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Buchschmuck

X. Kapitel.
Die Jagd nach dem Erfinder

Da Andersen dank seiner kräftigen Natur schon nach wenigen Tagen wieder munter war und eine zweite Depesche eintraf, hielt es ihn, obwohl Rekonvaleszent und arg mitgenommen, nicht mehr in Landro. Aber er versprach – nach Erledigung seiner Geschäfte, – sofort zurückzukehren.

Er hatte nicht mehr Gelegenheit gefunden, mit Lydia zu sprechen, und nicht die Kraft, mit Mama Ehrsam den Strauß um der Tochter Hand auszufechten. Denn, daß es nicht so einfach ablaufen würde, hatte ihm schon Woppl angedeutet. So reiste er ab.

Seit diesem Augenblick war Woppl voll nervöser Unruh. Er vernachlässigte die Misses, verfehlte alle Tennisbälle, grinste zerstreut der Klatschrätin die niedlichen Komplimente zu, die er für Mammutkind Nr. 1 bestimmt hatte. Nach zweimal 24 Stunden widerte ihn Landro an; es war ihm zu öde, zu kalt, zu windig; die Gesellschaft zu schlecht; er reiste ab. Andersens mußte er wieder habhaft werden, um jeden Preis! Dringende Geschäfte der Fabrik vorschützend, verschwand er. Zuerst nach Hause.

Auf sein Klingeln an Andersens Wohnung öffnete niemand. Nur ein Täfelchen erschien in einer Öffnung an der Türe mit der Aufschrift: »Verreist« und verschwand wieder. Als er aus Zorn nochmals heftig an der Glocke zerrte, brüllte eine Stimme heraus: »Verrrrrreist!«

»Schon gut, schon gut,« schrie Woppl, seinen Zorn an dem unsichtbaren Geist auslassend.

Woppl begann nun eine Rundreise auf Geschäftsunkosten. Er verfolgte die Spuren Andersens nach München, Nizza, London, Paris, bis es ihm endlich gelang, den Flüchtigen in Amsterdam zu entdecken. Vergeblich suchte der Erfinder, der noch mit Studien über das menschliche Bewußtsein beschäftigt war, auszuweichen. Schon am nächsten Tage wurde Woppl wieder seiner habhaft; er ging gerade mit Gunnar Bobbe nach dem Krankenhause, wo ein berühmter Psychiater hypnotische Experimente anstellte. Dem höflichen Andersen blieb nichts übrig, als seinen Verfolger einzuladen:

»Sie werden einen neuen Begriff bekommen von dem, was man den Charakter eines Menschen nennt. Gunnar ist eines der seltensten Exemplare für unsere Experimente.«

Woppl ließ sich nicht zweimal bitten.

Gunnar ging hinter ihnen her und schielte nach Gebäuden und Straßen, die in ihm alte Erinnerungen wachriefen. Woppl war unterdeß bemüht, sich mit dem Erfinder »anzuvettern«. Das war ein hervorragend glücklicher Zug an ihm, stets für jene Leute Sympathien zu haben, die ihm nützen konnten. Und dann, was für Überredungskünste! Vier Bankiers hatte er an der Hand, Frithjof kannte sie ja! Alle Hochprima! ff! Erstklassige Namen!

Und im stillen arbeitete er schon daran, die Hunderttausende, die Million zusammenschrumpfen zu lassen zu einem Butterbrot.

Andersen suchte auszuweichen: »Vorläufig bin ich noch mit Ergänzungsarbeiten beschäftigt. Meine Lachmaschine zum Beispiel, wenn Sie die hören würden …«

Woppl unterbrach ihn: »Lachmaschine! Grandiose Idee! Unzweifelhaft eine Heiterkeit auf Bestellung! So etwas wie eine Claque für Theaterpremieren? Für Melancholiker, trauernde Hinterbliebene oder Hypochonder eine Art Lachbazillus? Vielleicht auch ein Lockvogel für Cafés chantants, damit man ihn schon von der Straße aus höre! Oder – eine Idee! – gar für heiratsfähige Töchter, damit es in der Stadt heiße: In diesem Hause lebt sich's lustig, so oft man vorübergeht, hört man die frischen Mädels lachen! Famose Idee! Wenn man bedenkt, daß nichts so ansteckend ist, wie Lachen! Eine Art künstliche Lachinfluenza!«

Andersen wollte Woppl nicht zu tief einweihen, da das Unbekannte am kräftigsten lockt. Er sprang daher auf die Krankengeschichte Bobbe's über:

»Diese Krankheit bildet eines der geheimnisvollsten Seelenprobleme. Einen merkwürdig ähnlichen Fall finden Sie in der Wissenschaft bei Theodule Ribot wieder. Wie ich Ihnen schon erzählte, Bobbe ist das Kind einer liederlichen Frauensperson. Ein Harlemer Maler, der sich unter Schiffern herumtrieb, Studien halber, entdeckte in ihm große zeichnerische Fähigkeiten. Der Junge half beim Kopieren alter holländischer Meister, Potters, Brouwer, Breughel, und begleitete auch seinen Herrn aufs Land, in die Umgegend von Harlem, um Bauernskizzen zu sammeln. Er vereinigte in sich viele Anlagen; er erwies sich hierin als der Sohn jener kleinen aber so tüchtigen Nation, die einst die Meere beherrscht, große Admirale erzeugt, Maler von unvergeßlichem Ruhme und Handelsleute ersten Ranges. Bei einem seiner Studienausflüge, als er sich in einen Weinberg geschlichen, um Reben zu stehlen, ergriff er mit der Hand unversehens etwas Glattes, Bewegliches, – eine Schlange. Der Schreck wirkte nach, so heftig, daß er abends nach seiner Rückkehr das Bewußtsein verlor. Diese Ohnmachtsanfälle wiederholten sich noch mehrmals. Nicht ohne tief in die Wechselbeziehungen seines Nervensystems einzugreifen. Denn seine Beine wurden von Tag zu Tag auffallend schwächer, bis sich eine Lähmung der unteren Gliedmaßen ausbildete. Sein Verstand aber hatte keine Einbuße erlitten. Man behandelte ihn im Krankenhause. Sein Gesicht zeigte einen ganz ungewohnt offenen, sehr freundlichen Ausdruck, er war auffallend sanft und zutraulich und für die Pflege sehr erkenntlich. Da es nicht gelingen wollte, die Lähmung seiner Beine zu heilen, – sie waren nämlich stark eingeschrumpft und er hielt sie zusammengezogen, – so wurde beschlossen, damit er sich sein Brot verdiene, ihn zum Schneider auszubilden. Ein Wärter brachte ihn jeden Morgen in die Werkstatt und setzte ihn dort auf einen Tisch, wo er leicht die handwerksmäßige Stellung einnehmen konnte. Nach zwei Monaten nähte er schon ziemlich gut und zeigte großen Eifer.«

»Und die Malerei?« frug Woppl.

»Wie weggehaucht! Nicht eines Pinselstriches war er mehr fähig. Da geschah es um diese Zeit, daß er plötzlich von einem hysterisch-epileptischen Anfall heimgesucht wurde, der 50 Stunden lang andauerte, zwei Tage ohne Unterbrechung.

Endlich stellte sich ein ruhiger Schlummer ein. Als Gunnar erwachte, zeigte sich eine seltsame Veränderung in seinem Wesen. Seine neue Persönlichkeit war verschwunden, völlig ausgelöscht. An ihre Stelle war wieder die alte getreten.

Er verlangte nach seinen Kleidern, um aufzustehen. Zum Erstaunen der Krankenwärter – die Assistenten waren gerade beim Frühstück – erhob er sich vom Bett, ganz allein. Es gelang ihm auch, sich anzukleiden, obwohl noch ziemlich ungeschickt. Dann machte er einige Schritte im Saal. Er wankte zwar und taumelte und hielt sich schlecht auf den Beinen, aber die eigentliche Lähmung war wie weggezaubert. Nachdem er sich fertig angezogen, gab er zu verstehen, es sei hoch an der Zeit, er müsse mit Farbenkasten und Staffelei aufs Land hinaus, sein Meister werde grob, wenn er sich verspäte. Offenbar glaubte er noch, Maler zu sein. Er erkannte die Ärzte nicht, keinen der Wärter, noch die anderen Patienten. Er wußte nicht, wie er in diesen Schlafsaal geraten, wer alle diese Personen waren, trotzdem er monatelang mit ihnen freundlich verkehrt hatte. Jegliche Erinnerung an seine Krankheit war erloschen, offenbar waren ganze Gruppen von Gedächtniszellen außer Funktion gesetzt, – wie eine Dampfmaschine, der man keinen Dampf zuführt, wie eine Schreibmaschine, deren Hebel gebrochen sind. Als man ihm erzählte, daß er gelähmt gewesen, lachte er. In seiner Stummenweise gab er durch Zeichen zu verstehen, daß man die Fabel erfunden, um mit ihm Scherz zu treiben.

Die Ärzte standen vor einem Rätsel! Sie dachten zuerst an ein vorübergehendes Irresein. Nach einem so starken hysterischen Anfall wäre das wohl wahrscheinlich gewesen. Aber die Zeit verfloß, das Gedächtnis kehrte nicht zurück. Bobbe besann sich wohl darauf, daß er in die Weinberge gegangen, Reben zu stehlen, wußte auch von einer Schlange, die ihn ›neulich‹ erschreckt hatte. Von diesem Augenblick ab jedoch erinnerte er sich an nichts mehr, an gar nichts; ja, er hatte nicht einmal das Gefühl, daß Wochen oder Monate dazwischen lagen. Es war wie ein Schnitt in sein Gedächtnis.«

»Er simulierte gewiß?« meinte Woppl, indem er einen Blick nach rückwärts auf Bobbe warf, der, die Hände in den Hosentaschen, wie in einem Erinnerungsrausch nachschlenderte.

»Das nahmen die Ärzte auch an. Bei einem Hysterischen hätte dies auch gar nicht befremden können. So versuchten sie auf jede Weise ihn mit sich selbst in Widerspruch zu bringen. Zum Beispiel führten sie ihn ganz unvermutet in die Schneiderwerkstatt und vermieden dabei sorgfältig, vor ihm herzugehen; sie wollten sehen, wie er sich seinen Weg wählen würde? Sein ganzes Benehmen zeigte aber deutlich, daß er nicht wußte, wohin er ging. Auch in der Werkstatt legte er dieselbe Unkenntnis der Örtlichkeiten an den Tag. Man gab ihm eine Nadel in die Hand und forderte ihn auf, zu nähen; er lächelte und stellte sich unhandwerksmäßig an, ganz, als ob er noch nie in seinem Leben einen Stich getan. Als ihm die Ärzte einige Kleidungsstücke zeigten, die er während seiner Lahmheit zurecht geschneidert, lachte er zunächst ungläubig, wagte aber schließlich nicht mehr zu widersprechen. Einen Monat lang wurde er so auf die mannigfachste Weise geprüft. Kein Resultat! Die Ärzte konnten sich der Überzeugung nicht mehr verschließen, daß er in der Tat auf rätselhafte Weise alles vergessen hatte. Er war wie eine Maschine, in der man eine Gruppe Zahnräder ausgeschaltet.«

»Und wie war er in seinem Benehmen?« frug Woppl.

»Das war es eben, das machte den Fall besonders rätselhaft! Daß Bobbe wieder ganz sein altes Wesen mit den vererbten Schwächen und Schlechtigkeiten annahm, wieder zänkisch und unhöflich wurde, wieder unmäßig und trunksüchtig. Den Wein, den er im verflossenen Jahr während seiner Schneiderlehrzeit so wenig geliebt, daß er seine Ration gelegentlich verschenkte, stahl er jetzt nicht selten von den Plätzen anderer Patienten. Erinnerte man ihn an seine Diebstähle mit der Ermahnung, derartige Unwürdigkeiten künftig zu meiden, so hatte er freche Entgegnungen. Als man ihn dann im Garten beschäftigte, entwich er eines Tages, nachdem er einen Krankenwärter um etwas Geld und einige Kleidungsstücke bestohlen. Er verkaufte seinen Anzug, um sich dafür einen neuen anzuschaffen und wurde drei Meilen von Harlem gerade in dem Augenblick ergriffen, als er sich auf dem Bahnhof eine Fahrkarte lösen wollte. Seine Festnahme erfolgte unter großen Schwierigkeiten; er schlug um sich und biß die Wärter, die man ihm nachgesandt hatte. Als man ihn in das Krankenhaus zurückbrachte, geriet er in Wut, brüllte und wälzte sich auf der Erde umher, so daß man ihn schließlich in eine Zelle sperren mußte.«

»Hat man denn keine Autoritäten zu Rate gezogen?«

»Wer konnte da Autorität sein? Es blieb allerdings nichts anderes übrig, als den Versuch zu machen, nachdem er abermals einen sehr heftigen hysterisch-epileptischen Anfall bekam. Die beiden Professoren, van Heulen und van Gräulen, übernahmen die Pflege. Das Rätsel war auch für sie unlösbar. Aber als echte Männer der Wissenschaft, kehrten sie das Problem um. Nicht sie sollten ihn aufklären, sondern er sie. Bobbe war nicht mehr der Kranke, den sie heilen sollten, sondern umgekehrt, die Pythia, der Schlüssel zu den Geheimnissen der Natur. Mit einem Wort: das Experiment. Es ist höchst interessant, wie sie ihn einer Reihe glänzender Versuche unterwarfen. Wie eine Spieldose nach Verschieben eines Stiftes verschiedene Lieder vorträgt, so schlossen sie in ihm durch Herrufen von Transferterscheinungen sechserlei Charaktere auf, sechs verschiedene Seelen …«

»Transfert …?« frug Woppl

»Wie, Sie kennen das nicht? Sie wissen nicht, daß sich gewisse Lähmungszustände durch Auflegen von Metallstücken, Magneten, Senfteigen und dergleichen, oder durch Elektrizität, von der einen Körperseite auf die andere übertragen lassen, und daß man diese Übertragung ›Transfert‹ nennt?!

Bobbe's gewöhnlicher Zustand war damals rechtsseitige Lähmung und Empfindungslosigkeit. Die Ärzte legten ihm nun im Schlafe ein Stahlstück an den rechten Arm und banden es fest. Beim Erwachen war er ganz verändert. Die Lähmung von Gesicht und Gliedmaßen hatte sich nach der linken Seite verlegt. Die war jetzt empfindungslos, völlig empfindungslos. Nadelstiche fühlte er nicht. Er glaubte sich um fünf Jahre jünger. Er befände sich in Harlem, Tags zuvor hätte er noch seinen Meister, den Maler, gesehen. Sein Benehmen war erstaunlich zurückhaltend und höflich, sein Gesichtsausdruck wieder sanft. Politik und Religion hatten kein Interesse mehr für ihn, da er der Ansicht war, daß ein Mensch von seiner Bildung in diesen Fragen kein Urteil haben könne. Er war gar erstaunlich ehrerbietig und fügsam, las vortrefflich, natürlich nur für sich, und schrieb auch ziemlich gewandt. Er kannte keine der anwesenden Personen und wollte auch zu keiner Zeit etwas vom Diebstahl am Gärtner noch von seiner Flucht wissen.

Darauf unternahmen die Ärzte einen anderen Versuch, sie legten ihm einen Magneten auf den rechten Arm. Tatsächlich ging die Lähmung etwas zurück oder vielmehr sie beschränkte sich auf den linken Arm und das linke Bein mit halbseitig-allgemeiner Empfindungslosigkeit.

Als Bobbe erwachte, befand er sich, seiner Idee nach, im St. Georgspital. Der politische Zustand Europas ist der des vergangenen Jahres. Neigungen, Charakter, Gemütszustand, Gesichtsausdruck waren ähnlich wie beim zweiten Zustand, doch war seine Erinnerung auf eine weiter zurückliegende Zeit seines Lebens beschränkt.

Nun gingen die Ärzte immer weiter. Durch Auflegen eines Magneten auf den rechten Arm, auf den Nacken, auf den vorderen Teil des Kopfes, von weichem Eisen auf den rechten Schenkel, durch Anwendung statischer Elektrizität gelang es ihnen, noch vier weitere Zustände zu erzeugen, bald partielle Lähmungen, bald vollständiges Normalbefinden. In dem einen Fall war er blöde wie ein Kind, benahm sich wie im Alter von zehn Jahren, und dementsprechend war auch der Ausdruck im Gesicht und die Sprache, – in einem anderen Zustand erschien er als ein angenehmer junger Mann, der behauptete Maler zu sein.«

»Unglaublich, ganz unglaublich!« rief Woppl aus. »Wenn nicht eine so wissenschaftliche Persönlichkeit wie Sie …«

»O,« unterbrach ihn Andersen, »Sie können bei den Ärzten noch ganz andere Dinge erfahren! Was die Sache so fesselnd macht, ist, daß die betreffenden Zustände eine gewisse Vollständigkeit in sich schließen, ein abgegrenztes Gedächtnis für Zeit, Örtlichkeit und Personen, für erlernte automatische Bewegungen: malen, schneidern, schreiben, und außerdem für eigentümliche Charakterzustände und Gefühle, mit denen Körperbewegungen und Mienenspiel übereinstimmen. Also in jedem einzelnen Falle eine vollständige Harmonie, ein geschlossenes Ich, ein eigener Charakter, ein begrenztes Stück von einem Automaten.«


So sprechend waren Andersen und Woppl mit ihrem Begleiter vor dem mittelalterlichen Bau des Krankenhauses, einem früheren Kloster, angelangt. Noch auf der grauen Steintreppe bemerkte Woppl: »Es wäre interessant gewesen, wenn nun die Ärzte irgend geistige Einflüsse hätten anwenden können, um von einer anderen Seite dieser armen Seele beizukommen.«

»Das taten sie auch. Das soll heute wiederholt werden. Passen Sie mal auf, was die oben machen.«

Sie betraten den großen Operationssaal der Klinik, in dem sich amphitheaterartig die Bänke für die Universitätshörer aufbauten. Doch war heute kein Student anwesend. Gunnar überlieferte sich, unheimlich grinsend, den Händen von zwei Professoren mit ungeheuren Brillen, die von einem halben Dutzend Assistenten, Milchblutgesichtern in langen Drillichblusen, umgeben waren. Er wurde mit einer Handbewegung gebeten, Platz zu nehmen und hypnotisiert. Sogleich fiel er in Schlaf. »Ein ausgezeichnetes Medium,« meinte Professor van Gräulen.

Nun flüsterte Andersen dem Hypnotisierten zu: »Bobbe, du wirst im Krankensaale Nr. 11 in Amsterdam erwachen.« Dann blies ihm der andere Professor über die Augen. Bobbe erwachte. Die Suggestion hatte den gewünschten Erfolg. Bobbe glaubte tatsächlich, es sei das Jahr 1890, und er befinde sich in dem genannten Saale. Andersen befrug ihn in seiner Zeichensprache. Verstand und Gemüt waren bei ihm genau in derselben Verfassung wie in dem zweiten Transfertzustande. Wie dort war auch sein Körper gelähmt und empfindungslos. Die Herren Assistenten suchten mit dem Dynamometer seine Kraft zu messen und die hysterogene Zone festzustellen. Sie fanden beides genau wie damals. Die beiden Professoren waren entzückt und stolz wie Taschenspieler, denen eine Nummer gelungen, während die Assistenten wie ein Wurf junger Hunde dreinsahen, die zum erstenmal ihre Augen öffnen.

Andersen dagegen war sehr nachdenklich, er drang auf Fortsetzung des Experimentes. So versetzten sie Bobbe wieder in die Zeit seiner Schneidertätigkeit zurück. Sofort zog Bobbe die Beine hilflos an sich, die Lähmung war wieder da, mit voller Steifheit und Empfindungslosigkeit der ganzen unteren Körperhälfte. Andersen ließ sich von einem Assistenten Nadel mit Zwirn reichen, und Bobbe, als man ihm einen zerschlissenen Krankenschlafrock vorlegte, fiel mit Eifer über die Arbeit her, als ob zwischen damals und heute nicht Jahre mannigfaltigster Tätigkeit verflossen wären. Van Gräulen, der Professor mit dem herkulischen Oberkörper auf kurzen Beinen und dem ausdrucksvollen Kopf, ergriff das Wort und sagte dozierend zu seinen Assistenten:

»Wie Sie sehen, meine Herren, kann man den Patienten, erstens: Durch Beeinflussen des körperlichen Zustandes, durch physische Mittel, in den entsprechenden geistigen Zustand versetzen. – Zweitens kann man bei ihm durch Einwirkung auf den geistigen Zustand den entsprechenden körperlichen Zustand hervorrufen.«

Andersen betrachtete amüsiert die Assistenten. Die einen senkten die Köpfe wie schuldbewußt; andere sahen triumphierend drein. Zwei runzelten die Stirne, sie dachten angestrengt. Alle aber taten automatisch, was Assistenten seit Jahrtausenden zu tun pflegen, Leute, die nicht mehr Schüler sind, und doch jeden Tag von neuem lernen müssen, Leute, die jeden Tag von neuem erfahren, daß das noch Unbekannte ein Ozean sei und ihr Hirn ein Fingerhütchen, ein überlaufendes Fingerhütchen. Sie taten, was zu tun sie ihr Leben lang verurteilt sein werden: sie nahmen eine gewichtige Miene an, als ob sie mit ihrem voll gepackten Fingerhütchen den ganzen ungeheuren Ozean des Daseins auszuschöpfen vermöchten! Mit einem einzigen Stirnrunzeln, einer kräftigen Grobheit, jeden Augenblick, sobald es ihrer Profundheit nur beliebte.

»Der normale Mensch,« fuhr der Professor nach einer Kunstpause fort, »stellt für sich und andere eine kontinuierliche Entwicklung dar, eine lebende Geschichte seiner selbst! In seinem Gedächtnis, in seinem Wesen werden für gewöhnlich keine bedeutenden Lücken in betreff des Vergangenen fühlbar. Doch auch der Gesunde ist nicht in jedem Augenblick ganz Er selbst. Denn auch für ihn gibt es Momente, wo er sich in verschiedenen Charakteren offenbart; wir nennen dies – Stimmungen.

Analoges kann sich, wie der Fall des Patienten zeigt, zu krankhaften Zuständen steigern; in diesen wird der Wechsel der Persönlichkeit besonders deutlich. Ganze Gruppen von Ereignissen und Charaktereigenschaften verschwinden aus dem Gedächtnis, aus dem Bewußtsein, aus der Welt, sie tauchen gewissermaßen in einen Abgrund, in die Nacht des Nichtseins, etwa in eine vierte Dimension! Dafür treten andere Gruppen von Erinnerungen und Charaktereigenschaften hervor, formen für eine Zeitlang das Wesen der Persönlichkeit. So liegen in einem Individuum deren mehrere! Je nach dem Gemütszustand, nach dem Gesundheitszustand bleibt die Mehrzahl dieser Persönlichkeiten im Dunklen. Nur eine tritt bestimmt und deutlich hervor. Ein augenblicklicher Er selbst.

Sie sehen, meine Herren, – gewiß mit Staunen – in einem Menschenhirn ist augenscheinlich Platz für mehr als einen Menschen. Aufs Gebiet der Willkür übertragen und zur Kunst erhoben, sehen Sie den Schauspieler, den Dichter aus sich Charaktere schöpfen, Charaktere wechseln, vielgeartet, nie er selbst. Sie treten durch den Akt des Willens aus dem Erleiden heraus; statt Krankheit wirkt hier Genie. In Victor Hugo liegt zugleich der König, der sich amüsiert, wie der bucklige Narr, der gehöhnt wird; Voltaire ist zugleich die Pucelle wie die Mérope, Goethe zugleich ein Faust und ein Mephisto, ein Tasso und Antonio, Werther und Alba; Shakespeare Desdemona, Kleopatra und Jago, ein Prospero und ein Caliban. Je mehr Menschen in einem Künstler, je vielfältiger er ist, desto mehr Schöpfungen kann er gebären, desto genialer erscheint er.«

Woppl faltete affektiert seine Stirne: »Es hört sich an wie eine Mitteilung aus einer Spiritistensitzung oder ein Märchen aus Tausend und einer Nacht: Gelähmte Geister und ausgerenkte Seelen!«


Er verließ mit Andersen und dem wieder zum normalen Menschen rehypnotisierten Bobbe die Klinik.

Auf dem Weg frug Woppl, dem es im Kopf ganz wirr war: »Können Sie sich das alles erklären?«

»Ich habe nur Vermutungen.«

Denken Sie sich eine große Fabrikstadt, deren Werkstätten von Wassermotoren betrieben werden. Eine Wasserleitung liefert das nötige Druckwasser, jeder Stadtteil hat sein Röhrensystem. Schließe ich nun diesen Hahn und öffne jenen, so werden die Fabriken in diesem Stadtteil plötzlich stille stehen, in jenem aber desto intensiver arbeiten.

Das Gehirn erscheint mir nun als eine solche Stadt mit Billionen Fabriken. Jede Zelle ist eine Fabrik. Überall strömt durch die Blutkanäle Sauerstoff herbei; sein Verbrauch, seine Verbrennung ist Leben, Denken. Schließe ich diesen Hahn und öffne jenen, dann bleibt dieses Stadtviertel leblos, seine Tätigkeit hört auf. In jenem anderen Viertel aber geraten die Ganglienzellen in eine desto lebhaftere Tätigkeit …«

In diesem Augenblick wurden sie unterbrochen; sie sahen eine Menschenmenge um einen Toreingang sich sammeln und traten hinzu, um sich zu erkundigen. Ein junger Mensch, augenscheinlich ein Laufbursche, war unter einem epileptischen Anfall zusammengestürzt. Andersen bedeutete Bobbe er möge sich davon machen, damit der Anblick ihm nichts suggeriere, während er selbst Hand anlegte und den Kranken in die nächste Apotheke tragen half, wo sich zufällig ein Arzt fand. Nachdem er den jungen Menschen in den Händen eines Arztes wußte, verließ er mit Woppl den Laden. »Haben Sie beachtet, wie blau er im Gesicht war? Da haben Sie einen Beweis dafür, daß Stockungen in der Blutzirkulation mit dem epileptischen Anfall in engem Zusammenhang stehen. Solche blaue Gesichter können Sie auch auf Rubens'schen Bildern sehen, wo ein Heiliger Besessene heilt. Im Mittelalter hieß man sie Besessene, und ihre blaue Farbe war augenscheinlich die Livree des Teufels. Alles Blutlaufstörungen!«

Woppl wollte geistreich sein: »Sozusagen die Krampfadern der Seele.«

Andersen lächelte, trotzdem der Vorfall ihn tief ergriffen: »Als Laie dürfen Sie sich schon so etwas erlauben; aber daß Sie um Himmelswillen kein Medicinae universalis Doctor hört …«

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