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Buchschmuck

XXI. Kapitel.
Wonnemond

»Am Ende hängen wir noch ab
Von Kreaturen, die wir machten.«

Goethe.

Frithjof verließ das Haus und wanderte durch den Königlichen Park. Was er in den letzten Stunden erlebt hatte, war zu aufregend gewesen. Inhalt und Erfahrung eines ganzen Lebens waren umgestürzt! Überhaupt, alles kommt ihm fürchterlich verändert vor. Daß ein Mechaniker, der eine Maschine baut, zu seinem Werkstück in dieses komische und unglaubliche Verhältnis, geradezu in Abhängigkeit geraten könne, war ihm noch immer unfaßbar. Aber so weit er es faßte, von einem unendlichen Humor. Er kam sich vor wie der Zauberlehrling, der den tückisch gewordenen Besen nicht mehr meistern kann. Jetzt konnte er sich so recht in die Seele dieses überwitzigen Jungen hineindenken: Die höllischen Blicke, die fürchterlichen Geberden! Wahrhaft bange konnte es einem werden.

»Ja, wir Meister des Geistes!« seufzte er. Die Gedankenbahnen, die der Schullehrer in den Köpfen der Menschen furcht, diese Gedankenbahnen sind unsere Schöpfung. Die Mathematik des Kaufmannes, die Geometrie des Baumeisters, die Maschinen des Industriellen, die Kunst, sich aller Hilfsmittel der Technik zu bedienen, sind unsere Schöpfungen. Der Bäcker kann nicht einen Gedanken denken, der Offizier nicht eine Flugbahn abschätzen, der Ingenieur nicht eine Böschung aufzeichnen, die wir nicht vorgedacht, vorberechnet, vorgezeichnet haben! Ihre Empfindungen, Gesinnungen, Tätigkeiten und Taten, ihre Weltanschauung und ihren Gottesglauben haben wir geschaffen. Sie arbeiten mit Liebigs, Faradays, Siemens Gedanken, lieben mit Goethes oder Heines Gefühlen, begeistern sich mit Schillers Feuer, sterben in den Schlachten mit Körners Vaterlandsliebe, brennen elektrische Lampen mit Edisons Naturkenntnis, sehen die Welt mit den Augen von Kant und Schopenhauer, ihr Gott ist der Gott Mohamets oder Mosis, sie leiden den Kreuzestod mit Christus und sind Gottessöhne und Menschensöhne nur durch ihn – mit einem Wort, diese Leute, die man beneidet, wenn sie äußere Erfolge, Titel, Goldtressen, Geld haben, sind nichts als unsere Maschinen, unsere Automaten! – – –

Am Ende ging es in der Welt immer so zu: Das Werkstück entwindet sich den Händen des Meisters, seinen Lehrer läßt der Schüler hinter sich. Und der Applaus der Welt gilt Figuren und Fratzen, die nichts Eigenes, nichts Menschliches an sich haben, an denen jedes Auge von einem anderen Glasschleifer, jeder Zahn aus einem anderen Atelier, jedes Haar aus einem anderen Perückenladen stammt! Und am Ende erfüllte die Welt ein richtiger Instinkt. Denn schließlich sind Charakter, Herz, Gemüt Eigenschaften, die die alten Dichter und Moralphilosophen zwar mit Recht beweihräuchern, aber doch immer nur bei der unrechten Gelegenheit! Sie kommen mit ihren törichten sittlichen Anforderungen immer dort, wo vernünftiger- und göttlicherweise nur Logik und Mathematik am Platze sind. Es gibt keinen Chirurgen, der mit ›Charakter‹ ein Bein schneidet, keinen Ingenieur, der mit ›Herz‹ einen Brückenbogen spannt, keinen General, der mit ›Gemüt‹ seine Schnellfeuer-Geschütze abschießt! Unsere Erzieher aber sind leider Chirurgen, Ingenieure, Generale dieser Sorte, sie lehren uns schneiden, spannen, schießen, das Leben und seine Verhältnisse durchkämpfen mit Charakter, Herz und Gemüt … Lars hat recht. Der Sinn dieser Welt ist nicht Gerechtigkeit, sondern Gesetzmäßigkeit. Der Sinn dieser Welt ist die Maschine, die Formel! Der Sinn dieser Welt ist »H 2SO 4

Noch grausamer war, was er an Lydia hatte erfahren müssen! Sie, aus deren Treue, auf deren Gemüt er Eide geschworen, sie hatte sich entpuppt als …. er wagte nicht einmal zu sagen, als herzlos. – Ihr Charakter war ein unbeschriebenes Blatt geblieben, das sie jedem hinreichte, damit er aus seinen Erfahrungen irgend einen eitlen Trieb, ein Lasterchen hinkritzle. Wenn alle diese Kritzeleien, die Erfahrungen eines halben Lebens darauf verzeichnet sein werden, das dürfte ein hübsches Seelenstück geben! Sie wird dann reif und geformt sein, ein Prachtstück von Menschenkind! Mama Ehrsam wird weit hinter ihr im Schatten bleiben!«

Und plötzlich fiel sein Gedanke auf Ethel. Ob Ethel am Ende nicht genau dasselbe war? »Täuschungen, nichts als Täuschungen!« Wer sollte sich da auskennen? Am Ende war Ethel genau die Mutter, genau die Schwester, »dieselbe Farbe wie Mama, nur etwas hellere Nuance.«

Er verlor alles Vertrauen in die Welt und noch mehr in sich selbst! Er hatte alles so falsch beurteilt! »Von Kindesbeinen an! Das war diese verwünschte Erziehung, die einen unaufhörlich mit Märchen überfüttert! Und ein Mann braucht 30 Jahre, um darauf zu kommen, daß man ihn auf falsche Fährte geführt!« Das Bild vom Leben, das man ihm in seiner Jugend gegeben, war durch und durch Lüge und Täuschung. Die Welt war im vorhinein verfahren. Alles ging auf dem Kopfe. Die Leute, die vor ihm die Allee hinunterschritten, das waren Leute, die auf dem Kopfe standen und aus den Händen gingen. Und an der Equipage, die eben über den Kies des mittleren Weges rollte, saßen die Pferde auf den Seidenpolstern – blaue Seide! – prachtvolle, pralle Pferde, mit glänzenden Schenkeln, sie fuhren spazieren. Sie machten dabei, weil es ihnen nach der Mast und Ruhe im Stall besonders wohl tat, ein wenig gymnastische Zugübungen. Und vorn im Geschirr schwitzten Menschen. Ja Menschen! Wenn es die Equipage eines Fabrikbesitzers, eines Spekulanten in Industrieaktien, eines Gutsherrn war, dann wurde sie von hundert oder tausend Arbeitern gezogen, jenen, die den Hafer für die edlen Rosse erarbeiteten; die Menschen, die gingen im Geschirr. Und jetzt fiel Frithjof ein, daß in der Camera obscura des Menschenauges, auf der Retina, alle Erscheinungen sich umgekehrt, kopfabwärts, abkonterfeien. Auf seiner Netzhaut gingen die Menschen wirklich auf dem Kopfe. Nur das Hirn hatte die vertrackte Leidenschaft, diese richtigen Bilder wieder auf die Beine zu stellen! – »Ach, diese Natur, die sich unaufhörlich dreht und schlingt und verschränkt, um sich zu berichtigen, endlos und unaufhörlich zu berichtigen! Diese Natur, die sich verzweifelt um die Wahrheit windet!«

Dieser Gedanke, der in Frithjof wie eine neurasthenische Gereiztheit sich einbohrte, wurde glücklicherweise unterbrochen durch das Gefühl einer übergroßen Freude: »Wenn Lydia auf seinen Vorschlag einging! Dann war er in wenigen Wochen oder Monaten wieder Herr des Androiden! Alles hing von Lydias Lasterhaftigkeit ab!« Frithjof rieb sich die Hände. O, ihrer war er sicher!

»Dann wird alles, alles wieder anders!«

Doch kamen ihm schwere Bedenken: »War es auch recht, was er tat? Schließlich war es nicht mehr sein Automat, gegen den er ein Attentat vorhatte, es war Lars, eine Persönlichkeit! Nahezu ein Mensch, wie er selber! Ein Mann in den besten Jahren, in guter Situation, verlobt. Ein Mechanismus, gut! Aber hängen nicht jetzt Tausende von Existenzen von ihm ab? War nicht sein Schicksal ein lebendiges für zahllose Menschen geworden, ein Geschick? Lächerlich! Und doch so amüsant wahr! Diese Puppe teilt am Ende gar noch das Los der Könige. Wir machen sie, machen sie hoch, groß, glanzvoll, mächtig, und je großer, glanzvoller, mächtiger wir sie machen, desto inniger verflechten wir das Schicksal von Millionen mit den Zufälligkeiten dieser einen Puppe.« War es eine Art Gewissen, das in ihm erwachte? O, er war zu gewissenhaft! »Es ist unglaublich,« sagte er zu sich selbst, »aber so ist die Entwickelung der Dinge überhaupt. Zuerst stehen sie uns fremd gegenüber, unsere Beziehungen sind mechanische, es steht uns frei, diesem oder jenem Menschen etwas Gutes zu tun oder es zu unterlassen, die Welt ist offen. Aber haben wir uns einmal mit den Dingen und Menschen eingelassen, dann wachsen sie, sachte, sachte, über unseren Kopf! Aus unseren Gefälligkeiten werden Verpflichtungen. Der oder jener, dem wir gestern eine Gabe schenkten, fordert sie heute als Gewohnheitsrecht, morgen unter Drohungen und übermorgen sind wir dem Richter verfallen, wenn wir uns das nicht erzwingen lassen, was wir noch vor kurzem freiwillig gewährten! Der alte Goethe hatte doch recht. ›Am Ende hängen wir noch ab von Kreaturen, die wir machten!‹« …

Frithjof war so in Gedanken versunken durch die belebtesten Straßen gegangen, bis er seine Wohnung erreichte. Es war Abend geworden und er war so mißgestimmt, daß er nicht einmal Licht machen wollte. Er warf sich in seinem Arbeitszimmer auf das Sofa hin und verwünschte sich und die Welt. In diesem Augenblick klopfte es. Der Portier brachte einen Brief, der unten abgegeben worden war.

»Licht!«

Von wem konnte der Brief sein? Er nahm hastig und öffnete. Es war Ethels Handschrift. Er starrte sie verwundert an. Denn er war bisher der Meinung gewesen, sie habe ihn schon längst vergessen. Die letzten Zeilen, die sie ihm als Auskunft über Lydia geschrieben, waren sehr kurz gewesen. Er erinnerte sich sehr gut, leider zu gut, wie sie gelautet hatten: Fragen Sie nicht, es ist schlimmer, als Sie denken. Diesmal zu seinem Erstaunen erging sich Ethel in ausführlichen Mitteilungen, die eine ganze Reihe von Bogen faßten. Je mehr Frithjof sich in den Brief vertiefte, desto mehr fesselte ihn das eigenartige Wesen des jungen Mädchens, das er im Gebirge nur halb hatte kennen lernen. Sie schrieb ihm, daß sie von Lydia erfahren, er wäre bei Lars gewesen und Lars hätte ihm einen Sekretärposten angeboten. Ethel hätte aus den Mitteilungen Lydias den Eindruck gewonnen, daß es ihm sehr schlecht gehe und er sich niedergedrückt fühle. Sie wolle ihm nur raten, in dieser schwierigen Situation sich zu keinem unüberlegten Schritt verleiten zu lassen und insbesondere bei Lars keine Stellung anzunehmen, bevor er nicht nach jeder Richtung hin die Garantie voller Unabhängigkeit hätte. Für einen Menschen wie er mit so bedeutenden, selbständigen Ideen wäre nur die Unabhängigkeit das einzig Richtige und er würde die Fesseln einer falschen Stellung für Jahre hinaus drückend empfinden. Sie bedauerte außerdem in herzbewegenden Worten, daß sie nicht in seiner Nähe sei, um ihn aufzurichten und ihm den schweren Schlag tragen zu helfen, den er durch den unerklärlichen Verlust des Automaten erfahren. Ob es ihm noch nicht gelungen sei, die Spuren des Meisterwerks aufzufinden? Sie hätte wohl in den Zeitungen gelesen, daß man sich über seine Idee, einen Androiden verfertigt zu haben, lustig mache, aber sie habe beim Besuch seiner Wohnung in jener Nacht einen so tiefen und nachhaltigen Eindruck von seiner großartigen Erfindernatur erhalten, daß sie eher von ihm das Unglaubliche glauben wolle, als den Zeitungen das allen bürgerlichen Hirnen Faßbare.

Bei dieser energischen Teilnahme tauchte vor ihm ihr reizendes, duftiges Köpfchen auf, mit den in braun schattierten Höhlungen schwimmenden dunklen Augen, den zwei Haarpuffen zu beiden Seiten der Stirne, die klar und schön gemeißelt hervortrat, das reiche Haar in einem großen Psycheknoten über der graziösen Nackenlinie: Anmut, Zartheit, Träumerei! Und ihre Hände lagen vor ihn: auf dem Tisch der table d'hôte, wie sie die parfümierten Handschuhe zur Seite schoben, kleine, schlanke, seltsam durchgeistigte Hände.

Er las weiter. »Wenn jeder eine neue Sache beurteilen könnte, dann könnte er sie auch erfinden, dann wären nicht Genies zu ihrer Entdeckung nötig. ›Genie‹ heißt, das Einfache einfach sehen. Erst durch die Taten eines Copernikus, Galilei und ihrer Nachfolger würden für Professoren wie für Spießbürger Wahrheiten faßbar gemacht. Nun gehe die Welt immer noch den tollhäuslerischen Weg, diese Schüler, noch ehe sie vom neuen unterrichtet sind, zu Richtern über das neue Wort ihres Lehrers zu setzen. Für das absolut Neue wären im Hirn der Menschen eben noch keine Nervengeleise ausgefahren und deshalb besäße dafür die gelehrteste Körperschaft von Graubärten nur das Urteil eines Wickelkindes. Das absolut Neue sei das absolut Außermenschliche. Es sei das Feuer, das Prometheus erst aus dem Saal der Himmlischen stehlen müsse.«

Ethel ließ zwischen den Zeilen durchschimmern, wie sehr sie um ihn leide und wie sehr sie sich nach ihm sehne; gegen das Ende konnte sie sich jedoch einiger klagenden Worte nicht erwehren; Frithjof las zwischen den Reflexionen noch anderes heraus, einen Schmerz, der ohne zu wollen, hervorbrach.

Er setzte sich sofort an den Schreibtisch und im überwallenden Gefühl des Augenblicks sprach er ihr von all seinen Leiden und Enttäuschungen, teilte ihr mit, wie ihre Worte ihm so wohl getan und daß er noch weitere Briefe von ihr erwarte.

Voll Ungeduld hoffte er, schon nach zwei Tagen eine prompte Antwort aus M. zu erhalten; unbegreiflicherweise blieb der Brief aus. Er ging den ganzen Tag in fieberhafter Unruhe auf und ab, ein unerklärliches Gefühl zog ihn zu dem Gedankenbilde Ethels hin, deren Gestalt ihm immer vor Augen schwebte mit ihren warmen schwarzen Augen und dem müden, verzichtenden Lächeln auf den Lippen. Er hatte sie als »modernes Mädchen« für affektiert gehalten. Aber jetzt sagte er sich: »Wer ist denn vollkommen? Und was ist »affektiert« anderes als Vernunft, die ihr ehrliches Streben noch besonders betont! Er verbrachte eine schlaflose Nacht! Als ihn seine Aufwartefrau am Morgen wecken wollte, beschäftigte er sich gerade mit der Frage, ob er sich nicht am Ende in Ethel verliebt hätte? Und er erweiterte diese Frage – zur andern: Ob er nicht eigentlich schon von Anfang an in Ethel verliebt gewesen und nur durch Lydias hübsche Maske von der wahren Erkenntnis seines Herzens abgelenkt worden sei?

Er frug nach einem Brief, aber keiner war gekommen. Er kleidete sich an, unruhig und fieberhaft. So verging auch der Vormittag. Um 11 Uhr wurde heftig geklingelt. Er kam seiner Aufwartefrau zuvor, die wie alle Frauen, auch die Nichtaufwartefrauen, von der Wichtigkeit von Briefen keine Ahnung zu haben schien. Er eilte aufzumachen, es war der Telegraphenbote. Er riß heftig die Depesche auf, sie enthielt nur wenige Worte:

»Kommen Sie sofort. Ethel bedenklich erkrankt. Ehrsam.«

Frithjof traf am nächsten Morgen in M. ein.

Als er den Fuß vom Waggontritt setzte, sagte er: »Das hätte ich eigentlich schon vor einem halben Jahre tun müssen.« –

Ethel, von Sehnsucht verzehrt und in ihrer Gesundheit untergraben, hatte einen nervösen Anfall bekommen. Mama Ehrsam, die stets gegen die Neigung Ethels gekämpft, befand sich noch immer mit Lydia in der Pension in B., von wo sie in begeisterten Briefen Lydias Musiktalent schilderte und wie verliebt Lars sei und welch' glänzende Partie sie mache. Papa Ehrsam sah sich nun gezwungen, wollte er nicht das Leben seines Kindes aufs Spiel setzen, zum erstenmal in seiner Ehe eigenmächtig und gegen den vermutlichen Willen seiner Frau zu handeln, indem er eine Depesche an Andersen abschickte.

Die Gegenwart Frithjofs wirkte auf Ethel beruhigend. Jetzt konnte er sich für ihre Wartung in Landro revanchieren. Sie erholte sich rasch und schien die anfänglichen Befürchtungen des Arztes Lügen zu strafen. Frithjof kam mehrmals am Tage, saß an ihrem Krankenbette, und sie plauderten über alles Vergangene.

Von Lydia trafen selten Briefe ein. Sie klagte, daß sie ihre Aluminiumyacht, die der Gartenstraße in die Augen stechen sollte, noch immer nicht besäße.

Nach einer Woche war Ethel wieder hergestellt; nun saß die von allen verwöhnte Rekonvaleszentin in einem Lehnstuhl, Andersen gegenüber, der ihr von seinen gescheiterten Hoffnungen erzählte. Mama Ehrsam hatte Lydia in der Pension zurückgelassen und war schleunigst nach Hause geeilt, wo sie zu ihrem Entsetzen Andersen als täglichen Gast vorfand. Sie deklamierte zwar über die Situation, aber es war nichts dagegen zu tun; die Herzen der beiden jungen Leute schlossen sich immer enger aneinander und die Katastrophe, welche die Mama fürchtete, ließ sich nicht mehr vermeiden. Frithjof malte zwar Ethel seine schwierige Lage aus, wie wenig die Frau eines Gelehrten und Erfinders Aussicht hätte, eine behagliche Häuslichkeit zu finden! Wie sie in dem steten Lebenskampf nur selbst leiden und, wenn sie keine kräftige Natur wäre, verkümmern müßte.

Ethel lachte ihn aus mit einem blassen, müden Lachen, selbst ihre hübschen und sonst glänzenden Mauszähne schienen blaß und müde zu sein. Sie betonte, daß sie gerade in diesem Lebenskampfe das Begeisternde fände, so im Lebenskampfe neben einem geliebten Manne zu stehen, mit ihm Not und Entbehrungen durchzuleiden und endlich den Preis zu erringen.

Frithjof zeigte ihr auch hierin die Enttäuschungen. Er sagte ihr, daß er Kampf allerdings edel und begeisternd fände. Wenn es eben ein großes männliches Ringen wäre, eine Schlacht, wie sie Maler und Dichter schildern, in funkelnder Rüstung mit blitzendem Schwert, am hartblauen Himmel hartglutende Sonne, die Luft klar und erquickend, und über das Blachfeld hinschlummernd in Todesschönheit die Besiegten! Überall Lichtglanz, veredelte Wildheit, zauberhelle Farben! Nirgends Schmerz, Stöhnen, Blut, Fleischfetzen und Schmutz!«

Ethel fiel lachend ein: »Da schwingt der Held den unüberwindlichen Nothung! Eine Unüberwindlichkeit, die er übrigens gerne hingeben würde, denn der Reiz des Kampfes liegt ja eben im Ungewissen. Oder er schwingt das Schwert Cids, den treuen scharfen Stahl Collada, der auf der einen Seite die herrliche Devise trägt ›Si! Si!‹, auf der andern ›No! No!‹«

Frithjof seufzte: »Ach, wenn ein grader Mann sich durchschlagen könnte mit dem graden Schwerte: ›Ja! Ja! – Nein! Nein!‹ Aber diese Dichter und Künstler erziehen uns zu untüchtigen Phantasten, ich möchte sagen, zu unnatürlichen! Leben und Natur sind voll kleinlicher gehässiger Kämpfe und Niederträchtigkeiten, voll lächerlicher Rekontres, beschämender Entbehrungen. Nichts von Begeisterung, nichts von Größe!«

Wie manche Künstlerfrau hätte er gesehen, die mit Jugend-Begeisterung sich in die Ehe gestürzt, die aber dann innerlich zusammenbrach, als der Mangel an den Tisch kam und das vorgegessene Brod, und die Gläubiger das Haus überliefen, mit protestierten Wechseln und Gerichtsvollziehern, und das häßlichste, die Zänkereien anfingen! »Das ist ja eben das Traurige und Entmutigende, daß der Lebenskampf kein Kampf ist, groß und erhebend, sondern ein kleinliches, winkelzügiges, gehässiges Kratzen und Würgen, ein Sichwälzen im Kote des Alltags.«

Aber Ethel sah ihn nur lächelnd an: »Je kleinlicher diese Dinge sind,« – ihre Stimme klang so matt – »desto ferner liegen sie denen, die groß fühlen und groß denken! Und ich kenne Sie, ich glaube Sie zu kennen: Wenn ich nicht so denken und fühlen würde, Sie wären imstande, mich emporzuziehen, Sie allein! … Allerdings habe ich noch nichts erfahren. Man wird ja als Mädchen so geschützt auferzogen, so sicher vor den Unannehmlichkeiten des Lebens! Man nimmt nur so von fern am Schicksal der Familie teil, daß ich nicht zu sagen wage, wie ich mich in all diesen Verhältnissen verhalten würde. Und doch bin ich überzeugt, an Ihrer Seite würde mir das Leben immer schön und des Kampfes wert sein! – O Frithjof! Wenn Sie wüßten, wie so viel Vertrauen ich zu mir habe, – weil ich es zu Ihnen habe! … .«

Ja, die Katastrophe, die Mama Ehrsam fürchtete, ließ sich nicht vermeiden. Es ging sogar rascher, als ihr lieb war. Frithjof und Ethel stellten sich ihr eines Tages als Verlobte vor. Nach sechs Wochen war Hochzeit, und die folgenden zwei Monate verbrachten die Glücklichen auf der Hochzeitsreise, weit getrennt von Welt und Verwandten. Frithjof hatte einige tausend Mark flüssig gemacht, die ihm Woppl vorgestreckt, und die ihm gestatteten, sorglos seinem jungen Glück zu leben und, wie er scherzend zu sagen pflegte, Ethels intimere Bekanntschaft zu machen.

»Du bist noch immer der große Zweifler!« meinte Ethel, »aber schließlich wirst du erkennen müssen, daß nicht alle Frauen einander gleichen.«

Und er erkannte es.

Sie zogen sich ins Gebirge zurück, ins Zillertal, in den Zemmgrund, wo sie auf einer verlassenen Höhe wohnten, über dem Nest Ginzling, in einem einsamen Försterhause, 1700 Meter über dem Meeresspiegel. Ein steiler, schmaler und schwer zu erklimmender, bei Regenwetter besonders unangenehmer Fußpfad trennte sie von der übrigen Welt. Nicht einmal Briefbote noch Zeitung kamen hier herauf. Was man sich nicht selbst holte, blieb unten. Es war hier ziemlich rauh und kühl, – aber, wie Ethel bemerkte, nur für andere Menschen! Für sie war es dort oben, wo der Blick so herrlich durch die Talmulde zwischen Schutthalden, Berglehnen, Felsgespenstern und Gletscherglanz streifte, recht gemütlich und warm. Letzteres um so mehr, als die Försterfrau den Backofen, der wie eine mittelalterliche Riesentruhe aussah, alle Morgen heizte.

Nur hie und da erinnerte sich Frithjof, daß er dort unten eine ganze Welt hinter sich gelassen. Die Erinnerung an Lars beschlich ihn, und ob Lydia seinen Rat befolgt habe?

Wenn sie's getan! –

Dann war er bei seiner Rückkehr wieder ein wohlhabender Mann und konnte sich ein gemütliches Heim gründen, das Heim eines Forschers, der unabhängig war von den Nahrungsbedürfnissen des Alltags. »Der Spatz, die Hyäne, wie überhaupt alle Tiere gehen täglich auf Nahrung aus,« sagte Frithjof, »das nur dem Geiste lebende Wesen sollte sich von den Tieren dadurch unterscheiden, daß es nicht zu essen brauchte«. Ethel lachte ihn dann immer aus und meinte:

»Ja, das würde dir passen, Rentier zu sein.«

»Kann man einen großen Gedanken prosaischer in den Staub ziehen?« seufzte er.

Er dachte zugleich mit Spott daran, wie es die Welt verblüffen würde, sobald Lars sich als bloße Maschine entpuppte. Was man wohl sagen würde? Und wer das alles schon vorher gewußt haben würde? Und Helmuth? … Und Lydia? …

Ethel sagte er von seinen Hoffnungen kein Wort. Die Vorführung des endlich gebändigten Androiden, das sollte die Überraschung und sein Dank sein, daß sie an ihn geglaubt. Und als sie die Zeit der Flitterwochen immer mehr und mehr in die Länge gedehnt hatten, bis sie sich endlich entschließen mußten, zurückzukehren, erwuchs in Frithjof immer lebendiger der Drang, zu erfahren, wie es mit Lars geworden. Diese Frage beschäftigte ihn auf der ganzen Rückreise, so daß Ethel lachend und unwillig ausrief: »Ihr Gelehrten seid doch unbrauchbare Ehemänner!« Er versöhnte sie durch einen Kuß. Aber er blieb immerfort nachdenklich. Er freute sich, sie zu überraschen.

In der Stadt waren sie in einem Hotel abgestiegen, sie wollten vorerst die nötigen Besorgungen treffen, um sich häuslich einzurichten. Die alte Junggesellenwohnung Frithjofs war zu sehr vernachlässigt, und, da sie zu Laboratoriumszwecken benutzt worden, kaum in einen brauchbaren Zustand zu bringen. Schon am zweiten Tag machte er sich auf den Weg nach der Gartenstraße, um Lydia zu besuchen. Er schlug wieder den Pfad durch den Königlichen Park ein. Es beunruhigte ihn sehr, was wohl geschehen war? Lydia hatte die Ehe Ethels nicht gebilligt. Sie hatte einerseits Frithjof der Schwester nicht gegönnt, andererseits hätten sie und Lars gewünscht, einen Schwager aus der Haute Finance zu haben. Brieflichen Verkehr konnten sie infolge der herrschenden Spannung miteinander nicht pflegen; das junge Paar in seiner Bergeinsamkeit las nicht einmal die Zeitungen, es hatte keine Ahnung von den Ereignissen, die sich unterdes zugetragen.

Frithjof fiel es jetzt ein, daß er sich in der Nummer des Windflügels und der Feder geirrt haben könnte. Dann hätte ihm die ganze List nichts genützt, dann war der Android ebenso widerstandsfähig wie früher und Frithjof konnte ihm nicht beikommen. Nur die eine Genugtuung konnte er haben, daß das exakte, sichere mathematische Arbeiten des künstlichen Hirns nachgab, daß in dem Kopf nichts mehr vorhanden war als Redensarten, das was Lars einmal glücklich definiert hatte als: Wenig Ideen und viel Versprechungen! Und der stählerne Schädel war dann zu nichts mehr gut, als Mauern einzurennen.

Aber wenn sie den richtigen Windflügel herausgenommen hatte! Was war dann geschehen? Den Arzt hatte sie wohl nicht rufen lassen, das schien ihm ausgeschlossen! Wie wurde der neue Zustand des Androiden aufgefaßt? Was hatte die Dienerschaft von den Vorgängen erfahren? Ein solches Ereignis mußte in viele Kreise dringen, Umwälzungen hervorrufen. Was würden die Aktionäre vor Bekümmernis und Panik sagen, die Börse? Wie würde die Presse das Ereignis auffassen? Wie die Geheimräte, die Minister, überhaupt die ganze Regierung?

Die Unruhe, die Ungewißheit steigerte sich. Bald befand er sich im Hause, war angemeldet und stand vor Lydia.

Lydia streckte ihm die feine weiße Hand entgegen und strahlte in ihrer blonden Coiffure noch sonniger als vorher. Sie jubelte: »Ich habe meine kleine Aluminiumyacht! Ich habe sie!«

Andersen überlief's warm, ein Hoffnungsschauer.

Sie reichte ihm Schraubenzieher und Lupe zurück.

»Was ist denn geschehen?« frug er mit Bangen.

»Ach nichts, nichts von Belang! Nur, daß ich jetzt alles habe, was ich wünsche, alles!«

»Sie haben also …?«

Lydia war verwirrt. Sie sah Frithjof von der Seite an, scheu, wie jemand, der ein Geheimnis zu verbergen hat, und sagte:

»Ach, … mit Ihren schlechten Scherzen! .,. mit Ihren Windflügeln und Walzen … beinahe hätten Sie mich in Verlegenheit gebracht … Ich …«

»Aber was ist geschehen?« frug Frithjof nervös.

»Nichts, nichts … Lars ist merkwürdig verändert … Ich weiß nicht wodurch … Vielleicht durch jenen Unfall?«

»Welchen Unfall?«

»Haben Sie nicht in den Zeitungen gelesen? Von dem entlassenen Arbeiter? … der Lars überfallen … auf der Straße … und ihm mit einem Knüppel einen Schlag auf den Kopf versetzt hat? …«

»Und …?« Frithjof lauschte atemlos. »Und …«

»Sie wissen ja, Lars ist eine robuste Natur. Er ist nicht einmal zusammengezuckt. Aber den Arbeiter hat er tüchtig bearbeitet … Seit damals ungefähr, oder … etwas später … vermutlich durch jenen Schlag auf den Kopf … ist Lars ganz verändert, ganz anders! Ganz anders!«

»Ganz anders? …«

»Er rechnet mir nicht mehr meine Ausgaben vor. – Auch sein Sekretär, Herr Schattenfroh, wundert sich: Lars ist jetzt ein ganz Anderer geworden. Im Geschäft ist er überhaupt nicht mehr zu erkennen, Herr Schattenfroh sagt, er sei nicht mehr der exakte Mathematiker, der unfehlbare Spekulant; früher lag alles vor Bewunderung auf dem Bauche, wenn er seine Operationen entwickelte, das ist vorüber. Wir können nur froh sein, daß wir Herrn Schattenfroh haben, der immer nachhilft.«

»Hellmuth ist wohl ein sehr lieber Mensch?«

»Hellmuth ist … Herr Schattenfroh ist jedenfalls ein sehr tüchtiger und gescheiter Mensch.«

Andersen war im Innersten betroffen. Wieder ein Fehlschlag seiner Hoffnungen! Diesmal hatte er den Androiden sicher zu fassen geglaubt! – nun war ihm Lars wieder entschlüpft. »Ich errate,« murmelte er halblaut, »der Windflügel von Walze 13 ist aus dem Lager gesprungen. Er ist jetzt keine Rechenmaschine mehr, er ist nur noch ein Phrasen-Perpetuummobile.« Und laut frug er: »Wie betreibt er jetzt seine Geschäfte?«

»O, sehr gut!« Lydias Verlegenheit schien etwas zu weichen. Sie suchte sich ganz herauszuwinden, indem sie mit gut gespielter Einfachheit herablassend sagte: »Lars ist gestern zu Seiner Majestät befohlen worden. Sehen Sie mich an,« – sie reichte ihm die Hand zum Kusse, »mein künftiger Gatte erwartet seine Ernennung zum Minister.«

Frithjof, halb betäubt, beugte sich mechanisch herab und drückte wie geistesabwesend seine Lippen auf ihre Hand. Dann faßte er sich ein wenig und stammelte:

»Minister??«

»Ja,« sagte sie triumphierend, »Minister!« Wie sie sich dabei in die Brust warf, erinnerte sie ihn lebhaft an Mama.

[Fehlt Text ???]

plötzlich in ein Lachen aus, das fast unheimlich, wie aus einem gestörten Geiste heraus, klang:

»Ohne Herz konnte der Android ein berühmter Großindustrieller werden, ohne Hirn sogar Minister!!

Er eignet sich jetzt trefflich dazu: Keine Ideen und lauter Versprechungen!! Seine Grundanschauung war ja immer: Stultitia populorum fundamentum regnorum.

Von wie viel Räten, Sekretären, Günstlingen und Maitressen – die nicht einmal seine Maitressen sind – wird er jetzt hin- und hergeschoben werden?! –«

Und Frithjof lächelte sarkastisch: daß er seinem Androiden eine Walze eingelegt hatte, eine Walze mit dem einzig klugen, wahrhaft staatsmännischen Prinzip: » Stultitia populorum fundamentum regnorum.« …

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