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Sechstes Capitel.
Der überlistete Trödler.


Als Hermann ziemlich spät in seine Wohnung kam, fand er auf dem Tisch ein Blatt Papier, von einer derben französischen Hand etwas zitternd beschrieben und mit dem Namen Pigault-Lebrun unterzeichnet. Er las:

»Sie sind von Ihrer Reise zurück; ich bin aber nicht so glücklich, Sie in Ihrem reizenden Bellevue anzutreffen, und kann mich Ihrer alten, rein deutschen Wirthin kaum zu einem Blättchen Papier verständlich machen, um Ihnen – einen freundschaftlichen Gruß zu hinterlassen. Ich habe Ihnen eine Entschuldigung und Erklärung der Dame Simeon zu überliefern. Morgen ist Sonntag und Sie besuchen vielleicht Napoleonshöhe. Um die Zeit der springenden Wasser will ich Sie erwarten. Es ist nämlich auch interessante Literatur aus Paris angekommen, und darunter gewiß Manches, was Sie gern lesen, ehe es für die anzulegende Bibliothek des Königs gebunden wird. Es ist vielleicht eine höhere Anordnung der menschlichen Dinge, daß – wenn Könige Bücher anschaffen, sich auch Unterthanen finden, die sie lesen. Mein Freund Andrieux sagt in seinem »Müller von Sanssouci«:

Et ces malheureux rois
dont on dit tant de mal, ont du bon quelquefois.
«

Nach Dem, was der Freund eben von der Baronin Bülow über den anrüchigen alten Romandichter vernommen hatte, lächerte ihn der drollige Zufall, daß derselbe, offenbar als Lockvogel, in das Revier kommen mußte, worin eben eine Vogelscheuche nicht für – sondern gegen ihn aufgesteckt worden. Dennoch war Hermann nicht abgeneigt, den bedenklichen Alten zu besuchen. Einmal erschien ihm, aufgeräumt wie er eben war, Manches, was ihn sonst bedächtig gemacht hätte, einer Beobachtung werth. Es reizte ihn, zu versuchen, was der alte Trödler anzubieten habe, und wie der Schalk es angreifen werde, ihn zu gewinnen. Dann überlegte er auch, daß er, bei dem Einflusse Marinville's, seine Stellung und sein Fortkommen nicht aufs Spiel setzen dürfe, und daher das Geheimniß des entwendeten Briefs mit aller Unbefangenheit. ignoriren müsse. Ja, schon des bloßen Entwendens hätte er nicht geständig sein mögen. Er erkannte die Gefahr, in die er durch thörichte Absichten gerathen war, und dankte seinem guten Glück, daß er sich gegen Cecile noch in einer Entfernung gehalten hatte, die ihm erlaubte, sich gemach zurückzuziehen, und den Anschein davon auf die Abweisung seines Besuchs bei Frau von Simeon fallen zu lassen. Er durfte daher, wie er meinte, die Einladung Pigault's nicht ablehnen, sondern mußte sie gerade zu seinem Vorhaben benutzen.

Dennoch würde er sich vielleicht nicht beeilt haben, ihr gleich morgen zu folgen, wäre nicht bereits eine Fahrt nach Napoleonshöhe auf den Sonntag verabredet gewesen.

Nathusius wünschte nämlich mit seiner Verlobten, zum Abschiede von Cassel, noch einmal hinaufzufahren, und die Wasserkünste sowie die Löwenburg zu besehen, die er bis jetzt noch unbesucht gelassen hatte. Wer konnte wissen, ob gegen den Herbst, wenn er zur Vermählung wiederkäme, Wetter und Umstände so günstig wie jetzt sein würden. Da die Mutter der Braut aber sich etwas unwohl fühlte, so war Lina zur Begleitung ersucht worden, und Nathusius hatte, um seiner Therese etwas Liebes zu erweisen, Hermann zur Fahrt eingeladen.

Man fuhr gleich nach dem früher genommenen Mittagstische, um auf der Esplanade des Schloßflügels, im schattigen Ausblick auf die tiefe Landschaft, den Kaffee zu nehmen, und dann die waldigen Steige hinauf den Wassern entgegen zu gehen.

So einladend das Wetter war, blieb doch wegen der Abwesenheit des Königs der Park von der höhern Gesellschaft ziemlich unbesucht. Dagegen hatte der Wirth diesen stillen Sonntag zu einem Bürgerfeste benutzt. Für die verschiedenen Stände waren Tanzplätze eingerichtet. Die Dienstmägde hatten sich, mit und ohne Liebhaber, in weißen Kleidern und Blumenkränzen um den Kopf, zahlreich eingefunden; die Bürgerfrauen stolzirten in dem neumodischen Aufwande nachgemachter türkischer Shawls einher, unter deren Flügeln sich die großen Arbeitsbeutel mit Mundvorrath für Mann und Kinder zu verstecken suchten. Lärm und Lachen, Jubel und Jauchzen wurden laut genug; denn die Gendarmen, die hier Aufsicht hielten, ließen heut fünf gerade sein, und mancher Mädchenschrei rührte von der Zärtlichkeit eben der mitlustigen Wächter der guten Ordnung her.

Beim Aufbruch unserer kleinen Gesellschaft nach der Höhe trennte sich Hermann mit der Verabredung, sich auf der Löwenburg wieder zu ihnen einzufinden. Er eilte nach dem entferntern Schloßflügel zur bekannten Wohnung Pigault's.

Der alte Poet empfing ihn noch in sehr ungeordnetem Anzuge. Babet dagegen war heut vollständig und geschmackvoll, nur etwas leichtfertig gekleidet, und sah reizend aus durch die pariser Künste, die dem Vergänglichen einen täuschenden Schein von Dauer gewähren, und das Verschwendete durch die geheimnißvollen Mittel ersetzen, die unter Benennung nach der unvergeßlichen Ninon sich einschmeicheln, als Ninonlocken, Ninoncorset und dergleichen.

Nach den ersten artigen Wechselreden und bei flüchtiger Ansicht der für Jerôme angekommenen Bücher versuchte Pigault verschiedene Wendungen, um Babet zu entfernen. Aber sie ließ mit schalkhaftem Lächeln alle Winke oder Aufträge unbeachtet. Hermann fragte daher nach dem Auftrag der Dame Simeon an ihn, und gab zu verstehen, daß er auf der Löwenburg erwartet werde und Eile habe.

Ah! Ich begleite Sie dahin! rief der Alte. Madame Simeon will Ihnen übrigens noch selber sagen, was sie damals verhindert hat, Sie zu empfangen.

Sehr gütig von Ihrer Excellenz! erwiderte Hermann. Aber – ich war freilich ein wenig unbescheiden mit meinen frühern allzu häufigen Besuchen, und ich verdiente diese Zurechtweisung.

Comment, Monsieur le Docteur! rief Pigault erschrocken. Was denken Sie? Auf Ehre, das ist die Sache gar nicht. Glauben Sie mir, Mademoiselle Cecile –

Er verstummte mit einem lauernden Blick nach Babet, die mit der Miene der Unachtsamkeit sich vor dem Spiegel zu thun machte, worin sie, was hinter ihr vorging, mit gespannter Miene beobachtete.

Sie wissen doch, fuhr Pigault fort, daß beide junge Damen in Nenndorf waren?

Ja, Madame Heister hat mir erzählt, daß sie das Vergnügen eines Besuches von ihnen gehabt hat, erwiderte Hermann; worauf der Alte mit lebhaften forschenden Mienen ausrief:

Nun, mein Herr, haben Sie nicht auch eine Partie zusammengemacht? Wie?

Lina hatte über jenes Stubenbegegniß bei Cecile absichtlich gegen Hermann geschwiegen; dieser konnte daher mit der ehrlichsten Unbefangenheit antworten:

Davon weiß ich nichts. Meine Freunde sind schon am zweiten Tage gegen Abend abgereist, da Herr Heister bereits am Morgen von Herrn von Marinville seiner Geschäfte entlassen war.

Ah! Das ist ein Anderes! rief Pigault, vergnügt die Hände reibend. Sehen Sie, Madame Simeon erwartete damals, als Sie zu Besuch kamen, beide Demoiselles aus dem Bade zurück. Aber nun, mein Herr, müssen Sie Ihren Besuch wiederholen.

Wenn Sie mir die Versicherung geben, mein lieber Pigault, daß ich in der That nicht unwillkommen bin, entgegnete lächelnd der Freund, so werde ich mich zur nächsten Assemblée –

Freitag? fiel der Alte ein. O mein Herr, nein! Morgen müssen Sie kommen, und vertraulich, wie sonst. Ich bin morgen auch da, wissen Sie! Und Mademoiselle Cecile –

Er warf wieder einen Blick nach Babet, und fuhr dann, sich unterbrechend, fort:

Aber Sie eilen, mein Herr, und ich begleite Sie. Pardon! Ich will mich nur schnell ein wenig anziehen!

Er eilte nach dem Seitenzimmer, ohne die Thür hinter sich zu schließen. Babet blickte ihm gespannt nach, und sobald sie ihn inwendig beschäftigt hörte, schlich sie schwebenden Schrittes und mit warnenden Geberden zu Hermann, faßte ihn am Arme und flüsterte, fast unanständig sich an ihn schmiegend, ins Ohr:

Sie muß fort, – Cecile, – sie wird von Pigault nach Mainz gebracht, – der Kaiser hat es befohlen. Ah, mein Herr, das ist eine tragische Geschichte! Kommen Sie zu mir, wenn Pigault fort ist – nächster Tage – und ich erzähle Ihnen Alles. Ah!

Sie drückte bei diesem Ah! mit Blicken und Händen aus, wie merkwürdig die Sache sei. Hermann, sich zurückziehend, deutete ihr mit dem Finger drohend nach der Seitenthür; worauf sie dahin schleichend und an der Oeffnung ein Rübchen schabend wieder an ihr früheres Plätzchen zurückkehrte.

Die Stille im Zimmer mochte den vorsichtigen Pigault mehr als ein lautes Gespräch zur Beeilung seines Anzugs antreiben; er kam in ziemlich nachlässigem Costüm zurück, und nahm mit dem freundlichen Zuruf: »Adieu, Babet!« Hermann mit sich fort. Doch das Mädchen, den Shawl ergreifend, erwiderte mit mehr neckischem als ernstem Ton:

Ich geh' mit, lieber Onkel!

Nun entstand ein possirlicher Streit begütigender Abwehr mit lachendem Trotz, bis Pigault in lächerlichem Zorn gebot:

Sacré mille, Babet! Du bleibst, ich befehle es dir!

Worauf er dem vorausgegangenen Hermann nacheilte und hinter sich den Stubenschlüssel umdrehte. Doch hatten sie die Treppe noch nicht erreicht, als Babet aus der Thüre des Seitenzimmers lachend nachrief:

Geh' nur, grauköpfiger Merkur, du kommst doch zu spät!

Diese höhnende Prophezeiung, auf die heimliche Mittheilung bezüglich, sollte noch in anderm Sinn, als sie gemeint war, in Erfüllung gehen. Denn kaum hatte Pigault, im Park angelangt, das Gespräch auf Cecile gebracht, als er sich von hinten angerufen hörte, und ein Bedienter ihn eiligst zu Madame Simeon einlud, die im Schatten der Esplanade auf ihn warte.

Ah, das ist fatal! Das bringt mich um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft! flüsterte der alte Poet, von dieser ungewöhnlichen Einladung etwas betroffen. Aber Sie kommen morgen oder übermorgen, und helfen uns Babet halten. Sie will nach Paris. Und – ecoutez! (setzte der Schalk vertraulichen Tons hinzu) Babet's Angelegenheit ist günstig erledigt; der König war so gnädig, sie in Nenndorf zu besuchen, und auf ihrem Zimmer wurden die letzten Bedenken gehoben. Sehr vortheilhaft für Mademoiselle! Nun will sie fort, und Madame Simeon ist trostlos darüber, noch mehr der Minister. Aber Madame wird Ihnen das Alles – Also auf Wiedersehen, Sie Herzenseroberer!

Er eilte zurück, und Hermann sah ihm mit vergnügtem Lächeln nach.

Wie er sich dann der waldigen Höhe zuwendete, erblickte er links, hoch auf den Gipfeln des Bergwaldes hervorragend, die graue Burg mit ihren Zinnen und zahlreichen Thurmspitzen. Rechts sprang unter dem Jauchzen der bürgerlichen Zuschauer die große Fontaine. Hermann wußte, daß Nathusius mit den Damen bis zu den Cascaden emporgestiegen war, und von dort auf den schönen, waldschattigen Gängen zur Löwenburg herüberkommen wollte. Er nahm daher die kürzere Richtung gleich links, die ziemlich steil hinaufführte, und suchte sich im Labyrinth der Fuß- und Fahrwege zurechtzufinden.

 

Längst ehe der Freund die Höhe erglimmen konnte, hatte Pigault die Dame aufgefunden, die ihn mit den ungeduldigen Worten begrüßte:

Ich muß also Sie aufsuchen, Pigault? Muß da herauf spazieren fahren, heut unter dies Volk, um die Gnade zu haben, Sie zu sprechen.

Verzeihung, Madame! Aber ich hatte heut den Doctor – Dings abzuwarten, und wäre den Abend zur Stadt gekommen. Und, hören Sie! Er weiß gar nichts, von Nenndorf nichts, nichts von Allem! Er beklagt nur, daß er abgewiesen worden. Sie hätten ihn als zudringlichen Menschen behandelt.

Ah bah! Pigault, wie können Sie sich täuschen lassen? Sie!

Ich, sagen Sie? Eben darum, Madame, ich nicht! Was? Der Verfasser von »Les barons de Felsheim«, von »L'enfant du carnaval« ließe sich täuschen? Und von einem jungen deutschen Burschen? Madame, begraben wir dies Wort in Vergessenheit!

Die Ministerin schlug ein Lachen auf und versetzte:

Immerhin, Pigault! Es kommt nichts mehr darauf an. Hören Sie! Unsere Hauptsorge ist gehoben.

Mein Gott, das sage ich ja eben auch, Madame!

Was sagen Sie, Pigault?

Sie meinen, daß Cecile's Liaison verrathen worden?

Nein! erwiderte sie ungeduldig. Daß Simeon nicht begreift, warum Cecile fort will, daß wir für den guten Mann keinen Vorwand hatten, keinen für ihn zureichenden Grund, sie so eilig fortzuschaffen. Nun ist aber ein Brief meiner Schwester an den Minister gekommen, worin sie ihre Tochter schnell zurückverlangt. Mir im Vertrauen schreibt sie, daß ihr der Kaiser habe befehlen lassen, ihre Tochter unfehlbar bis Ende August von Cassel zurückzuziehen. So sind wir wegen meines Mannes beruhigt, und das ist mir noch das Angenehmste bei der Sache, die mich zu beunruhigen, zu bedrohen anfing. Cecile packt, und Sie, Pigault, machen sich fertig, übermorgen zu reisen.

Aber, mein Gott! Wenn's uns gelänge, sie zu verheirathen?

Dann holen wir sie wieder zurück, versetzte sie kurz und barsch, dann brauchen wir keine Maske mehr, Sie – »Verfasser von L'enfant du carnaval!« Begreifen Sie das?

Also Dienstag schon? fragte Pigault, dem diese Reise nicht sehr angenehm zu sein schien. Aber, Madame, Jerôme kommt schon die Mittwoch von Nenndorf zurück; wird er Cecile nicht noch einmal sehen, ihr Adieu sagen wollen?

Auch die Königin trifft zur Mittwoch wieder ein, erwiderte sie, und da hat er ein Willkommen zu sagen. Das Adieu ist abgemacht. Ich kann nicht anders sagen als – generös, wie es von Jerôme zu erwarten, besonders – wenn eine neue Neigung dahintersteckt!

Diese letzte Aeußerung war mit mehr Hohn und Bitterkeit empfunden, als sie ausgesprochen wurde. Die Dame Simeon achtete den alten Pigault nicht genug, um sich in seinen Augen verletzt, gekränkt zu zeigen, und war zu vorsichtig, etwas zu verrathen, was der königliche Vorleser seinem Gebieter – vorplaudern könnte.

Dieser hatte bereits leise und forschend gefragt:

Eine neue Liaison, Madame?

Frau von Simeon schwieg einige Augenblicke nachdenklich, dann sagte sie mit einer gewissen Feierlichkeit:

Hören Sie, Pigault, es gibt doch verhängnißvolle Augenblicke, magische Einflüsse im Leben der Könige. Jerôme hatte noch die volle Leidenschaft für meine Nichte, als er sie nach Nenndorf kommen ließ, ja selbst noch, als er sie dort besuchte und an jenem Morgen ihre Zukunft mit ihr besprach, hatte sie bis zum Augenblicke, wo die schöne Frau in Cecile's Zimmer tölpelte. Dies war der Moment einer zauberhaften Umwandlung seines Herzens. Alle Leidenschaft für Cecile war wie erloschen, und loderte für die Frau, die in reizender Verwirrung – oder was es war, eine Weile dastand.

O Madame, auch ich kenne diese königlichen Augenblicke! rief Pigault. Aber woher wissen Sie so genau –?

Von Marinville, der gestern nach Cassel kam, nur um zu hören, welche Empfangsfeste vorbereitet würden, und wie bei einer solchen Gelegenheit die schöne Frau Heister in die Nähe des Königs zu bringen sei. Jerôme kann es nicht erwarten, sie zu sehen, sich ihr zu erklären, sie zu besitzen. Herr Heister wird Carrière machen, prophezeie ich Ihnen!

Und – wie, Madame? flüsterte Pigault. Das sagt Ihnen Marinville? Ihnen, der Tante Cecile's?

Warum nicht? entgegnete sie. Der Brief des Kaisers kam noch am Abende desselben Tags nach Nenndorf; das Verhältniß mit Cecile hat aufgehört, und Marinville, indem er durch seine Mittheilungen Cecile's stolzes, eifersüchtiges Herz aufruft, erleichtert ihr die Abreise. Auch weiß Marinville, in welcher Sorge ich, bei aller Gunst des Königs, fort und fort geschwebt habe – meines Mannes wegen. O, Marinville ist Menschenkenner, so gut wie der Verfasser von »L'enfant du carnaval!«

Mit Stolz abreisen, – à la bonne heure, Madame, versetzte Pigault. Aber an der Hand des jungen, liebenswürdigen Herrn – Dings bleiben, scheint mir ein besserer Trotz.

Sie vergessen den Befehl des Kaisers, Pigault, mit dem nicht zu spaßen ist, sagte die Dame, indem sie sich erhob. Und abgesehen von dem verlorenen Brief, der gewiß in den Händen des jungen Mannes ist, und von der Ungewißheit seiner Absichten, so hat jedenfalls Jerôme jetzt kein Interesse mehr, ihn zu befördern, und mit einem artigen Mann ohne Stellung läßt sich nicht trotzen. Kommen Sie, begleiten Sie mich nach dem Gasthof zu meiner kleinen Gesellschaft!

 

Während dieser Verhandlung hatte Hermann die Höhe der Löwenburg erreicht, und betrat über die Zugbrücke und durch ein eisernes Gitterthor, die Militärwache begrüßend, das glatte Pflaster des von allen Seiten umbauten Hofes. Nathusius kam eben mit den Damen aus der Burgkapelle, um zunächst die anstoßende Rüstkammer mit der Sammlung alterthümlicher Waffen zu besehen. Der vergnügte Bräutigam war entzückt über den im besten Geschmack des funfzehnten Jahrhunderts ausgeführten Bau. Es fehlte selbst der Rittergarten und der Brunnen vor der Burg nicht. Ein artiges Mädchen, die Tochter des Castellans, führte die Gesellschaft umher, da der Vater während des Königs Abwesenheit öfter, als es sonst geschehen konnte, seine casseler Freunde zu besuchen pflegte.

Sie fanden die obern, fürstlichen Gemächer der Burg, etwa vierzig an der Zahl, ganz im Geschmack der Zeit, auf die der Bau zurückwies, möblirt und eingerichtet. Die freundliche Castellanin öffnete ihnen heut selbst das auf Jerôme's Befehl sonst verschlossen gehaltene Arbeitscabinet des Kurfürsten. Die Burg, nach seiner Phantasie erbaut, war stets in der guten Jahreszeit sein Lieblingsaufenthalt gewesen, und Jerôme, in einer Anwandlung fürstlicher Pietät, hatte das Cabinet in dem Zustande belassen, worin er es nach der Flucht des Kurfürsten zuerst gefunden hatte. Ja, die Damen, wie sich das dämmerige Gemach öffnete, glaubten im ersten Augenblicke zu ihrem Schreck den Kurfürsten selbst zu erblicken. Es war aber nur sein Brustbild, in Oel lebensgroß und sprechend ausgeführt, und – wie die Führerin erröthend eingestand – von ihrem Vater in den Armstuhl gestellt, wo sonst der Herr gesessen. Ohne Zweifel war der Castellan ein stiller Anhänger des Fürsten, und suchte, zur heimlichen Befriedigung seines treuen Herzens, den rechtmäßigen Herrn, bis Andere ihn wieder in sein Land zurückbringen würden, einstweilen wenigstens bildlich auf dem Sitze zu erhalten. Dies verrieth mehr noch als das befangene Erröthen der Tochter ihre Bemerkung, daß wenn Jerôme einmal herauskäme, der Vater das Gemälde zu entfernen pflege. In der Regel beträte jedoch der König das verschlossen gehaltene Cabinet gar nicht.

Freilich erinnerte auch die ganze Einrichtung nur allzu lebhaft an den vorigen Regenten. Da hing noch eine Perücke mit Zopf auf ihrem Gestell, und die Uniform mit ausgeschlagenen rothen Schößen und kurzem Kragen, sowie die lange mit Gold- und Silbertressen besetzte Weste lagen über einen Stuhl gebreitet. Man hätte glauben können, »der Herr« werde im Augenblick hereintreten, um sich zur Parade anzukleiden. Vor dem carmoisinrothen Sessel stand der Schreibtisch, noch mit dem Schreibgeräthe bestellt, ja, das von probirten Federn bekritzelte Papierblatt lag noch darauf. Mit gleichfarbigem Sammet, wie der Sessel, waren die Wände beschlagen, und die zwei kleinen Fenster mit Vorhängen von Seidenzeuch desselben Roths eingefaßt. Schränke mit reichverzierten Thüren verwahrten die Garderobe und sonstige Gebrauchsgegenstände des vertriebenen Fürsten.

Zuletzt bestieg die kleine Gesellschaft den platten Thurm, von wo aus man einer unbeschreiblich schönen Aussicht genoß.

Nathusius verließ so vergnügt die Burg, daß er der Wachtmannschaft, die am vordern Eingang im Schatten eines ruinenartig erbauten Thurms ihre Pfeifen rauchte, ein ansehnliches Geschenk machte, damit sie sich zu ihrem Knaster auch eines guten Trunks erlaben möchten.

Unterwegs der breiten schattigen Gänge sagte er leise:

Das ist doch ein anderes Stück Sommerlust, als es der König von Preußen bei seinem Potsdam besitzt. Möchte der gute Friedrich Wilhelm, wenn er in rückkehrenden Tagen des Glücks sich das verlorene Magdeburg wieder holt, einige Schritte weitergehen und sein Sanssouci für sich und die herrliche Königin da herauf verlegen! Meinst du nicht auch, Thereschen, wie lieb es wäre, wenn unsere sonst preußisch-hessisch getrennten Wohnorte ebenso politisch, wie wir selbst diesen Herbst kirchlich, copulirt würden?

Therese umarmte ihn und sagte mit lächelnder Rührung:

Sie sind es ja jetzt schon, lieber Christian, – Cassel und Magdeburg!



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