einige Schritte folgte, rief noch:

Ich habe Briefe von meinem Bruder Karl, wenn Sie wiederkommen.

Aus Berlin? Geht's gut? fragte er.

Sehr! Auch Vertrautes von Major Schill! war ihre Antwort.

Der Offizier hob seine Rechte feierlich empor, zückte mit der Linken den Pallasch, und verneigte sich tief.

Als sich die Dechantin gedankenvoll gesetzt hatte, knüpfte Lina das Gespräch mit der Frage an:

Also auch dieser hübsche Mann hat von Jerôme –?

Ja wol, meine Liebe! flüsterte Marianne. Hören Sie! Vertrauen gegen Vertrauen! – — Dieser Herr von Pogwitz stand noch vor kurzem in der Grenadiergarde. Er liebte die Tochter einer sehr angesehenen deutschen Familie, die wir ungenannt lassen wollen. Die Aeltern waren einverstanden, das Paar zusammenzugeben; nur sollte der Offizier erst einen höhern Rang im Militär oder eine gute Stelle bei Hof erlangt haben. Es will sich lange nichts machen, bis man endlich hört, es sei die Absicht Jerôme's, das Schloß zu Wabern für einen wechselnden Aufenthalt, zu einem Jagdschloß einrichten zu lassen und einen Palastpräfecten oder Maréchal des logis hineinzusetzen. Eine ganz neue Stelle. Aber – wie bewirbt man sich auch darum! Und wie beeifern sich die Mütter von Stand, ihre französisch plaudernden Töchter bei Hofe vorzuführen! Denn man wußte, daß es hauptsächlich um eine reizende Marschallin oder Palastpräfectin zur Unterhaltung für den König bei seinen einsamen Besuchen galt. In jenen Tagen nun kommt Jerôme einmal von Napoleonshöhe und übernachtet, wie er wol zuweilen that, im alten Schloß. Unvermuthet erhält Herr von Pogwitz, da der Offizier des Tags plötzlich erkrankte, die Wacht im Schloß vor dem Schlafcabinet des Königs. Kurz nach Mitternacht erscheint ein Kammerherr mit einer tiefverhüllten Dame, die er ins Cabinet führen will. Der Offizier, der von einer Ordre deshalb nichts weiß, vertritt ihm den Weg mit seinem gebieterischen Halt: C'est le cabinet du Roi! Der Kammerherr weiß das, und will eben dahin; er beruft sich auf den Befehl des Königs. Herr von Pogwitz bemerkt die Unruhe der vermummten Gestalt, ihr Bestreben, wieder zurückzukehren, ihr Bemühen, den Schleier dichter zusammenzuziehen. Die Haltung, die Bewegungen der Dame kommen ihm so bekannt vor; eine Angst überfällt ihn, und mit den Worten: »Ist hier Betrug? Ich muß wenigstens wissen, wer zum König eindringt!« faßt er den Schleier und schlägt ihn zurück. Es ist seine Geliebte, die leichenblaß, mit halb ersticktem Schrei dem Kammerherrn entflieht. Der Kammerherr meldet im Cabinet den Vorfall, und wie er zurückkehrt, dem Offizier zu sagen, daß ihm der König Stillschweigen befehle, findet er ihn noch mit gesenktem Degen, wie versteinert stehen. Am andern Morgen wird er zum Kürassierregiment nach Braunschweig versetzt. Seit voriger Woche ist nun diese Waffe in den hiesigen Canton und nach Melsungen verlegt worden.

Die Dechantin wurde unterbrochen. Eine Familie vom Land war angefahren und wurde vom Hausmeister in den Garten geführt. Lina empfahl sich unter dem Nachrufe der Dechantin, recht bald wiederzukommen.

 

Zu Hause die Wohnstube betretend, fiel ihr erster Blick auf einen Brief, der eben von einem Boten war abgegeben worden. Noch nie, selbst als Braut, hatte sie mit so verlangendem Herzklopfen Ludwig's Siegel erbrochen.

Ludwig erzählte ganz schlicht seine Unterhaltung mit Hermann über die streitige Frage, und schloß mit den Worten:

»Ich submittire mich und komme, sobald ich meinen Urlaub erhalte.«

Lina fühlte der ganzen Abfassung des Schreibens und dem gebrauchten fremden Worte »submittire« an, daß Ludwig ihr doch nicht ohne Empfindlichkeit Recht geben mochte. Sie ließ sich, den Brief zwischen den gefalteten Händen, in den Lehnstuhl nieder. Ihre Augen trübten sich ein wenig, indeß ihr Mund lächelte. Dann eilte sie nach dem offenen Fenster und breitete die Arme in der Richtung nach Cassel aus. Und noch einmal den Brief durchlaufend, sprach sie vor sich hin:

Ja, ja, das hab' ich gesagt: mit Klugheit kann man die Welt gewinnen; was hat man aber davon, wenn man sich selbst verliert? In diesem selben Zimmer hab' ich's gesagt, und – Hermann hat's nicht vergessen! Durch dies Fenster da hat er mir damals sein Maßliebchen gereicht. – Weißt du, Lina, sagte er, wie dies Blümchen auf französisch heißt? Marguerite, paßt aber nicht auf Lina. – – Ach, so knüpft sich wieder alles äußerlich wie innerlich zusammen – Alles zwischen Mai und September, und kein Riß geht durch unser Leben. Nein, Ludwig, das soll es nicht! Aber der Freund ist es, der Alles verknüpfte!

 

Von jetzt an sah Lina mit jedem Tag ihrem Ludwig entgegen. Sie hielt sich daher des Nachmittags gern zu Hause und zwar im Garten auf, und machte nur die dringendsten Anstandsbesuche drüben in der Stadt, in Homberg, am Vormittag ab. – Vielleicht brächte Ludwig, schon um das befangene Wiedersehen zu erleichtern, Hermann mit, dachte sie; aber sie scheute sich, eine Vorkehrung darauf zu machen, als könnte sie dadurch ihrem Ludwig die Ueberraschung stören, die er ihr etwa damit bereiten möchte.

Als sie eines Nachmittags ins Freie hinaus den Weg nehmen wollte, den Ludwig kommen mußte, erschien der Metropolitan Martin aus der Stadt, ihr seinen Gegenbesuch zu machen. Er kam des Wegs von Homberg mit einem wunderlich aussehenden ältern Manne in einer abgetragenen Livrée bis an den Garten, und trat mit nachträumendem Lächeln ein.

Es ist doch ein ganz närrischer Kanz, der alte Remmert, sagte er unter seiner Begrüßung, und da Lina den Mann nicht kannte, erzählte Martin:

Ein ehemaliger Gerichtspedell, und hat sich mit seiner schmalen Pension bei Melsungen niedergelassen. Hier hatte er diesen Sommer das Unglück, von einem schlüpferigen Abhang des Fuldaufers in den durch Gewitterregen angeschwollenen Fluß zu gleiten. Doch wußte er sich zu fassen, und zwar in doppeltem Sinn des Wortes – durch Besonnenheit nämlich und an den Wurzeln eines alten Weidenstammes. Als ich mir's nun eben von ihm erzählen ließ und seine Geistesgegenwart lobte, versetzte er: Allerdings, Herr Metropolitan, hatte ich die Gegenwart eines Geistes. Aber, Sie glauben nicht, wie Einem in einer so schrecklichen Insinuation zu Muth ist. Der Schreck der Seele und das kalte Gewässer treiben alles Blut in den innern Menschen zurück. Doch gerade dadurch gewinnt er sein Heil! Sehen Sie, – da drückt das Geblüt auf das Gemüth, und gibt dem Menschen die wahre Kraft einer Verlegenheit.

Im Laufe der Unterhaltung brachte Martin die Neuigkeit, daß Jerôme der Herbstjagd wegen das nahe Schloß Wabern auf eine Woche bezogen habe. Der gesprächige Prediger ließ sich an, Lina von der glänzenden Zeit des Schlosses zu unterhalten; allein sie erinnerte ihn, daß ihr seliger Vater diese Zeit mitgelebt habe. – Ich kenne den großen, prächtigen Garten des schönen Schlosses, sagte sie, und habe noch als Kind darin gespielt und mich ausgetobt. Und wie oft hat der Vater nachmals von den Herrlichkeiten erzählt, wenn Landgraf Friedrich die Monate Juni und Juli dort zu verbringen pflegte. Hof und Militär, mehre Regimenter, begleiteten ihn dahin; das französische Theater, Ballet und Oper spielten. Man zog auf die Reiherbeize aus; selbst die Damen folgten der Falkenjagd in Scharlachgewändern und ärgerten mit dieser Farbe die Truthähne, die Puter auf den Höfen. Ein prachtvolles, genußreiches Leben erfüllte die weite, fruchtbare Ebene.

 

Sobald sich der Metropolitan empfohlen hatte, eilte Lina ins Freie hinaus. Es war ihr, als müsse heut Ludwig eintreffen und sie ihm entgegenkommen. Wirklich hatte sie kaum den nächsten Hügel erreicht, als sie in der Ferne herankommend zwei Reiter erblickte. Es verwunderte sie zwar, daß Ludwig und Hermann zu Pferde kommen sollten; doch war ja Hermann wenigstens schon einmal so eingetroffen. Bald aber nahm sie wahr, daß der zweite Reiter sich eine Strecke hinter dem ersten hielt, – vermuthlich ein Kürassieroffizier mit seinem Reitburschen. Um diesen nicht so allein zu begegnen, wendete sie um. Ehe sie aber das Haus erreichte, waren ihr die Reiter nahe genug gekommen, daß sie Männer in Civil erkennen konnte Sie blieb daher neubegierig in der Thür stehen, bis sie im Vordersten, der heransprengte, den König erkannte. Erkennen und ins Zimmer eilen war ein Nu.

Jerôme mit seinem Seeheldenblicke hatte sie schon von weitem erkannt, und sich durch sie selbst zu ihrer Wohnung zurechtgefunden. Er stieg ab, sein Pferd dem Stallmeister überlassend, und eilte ins Haus, wo ihn Lina im Wohnzimmer mit nachlassendem Herzklopfen und mit all' ihrer zusammengerafften Fassung empfing. Es ging ihr, ohne daß sie eben daran dachte, wie dem alten Remmert: das Geblüt, aufs Gemüth drückend, gab ihr die wahre Kraft einer Verlegenheit.

Ich hin Ihr Nachbar in Wabern geworden, Madame, und konnte mir nicht versagen, Ihnen meine Visite zu machen, sagte Jerôme mit dem verbindlichsten Anstand, den er sich vorgesetzt zu haben schien.

Unverdiente Gnade, Ew. Majestät! erwiderte sie, wobei sie mit einer anmuthigen Geberde ihm die Wahl eines Sitzes anbot. Ich erwarte jeden Augenblick meinen Mann, der es sehr beklagen würde –

Heut, Madame, dürfen Sie ihn nicht erwarten! fiel er ein. Simeon konnte ihm, eines dringenden Geschäfts wegen, den gebetenen Urlaub noch nicht ertheilen. Es ist mir auch lieb, daß ich vorher mit Ihnen, meine schöne Frau, seine Beförderung besprechen kann. Das ist der zweite Gegenstand meines Besuches. Heister verdient einen höhern Posten, und es bieten sich jetzt mehre Stellen; ich möchte ihm aber einen Platz geben, auf dem auch Sie sich gefielen. Nicht wahr? – –

 

Es war gut, daß Lina in ihrer versöhnten Stimmung gegen Ludwig den eigentlichen Anlaß dieses für sie so ängstlichen Besuchs nicht vermuthen konnte, sie würde sonst einen neuen Verdruß gegen ihn gefaßt haben. Denn die heutige Heimsuchung Jerôme's hing wirklich mit dem Festabend beim Hofmarschall zusammen. Man hatte dem Benehmen der schönen Frau die schlimmste Auslegung gegeben. Selbst Ludwig's Entgegenkommen, als sie vom Könige weggeeilt war, hatte wie eine Verabredung für den vorkommenden Fall ausgesehen.

Diesem leider! mehr auf Misgunst als auf eigentlicher Böswilligkeit ruhenden Gedanken der Gesellschaft lieh Marinville das Wort bei Jerôme, als die vertrauliche Rede auf den Vorfall gekommen war. – Was fangen wir nun mit Herrn Heister an, Sire? sagte er. Die charmante Frau hat ihrem König den Weg zu ihrem Besitze gezeigt. Es ist der hier so gern betretene Pfad einer Beförderung des Mannes.

Jerôme selbst war von dieser Auslegung überrascht. Sie stimmte nicht recht zu den mündlichen Aeußerungen, womit die reizende Frau seine Bewerbung erwidert hatte. Allein dies konnte in ihrer bürgerlichen Ungewandtheit liegen. Ueberdies widersprachen seine Erfahrungen einem Winke nicht, der seinem Wunsche so sehr entsprach. Er schickte einen seiner deutschen Kammerherren, sich nach Lina's Befinden zu erkundigen, und ihre Flucht auf das Land und in die Nähe von Wabern bestätigte entweder Marinville's Andeutung, oder verlockte wenigstens zu einem neuen Versuche. Jerôme ging auf die Jagd, und Ludwig erhielt einen dringenden Auftrag als Chef de division.

 

Ohne die mindeste Ahnung hiervon, fühlte Lina aus der Aeußerung Jerôme's nur heraus, daß er länger, als sie zuerst erwartet hatte, zu verweilen dächte. Ein guter Gedanke kam ihr wie eine Eingebung. Sie bat um die Erlaubniß, ihrem hohen Gast einige Erfrischungen anbieten zu dürfen. Und obgleich Jerôme dankte und sie zurückzuhalten suchte, bestand sie doch darauf, daß sie nicht gegen die ländliche Sitte fehlen dürfe.

So eilte sie hinaus, gab dem Mädchen den Schlüssel zu Wein, Obst, Pfeffernüssen und was man Alles auf dem Lande für unerwartete Besuche vorräthig zu halten pflegt, und schrieb indeß im Zimmer ihres Mannes folgende flüchtige Zeilen an die Dechantin:

»Der König ist zu Pferd gekommen, und verweilt, wie es scheint. Ich weiß nicht, was –? Soll ich ihm noch einmal fort und zu Ihnen laufen, oder wollen Sie mir zu Hülfe kommen?

Lina Heister.«

Mit diesem Billet schickte sie den Hausknecht laufender Eile nach dem Stift, und brachte mit dem Mädchen die Erfrischungen ins Zimmer.

Jerôme nöthigte sie, Platz an seiner Seite zu nehmen. Ihr Gefühl sagte ihr, sie dürfe durch Sprödethun keine Blöße geben, sondern sich nur mit würdevoller Haltung waffnen.

Ich habe mir erzählen lassen, sagte er, daß Sie mit Ihren Aeltern im Schlosse Wabern gewohnt haben, und Sie erinnern sich dessen noch?

Ich habe darüber vor einer Stunde mit dem Prediger aus Homberg gesprochen, Sire, antwortete sie. Ich bekomme nämlich jetzt stündlich Besuche aus der Stadt und aus dem Damenstifte. In jener ältern Zeit ging's sehr glanzvoll in Wabern zu.

Es ist auch ein reizender Aufenthalt, fuhr er fort, ich fühle es jetzt recht lebhaft, und ich denke wieder einiges Leben dort zu erwecken. Darüber wollte ich mit Ihnen reden. Simeon schlägt mir Ihren Mann zum Generalsecretär der Präfectur vor. Allein ich möchte ihn näher an meiner Person haben. Ich habe mich überzeugt, wie brauchbar er ist, – einsichtvoll, unterrichtet, hat neben Kenntniß des Landes Ideen und Klarheit im Vortrag. Ich brauche solche Männer, – fremd wie ich in meinem Reiche noch bin. Doch möchte ich einem noch so jungen Manne, geboren in Cassel, aus bürgerlichem Hause, keine Stellung von sichtbarem Einfluß auf meine Entschließungen geben. Das erweckt die Eifersucht der Parteien, die Intriguen der Familien, unter denen er selbst und Sie mit ihm leiden würden. Dazu hab' ich Sie zu lieb, meine anmuthige Freundin. Wenn ich ihn aber – etwa nach Wabern setzte, als Schloßpräfect oder in irgend einer Hofcharge, wo ich, so oft es mir nöthig schiene, mich mit ihm berathen und ihm Arbeiten übertragen könnte: so gäbe das ein glückliches Verhältniß, worin ihn gar kein Schein eines Einflusses im Staat berührte. Glauben Sie nicht auch? Und es würde mich dabei noch besonders glücklich machen, zu wissen, daß Sie in jenen schönen Räumen unter den Erinnerungen Ihrer Kindheit, mit allem Zauber Ihrer Liebenswürdigkeit, als Königin schalteten. Würde Ihnen das keine Freude machen?

Er faßte näherrückend ihre Hand mit nur allzu verlangenden Blicken.

Lina bebte im Innersten bei solchem Vorschlag sowol als bei dieser Annäherung eines so verwegenen Mannes von privilegirter Stellung. Ihre Herzensangst pulsirte die Brust hinauf bis an den schönen Hals. Sie fühlte ihre Hand zu fest gehalten, um sie leise zurückzuziehen, und hatte zugleich ein dunkles Vorgefühl, ihr entschiedenes Zurückziehen könnte einen Mann wie Jerôme zu einem stürmischen Angriff, zu einer Verwegenheit herausfodern, die eine Scene, eine heftige Abwehr, am Ende gar einen Hülferuf nöthig machte, was sie doch aus Rücksicht für seine Person, ja, um ihrer selbstwillen vermeiden müsse. Da faßte sie den Muth, zu einer innern Waffe zu greifen, wie es Ludwig genannt hatte.

Ew. Majestät sind sehr huldreich für uns gesinnt, sagte sie, mit jedem fernern Worte tiefer aufathmend. Ich will Ihnen offen meine Gefühle aussprechen, Sire.

Ah, meine liebenswürdige Karoline! flüsterte Jerôme, der ihr ängstliches Athmen in seinem Sinne nahm, und ihre zuckende Hand an Mund und Herz drückte. Wir werden uns verstehen! Sie werden meine heftige Liebe erkennen, und mit dem unvergleichlichen Zauber Ihrer Liebenswürdigkeit über das Herz, über die Macht Ihres Königs gebieten.

Ew. Majestät haben darin Recht, fuhr Lina, nun wieder freier Hand, fort, daß eine einflußreiche Stellung meines Mannes in der Nähe seines Königs den Neid, besonders der französischen Partei, erregen würde; und mein Mann hat eine sehr reizbare Gesundheit. Aber einen noch gefährlichern Neid würde ihm eine Stellung im Schlosse Wabern zuziehen. Hier würde er es nicht blos mit Männern, sondern auch mit gar manchen Frauen verderben. Denn er ist verheirathet, und Ew. Majestät wissen ja, wie lebhaft sich die deutschen Mütter in Cassel für ihre Töchter um die Gunst einer solchen Stelle bewerben. Mein lieber Ludwig ließ ihnen keine Hoffnung übrig. Nein, Sire, ich müßte meinem Mann durchaus abrathen. Was aber mich selbst betrifft und die Bemühungen, die eine Frau im Schloß Wabern für den König zu übernehmen hat, so könnte ich mich zu keinem Wettlauf mit Damen von so adeliger Abkunft entschließen, – ich, eine einfache bürgerliche Frau, Sire, die nicht blos ein altdeutsches Costüm, sondern auch eine altdeutsche bürgerliche Treue für ihren Mann durchzuführen entschlossen ist.

Lina hatte dies mit steigendem Affekt gesprochen.

Jerôme, zuerst von ihrem allerdings etwas gespannten Tone betroffen, fühlte doch bald heraus, daß hier von Unterhandlung keine Rede sein konnte. Befangen, überlegend nagte er an den Nägeln der linken Hand, während er mit der rechten die Pfeffernüsse auf dem Teller durcheinander rüttelte.

Die Gemüthsbewegung Lina's hatte sogar ihr Französisch etwas flüssiger gemacht, und ein gewisses Selbstgefühl über ihre gelungene Abwehr regte, während der König schwieg, etwas von ihrem leichten, natürlichen Uebermuth auf, sodaß sie lächelnd versetzte:

Verzeihung, Sire, für meine Offenheit! Sie sehen, daß ich für die Frau eines Schloßpräfecten nicht einmal angenehm genug im Französischen bin. Nein, Sire, ein stiller Platz, entfernt von Hof, aber von Wirksamkeit für das Wohl des Landes würde uns am glücklichsten machen!

O das können Sie haben, Madame! erwiderte Jerôme verstimmt. Da ich jetzt Ihren untergeordneten Geschmack, Ihre bescheidene Wünsche kenne –

In diesem Augenblicke klopfte es an die Thür, und die Dechantin trat ein. Sie that überrascht von des Königs Anwesenheit, trat dann aber mit würdevollen, hofmäßigen Reverenzen gegen ihn vor, und Lina, die seinen nachdenklichen zerstreuten Mienen ansah, daß er sich der Dame nicht gleich besinnen konnte, sagte:

Ew. Majestät kennen ja schon die Frau Dechantin von Stein aus Homberg!

Ah! von Stein! erwiderte er lebhaft und mit raschem Griff nach seiner Brusttasche. Ein etwas schadenfrohes Lächeln zuckte über sein Gesicht.

Ich war unterwegs, Ihnen meinen Besuch zu machen, wendete sich die Dame an Lina, und diese versetzte, jetzt mit freier, heiterer Stimmung:

Ich freue mich sehr, daß Sie eine Stunde getroffen haben, wo Sie sich für Ihre Freundlichkeit durch einen Antheil der hohen Gunst belohnt finden, die Se. Majestät diesem stillen, kleinen Hause gegönnt haben.

Sie bot der Dechantin einen Platz, und Jerôme nahm mit einem gespannten Lächeln das Wort:

Sie kommen mir erwünscht, Frau Dechantin! Ich konnte Sie hier nicht vermuthen, und doch habe ich eine sehr interessante Neuigkeit für Sie in der Tasche. Das fügt sich recht artig!

Marianne Stein war von dieser Miene zu sehr betroffen, um sich von der angekündigten Neuigkeit etwas Gutes zu versprechen. Sie blickte den König vielmehr mit ängstlicher Erwartung an. Er hatte ein Zeitungsblatt aus der Tasche gezogen, und sprach, indem er es entfaltete:

Es ist der » Moniteur« von Paris. Eben als ich wegreiten wollte, erhielt ich das neueste Blatt aus Cassel zugeschickt. Sagen Sie mir, Madame, kennen Sie den Fürsten Sayn-Wittgenstein?

Die Dechantin bejahte mit sichtlich zunehmender Bewegung.

Dieser Fürst hat aus Dobberan an den Minister von Stein geschrieben, an Ihren Bruder, Madame, und die Antwort ist in die Hände des Marschalls Soult gerathen, der sie für interessant genug gehalten hat, sie nach Paris zu senden. Sie erscheint hier im » Moniteur« abgedruckt. Vielleicht ist es Ihnen angenehm, einige Bemerkungen des preußischen Ministers, Ihres Herrn Bruders, zu vernehmen, die dem Kaiser, meinem Herrn Bruder, von lebhaftem Interesse sein werden. Wenn Sie mir erlauben –!

Er durchlief das Zeitungsblatt und las, als er die Stelle gefunden, mit scharfer Betonung einzelner Worte, die er zugleich mit einem wilden Blick auf die blasse, bebende Dame begleitete:

»Die Erbitterung nimmt in Deutschland immer zu; es ist rathsam, sie zu nähren und auf die Menschen zu wirken. Ich wünschte sehr, daß die Verbindungen in Hessen und Westfalen erhalten würden, und daß man auf gewisse Fälle sich vorbereite, auch eine fortdauernde Verbindung mit energischen, gutgesinnten Männern erhalte und diese wieder mit andern in Berührung setze«.

Mit argwöhnischem Blick auf die Dechantin faltete der König das Zeitungsblatt, indem er sagte:

Haben Sie vielleicht Briefe, Madame, über diese – »gewisse Fälle«, wovon hier die Rede ist?

Die Dechantin überhörte entweder in ihrer Bestürzung den Sinn der Frage, oder verschmähte darauf zu antworten. Und wirklich hatte sie nur zu kämpfen, um in der Aufregung ihrer bekümmerten, sorgenvollen Gedanken sich selbst und eine würdige Fassung aufrecht zu erhalten. Sie erwiderte:

Das ist für mich eine sehr schmerzliche Zeitung, Sire! Der Brief des Ministers ist gewiß deutsch geschrieben, und wer weiß, welchem Uebersetzer er in die Hände gefallen ist! Aber mein armer Bruder wird jedenfalls nach der Uebersetzung, das heißt – französisch gerichtet werden.

Ihr armer Bruder ist einer der Minister, die den guten König von Preußen arm machen, indem sie ihn um sein Land bringen, versetzte Jerôme mit Heftigkeit, wobei jedoch mit seinem Lieblingsgedanken an Länderzuwachs für Westfalen ein seltsames Lächeln diesen bittern, schmerzlichen Vorwurf begleitete.

Die Dechantin nahm sich zusammen, und entgegnete:

Ich bitte um Verzeihung, daß ich durch meine Gegenwart Ew. Majestät zu solcher Heftigkeit veranlasse. Ihre lächelnde Miene verräth mir, wie gern Sie so verletzende Aeußerungen mir, einer Dame aus dem friedlichen Stift Wallenstein, einer Schwester Stein's, ersparen möchten. Ich würde mich entfernen, Sire, um Ihrer Humanität kein so schweres Opfer zuzumuthen; allein ich fühle mich so angegriffen, daß ich warten muß, bis meine liebe Frau Heister mich begleiten kann.

Bei diesen anzüglichen Worten erhob sich der König rasch und rief:

Der Stallmeister soll mein Pferd vorführen!

Und – während Lina hinauseilte, setzte er, gegen die Stiftsdame gewendet, hinzu:

Ich sehe, Madame la Doyenne, ich überzeuge mich, daß Sie die Gesinnungen Ihres Bruders, des Ministers, theilen, daß Sie solcher – Loyalität auch gegen Ihren König vielleicht nicht fremd sind.

Die Dechantin erhob sich mit Reverenz und antwortete:

Niemand, Ew. Majestät, könnte mir ein besseres Zeugniß über meine Loyalität geben. Der Brief meines Bruders, wie es sich auch damit verhalte, verräth jedenfalls die treueste, lebhafteste Anhänglichkeit an seinen König!

Diese so kühne als feine Antwort verwirrte Jerôme so sehr, daß er, vergebens nach einer Erwiderung suchend, seinen Hut ergriff, und mit kurzer Verneigung des Kopfs und der Reitpeitsche das Zimmer verließ.

 

Als Lina von der Hausthür, bis wohin Sie ihren hohen Gast geleitet hatte, ins Zimmer zurückeilte, warf sich ihr Marianne Stein in die Arme und ließ ihren Kummer, ihre Entrüstung in den lebhaftesten Worten aus.

Ach! rief sie, mein sonst so vorsichtiger Bruder. Und sein Brief, solch' ein Brief, wird aufgefangen – konnte aufgefangen werden! Der Himmel weiß es, aber – wenn dabei nicht Schurkerei, Treulosigkeit des Boten im Spiel ist –!

Lina beklagte, daß sie durch ihr Billet, durch ihren Hülferuf der gnädigen Frau dieses Leid zugezogen habe.

O liebe Tochter, erwiderte Marianne, nein, das können Sie sich nicht zurechnen und darf Sie nicht bekümmern! Auch war ich schon unterwegs, Sie zu besuchen, als Ihr Bote mir begegnete. Ich schickte Mathilden zurück, die mich begleitete. Ach, dies Leid wäre mir ja nicht ausgeblieben! Glauben Sie mir, die Franzosen, der Kaiser wird Lärm genug davon machen. Es ist mir nun sogar lieb, daß ich so früh darum weiß. Ich will nun gleich nach Homberg und mich mit den dortigen Freunden berathen. Kommen Sie, Liebste, und begleiten mich eine Strecke.

Lina führte sie bis an die Stadt. Die Dämmerung brach eben an.



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