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Buchschmuck

IX. Kapitel.
Der Sturz

Andersen blieb also noch den Nachmittag.

Landro verlassen! Er fühlte es wie den Fall des Lucifer! Zurückzutauchen in die Niederungen der Sorge! Aus diesen sonnigen Lüften, wo seine Gefühle, mit dem Strahlenzauber um die Wette, des Glückes Goldgewebe woben. Lydia! Sonnig blond schritt sie dahin in einer blonden Sonnenwelt! Und er mußte abreisen, mußte darauf verzichten, weiter zu spinnen an den glitzernden Diamantfäden, aus denen er sich den Traumschleier eines Märchenlebens wirken wollte … Sein Entschluß stand fest. Er mußte sich noch heute erklären. Er wollte eine Gelegenheit suchen, einen lauschigen Waldwinkel, ein Wort unter vier Augen … Wird sie ja sagen? … Es war ihm so bange um ihre Antwort! …

Woppl seinerseits jagte hinter Andersen her. Er wollte wissen, was die Depesche enthielt? Was war mit Gunnar vorgefallen? Wohin reiste Andersen? Woppl war zähe; er suchte den Erfinder in allen Stuben, beim Portier, auf den Spielplätzen, konnte ihn jedoch nicht finden.

Erst beim Nachmittagskaffee trafen sie sich. Nachher wurde eine Radpartie unternommen. Woppl war von jeher passionierter Radler. Auch Holthoff schloß sich an, obwohl es ihn viele Schweißtropfen kostete, und, wie Woppl bemerkte, sein rotes Gesicht über der knallroten Kravatte wie Himbeersyrup auseinanderzufließen schien. Sobald es ein wenig bergauf ging, stieg er vorsichtig ab und führte sein Rad zärtlich an der Hand, wobei er sich die Stirne mit zahllosen bunten Seidentüchern wischte. Frau Ehrsam bewunderte sogar aufrichtig, wie Holthoff schwitzte! Gar nicht wie andere Leute! Auch das war Vornehmheit! Bei ihm war es ein Ausdruck des Überflusses. Er trug Brillanten überall, an der Hemdbrust, an den Berlockes, an den zehn Fingern, er schwitzte Brillanten. Und Lydia empfand wie ihre Mama. Sie zitterte, wenn er sprach, denn aus ihm sprachen ja Millionen. Er konnte hundert Androide aufkaufen und ebensoviele Andersen dazu. Sie war geschmeichelt, daß er mitgekommen war. Vielleicht ihretwegen? Er hielt sich auch so enge an sie; war es Zufall? War es Absicht?

Andersen schwebte hinter Lydia her. Er verlor keinen Blick, voll Entzücken über die Grazie, mit der sie zu Rade saß.

»Sehen Sie nur! Diesen harmonischen Fluß des geschmeidigen Leibes!« bemerkte er zu Woppl, der neben ihm fuhr. »Stumme Melodien!«

Woppl teilte natürlich eifrig seine Ansicht, obwohl er kühler darüber dachte.

Aber die Glut Andersens brachte auch ihn in Wärme. Er wurde eifersüchtig. Andersen und Ethel, das war sein Plan. Er wollte nicht Lydia aus der Reihe seiner eigenen »Chancen« streichen; und wenn, so gönnte er sie nur Holthoff.

»Der Schwede wird doch nicht etwa Lydia …?« Woppl wurde mißmutig.

Ethel hatte unterdes versucht vorauszufahren.

Plötzlich ertönte ein Schrei, sie war gestürzt. Sofort schossen die beiden Männer hin, auch Holthoff als der nächste trat mit Anstrengung das Pedal. In dem Augenblick aber, als Andersen heranflog, kam ihm Holthoff ungeschickterweise in den Weg, sie stießen zusammen und Andersen wurde mit Wucht vom Rade geschleudert, mit dem Kopf gegen ein freiliegendes Felsstück. Unterdeß hatte sich Ethel, die nicht erheblich verletzt war, erhoben, Woppl, der bereits abgestiegen, wollte eben Andersen etwas zurufen, als er bemerkte, daß dieser sich nicht rührte. Andersen hatte die Augen geschlossen und war offenbar bewußtlos. Woppl beugte sich über ihn und hob vorsichtig seinen Kopf etwas in die Höhe, schwere Blutstropfen rannen aus einer Wunde in der Schläfengegend. Ethel stürzte auf ihn zu, kniete und suchte eben Rat, ob sie ihn verbinden oder wie sie ihm sonst helfen könnte. Sie schrie Holthoff zu, er solle nach dem nahegelegenen Schluderbach und von dort einige Leute herbeirufen. Unterdeß hoffte man, daß sich Andersen erholen würde. Aber er lag bleich da, ohne sich zu rühren. Endlich schlug er die Augen auf; aber halb bewußtlos, und schloß sie wieder. Als er sie zum zweitenmal öffnete, suchte er eine scherzhafte Bemerkung zu machen, doch die Kräfte verließen ihn. Ethel bat ihn, nicht zu sprechen. Endlich kam auch der Portier mit einigen Führern von Schluderbach her; sie hatten notdürftig eine Tragbahre zurechtgestellt, auf dieser wurde Andersen nach Landro gebracht. Woppl, unter der Assistenz der Wirtsleute, nahm sich seiner an. Es wurde nach Toblach um einen Arzt telephoniert und unterdessen mit kühlenden Mitteln versucht, dem wieder zum Bewußtsein Gekommenen Linderung zu verschaffen.

Gegen Abend verschlimmerte sich der Zustand bedenklich. Der Arzt nahm Woppl beiseite und machte ihn darauf aufmerksam, daß man dem Kranken die ganze Nacht hindurch Eisumschläge machen müsse, er solle für einen verläßlichen Wärter sorgen. »Es tritt eine Krisis ein,« sagte er, »von der hängt alles ab. Ich komme um 11 oder 12 Uhr nachts von Toblach herauf. Ich kalkuliere, so lange wird's halten, sollte früher etwas eintreten, dann telephonieren Sie.«

So brach die Nacht herein, Andersen lag in Fieberträumen.

Eine Bäuerin hatte die Dienstleistung übernommen, Woppl wachte. Er fühlte sich langsam in seine Krankenwärterrolle hinein und nachdem er in der ersten halben Stunde Landro und Andersen verwünscht, in der zweiten sich resigniert, war er schließlich ganz Aufopferung und Eingebung, es wurde ihm ein Vergnügen, für den Kranken sorgen zu können, es keimte etwas wie von echtem Freundschaftsgefühl in ihm auf. So vergingen die Stunden. Der Kranke delirierte mehrmals, Fieberphantasien gingen ihm durch den Kopf, er sprach vom Automaten, von Lydia, von seinem Diener durcheinander. Mitternacht war vorbei und der Arzt war dagewesen, hatte aber erklärt, daß die Krisis noch nicht beendet sei. Der Arzt zog sich in sein bereitgehaltenes Hotelzimmer zurück und sagte Woppl, man möge ihn wecken, falls etwas vorfiele.

Die Wärterin hatte eine Lampe hereingebracht. Draußen war es nachtstill und gewitterschwer. Woppl begann die Stunden zu zählen. Er sah sich im Zimmer um. Auf dem Tisch lag zwischen Büchern ein Manuskript, das in auffallenden Rundschriftlettern die Aufschrift trug: Gutachten der Ärzte van Heulen und van Gräulen über den Krankheitszustand Gunnar Bobbes, geboren zu Harlem – die Jahreszahl war unleserlich – am 30. April 12 Uhr nachts.

»Das ist ja die Walpurgisnacht!« sagte Woppl lächelnd, und ein Schauer der Stille und der Wetterangst aus den elektrisch geladenen Lüften überlief ihn. – Es fiel ihm ein, daß ihm Fritjof die Krankengeschichte Gunnars versprochen hatte. Er setzte sich an den Tisch und schlug das Manuskript auf.

 

»Krankenbericht.«

»In einer stürmischen Dezembernacht des Jahres 1...80 wurde der unterzeichnete Arzt Doktor Piter van Gräulen nach der Andreas-Gracht gerufen, zur Armen-Leichenfrau Hille Keerken, wo er in einem alten holländischen Hause, über eine verfallene Treppe und eine Leiter kletternd, unterm Dachboden den besinnungslos daliegenden Kranken fand. Der auffallende Name desselben, Gunnar Bobbe, wurde dem Arzt dahin erklärt, daß Bobbe von einer Holländerin stammte, einem liederlichen, in allen verrufenen Kneipen bekannten Frauenzimmer und einem norwegischen Matrosen, der einigemale mit einem Kauffahrteischiffe aufgetaucht und dann für immer verschwunden war, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nur sein Vorname war bekannt, ›Gunnar‹, auf den das Kind nach dem Willen der Mutter getauft wurde …«

 

An dieser Stelle wurde Woppl plötzlich unterbrochen.

Stille der Nacht und Einsamkeit lag über dem ganzen Hause. Nur auf einem Stuhl neben dem Bett saß die Wärterin und machte dem Kranken Eisumschläge. Da klopfte es leis ans geschlossene Parterrefenster. Es war Ethel, frierend in einen Schal gehüllt, mit ganz verweinten Augen, die um Einlaß baten. Woppl war ganz erschrocken: Was würde Frau Ehrsam sagen? Aber Ethel machte kurzen Prozeß. Die kleine, schlanke Gestalt schwang sich auf das Fensterbrett und ganz leise hinein ins Zimmer. »Ich kann nicht schlafen, – ich vergehe vor Angst! – Und da ist es besser, ich bin hier und helfe. – Ich werde jedenfalls die Sache sorgsamer machen als die Bäuerin.« Sie flüsterten noch einige Zeit. Ethel erzählte: Das Wachen Woppls wäre ihr aufgefallen, sie hätte den Verdacht geschöpft, es stünde um Andersen schlimm. Woppl wollte sie beruhigen, sie meinte aber: »Wenn er stirbt, will ich auch sterben.« Ethel setzte sich ans Bett, Woppl, der sie gebeten, auf dem Sofa Platz zu nehmen, hatte sich schließlich selbst hingesetzt, da er vom Wachen müde war. Nach einer Viertelstunde fiel sein rechtes Auge zu, eine Sekunde später das linke. Er riß sie gewaltsam auf, suchte sich zu beherrschen, denn er schämte sich vor der kleinen Wärterin. Das machte er so drei oder viermal, bis ihm die Augen endgültig zufielen.

Auf einmal fuhr er aus dem Halbschlaf, durch laute Worte Andersens geweckt. Der Kranke phantasierte. Noch immer gingen ihm die Räderwerke des Automaten durch den Kopf. Angstrufe unterbrachen seine Worte, so oft er den Namen des Dieners nannte. Vor diesem schien er eine besondere Furcht zu empfinden, wie vor etwas Grauenvollem. Dann fiel auch vereinzelt ein Name, den Woppl noch nie gehört, und der wahrscheinlich einen Verwandten betraf: »Lars, Lars!« Als der Kranke ruhiger wurde, versank Woppl wieder in seinen leichten Schlummer.

Wie Ethel einsam in der Nacht dasaß, wurde es immer unheimlicher. Es hatten sich draußen Wolken gesammelt, und der Blitz zuckte mit furchtbarer Gewalt durch den Himmel, von einem Rollen begleitet, als ob um das Firmament, über ehernen Estrich, wuchtige Räder polterten und alle Dämonen der Apokalypse einherdonnerten. Wenigstens hatte Ethel die archaistische Empfindung, daß die Gespenster der Wut und Zerstörung auf jenen sehr primitiven Karren der alten germanischen Götterwelt durch die schreckerfüllte Atmosphäre stürmten. Ethel sah nur mit Bedauern, wie Woppl, von wiederholten Donnerschlägen geweckt, aus seinem Schlaf emporfuhr. Während sie mit dem Auflegen von Eisumschlägen beschäftigt war, gingen ihr die traurigsten Gedanken durch den Kopf. Sie sah den geliebten Mann im Fieber dilirieren. Seine Angstrufe, sein Ausdruck des Schreckens und der Schmerzen erfüllte sie ebenso mit Angst und Schmerz. Aber noch tiefer erschütterte es sie, wenn er ruhig wurde, wenn die Wahnvorstellungen des Deliriums die scheinbar harmlose Form von Spott und Humor annahmen. Er sprach dazu einzelne, abgerissene Sätze, die manchmal einen tiefen Sinn zu enthalten schienen, aber Ethel mühte sich vergeblich, sie zu enträtseln. Dann sprach er von Lydia; sie hörte auch ihren eigenen Namen nennen. Es war ihr aber nicht möglich zu enträtseln, wie und was er meinte. Er erwähnte den Namen Lydias mit Abscheu und an den ihren knüpfte sich ein Zustand der Ruhe, ja der Freudigkeit, die über sein bleiches Gesicht lief, so daß sie nur wünschte, diese Empfindung möge auch im wachen Zustande fortdauern. Sie hätte was darum gegeben, zu wissen, wie sie in diesem Traume mitlebte, in dieser Vision eines vom Fieber in seinen Tiefen aufgeregten Gemütes?

Und er wird erwachen und diese ganze Welt voll Gestalten und Ereignissen wird in nichts dahinschwinden. Diese Gestalten, die seine Phantasie auswirft als ihren innersten Gehalt! Wie Gräber beim schwefelfahlen Wetterschein des jüngsten Gerichtes ihren Inhalt auswerfen an Menschenleid und Menschenwonne, an heiligsten Hoffnungen und verworfensten Sünden, in blutigen, kummervollen Gestalten!

Er selbst aber wird am nächsten Tage, wenn man ihm von seinem Delirium schonend erzählt, mit blassem Lächeln sagen: »Natürlich, der Phantasie-Kinematograph! – Von der Fieberfeder getrieben hat meine Einbildung rastlos ihre lebenden Bilder projiziert: Wahntragödien! Spukkomödien! … Gleichgültig ob ich einverstanden oder nicht, rastlos hat mein Puppentheater neue Figuranten geboren … Die Seelenspieluhr hat ihr verborgenes Dramen-Repertoir abgewickelt, all in seiner Schreckenstiefe, seiner Qualenhölle, seinen Freudenorgien: Den Wurmjammer, das Wahnsinnslachen, das Tier und das Kind! Alle Häcksel, mit denen die Puppe »Ich« vollgestopft ist, sind widerspenstig und gespenstig worden. Und jedes Stück von Seelenklein hat seinen eigenen Taranteltanz, seine eigene Bacchanalie durchtollt, unabhängig von seinem Herrn, dem Ich … Mein ganzes Gemüt, mein ganzer Inhalt ist zur Kirmeß gegangen, zur Juchhe, hat mich bewußtseinsberaubt, seelenentleert zurückgelassen, einen hohlen Körper, gesprungene Puppenschale.« …

Und zwei Wochen später bei der Table d'hôte wird er zu Ethel, die ihm seine Fiebervisionen bedauernd erzählt, bemerken: »Ja, der Automatismus der Fieberphantasie! Eine endlos würstelnde Wurstmaschine: Sie hackt Erinnerungsklein, haschiert Bildfetzen, frikassiert Gestalten, salzt sie mit den Körnern wirrer Gedanken, sülzt sie mit Empfindungssülze, pfeffert sie mit Gefühlspaprika. Dann quetscht sie all dies hinaus, eine endlose Phantasmenwurst. –«

»Diese Phantasie wird all ihre Gespenster in sich zurückverschlingen und dieselbe dunkle Nacht, in der sich das Gemüt ausgetobt, wird die Geheimnisse meiner Seele unerbittlich wieder verschließen! Kein Mensch, kein Erzeuger der Erde wird jemals wissen, was in dieser Welt der Gedanken und Vorstellungen vorgegangen! Für mich selbst sind die Gebilde und Phantasien für ewig verloren! Vielleicht nur auf dem finstern Grunde des Unbewußten wirken sie fort, dunkle Kräfte, unerklärliche Erkenntnisse und Entschlüsse. Oder sind sie wirklich zukunftslos? Gähren sie in der Welt auf, wie Blasen auf einem Sumpfe, ewig verlorene Ereignisse, die kein Menschenbewußtsein wertet, keine Menschenhand in das allgemeine Menschenschicksal verwebt, ist die Nacht ihnen beides zugleich: Wiege und Grab? Niemand wird wissen, was ich in der Fieberhitze träumte. Niemand! Kaum ich, Andersen, selbst! Aber in meinem Geist wird sie wirksame Spuren hinterlassen, Traumsaat, die Wirklichkeiten zeitigt.«

Buchschmuck


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