Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Buchschmuck

III. Kapitel.
Der sprechende Kopf

Existiert diese Ente wirklich?« frug Lydia.

»Ja! Sie ist im Museum der Universität Helmstedt aufbewahrt. Sie war in die Brüche gegangen und ein gelehrter Sonderling, der Professor Beireis, versuchte, leider vergebens, das künstliche Viehzeug wieder zusammenzusetzen. Ich selbst war in Helmstedt, des Mechanismus wegen.«

»Aber,« fiel Ethel ein, »Ihr Türhüter da hat, wenn ich nicht irre, auch verschiedene Worte ausgestoßen; dies ist in vergangenen Jahrhunderten gewiß unmöglich gewesen! Wohl ein Triumph der Neuzeit? So ein sprechender Mensch, das muß doch sehr diffizil sein?«

»Im Gegenteil!« sagte der Doktor lachend. »Ich will Ihnen einen Kopf zeigen, der wie ein Papagei jedes Wort nachspricht, das man ihm vorsagt. Kommen Sie nur, bitte!« Und er ging wieder ins große Laboratorium zurück, nahm einen auf einem Postament stehenden, sehr natürlich nachgeahmten Kopf in die Hand. Die Anwesenden, aufs Äußerste gespannt, umringten ihn.

Nur die Frau Direktorin suchte in ihrem Innern jedes günstige Gefühl zu unterdrücken. Sie brummte: »Was bringt das ein?«

»Wie natürlich er aussieht!« sagte Lydia. »Diese Farbe, diese Augen!«

»Lydchen interessiert sich zu lebhaft für den ollen Schweden,« dachte Woppl ärgerlich, »man muß ihn in seinem Triumph aufhalten, sonst schnappt er mir den netten Käfer vor der Nase weg.«

Kaum hatte Lydia das Wort ausgesprochen, als der Kopf die Lippen öffnete und mit dem Klang der Mädchenstimme wiederholte: »Wie natürlich er aussieht, diese Farbe, diese Augen.«

Alle waren verblüfft, der Direktor schüttelte lebhaft seinen Kopf und rief: »Erstaunlich, erstaunlich!«

In demselben Augenblick öffnete auch der künstliche Kopf die Lippen und, mit den Augen zwinkernd, sagte er: »Erstaunlich, erstaunlich!«

»Ganz Papas Baßstimme!« rief Lydia.

»Die Augen, die Augen!« rief die Frau Direktorin.

»Es leibt und lebt.«

Der Kopf wiederholte: »Ganz Papas Baßstimme … Die Augen, die Augen! Es leibt und lebt.«

»Soll ich ihm eine ciceronische Rede vorsprechen?« frug der Doktor lächelnd.

»Bitte, bitte,« riefen die Mädchen.

Der Doktor begann Ciceros bekanntes »Quousque tandem Catilina«. ‹Er sprach nur zwei oder drei Sätze. Der Kopf wiederholte mit gleichem Pathos unter leichtem Muskelspiel der Wangen und Rollen der Augen. Sogar die Kopfhaut zog sich zusammen und verlieh den Haaren eine gewisse sprechende Beweglichkeit.

»Einfach wunderbar!« sagte der Direktor. »Das ist wohl eine der kompliziertesten Sprechmaschinen.«

»Es ist der denkbar einfachste Apparat. Wenn ich Ihnen den nenne, werden Sie über die Einfachheit der Idee lachen. Sehen Sie, in früheren Zeiten hatte man es versucht, solche sprechende Köpfe zu bauen. Damals waren unzweifelhaft komplizierte Mechanismen nötig, Heute ersetzt die Feinheit die Kompliziertheit.«

»Wie?! Sie sprechen so, als ob man ähnliche Köpfe schon einmal fabriziert hätte?«

»Ja, sehen Sie, im 13. Jahrhundert, als man noch an die Hölle samt all' ihren Großmüttern und Bratfeuern glaubte, haben Roger Bacon und Robert Grotes, der Bischof von Lincolm war, eherne Köpfe fabriziert; die konnten sprechen. Damals schrieb man den Erfindern Hexenwitz und Zauberkraft zu.«

»Und wie machen Sie das?« fragte die Frau Direktor aufs Äußerste gespannt.

»Sehr natürlich, Sie wissen doch, daß der Edisonsche Phonograph jedes Gespräch wiedergibt. Es handelte sich für mich nun darum, einen vervollkommneten Phonographen herzustellen: Aufnahme-Apparat und Abgabe-Apparat in einem vereinigt. Ein Metallplättchen, das die Tonschwingungen der Luft aufnimmt und auf einer Walze einritzt, so funktioniert mein Kopf in der einfachsten Weise.«

Die anwesenden Damen machten etwas enttäuschte Gesichter, sie hatten die wunderbarsten Geheimnisse erwartet. Der Fabrikdirektor aber schüttelte befriedigt den Kopf und sagte:

»Das Einfachste ist immer das Genialste.«

»Aber die Bewegung der Wangen, Lippen und Augen?« frug Ethel.

»Nicht einmal das ist so neu. Vaucanson gab sich Mühe, den Blutkreislauf des Menschen künstlich darzustellen. Die größte anatomische Genauigkeit sollte ihm Richtschnur sein. Er wollte Kautschuk benützen, damals ein neues Material. In Kautschuk ließ sich alles nachbilden, Anschwellen und Kontraktion der Blutgefäße, die Arbeit des Herzens, das Pulsen der Arterien. Schade, daß sein Projekt nicht zur Ausführung kam.

In diesem Kopfe, den ich Ihnen da gezeigt habe, ist die Blutbewegung allerdings nicht anatomisch richtig wiedergegeben. Es ist alles nur für den äußeren Effekt gearbeitet. Aber die Täuschung genügt vollkommen. Der Mechanismus der Wangen, Lippen und Augen steht durch einen Stift mit derselben Walze in Verbindung, von der die Töne ausgehen. Dieselben eingeritzten Linien auf der Walze, die die Klangplatte bewegen, bewirken auch das ganze Muskelspiel.«

»Glänzend, glänzend!« sagte der Direktor.

»Glänzend, glänzend!« wiederholte der mechanische Kopf, an dem der Doktor eben eine Feder gedrückt hatte.

»Sehen Sie,« sagte er, »wenn ich hier drücke, funktioniert meine Sprechmaschine.«

»Wie ein Papagei!« sagte Frau Direktor und konnte sich vor Bewunderung nicht lassen. Innerlich dachte sie wieder: »Was trägt das ein?«

Der Direktor schob mit dem Zeigefinger seine Brille über die Nasenwurzel auf und ab, wie alle Brillenträger tun, wenn sich ein Gedanke mit seiner Hummerschere an ihrer Nase festgekniffen hat. Er rief in Ekstase:

»Wunderbar, wunderbar!« und die Hände zusammenschlagend, laut und mit verzückten Mienen: »Was wird der Mensch noch schaffen! Was wird der Mensch noch erfinden?!«

Der Doktor erwiderte einfach:

»Den Menschen!«

»Den Menschen … … …??!«

Buchschmuck


 << zurück weiter >>