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Buchschmuck

XXVI. Kapitel.
Die Staatsraison

Nun waren Lars und Andersen allein.

Wie er Frithjof so gegenüberstand, der Mann mit den harten Glasaugen, kam er ihm vor, wie die Personifikation der unerbittlichen Ereignisse, die in ihr Räderwerk alles Lebende und Tote einziehen, zermalmen und ungeformt weiterstoßen, einem anderen Getriebe, neuen Ereignissen entgegen. Und Frithjof war es – wie allen Menschen gegenüber der Übermacht der Geschehnisse: Sie sehen, daß es nur der Berührung an einer unbeachteten winzigen Feder bedarf, um dieses Schicksal zum Stillstand zu bringen, dies übermächtige, unerbittliche, all in seiner Gewalttätigkeit. Aber eben diese Stelle ist gerade nicht erreichbar, diese fatale Feder! Gestern war sie's noch, heute nicht mehr.

Hätte sich nicht gerade das Ungeheuerliche eines Krieges schon oft, so oft vermeiden lassen! Und durch eine Geringfügigkeit! Man hat ja Beispiele. Frithjof dachte an jene Umredigierung der Emser Depesche, welche die Sprungfedern zu einem blutigen Bruderkriege zwischen zwei hochstehenden Kulturnationen ausgelöst. Ihm drang eine mächtige Blutwelle zum Kopf, seine Augen füllten sich, er sah rot. Und auf die Gefahr hin, von dem stählernen Arm Lars' niedergeschlagen oder von dem hinter der Tür lauernden Psychiater und seinen Helfern festgenommen zu werden, mußte er sein Werk vollführen, ein Gewalttätiges, endgültig Beschließendes.

»Wenn er ihm nur beikommen könnte! Wenn er ihm nur beikommen könnte!«

Aber Frithjof hatte doch selbst alles so klug und überfein eingerichtet, daß dem Androiden niemand beikommen konnte. Sogar der eigene Schöpfer nicht. – Der Schöpfer seiner eigenen Schöpfung! Am Ende war dies der Kampf der Welten!

Frithjof gab sich verloren. Seine Verzweiflung erreichte den höchsten Grad! Er sah das Volk, in einem Maëlstrom herumgewirbelt, dem verschlingenden Schlund entgegenrasen! Er berechnete Hunderttausende Jahre von Zucht- und Erziehungsarbeit, von Elternsorge, und Hoffnungsringen, die in diesem Blutsumpf ersticken sollten! …

Und draußen stand der Irrenarzt mit der Zwangsjacke.

Das Los eines Volkes abhängig von einer einzigen verdorbenen Puppe! …

Und draußen stand der Irrenarzt mit der Zwangsjacke.

Vor seinen Augen baute sich sein Schicksal auf, erschütternd, dämonisch-gewaltig!

Und alles mußte geschehen, mit der Unfehlbarkeit eines Steinchens, das zur Erde fallen muß!

Es gab kein Zurück, es gab kein Wenn und Aber mehr, nicht die leiseste Möglichkeit, den Lauf der folgenden zehn Minuten abzuwenden. Das Schicksal! Wie ein Ungeheuer wuchs es vor seinen sich verdunkelnden Blicken empor.

Sein Herz krampfte sich zusammen. Er raffte sich auf mit all den Energien seiner Seele, mit allen Kräften seiner geübten Muskeln: Noch ein verzweifelter, gewaltsamer Versuch! Noch einer, – zwecklos, ungeheuerlich, ins Gegenteil überschlagend! Noch ein letzter!

Er wußte, der Sieg hing an einem Haar! Hing davon ab, ob er den kräftigen Androiden früher unterkriegte, bevor man durch den Lärm alarmiert, aus den benachbarten Zimmern zu Hilfe kommen konnte. Mitten unter den wogenden Seelenstürmen der Unentschlossenheit, im Anblick des Abgrundes, der sich vor ihm auftat, überschoß ihn blitzartig ein eherner Willensimpuls: Sich da hineinstürzen, blindlings, kopfüber … in die ungeheure Tiefe des Unglücks! – Er schloß einen Augenblick die Augen. Dann öffnete er sie groß, schnellte empor; die geballten Fäuste erhoben. Er warf sich auf Lars. Schon hatte er den Androiden jählings an der Kehle gefaßt; nicht um ihn zu würgen, nur um ihn niederhalten zu können. Aber mit unglaublicher Elastizität, die an einem lebenden Menschen unmöglich gewesen wäre, schnellte der Minister in die Höhe. Er schnellte empor mit einem Umsichschlagen aller Glieder, einer Gewalt der geschleuderten Körperteile, Kopf, Kniee, Fäuste, Füße, er kam dem schwer atmenden und verwirrten Frithjof vor wie die Explosion eines Menschen. Ein Ringen begann, ein wildes um Leben und Tod! Und um noch viel Schlimmeres. Frithjof, bei all seiner gymnastischen Körpergewandtheit, war doch nicht imstande, gegen diesen stahlharten Körper aufzukommen. Die beiden Leiber schlangen sich wild ineinander; doch noch entwand sich Frithjof mit einem geschickten Ringergriff den Armen des Androiden. Ja, er umfaßte schon den stählernen Brustkorb der bestialischen Maschine, um sie auf den Rücken niederzudrücken; da gelang es Lars, ihn mit einem mächtigen Ruck abzuschütteln und mit jener Wucht von sich wegzuschleudern, die in Frithjof nur allzu lebhaft die Erinnerung an den ersten Zusammenstoß mit seinem Automaten wieder zurückrief. Frithjof stürzte auf die Kniee. Der Lärm eines umgeworfenen Fauteuils, der dumpfe Fall des auf den Boden aufschlagenden Körpers mußte in den Nebenzimmern gehört werden. Im selben Augenblick wurden auch schon die Türen aufgerissen und von zwei Seiten stürmten Leute herbei: Diener von der einen, von der anderen zwei kräftige Wärter, gefolgt vom Irrenhausdirektor. Und schon hatte auch der Direktor mit unglaublicher Behendigkeit die Situation erfaßt; war er doch im Lause seiner Amtstätigkeit noch ganz anderer Herr geworden – gloriose Hauptmomente seines Berufes. Und ganz zufällig erschienen in demselben Augenblick in der zweiten Tür Lydia und ihre Mutter, die eben Lars besuchen wollten. Sie ahnten nicht, daß eine Verzweifelte ihnen auf dem Fuße folgte: Ethel! Sie waren unangemeldet hereingekommen, klopfenden Herzens vom befremdenden Lärm fortgezogen und sollten so Zeugen der Schmach Frithjofs werden. Mama Ehrsam, völlig fassungslos, fühlte sich in wirklich tragischen Momenten ganz untragisch. Es war der Augenblick, da Frithjof in höchster Gefahr schwebte. Lars hatte eben seine eiserne Faust erhoben, um sie mit der Wucht eines Hammers niedersausen zu lassen.

Frithjof sah sich verloren. Nur noch ein Augenblick! Ein einziger! Wie dieser auch immer sich gestalten würde, für ihn war es das Ende.

Die zitternde Ethel sah, wie er ergeben den Kopf zur Seite beugte, um den Schlag an der Schläfe zu erhalten, dann war es ausgekämpft; sie drohte zusammenzubrechen. Aber schon hatte sie sich Lars entgegengeworfen. Und der Geheimpolizist, der dem Irrenarzt als Begleiter beigegeben war, hatte rasch entschlossen den Arm des Ministers, um diesen vor einer Gewalttätigkeit zu behüten, mit einem mächtigen Ruck nach rückwärts gezogen. Andersen kniete noch immer. Er verfolgte mit blitzschnellen Augen, in letzter Verzweiflung, in höchster Anspannung all seiner Aufmerksamkeit und Energie, die Vorgänge, das Erscheinen von Wärtern und Dienern – das Auftauchen, in einer Nebelatmosphäre, von farbigen, seidenrauschenden Frauenkleidern, die herumwirbelten, das Blitzen jener vorquellenden, gierigen Augen des Psychiaters mit seinen Bewegungen eines lauernden Katzentieres, – Frithjof sah Mama Ehrsams Bühnenfigur zu Stein erstarrt und hörte Lydias gellenden Aufschrei – er sah jäh und unvermittelt die Situation sich ändern, eine Möglichkeit der Rettung sich bieten. Mit rascher, zitternder Bewegung umschlang sein linker Arm den Oberschenkel Lars', umklammerte ihn krampfhaft, zog an ihm seinen Oberkörper etwas in die Höhe, wand sich um das Bein, weit genug, um mit seiner rechten Hand unter der Hüfte von Lars jene Schraube zu erreichen, durch die der Organismus sofort zum Stillstand gebracht werden konnte … Jetzt?! … Nur noch der tausendste Teil einer Sekunde?! … Die Finger streckten sich hastig, … erfaßten glücklich die Schraube, … krümmten sich verzweifelt um das Ding … nun drehten sie, drehten mit Hast, … voll Todesangst! …

Schon fühlte er die Arme des Arztes und des stämmigen Wärters um feinen Leib sich legen … schon fühlte er, wie große, kräftige Hände, denen er vergebens widerstrebte, ihn erfaßten, … schon zerfloß alles in ein Chaos, das ihn wirbelnd wegzerrte, wie ein ätzender Nebel ihn auflöste. Aber keuchend, in Schweiß ausbrechend, mit starr hervortretenden Augen, klammerte er sich mit der letzten Kraft der Verzweiflung an das Bein von Lars und wand die Schraube nochmals um und nochmals um. Es war die unbewußte, dumpfe, letzte … allerletzte Anspannung seines Lebensdranges.

Jetzt .. jetzt hatten sie Frithjofs Arm gewaltsam vom Schenkel des Lars losgerissen, wild den Erfinder in die Höhe gezerrt. …

Da knackte etwas! Sie hielten erschreckt inne. – Dann ließ sich ein sonderbares Knarren hören, ein Schnurren wie von tausend Bienen, ein Sausen wie das Abläufen vielrädriger Uhren – die Arme des Lars schlugen leblos herab. Er wankte und, – ehe Lydia, Frau Ehrsam, die herbeispringenden Diener ihn auffangen konnten, – stürzte er mit Krachen schwer zu Boden.

Frau Ehrsam und Lydia kreischten auf.

Ein roter Strom quoll aus dem Munde des Sterbenden und mit ihm eine Flut von Schreckenslauten, jammernde Bitten, sinnlos gesprudelt, Zahlen, gierig geheischt, Liebesgelispel, grausige Flüche, Sündenstammeln, exstatisch geknirscht, und plötzlich dazwischen johlende Burlesken, vibrierende Zötchen. Zuerst kam es klar verständlich aus dem zuckenden, blutgefärbten Munde, doch immer toller und toller überhasteten sich die Laute, die Wortverschlingungen – dann ward es ein wütendes Stammeln, Beben und Pfauchen, sinnloses Schnurren! Erst war's ein Pferdegetrapp menschlicher Rede, dann wurde aus dem Galopp die polternde, rasselnde, schrillende Flucht einer durchbrennenden Lokomotive! Und immer rascher und rascher surrten die Worte, schlappten die Lefzen, schwirrten die Wangenmuskeln. Es war das Ausschwärmen erstickender Empfindungen, todzuckender Leidenschaften, die Entgeistung des Geistes, das Erbrechen einer ganzen Denkkraft, Welten, die sich entseelen! – Genau, wie bei Ertrinkenden oder Abstürzenden: Die Gespenster der Seele, im Blitzesfunkeln der Sterbesekunden, feiern Auferstehung; Jugenderinnerungen leuchten grell auf, sie verschwinden; Verwundenes wird wunderlich lebendig, Eingerostetes macht sich frei; mit erstaunlicher Leichtigkeit zaubern schöpferische Kräfte Gestalten aus dem Traumdunst, Ungeheuerliches ballt sich körperstrotzend aus Nebeln, brodelt farbenschillernd empor: ein ganzes Menschendasein in einem Augenblick.

So tat auch der Automat. Er gab die Seele auf, die ganze Seele im Blutsturze flüchtiger Sekunden. Das Werk war abgelaufen.

Alle waren entsetzt. Das Ungeheuerliche, das Unerklärliche packte sie mit Grauen.

»Mörder,« schrie der Geheimpolizist, indem er Frithjof festhielt und in verzehnfachter Strenge eisern dessen Handgelenke umklammerte. Der Arzt aber ließ den Verbrecher sofort los, um auf die am Boden liegende Exzellenz zuzustürzen, Hilfe zu bringen. Er beugte sich nieder, suchte den Puls, tastete, spürte, neigte aufmerksam den Kopf! Die Ader schlug nicht. Das Gesicht des Daliegenden wurde blau und blauer. Der Arzt schüttelte den Kopf … War es ein Schlaganfall? Ein Blutgefäß irgendwo gerissen? ….

Plötzlich zuckten alle nochmals jäh zusammen. Eine Lache prasselte auf. Es war der Tote. Es begann mit einem Kichern und wurde immer mehr das alte rohe Lachen – und wurde lauter und lauter, erfüllte das Kabinett und die Vorzimmer des Ministeriums, schallte über alle Treppen und durch alle Winkel, und klang lang und mächtig aus – Es war als gelle es hinaus über die Stadt, über die Lande! Ein Hohnlachen über die Gesellschaft, den Staat, alles Lebende! Frithjof erschauerte: In diesem Lachen des Androiden war der Menschheit ganze Hölle aufgeprasselt!

Der Arzt kniete nieder neben dem Daliegenden, fühlte mit zitternder, forschender Hand nach dem Herzen? – Still! – Er riß den Kragen auf, die Weste, das Hemd . . . Durch den verzweifelten Kampf war die Haut am Leibe des Automaten geplatzt. Der Arzt öffnete groß die Augen! War er selbst reif geworden für seine Anstalt? Das Haar sträubte sich auf seinem Kopfe, die Augen traten blutrünstig hervor, ein Wirbel erfaßte sein Hirn, sein Wahnsinn war ausgebrochen: Er starrte in ein geborstenes Stahlgehäuse ….

Der hochmögende, großmächtige Herr Minister lag auf dem Boden – die heilige Staatsraison, der Staat …

Ein Räderwerk quoll ihm aus dem Bauche. …

Buchschmuck


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