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Buchschmuck

XVI. Kapitel.
An der Wende

Unterdessen hatte sich Andersen mit Feuereifer der Fruktifizierung seiner Erfindung zugewandt. Ein Konsortium war gebildet, an dem Woppl in erster Linie beteiligt war. Die Vorführung des Automaten sollte in feierlicher Sitzung geschehen.

Andersen und sein stummer Diener hatten alles vorbereitet, um einen möglichst günstigen, einen verblüffenden Eindruck hervorzurufen. Andersen hatte mit Gunnar in den letzten Tagen fleißig am Androiden gearbeitet und noch verschiedene vermenschlichende Kleinigkeiten hinzugefügt, die kleinsten die wichtigsten. Wegen des Erfolges war er in größter Aufregung. Bald war er strahlend und siegesbewußt, bald tief niedergeschlagen. Seine ganze Zukunft, sein Glück lag in dieser Karte. Er hegte gegen Gunnar ein nagendes und leider wohlbegründetes Mißtrauen, denn während er durch Unfall und Liebesabenteuer länger im Gebirge zurückgehalten worden war, als er beabsichtigt, hatte Gunnar sich den Ausschweifungen seiner Quartalstrunksucht ergeben. Frithjof traf ihn bei seiner Rückkunft in einem Zustand unglaublicher Verwahrlosung. Und dann hat man doch schon erlebt, daß solche Debuts verunglücken und das ganze Unternehmen in Mißkredit bringen. Er erinnerte sich an Fulton! Fulton im Hafen von New-York von der skeptischen Menge ausgepfiffen, weil unglückseligerweise ein Schräubchen an seinem Dampfschiff losgegangen war und die Maschine nicht mehr funktionierte. Ein Schräubchen an einem Schiff, das tausend wichtigere Teile besaß! Lächerliche Ursachen, infernalische Wirkungen! »Die Logik der Menschen reagiert so leicht auf die oberflächlichsten und täuschendsten Eindrücke, sie funktioniert so mechanisch und dabei so falsch, daß ein Ingenieur sich schämen würde, eine so schlechte Maschine wie den Menschen konstruiert zu haben. O, wie oft wird mit Schlagworten, die Leerworte, und mit Heroen, die Atrappen sind, die Welt regiert!« sagte sich Andersen in seiner bangen Erwartung.

Doch gab es auch Momente der Siegesgewißheit. »Die Haut ist dem Fabrikanten sehr gut gelungen!« rief der Erfinder erfreut aus, als er sie über seinen Androiden gezogen hatte. Und als ihn Gunnar durch ihre gemeinsame Zeichensprache darauf aufmerksam machte, daß die blutähnliche Flüssigkeit, die durch zahllose Röhrchen unter der Haut verteilt war, und durch einen mechanischen Druck an einer Stelle gegen Wangen und Stirne gepreßt wurde, zwar ziemlich getreu wirkte, daß aber die Blutzirkulation sich doch nicht so einrichten lasse, um immer im Einklange mit den Worten und Handlungen des Androiden zu bleiben, lächelte Andersen und meinte:

»Wir verkehren doch alle Tage mit Leuten, die öfters mehr oder weniger rot werden, ohne daß wir gerade wissen warum, die also gar keinen offenbaren Grund haben. Achtzig Prozent unserer Handlungen und Worte sind unlogisch und unrationell, und darauf rechne ich bei der Wirkung meines Androiden.« Er vergewisserte sich auch, ob die Haare, die auf einer Gummiunterlage angebracht waren, jene geringfügige Beweglichkeit besitzen, welche natürliche Haare durch die Kopfhaut beim Sprechen oder Agieren erhalten.

Wenn wir die Türe öffnen, wissen wir nicht, welchem Schicksal wir sie öffnen. So ahnte auch Andersen nicht, für welches entscheidende Ereignis er sie zurechtfeilte, als er an einer Stelle unter der Perücke in die Schädeldecke eine abnehmbare, mit vier Schräubchen befestigte Klappe sehr fein und genau einpaßte. Die hatte er so eingerichtet, um am Hirn des Androiden je nach Bedürfnis Rädchen und Walzen zufügen oder auswechseln zu können. Wie er schon im Gebirge Woppl erklärt hatte: »Ich sagte Ihnen ja, ein Witz pro 14 Tage genügt, also 25 im Jahre und 250 in 10 Jahren. 250, die gehen genau auf die Phonographenwalze eines Fingerhutes. Es ist eben der Edisonphonograph in bedeutend verkleinertem Maßstab. Nach 10 Jahren kann man die Walze umtauschen.«

Und eben für diesen Umtausch hatte er den bequemen und so wichtigen Zugang durch die Schädelplatte offen gelassen, der später noch für ihn verhängnisvoll werden sollte.

Es war ein überaus feines Räderwerk, an dem er wie die Uhrmacher mit einem Vergrößerungsglas jahrelang gearbeitet hatte. Alles war zart und gelenkig, mit dünnen, haarfeinen Spiralfedern versehen, die an Unruhen angriffen und diesen ein ständiges Leben verliehen. Kleine Anker und Speerhäkchen bildeten Hemmungen, die den hin- und herschwingenden Unruhen das Maß der Zeit, des überlegten Geschehens erteilten. Er pflegte dabei oft zu sagen: »Es ist genau wie in einem Menschenhirn. Wie oft kommt es vor, daß wir eine Handlung vornehmen sollen und uns dazu nicht aufschwingen können? Wie oft bemühen wir uns aus einem guten Freund oder einer Freundin eine Antwort herauszupressen, die sie gerne geben möchten, aber nicht geben können, weil ihnen durch eine unerklärliche Hemmung Wort und Tat versagen. Hemmungen! In diesem Wort liegt der halbe Mensch. Es existieren im lebenden Organismus, im Hirn, in den Nerven rein mechanische Hemmungen, die die Pforten des Lebens verriegeln; so bewirken sie oft unser Schicksal! …

Ebenso wie im Hirn das Maß der Zeit von selbst fortläuft. Es ist ja eine alte bekannte Erscheinung, daß man zu einer bestimmten Zeit aufwacht, sobald man sich dies abends vorher fest vorgenommen hat. Das Gehirn funktioniert während des Schlafes unbewußt wie der feinste Chronometer. Hat das nicht den Anschein, als ob im Weltall eine Riesenuhr hinge, die herrliche Sonne als Riesenpendel, mit der alle Organismen unbewußt und einheitlich den gleichen Pulsschlag des Lebens schlagen! Als ob alle Wesen und alles Geschehen im einheitlichen Rhythmus eines Webstuhls gewebt würden – und daher in allen und allem das gleiche Gefühl der Zeit, der Welteneinklang! Vom Sperling angefangen, der mit dem Erscheinen der Sonne lebendig wird, und mit ihrem Untertauchen unter den Horizont zur Ruhe geht, bis zum Menschen, der zur vorgefaßten Stunde erwacht?« …

An Stelle der Gefühle hatte Andersen dafür gesorgt, daß eine kleine phonographische Walze alle die schönen Redensarten enthielt, mit denen man Karriere macht, die edlen Empfindungen, die auf ihr Recht pochende Überzeugung, den unentwegten Mannesmut, Königstreue und Vaterlandsliebe, Gottesfurcht und Biederkeit, – alles schauspielerisch abschattiert in vieltönigen saftigen Phrasen, mit Sopran- und Altschattierung.

»Kein einziges jener Worte fehlt, mit denen man nichts beweist, aber viele überzeugt, und jeden zum Schweigen bringt,« pflegte Andersen zu rühmen.

»Hauptsächlich auf das Sprechorgan habe ich's abgesehen. Worte, nichts als Worte! Daraus besteht der ganze Mensch. Was verschafft dem Abgeordneten sein Mandat? Was erwidert der Staatsmann auf begründete Interpellationen, auf schwere Klagen, auf das Flehen der Enterbten, den Jammerschrei der von der Justiz Gequälten? Wodurch täuscht er ganze Völker über die Unhaltbarkeit seiner Politik, über die Leere seiner Ideen? Was kompiliert der Professor in seinen Vorträgen? Was gibt ihm Ansehen und Leuchtkraft? Hall und Schwall! Was knistert und pispert aus Milliarden von Zeitungsblättern alle Morgen auf den Frühstückstischen der Leser? Was ist das Aufregende in den Artikeln über Dinge, die der Redakteur nie gesehen, der Schreiber nie verstanden, die gedanken- und gefühllos hingeworfen wurden? Was bauscht sich und rauscht und donnert aus den Wogen dieses Papiermeeres, dieser Druckerschwärzeflut als Wahrheit, Erkenntnis, Gerechtigkeit, voll und hoch und immer im tobenden Gegensatz zu den Blättern der andern Parteien? Hall und Schwall!

Darum habe ich den Androiden mit zwei Meistereigenschaften ausgerüstet! Wie man von Briefen das Sprichwort hat, man solle keinen schreiben und keinen vernichten, so besitzt mein Android die zwei Tugenden: Reden und Schweigen. Er spricht, um zu betäuben und irrezuführen! – Er redet, um zu verschweigen, – er schweigt vielsagend!«

Eben so große Aufmerksamkeit hatte Andersen einem anderen System von Walzen zugewendet, das im Hinterkopfe lag, als einen Ort für das Organ der Energie. (Er hielt sich, nebenbei gesagt, mit Vorliebe an die anatomische Ordnung, damit, wenn er einst gestorben wäre, bei nötigen Reparaturen sich auch fremde Mechaniker leicht herauskennen sollten.) Dieses Zentrum der Bewegungen und Handlungen hatte eine besondere Anzahl von Jahren in Anspruch genommen und war in hohem Grade durchdacht, mehrmals umgearbeitet und mit einer außerordentlichen Feinheit vervollkommnet. Da war zuerst die uhrwerkmäßige Einrichtung der Handlungen während des Tages; das Sichausstrecken in horizontaler Richtung am Abend; das automatische Selbsterheben am Morgen, nach der Belichtung durch die Sonnenstrahlen, die auf Selenzellen wirkten und elektrische Ströme auslösten; das Einnehmen von Nahrung, deren chemische Verarbeitung usw. Einen Teil der Vorgänge während der Verdauung hatte er Vaucansons fressender Ente in Helmstedt abgelauscht, einen großen und wichtigen Teil aber selbst erdacht, und diesen in strengster Weise geheim gehalten. Insbesondere aber gingen von diesem Zentrum eine große Anzahl Bewegungen aus, wie das Sichsetzen oder Aufstehen, das Aufsetzen eines Hutes, das Einnehmen verschiedener Stellungen und vor allem die Beherrschung des Gleichgewichts.

Es ist bekannt, daß man Torpedos durch eine selbsttätige, in Drehung befindliche Pendelvorrichtung die Eigenschaft erteilt, sich nach jeder Richtung hin selbst zu regulieren. Besonders aber, daß sie die Tiefe, in der sie unter dem Wasserspiegel schwimmen und die Richtung ihrer Fahrt selbst aufs Genaueste bestimmen und festhalten. Das Gesetz der Rotation und der Zentrifugalkraft gibt ihnen Wille und Ziel. Alle diese Vorrichtungen hatte Andersen zu einem unvergleichlichen System für die aufrechte Haltung seines Androiden ausgebildet.

Es gab überhaupt kaum ein Claim der Physik und Chemie, das er nicht nach jeder Richtung hin durchschaufelt hätte. Insbesondere hatte er die Originalschriften aller großen Forscher gelesen und sich ihre geheimsten Gedanken und Absichten zu eigen gemacht. Seine Arbeiten waren die Essenz aus den Lebensarbeiten, die Ausgeburt aus den Hirnen der tausend Genies aller Zeiten. Dabei war er zur Überzeugung gekommen, daß eigentlich alle unbewußt an einem gemeinsamen großen Werke schüfen, an dem künstlichen Menschen! An der Neugeburt des Menschen aus dem Hirn heraus! Genau wie bei den alten Griechen die Geburt Athenes aus dem Haupte Jupiters! Sie suchten alle Erscheinungen in das Auffassungsvermögen des menschlichen Denkapparates hineinzuzwängen und gaben den so gefaßten Erscheinungen den Namen Naturgesetze. Sie suchten den geheimnisvollen Untergrund des Lebens, der Welt im fließenden Spiegel des weichen, bildsamen Menschenhirns zu fassen. Und da regt sich nach der Schöpfungserkenntnis der Schöpferdrang, und alle ihre Tätigkeiten münden in den künstlichen Menschen. Andersen hatte nur die Summe gezogen.

Die Schwierigkeit, die Bewegungen des Androiden vollkommen selbständig und zugleich äußerst natürlich zu gestalten, war ungeheuer. Jeder andere hätte sich abschrecken lassen. Andersen dankte seinen Erfolg einzig seiner systematischen Natur. Er ging von einem Grundsatz aus und ließ sich dann durch eine methodische Entwickelung, der er weitesten Spielraum gönnte, immer weiter führen. Die Grundlage, auf der er baute, war folgende.

Er sagte sich, ich mache mir einen Menschen, der ein ganzes Theaterstück, wie beispielsweise die Rolle des Kaufmanns in Björnsons Fallissement von Anfang bis zu Ende abspielt. Das läßt sich leicht erreichen. Reden, Handlungen und Bewegungen sind gegeben. Da jeder Mensch den andern beeinflußt, so ist leicht vorauszusehen, daß ein Android, der nach einem bestimmten Gedankengang spricht und handelt, die ihn Umgebenden mehr oder weniger zwingen wird, auf seinen Gedankengang einzugehen. Es entsteht dann unwillkürlich eine Art Zusammenspiel, bei dem der Android die führende Rolle hat. Und er behält diese um so mehr, als er um keinen Preis von seiner Handlungsrichtung abzubringen ist.

Nachdem dies gelungen war, erweiterte Andersen das Tätigkeitsgebiet seines Automaten, ließ ihn auf Reihen unzähliger Einflüsse reagieren, hierbei kamen ihm viele von den modernen Erfindungen sehr zu statten. Schon die Phonographenwalzen allein waren eine Quelle der verblüffendsten Wirkungen. Dazu gesellte sich das Mikrophonblättchen des Fernsprechers. Das Mikrophonblättchen, das durch die Schallwellen jedes Wortes eine bestimmte Anzahl von Schwingungen erhält, wurde von ihm in der denkbar mannigfaltigsten Weise benützt. Diese Blättchen schlossen oder öffneten durch Berührung mit einem anderen Blättchen einen Kreis, durch den der elektrische Strom floß, der dann eine bestimmte Kombination von Bewegungen hervorrief. Die Blättchen waren wie Stimmgabeln auf ganz bestimmte Schwingungszahlen abgestimmt, sie vermittelten den Einfluß des Gehörs auf Bewegungen und Antworten. Sie waren die Stimmgabeln der Stimmungen! »Sollte der Mechanismus jemals in dieser Beziehung verdorben werden,« meinte Andersen, »so würde er sich kaum von dem Menschen unterscheiden, der Halluzinationen unterliegt, indem er laut gesprochene Worte zu hören glaubt, während in Wirklichkeit diese Worte nur durch krankhafte Reize in seinem Hirn selbst entstehen. Bei ihm wird der innere Apparat, statt nur auf eine äußere Anregung zu reagieren, durch falsches Ineinandergreifen schadhafter Teile in Schwingung versetzt, eine falsche Funktion wird ausgelöst!« …


So war der Tag der Vorführung herangekommen.

Die Herren hatten sich's im Bureau Andersens bequem gemacht. Der Bankier von Holthoff warf sich, von der Ecke des alten Plüschsofa aus, zum Wortführer auf, gestützt auf Woppl, der neben ihm auf dem Fauteuil saß. Wie immer hielt dieser zur Partei des Stärkeren. Viel bescheidener, wenn auch mit ausgesprochener Entschiedenheit, verhielt sich der Bankier Blankenstein, Chef des bekannten Hauses Blankenstein & Sohn, deren Spezialität eigentlich Bergwerke und Textilindustrie waren. Wie der andere mit dicker goldener Kette, schweren Berlocks, Brillantringen, bunten Westen protzte, so legte er seinen Prunk in die größte Einfachheit. Aus der Armut emporgekommen, vermied er ängstlich den Parvenu; dieselbe Klugheit und Mäßigkeit, die ihn hoch gebracht hatte, verdoppelte er auf der Höhe.

Man war sehr gespannt, ob der Android den Eindruck einer jener Puppen machen würde, die mühsam einige Töne hervorbringen. Woppl konnte die Herren in dieser Beziehung beruhigen, indem er ihnen von der verblüffenden Natürlichkeit jenes Kopfes erzählte, den er in der Nacht gesehen; man diskutierte, ob man bei den Bewegungen das Knarren der Maschinerie hören würde, und vieles andere. Trotz der allgemeinen Redensarten war man doch auf etwas Außerordentliches gefaßt, und die Zurückhaltung und das Stottern, mit dem man sich äußerte, bewies, daß man nicht eine halbe oder gar eine ganze Million auf den Tisch legen würde, wenn man nicht das Unerhörte, das noch nie Dagewesene dafür eintauschen konnte.

Die beiden Herren Bankiers und die zwei Fabrikdirektoren hatten sich bereits große Hoffnungen gemacht; es wurde lebhaft debattiert über die Art und Weise, aus dem Automaten möglichst viel Geld zu schlagen. Von Holthoff wollte durch eine verblüffende Reklame das Publikum der ganzen Welt zuvor ein Jahr lang in Spannung halten und den Automaten erst bei der nächsten großen amerikanischen Weltausstellung vorführen. Ein hoher Eintrittspreis würde das unerreichte Wunder der Technik zu einem sehr lukrativen Ausstellungsobjekt machen. »Entree 'n Dollar! Was spielt das bei den Amerikanern für eine Rolle, 'n Dollar?!« plaidierte Holthoff.

Blankenstein jedoch erklärte sich gegen die Zeitungsreklame und auch dagegen, erst mit der Ausstellung zu beginnen. »Ich sehe,« sagte er, indem er mit dem Silberstift seiner Chatelaine spielte, »nach der Beschreibung des Erfinders ist das Werk vor allem eine wissenschaftliche Tat ersten Ranges. Dem entsprechend müßten wir auch die Sache mit Vornehmheit behandeln und sie zuerst den Universitäten vorführen. Wir müssen berühmte Fachgelehrte damit beschäftigen, damit es nicht den Anschein habe, als ob wir uns mit einem plumpen Machwerk à la Barnum abgeben, wie deren Tausende existieren. Erst wenn die Wissenschaft unsere Erwartungen bestätigt, dann können wir an eine weitere Ausnützung auf Ausstellungen denken. Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich mich mehr aus Liebhaberei und ihres geistigen Wertes als des Geschäfts wegen für die Sache interessiere.«

Der Fabrikdirektor Walter, ehemaliger Professor der Elektrizität an der technischen Hochschule in Zürich, teilte dieselbe Meinung, er sagte: »Die Betonung des rein Maschinellen im Menschen, die Zusammenfassung unserer chemischen und physikalischen Kenntnisse in einem einzigen künstlichen Wesen erscheint mir von weittragender Bedeutung nicht für die Wissenschaft und Technik allein, sondern überhaupt für unsere ganze Auffassung von Natur und Leben. Sie wissen, daß es den Chemikern nach und nach gelungen ist, eine Reihe Stoffe künstlich herzustellen, von denen man ursprünglich annahm, daß sie nur durch einen lebenden Organismus, nur durch die Wirkung der sogenannten Lebenskraft hervorgebracht werden. Dieser Glaube an eine besondere Lebenskraft, die außerhalb unserer anderen Naturgesetze liegt, ist Schritt für Schritt erschüttert worden durch neue Entdeckungen. So ist es heute möglich, Harnstoff künstlich herzustellen, ohne Lebenskraft, Alkohol statt aus vegetabilischen Stoffen aus einfacher Kohle zu erzeugen, auch die künstliche Synthese des Eiweißes ist mehr oder weniger auf dem Wege des Gelingens.«

»Sie erwarten wohl,« unterbrach ihn spöttisch Direktor Kunow, »daß es möglich sein wird, ein lebendes Wesen, eine Keimzelle künstlich herzustellen?«

»Mißverstehen Sie mich nicht!« erwiderte Professor Walter geduldig und ohne die Stimme zu steigern. »So weit gehe ich nicht. Ich bin nicht, was man heute aus Dummheit mißachtlich einen Materialisten nennt. Aber Sie werden mir zugeben, je mehr Erscheinungen des lebendigen Organismus wir mit den gewöhnlichsten Gesetzen der Chemie identifizieren können, desto reicher werden unsere Kenntnisse. So ein Automat, der uns alle Erscheinungen des Lebens künstlich vortäuscht, ist ein wichtiges Mittel, um das rein mechanische und chemische im Menschen von dem eigentlichen Seelengehalt zu scheiden. Der gewöhnliche Laienverstand, ja auch der profundeste Gelehrte, in dem immer noch ein starkes Stück Laie steckt, vermag dann besser die Grenzen zu fassen zwischen dem, was Seele und was reine Mechanik im Menschen ist. Gestehen Sie selbst, daß wir, die wir täglich mit Abstraktionen zu tun haben, doch noch nicht scharf genug wissen, wie viel an unserem Denkapparat reine Maschine ist.«

»Der Automat soll wohl,« fiel der andere ein, »die Gottähnlichkeit des Menschen leugnen?«

»Keineswegs, er soll nur, – wenn ich Ihre Ausdrucksweise gebrauchen darf, die mir, verzeihen Sie, etwas veraltet vorkommt, – im Menschen das Irdische vom Göttlichen trennen. Ich sagte, daß mir Ihre Ausdrucksweise etwas veraltet vorkommt, denn tatsächlich wüßte ich nicht, warum die Materie in dem Kolben eines Chemikers weniger göttlich sein sollte, als die Seele? Göttlich und irdisch sind verschimmelte und verwesende Begriffe einer gestorbenen Weltanschauung, die mit Gott und der Erde nichts zu tun haben; sie strömen für den modernen Menschen einen unerträglichen Zersetzungsgeruch aus.

Diejenigen, die nichts gelernt haben, suchen mit diesen Worten ihre Unwissenheit zu überblenden. Gehört doch alles, was die Welt durchwebt, gleichmäßig in eine einzige göttliche Ordnung hinein, und niemand hat eine Seele ohne Materie gesehen. Zum mindesten schlottert uns Sterblichen allen um all unser Seelisches und Geistiges der verwundbare und digestionsschwere Fettwanst der Materie. Die beiden müssen doch wohl zusammen gehören! Seele und Materie sind nur zwei Seiten einer Sache. Wenn Sie ein Haus von der Seite seiner rückwärtigen schwarzen Feuermauern ansehen, ist es nicht dasselbe Haus voll Licht und Luft, das Sie vorne mit seiner künstlerisch aufgebauten eleganten Fassade und den großen Fenstern bewundern?! Was Sie Materie nennen, ist nur die Feuermauerseite der Seele. Derselbe Kohlenstoff, der Ihnen in Ihrer Kohlenkammer nur ein totes schwarzes Stück Stein zu sein scheint, ist im Kessel der Lokomotive treibende Kraft, welche die feurigsten Pferde an Schnelligkeit und Ausdauer übertrifft, derselbe Kohlenstoff ist in den Schenkeln Ihrer Renner vor Ihrer Equipage Muskelstramme und Behändigkeit, ist in Ihrem Hirn geistige Energie und Denkkraft. Mit Kohlenstoff, Wasserstoff, Eisen, Schwefel, Phosphor denken Sie, lieben Sie, schwärmen Sie. Genau so, wie Sie mit diesen Stoffen Ihre Maschinen konstruieren, Ihre Fabriken treiben, Häuser errichten oder Kanonen abschießen. Heut ist uns dies Stück nur Materie, morgen ist es uns Geist! Und übermorgen ist es uns unzweifelhaft wieder nur Materie!« …

»Entschuldigen Sie,« unterbrach ihn Herr von Holthoff, »wir wollen keine akademischen Kurse, wir stecken in die Sache Geld und wollen aus ihr nichts weiter als Geld!«

Woppl, der tiefsinnig neben den Herren stand, wie einer, der seine eigene Meinung hat, nickte ihm zu. Er hatte alles verstanden, er hätte auch mit den Herren stundenlang debattieren können voll gespannten Interesses. Aber praktisch, das fühlte er, konnte er nichts besseres tun, als sich der Ansicht jenes Herrn zuzuneigen, der am energischsten das Wort Geld aussprach. Er hatte sichere Sympathien nach dieser Richtung hin; »schon seit meiner Geburt an, wo ich mich in die rechte Wiege eingefunden habe,« pflegte er zu sagen. Er konnte sich ruhig der Flut der Ereignisse überlassen: Herr von Holthoff, das war sein Steuermann! …

Endlich öffnete sich die Tür, und Andersen, von Gunnar unterstützt, brachte eine lebensgroße Figur herein.

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