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Zwölftes Capitel.
Doppeltes Scheiden.


In diesen Tagen war auch Luise Reichardt aus Halle zurückgekehrt und beschäftigt, ihren Ueberzug dorthin auszurichten. Hermann ging ihr dabei, soviel er von seinem Geschäft abkommen konnte, zur Hand, und suchte das Lob, das ihm die Mutter Reichardt für seine seitherigen treuen Besuche ertheilte, auch bei der Freundin durch Beistand und Hülfeleistung zu verdienen. Dabei tauschten Beide ihre Zwischenerlebnisse gegen einander aus. Luise war durch ihren Schwager Steffens und andere vertraute Männer der preußischen Bundesfarbe von den Planen zu einer allgemeinen Erhebung in Norddeutschland genau unterrichtet, und fand zu ihrer großen Zufriedenheit den jungen Freund mehr als früher für die Sache eingenommen. Fichte's Reden hatten auf dem Wege der Betrachtung, für den er von der Schule her besonders empfänglich war, und eigene Beobachtung auf dem Wege der Erfahrung, zuletzt noch durch Lina's Erlebniß, sein Nachdenken beschäftigt und ihn nun entschieden in das hessische Bündniß gezogen, das sich mehr und mehr zu einer Verschwörung ausbildete.

Ich habe Ihnen früher von dieser Verbindung abgerathen, lieber Freund, sagte sie. Was ist Ihnen der Kurfürst, den ihr wieder herstellen wollt? frage ich auch heute noch. Soll denn, wenn wir das Außerordentliche unternehmen, nichts Größeres dabei herauskommen, als die alte Armseligkeit der Nation? Wollen wir denn diesen schweren Pflug der Fremdherrschaft, der uns durchfurcht, die alte Ländereintheilung zerstört und den öffentlichen Zustand gewendet hat, nicht zur Aussaat einer größern und stolzern Zukunft benutzen? Wollen uns in großer Gesinnung zusammenthun, ohne zu lernen, was wir in Einheit vermögen? – Nun höre ich allerdings, daß ihr mit dem preußischen Tugendbund in Verkehr steht, und freilich, wenn das hessische Volk nur für den Kurfürsten auf die Beine zu bringen ist, so müßt ihr es bei dieser Standarte festhalten und dadurch die große Erhebung verstärken, die am Ende wol diese Sonderinteressen verschlingen wird. Nur darf euer Unternehmen nicht vereinzelt und vom preußischen getrennt gehen wollen, wenn es nicht nutzlos oder gar zum Nachtheil für das allgemeinere ausfallen soll. Für sich allein muß es mislingen. Für Sie, lieber Hermann, wäre es daher eine rechte Aufgabe, das Verständniß mit den preußischen Freunden aufrecht und lebendig zu erhalten, damit nichts übereilt werde. Die Leichtfertigkeiten des Jerôme'schen Hofes haben etwas Ansteckendes, am Ende sogar für Unternehmungen, die gegen sie selbst gerichtet sind, und die leichtsinnige Gewalt behält zuletzt den Sieg über einen unvorsichtigen Aufstand. Ich wollte nur, Ihre Stellung wäre weniger gebunden, und Sie könnten sich zuweilen persönlich mit den preußischen Freunden in Verbindung sehen. Halle und Magdeburg sind die beiden Angeln für die preußisch-hessischen Bewegungen. Besonders auf Magdeburg sehen es die Preußen ab.

Hermann stimmte der Freundin bei, und sie verabredeten eine geheime Correspondenz durch die heimlichen Boten des Tugendbundes.

 

Als der nicht veräußerte Theil des Reichardt'schen Mobiliars gepackt und der Fuhrmann damit abgefahren war, brachte die Familie noch zwei Nächte im Palais des Barons von Reinhard zu. Hier empfingen sie auch das Lebewohl ihrer vertrautesten Bekannten.

Am letzten Abende vor der Abreise war die Mutter Reichardt früh zu Bett gegangen. Luise entschuldigte sie, als unter Andern auch Herr und Frau von Bülow Abschied zu nehmen kamen.

Die Mutter ist nicht blos von den Anstrengungen der letzten Tage erschöpft, sagte sie, noch weniger als solche kann sie Kummer ertragen. Sie ist ihr Leben lang von liebender Umgebung geschont worden. Ich konnte ihr aber nicht alles Leidige ersparen, dem sie entgegengeht. Sie glaubte noch immer in unserm Giebichenstein einzukehren, und ich selbst dachte vor meiner Abreise dahin, die zerstörte Wohnung ließe sich leichter herstellen. Aber das durch die Kriegszüge zerstörte Haus, der verödete Garten bieten einen traurigen Aufenthalt in der überhaupt ganz verwandelten Gegend. Wir müssen uns vorläufig in Halle bei meinem Schwager Steffens einrichten. Nun schweben der Mutter nur allzu lebhaft die glücklichen Tage vor, die wir auf unserer schönen Besitzung verlebt haben. Kennen Ew. Excellenz vielleicht Giebichenstein?

Nur von außen, antwortete der Minister. Im Vorüberfahren hab' ich es über den traulichen Ufern und hohen Felsen liegen sehen, da, wo die Saale in getheilten Armen dahinfließt.

Der eigentliche, herrliche Blick ist aber von Giebichenstein selbst aus in die Umgebung, fuhr Luise fort. Es wird nicht leicht eine mannichfachere, reichere Aussicht in irgend einem flachen Lande gesehen, sagt mein Vater, der Vielumhergekommene. Wie der Fluß sich da in kühner Beugung durch die schöngeformten Felsufer von ewigem Porphyr hindurchdrängt, bei dem ruhigen Fischerdorfe Krollwitz und seiner reichumpflanzten Papiermühle und dem buschbewachsenen Werder vorbei über das hohe Wehr brausend fortrauscht, dann durch's fruchtbare Land ruhig hinströmt, bis sich bei Lettin und dann weiterhin bei Wettin wieder hohe Felsufer erheben. Dort erblickt man das alte Schloß, in welchem der geniale, geistreiche Prinz Louis Ferdinand seine letzten unglücklichen Sommer verlebte, die Seele stets voll trüber Ahnungen eines nahen vernichtenden Geschicks. – Von der Höhe unsers Gartens hinausgesehen, erhebt sich dann der Petersberg mit seinen Ruinen im Hintergrunde, an ganz hellen Tagen wol auch der Brocken am tiefen blauen Himmel. Auf der einen Seite der hohe alte Weinberg, zur andern die angenehme Holzung, Meiereien und Schäfereien auf der fruchtbaren Fläche; im Rücken die Stadt Halle mit ihren Thürmen und dampfenden Salzkothen, und der Blick da wieder tief in Sachsen hinein nach Merseburg, Lauchstädt und weiter fort; das ganze Land rundum so reich und lustig bebaut, von der schönen pappelbepflanzten Chaussee durchschnitten, die von Magdeburg nach Leipzig zieht.

Welch' ein anschauliches Bild der prächtigen Landschaft Sie uns geben, beste Luise! rief Frau von Bülow.

Ach, könnte Ihnen auch etwas von den seligen Tagen und Abenden herzaubern, die wir dort verlebt haben! Unser Garten, einfach angelegt, mit europäischen und amerikanischen Bäumen besetzt und in Park und Küchengarten getrennt, hegte Hasen und Rebhühner, die kein Schuß erschrecken durfte; zahlreiche Nachtigallen belebten die Idylle. Wir Schwestern sangen alle, und der Vater hatte Kutscher und Bedienten aufs Horn eingelernt. Wenn dann an schönen, lauen Sommerabenden von unsern Stimmen, von zwei Hörnern begleitet, die alten trauten deutschen Lieder erklangen, war der Eindruck hinreißend; eine friedliche, selige Ruhe herrschte auf dieser geweihten Stätte, bis die Sterne, als ob Theil an unserm Erdenglücke zu nehmen, einer um den andern hell und immer heller herabblinkten.

Sie geben uns in diesem kleinen Gemälde ein Abbild unserer friedlichen, glücklichen Vergangenheit, ehe der Sturm aus Westen unsere zerstreuten deutschen Paradiese zerstörte! rief Herr von Bülow aus.

Ja, und das Gegenbild davon liefert Halle in seinem jetzigen Zustande, versetzte Luise. Seit dem unglücklichen Tage, da der unbedachte Widerstand die Wuth des Feindes gegen die offene Stadt reizte, was hat sie nicht gelitten! Jetzt ist die Armuth auf schreckliche Weise im Zunehmen: die Salinen bringen nichts ein, diese Hauptnahrungsquelle vieler Einwohner, die durch die fortdauernden Durchmärsche vollends ausgeplündert werden. Alle Kräfte sind gelähmt, stumpfe Gleichgültigkeit gegen die Zukunft auf einer, stiller Ingrimm gegen Napoleon's Macht auf der andern Seite, theilen die Bevölkerung in zwei nachbarliche Lager.

Ja, ja! nahm Baron von Reinhard das Wort. Da blickt nun das arme Volk nach seinen Fürsten zurück und findet sie zur Erbärmlichkeit, Schwäche oder selbstsüchtiger Erniedrigung herabgesunken. Ein neues Bedürfniß erwacht – nach Verfassung, nach Einheit, Kraft, Nationalität. Wenigstens gewinnt die Ueberzeugung immer mehr Raum unter den Denkenden und wird nach und nach unter das Volk kommen, daß nämlich mit den bisherigen Mitteln und Wegen der Verwaltung Deutschlands keine Ehre zu erreichen, keine Schmach abzuwenden ist; daß ein neues Leben die Fürsten und die Stämme durchströmen müsse, indem sie sich als einig in sich, als Theile eines Ganzen zu fühlen hätten.

Eben trat Staatsrath Müller ein. Er war in letzter Zeit sehr innig mit Herrn von Reinhard geworden, und brachte öfter einige Abendstunden bei ihm zu. Reinhard, der ihn mit beiden Händen empfing, flüsterte ihm zu:

Sprechen wir jetzt nichts von dem verunglückten Briefe Stein's: die gute Luise Reichardt ist zu erschüttert davon.

Diese hatte inzwischen den Herrn von Bülow beiseite genommen, und sagte mit ihrem milden Lächeln:

Ich will von Ihnen noch einen besondern heimlichen Abschied als Denunciantin nehmen, Herr Finanzminister! Doctor Teutleben, Ihr Finanzprakticant –

Verzeihung! Wo ist er denn? fiel Bülow ein. Wir haben uns schon nach ihm umgesehen; der liebenswürdigste Verehrer wird Ihnen doch nicht bei der letzten Abendandacht fehlen? Oder ist dies Weihrauchkorn Ihrer Adoration schon verdampft, ehe wir gekommen sind?

Nein, Excellenz, ich hoffe, es wird noch gestreut werden. Blasen Sie nur einstweilen die Kohlen des Rauchfasses an! Sie sind ein Spötter! Aber hören Sie! Er hat sich, inzwischen ich fort war, in die Verschwörung der Kurfürstlichen ziehen lassen. Ich habe ihm gerathen, sich dabei hauptsächlich die Aufrechthaltung der Verbindung und des Zusammenwirkens mit Preußen angelegen sein zu lassen. Ich zeige Ihnen das an, um mich als Verführerin zu denunciren. Ich verlasse Cassel; ihn mögen Sie nun entweder beschäftigen, daß er sich nicht regen kann, oder ihm eine Stelle verschaffen, die ihm eine günstige Bewegung läßt.

Was? Mademoiselle Reichardt? rief Bülow leise, mit lächelnder Entrüstung. Sie wollen einen königlich-westfälischen Minister in Versuchung führen? Oder ihm auf den Zahn fühlen? Oder meinen Sie, ich ließe mich von einer berühmten Componistin zu einem Choral für den Tugendbund in Noten setzen – in Notiz?

Lachend auf diese schalkhafte Entrüstung rief Luise:

Lassen Sie mich arretiren! Uebergeben Sie mich dem Criminal! Nur warten Sie, bis ich fort bin!

Sie schloß sich den beiden Baroninnen an, mit ihnen dem Gespräche der Männer lauschend, die sich über den bevorstehenden Convent in Erfurt unterhielten.

Der König trifft schon Anordnung zu seiner Hinreise, sagte Bülow. Man erwartet eine glanzvolle Versammlung dort. Ich fürchte nur, es werden soviel Fürsten zusammenkommen, daß die Concurrenz ihren Preis herabdrückt.

Da sieht man doch gleich den Finanzminister, lächelte Herr von Reinhard, den Mann, der die Fürstlichkeiten unter den Gesichtspunkt des Marktpreises bringt und wie einen Handelsartikel nach der Zufuhr taxirt.

Vielleicht hat Napoleon einen höhern Gesichtspunkt, meinte Müller. Jemehr Abstufungen von Königen, Herzogen, Fürsten, Grafen, Baronen und geadelten Staatsmännern in der Zusammenstellung zu Einem Zwecke den Völkern in die Augen fallen, desto erhabener nehmen sich die beiden kaiserlichen Standbilder Napoleon und Alexander aus.

Gut! wendete Bülow ein. Was bedeuten aber diese beiden Standbilder unter der großen Glocke von Erfurt? Keineswegs scheint es doch auf etwas abgesehen, was man – wie man zu sagen pflegt – an die große Glocke bringen will. Gilt es Preußen? Gilt es dem ganzen Deutschland?

Ich denke, die Absichten des Convents sind ausgesprochen, lächelte Baron Reinhard. Mein Kaiser, entschlossen, der wachsenden Volkserhebung in Spanien durch sein persönliches Auftreten ein Ziel zu setzen und seinen Bruder auf dem Throne zu befestigen, muß sich begreiflicherweise vor allem der Ruhe in Nordost versichern, und sich also der Freundschaft Kaiser Alexander's vergewissern. Nicht wahr?.

Wohl! Aber welche Pfänder der Freundschaft werden sie austauschen? Und Deutschland, das den Ort der Zusammenkunft bietet, – wird es auch die Kosten und Gefahren des Rendezvous bestreiten müssen? fragte Bülow.

Als hierauf Reinhard die Achsel zuckte, flüsterte Müller:

Entre nous soit dit, was mir Freund Gentz schreibt: »Nach Kälte, Tod und den Franzosen hasse ich nichts so herzlich, als die Russen. Ich entrüste mich gegen die Oestreicher; wenn ich sie aber von jenen Barbaren mit Füßen getreten sehe, so kehren sich meine deutschen Eingeweide um, und ich fühle, daß sie meine Brüder sind.«

Wenn Sie damit sagen wollen, daß Deutschland zwischen beiden Reichen schlecht gebettet ist, so haben Sie Recht, besonders weil viele der gekrönten Häupter in diesem Bette gar alberne Träume haben.

Auf diese Aeußerung des Herrn von Reinhard öffnete sich mit einigem Ungestüm die Thür, und Hermann – man durfte sagen – stürmte herein. Er war aufgeregter, als ihn die anwesenden Frauen und Männer noch gesehen hatten. Luise trat ihm entgegen, und fragte laut und nicht ohne Besorgniß, was er habe, was es gebe.

Aber Hermann, die Damen nur flüchtig grüßend, wendete sich gegen die Männer, besonders gegen seinen Minister. – Wissen Ew. Excellenz davon? fragte er. Oder kommt es geradezu aus dem Cabinet? Der Chef de Division, Herr Heister, mein Freund, ist aus dem Ministerium verwiesen, ist als Friedensrichter nach Homberg verbannt?

Baron von Bülow sah ihn betroffen an, ohne auf die Frage zu antworten, und Hermann, nach dem ersten Ausbruch etwas erleichterter, fuhr fort:

Ja, ich komme eben von ihm. Er hatte diesen Nachmittag sein Urlaubsgesuch mündlich erinnert, und Herr von Simeon ihm statt des Urlaubs ein Decret als Friedensrichter nach Homberg übergeben. Martin, der bisherige Friedensrichter, ist, ich weiß nicht für welchen Posten bestimmt. Der Minister schien dabei verlegen, ja bewegt, und bat Herrn Heister, sich nur vorerst zu beruhigen und die Beförderung abzuwarten, die er für ihn angetragen habe. Es war nicht zu verkennen, daß Herr Simeon nur die Ungnade des Königs zu decken suchte, bis er sie zu versöhnen im Stande sei. An der Ungnade selbst ließ sich nicht lange zweifeln. Mein Freund nämlich, in der ersten Anwandelung entschlossen, seine Entlassung zu nehmen, geht nach Hause, die Sache zu überlegen. Ehe er aber zu einem Entschlusse kommt, erscheint vom Lande zurückkehrend seine Frau, und erzählt, was dort vorausgegangen war. Der König hatte ihr von Wabern aus einen Besuch gemacht und ihres Mannes Beförderung mit ihr besprochen, er wollte ihn als Schloßpräfecten nach Wabern setzen. Sie hatte dies entschieden abgelehnt und sich seiner Artigkeiten mit der resoluten Erklärung erwehrt: sie wage sich in keinen Wettlauf mit den vornehmen Damen, die sich um jene Stelle – für ihre liebenswürdigen Töchter bewürben. Sie wünsche für ihren Mann zu ihrem stillen häuslichen Glück ein Amt, worin er, entfernt vom Hofe, für das Wohl des Landes arbeite. Hierauf hatte der König mit Unwillen erklärt, es würde sich schon für solchen untergeordneten Geschmack ein schicklicher Platz finden. Nun hat er sich gefunden, und zwar ganz in der Nähe des Landsitzes, wo die beiderseitigen Wünsche ausgetauscht worden. Auf diese Mittheilung hat sich mein Freund entschlossen, das Friedensrichteramt doch anzunehmen; seine liebe Frau habe sich ja schon als eine vortreffliche Friedensrichterin ausgewiesen.

Bei aller Freimüthigkeit, womit Hermann berichtet hatte, fühlte man doch durch, wie sehr er noch an sich hielt. Keines mochte daher, wie vertraut man sich auch zu einander wußte, eine Aeußerung über Das thun, was offenbar Alle nachdenklich gestimmt hatte. Frau von Reinhard nahm den Ausweg, nach den verschiedenen Amtsverrichtungen eines Friedensrichters zu fragen.

Hermann, noch immer aufgeregt genug, um beinahe unbedacht zu sein, antwortete:

O meine gnädige Frau, was das Amt betrifft, so bietet es vielleicht den Kenntnissen und Talenten meines Freundes weniger glänzende Aufgaben, aber desto mehr Befriedigung für sein vaterländisch gesinntes Herz. Er tritt in den unmittelbarsten Verkehr mit dem Volke als Richter in streitigen Sachen von bestimmtem Werth, in Angelegenheiten der Grenzen des Eigenthums, der Vormundschaften, als Lenker der Familienräthe und in Handhabung der Gemeindepolizei. Wahrlich, die ersprießlichste Thätigkeit ist ihm geboten, um sich für eine königliche Ungnade zu – entschädigen!

Es schien Allen angenehm, als sich noch ein Paar Freundinnen Luisens aus dem Theater einfanden, ihr Lebewohl zu sagen. Herr und Frau von Bülow empfahlen sich, Baron Reinhard nahm den Staatsrath Müller mit sich auf sein Studirzimmer, und auch seine Gemahlin zog sich zurück, sodaß Luise mit ihrem Besuch und zuletzt mit Hermann allein blieb.

Die Aufregung des Gemüths, mit der er gekommen war, löste sich zuletzt in Wehmuth auf, als er beim Lebewohl der Freundin von der Betrachtung erschüttert wurde, daß er nun nicht blos sie, sondern auch Lina und Ludwig aus dem süßen, gewohnten Verkehr verliere.

Es ist fast, was Schiller die süße Gewohnheit des Daseins nennt, rief er aus. O wie einsam, wie verlassen werd' ich mich finden, Luise! Es ist beinah' kein Leben mehr zu nennen!

Was du an den Einzelnen einbüßest, mein lieber betrübter Freund, versetzte sie, ihm die Abschiedshand reichend – das suche dir am Ganzen zu erobern! Gehe den Bestrebungen der Nation nach, wenn dir die Pfade zu lieben Freunden vereinsamen. Unser Haus, Heister's Wohnung verschließen sich dir; aber wir selbst gehen dir nicht verloren. Blicke dafür nach Erfurt, wo vielleicht vernichtende Würfel über Deutschland fallen. Rufe, wo du kannst, dem Volke mit Herder zu:

Soll dein Name verwehn? Willst du zertheilet auch
Knien vor Fremden? Und ist keiner der Vater dir,
            Dir dein eignes Herz nicht,
            Deine Sprache nicht Alles werth?
Sprich, mit welcher, – mit welcher begehrtest du
Sie zu tauschen? Dein Herz, soll es des Galliers,
            Des Kosacken, Kalmucken
            Pulsschlag fröhnen? Ermuntre dich!

Hermann stürzte kniend vor ihr nieder, ihre Hand an seine bebenden Lippen pressend. Sie legte ihre Rechte auf sein Haupt, sie neigte sich auf seine Stirne, dann zog sie ihn empor.

Kein Wort ward weiter gewechselt. Sie wendeten sich, die Hände gefaßt – Luise nach innen, Hermann nach außen des Zimmers, zögernd, bis sie erschüttert, Beide mit abstürzenden Thränen von einander schieden.


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