Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achtes Capitel.
Der Herzschlag des Reichs.


Hermann's gutes Glück verließ ihn nicht lange in solcher unfruchtbaren Innerlichkeit des Träumens und Grübelns. Schon die nächsten Tage führten ihn zu einer frischen Thätigkeit und in einen Verkehr mit neuen Menschen.

Seine Bestallung und Dienstanweisung waren vollzogen. Er nahm Abschied von dem traulichen Cabinet, worin er neben dem Zimmer eines hohen Gönners eine so gute Schule für Geschäft und Leben gemacht und so erinnerungsfrohe Stunden gehabt hatte. Bülow gab ihm einige gute Winke für seine nächsten Schritte mit, und die Gräfin entließ ihn mit einer Freundlichkeit, an der er, wie an einem unsichtbaren Fädchen, zum Wiederkommen gebunden blieb.

Er hatte sich nun vor allem bei seinem neuen Generaldirector, dem Staatsrathe Baron von Coninx, vorzustellen.

Herr von Coninx war ein schlanker, wohlgebauter Mann in den besten Jahren, heiter, leicht und artig von Manieren, tüchtiger Jurist, besonders von der eleganten Jurisprudenz, nicht ohne Talent und Kenntnisse in Kunst und Literatur, dabei aber von einer Alles überwiegenden Lebenslust beherrscht. Er hatte sich gleich beim Minister nach dem neuen Inspector, der zugleich sein Generalsecretär war, mit der leisen Besorgniß erkundigt, vielleicht keinen gewandten Arbeiter an ihm zu bekommen. Denn er selbst brauchte für seine eleganten Gewohnheiten viel Zeit, die er dem Geschäft abknappte. Er liebte, seine Nachmittage umherzuschlendern, mit Damen zu verplaudern und einer oder der andern seine Bewunderung zu bethätigen. Er hatte eine anmuthige Art, mit der Linken seine Brille zu rücken, wenn er eine Dame necken wollte, und so oft er mit seinem Taschentuche die Gläser der Brille wischte, durfte man sich, als Gegensatz dieser saubern Bemühung, auf ein schillerndes Histörchen oder scharf schmeckendes Anekdötchen gefaßt machen. Den Abend brachte er dann gern in Gesellschaft und, wenn er keine Einladung hatte, in einer Restauration oder im Café au laid zu, wie mancher andere Garçon.

Diese heitere Lebensrichtung hatte für Hermann den Vortheil, daß der Chef nach vorgefaßtem guten Vertrauen in die Fähigkeit und Geschäftsgewandtheit seines Inspectors ihm gleich sehr artig begegnete, und sich, da ihm auch Hermann's Persönlichkeit zusagte, auf jovialen Fuß mit ihm setzte, um ihm dann unter Scherz und Lachen soviel von den Arbeiten, als nur immer anging, zuzuschieben. Glücklicherweise für den jungen Freund war die Grundlage und Haupteinrichtung dieser neugeschaffenen Administration schon gemacht. Die zum Geschäft gehörige Ueberwachung der Verwaltung jener Güter und Gesälle, von denen der zehnte Theil in die Economatskasse fiel, war einfach angeordnet, und die unmittelbare Verwaltung der vacant gewordenen Güter und Pfründen gab eben jetzt, bei vollständiger Besetzung jener Einkünfte, gar wenig zu thun. Nur das Eine war dem jungen Freunde nicht ganz nach Wunsche, daß sein Dienst vorerst auf das Bureau beschränkt und Inspectionsreisen auf das Frühjahr ausgesetzt blieben. Das ihm zum freien Gebrauch gestellte Pferd des Ministers diente ihm daher jetzt nur zu Spazierritten oder höchstens, um dann und wann einmal auf einen Sonntag nach Homberg zu den Freunden zu traben.

Zunächst legte ihm die neue Stellung, indem sie ihn dienstlich und gesellschaftlich in neue Beziehungen setzte, mancherlei Besuche auf. Er mußte sich den Ministern und den Generaldirectoren der verschiedenen Administrationen vorstellen. Die bisherigen Minister kannten ihn bereits. Herr von Simeon und Graf Fürstenstein hatten schon Anknüpfungspunkte ihres Empfangs für ihn. Auch in das Palais des Kriegsministers begleitete ihn eine alte Erinnerung, die jedoch beim Gedanken an Adelen, die junge Generalin, nicht ohne Aengstlichkeit blieb.

Der Zufall wollte, daß gerade sie, im Begriff auszufahren, aus dem Zimmer trat, als er eben dem Bedienten schellte. Sie empfing ihn mit den unbefangensten Manieren einer Weltdame, die nur mit dem flüchtigsten Lächeln verräth, daß sie keinen ganz ungekannten Menschen vor sich habe. Dennoch schien aus der Art, wie sie, etwas hastig und niederblickend, den linken Handschuh einknöpfte, eine lebhaftere Empfindung zu sprechen. Vielleicht dachte sie an die Scene auf der Treppe der Generalin Salha und an den kleinen Handschuh von damals, dessen Eroberer eben vor ihr stand; oder sie überlegte, ob sie dem jungen Manne die Artigkeit einer Einladung ins Zimmer erweisen dürfe. Sie entschied sich doch für diese Höflichkeit, wobei sie ihren Mann entschuldigte, der eben ausgeritten sei.

Während Hermann die Absicht seines Besuchs aussprach und den freundlichen Glückwunsch der Dame hinnahm, fiel ihm die der jungen Frau weit weniger günstige Fülle der einst so niedlichen Gestalt aus, und es war wol nicht weniger dies, als das gehaltene Benehmen Adelens, was ihm das einst so verführerische Geschöpf zu einer ganz andern Person machte, an der seine aufgeregte Erinnerung immer wieder abglitt. Er war aber zu bewegt oder doch noch zu sehr ein gemüthlicher Deutscher, um den Augenblick eines solchen Wiedersehens so leicht und vergeßlich zu behandeln, als er es an der stolzen Dame sah.

Erst wie er das Haus hinter sich hatte, ging etwas von dieser Heiterkeit und von dem leichten Sinn der ihm so fremd gewordenen Geliebten auf ihn über. Adele gab ihm ja den Eindruck inniger Befriedigung, und von Morio war bekannt, wie glücklich er sich preise. So erleichterte der Anblick des zu Stande gekommenen Glücks den Vorwurf, den der Freund sich machte, durch seine Selbstvergessenheit den übereilten und täuschenden Schritt Adelens mitverschuldet zu haben. Hermann war geneigt, an dieser Schuld den moralischen Gewinn, den Adele gemacht hatte, in Abzug zu bringen. Offenbar hatte ihr mitschuldiges Bewußtsein eine glückliche innere Umwandelung angeregt, sodaß sie mit Ernst und mit einer ihr früher ganz unbekannten Selbstbeherrschung und liebevollen Hingebung ihren Mann zu befriedigen suchte. – Sie hat vielleicht mit sittlicher Ueberlegung das Ressort verbessert und verstärkt, auf dem das Glück ihres Hauses sich bewegt, dachte er, und setzte, aller Aengstlichkeit sich entschlagend, hinzu: Je nun, die Ressorts, die treibenden Stahlfedern, werden ja ohnehin im Verborgenen angebracht!

 

Inzwischen war im Staatsministerium eine Veränderung geschehen, die für Hermann noch eine weitere Aufwartung herbeiführte.

Savagner war in Folge der gegen ihn gemachten Entdeckung seiner pariser Correspondenz alsbald seiner Dienststelle entlassen und aus dem Königreiche verwiesen worden. Bercagny, den keine Schuld, wol aber der Vorwurf traf, seinen Generalsecretär nicht durchblickt zu haben, schwebte mehre Tage in Ungewißheit über sein eigenes Verhängniß. Die hohe Gesellschaft nahm an, daß er in Ungnade sei; man vermied seine Person. Dies ging so weit, daß, als er an einem Hofabende mit seiner Frau im Audienzsaal erschien, sich Alles von ihm zurückzog, bis Jerôme eintrat und an ihm vorübergehend freundlich Bon soir, Bercagny! sagte, worauf sich denn ebenfalls wieder Alles glückwünschend um ihn her drängte. Der König war aber so heiter erschienen, weil er nach langer Ueberlegung einen Entschluß gefaßt hatte. Dieser ging dahin, daß die Generaldirection der Polizei aufgehoben wurde, und Bercagny bis zu einer passenden Verwendung in den Privatstand zurücktrat. Die hohe Polizei wurde mit dem Ministerium der Justiz verbunden, bildete hier eine besondere Division und erhielt einen braven, sehr geschätzten Mann, den als human und praktisch anerkannten Herrn von Varigny, zum Vorstande. Um nun aber den ohnehin mit seinem Doppelministerium überladenen Simeon zu erleichtern, ward ihm das Portefeuille des Innern abgenommen und einstweilen, vorbehaltlich der Ernennung zum Minister, dem Staatsrathe, Herrn von Wolffradt, übertragen.

Auch diesem hatte sich nun Hermann vorzustellen.

Als er sich dem Diener zur Anmeldung nannte, sagte dieser:

Ich weiß nicht, ob der Herr Staatsrath noch annimmt: es ist eine Sitzung im Schloß bei Sr. Majestät!

Dabei blickte er nach einem offenen Fenster, in welchem ein dienstlicher Anzug hing, um gelüftet zu werden.

Aber er wurde angenommen, und betrat ein von Tabacksrauch erfülltes Zimmer, worin ihm der Staatsrath von Müller entgegenkam und ihn dem Herrn von Wolffradt mit den Worten vorstellte:

Hier sehen Sie meinen jungen vortrefflichen Freund, den ich Ihrem Wohlwollen um so herzlicher empfehle, als er meinem Departement untreu geworden ist.

Wolffradt hatte sich vor seinem Arbeitstische, neben welchem Müller's Sessel stand, erhoben und begrüßte mit Verneigung den Ankömmling, wobei er seine lange Tabackspfeife gesenkt hielt. Ein Mann, schon vorgerückt in Jahren und von stattlicher Fülle der Gestalt, etwas gravitätisch in seiner Haltung, gegen welche der weiche braunschweigen Dialekt eigens abstach. Wie er im Gespräch seine Pfeife neben den vielen andern an der Wand hinterm Ofen unterbrachte, warf der junge Freund einen Blick auf das große Oelgemälde über dem Arbeitstische. Es stellte den verstorbenen Herzog Ferdinand von Braunschweig in seiner Feldherrnuniform dar.

Zu einem eigentlichen Gespräch konnte es nicht kommen; Hermann erinnerte an die Sitzung des Ministeriums, und empfahl sich. Müller schloß sich ihm an, und Wolffradt begleitete sie hinaus, um sich in einem andern Zimmer anzukleiden.

Diesen Umstand bezeichnete Müller, der sich unterwegs über seines Collegen Eigenheiten und Verdienste vertraulich aussprach. – Der vortreffliche Mann, sagte er, steht nämlich unter der Oberherrlichkeit seiner dampfenden Tabackspfeife. Er kleidet sich jetzt von Kopf bis zu den Füßen in den gelüfteten Anzug, verspritzt dann vielleicht noch ein ganzes Glas kölnischen Wassers, durch welches hindurch ihm der König dennoch den Taback anriechen wird. Sie wissen, Jerôme kann Taback und Schnurrbart am Civil nicht leiden, ist aber viel zu gutmüthig und menschenfreundlich, um diese Ungunst einen so würdigen Mann und Diener empfinden zu lassen. Höchstens daß er ihn ein wenig und auf liebgemeinte Weise mit seinem Rauchen neckt. Wirklich ist der Staatsrath ein vortrefflicher Mann von Geist und Gesinnung. Sie wissen wol, daß er Geheimrath und Minister des Herzogs von Braunschweig war. Oui, oui! Er besaß das volle Vertrauen dieses vielfach ausgezeichneten Fürsten. Noch in der Sterbestunde, die der unglückliche Feldherr, in der Schlacht bei Jena-Auerstädt auf den Tod verwundet, flüchtig, seines Landes verlustig, in Ottensen bei Altona fand, war der brave Geheimrath um ihn. Es hat für mich etwas Rührendes und ist ein echt fürstlicher Zug, daß der sterbende Herr, der seinen Feldherrnruhm, auf den er so stolz war, eben eingebüßt hatte und nun sein Leben hingeben sollte, noch um die Zukunft seines angeerbten Landes besorgt blieb. Der Mann, den er für den treuesten hielt, mußte ihm versprechen, unter allen Umständen bei Braunschweig zu halten. Dies Land gehört jetzt zum Königreich Westfalen, Braunschweig liegt in Cassel; so finden Sie ihn jetzt hier, weil er Wort hält, und – er wird Minister werden, sage ich Ihnen.

Etwas aufgeregt, wahrscheinlich von einer bedeutenden Unterhaltung mit Wolffradt, hatte Müller über den Ständeplatz hin ungewöhnlich offen gesprochen. Er wollte einen Besuch in der Bellevuestraße machen, und Hermann begleitete ihn. Die Promenade hinaus, die jetzt über die niedere Terrassenmauer einen ziemlich winterlichen Ausblick in die weite Landschaft darbot, war es zwar noch stiller als auf dem Platz; dennoch fuhr der Sprecher jetzt leiser und zuweilen stehenbleibend fort:

Sehen Sie, so wird der ministerielle Wolffradt für Braunschweig arbeiten, wie der edle Bülow für Preußen. Ich meine, nicht über die Grenze des Landes und ihres Eides hinaus, nein, sondern ganz ehrlich in ihrem Beruf. Sie arbeiten – ich möchte sagen, aus einem Instinkt für die Zukunft – der Zeit in die Hände, die dies zusammengeleimte Königreich wieder in Stücke brechen wird. Betrachten Sie einmal unser ganzes Ministerium, mein junger Freund, mein lieber Auditor – nicht beim Staatsrath, aber für Gottes Rathschläge! Jenen beiden braven Deutschen gegenüber stehen die Franzosen Le Camus und Morio, Beide tüchtige Leute, der Eine mit dem Portefeuille des Aeußern, der Andere des Kriegs, aber Beide nach dem Augenwink oder Faustschlag des Kaisers gerichtet. In der Mitte zwischen Beiden, wie das Zünglein des Rechts zwischen zwei deutsch- und französischschwankenden Wagschalen, steht mein ehrlicher Simeon, ehrlich um der Ehrlichkeit willen, aber mehr mit dem Blick auf den König. Er möchte Jerôme's Schwächen decken, und ihm da und dort einen Glanzpunkt aufsetzen. Hinsichtlich des Königreichs ist er vielleicht – trop indolent et même un peu trop souple. – – Ich sage Ihnen das, lieber junger Mann, weil ich weiß, daß Sie sich für die Bestrebungen einer patriotischen Partei interessiren. Aber – nur vorsichtig! Nichts übereilt! Es kommt von selbst! Der Herzschlag des Reichs ist Rebellion. Ich drücke mich stark aus, nicht wahr? Aber, – o mein lieber junger Mann! Solche Betrachtungen verfolgen mich auch wie Gespenster! Ich versinke in Muthlosigkeit, in Hoffnungslosigkeit!

Ach, wie leid thut mir das, hoher, verehrter Mann! erwiderte Hermann, und fuhr auf einen ängstlichen Wink Müllers nicht laut zu werden, leiser fort:

Und doch, wie mir scheint, hätten gerade Sie alle Ursache zufrieden zu sein. Sie sind hier der Vertreter und Hort der Wissenschaften. Darin sind Sie einig mit sich selbst, einig mit dem Könige, der die Universitäten will, wie Sie mir sagen, einig mit Deutschland, das ja leider! eben nur in Wissenschaft und Sprache noch einig mit sich selber ist. Bei Gott, Sie könnten der glücklichste Beamte in Westfalen sein! Sie athmen ja in vollem Einklang mit sich und der Welt!

Herr von Müller drückte dem jungen Freunde die Hand, indem er versetzte:

Aber, – was wird aus der Welt? Ich habe mein Ohr an die Conferenzen in Erfurt gelegt. Eine tiefe Beschämung ergreift mich beim Namen Napoleon. Sie wissen, wie groß ich noch jüngst vom Kaiser dachte. Mit meinem Vertrauen auf ihn wankt all' meine Hoffnung auf die Zukunft, und greift mir Jerôme noch die Universitäten an, so bricht mein Leben. Ja, Napoleon! Aber freilich, ein Historiker wie Johannes Müller von Schafhausen, hätte sich längst sagen können, daß einem Manne, der mit seinem 29. Lebensjahr allen Ruhm erschöpft hatte, nichts übrigbleibe, als ein Egoist zu werden. Oui, oui, mein Freund Perthes hat Recht. Der Weltgewaltige ist des Teufels geworden, wie kein Anderer, schreibt er mir, weil er sich selbst zu seinem Gott gemacht hat, wie kein Anderer. Diesem dämonischen Menschen ist die Welt dahingegeben, nicht sich ihm zu fügen, sondern an der peinigenden Kraft des Bösen die erstorbene Kraft des Guten wiederzuerwecken. Welcher Neubau entstehen wird, – wer weiß es! Aber das Entsetzlichste wäre es, wenn nach dieser Zeit des Schreckens die alte flaue Zeit mit ihren zerbrochenen Formen wiederkehren sollte.

Indem öffnete sich Beiden gegenüber ein Fenster im zweiten Stock eines Hauses, und eine hustende Stimme ließ sich hören. Müller blickte dahin und grüßte mit der Geberde, daß er eben komme. – Herr Professor Eichhorn aus Göttingen ist hier zu Besuch, sagte er gegen Hermann, dem er jetzt die Hand zum Abschied reichte. Gott behüte Sie, und gebe Ihnen freudiges Gelingen auf Ihrem neuen Posten! Aber vergessen Sie einen alten kranken, traurigen Mann nicht! Besuchen Sie mich manchmal!

Apropos! rief er, und kehrte noch einmal zurück. Nicht wahr, Sie haben sich doch den Genius, den ich Ihnen früher empfahl, angeschafft, und halten ihn fest, der – wissen Sie?

Der den Zeigefinger auf die Lippen drückt, nicht wahr? lächelte Hermann. Ja, Herr Staatsrath! Und die Linke legt er aufs Herz, um anzudeuten, daß unverdientes Vertrauen doppelt heilig zu halten sei!



 << zurück weiter >>